Besonderheiten im Text der Heiligen Schrift – Vorbild
typos

Christian Briem

© CSV, online seit: 07.03.2006, aktualisiert: 29.09.2016

Leitvers: 1. Korinther 10,11

Das griechische Wort typos hat ursprünglich die Bedeutung von „Schlag, Hieb, Stoß, Eindruck, Abdruck“ – eben dem Ein- oder Abdruck, der durch äußere Einwirkung wie einen Schlag oder Stoß entstanden ist. Von dieser Bedeutung ausgehend, ist es zu der Bedeutung, mit der dieses Wort im Neuen Testament sehr häufig wiedergegeben wird, nicht mehr weit: „Muster, Abbild, Vorbild“. Nehmen wir zwei Beispiele, die stellvertretend für viele andere stehen und den Gebrauch dieses Wortes im Neuen Testament deutlich machen sollen:

Apg 7,44: Unsere Väter hatten die Hütte des Zeugnisses in der Wüste, wie der, welcher zu Moses redete, befahl, sie nach dem Muster zu machen, das er gesehen hatte [vgl. auch Heb 8,5; Röm 6,17].

Phil 3,17:
Seid zusammen meine Nachahmer, Brüder, und sehet hin auf die, welche also wandeln, wie ihr uns zum Vorbilde habt [vgl. auch Röm 5,14; 1Thes 1,7; 2Thes 3,9; 1Tim 4,12; Tit 2,7; 1Pet 5,3].

In all diesen Stellen hat das Wort typos entweder die Bedeutung von „Muster“ oder „Bild“ in einem buchstäblichen oder die Bedeutung von „Vorbild“ in einem übertragenen Sinn. Bei der zweiten, sittlichen Bedeutung wird uns jemand in seinem Verhalten als Vorbild vorgestellt und zur Nachahmung empfohlen. Ob also buchstäblich das Muster oder Abbild einer Sache gemeint ist, oder ob eine Person als Vorbild für unser sittliches Verhalten vorgestellt wird, stets wird dafür im griechischen Neuen Testament das Wort typos gebraucht.

Nun ist uns der Gedanke, dass uns eine Persönlichkeit des Alten oder des Neuen Testaments als Vorbild für unser eigenes Verhalten gezeigt und zur Nachahmung empfohlen wird, sicher geläufig und bedarf kaum weiterer Erklärung. Aber dass auch die geschichtlichen Begebenheiten des Alten Testaments in einem ganz anderen Sinn „Vorbilder“ sind, macht uns ein Vers im Neuen Testament klar.

Dort kommt der interessante Ausdruck „als Vorbild“ vor. Damit wird, wie der Zusammenhang zeigt, offenbar ein anderer Gedanke ausgedrückt als in den bisher genannten Stellen. Dieser Vers ist für das Verständnis der Vorbilder des Alten Testaments von erheblicher Bedeutung:

1Kor 10,11: Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung.

Im Grundtext steht hier nicht das Hauptwort typos, wie in den anderen Stellen, sondern ein von typos abgeleitetes Adverb (Umstandswort), typikos, was so viel wie „bildlich, vorbildlich, typologisch“ bedeutet. Was den Israeliten widerfuhr, widerfuhr ihnen in einem vorbildlichen, typologischen Sinn. Gott ließ die verschiedenen Ereignisse und Geschehnisse auf sie kommen, nicht nur, damit sie uns zum sittlichen Vorbild dienten, sondern um uns heute durch sie auf bildliche Weise Belehrungen über Grundsätze und Wahrheiten zu geben, die oft erst im Neuen Testament ihre eigentliche Entfaltung und Erfüllung fanden. Dabei ist auch die Reihenfolge der Ereignisse so vom Heiligen Geist angeordnet, dass sie uns zur Unterweisung in neutestamentlichen Wahrheiten dienen können.

Von dieser typologischen Bedeutung der Geschichte Israels war den Schreibern des Alten Testaments sicherlich nichts bekannt. Wir dagegen dürfen sie heute durch den Heiligen Geist ein wenig verstehen. Wer sähe zum Beispiel nicht, dass die Geschichte des Königs David ein treffliches prophetisches Bild von dem leidenden und auch Krieg führenden Christus abgibt, während die Geschichte seines großen Sohnes Salomo in vielen Einzelheiten das herrliche Friedensreich Christi vorbildet? Und kann es eine eindrucksvollere und genauere Schilderung dessen geben, was Erlösung im Neuen Testament ist, als der Auszug der Kinder Israel aus Ägypten und ihr Hindurchziehen durch das Rote Meer? So wird auch der Grundsatz der Gnade in der Geschichte Israels ebenso ans Licht gebracht wie der Grundsatz des Gesetzes. Wie außerordentlich aufschlussreich werden uns die auf den Blättern des Alten Testaments geschilderten Ereignisse, wenn wir sie in dem Licht unseres Verses aus 1. Korinther 10 sehen und verstehen lernen! Und wie sollten wir Gott dankbar sein für dieses wunderbare „Lektionsbuch“, das Er uns im Alten Testament gegeben hat! Denn manche christliche Wahrheit lernen wir erst im typologischen Licht des Alten Testaments so richtig verstehen und schätzen.

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Aus Ermunterung und Ermahnung
Dieser Artikel und viele andere sind auch erschienen in dem Buch Antworten auf Fragen zu biblischen Themen
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