Gibt es mehr als ein einziges Evangelium?
Matthäus 24,14; Apostelgeschichte 20,24; 1. Timotheus 1,11; Offenbarung 14,6.7

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© SoundWords, online seit: 24.03.2010, aktualisiert: 25.01.2018

Leitverse: Matthäus 24,14; Apostelgeschichte 20,24; 1Timotheus 1,11; Offenbarung 14,6.7

Frage: Wurden und werden zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Evangelien verkündet, das heißt, gibt es Unterschiede in den Inhalten der verkündigten Botschaften?

Antwort: Die Schrift verbindet mit dem Wort „Evangelium“ unübersehbar verschiedene Aspekte. Je nachdem mit welchem Zusatz das Wort „Evangelium“ gebraucht wird, werden unterschiedliche Aspekte der Evangeliumsbotschaft betont. Hier lediglich von einer Zwei-Evangelien-Lehre[1] zu sprechen, ist viel zu kurz gegriffen. Denn man könnte nicht nur das „Evangelium des Reiches“ (Mt 24,14) von dem „Evangelium der Gnade Gottes“ (Apg 20,24) unterscheiden, sondern auch das „Evangelium der Herrlichkeit des Christus“ (2Kor 4,4), das „Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“ (1Tim 1,11) , das „Evangelium des Friedens“ (Eph 6,15) oder das „ewige Evangelium“ (Off 14,6.7). Darüber hinaus spricht die Schrift noch von dem „Evangelium Gottes“ (Röm 1,1-4), dem „Evangelium des Christus“ (Phil 1,27) sowie dem „Evangelium der Vorhaut“ und dem „Evangelium der Beschneidung“ (Gal 2,7). In einem Punkt stimmen diese „Evangelien“ alle überein: Sie sind die gute Botschaft über eine ganz bestimmte Seite der Offenbarung Gottes.

Wenn Gott uns eine gute Botschaft mitteilt, dann müssen wir uns den unmittelbaren Zusammenhang ansehen, in dem dieses Evangelium genannt wird, und jeweils nach dem Empfänger fragen. Bereits dem Volk Israel in der Wüste war ein Evangelium, eine gute Botschaft (griech. euaggelion) verkündigt worden: In Hebräer 4,2 wird die Absicht Gottes, Israel aus Ägypten zu befreien und sie „in die Ruhe“ nach Kanaan zu bringen, „gute Botschaft“ genannt. Der Herr Jesus verkündete zu Beginn seines Dienstes „das Evangelium des Reiches“ (Mt 4,23). Der Zusammenhang mit Vers 17 desselben Kapitels zeigt, dass dies geschah, indem Er dieses Reich als „nahe gekommen“ predigte (Mt 4,17). Diese Botschaft richtete sich zweifellos an die Juden, denn sie erwarteten ein Reich des Friedens auf der Erde, und zu ihnen war der Herr gesandt (Mt 15,24).

Diese beiden Beispiele zeigen, dass wir nicht jedes Evangelium unmittelbar auf uns Christen beziehen dürfen und dass „Evangelium“ nicht notwendigerweise etwas spezifisch Christliches ist. Deshalb sollte es nicht verwundern, dass das „Evangelium des Reiches“ in Matthäus 24,14 nicht für uns Christen bestimmt ist. Denn der Zusammenhang verdeutlicht, dass die Juden angesprochen sind. In diesen Versen geht es um die Vollendung des Zeitalters und um die Zeit kurz vor dem sichtbaren Wiederkommen des Herrn auf die Erde: Wiederum ist die Zeit „nahe gekommen“, das Reich öffentlich aufzurichten, da der König im Begriff steht, zu seinem Volk zurückzukehren. [Im Buch Der vergessene Reichtum weisen wir unter § 18 und § 17.4.1.3 nach, dass wir im Zusammenhang mit der 70. Jahrwoche bei dieser guten Botschaft an das jüdische Volk denken müssen.]

Mit der Steinigung des Stephanus hatte Israel die Gelegenheit verwirkt, dass das Reich hätte aufgerichtet werden können (siehe Buch § 3.7). Nun konnte das Evangelium des Reiches in dieser Form nicht mehr verkündet werden. Paulus sprach wohl über das „Reich“ (Apg 14,22; 19,8; 20,25; 28,23.31), doch wir lesen nicht, dass er das „Evangelium des Reiches“ verkündigt hätte; im Zusammenhang mit dem Wort „Reich“ benutzt der Heilige Geist bei Paulus das Wort „Evangelium“ nicht. Dennoch wurden „die Dinge des Reiches Gottes“ weiter verkündigt (Apg 19,8), insbesondere in seiner geheimnisvollen Form (siehe Buch § 3 und § 17.5): Unser Herr hat ein unsichtbares Reich hier auf der Erde, wo Er Gehorsam seinem Wort gegenüber erwartet und das einen kostbaren Schatz für Ihn beinhaltet. Auch wir predigen heute Dinge, die das Reich in seinem moralischen Aspekt betreffen, wo „Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ gefunden werden (Röm 14,17).

Als Philippus nach der Steinigung des Stephanus evangelisierte (Apg 8,12), finden wir im Griechischen nicht denselben Ausdruck für „das Evangelium des Reiches“ wie in Matthäus 4,23, sondern hier steht die Verbform „er-verkündigte-gute-Botschaft“, gefolgt von demselben Ausdruck peri tes basileias tou theou, den Paulus in Apostelgeschichte 19,8 verwendet (dort mit „von den Dingen des Reiches Gottes“ übersetzt).

Wenn wir dagegen von dem „Evangelium der Herrlichkeit des Christus“ lesen (2Kor 4,4), dann denkt der Heilige Geist offensichtlich nicht an die gute Botschaft über ein Reich auf der Erde. Vielmehr ist es die gute Botschaft, dass Christus jetzt hoch erhoben zur Rechten Gottes sitzt und Er mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt ist. Dennoch ist in gewisser Weise in diesem „Evangelium der Herrlichkeit“ auch das „Evangelium des Reiches“ inbegriffen, denn auch wenn Christus sein Reich noch nicht sichtbar auf der Erde empfangen hat und noch nicht „auf seinem Thron der Herrlichkeit“ auf der Erde sitzt (Mt 25,31), so sitzt Er jetzt doch zur Rechten Gottes auf dem Thron seines Vaters (Off 3,21). Er hat als der außer Landes gereiste Herr ein Reich empfangen (vgl. Mt 25,15), das Er abwesend vom Himmel her regiert; in Matthäus 13,11 nennt der Herr Jesus dieses Reich ein Geheimnis. Das Besondere daran ist, dass wir zu diesem verborgenen, geheimnisvollen Reich Gottes hier auf der Erde gehören und zugleich mit Christus in seiner Herrlichkeit in himmlischen Örtern verbunden sind (Eph 2,6).

Wie groß ist auch der Unterschied zwischen dem „Evangelium der Herrlichkeit des Christus“ (2Kor 4,4) bzw. dem „Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“ (1Tim 1,11) und dem „ewigen Evangelium“ (Off 14,6.7)! Das Erstere hat die Verherrlichung des Herrn bzw. Gottes im Blick, und zwar in ihrer vollen Tragweite, wie sie nach dem vollbrachten Werk am Kreuz möglich wurde. Während der Drangsal verkünden Engel das „ewige Evangelium“. Darin geht es nur noch darum, Gott als Schöpfer anzuerkennen.

Der Apostel Paulus macht deutlich, wie weit sich das Evangelium, das er verkündigte, von dem Evangelium der zwölf Apostel unterschied. Er nennt das Evangelium, das er durch Offenbarung empfangen hatte, „mein Evangelium“ (Röm 16,25; siehe Buch § 4.2) und „meine Lehre“ (2Tim 3,10) und legt das Evangelium, das er „unter den Nationen“ predigte (Gal 2,2), sogar den anderen Aposteln vor. In dieser Hinsicht davon zu sprechen, Paulus und die Apostel hätten ein und dasselbe Evangelium verkündigt – obwohl die Grundlage von 1. Korinther 15,1-5 sicher identisch war –, wäre unbedacht und hieße die Unterschiede zwischen den Inhalten der Botschaften völlig aus dem Auge zu verlieren. Das Evangelium des Paulus schließt alle anderen Evangelien ein. Insofern konnte Paulus auch schreiben: „Aber wenn auch wir oder ein Engel aus dem Himmel euch etwas als Evangelium verkündigte außer dem, was wir euch als Evangelium verkündigt haben: Er sei verflucht!“ (Gal 1,8).

Die Tatsache, dass jeweils unterschiedliche Aspekte des Evangeliums betont werden, darf aber nicht dazu führen, sie zu stark voneinander zu trennen. In jeder Form bringt das Evangelium Segen für diejenigen, an die es gerichtet ist, wenn sie darauf achten. Wenn wir heute das Evangelium verkündigen, so wie es der Apostel Paulus empfangen hatte, wollen wir dabei nicht vergessen, dass Paulus nicht nur das Evangelium der Gnade Gottes und das Evangelium der Herrlichkeit des Christus predigte, sondern auch das Reich Gottes (Apg 20,25), in dem Christus der Herr ist (Apg 28,31). Solche allerdings, die bereits heutzutage mit Absicht das „ewige Evangelium“ verkündigen, bringen aufgrund ihres fehlenden Verständnisses der dispensationalen Wahrheit leider ein sehr verkürztes Evangelium.

Das „Evangelium“ nur auf die Bedeutung einzuschränken, es sei lediglich die gute Botschaft davon, wie man der Hölle entgehen kann, bedeutet, die anderen Inhalte der guten Botschaft Gottes aus den Augen zu verlieren. Die Botschaft des Evangeliums umfasst weit mehr, und der Heilige Geist gebraucht, wie oben gesehen, verschiedene Ausdrücke, um bestimmte Aspekte dieser Botschaft besonders hervorzuheben.

 

Anmerkungen


Auszug aus dem Buch Der vergessene Reichtum von D. Schürmann | S. Isenberg
Kapitel 22.27: „Fragenbeantwortung: Gibt es mehr als ein einziges Evangelium?“, S. 694–697
(Die Hinweise auf bestimmte Kapitel in diesem Artikel beziehen sich jeweils auf das Buch.)

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