Petrus und der Blick des Herrn
Lukas 22,61.62

Walter Thomas Turpin

© SoundWords, online seit: 05.08.2018, aktualisiert: 09.08.2018

Leitverse: Lukas 22,60.61

Lk 22,60.61: Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und sogleich, während er noch redete, krähte der Hahn. Und der Herr wandte sich um und blickte Petrus an; und Petrus erinnerte sich an das Wort des Herrn, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

In diesem ernsten und ergreifenden Teil der Geschichte des Petrus finden wir, wie der Herr auf das Herz und auf das Gewissen des Petrus wirkte, denn bei jeder wahren Wiederherstellung ist Er in diesen beiden Beziehungen tätig. Es ist gesegnet, seine vollkommenen Wege der Gnade mit den Seinen sorgfältig zu beachten. Die Wurzel des Falles des Petrus war Selbstvertrauen, aber von welcher Art war dieses Selbstvertrauen? Ich glaube nicht, dass es jene im Allgemeinen hohe Meinung von sich selbst war, die man leider so oft unter den Gläubigen und selbst unter Dienern des Herrn findet. Sein Selbstvertrauen war von einer andern und noch listigeren Art. Der Herr hatte wirklich die Zuneigungen des Petrus gewonnen, so dass Petrus in der Tat und Wahrheit seinen Meister liebte, wenn auch vielleicht noch auf eine natürliche Weise. Darin liegt auch die ernsteste Seite seines Falls: Er verleugnete den, an dem sein Herz am meisten hing. Welch ein Bild des Menschen ist dies, ja soll ich nicht sagen: Welch ein Bild von uns allen?

Die Wurzel der Verleugnung Christi durch Petrus war das Vertrauen, das er in seine eigene Liebe zum Herrn hatte. Dies wird aus dem Benehmen des Herrn in Johannes 21 deutlich, als Er Petrus völlig wiederherstellte. „Simon, Sohn Jonas, liebst du mich mehr als diese?“ Diese Frage berührte das innerste Wesen seiner Sünde. Der Herr hatte den Jüngern vor der Stunde der Prüfung gesagt, dass die Sichtungszeit kommen werde, ja Er hatte ihnen sogar kundgetan, dass Satan sie alle in seine Hände bekommen wolle, aber dass Er für Petrus besonders gebetet habe: „Ich habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht aufhöre“ (Lk 22,31.32). Petrus war durch solche Worte durchaus nicht aufmerksam und misstrauisch gegen sich selbst gemacht worden und offenbart die Torheit seines Herzens in der Antwort: „Herr, mit dir bin ich bereit, auch ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“ (Lk 22,33); worauf der Herr ihm sagt, was wirklich geschehen würde. Aber alles war bei Petrus vergeblich; er liebte seinen Herrn aufrichtig und von Herzen; er vertraute völlig auf diese Liebe; andere mochten den Herrn verleugnen oder verlassen, er würde es nie tun; nein, eher würde er mit Ihm sterben, als Ihn zu verleugnen. Wie seltsam es auch scheint: Gerade hierin lag die Macht Satans über den armen Jünger; die Macht des Feindes lag in der Tatsache, dass der Diener seinen Meister liebte und darauf baute. Dies war Petrus’ Zuversicht, sein Schutz und Halt, als ihm die Stunde der Versuchung angekündigt wurde. Seine so wahre und hingebende Liebe würde, so glaubte er, den heftigsten Anlauf des Feindes im heißesten Kampf aushalten können.

Petrus war aber nicht nur voll Vertrauen auf seine Liebe zum Herrn, sondern er war auch ungestüm, und Satan wirkte auch dadurch. In beidem fand er Anlass und Gelegenheit für seinen Angriff. Es mag auch von Nutzen für uns sein, die Schritte zu beachten, die Petrus zum Fall führten. Wir werden sehen, wie verblendet er durch die Zuversicht auf seine Liebe zu Christus war, denn jede Stufe abwärts hätte ihm die Augen öffnen können, wenn er ein Ohr für die warnende Stimme gehabt hätte:

  1. Der erste Schritt ist in Lukas 22,46 aufgezeichnet; vergleiche damit Markus 14,37: „Simon, schläfst du?“ Welche Worte von den Lippen Jesu inmitten seiner Todesangst und seines blutigen Schweißes! Wie viel enthalten sie, aber leider waren sie vergeblich gesprochen.

  2. Den nächsten Schritt finden wir in Lukas 22,54: „Petrus aber folgte von weitem.“ Nachdem er während des Ringens seines Meister geschlafen hatte, verließ er den Herrn, indem er mit den anderen Jüngern floh, und wir finden ihn nun „von weitem“ nachfolgend. Ist das nun die Stärke seiner gerühmten Liebe, die dem Herrn versprach, Ihm in Gefängnis und Tod zu folgen? Wie deckt doch das Wort Gottes uns selbst auf!

  3. Dann lesen wir, wie Petrus am Feuer unter den Feinden Jesu saß: „Als sie aber mitten im Hof ein Feuer angezündet und sich zusammengesetzt hatten, setzte sich Petrus mitten unter sie“ (Lk 22,55). Petrus ist „weit“ von seines Meisters Seite und wärmt sich „mitten unter denen“, die Ihn hassten und verwarfen. Ist dies nicht leider bei vielen Gläubigen heutzutage der Fall?

In Verbindung damit möchte ich noch einen anderen Gedanken ernstlich auf die Herzen und Gewissen meiner Leser legen: Wie schnell macht eine solche Stellung uns doch mit dem vertraut, was von der Welt ist. Die Gedanken, die Gewohnheiten, die Sprache dieser Welt werden uns bald natürlich und geläufig; wir fühlen uns nicht fremd, nicht außerhalb unseres wahren Elementes, sondern wir gewöhnen uns bald an diese Luft. Wenn wir aber einmal in dieser falschen Stellung sind und wenn unser Auge von Christus abgewandt ist, kann uns eine unbedeutende Sache dahin führen, dass wir den Herrn völlig verleugnen. Bei Petrus war es der bloße Hohn einer Magd, die Aussage eines Mannes und deren Bekräftigung durch einen anderen, was ihn zu der völligen, wiederholten Verleugnung führte: „Mensch, ich weiß nicht, was du sagst!“ Dann geschah das Zeichen, das der Herr vorhergesagt hatte: „Und sogleich, während er noch redete, krähte der Hahn“ (Lk 22,60). Dies endlich weckte sein Gewissen auf, indem es Petrus an „das Wort des Herrn“ erinnerte. Das Vertrauen auf seine Liebe zu Jesus hatte Petrus so verblendet, dass er die Worte des Herrn, die ihn vor dem kommenden Sturm warnten, nicht nur unbeachtet ließ, sondern ihnen sogar widersprach. Aber wie wohl wusste doch die Liebe Christi diese Worte ihm erneut aufs Gewissen zu legen. Wie oft ist es so mit uns, dass wir die Warnungen des Herrn vergessen, bis Er selbst sie – vielleicht durch ein einfaches Mittel wir hier – wieder an unsere Gewissen schlagen lässt.

Wir haben aber hier noch einen andern Ausdruck der tiefen, zarten Sorge Jesu um seinen armen Jünger – den Blick des Herrn: „Und der Herr wandte sich um und blickte Petrus an“ (Lk 22,61). Wie überwältigend ist diese wunderbare, unveränderliche Liebe, die uns nie aufgibt! Nach all seiner kaum durchgemachten Todesangst und als der Gegenstand von Judas herzlosem Verrat in den rohen Händen seiner Feinde kann der Herr dennoch seines irrenden Jüngers gedenken. Welch ein Trost liegt hier auch für uns! Dieser Blick Jesu hatte eine doppelte Wirkung: Er brach das Herz des Petrus, aber er führte ihn zu seinem Herrn zurück, obgleich mit bitteren Tränen: „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“ (Lk 22,62). Die Gnade und Zärtlichkeit dieses Blickes öffnete die Quellen seines Herzens. Das Wort des Herrn, an das er erinnert wurde, weckte sein Gewissen auf, aber der Blick des Herrn wirkte auf sein Herz. Sowohl Trost als auch Schmerz lagen darin, denn Petrus lebte von diesem Blick, bis er seinen Herrn in Auferstehung wiedersah. Dieses Angesicht, das so verderbt war wie keines Menschen Angesicht, und dieser Blick waren in seine Erinnerung gegraben und bewahrten ihn bis zu jenem herrlichen Morgen, als Jesus triumphierend auferstand und Petrus zuerst von den Zwölfen und allein erschien (Lk 24,34; 1Kor 15,5).

So sind die wunderbaren Wege der Gnade und unveränderlichen Güte des Herrn gegen uns. Möge das Vertrauen zu Ihm sich in unseren Herzen vertiefen, während wir alle Meinung von unserer sogenannten Liebe aufgeben, um in seiner Liebe zu ruhen, der die Seinen nie vergisst noch ihrer müde ist.


Originaltitel: „Der Blick des Herrn“
aus Worte der Ermahnung und Ermunterung, Jg. 3, 1884, S. 121­–126;
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