Wohin soll ich denn gehen?
Welcher kirchliche Weg ist der richtige?

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 11.09.2020, aktualisiert: 13.09.2020

Nachdem jemand festgestellt hat, dass er sich in einer christlichen Gemeinschaft befindet, in der es sehr viele Ordnungen gibt, die von Menschen erdacht sind, und er sich von dieser Gemeinschaft getrennt hat, fragt er sich vielleicht: „Wohin soll ich denn gehen?“

Wenn wir uns all die Namen und Spaltungen in der zerrütteten Christenheit anschauen, ist das tatsächlich eine verwirrende Frage. Doch wir antworten, ohne zu zögern: Wende dich an „Gott und das Wort seiner Gnade“ (Apg 20,32)! Wir müssen Gottes Gedanken in seinem Wort suchen. Wenn sich alle darin einig sind, dass das Wort Gottes der Leitfaden für den Christen ist, dann müssen wir in sein Wort schauen, um die schriftgemäße Ordnung für christliche Gemeinschaft zu finden, in der wir nach seinem Willen sein sollen. Wir fragen daher: „In welche Kirche soll ich nach dem Wort Gottes eintreten?“ Nun, in überhaupt keine, denn das Wort Gottes spricht nicht davon, irgendeiner Kirche beizutreten! Die Antwort ist also eindeutig: „Ich kann überhaupt keiner konfessionellen Kirche angehören, denn damit würde ich mich in eine Stellung, an einen Platz versetzen, wohin das Wort Gottes mich nicht versetzt hat!“

Das Vorbild der apostolischen Kirche

Wenn wir uns Gott und dem Wort seiner Gnade zuwenden, stellen wir fest, dass Er uns in dieser Frage nicht ohne Licht gelassen hat: „Den Aufrichtigen geht Licht auf in der Finsternis“ (Ps 112,4; 119,105.130). Wenn wir hier wirklich aufrichtig sind, wird Er uns recht leiten. Sein Wort sagt: „Dies ist die Liebe, dass wir nach seinen Geboten wandeln. Dies ist das Gebot, wie ihr von Anfang an gehört habt, dass ihr darin wandeln sollt“ (2Joh 6). Das ist ein wichtiger Grundsatz, der uns in dieser Sache leiten muss. Er weist darauf hin, dass wir an einem Tag des Niedergangs und der Verwirrung, wenn böse Lehren und Praktiken im christlichen Zeugnis allgemein verbreitet sind (denn das ist der Zusammenhang des zweiten Briefes von Johannes, siehe 2Joh 7-11), zu dem zurückkehren müssen, was „von Anfang an“ war: zu den ersten Grundsätzen des Christentums. Wir müssen zum Wort Gottes gehen und sehen, wie sich die Kirche in den Tagen der Apostel zum Gottesdienst und zum Dienst [am Wort] traf, und das muss unser Vorbild sein.

Die Kirche finden wir nicht im Alten Testament

Wenn wir in das Wort Gottes schauen, um die Ordnung und Aufgabe der Kirche zu studieren, müssen wir ins Neue Testament schauen und insbesondere in die Briefe. Hier wird die Wahrheit der Kirche entfaltet.

Einer der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis dessen, was die Kirche ist, ist die Erkenntnis, dass sie nicht Teil der alttestamentlichen Offenbarung ist. Christus und seine Gemeinde ist Gottes großes Geheimnis (vgl. Eph 5,32). Ein Geheimnis im biblischen Sinne bedeutet nicht etwas, was geheimnisvoll und schwer zu verstehen ist, sondern ein Geheimnis, das Gott verborgen hat, schon bevor die Erde erschaffen wurde (Röm 16,25). Und nun, da das Geheimnis offenbart worden ist, ist es nicht etwas, was schwer zu verstehen wäre. Das große Geheimnis von Gottes ewigem Plan ist folgendes: Wenn Israel seinen Messias (den Herrn Jesus Christus) ablehnt und deshalb in den Regierungswegen Gottes für eine bestimmte Zeit beiseitegestellt wird, wird der Heilige Geist durch das Evangelium aus allen Nationen gläubige Juden und Heiden versammeln, um eine himmlische Gesellschaft von Heiligen zu bilden, die mit Christus als sein Leib und seine Braut vereint ist; und am Tag der öffentlichen Offenbarung Christi wird die Braut einen Platz in Verbindung mit Ihm haben. Das ist etwas, was im Herzen Gottes verborgen und im Alten Testament nicht offenbart war (vgl. Eph 3,9). Die Menschen in anderen Zeitaltern wussten nichts davon, denn dieses Geheimnis begann erst am Pfingsttag (vgl. Mt 16,18: „ich werde bauen“; Apg 2,1-3.47; 11,15). Dieses Geheimnis wurde also erst in neutestamentlicher Zeit durch den besonderen Dienst des Apostels Paulus bekanntgemacht (vgl. Eph 3,2-5.9; Kol 1,24-27).

Das Geheimnis ist nicht Christus in seiner Person, noch ist es sein vollkommenes Leben in dieser Welt als Mensch, noch ist es sein Tod und seine Auferstehung, noch ist es sein Kommen, um über diese Welt in Macht und Herrlichkeit zu herrschen. Über alle diese Dinge haben die Schriften des Alten Testamentes gesprochen. Das wunderbare Geheimnis, das jetzt enthüllt ist, besteht darin, dass Christus an dem zukünftigen Tag, wenn Er öffentlich über die Welt herrschen wird, eine Ergänzung (die Gemeinde – sein Leib und seine Braut) an seiner Seite haben wird! Vom Pfingsttag bis zum Kommen Christi (zur Entrückung) ruft Gott durch das Evangelium Menschen aus allen Nationen dazu auf, an diesem wunderbaren Vorrecht teilzuhaben (vgl. Apg 15,14).

Da die Wahrheit der Kirche nicht Gegenstand des Alten Testamentes ist, wenden wir uns nicht dorthin, um zu erfahren, wie die Gemeinde Gottesdienst feiern und verwaltungsmäßig tätig sein soll, denn sie ist im AT nicht zu finden! Das ist ein äußerst wichtiger Punkt. Es ist etwas, was die großen Kirchen und auch die Freikirchen und freikirchlichen Gemeinschaften missverstanden haben.

Das Alte Testament enthält Vorbilder für uns Christen

Wir sagen nicht, dass Christen das Alte Testament nicht lesen sollten. Genau das Gegenteil, denn „alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit“ (2Tim 3,16). Das Neue Testament macht deutlich, dass „alles, was zuvor geschrieben worden ist, zu unserer Belehrung geschrieben ist, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben“ (Röm 15,4). Das zeigt: Auch wenn das Alte Testament nicht an uns als Christen geschrieben worden ist, so ist es doch für uns geschrieben worden. Aber es ist äußerst wichtig, dass wir verstehen, wie wir das Alte Testament lesen sollen: Abgesehen von moralischen Fragen (denn sie ändern sich bei Gott nie) soll der Christ das Alte Testament als Typus und Abbilder lesen und anwenden. Die Dinge, die in den Schriften des Alten Testamentes festgehalten sind, sind jetzt Vorbilder und Illustrationen für uns als Christen (vgl. 1Kor 10,11; Heb 8,5; 9,9.23.24; 10,1; 11,19; 1Kor 9,9.10; Gal 4,24; Röm 4,23; 5,14; Joh 5,39; Lk 24,27.44). Wir erhalten Belehrungen aus dem Alten Testament, indem wir die darin zugrunde liegenden Grundsätze kennenlernen.

Judentum ist kein Muster für christliche Anbetung

Dessen ungeachtet haben die von Menschen gemachten Kirchen in der Christenheit die klare Lehre der Schrift ignoriert, die besagt, dass die Stiftshütte ein Abbild des wahren Heiligtums ist, zu dem wir jetzt durch den Geist Zugang haben (vgl. Heb 9,8.9.23.24). Stattdessen haben sie die Stiftshütte als ein Muster für ihre Kirchengebäude benutzt! Sie haben für ihre Gotteshäuser und Gottesdienste in buchstäblichem Sinne viele Dinge aus dem Alten Testament entlehnt. Dabei hat man die wahre Bedeutung dessen, was diese Dinge bildlich bedeuten, aus den Augen verloren. In der Christenheit sind prachtvolle Gebäude und Kathedralen nach dem Vorbild des alttestamentlichen Tempels errichtet worden. Oft werden diese Gebäude in Anlehnung an das alttestamentliche Judentum sogar „Tempel“ oder „Stiftshütte [bzw. engl. tabernacle]“ genannt. Einige Konfessionen sind so weit gegangen, dass sie einen Bereich ihres Gebäudes als heiliger bezeichnen als den Rest, und nennen ihn „das Heiligtum“, so wie es ein Heiligtum in der alttestamentlichen Stiftshütte gab. All das zeigt, dass die Christen seit langem den Blick verloren haben für die Tatsache, dass das Haus Gottes heute „ein geistliches Haus“ ist, das aus erlösten Personen besteht (vgl. 1Kor 3,9; Eph 2,19-22; Heb 3,6; 1Pet 2,5), und nicht eine materielle, buchstäbliche Sache.

Darüber hinaus haben sie auch eine besondere Personengruppe (den Klerus) eingerichtet, die sich von den Laien (dem Volk) unterscheidet und die Gottesdienste für das Volk durchführt. In gleicher Weise war die aaronitische Priesterschaft vom Rest der Israeliten abgesondert, um im Heiligtum zu dienen. Auch sie haben Orchester und Chöre, die David und Salomo für ihren jüdischen Gottesdienst im Tempel arrangiert hatten. Wo kommt das alles her? Ist das christliche Anbetung? Gibt es irgendeine Autorität aus der Heiligen Schrift, die die Kirche dazu befugt, das zu tun? Wir könnten mehr als zwei Dutzend Dinge aufzählen, die die christlichen Konfessionen praktizieren und die im buchstäblichen Sinne vom Judentum übernommen wurden. Es stimmt, dass man diese Dinge etwas verändert hat, um sie in ihre Vorstellung vom Christentum einzupassen, aber dennoch haben diese Dinge alle Merkmale des Judentums.

Kirchengebäude – eine Hilfe oder ein Hindernis für das Evangelium?

Die Allgemeinheit hat sich so sehr an Kirchengebäude und Kathedralen gewöhnt, dass sie glaubt, das sei Gottes Ideal. In den Augen der meisten Menschen sind sie ein Synonym für das Christentum. Aber im Neuen Testament wird nicht einmal angedeutet, dass dies Gottes Wille für die Kirche/Versammlung ist. Es gibt mindestens fünf Gründe, warum diese Gebäude, die mit dem Christentum verbunden sind, das Evangelium eher behindern, als es zu fördern:

  1. Sie sind unbiblisch. Wie wir bereits gezeigt haben, gibt es für solche Gebäude im Neuen Testament einfach keine Grundlage.

  2. Sie senden eine falsche Botschaft an die Welt. Die Menschen könnten durchaus dazu verleitet werden, anzunehmen, das Christentum sei eine Fortsetzung des Judentums, nur mit einigen neuen christlichen Veränderungen. Sie könnten fälschlicherweise schlussfolgern, Gott wohne in „Tempeln, die mit Händen gemacht sind“, und könne nur dort angebetet werden (Apg 17,24.25). Daher kommt die falsche Vorstellung, man müsse in ein „Kirchengebäude“ gehen, um zu beten und Gott nahe zu sein.

  3. Sie sind nicht wirtschaftlich. Es ist einfach keine gute Verwendung von Geld, wenn man so viel Wert auf prunkvolle Gebäude legt, während Millionen von Menschen auf der ganzen Welt geistliche und materielle Not leiden. Der größte Teil der Gelder, die die Kirche in ihren Kollekten erhält, sollte für die Unterstützung des Evangeliums und die Verbreitung der Wahrheit und nicht für die Finanzierung moderner Bauprogramme und kirchlicher Dachorganisationen verwendet werden. Die hohen Kapital- und Zinszahlungen veranlassen die Kirchenleitungen dazu, noch mehr großzügige Spenden zu fordern, damit das Gebäude und sein Unterhalt finanziert werden können. Die Menschen könnten dazu verleitet werden, zu denken, Gott sei nur an Geld interessiert. Da wöchentlich Tausende von Spendengeldern eingenommen werden, scheint es, dass die Kirche nicht so sehr ein Problem mit dem Geben hat, sondern eher damit, die empfangenen Gelder richtig zu verteilen. Hudson Taylor sagte: „Das Problem der Kirche sind nicht unzureichende Mittel, sondern nicht gottgeweihte Gelder!“

  4. Sie sind heuchlerisch. Wenn wir einerseits riesige Gebäude bauen und dann andererseits den Menschen in der Welt sagen, dass wir sie lieben und zutiefst an ihren Seelen interessiert sind, dann ist das keine sehr überzeugende Botschaft. Wenn sich die Kirche so sehr für die bedürftigen Menschen dieser Welt interessiert, warum opfert sie dann nicht ein wenig von ihrem prunkvollen Glanz? Indem sie solche Dinge baut, zeigt die Kirche, dass sie sich mehr um ihren eigenen Ruhm und Wohlstand kümmert als um Menschen in Not.

  5. Sie sind abschreckend. Es ist schwierig, Menschen dazu zu bewegen, an Zusammenkünften in prunkvollen Kirchengebäuden teilzunehmen. Imposante Gebäude wirken eher abschreckend als anziehend auf Menschen, die bisher kaum oder gar nicht mit dem Christentum in Berührung gekommen sind. Das Ganze ist für sie in der Regel abstoßend. (Menschen in der Welt haben manchmal ein besseres Gespür dafür, was dem Christentum angemessen ist, als Christen! – Lk 16,8) Besonders junge Menschen lehnen Formalismus ab. Manche befürchten auch, dass sie nur des Geldes wegen „angeworben“ werden. Doch viele dieser Menschen sind bereit, an einem Bibelgesprächskreis in einem Haus oder in einem weniger protzigen Saal teilzunehmen. Sie fühlen sich in einer zwanglosen, weniger professionellen Atmosphäre wohler und nehmen daher eher das Evangelium an. Diese großen Gebäude sind in Wirklichkeit also kontraproduktiv für das Evangelium und zeigen uns nur, dass wir meinen, wir seien um einiges weiser als das Wort Gottes. Das einfache Muster, das Er uns in seinem Wort gegeben hat, ist immer das Beste, denn „sein Weg ist vollkommen“ (Ps 18,30).

Das Christentum ist eine himmlische Sache

Wenn wir verstehen wollen, was wahres Christentum ist, müssen wir sehen, dass Judentum und Christentum tatsächlich zwei verschiedene und gegensätzliche Gottesdienstordnungen sind – beide von Gott errichtet. Das Judentum ist eine irdische Art, wie sich Menschen Gott nahen in Anbetung; diese Ordnung gab Gott einem irdischen Volk mit irdischen Hoffnungen und einem irdischen Erbe. Das Christentum hingegen ist eine himmlische Gottesdienstordnung, die Er einem himmlisches Volk mit himmlischen Hoffnungen und einem himmlischen Erbe gegeben hat (vgl. Heb 3,1; Kol 1,5; Phil 3,20; 1Pet 1,4).

Folglich gibt es im wahren Christentum keine heiligen Tage und keine besonderen religiösen Feste, denn diese Dinge gehören zu einer irdischen Religion. Als die Galater sich zu den schwachen und armseligen Elementen der irdischen Religion wandten, tadelte der Apostel Paulus sie mit den Worten: „Wie wendet ihr euch wieder um zu den schwachen und armseligen Elementen, denen ihr wieder von neuem dienen wollt? Ihr beachtet Tage und Monate und Zeiten und Jahre“ (Gal 4,9.10). Israel hielt besondere religiöse heilige Tage, weil sie eine irdische Religion hatten. Das war für sie recht und billig, aber die Kirche, die zum Himmel gehört, hat so etwas nicht.

Dessen ungeachtet haben die Konfessionen die himmlische Berufung der Kirche weitgehend aus den Augen verloren und besondere religiöse Tage erfunden wie Karfreitag, Allerheiligen, Fastenzeit usw. Diese Dinge sind nirgendwo in der Bibel zu finden. In Kolosser 2,16.17 heißt es: „So richte euch nun niemand wegen Speise oder wegen Trank oder hinsichtlich eines Festes oder Neumondes oder von Sabbaten, die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist des Christus.“ Es gibt nur einen einzigen Tag, der für einen Christen irgendeine Bedeutung haben sollte, und das ist „der Tag des Herrn“ – der erste Tag der Woche (vgl. Off 1,10).

Wahres Christentum ist „außerhalb des Lagers“

Das Neue Testament zeigt, dass die frühe Kirche, die überwiegend aus jüdischen Bekehrten bestand, diese jüdische Ordnung der Dinge für das wahre Christentum verlassen hat (nachdem sie dazu aufgefordert worden war). Der Grundgedanke des Hebräerbriefes besteht gerade darin, zu zeigen, dass der christliche Gottesdienst in Wirklichkeit ein Gegensatz zum jüdischen Gottesdienst ist und nicht eine Erweiterung dieses Gottesdienstes.

Nachdem der Hebräerbrief zu diesem Zweck viele Punkte angesprochen hat, ist das Ergebnis der ganzen Angelegenheit, die Gemeinde zu ermahnen, diese jüdische Gottesdienstordnung gänzlich zu verlassen, weil der Herr Jesus Christus außerhalb des Ganzen steht! Es heißt dort: „Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13).

Das „Lager“ ist ein Begriff, der für das Judentum und alle damit verbundenen Prinzipien und Praktiken steht. Ein Jude hatte keine Schwierigkeiten, zu verstehen, was dieser Begriff bedeutet, da er im Alten Testament in Verbindung mit Israel verwendet wurde. Die frühe Kirche ging „außerhalb des Lagers“. Durch die Lehre des Paulus erkannten die Gläubigen, dass das Christentum nichts zum Judentum hinzufügte oder das Judentum veränderte, wie viele Christen heute denken, sondern dass es eine völlig „neue“ Art und Weise war, wie man Gott in Anbetung nahen konnte (vgl. Heb 10,19.20). Das war etwas, was bekehrte Juden anfangs schwer umsetzen konnten, und Gott hatte Geduld mit ihnen. Das war eigentlich der Grund, warum die hebräisch-christlichen Briefe geschrieben wurden. Diese Briefe (Hebräer, Jakobus, 1. Petrus) sind insbesondere zu dem Zweck geschrieben worden, um den bekehrten Juden aus dem Judentum herauszuholen und ihn im Christentum zu befestigen. Sie eignen sich auch sehr gut für die Kirche von heute, die in eine quasijudaistische Gottesdienstordnung eingetaucht ist und dringend eine Befreiung von diesen Dingen braucht.

Da die sogenannten Kirchen in der Christenheit viele Dinge des Judentums in ihr Gottesdienstsystem eingewoben haben, so dass es zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Gottesdienste geworden ist, ist Hebräer 13,13 im Prinzip eine heute sehr notwendige Ermahnung. Wir sollen „das Lager“ verlassen, wo immer wir es sehen, sei es in den jüdischen Synagogen oder in den vom Menschen geschaffenen konfessionellen Kirchen der Christenheit! Dieser Vers liefert uns auch einen weiteren Grund, warum wir uns von den konfessionellen und nichtkonfessionellen Kirchen trennen sollen: Er ermahnt uns, zu Christus zu gehen, der jetzt außerhalb dieser irdischen Gottesdienstordnung steht, denn das Judentum hat einen Gottesdienst, der, obwohl ursprünglich von Gott eingerichtet, beiseitegestellt worden ist.

Christliche Anbetung ist in „Geist und Wahrheit“

Die Art und Weise, wie Gläubige sich heute Gott in der Anbetung nahen, hatte sich also verändert. Diese Veränderung kündigte der Herr Jesus zuerst der samaritischen Frau am Brunnen von Sichar an. Er wies sie darauf hin, dass diese irdische Gottesdienstordnung ein Ende haben werde. Er sagte: „Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet“ (Joh 4,21). Dieser „Berg“ (Gerizim) war der Ort, wo die Samariter anbeteten, und „Jerusalem“ war der Ort, wo Israel den HERRN [Jahwe] anbetete. Aber all das sollte nun einer völlig neuen Art und Weise weichen, wie man Gott nahen und Ihn anbeten sollte. (An anderer Stelle wird uns gesagt, dass das Judentum – nachdem die Kirche beim Kommen des Herrn (zur Entrückung) in den Himmel heimgerufen wurde – auf der Erde von Israel und den bekehrten Heiden wiederaufgenommen wird, weil es für irdische Menschen der richtige Weg ist, Gott anzubeten. Siehe Hesekiel 40–48).

Der Herr Jesus sagte der Samariterin auch, dass noch etwas geändert würde: Christen würden nun „den Vater“ anbeten, während Israel den HERRN [Jahwe] angebetet hatte. Dies war eine neue Sache und ist eindeutig eine christliche Offenbarung, denn Gott als Vater war im Alten Testament nicht bekannt.[1]

Darüber hinaus zeigte Er ihr, dass sich auch der Charakter der Anbetung ändern würde. Der Herr sagte: „Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter“ (Joh 4,23.24). Anbetung in „Geist und Wahrheit“ ist eine geistliche Anbetung gemäß der Offenbarung der Wahrheit. Das war etwas, was für die Anbetung Israels nicht charakteristisch war, denn der Herr zeigte deutlich, dass geistliche Anbetung etwas war, was erst noch beginnen würde. Damals wurde es noch nicht praktiziert. Israel betete Jahwe durch Rituale und Zeremonien an. Sie hatten eine Religion, die dazu bestimmt war, den Menschen im Fleisch dazu zu bewegen, Gott anzubeten – falls das überhaupt möglich war. Das lag daran, dass der Mensch zu dieser Zeit noch geprüft wurde (von Adam bis zum Kreuz Christi sind es vierzig Jahrhunderte – die Zahl Vierzig bedeutet Prüfung). Daher wurde praktisch jedes äußere Mittel im Namen der Religion eingesetzt, um dieses Ziel [Gott anzubeten] zu erreichen. Aber Christen brauchen keine Religion mit Ritualen und Zeremonien, um Gott anzubeten, wie Israel es brauchte, denn wir haben jetzt durch den Geist Zugang in die Gegenwart Gottes (vgl. Eph 2,18; 3,12; Heb 10,19-22). Im Christentum wird die Anbetung durch den innewohnenden Heiligen Geist unterstützt und nicht durch die Bemühungen von Menschenhänden (vgl. Phil 3,3; Apg 17,24.25). Das ist eine Segnung, die Israel nicht hatte. Die christliche Anbetung ist ein „neuer und lebendiger Weg“ (Heb 10,20). Der Weg ist „neu“, weil er das Judentum nicht „wieder aufwärmt“, und er ist „lebendig“, weil man neues Leben haben muss (durch die neue Geburt), um Gott auf diese Weise zu nahen.

Geistliche Opfer oder ein Musikdienst?

Folglich sind christliche Opfer nicht eine äußerliche und buchstäbliche Sache wie im Judentum, sondern „geistliche Opfer“ (1Pet 2,5; vgl. Heb 13,15; Joh 4,23; Phil 3,3). Da der Christ „in Geist und Wahrheit“ anbetet, kann er reglos auf seinem Stuhl sitzen und trotzdem kann in seinem Geist etwas hervorgebracht werden, d.h. Lob und Anbetung Gottes durch den innewohnenden Heiligen Geist. Das ist wahre himmlische Anbetung. Der Christ braucht kein Orchester und keinen Chor – so wie Israel –, damit Anbetung in seinem Herzen hervorgebracht wird. Anbetung mit Hilfe von Musikinstrumenten ist in Wirklichkeit Anbetung auf jüdischem Boden. Christliche Erkenntnis und Offenbarung mit der jüdischen Gottesdienstordnung zu vermischen (was im Wesentlichen das ist, was die meisten sogenannten Kirchen im Christentum tun), ist kein wahres Christentum. Im Himmel wird es nicht notwendig sein, diese äußerlichen mechanischen Dinge in der Gottesverehrung einzusetzen. Und Christen brauchen sie auch jetzt nicht, denn sie können Gott jetzt auf diese himmlische Weise anbeten.

Deshalb lesen wir weder in der Apostelgeschichte noch in den Briefen, dass Christen bei irgendeiner Gelegenheit den Herrn anbeteten, indem sie Musikinstrumente gespielt hätten. Wir lesen nur davon, dass wir im Christentum „dem Herrn in unserem Herzen singen und spielen“ sollen (Eph 5,19). Wir sind aufgefordert, „Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen“ (Heb 13,15). Trotzdem ist der Unterschied zwischen christlichem Gottesdienst und Judentum in den Konfessionen ignoriert worden. Musikbands (manchmal sogar große Orchester) sind heute zu einem wesentlichen Bestandteil der christlichen „Gottesdienste“ geworden. Er wird gewöhnlich als „Musikdienst“ bezeichnet, aber der Zweck scheint eher darin zu bestehen, das Publikum anzulocken und zu unterhalten, als den Gottesdienst zu unterstützen.

Nicht nur weist das Wort Gottes den Christen nicht dazu an, auf diese Weise anzubeten; die Kirchengeschichte lehrt uns, dass ein Musikdienst in den ersten vierzehn Jahrhunderten im Christentum praktisch keine Rolle gespielt hat! (In den ersten sieben Jahrhunderten gab es in der Kirche überhaupt keine Musik, in den folgenden sieben Jahrhunderten gab es viel stürmischen Widerstand dagegen.) Erst in den letzten Jahrhunderten hat sich Musik im Gottesdienst und in der Evangeliumsverkündigung durchgesetzt. Nun können wir fragen: „Wenn ein sogenannter ,Musikdienst‘ für das Versammlungsleben so wichtig ist, wie die Kirche heute betont, warum hat der Apostel Paulus die Versammlungen, an die er schrieb, dann nicht ermahnt, dafür zu sorgen, dass sie in ihren Zusammenkünften einen ,Musikdienst‘ haben? Warum wird ein ,Musikdienst‘ im Neuen Testament nicht erwähnt? Warum hat er während des größten Teils des Bestehens der Kirche praktisch keine Rolle gespielt?“ Wir glauben, dass die Verwendung von Musikinstrumenten im Gottesdienst ein Beweis für den Verfall und Niedergang ist, der in die Kirche hineingekommen ist. Da sich die Dinge im christlichen Zeugnis immer weiter von Gottes Ordnung entfernt haben, hat Musik (und das nicht ohne Widerstand) langsam einen Platz eingenommen, bis sie als normal für den christlichen Gottesdienst akzeptiert wurde. Sie mag durch gute Absichten hineingekommen sein, aber sie hat immer noch keinen Platz in der christlichen Anbetung.

Wir sagen nicht, dass ein Christ keine Musik spielen darf, aber sie hat in der christlichen Anbetung keinen Platz. J.N. Darby sagte:

Wenn ich einen armen, kranken Vater mit Musik in den Schlaf wiegen könnte, würde ich das schönste Musikstück spielen, das ich finden kann; aber es verdirbt nur jede Anbetung, da Musik die Sinnesfreuden in das hineinbringt, was die Kraft des Geistes Gottes sein sollte.[2]

Neuer Wein gehört in neue Gefäße

Dennoch lehnen viele Christen dies ab und bestehen darauf, dass Israels Art und Weise, Gott zu nahen, um Ihn anzubeten, tatsächlich das Muster für den christlichen Gottesdienst ist. Wir fragen: „Wenn Israels Art und Weise der Anbetung im Alten Testament das Muster für die christliche Anbetung ist, warum sagt dann die Schrift, dass die christliche Anbetung ein ,neuer Weg‘ der Anbetung ist?“ (vgl. Heb 10,20).

Der Herr wusste, dass man versuchen würde, die alte Ordnung der Dinge mit der neuen Ordnung im Christentum zu verbinden, und Er warnte, dass das so wäre, als würde man einen neuen Flicken auf ein altes Kleid setzen und neuen Wein in alte Schläuche füllen (vgl. Lk 5,36-39). Als Ergebnis davon wären beide verdorben. Das ist genau das, was im christlichen Bekenntnis geschehen ist. Der Herr Jesus sagte, dass „neuer Wein“ in „neue Schläuche“ gefüllt werden muss. Das bedeutet: Die neuen Dinge, die mit dem christlichen Gottesdienst verbunden sind, müssen in einem neuen christlichen Rahmen gefunden werden, der zu dieser Anbetung passt. Der Herr sagte auch Folgendes: Wenn der „neue Wein“ des Christentums jemandem vorgestellt wird, der an den alten Wein der jüdischen Dinge gewöhnt ist, wird er zunächst sagen, der alte Wein sei besser (vgl. Lk 5,39). Da man an dieser äußeren Ordnung der Anbetung, die die Sinne stark anspricht, so sehr hängt, lässt man sie nicht so leicht los. Wie wir bereits gesagt haben, behandelt der Hebräerbrief dieses Problem sehr sorgfältig. Er greift ein Kennzeichen des Judentums nach dem anderen auf, vergleicht es mit dem, was wir heute im Christentum haben, und kommt in fast jedem Kapitel zu dem Schluss, dass wir etwas „Besseres“ haben (vgl. Heb 1,4; 6,9; 7,7.19.22; 8,6; 9,23; 10,34; 11,4.16.35.40; 12,24).

Christen sollen im Namen des Herrn Jesus Christus zu Anbetung und Dienst zusammenkommen und auf die Leitung des Geistes warten

Wenn wir das Neue Testament als unsere Richtschnur für die Funktion, die Aufgabe einer christlichen Versammlung betrachten, sehen wir, dass es Gottes große Absicht ist, seinen Sohn, den Herrn Jesus Christus, zu verherrlichen. Wir erfahren, dass Gott so viel von seinem Sohn hält, dass Er seinem Namen den höchsten Wert beigemessen hat. Die Bibel sagt, dass Er Ihm „den Namen gegeben hat, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen“ (Phil 2,9.10; Eph 1,20). Der Herr Jesus sagte seinen Jüngern auch: Wenn nach seinem Tod die Gemeinde (an Pfingsten) gebildet werden würde, sollte sein Name der Mittelpunkt ihres Versammelns sein. Er sagte: „Wo zwei oder drei zu meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Die Urgemeinde tat dies. Die Gläubigen versammelten sich zu diesem erhabenen Namen des Herrn Jesus, als sie sich zu Anbetung, Dienst und anderen Veranstaltungen der Gemeinde versammelten (vgl. 1Kor 5,4). Sie beanspruchten keinen anderen Namen als seinen. Das ist auch heute noch Gottes Muster für die Kirche!

Was müssen Engel wohl denken, die den erhabenen Namen Jesu Christi kennen und sich an ihm erfreuen, wenn sie Christen sehen, die zum Gottesdienst auf der Erde zusammenkommen und alle möglichen konfessionellen und nichtkonfessionellen Namen tragen? Während Gott dem Namen Jesus den höchsten Wert beimisst, sagen die Menschen, es spiele keine Rolle, welchen Namen man trägt! Wir fragen: „Wird das Volk des Herrn diese [konfessionellen] Namen [die sie heute tragen] auch im Himmel tragen? Wird es dort Presbyterianer geben? Baptisten, reformierte Christen, Methodisten, Pfingstler, Allianzler usw.?“ Natürlich nicht, alle diese und andere Namen werden augenblicklich wegfallen.

Der Name Christi ist der höchste Name im Himmel. Und er sollte es auch auf der Erde sein! Der Herr Jesus lehrte seine Jünger, dass Gott will, dass sein Wille auf der Erde geschieht, so wie er im Himmel geschieht. Sie sollten zu diesem Zweck beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ (Mt 6,10). Dennoch wollen Christen auf der Erde immer noch unter allen möglichen sektiererischen Namen zusammenkommen, obwohl sie zugeben, dass es so etwas im Himmel nicht geben wird! Wenn wir ehrlich beten würden: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“, dann müssten wir jeden Namen und jede Sekte auf der Erde aufgeben, wie es im Himmel geschieht. Ja, der Herr Jesus ist würdig, dass wir uns zu keinem anderen Namen zusammenfinden als allein zu seinem Namen.

Welch ein Unterschied besteht doch heute zu den Tagen der Apostel. Zu ihrer Zeit war der Herr Jesus Christus der erhabene Name, zu dem sie sich versammelten: Einen anderen Namen zu erheben, auch wenn es ein Paulus oder ein Kephas war, wurde vom Geist Gottes als fleischlich und spalterisch gebrandmarkt (1Kor 1,12; 3,3-5). Was für eine traurige Abweichung von Gottes Ordnung ist es, dass wir heute so viele Christen sehen, die so viele verschiedene konfessionelle Namen tragen.

Wenn wir im Glauben einfach unsere Schwäche anerkennen und den Platz der Abhängigkeit von Gott einnehmen und uns unter der Leitung des Geistes allein zum Namen des Herrn Jesus Christus versammeln, werden wir feststellen, dass Christus in der Mitte ist, wie Er es verheißen hat. Selbst wenn nur zwei oder drei nach diesem Wort handeln wollten, würden sie die Freude seiner Gegenwart erleben. Wenn sie sich auf so schlichte Weise versammeln, werden sie vielleicht von anderen Christen dafür getadelt, denn das Wort Gottes sagt, dass wir gewiss „seine Schmach“ tragen werden, wenn wir „das Lager“ verlassen (Heb 13,13). Aber sie hätten auch die Zuversicht, dass sie nach dem Wort Gottes zusammenkommen. Denn es liegt eine Freude darin, Gottes Willen zu tun, die nur denen bekannt ist, die ihn tun.

Die biblische Praxis der Christen: Zusammenkommen zur Anbetung und zum Dienst

Wir erfahren aus dem Neuen Testament nicht nur, dass wir uns zum Namen des Herrn Jesus Christus versammeln, sondern auch, dass die Urgemeinde aus mindestens vier Hauptgründen zusammenkam. Es heißt: „Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apg 2,42). Aus denselben Gründen sollte die Kirche heute zusammenkommen. Wir können sie „die vier Anker“ [vgl. Apg 27,29.40.41] des Versammlungslebens nennen:

  1. Erstens versammelte sich die frühe Kirche, um „die Lehre der Apostel“ kennenzulernen. Wir brauchen ebenfalls Zusammenkünfte, damit wir besonders die Wahrheit der Heiligen Schrift kennenlernen. Doch viele Christen halten Lehre nicht für wichtig. Vielen scheint es nicht wichtig zu sein, was für eine Lehre jemand festhält, solange wir alle miteinander auskommen und den Herrn lieben. Der Bibelunterricht in den Konfessionen spiegelt im Allgemeinen diese Haltung wider. Der Schwerpunkt der meisten Predigten ist gewöhnlich auf irgendeinen praktischen Punkt im christlichen Leben ausgerichtet. Folglich sind die Leute nicht in der Wahrheit gegründet. Viele liebe Christen verbringen ihr Leben damit, „von jedem Wind der Lehre hin und her geworfen zu werden“ (Eph 4,14). Wir brauchen Zusammenkünfte, wie die Urkirche sie hatte – Zusammenkünfte, die für die Leitung des Geistes aufgeschlossen sind; in denen zwei oder drei sich mit einem Wort der Ermahnung an die Gläubigen richten oder indem sie die Wahrheit darlegen. Paulus sagt: „Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen. Wenn aber einem anderen, der dasitzt, eine Offenbarung zuteilwird, so schweige der erste. Denn ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden. Und die Geister der Propheten sind den Propheten untertan“ (1Kor 14,29-32). Auch eine Wortbetrachtung ist ein geeignetes Mittel, um den Gläubigen die Wahrheit zu vermitteln. Hierbei wird die Heilige Schrift gelesen und die Brüder haben Gelegenheit, einen Abschnitt auszulegen, um die Versammlung zu erbauen. Es war die Praxis der Brüder der Urkirche, zusammenzukommen, um die Heilige Schrift zu lesen. Paulus ermahnte Timotheus: „Halte an mit dem Vorlesen [wörtlich: mit den Lesungen], mit dem Ermahnen, mit dem Lehren“ (1Tim 4,13). Die Art der Lesung, von der Paulus sprach, ist nicht das persönliche Bibelstudium, sondern er meinte damit, dass die Heilige Schrift anderen öffentlich vorgelesen wurde. Mit dem Vorlesen der Heiligen Schrift sind „Ermahnung“ und „Lehre“ verbunden. Das legt natürlich nahe, dass es dazu Gelegenheit gibt für solche, die wie Timotheus in der Lage waren, Kommentare zu den gelesenen Abschnitten abzugeben, um die anderen zu erbauen. Dies sind die Grundelemente einer Wortbetrachtung. Es ist Gottes Weg, wie Christen in der Wahrheit befestigt werden.

  2. Die Urgemeinde traf sich auch zur christlichen „Gemeinschaft“. Für viele Christen bedeutet Gemeinschaft nichts anderes, als sich mit anderen Christen zur Erholung und zum Sport zu treffen. Es ist sicherlich nichts gegen Erholung einzuwenden, aber christliche Gemeinschaft ist Gemeinschaft über christliche Dinge. Das sind göttliche Dinge, die wir mit allen anderen Gliedern am Leib Christi gemeinsam haben. In der frühen Kirche hatten die Gläubigen zweifellos diese Gemeinschaft, wenn sie zusammen waren, um die Lehre der Apostel kennenzulernen, denn in diesem Vers ist Gemeinschaft eng mit Lehre verbunden. Allerdings sollten wir Gemeinschaft mit anderen Gläubigen nicht nur auf unsere Zusammenkünfte beschränken, wenn wir uns treffen, um die Wahrheit kennenzulernen, sondern wir sollten auch Gemeinschaft in den Häusern haben.

  3. Darüber hinaus traf sich die Urgemeinde auch zum „Brechen des Brotes“. Nachdem die Kirche gebildet worden war, kamen die Gläubigen an jedem ersten Tag der Woche (dem Tag des Herrn) zusammen, um das Brot zu brechen (vgl. Apg 20,7). Dies ist ein Vorrecht, das auch wir haben, so wie der Herr es gewünscht hatte: „Dies tut zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19). Ungeachtet dessen ist auch das etwas, was für Christen heute offenbar nicht so wichtig ist, denn die meisten Kirchengruppen feiern das Mahl des Herrn einmal im Monat oder alle drei Monate. Auch die Art und Weise, wie es gehalten wird, hat kaum mehr eine Ähnlichkeit mit dem, wie es in der Schrift zu finden ist. Doch auch dann wird es normalerweise nur für ein paar Minuten mitten im „Gottesdienst“ eingeschoben. Oft wird das Mahl des Herrn in einer gemischten Gesellschaft von Gläubigen und Ungläubigen gehalten, obwohl der Herr, als Er das Abendmahl einführte, darauf hinwies, dass nur wahre Gläubige zum Gedenken an Ihn das Brot brechen sollen (Joh 13,30; Lk 22,19; 1Kor 11,23-26). Er möchte, dass seine Erlösten sich Zeit nehmen, um über Ihn nachzudenken; dass sie, soweit möglich, über den großen Preis ihrer Erlösung nachdenken. Wir wollen in dieser Hinsicht nicht dogmatisch sein, aber es scheint mir, dass, als der Herr das Abendmahl einsetzte, für diesen Zweck eine Stunde vorgesehen war (vgl. Lk 22,14).

  4. Und schließlich trafen die Gläubigen sich regelmäßig zu „Gebeten“ (vgl. Apg 4,23-31; 12,12-17). In der Originalsprache heißt es: „die Gebete“; das deutet darauf hin, dass sie bestimmte Zeiten hatten, zu denen sie zu diesem Zweck zusammenkamen. Daher gab es in der frühen Kirche Gebetsversammlungen, wo sie gemeinsam ihre Abhängigkeit vom Herrn für ihre Bedürfnisse zum Ausdruck brachten. Auch das ist etwas, was in der heutigen Kirche leider fehlt. Viele christliche Gruppen haben nur Sonntagsgottesdienste. Eine Gebetsversammlung in der Mitte der Woche gibt es an vielen Orten so gut wie nicht mehr. Und wo Gemeinden Gebetsversammlungen abhalten, haben diese Zusammenkünfte im Allgemeinen eine geringe Teilnehmerzahl. Das beweist nur, dass Christen heutzutage Gebetsversammlungen als nicht so wichtig erachten. Doch der Herr möchte, dass sein Volk regelmäßig zum Gebet zusammenkommt.

Das sind die wichtigsten Arten von Zusammenkünften, zu denen sich die frühe Kirche zusammenfand, und sie sind das, was wir heute in der Kirche brauchen. Sie sind wesentlich für die geistliche Gesundheit einer Versammlung und der Grund, warum Gott sie für uns in seinem Wort festgehalten hat. Die „Lehre der Apostel“ bildet unsere „Gemeinschaft“, das „Brechen des Brotes“ drückt sie aus, und die „Gebete“ erhalten sie aufrecht. Diese vier Dinge sind, wie bereits erwähnt, die „vier Anker“ [vgl. Apg 27,29] des Versammlungslebens genannt worden. (Es gibt noch eine andere Form einer Zusammenkunft, auf die die Heilige Schrift hinweist – eine Zusammenkunft zur Zuchtausübung; doch sie hat einen anderen Charakter; vgl. 1Kor 5,4.5.)

Wenn wir uns diese vier grundlegenden Dinge anschauen, fragen wir uns erneut: „Brauchen wir für diese einfachen Dinge alles oder auch nur irgendetwas von diesem zusätzlichen Beiwerk, das es heute in der Christenheit gibt?“ Nein, die frühe Kirche brauchte sie nicht und wir auch nicht! Warum kehren wir dann nicht einfach zum reinen und schlichten Christentum zurück, das wir in der Bibel finden, und finden heraus, was für ein Segen das sein kann?

Die praktischen Folgen, wenn wir die „vier Anker“ aufgeben

Wenn wir einen oder alle vier „Anker“ aufgeben, wird das ernsthafte praktische Konsequenzen für unser Leben haben. Eine Veranschaulichung dafür finden wir in Apostelgeschichte 27,40.41. Als die Seeleute sich von den „vier Ankern“ losmachten, fielen sie bald auf die Felsen und erlitten Schiffbruch. Wie diese Seeleute glauben auch einige Christen, dass sie sich von diesen vier wichtigen Dingen losmachen können und dass das keine Konsequenzen haben wird. Aber früher oder später werden sie in geistliche Gefahr geraten und „Schiffbruch“ erleiden (vgl. 1Tim 1,19). Ohne Zusammenkünfte, die speziell für diese Zwecke eingerichtet sind, werden wir in irgendeinem Bereich unseres christlichen Lebens abdriften. Wir fragen: „Wie viele dieser Anker haben wir noch in unserem Leben?“

  1. Ohne „die Lehre der Apostel“ werden wir nicht „in der gegenwärtigen Wahrheit befestigt“ (2Pet 1,12). Und folglich werden wir „hin und her geworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre, die durch die Betrügerei der Menschen kommt, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum“ (Eph 4,14). Einige Christen meinen, Lehre solle dem „Pastor“ oder den Lehrern überlassen bleiben, aber die Wahrheit ist durch die Apostel den Gläubigen überliefert worden, und zwar allen, nicht nur einer besonders qualifizierten Gruppe unter den Gläubigen (vgl. Jud 3). Die Wahrheit wurde nicht den Aposteln überliefert, sondern durch die Apostel den Gläubigen. Die Apostel waren nicht die Endstation der Wahrheit: Sie waren lediglich die Kanäle, durch die sie zu uns kommen würde. Daher muss jeder Gläubige christliche Lehre kennen und in ihr wandeln. J.N. Darby sagte: „Ohne die Lehre der Apostel kennt kein Christ seinen wahren Platz.“[3] Achten wir deshalb auf die Lehre, denn mit ihr ist eine praktische Errettung verbunden (vgl. 1Tim 4,15.16). Ohne sie können wir nicht richtig leben.

  2. Ohne „Gemeinschaft“ mit anderen Christen in göttlichen Dingen werden wir in unseren Gedanken über Lehre und in unseren persönlichen Fehlern und Eigenheiten nicht korrigiert und berichtigt. Das werden wir nur dann erleben, wenn wir mit anderen Christen zusammen sind. Außerdem: Wenn wir keine praktische Gemeinschaft mit unseren Geschwistern haben, kommt es zu Missverständnissen, und das führt oft zu Streit und Auseinandersetzungen (vgl. Phil 2,2.3).

  3. Ohne das „Brechen des Brotes“ können unsere Herzen kalt werden. Das Mahl des Herrn ist eine Gelegenheit, bei der wir des Herrn in seinem Tod gedenken und uns an seine Liebe zu uns erinnern, die Ihn an unserer Stelle am Kreuz leiden ließ. Über eine solche Liebe nachzusinnen, zieht unsere Herzen zu Ihm hin in wahrer Anbetung (vgl. 2Kor 5,14; Hld 1,2-4).

  4. Ohne „Gebet“ wird unser Leben unabhängig von dem, der unser Haupt ist. Wir werden anfangen, unseren eigenen Weg im Leben zu wählen, und halten nicht das Haupt fest (vgl. Kol 2,19). Ohne Abhängigkeit vom Herrn werden wir sicherlich Schritte unternehmen, die uns vom christlichen Weg abbringen.

Drei wesentliche Dinge, die für das Christentum einzigartig sind

Wenn wir das schlichte Christsein praktizieren, wie wir es in der Bibel finden, werden wir feststellen, dass es in Wirklichkeit nur drei wesentliche Dinge in der neuen Ordnung des christlichen Gottesdienstes gibt. Wir haben die Anordnung für (1) die Taufe und für (2) das Abendmahl sowie (3) das Wort Gottes. (Vielleicht gibt es noch ein Viertes, wenn wir die Sammlung hinzufügen; siehe 1Kor 16,1.2. Da sie gewöhnlich zur Zeit des Abendmahls abgehalten wird, fügen wir sie dort ein.) Das liegt daran, dass das Christentum auf Glauben aufgebaut ist: „Wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen“ (2Kor 5,7). Da wir neues Leben haben und den Geist Gottes, der in uns wohnt, brauchen wir nichts weiter, um Christsein zu praktizieren. Christen können sich zum Gottesdienst und zum Dienst [am Wort] in einem Haus, einer Küche oder einer Scheune usw. zusammenfinden; und wenn das gemäß dem Wort Gottes und dem Geist Gottes geschieht, dann haben sie den Herrn in ihrer Mitte. Das Mahl des Herrn wurde zuerst in einem Gastzimmer in einem Haus in Jerusalem eingeführt (vgl. Lk 22,7-20). Die Gegenwart des Herrn in ihrer Mitte war alles, was sie brauchten.

Jetzt fragen wir: „Wo bleibt für Christen, die sich zu Anbetung und Dienst zusammenfinden, in diesem einfachen Muster der ganze Zierrat, das schmückende Beiwerk der professionellen Religion des Christentums? Wo ist die Notwendigkeit, riesige Kathedralen zu bauen? Wo ist der Bedarf für die komplizierten konfessionellen Organisationen? Wo besteht die Notwendigkeit für Orchester, Unterhaltung und Geld, das allzu oft die Konfessionen im Christentum kennzeichnet?“ All das wird in einem einzigen Augenblick verschwinden! Wenn es wahr ist, dass das Christentum uns nur drei wesentliche Dinge gebracht hat, dann wird alles andere mit einem Schlag weggefegt. Aber wo ist Christus bei dieser schlichten Form des Zusammenkommens? Er ist in der Mitte, so wie Er es verheißen hat (vgl. Mt 18,20)! Und wenn wir Christus haben, haben wir alles, was wir brauchen.

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Jedenfalls nicht in der Form, wie der Name des Vaters in heutiger Zeit bekannt ist. Das Alte Testament spricht durchaus von Gott als einem Vater, aber es geht dann nicht weiter, als dass damit gemeint ist, dass Gott die Quelle einer Sache ist. Außerdem wird Gott als Vater einer Nation gesehen (vgl. 2Mo 4,22).

[2] J.N. Darby, Letters, Bd. 3, Nr. 351, S. 475, 1881.

[3] J.N. Darby, „,A Man in Christ‘. 2Cor 12“ aus The Girdle of Truth, Jg. 3, 1858.


Engl. Originaltitel: „To which Church should I go?“ 
aus God’s Order For Christians Meeting Together For Worship and Ministry: The Biblical Answer to Church Traditions
Christian Truth Publishing 1999

Übersetzung: Stephan Isenberg


Hinweis der Redaktion:

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