Maria: Von keinem verstanden – von Christus geschätzt
Im Schatten des Kreuzes

Hamilton Smith

© Beröa-Verlag, online seit: 08.11.2004, aktualisiert: 12.08.2016

Leitverse: Markus 14,1-9

Mit Kapitel 14 kommen wir zu den letzten, feierlich ernsten Szenen im Leben des Herrn, in denen viele Herzen offenbar werden. Die Falschheit und das gewaltsame Vorgehen der jüdischen Führer, die Liebe einer treu ergebenen Frau, die Treulosigkeit des Verräters und die Verleugnung durch einen wahren Jünger stehen vor uns. Aber über allem strahlt die unendliche Liebe und vollkommene Gnade Christi hervor: wenn Er das Abendmahl einsetzt, den qualvollen Kampf in Gethsemane durchsteht und sich schweigend den Schmähungen der Menschen unterwirft.

Mk 14,1.2: Es war aber nach zwei Tagen das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List griffen und töteten; denn sie sagten: Nicht an dem Feste, damit nicht etwa ein Aufruhr des Volkes entstehe.

Am Anfang des Kapitels wird kurz festgehalten, mit welcher Todesfeindschaft die Führer des Volkes dem Herrn nachstellten. Schon vorher hatten sie Ihn mit Worten des Hasses umgeben und ohne Ursache wider Ihn gestritten. Sie hatten Ihm Böses für Gutes und Hass für seine Liebe erwiesen (Ps 109,2-5). Bei jedem Schritt hatte Er vollkommene Liebe geoffenbart; immer und überall hatte Er nur Gutes getan. Er hatte Kranke geheilt, Nackte bekleidet, Hungrige gespeist, Sünden vergeben, vom Teufel befreit und Tote auferweckt. Er hatte die Menschen gewarnt, sie eindringlich zur Umkehr ermahnt, über sie geweint – aber alles umsonst.

Und nun ist die Zeit gekommen, da sie entschlossen sind, Ihn zu greifen und zum Tod zu bringen. Um ihr Vorhaben auszuführen, müssen sie mit List vorgehen – ein sicherer Beweis, dass ihre Beweggründe böse waren und dass, obwohl sie Menschen fürchteten, keine Gottesfurcht in ihnen war. Wenn auch die meisten Leute kaum das persönliche Bedürfnis empfanden, Christus nötig zu haben, wussten sie doch seine Güte und die Wohltat seiner Wunder zu schätzen. Aus Furcht vor einem Aufruhr, wenn die Volksmengen zum Passahfest in Jerusalem versammelt sein würden, beschließen diese Führer, den Herrn nicht an diesem Fest zu verhaften. Gott hatte es jedoch anders bestimmt, und wie immer kommt, trotz der List und Absichten der Menschen, sein Wille zur Ausführung.

Mk 14,3-9: Und als er in Bethanien war, in dem Hause Simons, des Aussätzigen, kam, während er zu Tische lag, eine Frau, die ein Alabasterfläschchen mit Salbe von echter, kostbarer Narde hatte; und sie zerbrach das Fläschchen und goss es auf sein Haupt. Es waren aber etliche unwillig bei sich selbst und sprachen: Wozu ist dieser Verlust der Salbe geschehen? Denn diese Salbe hätte für mehr als dreihundert Denare verkauft und den Armen gegeben werden können. Und sie zürnten mit ihr. Jesus aber sprach: Lasset sie; was machet ihr ihr Mühe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan; denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen wohltun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie vermochte; sie hat zum Voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt. Und wahrlich, ich sage euch: Wo irgend dieses Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch von dem geredet werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis.

Nach dieser kurzen Erwähnung bezüglich der Volksführer folgt nun die schöne Szene im Haus von Bethanien. Während der Herr beim Abendessen im Hause Simons, des Aussätzigen, weilt, bringt eine Frau – aus andern Berichten wissen wir, dass es Maria, die Schwester von Martha, war – ein Alabasterfläschchen mit Salbe von echter, kostbarer Narde und gießt diese aus auf das Haupt des Herrn. Maria offenbart auf diese Weise ihre Wertschätzung für Christus, ihre Zuneigung zu Ihm und ihr geistliches Verständnis. In diesem Augenblick scheint ihr Verständnis das der andern Jünger übertroffen zu haben. Durch Gnade gewonnen und durch Liebe angezogen, war sie in früheren Tagen zu den Füßen Jesu gesessen, um seinen Worten zu lauschen. Die Gnade und Liebe des Herrn Jesus hatten Liebe zu Ihm hervorgebracht, und sein Wort hatte geistliches Verständnis bewirkt.

Ihre Liebe zu Christus machte sie empfindsam für den zunehmenden Hass der Juden. Ihre Handlung war der Beweis ihrer Wertschätzung von Christus in Liebe, und das gerade in dem Augenblick, da die Anschläge der Menschen ihren Hass gegenüber Christus zum Ausdruck brachten. Und wie traurig! Die Ehrenbezeugung Marias bringt die Habsucht einiger der Anwesenden ans Licht. Aus dem Bericht im Johannesevangelium wissen wir, dass Judas der Anführer derer war, die sich entrüstet über Maria äußerten. Was für Christus Gewinn war, bedeutete für Judas Verlust. Die Menschen haben Verständnis für wohltätiges Handeln zugunsten anderer Menschen, aber sie sehen wenig oder keinen Wert in einer Ehrenbezeugung, die allein Christus gilt. Stehen wir Christen nicht in Gefahr, in einer ähnlichen Einstellung recht aktiv zu sein, um Sündern das Evangelium zu verkündigen und für die Heiligen zu sorgen, aber wenig Sinn für die Anbetung zu zeigen, die Christus allein gebührt? Lasst uns nicht vergessen, dass jene, die über die Hingabe Marias murrten, in Tat und Wahrheit ein schiefes Licht auf Christus warfen. Wenn Marias Handlung nur Verschwendung war, dann ist Christus der Anbetung der Seinen nicht würdig.

Wenn jedoch Marias Tat bei den Menschen Entrüstung hervorruft, so zieht sie anderseits die Anerkennung Christi auf sich. Der Herr freut sich zu sagen: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ In Lukas 10 lesen wir, dass Maria „das gute Teil“ erwählt hatte. Hier erfahren wir, dass sie „ein gutes Werk“ tut. Das gute Teil ist, zu seinen Füßen zu sitzen und auf sein Wort zu hören; das gute Werk ist eine Tat, die Christus zum Beweggrund hat. Es mag viel Aktivität im Dienst vorhanden sein, aber wenn Christus nicht der Beweggrund dazu ist, wird er wenig Wert für die Ewigkeit haben. Zudem lobt der Herr das Werk Marias nicht nur wegen des lauteren Beweggrundes, der dahinterstand, sondern auch, weil sie getan hatte, „was sie vermochte“. Im Dienst für Christus geht es nicht an, eine Gelegenheit zu einer verhältnismäßig bescheidenen und verborgenen Tat zu übersehen, um statt dessen nach etwas Größerem in der Öffentlichkeit zu streben, mit dem falschen Beweggrund, sich selbst in den Vordergrund zu steilen. Ermuntert uns diese schöne Szene nicht, das zu tun, was wir können, wie klein der Dienst auch sein mag, aber mit dem lauteren Beweggrund, Christus zu erheben?

Wie gesegnet! Der Herr gibt uns die wahre geistliche Bedeutung ihrer Tat. Sie hatte im Voraus seinen Leib zum Begräbnis gesalbt. Tatsächlich werden andere, wenn es zu spät ist, mit ihren wohlriechenden Spezereien kommen, um ihre wahre, aber zu wenig verständige Wertschätzung von Christus zum Ausdruck zu bringen. Maria drückt, bevor der Herr begraben wird, ihre Liebe mit größerem geistlichem Verständnis aus. Er misst dem, was Maria getan hat, so großen Wert bei, dass Er sagt: „Wo irgend dieses Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch von dem geredet werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis.“ Ihre Liebestat wird für alle Zeiten als ein schönes Beispiel des eigentlichen, wahren Ergebnisses des Evangeliums dastehen. Das Evangelium bringt uns nicht nur zur Erkenntnis des Heils und der Sündenvergebung, sondern gewinnt das Herz für Christus, so dass Er das höchste Lebensziel wird. Wir wissen, dass das Mahl des Herrn, das durch die Jahrhunderte hindurch gefeiert wurde, eine beständige Erinnerung an den vollkommenen Erretter und seine unendliche Liebe für die Seinen ist. Aber das eine Mahl, das hier in Bethanien stattfand, ist zu einem beständigen Denkmal einer hingebungsvollen gläubigen Frau und ihrer Liebe zu Christus geworden.


Aus dem Buch Siehe, mein Knecht, S. 151–155


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