Wer ist ein wahrer Jude oder der wahre Israelit?
Römer 9,6

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© SoundWords, online seit: 17.06.2010, aktualisiert: 11.09.2018

Leitverse: Römer 9,6-13

Röm 9,6-13: 6 Nicht aber, dass das Wort Gottes hinfällig geworden wäre; denn nicht alle, die aus Israel sind, diese sind Israel, 7 auch nicht, weil sie Abrahams Nachkommen sind, sind alle Kinder, sondern „in Isaak wird dir eine Nachkommenschaft genannt werden“. 8 Das ist: Nicht die Kinder des Fleisches, diese sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen gerechnet. 9 Denn dieses Wort ist eine Verheißung: „Um diese Zeit will ich kommen, und Sara wird einen Sohn haben.“ 10 Nicht allein aber das, sondern auch als Rebekka schwanger war von einem, von Isaak, unserem Vater, 11 selbst als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten (damit der Vorsatz Gottes nach Auswahl bleibe, 12 nicht aus Werken, sondern aus dem Berufenden), wurde zu ihr gesagt: „Der Größere wird dem Kleineren dienen“; 13 wie geschrieben steht: „Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.“

Immer wieder kann man die folgende Auslegung lesen oder hören: In Römer 9,6-13 ist nicht der buchstäbliche Jude oder Israelit angesprochen, sondern zu dem wahren Israel gehören auch die Christusgläubigen aus den Nationen. Damit verbunden ist auch die Auslegung, die Gemeinde habe Israel ersetzt bzw. Israel sei in der Gemeinde aufgegangen, so dass Israel keine Hoffnung mehr habe, dass ihre Verheißungen aus dem Alten Testament noch in Erfüllung gehen. Nach dieser Lehre haben sich die Verheißungen des Alten Testamentes in der Gemeinde erfüllt. Wir wollen dieser Lehre kurz nachgehen und zitieren dazu aus dem Buch „Der vergessene Reichtum“.

Der Apostel Paulus kommt seinen Kritikern zuvor, indem er selbst die Frage aufwirft, ob das Wort Gottes hinfällig geworden sei. Diese Frage musste jedem Israeliten sogleich in den Sinn kommen, denn er wusste um seine großartigen Segensverheißungen. Wie aber sollten sie in Erfüllung gehen, wenn das Volk in seiner Masse den Messias verwarf und jetzt alle Israeliten genauso verloren waren wie die Heiden? Der Apostel geht auf diese Frage ein, indem er das Alte Testament aufschlägt und seinen Zuhörern aus dem Wort Gottes selbst die Antwort gibt. Durch natürliche Geburt und Beschneidung gehörte man zwar äußerlich zum Volk Israel, dies sagte jedoch nichts über den Glauben und die Hingabe des einzelnen Israeliten Gott gegenüber aus. In der großen Masse des unbekehrten Israel gab es jedoch immer auch einen wahren, gläubigen Überrest: das wahre Israel. Viele Israeliten gehörten also gar nicht zu dem wahren Israel, das die Segensverheißungen für sich in Anspruch nehmen konnte.

Auch Ismael hatte sich ein Anrecht an dem Segen Abrahams erhofft, weil er ein Nachkomme Abrahams war, und Esau meinte, als Erstgeborener Isaaks sogar besondere Anrechte am Segen zu haben. Aber das war keineswegs der Fall. Wenn allein die Geburt die Zugehörigkeit zu den wahren Kindern Abrahams bewirkte, hätten auch Ismael oder Esau zu den Kindern der Verheißung gerechnet werden müssen. Doch so wie Isaak durch Verheißung den Vorzug vor Ismael bekam, so bekam Jakob durch Erwählung den Vorzug vor Esau. Zum wahren Israel gehören nur jene, die nicht nur aufgrund natürlicher Abstammung dazugehören und die nicht nur die äußerliche Beschneidung, sondern auch die Beschneidung des Herzens erfahren haben (Röm 2,29; siehe den Artikel „Der wahre Jude und das Israel Gottes“). Darin wird ihre Erwählung sichtbar.

Ebenso war es auch in den Tagen des Apostels: Jeder Israelit aus der Masse des unbekehrten Volkes, der Buße tat und sich zum Messias bekannte und in Ihm den von Gott gesandten Retter sah, gehörte zu der auserwählten Schar, zum wahren Israel, zum jüdischen Überrest. An diesen Juden hatten sich bereits durch das Kommen Christi in diese Welt einige Verheißungen erfüllt [siehe zum Beispiel Lk 4,18]. Die Erfüllung vieler noch ausstehender Verheißungen (im Buch § 2.1) werden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden – wenn „ganz Israel errettet“ wird (Röm 11,26). Die an Christus gläubigen Juden sind die Zweige, die im Ölbaum geblieben sind und nicht ausgebrochen wurden (vgl. Röm 11,17a). Sie befinden sich nun in der Gemeinde, und Gott erkennt in ihnen den treuen Überrest Israels, den „Überrest nach Auswahl der Gnade“ (Röm 11,5). In der Gemeinde sind zwar christusgläubige Juden und Heiden „zu einem neuen Menschen“ zusammengefügt (Eph 2,15) und grundsätzlich auf Augenhöhe, doch das wahre Israel, „der Israel Gottes“ (Gal 6,16), ist eine besondere Gruppe Christen innerhalb der Gemeinde Gottes (siehe im Buch § 22.12; nachfolgende Abbildung): Sie besteht aus Juden, die an Christus glauben und mit dem Heiligen Geist versiegelt sind; damit gehören sie also zugleich zum Leib Christi (der Gemeinde) als auch zum wahren Israel bzw. dem Israel Gottes. [Auch Amillennialisten wie R. Hardmeier, Zukunft. Hoffnung. Bibel., Oerlinghausen (Betanien-Verlag) 2007, S. 356, und D. M. Lloyd-Jones, Gott und seine Gemeinde, Friedberg (3L Verlag) 1997, S. 140–141, sehen in dem wahren Israel nur messiasgläubige Juden, im Gegensatz zu R. Senk, Das Israel Gottes, Hamburg (Reformatorischer Verlag Beese) 2006, S. 54–55.]

Die Verse in Römer 9,6-8 sprechen zwar von dem wahren Israeliten, doch wollen wir beachten, dass nicht alle Verheißungen des Alten Testamentes an ihnen in Erfüllung gegangen sind. Nach Überzeugung einiger Ausleger wurde der Segen diesem Überrest wahrer Israeliten gegeben [vgl. R. Hardmeier, Zukunft. Hoffnung. Bibel., Oerlinghausen (Betanien-Verlag) 2007, S. 356]. Aber was ist dann mit den Verheißungen aus Jesaja 2,2-4; Sacharja 8,23 oder 5. Mose 28,13, wo den Israeliten eine Vorrangstellung vor den Nationen zugesagt wird? Diese Verheißungen warten immer noch auf ihre Erfüllung, „denn die Gnadengaben und Berufung Gottes sind unbereubar“ (Röm 11,29).

Manche Bibelausleger [vgl. R. Senk, Das Israel Gottes, Hamburg (Reformatorischer Verlag Beese) 2006, S. 54–55] wollen in dem wahren Israel alle Gläubigen aller Zeiten sehen; demnach würden auch die Gläubigen aus den Nationen zum wahren Israel gehören. In diesem Fall würde Paulus das Wort „Israel“ sehr willkürlich gebrauchen. In diesem Abschnitt geht es jedoch darum, dass nicht alle, die durch Abstammung Israeliten waren, auch zu den wahren Israeliten zählten, sondern nur jene, die ausgewählt waren. Aus der Aussage in Röm9,6 „Nicht alle, die aus Israel sind, diese sind Israel“ machen diese Ausleger fast das Gegenteil: „Noch viele weitere außerhalb von Israel sind Israel.“ Diese Aussage kann man so auch sonst in der Schrift nicht finden. Im Römerbrief ist immer das buchstäbliche Israel und nicht ein „geistliches“ Israel, die Gemeinde, gemeint, wenn von Israel gesprochen wird (Röm 9,27; 11,5; 11,25ff.). Immer wieder unterscheidet Paulus diese beiden Gruppen.

Am Beispiel von Isaak und Ismael (Röm 9,6-9) beweist der Apostel, dass die natürliche Abstammung von Abraham nicht die Grundlage für Segen ist. In der Tat stammte Ismael von Abraham ab und war sogar dessen Erstgeborener, aber er war kein Kind der Verheißung. Damit wurde dem Juden deutlich gemacht: Du kannst nicht davon ausgehen, dass du allein aufgrund deiner Abstammung von Abraham irgendeinen Vorzug vor den Nationen hast. Denn in seiner Souveränität gibt Gott seine Verheißungen, wie und wem Er will.

Im Hinblick auf Ismael hätte ein Jude noch einwenden können: Ja, aber Isaak und Ismael hatten verschiedene Mütter, und die Mutter Ismaels war sogar nur eine Magd. Vielleicht besteht darin der Unterschied? – Deswegen führt der Apostel noch ein weiteres Beispiel an: Jakob und Esau waren beide die Söhne desselben Vaters und derselben Mutter (Rebekka). Damit fällt auch dieses Argument weg.

Am Beispiel Jakobs und Esaus wird nun noch der Grundsatz der Erwählung besonders hinzugefügt. Es ist Gottes souveräne Wahl, unabhängig von Zeit („noch nicht geboren“; Röm 9,11) und Verhalten („weder Gutes noch Böses getan …, nicht aus Werken, sondern aus dem Berufenden“; Röm 9,11.12). Es ist eine Vorab-Auswahl, die vom späteren Verhalten und Handeln des Auserwählten völlig unabhängig ist. [Jakob war ein Betrüger und charakterlich schwach, und Ismael lebte bereits, als Isaak erwählt wurde.] Die Souveränität der Auswahl zeigt sich besonders darin, dass Jakob und Esau Zwillinge waren. Wenn nun schon ihr Stammvater Jakob nur aufgrund souveräner Auswahl gesegnet worden war, worauf wollten die Israeliten dann noch ihr Vorrecht gegenüber den Nationen bauen?


Auszug aus dem Buch Der vergessene Reichtum von D. Schürmann | S. Isenberg
Kapitel 8.2.2: „Verheißung und Auswahl (Röm 9,6-13)“, S. 178–182

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