Ist das denn nebensächlich?
oder: Wie man zu einer Sekte wird

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© SoundWords, online seit: 30.01.2010, aktualisiert: 11.12.2017

Wie wird man zu einer Sekte? Man kann es auf eine einfache Formel bringen: Die Gefahr beginnt dort, wo eine Gruppe Christen der Meinung ist, eine bestimmte Sache werde von einer anderen Gruppe zu einer „Nebensache“ erklärt. Dann wird diese Sache schnell so wichtig, dass sie zu einem „Steckenpferd“ und schließlich zum Trennungsgrund wird, wenn jemand nicht mit der Ansicht der eigenen Gruppe übereinstimmt. Dann ist man eine Sekte[1] geworden.

  • Für einige ist die Taufe solch ein Punkt. Sie können als Taufe nichts anderes akzeptieren als eine Handlung, die erstens nach der Bekehrung, zweitens durch einen gläubigen Täufer und drittens durch Untertauchen erfolgt ist. Viele Gründe können dafür angeführt werden, dass dies eine schriftgemäße Ansicht ist. Und schnell ist die Frage gestellt: Ist die Taufe denn eine Nebensache? Steht sie nicht mit dem Tod Christi in Verbindung? Bedeutet die Taufe nicht, dass ich mit Ihm gestorben bin? Steht sie nicht in Verbindung mit dem Namen des Herrn? Werde ich nicht auf seinen Namen getauft? Berührt die Taufe nicht mein Christsein? Ist die Taufe nicht eins der Fundamente des Christentums? Kann ich mich überhaupt als Christ bezeichnen, ohne (richtig) getauft zu sein? Damit kommt doch jemand, der sich nicht „richtig“ taufen lassen will, für eine (volle) Gemeinschaft wohl nicht in Frage, nicht wahr? Ist daher die Haltung der Baptisten nicht ganz verständlich?

  • Für andere ist die Frage der Wiederverheiratung nach Scheidung ein solcher Punkt. Ist die Schrift hierin nicht ganz klar? Sagt sie nicht deutlich: Wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch? Wird im Zusammenhang mit der sogenannten Ausnahmeregelung (Mt 5,31.32; 19,8.9; Lk 16,18) das Thema Wiederverheiratung überhaupt nur erwähnt? Ist das Thema etwa nebensächlich? Hier geht es doch um die Schöpfungsordnung Gottes!? Dürfen wir die Schöpfungsordnung Gottes antasten? Und tun wir das nicht, wenn wir die Unantastbarkeit der Ehe in Frage stellen? Sind Ehe und Familie denn nicht die Keimzelle der Gemeinde? Wenn also jemand in diesem Punkt nicht klarsieht, gibt es dann noch irgendeine Frage, einen Zweifel, dass wir uns von ihm trennen müssen? So geschah es 1929/30 in den USA bei der sogenannten Renton-Trennung und in den 1990er Jahren erlebten die wenigen geschlossenen Brüderversammlungen in Spanien wegen dieser Frage eine Trennung.

  • Eine große Gruppe der Brüderversammlungen hielt es in den 1890er Jahren für notwendig, sich von Bruder F.W. Grant zu trennen, weil er zu bestimmten Lehrfragen eine andere Meinung hatte. Diese Trennung zog wiederum eine weltweite Trennung nach sich. W.J. Lowe setzte sich damals in einem Büchlein mit der Lehre F.W. Grants auseinander und kam zu dem Schluss: „Es gibt keine Wahrheit des Christentums, die nicht durch dieses System angetastet wird: Alles wird modifiziert, wenn nicht zunichtegemacht, soweit wie ihre lebendige Kraft in der Seele geht.“ Seiner Ansicht nach werde durch diese Lehre „der Felsen unter den Füßen durch Treibsand ersetzt“ und als „unvermeidliches Ergebnis die direkte Autorität des Wortes Gottes für die Seele geschwächt oder gar zunichtegemacht“.[2] Schrecklich, wenn man so etwas liest, und wie verständlich, dass man sich hier trennen musste, oder? Ungefähr sechzig Jahre später hörte sich das dann allerdings ganz anders an: „Die KLC-Brüder[3] erklärten einstimmig, dass die Auffassung Grants über Leben in dem Sohn und Versiegelung mit dem Heiligen Geist im Ganzen keine fundamentalen Punkte seien und also niemals ein Grund zur Trennung hätten werden dürfen, so dass auch der Ausschluss Grants eine ungerechte und unschriftgemäße Tat gewesen sei.“[4]

  • Für manche andere ist die Einheit der Versammlungen solch ein Thema. Hat der Herr Jesus nicht alles gegeben, um sich die eine Perle zu erkaufen? Ist Er nicht gestorben, um die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln? Ist das etwa nebensächlich? Ist es da nicht sehr verständlich, dass man sich trennen muss von solchen, die diese Einheit zerstören (mal unabhängig von der Frage, ob das in Wirklichkeit überhaupt möglich ist) oder geringschätzen? Wie viele Hunderte von Trennungen haben spätestens seit 1881 aufgrund dieser Einheitslehre stattgefunden!

Merken wir, wie leicht es ist, dass alles sehr „wichtig“ wird, wenn man nur die richtigen Fragen stellt und die Wahrheit ernst genug darstellt? Letztlich wird man es, wie wir an den Beispielen gesehen haben, auch schaffen, alle Punkte irgendwie mit dem Herrn und mit den Fundamenten des Christentums, der Schöpfungsordnung Gottes oder Ähnlichem in Verbindung zu bringen. Dann braucht man nur noch auf die „Gleichgültigkeit“ der anderen diesen wichtigen Themen gegenüber hinzuweisen und die Schlussfolgerung ist für jeden zwingend: Trennung. Und tatsächlich ist alles wichtig, was Gott sagt, und nichts ist nebensächlich. Doch jetzt wird vergessen: Wenn es um das Thema Trennungen geht, ist die Frage, ob nach dem Wort Gottes etwas „nebensächlich“ oder „wichtig“ ist, gar nicht entscheidend. In dem Artikel „Verstöße gegen die Wahrheit ‚Da ist ein Leib‘“ haben wir aufgezeigt, um welche Fragen es beim Thema Trennungen in Wirklichkeit geht.

Bruder W. Kelly hat zu Recht geschrieben:

In dem Moment aber, wo man anfängt, Leute um eine spezielle Person, Ansicht oder System herum zu sammeln, bildet man nur eine Sekte. Auch wenn eine Gruppe viele Glieder Christi umfasst, so bildet sie doch nur eine Partei, wenn die Grundlage ihrer Vereinigung nicht auf Christus, sondern auf Meinungsunterschiede gegründet ist, die so ein spezielles Erkennungszeichen und Erkennungsmittel wird, um zwischen Kindern Gottes zu trennen. […] Es geht nicht darum, die Leute zu nötigen, ihre Ansichten aufzugeben und unsere anzunehmen, auch wenn diese noch so korrekt sind. Gottes Wort gibt uns in dem Namen Christi die Grundlage, auf der wir alle Gläubigen umfassen können, mögen diese noch so schwach und voller Vorurteile sein.[5]

Wir wollen bedenken: Nach Galater 5,19-21 steht Sektiererei auf der gleichen Ebene wie Hurerei, Götzendienst und Totschlag: „Offenbar aber sind die Werke des Fleisches, welche sind: Hurerei, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten, Neid, Totschlag, Trunkenheit, Gelage und dergleichen.“

 

Anmerkungen

[1] Der Begriff „Sekte“ wird hier nicht in dem heute gängigen Sinn verstanden, dass es sich um christliche Gruppen (wie die Zeugen Jehovas oder die Mormonen) handelt, die fundamentale Irrlehren vertreten. Der Begriff „Sekte“ wird in diesem Artikel vielmehr im biblischen Sinn verstanden: dass jede christliche Gruppe eine Sekte ist, die mehr Bedingungen für die Gemeinschaft aufstellt als die Schrift und die damit den Kreis der Gemeinschaft kleiner macht, als die Schrift es erlaubt.

[2] W.J. Lowe, Life and Propitiation.

[3] Kelly-Lowe-Continental-Brüder. Eine wiedervereinigte Brüdergruppe aus Kelly- und Lowe(!)-Brüdern und der größten Brüdergruppe (sogenannte „geschlossene Brüder“) des europäischen Festlandes.

[4] W.J. Ouweneel, Het verhaal van de „Broeders“, Bd. 2, S. 359.

[5] W. Kelly, Lectures on the Epistle of Paul, the Apostle, to the Ephesians, with a new Translation. Siehe auch den Artikel „Die Einheit des Geistes“ von William Kelly.

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