Was haben die Christen mit dem neuen Bund zu tun?

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© Soundwords, online seit: 28.11.2017, aktualisiert: 29.11.2017

„Denn dies ist der Bund, den ich dem Haus Israel  errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Indem ich meine Gesetze in ihren Sinn gebe, werde ich sie auch auf ihre Herzen schreiben; und ich werde ihnen zum Gott und sie werden mir zum Volk sein.“
Hebräer 8,10

Einleitung

Manche christliche Gemeinschaften würden die Frage in der Überschrift mit „Alles!“ beantworten. Nach ihrer Überzeugung ist alles Handeln Gottes „Bund“-bestimmt und hat jede Wahrheit in irgendeiner Weise mit dem Bund zu tun, der „selbstverständlich“ mit den Christen bzw. mit der Gemeinde geschlossen sei. Andere christliche Gemeinschaften würden diese Frage mit „Nichts!“ beantworten. Ihrer Ansicht nach hat der neue Bund allein mit Israel zu tun.

Den Ersten – nach deren Ansicht die Gemeinde „alles“ mit dem neuen Bund zu tun hat – möchten wir sagen: Der neue Bund beinhaltet die Vergebung von Sünden und Ungerechtigkeiten sowie ein neues Herz, auf welches das Gesetz geschrieben ist (Heb 8,10; 10,16).[1] Aber der neue Bund geht nicht darüber hinaus; er hat niemals mit dem Eingang in das himmlische Heiligtum, in die Gegenwart Gottes zu tun. Dieser Platz bleibt der priesterlichen Familie – den Gläubigen der Gemeinde – vorbehalten.[2]

Wenn der Kelch beim Mahl des Herrn erwähnt wird, dann wird er uns in unterschiedlichem Charakter gezeigt. Das Ausmaß des Segens ist bei dem „Kelch der Segnung“ (1Kor 10,16) viel größer als der Segen bei dem Kelch des neuen Bundes (1Kor 11,25). Der „Kelch der Segnung“ umfasst den ganzen Reichtum der Gnade, der in dem Wert des Blutes Christi zu uns gekommen ist, und schließt damit himmlische Segnungen, die das ausschließliche Vorrecht der Gemeinde sind, mit ein. Das Wort Gottes sagt in Römer 9,3-5 ausdrücklich, dass die Bündnisse – und dazu gehört auch der neue Bund – dem Volk Israel nach dem Fleisch gehören: „… für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch, die Israeliten sind, deren die Sohnschaft ist und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Dienst und die Verheißungen; deren die Väter sind und aus denen, dem Fleisch nach, der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit.“

Die Letzteren – nach deren Meinung der neue Bund gar nichts mit der Gemeinde zu tun hat – möchten wir fragen: Ist der Apostel Paulus nicht auch für uns „Diener des neuen Bundes“ geworden (2Kor 3,6)? Trinken wir nicht beim Brotbrechen – einem der zentralen Elemente des Gemeindelebens – nach 1. Korinther 11,25 aus einem Kelch, der „der neue Bund in meinem Blut“ ist? Wie sollten wir als Christen dann nichts mit dem neuen Bund zu tun haben? Durch den Dienst des neuen Bundes dürfen wir den Segen erfahren, dass sich Gottes Haltung dem Menschen gegenüber grundsätzlich verändert hat.

Was bedeutet der Bund Gottes?

Ein Bund regelt eine Beziehung oder ein Verhältnis zwischen Mensch und Gott auf der Erde durch von Gott aufgestellte Bedingungen, unter denen der Mensch mit Ihm leben soll. Der Bund ist also eine durch Gott festgesetzte Regelung, die alles so anordnet, wie Er es auf der Erde wünscht. Diese Regelung schließt die Haltung des Menschen mit ein. Damit hat diese Regelung zwei Seiten und ist also ein Bund. Gott gibt die Ordnung vor und der Bündnispartner unterwirft sich dieser Anordnung. Beim alten Bund waren diese Beziehungen so eingerichtet, dass Gott Forderungen an den Menschen (genauer gesagt an das Volk Israel, mit dem der Bund geschlossen war) stellte und Segen versprach, wenn der Mensch diese Gebote hielt. So offenbart Gott sich selbst seinem Volk und durch sein Volk der ganzen Schöpfung.

Gemäß dem Wort Jesu „Geben ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35) tritt Gott im neuen Bund nicht länger als der Fordernde auf, sondern als der große Geber: Er fordert nichts mehr vom natürlichen Menschen, weil sich gezeigt hatte, dass der Mensch im Fleisch vollkommen verderbt ist. Aus diesem Grund hat Gott ihn auf dem Kreuz im Tod Christi verurteilt und völlig beiseitegesetzt (Röm 6,6). Das Kreuz ist in der Tat der deutlichste Beweis der totalen Verderbtheit des Menschen, weil es zeigt, dass der Mensch es tatsächlich gewagt hatte, den Sohn Gottes an das Kreuz zu nageln. Doch das Kreuz ist andererseits auch gleichzeitig der deutlichste Beweis für die Güte Gottes, denn Gott hat alle Forderungen, die Er aufgrund seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit stellen musste, in seiner unendlichen Gnade an Christus gestellt: Christus ist der Mittler des neuen Bundes, der alle diese heiligen Forderungen Gottes vollkommen erfüllt hat. Nun muss Gott den Menschen nicht mehr verdammen, sondern Er kann denjenigen segnen, der sich auf das Blut stützt, das dieser Mittler gegeben hat.

Der Herr Jesus kündigte am letzten Abend vor der Kreuzigung an, dass in dem Blut, das Er geben würde, der neue Bund inbegriffen wäre: „Ebenso auch den Kelch nach dem Mahl und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,20). Der Herr Jesus bezog sich damit auf die Verheißung des neuen Bundes in Jeremia 31,31-33. Danach würde Er durch seinen Tod die Grundlage dafür schaffen, dass sich auch diese alt­tes­ta­ment­liche Prophezeiung erfüllen könnte. Niemals hätte es sonst die Vergebung (Heb 10,17.18) durch diesen Bund geben können. Christus hat sein Blut gegeben, und den Juden wurde die Gnade angeboten; sie wollten sie jedoch nicht haben. Petrus forderte sein Volk förmlich zu Buße und Bekehrung auf, damit Christus wiederkommen könnte. Der neue Bund hätte also eingeführt werden können, wenn das Volk Buße getan hätte – alles war bereit –, und alle Verheißungen des Alten Testamentes wären da­mit in Erfüllung gegangen (Apg 3,19-21). Doch das Volk Israel lehnte seinen Messias nach dessen Tod, Auf­er­ste­hung und Himmelfahrt weiterhin ab und besiegelte seine endgültige Ablehnung und Verwerfung mit der Steinigung des Stephanus (Apg 7). Damit konnte der neue Bund, der schon mit dem Blut Christi besiegelt war, vorerst nicht ein­geführt werden, sondern musste auf eine unbestimmte Zeit verschoben werden (Röm 11,25). Gott machte nun durch seine Diener bekannt (Apg 8), dass stattdessen „zuerst“ (Apg 15,14) die Nationen gesegnet werden sollten.

Es ist bemerkenswert, dass gerade dann, als allen klarwurde, dass der neue Bund noch nicht in Erfüllung gehen konnte, zum ersten Mal der Apostel Paulus – damals noch Saulus, der Verfolger der christlichen Gemeinde – erwähnt wird (Apg 8,1-3). Bereits wenige Verse nach dem Bericht über die Steinigung des Stephanus (Apg 7) berichtet die Schrift von der Bekehrung des Saulus (Apg 9,1-19), von seinem Zeugnis vor den Nationen (Apg 9,15) und von seinem besonderen Auftrag, das Geheimnis des Christus zu offenbaren (vgl. Apg 26,16). Die Steinigung des Stephanus war ein einschneidendes Ereignis, mit dem das Volk unübersehbar deutlich und endgültig seine Verwerfung des Messias bewiesen hatte. Daraufhin wandte Gott sich von seinem Volk ab und setzte es vorerst beiseite. Er begann etwas völlig Neues, indem Er sich nun den Nationen zuwandte. Die Juden hatten sich ihr Urteil – ihre zeitweilige Beiseitesetzung – durch ihr Verhalten selbst zugezogen.

Der Wechsel vom Alten zum Neuen ist hier in Apostelgeschichte 8 und 9 aufs deutlichste zu sehen, da nach der Steinigung des Stephanus die Schrift so­gleich mit dem Bericht über das Zeugnis der Gläubigen vor den Nationen fortfährt.[3] Daraus und aus der Tatsache, dass der Apostel Paulus von Gott den Auftrag bekam, das Geheimnis des Christus zu offenbaren, kann man jedoch nicht schließen, der Bund sei mit den Christen geschlossen worden. Er kann auch deshalb nicht ein neuer Bund mit den Christen sein, weil sie nie unter einem alten Bund gestanden haben.[4] Anstatt dass der neue Bund erfüllt wird – die Erfüllung wird einstweilen zurückgestellt –, wird etwas völlig Neues offenbart. Wir haben mehrfach nachgewiesen, dass dieses Neue nichts mit den Verheißungen des Alten Testamentes zu tun hat.

Der Kelch spricht also von dem Blut des Bundes, „das für viele vergossen wird“ (Mt 26,28; Mk 14,24). Er zeigt, dass das Blut Christi eine gerechte Grundlage zur Vergebung der Sünden ist, auf der Gott seine Beziehungen der Liebe zwischen Ihm selbst und seinem Volk aufrichten kann. Auf die Erfüllung dieser Freude wartet Er. Der erste Bund hatte versagt. Dieser Bund hatte dem Volk die Liebe Gottes nicht deutlich kundgemacht, weil Gott als der Fordernde auftrat, und dieser Bund hatte sein Volk nicht in eine Stellung gebracht, die es passend für seine Liebe gemacht hätte. Der neue Bund tut beides: Er macht erstens die Liebe Gottes bekannt, der nun die Gesetzeserfüllung nicht mehr fordert, sondern schenkt (Heb 10,16b) und die Sünden vergibt (Heb 10,17), und er liefert zweitens eine gerechte Grundlage, auf der das Volk Gottes durch das Opfer Christi für Gottes Liebe passend wird (Heb 10,12-16a). Diese Verbindung zwischen Gott und seinem Volk kann niemals mehr verändert oder beeinträchtigt werden, weder von Gottes Seite noch von der Seite des Menschen. Es ist ein vollkommener Bund. Der Mensch muss nun im neuen Bund keine Verpflichtungen mehr erfüllen. Der Bund kann auch nicht mehr verändert werden, denn das Blut hat bereits alles be­siegelt. Das ist wirklich etwas völlig „Neues“. Auf dieser Grundlage der unumschränkten Gnade Gottes stehen wir Christen heutzutage bereits in einer lebendigen Beziehung zu Gott. Insoweit treffen die Segnungen des neuen Bundes, der in der Zukunft für Israel buchstäblich Wirklichkeit werden wird, schon heute auf uns zu.

Dieser neue Bund ist bereits von Gottes Seite aus ratifiziert[5] (siehe auch Heb 8,6). Da aber das Volk Israel bis heute seinen Messias ablehnt, konnte und kann der neue Bund allerdings noch nicht geschlossen werden. Die Gegenpartei des Bundes, nach Jeremia 31,31 ganz eindeutig das „Haus Isra­el“ und das „Haus Juda“, ist zur „Vertragsunterzeichnung“ noch nicht erschie­nen. Und genau an diesem Punkt finden wir den Raum für den Einschub der Ge­meinde- bzw. Gnadenzeit. Solange die Decke auf ihrem Herzen liegt (2Kor 3,14-16), kann der neue Bund mit dem Volk nicht geschlossen werden. Weil wir den Mittler des neuen Bundes kennen, dürfen wir in der Zwischenzeit auf der Grundlage des Blutes des neuen Bundes, das die neuen Beziehungen Gottes zu dem Menschen auf der Erde regelt, vor Gott bereits so stehen, wie in der Zukunft einmal das Haus Israel stehen wird, wenn der buchstäbliche neue Bund geschlossen wird. Doch nicht nur genau „so“! Wie viel größer sind nämlich die Vorrechte, mit dem Mittler dieses Bundes selbst verbunden zu sein, als unter dem Bund zu stehen.[6] Deswegen ist der Apostel auch nicht der Diener des Bundes dem Buchstaben nach, sondern dem Geist nach (2Kor 3,6).

Manche haben aus der Tatsache, dass wir „zu Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes“ gekommen sind (Heb 12,24), gefolgert, der neue Bund sei demzufolge nicht mit den Israeliten, sondern mit uns Christen geschlossen worden. Aber den Mittler des neuen Bundes zu kennen, bedeutet nicht zwangsläufig, auch Bündnispartner zu sein. Wenn zwei Parteien einen Bund schließen, kann das für eine dritte Partei, die nicht unmittelbar mit diesem Bund zu tun hat, sehr segensreich sein. Wenn die Großmächte der Welt Bündnisse (zum Beispiel Nichtangriffspakte) mit­ein­an­der schließen, kann das für den Rest der Welt sehr segensreich sein, obwohl die Völker keine Bündnispartner sind. Und so kennen wir, die Gemeinde aus Juden und Heiden, den Mittler des neuen Bundes, ohne selbst Bündnispartner zu sein.

Der Dienst des neuen Bundes

Diener des neuen Bundes (2Kor 3,6)

2Kor 3,6: … Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.

Inwiefern war Paulus ein „Diener des neuen Bundes“? Paulus hatte verschie­dene Dienste als Apostel. In Kolosser 1,23-25 lesen wir von seinem Dienst am Evangelium und von seinem Dienst an der Versammlung. Der Dienst der Versöhnung (2Kor 5,18) betont, dass der Christ eine neue Schöpfung ist, mit neuen Beziehungen, die wichtiger sind als die irdischen verwandtschaft­lichen Beziehungen. Nach 2. Ko­rin­ther 3,6 waren die Apostel und Propheten des Neuen Testamentes auch geistlicherweise Diener des neuen Bundes. Nun, Paulus und seine Mitarbeiter – und das gilt auch heutzutage für Diener Gottes, die zu diesem Dienst berufen sind – standen nicht auf der alten Grundlage „des Buchstabens, der tötet“, dem Gesetz, sondern auf der neuen Grundlage „des Geistes, der lebendig macht“. Das, was das alte, gesetzliche System nie hatte vollenden können, wurde jetzt in dem Evangelium der Gnade allen Menschen verkündigt. An die Stelle des „Dienstes der Verdammnis“ war der „Dienst der Gerechtigkeit“ getreten (2Kor 3,9).

Somit ist der Dienst des Bundes das wunderbare Zeugnis davon, dass alles, was zuvor Gültigkeit hatte, beiseitegestellt wurde. Der erste Mensch (das ist der Mensch als Nachkomme des gefallenen Adams) und ausnahmslos jedes System, das bisher eine spezielle Grundlage für die Beziehung des Menschen zu Gott gelegt hatte – wie zum Beispiel das Gesetz –, wurden beiseitegestellt. Obwohl der neue Bund im buchstäblichen Sinn erst mit den beiden Häusern Israels errichtet werden wird, sind seine geistlichen Grundsätze doch schon heute im Christentum ans Licht gebracht worden; diese Grundsätze verkündigte Paulus.

Im griechischen Grundtext fehlt in 2. Korinther 3,6 vor dem Begriff „neuer Bund“ der Artikel, so dass man auch übersetzen kann: „… der uns zu neuen-Bundes-Dienern tüchtig gemacht“, mit anderen Worten: … der uns Fähigkeit verliehen hat, in dieser neuen-Bundes-Ordnung dem Geist nach zu dienen, das heißt ent­spre­chend den Gedanken Gottes, die mit dem verherrlichten Herrn zu tun haben (2Kor 3,17.18). – Es handelt sich an dieser Stelle nicht so sehr um den Dienst des neuen Bundes, sondern um das kennzeichnende Merkmal des neuen Bundes.[7] Paulus spricht nicht davon, dass er unter dem neuen Bund ist, sondern beschreibt vielmehr den Charakter seines Dienstes. Der neue Bund ist ein Ausdruck souveräner Gnade, und daher ist Gnade das Kennzeichen des Dienstes des neuen Bundes. Der Dienst ist nicht cha­rak­te­ri­siert durch den Buchstaben – das Äußere[8] –, sondern durch den Geist, das Innere: die unter der äußeren Form verborgenen Gedanken Gottes[9], die nur der Glaube sehen kann. Der alte Bund, der mosaische Bund, war durch das Äußere cha­rak­te­ri­siert, wenn auch einige – denken wir nur an den Dichter des 119. Psalms – das Innere gesehen haben. Im Gegensatz dazu ist der neue Bund cha­rak­te­ri­siert durch das Innere, auch wenn es äußere Formen[10] darin geben wird.

  • Exkurs zum Wort „Geist“ in 2. Ko­rin­ther 3
    • Das Wort „Geist“ wird hier in verschiedenen Bedeutungen benutzt, wobei die eine Bedeutung die andere ablöst. Daher ist nicht immer eindeutig zu entscheiden, welche Bedeutung vorliegt. Vermutlich soll damit die Wesensverwandtschaft angedeutet werden, so dass es manchmal wohl mehrere Bedeutungen gleichzeitig haben kann.
    • In 2. Korinther 3,6a hat das Wort in Verbindung mit Vers 3 hauptsächlich die Be­deutung „eine Sache des Herzens, das Innere, das Wesen“ im Gegensatz zu den äußeren Buchstaben auf Steintafeln.
    • 2. Korinther 3,6b scheint sich bezüglich der Bedeutung des Wortes „Geist“ hauptsächlich auf Vers 6a und den nächsten Satz nach dem Klam­mer­einschub[11] (2Kor 3,7-16), also Vers 17a, zu beziehen. Es geht hier um die Gedanken Gottes, die unter der äußeren, sichtbaren Form verborgen sind.
    • Nach dem Klammereinschub wird in 2. Korinther 3,17a das Wort „Geist“ mit dem Herrn selbst gleichgesetzt; dabei geht es wieder hauptsächlich um das Wesen, also das Innere. Der Geist, die Gedanken Gottes unter der äußeren Form, hat den Herrn zum Mittelpunkt, so wie Er hier vorgestellt wird: von Herrlichkeit umgeben und Herrlichkeit ausstrahlend.
    • In 2. Korinther 3,17b ist hauptsächlich der Heilige Geist gemeint.
    • In 2. Korinther 3,18 wird das Wort „Geist“ mit dem Herrn gleichgesetzt. Hier ist hauptsächlich der Heilige Geist gemeint, der ebenso Herr (= Gott) ist wie der Vater und der Sohn (eine Andeutung der Dreieinheit) und der uns durch die Beschäftigung mit Christus, genauer gesagt mit seiner Herrlichkeit, in sein Bild verwandelt (2Kor 3,18).

Buchstäblich gilt der neue Bund zwar nicht für uns Christen – da er dem Buchstaben nach mit Israel geschlossen wird –, aber nach dem Geist haben auch wir damit zu tun (2Kor 3,6). Dieser Geist ist der verherrlichte Herr (2Kor 3,17). Der Bund hätte auch uns „getötet“, das heißt von den Segnungen ausgeschlossen, wenn Paulus den neuen Bund nach dem Buchstaben bedient hätte.

Der neue Bund kann nur für das Volk Israel sein, das bereits einen alten Bund kannte. Hier gibt es übrigens einen grundlegenden Unterschied zwischen Israel und der Gemeinde: Bei dem buchstäblichen neuen Bund wird der Buchstabe des Gesetzes auf ihr Herz geschrieben (Heb 8,10); in unser Herz aber schreibt der Geist die Person Christi (2Kor 3,1-6.17), so dass wir ein Brief Christi sind (2Kor 3,3).[12] Obwohl hier ein Unterschied zwischen der Gemeinde und Israel vorhanden ist, wollen wir ihn – was die Zukunft betrifft – nicht übermäßig betonen.

Christus war gekommen, um das Gesetz zu der von Gott bestimmten Fülle zu bringen, das heißt völlig zur Geltung zu bringen („zu erfüllen“; Mt 5,17). Die durch Ihn offenbarte Liebe Gottes ist der tiefste – geist­liche – Inhalt des Gesetzes, ja „die Summe des Gesetzes“ (Röm 13,10). Auch wenn das Gesetz buchstäblich (wörtlich) auf die Herzen des Volkes geschrieben wird, so kann doch – nachdem Christus einmal gekommen ist – die Fülle und die Offenbarung des tiefen Inhalts des Gesetzes nicht rückgängig gemacht werden. Also wird es sich bei dem Buchstaben, der dem Volk Israel ins Herz geschrieben wird, nicht um den „kalten, toten“ Buchstaben handeln, sondern es wird das Gesetz sein in der Fülle, die Christus ihm gegeben hat.

Beachten wir: Nicht der Buchstabe an sich tötet, sondern er tötet dann, wenn es sich nur um den Buchstaben, nur um das Äußere handelt. Das Wichtige ist, dass der Geist nicht von dem Buchstaben getrennt wird, sondern dass beide zusammengehalten werden.

Der Vers 6 in 2. Korinther 3 steht übrigens in unmittelbarer Verbindung mit Vers 17; die Verse 7-16 sind ein Einschub. Es heißt also eigentlich: „6 Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig … 17 Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, ist Freiheit. 18 Wir alle aber, … die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt …, als durch den Herrn, den Geist“ (2Kor 3,6.17.18). Hier finden wir den Herrn und den Geist in bemerkenswerter Weise mit­ein­an­der verbunden, ja gewissermaßen gleichgesetzt. Der Geist ist der Geist des Herrn, der Geist Christi, und Er ist auch der Geist Gottes. Wir sind gewohnt, zwischen den einzelnen Personen der Gottheit zu unterscheiden, so dass wir sie allzu leicht voneinander trennen und damit in der Gefahr stehen, die Wahrheit von der Einheit der Gottheit aus dem Auge zu verlieren.

Der Herr ist der lebendig machende und mit seinem Geist Freiheit bringende Wesensinhalt des neuen Bundes. Das ist die geist­liche Grundlage des neuen Bundes im Gegensatz zu dem Buchstaben; der Buchstabe ist das Äußere. Der Mensch braucht das, was der Geist ist, und nicht nur das, was der Buchstabe ist.

Wenn wir die Herrlichkeit des Herrn anschauen, wird das eine gewaltige Auswirkung auf uns haben (2Kor 3,18), denn wir sehen den Herrn nicht in seiner Erniedrigung wie zur Zeit seines Erdenlebens, sondern in Verbindung mit seiner Herrlichkeit, die Er als der Auferstandene im Himmel hat. Erst als der Auferstandene ist Er der Geist des neuen Bundes. Wir werden verwandelt werden; dies konnte der Buchstabe allein niemals bewirken. Es ist der Geist der Sache, die unter der Sache liegenden Gedanken Gottes, um die es geht. So lesen wir zum Beispiel in 2. Korinther 4,13: „… so glauben auch wir, da­rum reden wir auch.“ Der Apostel war also mit dem Geist der Sache, das heißt mit den tiefer liegenden Gedanken Gottes, beschäftigt, nicht mit dem Buchstaben. Es ging um das Leben, den Inhalt der Sache. Wir müssen das Leben in dem Herrn finden, und wenn wir das Leben in Ihm finden, so haben wir es nicht allein in dem Buchstaben der Schrift, sondern in einer Person. Das Evangelium belehrt uns nicht nur durch Bibeltexte, sondern führt uns zu einer Person.

Darüber hinaus haben wir es mit jemandem zu tun, der nicht nur Vergebung bringt. Er macht in sich selbst nicht nur die Gnade und Liebe Gottes bekannt. Vielmehr macht Er auch alle diejenigen lebendig, die an Ihn glauben. Dieser Glaube hat zur Folge, dass sie in der Er­kennt­nis Gottes leben und in Freiheit des Geistes vor Gott stehen können (2Kor 3,17) als solche, die selbst den Geist des Herrn haben. Weil sie nicht unter Gesetz, sondern von allen Bindungen frei sind, kann der Heilige Geist an ihnen handeln und sie dazu bewegen, Gott als Antwort auf seine Liebe Anbetung zu bringen und Ihm dankbar ihr Leben zu weihen. Dadurch wird etwas von der Herrlichkeit Christi an ihnen sichtbar. Das ist diese Verwandlung von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, von der der nächste Vers spricht (2Kor 3,18). Damit wird der Charakter dessen umschrieben, was das Christsein heute innerlich ausmacht.

Wenn wir also hier von dem „Geist“ lesen, so schwingt dabei von allen diesen Gedanken etwas mit: Es ist unser Herr Jesus, der Heilige Geist, der wahre Inhalt des Bundes, das Wesen der Botschaft Gottes, die lebendige Beziehung zwischen Gott und Mensch, die Gott mit dem Bund eingerichtet hat. Allerdings ist der Schwerpunkt in den einzelnen Versen unterschiedlich – siehe obiger Exkurs.

Paulus war ein Diener des neuen Bundes für uns nach dem Geist, aber er konnte es nicht nach dem Buchstaben sein (2Kor 3,6), weil der Bund mit Israel geschlossen wird. Das Volk Israel dagegen wird in der Zukunft keinen besonderen Diener brauchen, denn jeder wird es wissen, wenn Gott, mit Ehrfurcht gesagt, als ihr Diener das Gesetz auf ihre Herzen schreibt; dann wird der Bund mit allen Eigenschaften in Kraft treten.

Auch uns gelten die herrlichen Segnungen des neuen Bundes. Wir können sie genießen, weil wir mit dem Mittler des neuen Bundes verbunden sind, weil Er unser Leben geworden ist, weil Er in unser Herz geschrieben ist und weil wir die Vergebung der Sünden haben. Die Vergebung und die Erneuerung, die dem Volk Israel im neuen Bund versprochen werden (Heb 10,15-17), gehören uns bereits heute, und das in reicherem Maß, als das Volk Israel sie dann besitzen wird. Die Beziehung Gottes zu den Menschen im Allgemeinen hat sich mit dem neuen Bund grundsätzlich geändert: Gott fordert nämlich nichts mehr vom Menschen, was dieser ohnehin nicht halten kann, sondern Er gibt. Schon heute kommen die Gläubigen der Epoche der Gemeinde auf der Grundlage der Gnade in den Segen des neuen Bundes, bevor er tatsächlich für die zwei Häuser Israel wirksam wird.

Wir halten also fest, dass der neue Bund buchstäblich nur dem zukünftigen, wiederhergestellten Israel gilt, der Segen dieses Bundes aber auch zu uns kommt. Insofern hat der Bund zwar keine buchstäbliche, aber doch eine geist­liche Bedeutung für uns. Das Gesetz vom Sinai, das Äußere, sicherlich angereichert mit der vollen Bedeutung der Gedanken Gottes, dem Geist, wird buchstäblich auf das Herz Israels geschrieben, aber in uns wird Christus selbst geschrieben.

So werden übrigens auch die Nationen im Tausendjährigen Reich zwar nicht im neuen Bund sein, aber dennoch davon Nutzen haben, dass sich Gottes Haltung gegenüber dem Menschen geändert hat. Auch sie dürfen, wenn sie glauben, Vergebung empfangen. Auch sie brauchen dann keine Forderungen Gottes zu erfüllen, um seinen Segen zu erlangen.

Der Dienst der Gerechtigkeit (2Kor 3,9)

2Kor 3,9: Denn wenn der Dienst der Verdammnis Herrlichkeit hat, so ist noch viel mehr der Dienst der Gerechtigkeit überströmend in Herrlichkeit.

Paulus beschreibt seinen Dienst auf zweierlei Weise: als „Dienst der Gerechtigkeit“ (2Kor 3,9) und als „Dienst des Geistes“ (2Kor 3,8). Diese beiden Seiten laufen parallel zu den zwei Kennzeichen des neuen Bundes, wie wir sie beim Propheten Jeremia und im Hebräerbrief finden. Der Dienst der Gerechtigkeit läuft parallel zu dem Kennzeichen der Vergebung der Sünden, und der Dienst des Geistes läuft parallel zu dem Kennzeichen des Einschreibens des Gesetzes auf die Herzen.

Der „Dienst der Gerechtigkeit“ steht dem „Dienst der Verdammnis“ (2Kor 3,9) gegenüber. Der Dienst des alten Bundes war ein Dienst des Todes, der nur zur Verdammnis führen konnte. Weil der Mensch kraftlos ist, das Gute zu tun, konnte der Dienst unter dem Gesetz nur Tod und Verdammnis hervor­brin­gen (2Kor 3,7).[13] Aber das Werk, das Christus für uns vollbracht hat, bringt die Gerechtigkeit: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2Kor 5,21). Gerechtigkeit bedeutet: Jedem wird das Seine gegeben. Allen Anforderungen Gottes ist durch das Versöhnungswerk des Herrn Jesus vollkommen Genüge ge­tan: Gott wurde das, was Ihm zusteht, vollständig und vollkommen gebracht. Damit steht der Mensch, der mit Christus verbunden ist, als Gerechter vor Gott. Es gibt keine Sünden mehr, die ihn vor Gott zu einem Schuldigen ma­chen könnten; sie sind alle vergeben. Sünde bleibt bei einem Gläubigen natürlich eine sehr ernste Sache, aber sie ist keine Angelegenheit mehr zwischen ihm als Mensch zu Gott, sondern als Kind zum Vater.

Der heutige Dienst der Gerechtigkeit fordert nicht, sondern offenbart und schenkt uns göttliche Gerechtigkeit durch den Glauben an Jesus Christus (2Kor 3,9; Röm 3,25; 5,1; Phil 3,9). Alle unsere Sünden hat unser Retter getragen und hinweggetan. Gott sieht uns in Ihm als gerecht und tadellos.

Der Dienst des Geistes (2Kor 3,7.8)

2Kor 3,7.8: 7 Wenn aber der Dienst des Todes … in Herrlichkeit begann, so dass die Söhne Israels das Angesicht Moses nicht unverwandt anschauen konnten wegen der Herrlichkeit seines Angesichts, die weggetan werden sollte, 8 wie wird nicht viel mehr der Dienst des Geistes in Herrlichkeit bestehen?

Die zweite Seite des Dienstes des Bundes besteht in dem „Dienst des Geistes“ (2Kor 3,8). Der „Dienst des Geistes“ steht dem „Dienst des Todes“ gegenüber (2Kor 3,7). Der Dienst des alten Bundes richtete sich nach dem aus, was auf steinerne Gesetzestafeln geschrieben war und das niemand halten konnte. Deshalb war er ein Dienst des Todes und konnte nur zum Tod führen. Aber das Werk des Heiligen Geistes in uns beinhaltet, dass Er Christus, das ewige Wort, in unsere Herzen schreibt, und das ist mit göttlichem Leben verbunden. Die Auswirkung davon ist, dass Christus unseren Herzen groß wird und wir etwas von Ihm widerspiegeln.

So wie die Menschen, repräsentiert durch die Israeliten, einmal auf steinernen Tafeln lesen konnten, was Gottes Gerechtigkeit im Gesetz forderte, so sol­len die Menschen heutzutage in uns lesen können, was Gottes Gnade dem Menschen anbietet. Wie aber wird es möglich, dass der Brief Christi, geschrieben in den Herzen der Gläubigen, gut lesbar ist, so dass durch das Leben der Christen und besonders durch das Leben der Gemeinde der Charakter Christi für alle Menschen sichtbar wird? Christus kann nur dann in uns gesehen werden, wenn wir als Gläubige auf einen lebendigen Christus in der Herrlichkeit sehen und dadurch in sein Bild verwandelt werden: „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist“ (2Kor 3,18). Im Anschauen der Herrlichkeit des Herrn liegt eine umwandelnde Kraft, die allen Gläubigen, ob jung oder alt, zur Verfügung steht, nicht nur den Aposteln; deshalb schreibt Paulus „wir alle“ und nicht „wir Apostel“.

Diese „Verwandlung“ erreichen wir nicht durch eigene Anstrengung, wenn wir uns zum Beispiel einen hingegebenen Gläubigen in unserer Nähe zum Vor­bild nehmen. Wir werden nur verwandelt werden, wenn wir die Herrlichkeit des Herrn anschauen. Es gibt keine Decke auf dem Angesicht des Herrn wie bei Mose, der die Herrlichkeit Gottes, die sich auf seinem Gesicht widerspiegelte, vor dem Volk verdecken musste (2Mo 34,33-35; vgl. 2Kor 3,13). Wenn wir Ihn anschauen, wird nicht nur jede Decke der Finsternis von unseren Herzen verschwinden, sondern wir werden Ihm moralisch immer ähnlicher und schließlich „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ verwandelt werden. Dann werden wir über alle Schwachheit und alles Versagen, das wir in uns selbst und in unseren Mitgeschwistern finden, sowie über alles Böse um uns herum erhoben werden und uns an der Vollkommenheit des Herrn erfreuen.

Der Dienst der Gerechtigkeit, den wir weiter oben behandelt haben, hat des­wegen mit dem Werk Christi für uns zu tun. Unsere Sünden sind beseitigt und wir sind gerechtfertigt worden. Der Dienst des Geistes dagegen hat Bezug auf das Werk des Geistes in uns. Der Heilige Geist hat in uns das neue Le­ben gewirkt und wirkt auch nach unserer Neugeburt weiter in uns, damit wir so verändert werden, dass Christus in uns Gestalt gewinnt und wir ein lesbarer Brief Christi werden. Das Versöhnungswerk Christi ist so groß, dass es sün­dige Menschen zu einem Monument der Gerechtigkeit Gottes macht; und das Werk des Geistes Gottes ist so groß, dass es Christus in unsere Herzen schreibt und uns schwache Menschen, zerbrechliche „irdene Gefäße“ (2Kor 4,7), zu Trägern der Herrlichkeit Gottes auf der Erde macht.

Der Dienst des Bundes und die Herrlichkeit (2Kor 3,8-11)

2Kor 3,8-11: … 8 wie wird nicht viel mehr der Dienst des Geistes in Herrlichkeit bestehen? 9 Denn wenn der Dienst der Verdammnis Herrlichkeit hat, so ist noch viel mehr der Dienst der Gerechtigkeit überströmend in Herrlichkeit. 10 Denn auch das Verherrlichte ist in dieser Beziehung nicht verherrlicht, wegen der überragenden Herrlichkeit. 11 Denn wenn das, was weggetan werden sollte, mit Herrlichkeit eingeführt wurde, wie viel mehr wird das Bleibende in Herrlichkeit bestehen!

Damit kommen wir jetzt zum Zentralthema des Dienstes des neuen Bundes: die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes auf der Erde.

Als Paulus den Gläubigen seinen Dienst erklärt, sagt er: Wir sind Diener des neuen Bundes (2Kor 3,6), und um zu erklären, was dieser Dienst beinhaltet, gebraucht er stets ein Schlüsselwort: Herrlichkeit. Was bedeutet das nun: Of­fenbarung von Herrlichkeit? Das ist die Ausstrahlung der inneren Vortrefflich­keiten Gottes. Alles, was von Gott offenbart wird, ist vortrefflich, herrlich, herausragend, vorzüglich und vollkommen. In seiner Souveränität wählt Gott verschiedene Wege, um sich zu offenbaren. Die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes ist die Zusammenfassung der Offenbarung der Liebe, Gerechtigkeit, Gnade, Heiligkeit, Barmherzigkeit, Majestät, Treue, Weisheit usw. Gottes, also aller hervorragenden Eigenschaften Gottes und seines Wesens.

Schon beim Bund mit Noah gab es eine Offenbarung der Herrlichkeit Gottes: Der Regenbogen, die vielfarbige Herrlichkeit in den Wolken, gibt auch heute noch Zeugnis von der Herrlichkeit Gottes und zeigt, wie die Herrlichkeit grund­sätzlich offenbart werden soll: aus dem Himmel. Der Bund mit Noah macht deutlich, dass es trotz Gottes strengem Handeln durch die Sintflut wegen der Sünde des Menschen (1Mo 6,5-7) eine Zukunft für das Menschengeschlecht gibt. In dem Sintflutpsalm 104 heißt es dazu: „Du sendest deinen Odem aus: Sie werden erschaffen, und du erneuerst die Fläche des Erdbodens. Die Herrlichkeit des Herrn wird ewig sein, der Herr wird sich an seinen Werken erfreuen“ (Ps 104,30.31). Zur Zeit Noahs war es noch ein Geheimnis, wie und in welcher Person der durch Noahs Vater Lamech prophezeite Trost „über unsere Arbeit und über die Mühe unserer Hände wegen des Erdbodens, den der Herr verflucht hat“ (1Mo 5,29), offenbart werden sollte. Dieser Tröster konnte nicht in der Person Noahs gefunden werden[14], sondern wies auf jemanden hin, der erst noch kommen musste: Christus.

Beim Bund mit Abraham wird vor allem die prüfende Heiligkeit der Herrlichkeit Gottes sichtbar: „… siehe da, ein rauchender Ofen und eine Feuerflamme, die zwischen jenen Stücken hindurchfuhr“ (1Mo 15,17). Auch das Zeichen dieses Bundes – das Messer der Beschneidung (1Mo 17,10) – ist ein Ausdruck göttlichen Gerichts.[15] Die Beschneidung – das scharfe Messer, das in das Fleisch schneiden muss – drückt aus, dass die Herrlichkeit nicht im Menschen zu finden ist.

Der Bund mit Israel war bereits etwas Herrliches, denn nachdem der Bund geschlossen worden war, durften die Führer Israels den Berg besteigen und den Gott Israels anschauen (2Mo 24,9.10). Doch die Erscheinung der Herrlichkeit war mit „Furcht und Zittern“ verbunden (Heb 12,21; vgl. 5Mo 9,19). Sie offenbarte sich einerseits in „dem entzündeten Feuer und dem Dunkel und der Finsternis und dem Sturm und dem Posaunenschall und der Stimme der Worte, deren Hörer baten, dass das Wort nicht mehr an sie gerichtet würde, denn sie konnten es nicht ertragen, was angeordnet wurde“ (Heb 12,18-20).

Andererseits finden wir die Herrlichkeit aber noch in weit­aus größerem Maß, als Mose zum zweiten Mal vom Berg Sinai herabstieg. Damals hatte Mose noch weit mehr von der Herrlichkeit Gottes gesehen, so dass sogar sein Angesicht strahlte und die Herrlichkeit Gottes widerspiegelte. Mose hatte Gott kennengelernt (2Mo 34,5-7). Gott hatte sich Mose offenbart, so dass er eine neue Seite der Herrlichkeit Gottes sehen durfte; diese Gnadenzusagen gingen weit über die Gerechtigkeit und Majestät Gottes hinaus: Gott ist nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig, gnädig und langsam zum Zorn und wollte mit dem Volk, das so schrecklich versagt hatte, sogar in Gnade mitgehen.

Weil das Volk Israel aber im Gegensatz zu Mose die Herrlichkeit Gottes nicht ertragen konnte, musste Mose eine Decke auf sein Angesicht legen, damit die Herrlichkeit, die von seinem Angesicht widerstrahlte, sie nicht „erschlug“ (2Mo 34,29-35). Aus diesem Grund konnten sie weder die Herrlichkeit sehen, die mit dem alten Bund verbunden war, noch konnten sie das Ziel (das Ende) des alten Bundes erkennen: die wahre Herrlichkeit in Christus (2Kor 3,13). Wenn die Herrlichkeit Gottes auch nur mit der kleinsten Anforderung an den Menschen verknüpft ist, kann der Mensch sie nicht ertragen.

In diesen Versen wird deutlich, wie eng der alte Bund mit dem Gesetz verknüpft ist, denn die Begriffe „alter Bund“ und „Mose“ („Gesetz“) werden in 2. Ko­rin­ther 3,14.15 nahezu gleichbedeutend gebraucht. Ein Bund (das gilt sowohl für den alten Bund als auch für den neuen Bund) drückt nicht nur eine besondere Beziehung zwischen den Bündnispartnern aus und formuliert diese Beziehung oder legt ihnen Verpflichtungen auf, sondern dieser Bund ist ein Bundesbuch und kann gelesen werden. Bereits der alte Bund war eine göttliche Offenbarung, bei der etwas sichtbar wurde von dem, was vor­her verborgen war. Er sollte gelesen werden, denn er war auf Steine geschrieben, mit Buchstaben, die nicht ungelesen bleiben sollten. Israel ver­steht heute ebenso wenig wie damals, was Gott offenbaren wollte, da noch „die Decke auf ihrem Herzen“ liegt (2Kor 3,15). Die Schwierigkeit liegt an der „Empfangsstation“ (ihre Herzen) und nicht an der „Sendestation“ (Gott). Wenn aber das Volk „zum Herrn umkehren wird, so wird die Decke weggenom­men“ (2Kor 3,16), so dass die Herrlichkeit Gottes sichtbar und lesbar wird. Dies erfüllt sich heute bereits bei jedem Juden – und vom Grundsatz her auch bei jedem Gläubigen aus den Nationen, obwohl bei ihm eine andere Decke[16] weggenommen wird –, der sich im Glauben Christus öffnet, und einmal wird sich dies ebenso bei dem ganzen Volk erfüllen.

Der Dienst des neuen Bundes hat nur mit Herrlichkeit zu tun (2Kor 3,8-11). Wenn schon der alte Bund Herrlichkeit war (2Kor 3,7.9), so wird der neue Bund ein Übermaß an Herrlichkeit sein (2Kor 3,8.9), da es in diesem Bund um die alles übertreffende Selbstoffenbarung Gottes in seinem Sohn geht. Der Herr Jesus, der Sohn des Menschen, befindet sich jetzt in der Herrlichkeit im Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, wo Ihn die Gläubigen bald sehen dürfen.

In unserem Abschnitt spricht jedoch nichts über den Himmel. Mit der Frage „Wo wirst du die Ewigkeit verbringen?“ reduzieren viele das Evangelium zu sehr auf den Himmel. Sicher ist die Frage, wohin der Mensch geht, wenn er stirbt, äußerst wichtig. Aber wir dürfen nicht bei dieser Frage stehenbleiben. Bei dem Dienst des neuen Bundes geht es nicht in erster Linie um den Himmel oder da­rum, wie wir in den Himmel kommen können, sondern da­rum, wie Gottes Herrlichkeit auf der Erde sichtbar werden wird. Ist denn die Herrlichkeit Gottes in Gefahr? Ja und nein. Im Himmel ist sie unantastbar. Doch wie sieht es auf der Erde aus? Wird Gottes Herrlichkeit auch auf der Erde offenbar werden? Durch den Sündenfall brachte der Mensch sich selbst in Not und Elend. Da wir ichbezogene Geschöpfe sind, ist dies unser erster Gedanke. Doch was hat der Sündenfall bei Gott bewirkt? Haben wir jemals darüber nachgedacht, dass dadurch Gottes Herrlichkeit verdunkelt wurde?

  • Wie sieht es mit Gottes Wahrheit aus: Hat Gott wirklich gesagt?
  • Wie sieht es mit Gottes Liebe aus: Ist Gott wirklich ein Gott der Liebe, wenn Er seinen Geschöpfen das Beste vorenthält?
  • Wie sieht es mit Gottes Weisheit aus: Ist Gott nicht kleinlich, wenn Er von einem bestimmten Baum im Garten so viel Aufhebens macht?
  • Wie sieht es mit Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit aus, wenn Er die Sünde ungestraft lässt und sogar vergibt?
  • Wie sieht es mit der Majestät Gottes aus, wenn Er diese Beleidigungen nicht ent­spre­chend bestraft?

Zusammengefasst könnten wir sagen: Wie sieht es mit der Herrlichkeit Gottes aus? Seit den ersten Einflüsterungen der Schlange (1Mo 3,1.4.5) hat sich der Mensch alle diese Fragen gestellt. Doch Gottes letzte Antwort darauf ist: Herrlichkeit auf der Erde – sichergestellt durch den neuen Bund im Tausendjährigen Reich.

Bei dem Dienst des neuen Bundes geht es nicht in erster Linie um uns – dass wir in Not und Elend waren (vgl. Röm 1–7), tot in Vergehungen und Sünden (vgl. Eph 2) und wie wir daraus erlöst beziehungsweise wie wir lebendig gemacht werden können –, sondern um Gott. Wie können die Einflüsterungen Satans widerlegt, wie kann die Ehre Gottes auf der Erde wiederherge­stellt und seine Herrlichkeit wieder offenbar werden? Die Frage lautet nicht: Wie finde ich als schuldiger Sünder einen gnädigen Gott?, oder: Wie komme ich in den Himmel?, sondern: Wie findet Gott einen Weg, um seine Herrlichkeit auf der Erde zu offenbaren?

Die Antwort Gottes auf diese Fragen ist der neue Bund. Im neuen Bund garantiert Gott selbst, dass seine Herrlichkeit auf der Erde sichtbar wird; und es ist gewaltig, dass diese Herrlichkeit nicht außerhalb des Menschen gesehen werden soll, sondern in Menschen, die den Einflüsterungen Satans (der Schlange) Glauben geschenkt und so die Herrlichkeit Gottes verdunkelt hatten. Gott hätte den in die Sünde gefallenen Menschen aus dem Weg schaffen, ihn endgültig und unwiderruflich beiseitesetzen und etwas Neues beginnen können, so wie der Töpfer ein missratenes Gefäß beiseitelegt und ein neues formt. Aber nein, gerade in den Menschen, in seinem irdischen Volk, wird Gott auf der Erde seine Herrlichkeit offenbaren. Der neue Bund garantiert, dass Gottes Herrlichkeit verwirklicht wird; er beschreibt sie uns in Ausdrücken, die für uns lesbar und verständlich sind, und dennoch offenbart Gott darin zugleich eine Herrlichkeit, die jeden Begriff übersteigt.

Vor zweitausend Jahren ist die göttliche Herrlichkeit in dem Menschen Jesus Christus auf der Erde offenbart worden. Auch heute noch sehen wir sie mit den Augen des Glaubens in dem „Angesicht“ des auferstandenen Gesalbten Gottes (2Kor 4,6): in Jesus Christus, dem Menschen nach dem Wohlgefallen Gottes, dem „Herrn der Herren und König der Könige“ (Off 17,14). Der Apo­stel Paulus schreibt über sich selbst und seine Mitarbeiter als Träger dieser Herrlichkeit Gottes in der Bildersprache eines römischen Triumphzugs: „Gott aber sei Dank, der uns allezeit im Triumphzug umherführt in Christus und den Geruch seiner Er­kennt­nis an jedem Ort durch uns offenbart! Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi in denen, die errettet werden, und in denen, die verloren gehen; den einen ein Geruch vom Tod zum Tod, den anderen aber ein Geruch vom Leben zum Leben“ (2Kor 2,14-16).

Das ist genau der Dienst des neuen Bundes: Gottes Herrlichkeit auf der Erde vor allen Menschen sichtbar werden zu lassen. Wenn die Erde durch Gericht gereinigt und der neue Bund mit Israel geschlossen sein wird, dann wird sich im Tausendjährigen Reich Gottes Herrlichkeit in Macht auf der Erde offenbaren. Zwar wird schon heute Gottes Herrlichkeit offenbar, jedoch nicht in Macht, sondern in größter Schwachheit. Diese Tatsache beschreibt Pau­lus im vierten Kapitel des zweiten Korintherbriefes, in dem er den Zusammenhang zwischen dem Offenbarwerden der Herrlichkeit und der Schwachheit unseres irdischen Daseins beschreibt. Die Vortrefflichkeit Gottes wird demzufolge heutzutage nicht in Majestät und Pracht offenbart, son­dern in der Schwachheit seiner Diener, die Verfolgung und Bedrückung und sogar den Tod erleiden, ein Weg, den sie nur in der Kraft Gottes gehen können.

Wie herrlich muss Gott sein, der seine Diener so führt, dass sogar durch ihr Leiden seine Herrlichkeit groß werden kann! Dieselbe Herrlichkeit will Pau­lus den Korinthern und damit auch uns in Herz und Leben schreiben, denn genau das ist sein Dienst: Christus in die Herzen der Gläubigen zu schreiben (2Kor 3,3), ein Brief, der von allen Menschen gelesen werden kann und in dem Gottes Herrlichkeit lesbar wird. Das gilt gleichermaßen für die Korinther damals wie auch für die Gläubigen heute. Gott schrieb im alten Bund mit seinem Finger die Zehn Gebote auf steinerne Tafeln, und Er schreibt heute in dem Charakter des neuen Bundes durch seinen Geist mittels seiner Diener die Herrlichkeit Christi in unsere Herzen. Im Tausendjährigen Reich wird die Erde „voll der Er­kennt­nis der Herrlichkeit des Herrn sein, so wie die Wasser den Meeresgrund bedecken“ (Hab 2,14). Heute da­gegen, in der Zeit zwischen der Himmelfahrt und dem Wiederkommen Christi, wird Gottes Herrlichkeit sichtbar in schwachen, irdenen Gefäßen, in Menschen, in denen sein Geist wirkt. Es sind Menschen, die in der Kraft des Geistes „mit aufgedecktem An­gesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend“ in seine Herrlichkeit verändert werden (2Kor 3,18).

Der neue Bund ist eine Zusicherung Gottes: Er wird die Erde, die durch die Sünde verunreinigt und durch das Blut des Sohnes Gottes befleckt ist, nicht aufgeben und seine Herrlichkeit in Menschen, in seinem irdischen Volk, auf der Erde sichtbar werden lassen. Unter dem alten Bund konnte sich die Herr­lichkeit Gottes auf der Erde nicht entfalten, weil der alte Bund mit dem Gesetz verbunden war und das Bundesvolk nicht imstande war, die Verpflichtungen dieses Gesetzes zu erfüllen. Im neuen Bund bringt Gott nicht nur in Christus für sein Volk ein vollkommenes Werk zustande, sondern Er bringt auch durch seinen Geist in seinem Volk ein Werk zustande, so dass diese Menschen seinen Willen tun. Gottes Herrlichkeit wird auf der Erde sichtbar.

Der Mittler des neuen Bundes

Was war mit dem alten Bund?

Der „alte“ oder der „erste“ Bund[17] war auf gesetzliche Verpflichtungen ge­gründet. Nachdem Mose das Buch des Bundes mit den ernsten Worten des Herrn: „Und nun, wenn ihr fleißig auf meine Stimmen hören und meinen Bund halten werdet, so sollt ihr mein Eigentum sein“ (2Mo 19,5-7), vor dem Volk gelesen hatte, sprachen sie: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun und gehorchen“ (2Mo 24,7). Dann nahm Mose von dem Blut des zur Besiegelung des Bundes dargebrachten Opfers, „sprengte es auf das Volk und sprach: Siehe, das Blut des Bundes, den der Herr mit euch geschlossen hat aufgrund aller dieser Worte“ (2Mo 24,8; vgl. Heb 9,18-22).

Die Grundlage dieses Bundes war also der Gehorsam des Menschen: „Wenn ihr“, sagte Gott. Daraus ergab sich von vornherein seine Schwäche, seine Kraftlosigkeit; ja er war eigentlich von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Unmöglich konnte auf einer solchen Grundlage eine gute Beziehung des Men­schen zu Gott, ein dauerhaftes Verhältnis zwischen dem heiligen Gott und dem sündigen, gefallenen Geschöpf aufgebaut werden. Zwar floss auch bei der Einweihung dieses Bundes Blut, aber es war nur Blut von Stieren und Böcken, das niemals Sünden wegnehmen konnte (Heb 10,4); und obwohl selbst hier der Tod eingetreten war, so war es doch nicht der Tod eines heiligen Menschen, eines vollkommenen Erlösers, der allein die Verantwortlichkeit des Schuldigen auf sich nehmen und den heiligen Anforderungen Gottes vollkommen ent­spre­chen konnte. Das Blut des alten Bundes besiegelte nur die Pflicht des Menschen, alle Worte Gottes zu tun und zu gehorchen.

Die Segnungen des alten Bundes waren also vom Gehorsam des Menschen abhängig. Seine Grundlage war Blut von Stieren und Böcken, das von einem lebenden Mittler, Mose, präsentiert wurde. Der neue Bund dagegen gründet sich auf den Tod des Mittlers selbst und auf seinen Gehorsam bis in den Tod. Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, ist die unerschütterliche, ewig sichere Gnadengrundlage dieses Bundes. Der alte Bund verhieß Segen, wenn der Mensch das Gesetz befolgen würde; im Gegensatz dazu bringt der neue Bund Segen, der sich auf keinerlei an den Menschen gestellte Bedingungen gründet, sondern ausschließlich auf die Souveränität Gottes. Er entstammt dem Plan der Gnade Gottes.

Der Bund ist bereits gestiftet (Heb 8,6), das heißt, die rechtliche Grundlage ist geschaffen, denn der Mittler, der zwischen beiden „Parteien“ – Gott und Mensch – vermittelt, ist bereits vorhanden. Der Bürge, der die Verpflichtungen auf sich genommen hat und das Zustandekommen des Bundes garantiert, ist da (Heb 7,22), und das Blut des Bundes ist geflossen. Geschlossen oder errichtet wird der Bund mit dem irdischen Bündnispartner Juda und Israel allerdings erst in der Zukunft, „nach jenen Tagen“ (Heb 8,10) der Gefangenschaft von Jeremia 30,3. Zum Unterschied von gestiftet und errichtet: Wie bereits gesagt, sind die drei Voraussetzungen für den neuen Bund – der Mittler, der Bürge und das Blut bereits vorhanden. Damit ist der Bund gestiftet, aber die Parteien haben sich noch nicht „die Hand gegeben“. Der Bund ist sozusagen wie ein gültiger, gedeckter Scheck, den ich in der Hand halte, aber noch nicht eingelöst habe.

Der Hebräerbrief legt den Schwerpunkt nicht in erster Linie darauf, zu zeigen, wann und für wen im Einzelnen die Verheißungen in Erfüllung gehen – obwohl er diese Dinge auch anspricht. Die Hebräer, die damals diesen Brief lasen, wären sicher nie auf den Gedanken gekommen, dass sich die Verheißung bezüglich der Einrichtung des Bundes, so wie Jeremia vorhergesagt hatte (vgl. Jer 31), bereits erfüllt hätte. Sie wussten nämlich, dass zuvor ihr Volk wiederhergestellt werden musste. Außerdem hatte das Volk als Ganzes nach wie vor eine Decke auf dem Herzen.

Die gläubigen Hebräer erkannten, dass der Bund noch nicht geschlossen sein konnte, denn sonst hätten sie nicht in der Versuchung gestanden, zum alten System zurückzukehren – etwas, vor dem der Hebräerbrief ausdrücklich warnt. Er zeigt ihnen, dass die Elemente des neuen Systems die Elemente[18], die bereits im alten System in irgendeiner Form vorhanden waren, bei weitem an Wert überragen. Dadurch sollten sie erkennen, dass das Neue grundsätzlich besser ist als das Alte, damit sie gerade nicht in Versuchung stünden, zum Alten zurückzukehren. Der neue Bund war zwar noch nicht geschlossen, der Mittler des Bundes war jedoch bereits erschienen. Ihn hatten die gläubigen Hebräer in Jesus Christus kennengelernt, und mit Ihm, dem „Bürgen eines besseren Bundes“ (Heb 7,22), standen sie bereits in Verbindung.

Es ist kaum vorstellbar, dass die hebräischen Christen bei den Erwartungen, die sie als Juden haben mussten, den neuen Bund als bereits mit ihnen geschlossen ansahen. Aus dieser Textstelle eine Erfüllung oder auch nur eine Vorerfüllung oder Teilerfüllung zu lesen, würde bedeuten, mehr aus dem Text herauszulesen, als er enthält. Für sie war aber die Tatsache, dass das Blut geflossen und der Bürge und Mittler bereits erschienen war, die Garantie dafür, dass Gott den neuen Bund schließlich noch mit ganz Israel schließen würde: „mit dem Haus Juda“ und „mit dem Haus Israel“, wie Jeremia 31,31 ausdrücklich sagt, also mit den zwei und mit den zehn Stämmen.[19] Auch den Römern wurde mit einem Hinweis auf die Propheten deutlich gesagt, dass in der Zukunft noch ein Bund für Israel zu erwarten sei (Röm 11,26.27), und nicht, dass dieser Bund jetzt mit ihnen geschlossen sei.

Der alte Bund stellt uns in Vorbildern vor, was dem neuen Bund als Grundlage dient[20], aber der Mensch ist unfähig, seinen Teil einzuhalten und seine Ver­pflichtungen zu erfüllen. Der alte Bund ist durch die Schuld Israels für immer gebrochen worden, und der neue, von Gott verheißene Bund bildet die einzige Hoffnung für das irdische Volk Gottes, die Verheißungen des al­ten Bundes doch noch zu erlangen.

In Hebräer 10,16.17 wird das Zitat aus Jeremia 31,33.34 wiederholt, um die Wirksamkeit des Opfers Christi zu betonen, nicht um zu zeigen, mit wem der neue Bund geschlossen wird. In erster Linie geht es noch nicht einmal da­r­um, für wen das Opfer war, sondern um das Opfer selbst. Der neue Bund war aufgrund dieses Opfers gestiftet worden, und mit ihm ist die Vergebung der Sünden verbunden. Selbst wenn der Bund mit niemandem geschlossen werden würde, war doch die Tatsache, dass in ihm die Vergebung der Sünden ein­geschlossen war, der Beweis, dass kein weiteres Opfer mehr notwendig war. Gott hat nun seine Haltung gegenüber der Welt im Ganzen grundsätzlich geändert. Er kann sich ihr nun in Gnade zuwenden und muss dem Sünder nicht – wie früher im Alten Testament – nach Gesetz vergelten, sondern Er kann ihm vergeben. Es gab zwar früher schon außerhalb des alten Bundes Vergebung der Sünden[21], doch das System des alten Bundes ließ Sündenvergebung in seinem formellen Rahmen nicht zu (Heb 10,4) – ganz im Ge­gen­satz zum neuen Bund, der sich auf die Tatsache der Sündenvergebung grün­det und damit beweist, dass das Opfer Christi endgültige Wirkung hat.

Die Kennzeichen des neuen Bundes (Jer 31,33.34)

Jer 31,33.34: 33 Sondern dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schließen werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; … 34 Und sie werden nicht mehr jeder seinen Nächsten und jeder seinen Bruder lehren und sprechen: „Erkennt den Herrn!“, denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der Herr. Denn ich werde ihre Schuld vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken.

Der neue Bund ist durch zwei besondere Merkmale gekennzeichnet, die eine wunderbare Folge für Israel haben werden:

  1. Das erste Kennzeichen finden wir in dem Gläubigen: „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen“ (Jer 31,33) – die neue Natur, die sie haben werden, wird dann das kennen, wünschen und tun, was dem Willen Gottes entspricht.
  2. Das zweite Kennzeichen ist für den Gläubigen: „Denn ich werde ihre Schuld vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken“ (Jer 31,34) – das Volk Israel wird die Vergebung der Sünden erlangen. Wie beeindruckend, dass dieses schuldige Volk, das einst seinen Messias verwarf, die Vergebung all ihrer Sünden erleben wird!

Als Folge dessen erkennt Israel den Herrn: „… sie alle werden mich erkennen“ (Jer 31,34). Dann wird nicht mehr wie heute „die Decke auf ihrem Herzen“ liegen (2Kor 3,14.15), sondern sie werden Gott erkennen, nachdem sie den an­geschaut haben, „den sie durchbohrt haben“ (Sach 12,10; vgl. Off 1,7). Dann wird die Erde „voll der Er­kennt­nis der Herrlichkeit des Herrn sein, so wie die Wasser den Meeresgrund bedecken“ (Hab 2,14). Diese Kenntnis des Herrn ist die zentrale Segnung des neuen Bundes. Dabei ist zu beachten, dass „kennen“ hier nicht „informiert sein“ bedeutet. Im biblischen Sprachgebrauch bedeutet „kennen“ viel mehr. Das entsprechende hebräische Wort bedeutet in 1. Mo­se 4,1 sogar „Gemeinschaft mit­ein­an­der haben“. Dass der Herr die Seinen kennt, bedeutet nicht nur, dass Er alles über sie weiß, sondern es schließt auch sein Wohlgefallen und seine Liebe zu ihnen mit ein (sie­he z.B. Joh 10,14.15). Bei uns hat die Kenntnis des Herrn mit Gehorsam, mit der Er­kennt­nis seiner Herrlichkeit, mit seiner Autorität über uns und folglich mit der Furcht des Herrn zu tun.

Mit Israel oder mit „uns“? (Jer 31,31-33)

Jer 31,31-33: 31 Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde: 32 nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen, diesen meinen Bund, den sie gebrochen haben; und doch hatte ich mich mit ihnen vermählt, spricht der Herr. 33 Sondern dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schließen werde.

Der alte Bund vom Berg Sinai wurde mit dem Volk Israel geschlossen. Nun liegt die Annahme nahe, der neue Bund sei mit uns, den Christen, als dem neu­en Volk Gottes geschlossen worden. Dem ist aber nicht so, sondern der neue Bund steht gleichfalls mit dem Volk Israel in Verbindung, wird aber erst „am Ende der Tage“ mit ihm geschlossen werden. Der neue Bund ist also noch nicht vollzogen. Diese Tatsache wird vielfach übersehen, obwohl die Schrift im Alten wie im Neuen Testament in unmissverständlicher Weise darüber redet und keine Schriftstelle aussagt, der neue Bund wäre mit der Gemeinde geschlossen worden.

Im Gegenteil, Jeremia 31,31-33 sagt ausdrücklich, dass der neue Bund mit dem Volk Israel geschlossen wird, nämlich „mit dem Haus Israel [den zehn Stämmen] und mit dem Haus Juda [den zwei Stämmen]“. Diese Stelle wird von dem Schreiber des Hebräerbriefes im Kapitel 8 zitiert, und zwar mit noch exakterer Formulierung: „Siehe, Tage kommen, … da werde ich in Bezug auf das Haus Israel und in Bezug auf das Haus Juda einen neuen Bund vollziehen … Denn dies ist der Bund, den ich dem [nicht: mit dem] Haus Israel errichten werde nach jenen Tagen“ (Heb 8,8.10; vgl. Heb 10,16). Wenn Jeremia den Bund mit Israel und Juda beschreibt, fällt auf, dass mit den geist­lichen Kennzeichen dieses Bundes auch unauflöslich („Wenn diese Ordnungen vor meinem Angesicht weichen werden, spricht der Herr“) das nationale Fortbestehen des Volkes und sein Landbesitz verbunden sind (Jer 31,36-40). Gott verbindet diesen Segen hier unverbrüchlich über seinen „Namen“ mit den Ordnungen des neuen Bundes. Es ist auch erstaunlich, dass in diesem Zusammenhang „das ganze Tal der Leichen und der Asche“ (Jer 31,40) erwähnt wird. Solch ein Ausdruck verbietet schon an sich irgend­eine „geistliche“ Übertragung auf ein „himmlisches Jerusalem“, hat aber seine Bedeutung bei einem irdischen Jerusalem, das gerade nach vielen Schlach­ten befreit worden ist.

Wenn man Jeremia 31,31 liest, könnte man schlussfolgern, der neue Bund wä­re ein zweiseitiger Bund, zwei Parteien würden demnach mit­ein­an­der einen Bund schließen. Doch in der oben zitierten Stelle aus dem Hebräerbrief („… den ich dem Haus Israel errichten werde“; Heb 8,10) wird durch die fehlende Präposition „mit“ vor „dem Haus Israel“ ganz deutlich, dass alles nur von einer einzigen Partei ausgeht: Gott ist der Handelnde und der Gebende, derjenige, der alle Verpflichtungen auf sich nimmt. Israel ist der Begünstigte, der nur empfängt und keinerlei Verpflichtungen erfüllen muss, weil der Bund „dem Haus Israel“ auf der Grundlage bedingungsloser Gnade errichtet werden wird. Deswegen kann bei dem neuen Bund auch nicht von einer gemeinsamen „Vereinbarung“ gesprochen werden. Da alles von Gott kommt und nur noch von Ihm abhängt, ist dieser Bund völlig gesichert und kann nicht kraftlos werden und versagen wie der alte Bund. In gleicher Weise gilt der Grundsatz der Gnade heute aber auch uns Christen, obwohl der Bund selbst buchstäblich mit Israel und Juda geschlossen wird.

Dieser neue Bund ist also, wie gesagt, bereits gegründet, aber noch nicht vollzogen. Sein Fundament ist gelegt: Seine Grundlage ist das Blut Christi, sein Siegel ist der Tod Christi, und sein Mittler und Bürge ist Christus selbst.

Der erste Bund wurde mit Israel geschlossen und nicht mit der Gemeinde, des­wegen muss auch der zweite Bund nach der Weissagung Jeremias mit Israel geschlossen werden. Die Tatsache, dass ein zweiter Bund gegründet wird, beweist, dass der erste Bund nicht länger fortbestehen konnte, sondern veraltet ist. Mit diesem Argument sollten die gläubigen Hebräer überzeugt werden, dass durch Christus herrliche Segnungen eingeführt wurden, die unter dem alten System des Judentums nicht möglich waren. Der alte Bund ist verurteilt durch die Tatsache, dass es einen neuen Bund gibt. Diese Botschaft war besonders für die Hebräer wichtig, weil ihnen das Feuer der Verfolgung zu heiß wurde und sie in der Gefahr standen, zum Alten, dem Judentum, zurückzukehren.

Der neue Bund kann also nicht mit der Gemeinde geschlossen sein, weil mit ihr niemals ein alter Bund geschlossen worden ist. Außerdem bezeugen sowohl Jeremia als auch der Hebräerbrief, dass der Bund „mit dem Haus Juda und mit dem Haus Israel“ (Jer 31,31) geschlossen werden wird; die beiden Häuser werden ausdrücklich einzeln als „Bündnispartner“ erwähnt. Daher ist es unmöglich und sinnlos, unter „Juda“ und „Israel“ die Gemeinde zu ver­stehen, da die Gemeinde eindeutig durch Einheit gekennzeichnet ist. Dar­über hinaus beziehen sich die Worte „ihren Vätern“ auf die Väter Israels und Judas. Gott hatte die Stammväter Israels und Judas aus Ägypten herausgeführt (Heb 8,9). Sie sind die „Väter“ der Israeliten bzw. des Volkes, das wir heute als Juden bezeichnen, und nicht die „Väter“ der Gemeinde. Gott hat mit der Verheißung des neuen Bundes sein irdisches Volk im Blick, nicht die Gemeinde als sein himmlisches Volk.

Der Hebräerbrief stellt fest, dass es neben dem Volk Israel heute noch eine andere Gruppe von Menschen gibt, die mit Gott in einer besonderen Beziehung steht: eine Familie von Priestern[22] (Heb 2,10.11.17; 3,1-6; 10,19-22; 13,15.16). Zu ihr gehören sowohl die christus­gläubigen Hebräer als auch wir, die Gläubigen aus den Nationen. Diese Priesterfamilie kann schon jetzt alle Segnungen des neuen Bundes genießen.[23] Sie sind „Genossen des Christus“ (Heb 3,14) und können in die Gegenwart Gottes, ins Heiligtum, eingehen. Ihrer Stellung nach sind sie mit dem Mittler des neuen Bundes vereinigt. Sie sind, geistlicherweise, bereits mit dem Blut des Opferlammes, Christus, besprengt (Heb 12,24). Sie sind im Glauben hinzugetreten zu den besseren und bleibenden Dingen, die das Resultat des vollbrachten Werkes Christi sind (Heb 6,9; 7,19.22; 8,6; 10,34; 11,16). Sie haben alle Vorrechte des neuen Bundes, da sie mit demjenigen verbunden sind, der den Bund in seinem eigenen Blut gegründet hat. Obwohl der Bund nicht mit uns geschlossen wird, ist er in Christus vor Gott aufgerichtet, und in Ihm sind wir eingeschlossen. Wir erfahren heute schon die Vergebung der Sünden, wir haben eine neue Natur empfangen, Christus ist in unsere Herzen geschrieben, und wir dürfen Ihn sogar in einer Weise kennen, wie Ihn das Volk Israel nicht kennen wird.

Zu dieser Priesterfamilie gehörten, wie bereits erwähnt, die christusgläubigen Hebräer, aber auch wir Christen aus den Nationen gehören dazu. Gemeinsam bilden wir den Leib Christi, die Gemeinde. Sie gehört zwar nicht zum neuen Bund, ist aber mit Gott und Christus in einer viel engeren Beziehung verbunden, als Israel oder die Gläubigen der Endzeit es je sein werden. Die einzelnen Glieder dieses Leibes sind Kinder Gottes, die durch den Geist geleitet „Abba, Vater!“ sagen dürfen. Wir bilden eine Genossenschaft mit Christus (vgl. Heb 3,14), „dem Erstgeborenen unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29), und wir sind das himmlische Volk Gottes und sind ins himm­lische Heiligtum eingeführt. Wir stehen zweifellos auf der Grundlage des neuen Bundes, der Gnade, indem das Blut des neuen Bundes (Mt 26,27; Mk 14,24) für uns geflossen ist, doch wir lesen nichts davon, dass wir in einem Bundesverhältnis zu Gott stehen.

Die Haltung Gottes gegenüber dem Menschen hat sich aufgrund des Bundes in jeder Hinsicht geändert. Christus hat die gerechte Grundlage dafür gelegt, dass Gott Menschen nun mit Wohlgefallen betrachten kann (Heb 13,20.21). Nun kann die Wand, die Sündenwand, die Menschen von Gott trennte, weggeräumt werden: durch die Vergebung der Sünden. Und nun sind diese Menschen in der Lage, das Gesetz Gottes zu tun, weil es auf ihre Herzen geschrieben ist. Das „Schlechte“ ist weggetan, das „Gute“ eingeführt. Das gilt auch für uns, obwohl der Bund selbst nicht mit uns Christen geschlossen ist. Wir besitzen zwar ebenfalls Segnungen des neuen Bundes wie später Israel, aber diese sind nicht die charakteristischen christlichen Segnungen (vgl. Eph 1; 2). Die typisch christlichen Segnungen sind Segnungen ganz anderer, hö­herer Art – Segnungen in den himmlischen Örtern –, während die Segnungen des neuen Bundes Segnungen sind, die nicht zu den himmlischen Örtern ge­hören, sondern ins­be­son­de­re für die Gläubigen des Friedensreiches auf der Erde gelten werden.

Sind die Segnungen des neuen Bundes himmlisch oder irdisch? Ist zum Beispiel die Vergebung der Sünden eine himmlische oder eine irdische Segnung? Einige Segnungen haben eine Bedeutung sowohl für den Himmel als auch für die Erde und sind für alle Gläubigen aller Zeiten gleich, auch wenn sie in unterschiedlichem Maß gekannt werden mögen. Zu diesen Segnungen gehört die Vergebung der Sünden. Wir werden die Segnung bzw. die Auswirkung der Vergebung der Sünden nicht nur auf der Erde, sondern auch im Himmel genießen. Aber die Gläubigen, die lebend ins Tausendjährige Reich eingehen, werden die Sündenvergebung als irdische Segnung erfahren.

Die Segnungen des neuen Bundes gehören nicht zu den besonderen Segnungen der himmlischen Örter, obwohl sie – speziell die Vergebung der Sünden – die Grundlage für die himmlischen Segnungen legen (siehe Eph 1,7). Der Mittler des neuen Bundes ist als der Auferstandene „in den Himmel selbst“ eingegangen (Heb 9,24), und deshalb sind die himmlischen Dinge, deren Vorbilder im alten Bund gesehen wurden, jetzt dem Glauben erschlossen. Der Vorhang ist zerrissen, und deshalb haben wir „Freimütigkeit … zum Ein­tritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Weg“ (Heb 10,19.20). Dort sind wir jetzt schon „gesegnet mit jeder geist­lichen Segnung in den himmlischen Örtern in [und mit] Christus“ (Eph 1,3), dort liegt unser Teil. Wenn der neue Bund mit Israel geschlossen wird, dann wird der Hohepriester, der jetzt für Israel verborgen ist, aus dem Heiligtum auf die Erde zurückkehren und sein Volk dort in die Segnungen des neuen Bundes einführen.

Der ewige Bund (Heb 13,20.21)

Heb 13,20.21: 20 Der Gott des Friedens aber, der aus den Toten wiederbrachte unseren Herrn Jesus, den großen Hirten der Schafe, in dem Blut des ewigen Bundes, 21 vollende euch in jedem guten Werk, damit ihr seinen Willen tut, in euch das bewirkend, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus, dem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

In diesen Versen wird uns der „Gott des Friedens“ und „der große Hirte der Schafe“ vorgestellt. Bevor eine Seele Gott als „Gott des Friedens“ erfahren kann, muss sie Ihn allerdings zuerst als den Gott des Gerichts gesehen haben. Es ist eine Beleidigung Gottes, von Frieden zu reden, während die Ansprüche eines heiligen und gerechten Gottes noch unbeantwortet sind, das heißt, ohne dass sich der Sünder als verloren erkennt und in Buße zu Gott umkehrt, damit seine Sünden vergeben werden können. Weder kann Gott mit der Sünde noch kann der Sünder mit Gott Frieden haben, solange die Sünde nicht weggetan ist.

Der Gott des Gerichts handelte mit dem Herrn Jesus am Kreuz. Dort wurde Er unser Stellvertreter und Sündenträger, dort begegnete Er den Ansprüchen dieses Gottes des Gerichts. Auf diese Weise wurde das Problem der Sün­de ein für alle Mal geregelt. Nun konnte Frieden gemacht werden. Das Blut besiegelt, dass Gottes Gericht über unsere Sünden auf das Haupt unseres Stellvertreters am Kreuz gekommen ist. Dadurch sind wir nun in der Lage, Gott als „Gott des Friedens“ zu kennen. Gott ist in Bezug auf die Sünde auf ewig so vollkommen zufriedengestellt und verherrlicht worden, dass jeder, der an Christus glaubt, nun Frieden mit Gott erfährt. Gott als der „Gott des Friedens“ hat den Herrn Jesus Christus, „den großen Hirten der Schafe“, aus den Toten erweckt. Damit hat Er bestätigt, dass Er das Werk Christi an­genommen hat, dass die Sünde gesühnt und Er selbst verherrlicht worden ist. Wenn Gott Christus nicht auferweckt hätte oder Er heute nicht der Gott des Friedens wäre, würde das bedeuten, dass das Blut seines geliebten Sohnes nicht ausreichend gewesen wäre.[24]

Nachdem der gute Hirte sein Werk am Kreuz vollbrachte hatte (vgl. Joh 10,11), nahm Er seinen Dienst als „der große Hirte der Schafe“ auf (Heb 13,20[25]), um die Herde zu nähren, zu pflegen und zu bewahren und zur Herrlichkeit zu bringen. Auch jetzt sehen wir wieder göttliche Personen zum Wohl der Gläubigen tätig. Dabei geht es nicht nur um den Hirtendienst des Herrn Jesus an uns – so groß das auch ist –, sondern auch da­rum, dass Er die Herde zur Herrlichkeit bringt. Die Tatsache, dass wir diese wunderbaren Beziehungen kennen, sollte auch heute schon eine Auswirkung auf unser Leben haben: Sie sollte uns zur Gemeinschaft mit Gott führen und bewirken, dass wir mit Freude seinen Willen tun. Dazu wirkt Gott als der „Gott des Friedens“, der alles für uns gesichert hat, in den Seelen der Seinen. Und durch wen? Durch Jesus Christus, den „großen Hirten der Schafe“. Wenn wir Gott als den „Gott des Friedens“ kennen, wirkt Er „durch Jesus Christus“ in den Seinen („in euch … bewirkend“; Heb 13,21), damit Er Freude an ihnen haben kann. Gott hat alle Voraussetzungen „erfüllt“, damit Er Freude an uns haben kann, weil wir die Werke tun, die nach seinem Willen sind („… was vor ihm wohlgefällig ist“; Heb 13,21): Zum einen hat Er durch das Blut Christi die Grundlage unserer Beziehung zu Ihm gelegt, danach hat Er den großen Hirten für uns auferweckt, und jetzt wirkt Er durch Ihn in uns. Und nur wenn wir von Christus tief beeindruckt sind, werden wir das hervorbringen, was Gott wohl­gefällig ist. Wir mögen noch so viele christliche Bücher und Vorträge hören: Veränderung wird erst dann bei uns eintreten und wir werden erst dann etwas hervorbringen, was Gott wohlgefällig ist, wenn wir von Christus ergriffen und erfüllt sind.

In diesem Zusammenhang spricht der Schreiber des Hebräerbriefes über den ewigen Bund.

Der Hebräerbrief redet viel von den Beziehungen Gottes zu dem Menschen, vom alten Bund, vom neuen Bund und seinen Segnungen, von dem Mittler, dem Bürgen, dem Testament. Am Ende dieses Briefes greift er mit dem Ausdruck „Blut des ewigen Bundes“ (Heb 13,20) noch einmal den Gedanken des Bundes auf. Hier ist natürlich dasselbe Blut gemeint, das auch die Grundlage des neuen Bundes ist. Dennoch geht es hier um etwas weit­aus Umfassenderes: Das Wort „Bund“ gebraucht der Schreiber in einem allgemeinen Sinn[26]; es drückt aus, wie eine Beziehung zu Gott beschaffen ist. Das Wort „ewig“ ist eines der Schlüsselwörter im Hebräerbrief. Es gab zeitlich begrenzte Bündnisse auf der Erde und es wird sie auch noch in Zukunft geben.[27] Der ewige Bund aber beschreibt die Bedingungen unserer Beziehung zu Gott, die ewig sind. Sie haben ihren Ursprung im Ratschluss Gottes und reichen zurück bis in die Ewigkeit vor der Zeit, in eine Zeit, als der Sohn bereit war, den Willen Gottes zu tun: „Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun“, und: „… einen Leib aber hast du mir bereitet“ (Heb 10,7.5).

Wenn der Schreiber des Hebräerbriefes hier vom Bund spricht, spielt er da­mit auch auf die Beziehungen an, die göttliche Personen untereinander hatten und haben. Der Vater hat den Ratschluss gefasst. Der Sohn hat „durch den ewigen Geist sich selbst … Gott geopfert“ (Heb 9,14) und dadurch den Rat­schluss des Vaters ausgeführt. Dann wurde auch der Heilige Geist von dem Vater gesandt, um uns Zeugnis von der durch Christus vollbrachten Erlösung zu bringen (Heb 10,15) und die neue Geburt und alles Weitere in uns zu bewirken. Bei dieser „Aufgabenteilung“ darf man natürlich nicht auf den Gedanken kommen, dass sich hier göttliche Personen aneinander binden oder einander eine Versicherung in einem Bundesvertrag abgeben mussten. Da diese Dinge zu dem ewigen Ratschluss Gottes gehören, sind sie unveränderlich, und durch das Blut Christi sind sie auf ewig gesichert. Darin besteht die Garantie für den Segen des Menschen.

Nun hat Gott wunderbare, unveränderliche Beziehungen zu den Seinen. Sie wirken sich auf alle Familien der Erlösten während aller Zeiten aus und wer­den durch die Ewigkeit hindurch Segen sowohl im Himmel als auch auf der Erde bringen. Dieser Bund ist nicht zeitlich und kann niemals veralten wie der erste Bund. Nichts kann diese Dinge verändern, nichts kann den Herrn Jesus wieder in den Tod zurückbringen oder seine Fähigkeit, der große Hirte zu sein, schmälern. Der Segen dieser Beziehung bedeutet, dass Gottes Herrlich­keit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Liebe jetzt für uns bereit­stehen. Nichts ist mehr gegen uns, in seiner ganzen Allmacht ist Gott für uns. Die Gläubigen kennen Ihn nun als den „Gott des Friedens“, dessen Haltung ihnen gegenüber in alle Ewigkeit Friede ist. Ewig ist dieser Friede deshalb, weil er „durch das Blut seines Kreuzes“ gemacht wurde (Kol 1,20) und auf das vollendete Werk Chris­ti gegründet ist. Sein Werk hat nicht nur eine ewig bleibende Gnade offenbart, sondern auch die Grundlage für eine „ewige Gerechtigkeit“ hervorgebracht (Dan 9,24). Außerdem hat es unsere Sünden für immer weggetan. Gott wurde verherrlicht und seine Vorsätze sind erfüllt. Das Blut des Bundes ist daher ein Beweis der Liebe Gottes gegenüber dem Sünder, aber auch ein Zeichen seines Gerichts über die Sünde und ein Beweis seiner Gerechtigkeit und Majestät.

Das Blut des neuen Bundes

„Dieser Kelch ist der neue Bund“ (1Kor 11,25)

1Kor 11,25: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; dies tut, sooft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis.

Zwischen dem Kelch beim Mahl des Herrn und dem neuen Bund besteht eine so enge Verbindung, dass der Kelch als „der neue Bund“ bezeichnet wird (1Kor 11,25; vgl. Lk 22,20). Mit dieser Aussage bezieht sich der Herr auf 2. Mo­se 24,8[28], wo die Grundlage für den ersten Bund mit dem Blut von Stieren be­siegelt wurde. Das Volk versprach, gehorsam zu sein und „alle Worte, die der Herr geredet hat“, zu tun (2Mo 24,3). Danach besprengte Mose das Volk mit dem Blut des Bundes – ein Zeichen, das dem Volk bei Gehorsam nicht nur Segen verhieß, sondern bei Ungehorsam Gericht androhte (2Mo 24,5-8). Wie reichlich hat das Volk Israel diese Wahrheit bereits erfahren müssen! Doch trotz Ungehorsam und Schuld des Volkes weist der Herr Jesus mit dem Wort „neu“ auf einen neuen Bund zur Vergebung der Sünden hin: „… da ich … einen neuen Bund schließen werde … Denn ich werde ihre Schuld vergeben“ (Jer 31,31-34). Der alte Bund, der die Sünden des Volkes nicht wegneh­men konnte, muss nun einem neuen Bund Platz ma­chen.

Bei der Einsetzung des Abendmahls offenbarte der Herr Jesus, was der Prophet Jeremia nicht wissen konnte: Er zeigte, worauf der neue Bund sich stützen würde – auf sein eigenes Blut, das heißt auf sein Opfer, das Er sterbend am Kreuz Gott darbringen würde. Dieser neue Bund wird in der Zukunft mit dem Haus Israel geschlossen werden, ist aber im Gegensatz zum alten Bund auf dem Grundsatz der Gnade aufgerichtet und auf das Blut Jesu mit seiner vollkommenen Wirksamkeit vor Gott gegründet.

Wie steht es mit dem neuen Bund heute im Zeitalter der Gemeinde? Der Mitt­ler des Bundes, Christus, hat sein Blut vergossen und dadurch die Grundlage für diesen Bund gelegt. Durch das Blut ist der Bund bestätigt und unveränderlich vor Gott aufgerichtet. Christus ist in die Höhe hinaufgestiegen, und wir haben das Blut des Bundes, sind eins mit Ihm und haben Teil an den Segnungen, die mit seiner Person und mit seiner Stellung verbunden sind. Dazu gehören auch alle Segnungen des neuen Bundes. Während Israel noch auf die buchstäbliche Erfüllung der Verheißung des neuen Bundes wartet, haben wir bereits die Segnungen, die der neue Bund beinhaltet. Wenn die Gemeinde beim Mahl des Herrn den Kelch nimmt, denkt sie an das Blut des neuen Bundes, weil es die Grundlage für alle Segnungen ist. Die Segnungen für die Gemeinde übertreffen die Segnungen, die Israel in Verbindung mit diesem neuen Bund einmal erlangen wird, bei weitem. Die Schlussfolgerung mancher, wir brauchten gar kein Abendmahl zu nehmen, wenn der neue Bund nicht mit uns geschlossen wäre, ist völlig unbegründet.

Wer argumentiert, der Bund werde mit jedem geschlossen, auf den das Blut des Bundes angewendet wird, muss zwangsläufig auch alle Gläubigen des Alten Testamentes sowie die Gläubigen während der Drangsal und die Gläubigen aus den Nationen im Friedensreich in den neuen Bund bringen, denn alle diese sind nur aufgrund desselben Blutes erlöst. Sicher wird niemand die Auffassung vertreten, der neue Bund werde nachträglich noch mit den Gläubigen, die unter dem alten Bund standen, geschlossen. Dass auch sie jedoch nur aufgrund des Blutes des neuen Bundes erlöst sind, wird wohl niemand abstreiten.

„Der neue Bund in meinem Blut“ (1Kor 11,25)

1Kor 11,25: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; dies tut, sooft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis.

Wenn wir zum Mahl des Herrn versammelt sind und den Kelch nehmen, werden wir an sein kostbares Blut erinnert. Es ist das Blut „des neuen Bundes, das für viele vergossen [wurde] zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Der Herr Jesus hat sein Blut nicht nur für Israel, sondern auch für uns gegeben (Eph 2,13).

Die Opfer im alten Bund, das Blut der unzähligen Opfertiere, konnten keine einzige Sünde wegnehmen; dies kann nur das Blut Christi (Off 1,5). Stets gab es bei den Opfern im alten Bund die Erinnerung da­ran, dass die Sünde noch vorhanden war, „denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden weg­nehmen“ (Heb 10,4). Diese Opfer konnten nur vorausweisen auf den, der kommen und das Sühnungswerk vollbringen würde. Das Blut des neuen Bundes dagegen bedeutet uneingeschränkte Gnade und Sündenvergebung, denn es wurde „für viele vergossen … zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Nicht nur Israel, sondern auch den Nationen sollte die Gnade angeboten werden. Die Gläubigen der Gnadenzeit haben bereits heute die Ver­gebung der Sünden: „Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines [des Sohnes] Namens willen“ (1Joh 2,12). Israel wird die Sündenvergebung erst noch erlangen, und zwar in Verbindung mit den Segnungen des neuen Bundes. Dieser Bund wird mit ihnen im Tausendjährigen Reich nach ihrer nationalen Wiederherstellung geschlossen werden (siehe besonders Mt 26,26-29).

Die Offenbarung der Herrlichkeit (Lk 22,19.20)

Lk 22,19.20: 19 Und er nahm Brot, dankte, brach und gab es ihnen und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird; … 20 Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

Wenn wir das Mahl des Herrn feiern, steht seine Herrlichkeit, seine Vortrefflichkeit, im Mittelpunkt. In dem Brot werden wir an den Leib Christi erinnert, in dem Er hier auf der Erde war und in dem Er in so beeindruckender Weise die Herrlichkeit Gottes auf der Erde dargestellt hat. Einmal wird diese Herrlichkeit beide Sphären, die irdische und die himmlische, erfüllen. Dar-über hinaus werden wir beim Mahl des Herrn an den Leib erinnert, den Er sich erworben hat: Die Gemeinde, sein Leib, stellt heute seine Herrlichkeit auf der Erde durch schwache Gefäße dar.

In dem Kelch werden wir an das Blut des Herrn, seinen Tod, erinnert; zugleich ist dieser Kelch die Garantie („… der neue Bund in meinem Blut“; Lk 22,20) dafür, dass einmal die göttliche Herrlichkeit, seine neue Ordnung, auf der Erde offenbart werden wird, wenn der neue Bund im Tausendjährigen Reich geschlossen wird; doch bereits heute will der Geist Gottes dieselbe Herrlichkeit in uns sichtbar ma­chen. Das Blut jenes Jesus von Nazareth hatte weder in den Augen der jüdischen Führer noch in den Augen der römischen Machthaber Wert. Aber für Gott ist die Erinnerung an den Tod seines Christus kostbar über alles, und auch wir, die wir durch den Heiligen Geist geöffnete Augen haben, sehen nun diese überragende Kostbarkeit. Außerdem ist die Kraft dieses Blutes unantastbar.

Wir nehmen das Brot und den Kelch als eine Gemeinschaft von Menschen, die dieses göttliche Geheimnis von dem Wert des Todes Christi inmitten einer feindlichen Welt kennt. Ebenso wie damals die Hohenpriester sowie Pilatus und Herodes schätzt auch die Welt heute das kostbare Blut Christi ge­ring. Gott aber kann nun mit denjenigen in eine völlig neue Beziehung eintreten, die schon jetzt durch dieses Blut des neuen Bundes gereinigt und die mit dem Mittler dieses neuen Bundes, Christus selbst, verbunden sind. Sie bilden eine neue Gemeinschaft von Anbetern, die Gott für das Opfer sei­nes Sohnes preisen.

Beim Brotbrechen teilen wir mit anderen die Freude der Gemeinschaft mit un­serem Herrn. Engelscharen sehen, wie Gott in der Mitte der alten Schöpfung bereits heute ein Stück neue Schöpfung verwirklicht hat (Eph 3,10). Satan und seine Dämonen müssen machtlos zusehen, wie in schwachen Men­schen die Herrlichkeit Gottes offenbart wird. Die Gläubigen finden den Grund für ihre Anbetung in dem Tod Christi; sie rühmen dessen Wert, wenn sie den Kelch segnen, das heißt für ihn danksagen, der von dem vergossenen Blut Christi spricht. In dem Bewusstsein, mit diesem gestorbenen und auferstandenen Christus einsgemacht zu sein und in Ihm nun auf einer völlig neuen Grundlage vor Gott zu stehen, danken sie Gott für das Opfer seines geliebten Sohnes, in dem Gott nichts anderes als Herrlichkeit und Freude gefunden hat.

Das Alte ist vorbei (Heb 8,13)

Heb 8,13: Indem er sagt: „einen neuen“, hat er den ersten alt gemacht; was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe.

Die Tatsache, dass es einen neuen Bund gibt, bedeutet gleichzeitig, dass etwas Altes aufhört: Der alte Bund, ja das Judentum ist abgeschlossen. Selbst wenn der neue Bund noch nicht geschlossen ist, so ist aber das Blut, das die Grundlage für den zukünftigen Bund legt, bereits vergossen. Diese Botschaft konnte bereits verkündigt werden, und auf dieser Grundlage kann Gott auch heute schon segnen. Mit dem Ende des alten Bundes ist zugleich die Beziehung des natürlichen Menschen, des Menschen im Fleisch, zu Gott beendet. Gott hatte die Juden als Repräsentanten des natürlichen Menschen geprüft, um zu sehen, ob der Mensch aus sich selbst heraus nach Gottes Maßstab leben und seinen Anforderungen ent­spre­chen würde. Mit dem Ende des alten Bundes war die Beziehung des Menschen zu Gott zum Ende gekommen; sie war von der Gerechtigkeit des Menschen, vom Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes abhängig. Auch jegliche Beziehung zwischen dem Menschen und dem Herrn, so wie Er hier auf der Erde gelebt hatte, war zu Ende. Sein Leib, als gestorben, wurde als Speise gegeben. Das bedeutete einerseits, dass es zwischen dem Menschen im Fleisch und Gott keine Verbindung mehr gab, und andererseits, dass die Erlösung bewirkt und Vergebung der Sünden möglich war.

„Bis er kommt“ (1Kor 11,26)

1Kor 11,26: Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

In 1. Ko­rin­ther 11 wird uns das Mahl des Herrn als Gedächtnismahl vorge­stellt, aber wir feiern das Mahl des Herrn auch, „bis er kommt“ (1Kor 11,26). Im Allgemeinen verbinden wir – und das zu Recht – diese Worte des Herrn mit der Ent­rü­ckung der Gemeinde in den Himmel, wo diese Zeichen nicht mehr notwendig sein werden. Doch wann denken wir jemals da­ran, welche Bedeutung das Abendmahl im Blick auf die zweite Phase des Kommens des Herrn, auf seine öffentliche Erscheinung hat? Wir feiern das Abendmahl nicht in erster Linie für uns selbst oder weil wir noch nicht im Himmel sind. Nein, wir feiern es für Ihn, weil Er noch nicht auf die Erde zurückgekehrt ist, wo Er im Tausendjährigen Reich[29] wieder von dem Gewächs des Weinstocks trin­ken wird (Mt 26,29). Das sichtbare und „schmeckbare“ Brot und der Wein ma­chen symbolisch eines deutlich: Gottes Herrlichkeit ist auf der Erde in dem Leben und Sterben des Herrn Jesus offenbart worden, und sie wird bei der Wiederkunft Christi aufs Neue hier offenbart werden.

„Wenn ich es neu mit euch trinke“ (Mt 26,29)

Mt 26,29: Ich sage euch aber: Ich werde von jetzt an nicht von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, wenn ich es neu mit euch trinke in dem Reich meines Vaters.

Als der Messias zum letzten Mal mit dem kleinen Überrest aus Israel, seinen Jüngern, das Passahfest feierte, brach Er alle Beziehungen zur Erde ab. Er woll­te „von jetzt an nicht von diesem Gewächs des Weinstocks trinken“, wies seine Jünger aber auf die Zukunft hin, wenn sie die Genossen seines Glücks sein und den Wein der Freude neu mit Ihm trinken sollten, ja nicht nur sie, sondern auch viele andere mit ihnen. Ohne dass diese anderen näher bezeichnet werden, deuten die Worte des Herrn darauf hin, dass neben den Israeliten noch andere Menschen Anteil an den wunderbaren Wirkungen und Folgen seines Todes haben sollten, denn das Blut wurde ausdrücklich „für viele vergossen“ (Mt 26,28).

Das Blut des neuen Bundes ist nicht allein für Israel; es ist für alle Heiligen: für die Heiligen des Alten Testamentes, bevor Israel als Volk existierte, für die gläubigen Juden, für die Christen, für die Nation Israel im Tausendjährigen Reich, für die Gläubigen aus den Nationen im Tausendjährigen Reich. Das Blut des neuen Bundes ist demnach auch für alle diejenigen da, die nicht unter dem neuen Bund stehen; das bedeutet, dass der Gläubige nur aufgrund des vergossenen Blutes Christi gerettet werden kann – unabhängig davon, ob er aus den Nationen oder aus Israel ist, ob er zur Gemeinde oder zu den Gläubigen des Tausendjährigen Reiches gehört. Der Tod Christi hat mit der Vergangenheit völlig gebrochen; in seinem Tod wurden die Grundlagen des neuen Bundes gelegt, und er bringt Juden und Heiden gleicherweise die bedingungslose Vergebung der Sünden.

Im Tausendjährigen Reich wird sich Gott nach seiner Verheißung und gemäß seiner Gnade wieder Israel zuwenden und die Verheißung aus Jeremia 31,31-34 erfüllen. Dann werden auch alle Nationen der Erde die Segnungen des neuen Bundes mit Israel kennenlernen, obwohl der Bund nicht mit ihnen selbst geschlossen ist.

Verschiedene Gruppen

In vierfacher Weise sehen wir die Jünger hier als Gruppe von Gläubigen in Verbindung mit dem Herrn.

Die Jünger, verbunden mit dem Herrn auf der Erde

Erstens sehen wir sie als die zwölf Jünger, die dreieinhalb Jahre mit dem Herrn umhergezogen sind. Als der Herr sagte: „Ich werde von jetzt an nicht von diesem Gewächs des Weinstocks trinken“ (Mt 26,29), zeigte Er, dass die gegenwärtige Verbindung auch zu den Jüngern völlig abgebrochen würde. Aber diese Verbindung wird auf eine ganz besondere Weise erneuert werden: in dem Reich seines Vaters.

Das „Reich des Vaters“ ist ein charakteristischer Ausdruck im Matthäusevangelium, ebenso wie das „Reich der Himmel“. Damit ist der „höhere“[30] und ins­be­son­de­re der himmlische Teil des Reiches gemeint, wie es uns in Mat­thä­us 13 in der Deutung des Gleichnisses vom Unkraut und Weizen erklärt wird. Dort lesen wir, wie der Sohn des Menschen aus seinem Reich ausgehen und alle Ärgernisse sammeln wird und wie „die Gerechten leuchten [werden] wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters“ (Mt 13,43). Das ist der „höhere“ Teil des Reiches, ins­be­son­de­re der himmlische Teil. Hier wird der Vater gekannt sowie seine Liebe, seine Gnade, seine Vergebung, seine Für­sorge usw. Daher spricht auch das sogenannte Vaterunser von dem Reich des Vaters. Bei dem Ausdruck „Reich des Sohnes des Menschen“ liegt der Schwerpunkt dagegen auf der Aufrechterhaltung der Herrschaft und der Gerechtigkeit.

Nur in Mat­thä­us 26,29, wo der Herr Jesus von sich selbst spricht, heißt es: „… in dem Reich meines Vaters“; in Mat­thä­us 13,43 dagegen, wo der Herr das Gleichnis vom Acker erzählt, heißt es: „… in dem Reich ihres Vaters.“ In dem Reich „seines“ und „ihres“ Vaters wird Christus dann wieder Gemeinschaft mit seinen Jüngern haben und sie mit Ihm, aber in einer gesegneteren neuen Weise. Welch eine Gemeinschaft wird das sein: sie mit Ihm, Er mit ihnen, Er mit dem Vater, sie mit ihrem Vater, der auch sein Vater ist! Ist das nicht ein glücklicher Platz? Ist das nicht eine glückliche Familiengemeinschaft? Der Herr gibt die Gemeinschaft, die Er bisher mit seinen Jüngern hatte, auf, um das Werk der Erlösung auch für sie zu vollbringen. Nun wartet Er so wie seine Jünger darauf, diese Gemeinschaft an einem besseren Ort in der schöneren Welt des Tausendjährigen Reiches zu erneuern, wo die Gemeinschaft mit dem Herrn noch inniger sein wird als zu der Zeit, da Er hier auf der Erde war. Der Herr lässt uns durch diese Worte einen Blick in sein Herz voller Liebe werfen.

Die Jünger als Repräsentanten des Überrestes in Israel

Zweitens repräsentieren die Jünger den Überrest Israels. Dieser Überrest war während der vierhundert Jahre des Schweigens, die zwischen dem Alten und Neuen Testament liegen, erhalten geblieben.[31] Nach der Ent­rü­ckung der Gemeinde wird es während der großen Drangsalszeit einen Überrest aus Israel geben, der dieselben Charakterzüge wie die Jünger damals trägt.[32] Mit diesen Gläubigen wird der Herr nach seiner triumphalen Rückkehr auf die Erde wieder von der Frucht des Weinstocks trinken (Mt 26,29), wenn Er sie ganz für sich haben wird. Der Herr ist dann in einer ganz neuen Eigenschaft, in einem ganz neuen Charakter bei ihnen: Er wird nicht mehr als der verworfene Mensch wie vor zweitausend Jahren, sondern als der verherrlichte Mensch von der Frucht des Weinstocks trinken. Als Teil des Überrestes betrachtet, sind jene gläubigen Juden moralisch gesehen sozusagen die Nachkommen jener Gemeinschaft im Obersaal.

Die Jünger als Kern einer neuen Gemeinschaft

Drittens sind die Jünger auch der Kern einer neuen Gemeinschaft, die nach dem Tod, der Auf­er­ste­hung und der Himmelfahrt des Herrn durch das Kom­men des Heiligen Geistes gebildet wurde. In der Abwesenheit des Herrn hat die­se Gemeinschaft das unvergleichliche Vorrecht, die Feier einer erlösten Schöpfung, wenn das Reich aufgerichtet sein wird, vorwegzunehmen. Am ersten Tag der Woche sind die Jünger versammelt, um Brot zu brechen und Wein zu trinken, und bringen damit bis zum Wiederkommen des Herrn zum Ausdruck, was sein Tod bedeutet. Diese Handlung ist völlig frei von Formalität, Monotonie oder Liturgie, denn der Herr selbst ist trotz seiner leiblichen Abwesenheit durch seinen Geist gegenwärtig, wie Er es versprochen hat (Joh 14,16-18). In gewissem Sinn teilen sie damit schon in der jetzigen Zeit von neu­em das Mahl mit Ihm. Sie nehmen den Kelch des neuen Bundes, der durch das Blut des Herrn ratifiziert ist. „Der Kelch der Segnung“ (1Kor 10,16) bringt dabei zum Ausdruck, was im Herzen Gottes ist und welche Hal­tung der Herr Jesus den Seinen gegenüber einnimmt. Der Kelch zeigt Gottes Liebe in einer besonderen Weise: Gott hat Christus gegeben, und Christus hat sein Blut gegeben, um uns zu besitzen und uns segnen zu können. Gott will nicht in erster Linie der Not des Menschen begegnen, sondern zeigen, was in seinem Herzen ist.

In gewisser Hinsicht sind daher auch wir Christen die direkten Nachkommen jener Gemeinschaft in dem Obersaal.

Vorgeschmack auf das künftige Reich

Viertens bekommen die Jünger bereits einen „Vorgeschmack“ auf das zukünf­tige Reich; ja es existiert schon, doch nur im Verborgenen: in ihren Her­zen. Überall, wo heutzutage die Herrschaft Christi anerkannt wird, besteht das Königreich Gottes in geheimnisvoller Form. Und in den wahren Christen ist alle „Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ – die Kennzei­chen des Reiches nach Römer 14,17 – schon vorhanden. Sie sind jetzt schon „versetzt … in das Reich des Sohnes seiner [des Vaters] Liebe“ (Kol 1,13). Christus wird nicht nur vom Vater so völlig geliebt, sondern Er ist auch der Gegenstand ihrer Liebe; das ist das Geheimnis ihrer Hingabe an den König, bis bei seiner Erscheinung das Reich, in das die Gläubigen schon jetzt versetzt sind, nicht mehr nur in einer geheimnisvollen Form existiert, sondern von allen Menschen gesehen wird.

Israel muss noch auf „die Zeit der Zurechtbringung (Heb 9,10) und die Seg­nungen der „zukünftigen Güter“ (Heb 9,11) warten, denn erst bei seiner Erscheinung wird der Herr Jesus dem Volk buchstäblich entgegengehen als der wahre Melchisedek (Ps 110), der König des Friedens und König der Gerech­tigkeit. Die Jünger dagegen als der gläubige Überrest des Volkes durften bereits damals diese Segnungen und Gottes Reich erfahren, das „nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ ist (Röm 14,17). In ähnlicher Weise hat auch für uns der Dienst des neu­en Bundes bereits begonnen, denn wir kennen schon heute den Dienst des Herrn als der wahre Aaron, der sich für uns verwendet (Heb 4,14-16), und den Dienst des Herrn als der wahre Melchisedek, der uns Brot und Wein herausbringt (vgl. 1Mo 14,18). Der Wein weist hin auf die Freude im Tausendjährigen Reich und das Brot auf den Herrn Jesus selbst (Joh 6,51), wenn Er sein Volk mit sich selbst geist­lich ernährt. Wir dürfen uns heute schon von Ihm „ernähren“ (Joh 6,56) und dürfen die Freude des Reiches schon heute genießen (Röm 14,17).

Die eigentliche und vollständige Zurechtbringung des Volkes Israel beginnt erst, wenn der neue Bund mit dem „Haus Israel“ und mit dem „Haus Juda“ vollzogen wird (Heb 8,8). Den Jüngern damals und uns heute kommt der Herr Jesus nicht aus dem Heiligtum heraus entgegen, wie Er es einmal bei Israel tun wird (Ps 110; 1Mo 14,18). Nein, wir, die wir an Christus glauben, haben bereits heute freien Eintritt in das Heiligtum (Heb 10,19). Deshalb brauchten die Jünger damals nicht mehr auf den „zukünftigen Erdkreis“ (Heb 2,5) mit seinen „zukünftigen Gütern“ (Heb 9,11; 10,1) zu warten. Sie durften damals schon einen Vorgeschmack davon bekommen, wie es sein wird, wenn der wahre Melchisedek mit Brot und Wein seinem Volk entgegengeht. Und wir dürfen diesen Vorgeschmack mit den Jüngern teilen, weil wir durch das Blut Jesu – das Blut des neuen Bundes – „Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum … auf dem neuen und lebendigen Weg“ (vgl. Heb 10,19.20).

Das Matthäusevangelium cha­rak­te­ri­siert die Jünger nicht als „Gemeinde“, als „Leib“ Christi wie zum Beispiel der erste Korintherbrief. In diesem Evangelium des Königs und des Königreiches sind die Jünger tatsächlich Schüler, das heißt, sie werden hier in einem zweifachen Charakter gesehen: als Jünger in Beziehung zu ihrem Meister und als Sklaven in Beziehung zu ihrem Herrn (Mt 10,24.25; 23,10). Als der König von ihnen Abschied nimmt und „außer Landes“ reist (vgl. Mt 25,15), gibt Er ihnen wunderbare Zeichen, die während der Zeit seiner Abwesenheit ihre Herzen trösten würden: das Brot, das auf seinen hingegebenen Leib hinweist, auf seinen Tod, der die Grundlage für alle verheißenen Segnungen bildet, und den Kelch, der auf das Blut des neuen Bundes hinweist, der in der Zukunft einmal ein Fest ermöglichen wird, bei dem Er dann neu mit ihnen von der Frucht des Weinstocks im Kö­nigreich seines Vaters trinken wird (Mt 26,29).

Welch ein Trost war diese Verheißung für die Jünger, wenn sie zusammenka­men, um das Abendmahl zu feiern; wenn sie traurig waren, weil ihr geliebter Herr weggegangen war; wenn sie sich fragten, wie lange es noch bis zu seiner Wiederkunft dauern würde, da sich doch um sie herum alles gegen die Aufrichtung seines Reiches entwickelte: Dann wurden sie durch den Kelch da­ran erinnert, dass sein Tod die Garantie für eine herrliche Zukunft in einer neuen Ordnung, einem neuen Bund ist, dessen Segnung für das Volk Gottes und damit für die ganze Schöpfung Wirklichkeit werden wird. Die Feinde mögen draußen drohen, doch der große König hat das letzte Wort. Es mag noch etwas dauern, und die Weltereignisse mögen katastrophal sein – dennoch ist die Zukunft sicher in seiner Hand, denn „die Zeit der Zurechtbringung“ (Heb 9,10) und „die Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge“ (Apg 3,21) werden nach Gottes Verheißung kommen.

Ist der neue Bund nicht schon in Kraft?

Diese Frage ergibt sich für viele aus der Bemerkung des Herrn: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“ (Lk 22,20), denn das Blut, das Christus gab, war ja tatsächlich das Blut des neuen Bundes. Dennoch konnte der neue Bund zu diesem Zeitpunkt, als der Herr diese Worte sprach, noch gar nicht geschlossen sein, denn das Blut des Bundes war noch nicht vergossen. Genauso wenig kann man aus der Tatsache, dass Paulus diesen Vers in 1. Ko­rin­ther 11,25 zitiert, folgern, der neue Bund sei bereits in Kraft getreten. Er wird erst dann in Kraft treten, wenn jene, mit denen er geschlossen werden wird, ihn annehmen.

Das griechische Wort diathēkē kann sowohl mit „Bund“ als auch mit „Testament“ übersetzt werden. Trotzdem kann man aus Hebräer 9,17[33] durch zwar konkordante[34], aber falsche Übersetzung von „Bund“ statt „Testament“ nicht schlussfolgern, der neue Bund sei mit dem Tod Christi bereits in Kraft getreten. Ein Testament wird erst mit dem Tod des Erblassers gültig, doch im Gegensatz dazu erfordert ein Bund – wie alle Bündnisse des Alten Testamentes beweisen – keinesfalls den Tod dessen, der den Bund geschlossen hat, um ihn in Kraft treten zu lassen.

Der alte Bund war ein Bund der Werke. Er wurde mit Israel geschlossen und mit Blut eingeweiht (Heb 9,18), dem Zeichen des Todes für den, der ihn brechen würde. Auch der neue Bund wird mit Israel geschlossen werden, aber das Blut, das mit dem neuen Bund in Verbindung steht, ist das Blut Chris­ti und die Grundlage für die Vergebung der Sünden. Auf der Grundlage des neuen Bundes wird den Israeliten das Gesetz auf ihre Herzen geschrieben werden (Jer 31,33), und sie werden die Er­kennt­nis des Herrn sowie die Ver­gebung der Sünden erlangen. Wir Christen haben diese Segnungen schon heute auf derselben Grundlage des Blutes Christi, aber wir haben sie in einem viel reicheren Maß, auch ohne dass wir in einer Bundesbeziehung zu Gott stehen. Übrigens wird uns Christen nicht das Gesetz in unser Herz geschrieben, sondern Christus selbst (2Kor 3,3). Wenn das Gesetz vom Sinai auf unsere Herzen geschrieben worden wäre, müssten wir den Sabbat halten. Doch weder müssen wir den Sabbat halten noch den Sonntag zum christlichen Sabbat verändern, um damit nach Meinung einiger das vierte Gebot zu halten.

Jedes Mal, wenn wir das Brot brechen und aus dem Kelch trinken, werden wir da­ran erinnert, dass die Segnungen des neuen Bundes bereits jetzt nicht allein nur unser Teil sind. Nein, die Ergebnisse des Werkes des Herrn auf Golgatha betreffen nicht nur uns Christen, sondern sie haben die Haltung Gottes gegenüber dem Menschen insgesamt neu bestimmt, so dass damit in der Zukunft auch die Segnung Israels und der ganzen Erde und sogar dar-über hinaus des ganzen Weltalls inbegriffen ist.

Zusammenfassung

  • Der neue Bund ist bereits gegründet und wird nicht mit den Gläubigen der Gemeinde in der gegenwärtigen Zeit geschlossen, sondern in der Zukunft mit den zwölf Stämmen Israels. Er wird jedoch durch die Apostel mittels ihrer Briefe an uns „bedient“ (siehe 2Kor 3,6), wodurch wir die Segnungen dieses Bundes erfahren dürfen.
  • Wir sind unter die Segnungen des neuen Bundes gekommen, da wir mit dem Mittler des neuen Bundes, der „unser Leben“ ist (Kol 3,4), vereinigt sind und den Dienst des Bundes bekommen.
  • Wir erfahren die Segnungen des neuen Bundes, da wir durch das Blut des neuen Bundes, das Christus gegeben hat, gereinigt sind.
  • Wir freuen uns darauf, dass Gott einmal durch den neuen Bund mit seinen Plänen für die Offenbarung seiner Herrlichkeit mit der Erde zu seinem Ziel kommen wird.

Die Frage dieses Kapitels lautete: Was haben wir Christen mit dem neuen Bund zu tun? Wir haben gesehen, dass wir sehr viel mit dem neuen Bund zu tun haben und uns viel verlorenginge, wenn wir achtlos an den Belehrungen des Neuen Testamentes über den neuen Bund vorbeigingen. Gerade in der Beschäftigung mit dem neuen Bund können wir mehr und mehr lernen, „seine Erscheinung [zu] lieben“ (2Tim 4,8). Natürlich, die Ent­rü­ckung wird ein großartiger Augenblick sein. Doch denken wir einmal weniger an unsere eigene Freude, wenn wir den Herrn Jesus zum ersten Mal sehen werden, sondern mehr an seine Verherrlichung, wenn Er auf der Erde in Macht und Herrlichkeit erscheint und Ihm die Ehre zuteilwird, die Ihm die Menschen bislang vorenthalten haben:

„Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen
gegeben, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes
Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen,
und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur
Verherrlichung Gottes, des Vaters“ (Phil 2,9-11).

 

Anmerkungen

[1] Das Gesetz zu halten, wird nur in der Kraft des Geistes möglich sein (Hes 36,27). Der Besitz des Geistes wird allerdings nicht als spezielles Kennzeichen des neuen Bundes genannt. Wir lesen auch nichts davon, dass der Besitz des Heiligen Geistes, so wie Ihn die Gläubigen unter dem neuen Bund erfahren werden, vergleichbar wäre mit dem, was heute dem Christen gilt: Der Heilige Geist ist das Siegel, das heißt die Bestätigung der Tatsache, dass wir in Christus sind; Er ist unsere Salbung und unser Unter­pfand auf ein himmlisches Erbe; Er wohnt in unserem Leib wie in einem Tempel; wir sind mit einem Geist getränkt und durch den Geist zu einem Leib getauft (Eph 1,13; 2Kor 1,21.22; 1Kor 12,13).

[2] Hesekiel 44,15.16; 46,3 und andere Verse aus diesen Kapiteln ma­chen deutlich, dass der Zugang zum Heiligtum nicht grundsätzlich gewährt wird, obwohl alle Israeliten unter dem neuen Bund sind. Aus Hebräer 10,19 ist klar ersichtlich, dass uns der Weg ins Heiligtum nicht wegen des Bundes, sondern wegen des für uns vergossenen Blutes Jesu gewährt wird: „Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt das Heiligtum durch das Blut Jesu.“

[3] Siehe Apostelgeschichte 8: Hier wird das Evangelium durch die Juden verkündet, die nach der Steinigung des Stephanus zerstreut wurden, und zwar den Samaritern (Apg 8,1) und dem Kämmerer, einem Mann aus den Nationen (Apg 8,27-39). Dabei ist beachtenswert, dass nicht der Kämmerer von sich aus die Evangeliumsverkündigung suchte, sondern dass Gott dem Philippus durch einen Engel den Auftrag gab, zu einem Mann aus den Nationen zu gehen und ihm das Evangelium zu sagen. Das Neue kommt also von Gottes Seite.

[4] Das griechische Wort kainos für „neu“, das in dem Ausdruck „neuer Bund“ benutzt wird, drückt den Gegensatz zu „alt“ aus. Das Wort für „neu“ (prosphatos) in Hebräer 10,20 („… auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat“) dagegen bedeutet „frisch; erst kürzlich (gemacht); gerade eben; noch nie da gewesen“.

[5] Ratifizieren (lat. ratus „gültig“, facere „machen“) bedeutet, ein Abkommen oder einen Vertrag verbindlich (durch Unterschrift) zu bestätigen. Der Vertrag kann mit dem Tag der Unterschrift oder zu einem im Vertrag genannten späteren Zeitpunkt in Kraft treten.

[6] Hierzu ein Beispiel: Was für ein großes Vorrecht war es nach 1948, zu den Nutznießern des Marshallplans zu gehören, der Hilfe für den Wiederaufbau in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg brachte. Doch weit­aus höher war das Vorrecht dessen, der sich als Deutscher ein Freund des US-amerikanischen Generals, Friedensnobelpreisträgers und Initiators dieses Plans, George C. Marshall, nennen durfte und auch persönlich die volle Unterstützung des Generals bekam.

[7] Wenn im griechischen Grundtext der Artikel vor einem Substantiv fehlt, geht es meistens um den Charakter, das Wesen einer Sache.

[8] Zum Beispiel gottesdienstliche Rituale, besondere Kleidung oder Gebäude, Liturgien, Reinigungs- oder Ernährungsvorschriften.

[9] Damit ist das gemeint, was Gott durch die äußerliche Anordnung (siehe vorherige Fußnote) uns heute mitteilen will.

[10] So wird es wieder Kleidungs- und Opfervorschriften und ein besonderes Gebäude geben (siehe Hesekiel 42–46).

[11] In der überarbeiteten Elberfelder Übersetzung, Hückeswagen (Christliche Schriftenverbreitung) 20062, sind diese Verse in Klammern gesetzt.

[12] Gegenüber den Menschen um uns her sind wir ein Brief Christi. Der Heilige Geist wirkt jetzt in uns, damit die Tugenden des Sohnes Gottes an uns gesehen werden. So wie einst die Gemeinde in Korinth ist heute jede örtliche Gemeinde Gottes solch ein Brief Christi, ja im weitesten Sinn sind es alle wahren Christen (2Kor 3,3).

[13] Die Israeliten konnten – das hatte bereits Mose erkannt – die Anwesenheit des Gesetzes in ihrer Mitte nicht ertragen. Nachdem Mose vom Berg Sinai mit den Gesetzestafeln herabgestiegen war, zerschlug er die steinernen Tafeln in Stücke, bevor er den Lagerplatz betrat (2Mo 32,19).

[14] Wir erinnern uns, dass Noah betrunken in seinem Zelt gefunden wurde (1Mo 9,20.21).

[15] Die Beschneidung ist nicht eine Verpflichtung der anderen Bundespartei Gott ge­gen­über, sondern vielmehr ein Zeichen des Bundes, so wie der Regenbogen das Zeichen des Bundes mit Noah war. Die beiden Zeichen gehören zwar zu verschiedenen Bündnissen, doch ergänzen sie einander.

[16] Die Decke der Unkenntnis Gottes (vgl. Eph 2,12).

[17] Im Grunde genommen gibt es nur zwei Bündnisse – auch wenn wir von einem Bund mit Abraham, Noah, David usw. lesen –: einen Bund, bei dem der Mensch Verpflichtungen einhalten muss (der alte Bund), und einen Bund, der nicht von seiner Leistung abhängt, sondern der sich allein auf Gottes Gnade gründet (der neue Bund).

[18] Zum Beispiel das Blut und einen Mittler.

[19] Das „Haus Juda“ und das „Haus Israel“ umfasst dabei nicht nur den gläubigen Überrest in Kanaan während und nach der Drangsalszeit, sondern auch die Israeliten, die nach der Drangsal „von den vier Enden der Erde“ gesammelt werden (Jes 11,12).

[20] So finden wir zum Beispiel das Blut in dem Blut von Opfertieren (2Mo 24,8) und den Mittler in Mose. Einzig den Bürgen gab es damals nicht. Das war auch genau das Problem des ersten Bundes, denn nur ein Bürge kann das Bestehen des Bundes garantieren und verhindern, dass der Bund versagt.

[21] Außerhalb des formellen Rahmens des alten Bundes gab es Vergebung der Sünden aufgrund von Gnade und Barmherzigkeit: David war aufgrund seines Ehe­bruchs mit Bathseba und seiner Blutschuld gegenüber Urija (2Sam 11,12-15) nach dem Gesetz des Mose des Todes schuldig. Doch er erfuhr Vergebung seiner Schuld und durfte weiterleben (Ps 103,3).

[22] Das gilt auch unabhängig davon, dass im Hebräerbrief die Gläubigen nie Priester genannt werden – auch wenn sie Priesterdienst ausüben –, um die Einzigartigkeit Christi zu betonen. Sie sind aber auch in Stellen wie Hebräer 2,11 und 8,2 mit einbezogen. Christus übt diesen Dienst durch die Gläubigen aus.

[23] Einige vertreten die Ansicht, dass die Gemeinde bereits unter dem neuen Bund stehen müsse, weil der Bund sonst unnötig bzw. überflüssig wäre, wenn die Gemeinde den Segen auch außerhalb des Bundes erfahren kann – das heißt, ohne dass der Bund mit uns Christen geschlossen worden wäre. Dieses Argument verliert seine Kraft, wenn wir bedenken, an wen der Hebräerbrief geschrieben wurde. Die gläubigen Hebräer nahmen an, dass sie etwas entbehren müssten, wenn die Verheißungen des Alten Testamentes nun nicht mehr ihrer Generation gelten sollten. Deswegen zeigt der Schreiber, dass sie noch weit­aus größere Segnungen empfangen hatten, und macht ihnen klar, dass sie auch die Segnungen des neuen Bundes besaßen.

[24] Dieser Vers ist der einzige direkte Hinweis auf die Auf­er­ste­hung unseres Herrn in diesem Brief; er zeigt, auf welche Weise die Verherrlichung Gottes ans Licht tritt.

[25] Auf der anderen Seite wurde Ihm die Sorge um die Herde Gottes auch durch Gott übertragen; das deutet die Verbindung mit der Auferweckung sicher an.

[26] Ähnlich finden wir das zum Beispiel bei dem Begriff „Gesetz“ im Römerbrief (be­sonders in Kapitel 7).

[27] Diese zeitlich begrenzten Bündnisse sind neben dem alten Bund zum Beispiel auch der neue Bund sowie der Bund mit Abraham und der Bund mit David im Tau­sendjährigen Reich. Die zeitliche Befristung besteht hier in der Begrenzung auf das Ende dieses Reiches, wenn die erste Schöpfung verschwindet und diese Bündnisse ihre Bedeutung verloren haben.

[28] „Und Mose nahm das Blut und sprengte es auf das Volk und sprach: Siehe, das Blut des Bundes, den der Herr mit euch geschlossen hat aufgrund aller dieser Worte.“

[29] Es handelt sich um die himmlische Seite des Tausendjährigen Reiches und bei dem Wein um geistliche Freude an seinem Volk und der wiederhergestellten Erde.

[30] Wir sprechen hier von einem „höheren“ Teil des Reiches, weil während des Tausendjährigen Reiches die Stellung des Gläubigen im „Reich des Vaters“ – das ist der „höhere“ und „himmlische“ Teil des Reiches – viel höher sein wird als die Stellung des Gläubigen auf der Erde (vgl. Off 21,9-27 mit Hes 40–48).

[31] So heißt es beispielsweise von Nathanael: „Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in dem kein Trug ist“ (Joh 1,47).

[32] Sie werden weder die Stellung „in Christus“ kennen noch den Heiligen Geist in sich wohnend haben. Ebenso wenig werden sie von einer für sie vollbrachten Erlösung wissen, aber sie werden Liebe zu ihrem Messias haben.

[33] „Denn ein Testament ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt, der das Testament gemacht hat.“

[34] Konkordant: übereinstimmend.


D. Schürmann | S. Isenberg: Der vergessene Reichtum
Kapitel 15: „Was haben die Christen mit dem neuen Bund zu tun?“, S. 412ff.

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