Offizielle Älteste in der Gemeinde?!
Eine Frage der Autorität

SoundWords

© SoundWords, online seit: 14.01.2015, aktualisiert: 27.08.2019

Wir haben auf unserer Internetseite bereits einige Artikel zum Thema „Älteste“ veröffentlicht. Daher möchten wir mit diesem Artikel nicht auf alle Aspekte zu diesem Thema eingehen. Vielmehr möchten wir uns beschränken auf eine Antwort auf den immer lauter werdenden Ruf nach offiziellen Ältesten in den Gemeinden.

Die Autoritätskrise

Wie kam es eigentlich zu dieser Entwicklung? Buchtitel wie Abschied von der Autorität: Die Manager der Postmoderne von Eike Gebhardt zeigen, dass wir es mit einer Entwicklung der Kultur zu tun haben, die automatisch ein Autoritätsproblem erzeugt. Da es im Postmodernismus nicht mehr die eine Wahrheit gibt, sondern jeder für sich selbst seine eigene persönliche Wahrheit kennt, gibt es auch gewissermaßen prinzipiell kein Recht mehr, irgendetwas als verbindlich durchzusetzen. Im Staat und in Unternehmen funktioniert es mit der Umsetzung von Autorität zwar noch einigermaßen gut, weil es gesetzlich oder vertraglich vereinbarte Regeln gibt, an die man sich halten muss, wenn man nicht mit den hierin auch festgelegten Sanktionen in Berührung kommen will. Die Anreize sind ausreichend, um solche Strukturen funktionieren zu lassen. Das ist zum Beispiel bei Unternehmen das Erreichen der Unternehmensziele auf der einen Seite, die Auszahlung von Lohn oder Gehalt auf der anderen Seite. Es besteht hier eine gegenseitige Abhängigkeit, wobei die Rollen klar festgelegt sind. Das ist auch in der Gesellschaft so: Ich halte mich an die Gesetze und zahle Steuern, der Staat sorgt für Sicherheit und für die nötige Infrastruktur, die mir in der arbeitsteiligen Gesellschaft das Leben sehr erleichtern.

In den Familien ist es zumindest in westlichen Ländern anders. Der Zugang von Frauen zur Bildung und zu breiten beruflichen Möglichkeiten und die völlige Veränderung des Frauenbildes haben dazu geführt, dass Abhängigkeit der Frau vom Mann kaum noch besteht und für eine Frau der Gedanke der Unterordnung unter den Mann undenkbar erscheint.[1]Daher fällt es auch vielen gläubigen Frauen schwer, sich an die biblische Forderung der Unterordnung unter den Mann zu halten. Die gesellschaftliche und gesetzliche Ächtung vieler Sanktionsmöglichkeiten in der Kindererziehung sowie der Einfluss antiautoritärer Pädagogikprinzipien haben ein Weiteres getan, um auch die Unterordnung der Kinder drastisch zu erschweren. Selbst die normalerweise vorhandene Abhängigkeit der Kinder von den Eltern ist heute nicht mehr so sicher, dass sie zu einer Anerkennung der Autorität der Eltern führt, da Kinder heute auch anders überleben und sich entwickeln können.

In den Gemeinden ist es ähnlich wie in der Familie. Da verschiedenste Formen von Gemeinden existieren, ist der Gläubige nicht mehr von einer bestimmten Gemeinde abhängig. Ein Jahrtausend zurück war das noch anders. Da gab es nur eine Gemeinde / Kirche, und wer irgendwie am gemeinschaftlichen Glaubensleben teilnehmen wollte, hatte praktisch gar keine Alternative.

Ein falsches Bild von Gemeinde Gottes

Das heutige Bild vieler Christen von Gemeinde ist ja auch, dass die Gemeinde ihnen etwas „bieten“ soll. Diese Vorstellung ähnelt der Praxis in einem Unternehmen: Wenn für mich genügend herausspringt, dann bin ich auch bereit, bestimmte Dinge zu akzeptieren. Daher ist es heute auch allgemein üblich, sich Gemeinden auszusuchen nach dem Aspekt: Wo wird meinen Wünschen am meisten entsprochen? Der eine sucht Musik und findet sie in Gemeinde A, der andere sucht Kontakte für seine Kinder und findet sie in Gemeinde B und der nächste sucht Heilung und findet Angebote in Gemeinde C usw. Insoweit diese Gemeinden den Wünschen entgegenkommen, ist dann auch Bereitschaft da, den Autoritätspersonen in diesen Gemeinden Gefolgschaft zu leisten und Anordnungen auch dann erst einmal zu akzeptieren, wenn sie mit den eigenen Anschauungen nicht so ganz übereinstimmen.

Wie löst man die Autoritätskrise in den Gemeinden?

Je weniger also Gemeinden darauf ausgerichtet sind, den Wünschen der Besucher der Zusammenkünfte entgegenzukommen, desto schwieriger ist es, Autorität in den Gemeinden umzusetzen. In einer biblisch orientierten Gemeinde geht es allerdings überhaupt nicht um die Wünsche der Besucher, sondern einzig um die Wünsche des Gastgebers, des Herrn Jesus, der in der Mitte derer sein will, die in der Anerkennung aller seiner Rechte sich zu Ihm hin versammeln, um Ihm einen Platz zu geben, wo auf der Erde seine Rechte anerkannt werden. Daher gibt es das Autoritätsproblem gerade in solchen Gemeinden, die sich nach dem Wort Gottes versammeln wollen, denn auch solche Gemeinden werden von Gläubigen besucht, die – vom Kulturdruck beeinflusst und vom Nutzenprinzip angesteckt – Autorität nur noch in Verbindung mit einer Gegenleistung akzeptieren wollen. Das führt dazu, dass es in vielen Gemeinden mehr oder weniger große Unordnung und viele ungelöste Probleme gibt. Moralische Autorität allein wird nicht mehr anerkannt.

Das Prinzip der Ältestenschaft kommt diesem Problem sehr entgegen. Wenn eine Gemeinde offizielle Älteste hat, dann kann man an diese Ältesten auch verschiedene Erwartungen stellen. Dafür, dass sie dann verschiedenste Aufgaben übernehmen (oft gar nicht solche, die dem Ältestendienst, so wie die Schrift ihn kennt, entsprechen), ist man dann auch bereit, ihren Anordnungen Folge zu leisten. Umgekehrt haben diese Älteste die Möglichkeit, Probleme zu lösen, ohne Einmütigkeit aller Geschwister zu erlangen, und bestimmte Ordnungsregeln durchzusetzen, um Unordnung zu vermeiden. Zudem scheint dieses Prinzip auch eine biblische Grundlage zu haben, da es zu neutestamentlicher Zeit ebenfalls in einigen Gemeinden Älteste gab und Titus sogar beauftragt wurde, auf Kreta in jeder Stadt Älteste anzustellen.

Wo hat die Ablehnung von Autoritäten eigentlich ihren Ursprung?

Auch wenn die Zeit heute besonders dazu angetan ist, das Ablehnen von Autorität zu fördern, so ist doch das Prinzip schon sehr alt. Es muss schon vor der Zeit des ersten Menschenpaares gewesen sein, dass sich einer der Engelsfürsten, der Satan, gegen die Autorität Gottes auflehnte. So musste über ihn geurteilt werden: „Weil du deinen Sinn dem Sinn Gottes gleichstellst, … dein Herz hat sich erhoben wegen deiner Schönheit, du hast deine Weisheit zunichtegemacht wegen deines Glanzes“ (Hes 28,6.17). Mit diesem Prinzip verführte Satan dann auch das erste Menschenpaar und flüsterte Eva ins Ohr: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ Der Mensch hörte auf Satan und stieg ein in die Rebellion gegen Gott. Er übertrat das einzige Gebot, das Gott gegeben hatte, und verachtete damit die Autorität, die Gott über ihn hatte.

Bis heute befindet sich der Mensch in dieser Rebellion gegen Gott. Daher „gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit“ (Apg 17,30.31), um seine Autorität unter Beweis zu stellen und der Rebellion ein Ende zu bereiten.

Gott hat Autorität delegiert

Gott hat seine Autorität vielfältig delegiert – ähnlich wie wir das auch in den hierarchischen Organisationsstrukturen eines Unternehmens finden. So hatte Gott auch die Autorität über die Schöpfung dem Menschen übergeben. Wir lesen, dass Adam und Eva über diese Erde herrschen sollten, sie sollten die Autorität über die Erde haben. Adam durfte den Tieren sogar Namen geben. Wer jemand einen Namen gibt, hat offensichtlich Autorität über diesen. Es scheint, dass der Mensch diese Autorität mit dem Sündenfall dem Satan überlassen hat, denn dieser wird vom Geist Gottes „der Fürst dieser Welt“ genannt. Wir sehen das Prinzip auch bei Nebukadnezar: Er gibt den jüdischen Fürstenkindern eigene Namen, um seinen Autoritätsanspruch an sie deutlich zu machen.

Weiter hat Gott den Eltern Autorität über die Kinder gegeben, Er hat den Mann der Frau zum Haupt gesetzt. Er hat der Obrigkeit Autorität verliehen und deshalb warnt der Apostel Paulus die römischen Christen: „Wer sich der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes“ (Röm 13,2). Er prophezeit Timotheus, dass es eine Zeit geben würde, wo Kinder den Eltern ungehorsam sein würden (2Tim 3,2). Den Frauen ruft er zu: „Ihr Frauen, ordnet euch euren eigenen Männern unter, als dem Herrn“ (Eph 5,22). Petrus fordert die Arbeitnehmer auf: „Ordnet euch den Herren in aller Furcht unter“ (1Pet 2,18). Den Jüngeren in der Gemeinde sagt er: „Ebenso ihr Jüngeren, ordnet euch den Älteren unter“ (1Pet 5,5). Und der Schreiber des Hebräerbriefes mahnt die Gläubigen: „Gehorcht euren Führern und seid fügsam, denn sie wachen über eure Seelen“ (Heb 13,17). Im Alten Testament heißt es: „Wo keine Führung ist, verfällt ein Volk“ (Spr 11,14). Und wir fügen hinzu: Ohne Führung verfällt eine Gemeinde.

Anerkennen von Autorität bedeutet nicht Gutheißen von Entscheidungen

Es gibt also keinen Zweifel daran, dass wir auch heute noch die von Gott gegebenen Autoritätsstrukturen zu berücksichtigen haben. Dabei ist es sehr hilfreich, einmal genau zu lesen, wie die Apostel sich ausdrücken. Sie sagen eben nicht, dass man sich nur den guten Regierungen zu unterwerfen hat, nur den guten Ehemännern, nur den liebevollen Eltern, nur wohltuenden Arbeitgebern, den nur weise Entscheidungen treffenden Ältesten: Nein, es heißt oft: „in allem“, und: „als dem Herrn“. Oft werden Autoritäten nicht anerkannt, weil man meint, es besser zu wissen und klüger zu sein. Und das kann tatsächlich manchmal der Fall sein, und trotzdem heißt es dann, sich der übergeordneten Autorität zu unterwerfen. Wir sollten sehr dankbar sein, dass Gott ein Autoritätsgefüge in die Schöpfung hineingelegt hat, denn das ist die Grundlage dafür, dass Beziehungen zum Segen und in Übereinstimmung mit Gottes Gedanken funktionieren können.

Muss man sich denn Autorität immer beugen?

Gibt es denn gar keine Ausnahme? Wie viel Autoritätsmissbrauch hat es in allen Beziehungen schon gegeben! Wie oft haben sich Machtstrukturen gebildet, die sehr zum Schaden waren, und das, wie schon gesagt, in allen Bereichen! Dennoch hebt der Missbrauch von Autorität die Schöpfungsordnung Gottes nicht auf.

Oft führt man in diesem Zusammenhang den Vers an: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen“ (Apg 5,29). Dieser Vers ist beileibe keine Ausnahme für die Unterwerfung unter die Autorität, sie zeigt nur die Priorität im Autoritätsgefüge. Die Autorität des Schöpfers gilt eben höher als die, denen Er sie delegiert hat. Um noch mal auf das Beispiel des Unternehmens zurückzukommen: Die Autorität des Geschäftsführers sticht eben die Autorität des leitenden Angestellten. So war es auch hier in Apostelgeschichte 5: Man hatte dem Petrus und den Aposteln verboten, im Namen Jesu zu predigen. Aber genau das war ihr Auftrag als Apostel von Gott! Apostel bedeutet „Gesandter“, und die Apostel wurden von Gott höchstpersönlich mit dem Auftrag ausgesandt, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Hier gab es einen Autoritätskonflikt, weil die höchste Autorität im Universum etwas anderes angeordnet hatte. In diesem und allein in diesem Fall ist es erlaubt und nicht nur erlaubt, sondern geboten, einer grundsätzlich von Gott delegierten Autorität den Gehorsam zu verweigern. Wenn also Eltern von ihren Kindern erwarten, dass die Kinder lügen, dann müssen Kinder ungehorsam sein; wenn eine Regierung von seinen Bürgern erwartet, dass sie stehlen, töten oder den Namen Gottes lästern, dann darf der Christ sich nicht unterwerfen.

Und wenn Verantwortliche in der Gemeinde in fundamentalen Fragen unbiblische Dinge verlangen, die deutlich dem Wort Gottes widersprechen, dann darf man diesen Anordnungen nicht Folge leisten. Wir sollten aber nicht zu schnell mit diesem Argument ankommen. Es ist schon ein klares Gebot Gottes in seinem Wort nötig, um sich auf Apostelgeschichte 5,29 berufen zu können. Keinesfalls geht es um die Frage, ob wir in einem Punkt anderer Meinung sind oder ob man eine Bibelstelle so oder so auslegen kann, sondern es geht darum, ob das, was eine Autoritätsperson fordert, einem Gebot Gottes in seinem Wort widerspricht. Wenn Eltern ihren Kindern zum Beispiel verbieten würden, ein bestimmtes wertvolles Buch zu lesen, dann kann man sich über den Sinn und Zweck dieses Gebotes streiten und auch anderer Meinung sein, aber das Kind sollte sich dieser Anweisung nicht widersetzen. Wenn Älteste oder verantwortliche Personen in einer Gemeinde es für notwendig erachten, den Frauen in der Gemeinde aufzuerlegen, nur in Rock die Gemeindestunden zu besuchen, dann sollte man sich dieser Anordnung fügen, selbst wenn man über den Sinn und Zweck dieser Forderung ganz anderer Meinung ist.[2] Es gibt keine ausdrücklichen Anweisungen in der Heiligen Schrift, die durch diese Forderung übertreten würden. Mit etwas gutem Willen könnte man sicher neben den Gegenargumenten auch einige Argumente dafür finden. Aber es steht jedenfalls keine fundamentale Frage zur Debatte.

Unterschiede in den Autoritätsbeziehungen

Auch ist es in solchen Fragen wichtig, zu untersuchen, um welche Beziehung es sich handelt. Nicht jede Autoritätsbeziehung wurde von Gott in gleicher Weise eingerichtet. So wird den Kindern befohlen, ihren Eltern zu gehorchen. Den Frauen aber wird nicht gesagt, dass sie ihren Männern zu gehorchen haben – obwohl sie sich unterordnen sollen. Gehorchen geht sicher weiter als sich unterordnen. Nehmen wir einmal ein Beispiel: Die Schrift fordert dazu auf, die Zusammenkünfte nicht zu versäumen. Es sieht hier bei einem Kind sicher anders aus als bei einer Frau. Von einem Kind erwartet Gott nicht, dass es entscheiden kann, um was für Zusammenkünfte es sich handelt: ob es wirklich Zusammenkünfte zum Namen des Herrn sind oder ob es sich nicht vielleicht auch um eine gefährliche Sekte handelt. Daher hat ein Kind nur einfach den Eltern zu gehorchen. Eine Frau dagegen sollte Unterscheidungsvermögen haben und daher schließt Unterordnung hier sicher nicht grundsätzlich Gehorsam ein. Vielleicht wird sie einmal an einen Sonntag ihren Mann, der sie am liebsten nicht in der Zusammenkunft sehen möchte, zu einem Tagesausflug begleiten, aber grundsätzlich wird sie ihrem Gott mehr gehorchen als ihrem Mann.

Älteste in den Versammlungen

Die Schrift kennt tatsächlich auch Älteste in den Versammlungen. Wie schon erwähnt sollten in Kreta sogar in jeder Stadt Älteste von Titus angestellt werden. Von den Ältesten in Ephesus lesen wir, dass der Heilige Geist sie als Älteste in die Versammlung gesetzt hatte, damit sie die Herde Gottes hüten sollten. Durch den Vergleich von Titus und Timotheus sehen wir, dass es sich bei dem Ältestendienst um einen Aufseherdienst handelt, der sogar noch „ein schönes Werk“ genannt wird (1Tim 3,1). In 1. Thessalonicher 5 lesen wir: „Wir bitten euch aber, Brüder, dass ihr die erkennt, die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen, und dass ihr sie über die Maßen in Liebe achtet, um ihres Werkes willen“ (1Thes 5,12.13).

„Offizielle“ Älteste

Wir haben nun die Frage der Autorität geklärt und auch die Frage, ob Älteste oder verantwortliche Brüder in der Gemeinde von Gott autorisiert sind, Autorität auch auszuüben. In der Gemeinde keine leitenden und führenden Brüder zu haben ist ein unnormaler Zustand. Heißt das nun, dass alle Gemeinden „offizielle“ Älteste oder gar einen Gemeindeleiter benötigen? Diese Frage muss tatsächlich sorgfältig betrachtet werden. Denn von den Großkirchen einmal abgesehen gibt es wohl in den meisten christlichen Gemeinden, Gruppen und Gemeinschaften solche offizielle Ältesten, die von der Gemeinde gewählt oder durch einen Ältesten- oder Leitungskreis dazu benannt wurden. Nun stellt sich folgende Frage: Sollte diese Aufgabe mit einem offiziellen Amt verbunden sein oder nicht? In den Gemeinden in Kreta und Ephesus war das ja zumindest der Fall. In Thessalonich dagegen scheint es anders gewesen zu sein, sonst hätte Paulus nicht die angeführte Ermahnung zu schreiben brauchen. Auch Korinth scheint keine Ältesten gehabt zu haben, obwohl es dort große Unordnung gab und wir daher offizielle Älteste für besonders nötig erachtet hätten.

Der Ruf, den Dienst mit einem offiziellen Amt zu verknüpfen, rührt von beiden Seiten her. Diejenigen, die einen Aufseherdienst ausüben wollen und vielleicht auch dazu befähigt sind, stellen fest, dass ihre moralische Autorität nicht gesehen oder anerkannt und das „Hüten“ der Herde dadurch sehr erschwert wird. Auf der Seite der „Herde“ gibt es aber genauso den Ruf nach einem offiziellen Amt. Denn dann ist es den „Aufsehern“ nicht mehr so leicht möglich, sich vor unangenehmen Aufgaben zu drücken. Wir kennen einen Fall, wo ein älterer Bruder wohl ab und zu Aufseherdienst ausübte, aber ansonsten viel lieber in anderen Versammlungen herumreiste und, auf seine Aufgabe als Ältester bei unangenehmen Probleme am eigenen Ort angesprochen, sofort erwiderte: Nein, ich bin doch kein Ältester. Wenn es eng wird, stellt man oft fest, dass es keinen mehr gibt, der sich verantwortlich fühlt. Sich so aus der Verantwortung zu stehlen ist bei einem offiziellen Amt eben auch nicht mehr möglich.

Wie sollte jemand in solch ein Ältestenamt eingesetzt werden?

Zunächst einmal ist zu bemerken: Wenn Titus vom Apostel Paulus die Aufgabe bekam, Älteste einzusetzen, besagt das noch lange nicht, dass so ein Einsetzen auch heute noch möglich ist. Wenn wir dabei möglichst nah am Wort Gottes bleiben wollen, dann müssen wir nachforschen, wer dazu von Gott autorisiert war, jemand anderen in diese Position zu heben und ihm offizielle Autorität zu übertragen. Die Heilige Schrift gibt uns ein sehr deutliches Bild davon, wie Autorität vermittelt wird: nämlich immer von oben nach unten. Demokratie und die Entscheidung der Mehrheit zählt bei Gott nicht. Deshalb fällt eine offizielle Einsetzung von Ältesten durch Wahl der Gemeindeglieder schon mal vom Grundsatz her weg. Diese Vorgehensweise ist unbiblisch und sogar widergöttlich. In der Anfangszeit der Kirche war es so, dass Gott den Aposteln Autorität gab; diese Autorität konnten sie weiterreichen, so wie wir das bei Titus (Tit 1) oder auch bei Timotheus sehen (1Tim 3). Aber bereits hier hört die Kette auf. Schon Titus hatte nur die Autorität, in Kreta Älteste anzustellen, danach, so lesen wir, sollte er zum Apostel Paulus nach Nikopolis zurückkehren (Tit 3,12).

Heute haben wir keine Apostel mehr, daher haben wir auch niemand in der Gemeinde, der irgendwie besondere offizielle Autorität von sich aus über den anderen hätte und daher Älteste bestimmen könnte. Man könnte sich vielleicht noch vorstellen, dass ein Missionar, durch dessen Dienst eine junge Gemeinde entstanden ist, von der Gemeinde gebeten wird, Älteste zu benennen. Wenn er sich dann vom Heiligen Geist berufen fühlt, das zu tun, dann wäre jedenfalls das göttliche Prinzip gewahrt, dass Autorität niemals von unten nach oben gehen kann.

Sind benannte Älteste das Heilmittel gegen Unordnung?

Wie schon gesagt, lesen wir nichts davon, dass es in Korinth, wo es so viele Probleme gab, offizielle Älteste gab. Wenn es mit offiziellen Ältesten in den Gemeinden wirklich besser funktionieren würde, hätten wir erwarten dürfen, dass Paulus besonders die Korinther ermahnen würde, schnellstens Älteste anzustellen, damit es endlich besser würde in der Versammlung am Ort. Aber im Gegenteil, er stärkt lediglich das Haus des Stephanas, der „sich selbst den Heiligen zum Dienst verordnet hat“ (1Kor 16,15). Paulus ermahnt die Korinther, „dass auch ihr euch solchen unterordnet und jedem, der mitwirkt und arbeitet“ (1Kor 16,16). Es geht also darum, sich solchen unterzuordnen, die sich offensichtlich für die Heiligen im Dienst verwenden. Beachten wir hier das Wort „und jedem, der mitwirkt und arbeitet“. Ähnliches finden wir ja auch bei den Thessalonichern. Auch hier gab es solche, die unter den Thessalonichern arbeiteten, und solche sollten erkannt werden. Sie waren keine offiziellen Ältesten, aber sie taten genau das, was Älteste tun sollten. Wenn es auch offensichtlich keine offiziellen Älteste gab, so gab es doch die Dienste, die ein Ältester für gewöhnlich ausübte.

Wir erkennen also, dass der Heilige Geist Unordnung in den Gemeinden keinesfalls mit einem Amt begegnet.

Wenn Gläubige heute ganz schlicht zum Namen des Herrn zusammenkommen, dann wird sich sehr schnell herausstellen, wer jene sind, die den Gläubigen vorstehen; die Problemlösungen für schwierige Entscheidungen mit dem Wort Gottes aufzeigen können; die lehrmäßige Abweichungen in der Gemeinde erkennen; die in der Lage sind, vor unguten Einflüssen zu warnen usw. Der Heilige Geist wird solche immer hervortreten lassen, und die Gläubigen haben nichts weiter zu tun, als solche zu erkennen und sich ihnen unterzuordnen. Es heißt nicht umsonst in Apostelgeschichte 20,28: „Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten.“ Der Heilige Geist setzt ein; damit dürfen wir auch noch heute zufrieden sein.

Manchmal wird darauf erwidert, dass der Heilige Geist zwar einsetzt, aber dass Er dazu Menschen gebrauchen will. Und tatsächlich war das in der Anfangszeit auch zum Teil so. Der Heilige Geist konnte die Apostel zu diesem Dienst gebrauchen (Apg 14,23; Tit 1). Aber wir haben oben schon gesehen, dass es durchaus nicht überall der Fall war; es gab durchaus auch Gemeinden, wo es keine offiziellen Ältesten gab. Und heute gibt es keine Apostel mehr und damit keine Glieder der Gemeinde, die eine höhere offizielle Autorität über andere Glieder hätten, die sie delegieren könnten.

Noch ein Schritt weiter!

Man spricht heute ja nicht nur von offiziellen Ältesten, sondern sogar von sogenannten Gemeindeleitern. Meist ist damit sogar nur eine einzige Person in der Gemeinde gemeint. Von dieser Einrichtung lesen wir in der Bibel nichts. Es ist auch nichts anderes als reiner Mutwille, zu behaupten, bei dem „Engel der Versammlung“ in Offenbarung 2 und 3 handle es sich um solch einen Gemeindeleiter. Nein, wenn wir von einem „Gemeindeleiter“ reden können, dann ist es mit Sicherheit kein anderer als der Heilige Geist. Das ist die Herausforderung für jede christliche Gemeinde, dass sie sich in allen Fragen der bewussten Leitung durch den Heiligen Geist unterstellt und dass man darauf vertraut, dass der in der Mitte anwesende Herr die Geschicke der Gemeinde lenkt. Der Apostel Paulus schreibt an die Kolosser: „festhaltend das Haupt“; sie sollten das Haupt, Christus selbst, festhalten. Das ist der einzige Punkt, um den es gehen muss: Sind wir bereit, in allen Fragen des Zusammenkommens das Haupt festzuhalten? Oder rufen wir bei Problemen und Nöten nach offiziellen Ältesten und Häuptern der Gemeinde, die dann unsere Probleme lösen sollen? Nein, wir sollten nicht nach offiziellen Ältesten rufen, sondern das Haupt anrufen und warten, wie der Heilige Geist uns aus den Problemen und Nöten helfen will. Wir empfehlen dazu den Artikel „Was bedeutet ‚das Haupt nicht festhalten‘?“.

Was macht man mit Geschwistern, die sich der Autorität nicht beugen wollen?

Wenn es in der Gemeinde scheinbar durcheinandergeht, ist der Ruf nach Ältesten zwar sehr verständlich, entbehrt aber jeder Grundlage in Gottes Wort – siehe das Beispiel der Korinther. Selbst als die Apostel noch anwesend waren und es sogar offizielle Älteste und Apostel gab, war in den Gemeinden bei weitem nicht alles in Ordnung.

Was macht man denn nun mit solchen Geschwistern, die moralische Autorität nicht anerkennen wollen? Man hofft vielleicht, durch die Ausübung von offizieller Autorität diesen ungeistlichen Geschwistern beizukommen. Aber kann man durch offizielle Autorität wirklich erreichen, was man mit moralischer Autorität nicht erreicht hat? Werden die ungeistlichen Geschwister dadurch geistlicher, indem man ihnen mit offizieller Autorität beizukommen versucht? Nein, die Lösung ist nicht, dass man offizielle Älteste benötigt, sondern dass die Brüderschaft gemeinsam versucht, die ungeistlichen Geschwister auf einen guten Weg zu bringen. Wenn dies nicht gelingt und diese Geschwister sich der moralischen Autorität der verantwortlichen Brüder auf Dauer widersetzen, dann müssen je nach Fall weitere Erziehungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Verwechslung von Ältestendienst mit Hirten und Lehrerdienst und Verwechslung von Amt und Gabe

Oft hat man in der Gemeinde auch völlig falsche Vorstellungen von den Aufgaben eines Ältesten. Man meint dann, der Älteste sei für alle Hirten- und Lehrerdienste verantwortlich. Aber diese Dienste, für die der Herr spezielle Gaben gegeben hat, haben grundsätzlich erst einmal gar nichts mit den Aufgaben eines Ältesten zu tun. Amt, Gabe und Dienst sind völlig verschiedene Dinge. Zwar sollte ein Ältester lehrfähig sein, aber Lehre ist nicht seine Hauptaufgabe. Zwar sollte er die Herde hüten (vgl. 1Pet 5,2) und darauf achten, wenn Geschwister einen unordentlichen Weg einschlagen (vgl. 1Thes 5,14), aber die eigentliche Aufgabe, sich mit den Seelen zu beschäftigen, obliegt den Hirten. Die Aufgaben eines Hirten gehen nämlich viel weiter, als nur die Herde zu hüten. Das Weiden der Schafe und das spezielle Weiden der Lämmer ist nicht per se die Aufgabe des Ältesten. Selbst Organisationsaufgaben, für die es Diener gibt, sieht man oft fälschlicherweise als Aufgabe der Ältesten an.

Dann führt das offizielle Anstellen von Ältesten oft zu dem Problem, dass in der Gemeinde drei Leute arbeiten, während die anderen sich bedienen lassen, nach dem Motto: Wieso soll ich mich um die Kleinmütigen kümmern, wir haben doch schließlich Älteste? Wieso soll ich mich für die Wortbetrachtungsstunde vorher mit dem Text beschäftigen und Betrachtungen darüber lesen, wir haben doch Älteste? Wieso soll ich die Kranken und Witwen besuchen, das machen doch sicher schon die Ältesten? – Dann geht es zu wie auf einem Schiff, wo von einer zwanzigköpfigen Besatzung nur drei Mann rudern, während die anderen die schöne Aussicht an Deck genießen. Das führt meist dazu, dass die drei ziemlich schnell ausgebrannt sind und das ganze Schiff sich nur noch durch jeden aufkommenden Wind treiben lässt. Was wir wirklich brauchen, sind erweckte Glieder des Leibes, die alle begriffen haben, dass sie eine ganz spezielle Aufgabe zu erfüllen haben, die nur sie erfüllen können. Erst dann kann es einer Gemeinde wohlgehen.

Die Probleme werden also nicht durch offizielle Ämter in der Gemeinde erledigt, sondern dadurch, dass sich jedes Glied am Leib fragt, welche Aufgabe es vom Herrn empfangen hat. Schließlich sagt der Apostel Petrus, dass jeder Gläubige eine Gnadengabe empfangen hat („Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat“, 1Pet 4,10).

Wenn Glieder der Gemeinde gemäß der Gabe, die ihnen der Herr gegeben hat, einen Dienst tun, dann tun sie diesen Dienst allein deshalb, weil es der Heilige Geist ist, der sie in diese Dinge gesetzt hat, und nicht, weil sie von der Gemeinde dazu eingesetzt worden wären. Sowohl die Gaben als auch der damit verbundene Dienst kommen stets von Gott:

  • 1Kor 12,4-6: Es sind aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber derselbe Geist; es sind Verschiedenheiten von Diensten, und derselbe Herr; und es sind Verschiedenheiten von Wirkungen, aber derselbe Gott, der alles in allen wirkt.

  • 1Kor 12,18: Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, jedes einzelne von ihnen an dem Leib, wie es ihm gefallen hat.

  • 1Kor 12,28: Und Gott hat etliche in der Versammlung gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, sodann Wunderkräfte, sodann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Regierungen, Arten von Sprachen.

  • Eph 4,7-13: Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maße der Gabe des Christus. Darum sagt Er: Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben … Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Manne, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus.

Als es in der Anfangszeit noch Apostel gab, konnte es auch offizielle Älteste geben. Aber die Zeit der Apostel ist vorbei. Und so wie es nach der Anfangszeit auch keine offiziellen Apostel mehr gab, so gab es auch keine offiziellen Ältesten mehr, denn damit war keiner mehr da, der sie in ihrem Amt offiziell bestätigen konnte. Es wäre Anmaßung, diese Aufgabe und Autorität der Apostel an uns zu reißen und nach deren Abscheiden fortzuführen. Dennoch gibt es auch heute noch Älteste, die über die Seelen wachen und die Schafe der Gemeinde hüten.

Dass es keine „offiziellen“ Ältesten gibt, bedeutet nicht, dass es keine Ältesten gibt

Denen, die so argumentieren, wie wir es oben getan haben, wurde oft der Vorwurf gemacht, man überließe die Gemeinde sich selbst und man lehne es ab, dass es in der heutigen Zeit noch Älteste gibt. All das will dieser Artikel überhaupt nicht sagen. Es geht allein um die Frage, ob es heute noch „offizielle“ Älteste gibt, solche, die von der Gemeinde oder von einem Ältesten- oder Leitungskreis gewählt werden oder offiziell ins Amt gestellt werden. Der Herr Jesus ist der große Hirte der Schafe und Er liebt seine Gemeinde und nährt und pflegt sie und lässt sie auch nicht im Stich, was Leitung anbelangt.

Gemeinden, die keine offiziellen Ältesten haben, werden oftmals belächelt, und schnell bekommen Gläubige aus solchen Gemeinden Selbstzweifel, zumal man auch schnell denken könnte, dass etwas falsch sein müsse, wenn in der Gemeinde keine Älteste sind, denn schließlich haben ja „die meisten christlichen Gemeinden offizielle Älteste“. Aber das Prinzip der Mehrheit kennt Gottes Wort nicht und braucht uns deshalb nicht weiter zu verunsichern. Wenn man das Prinzip der Mehrheit in der Bibel einmal genauer studiert, stellt man sehr schnell fest, dass Gott sehr selten bei der Mehrheit war. Nun, das ist natürlich kein Argument für die Richtigkeit obiger Ansicht, soll aber doch jene beruhigen, die sich schnell von dem Prinzip der Mehrheit mitreißen oder verunsichern lassen.

Manchmal wird auch etwas spöttisch gesagt, man solle doch einmal an einem Sonntag darum bitten, dass die Ältesten zu einer Beratung zurückbleiben mögen, ähnlich wie zum Beispiel in Apostelgeschichte 20,17 Paulus „die Ältesten der Versammlung herüberrufen“ ließ. Was würde dann geschehen? Vielleicht würden dann tatsächliche keine Brüder zurückbleiben, weil sie aus Bescheidenheit und aus Sorge, sich damit in ein Amt gedrängt zu haben, hinausgehen. Doch beweist das keinesfalls, dass es nicht solche Älteste gibt. Sicher könnte man heute aber fragen: „Wir bitten die Brüder, die Verantwortung tragen, einmal zurückzubleiben.“

Ist eine „Brüderstunde“ eine Alternative für einen offiziellen Ältestenkreis?

In vielen Gemeinden, die keinen offiziellen Ältestenkreis haben und diesen auch strikt ablehnen, gibt es eine Brüderstunde. Ist das nun eine Gott gemäße Alternative?

Es ist klar, dass die Brüder der Gemeinde miteinander über Leitungs- und Ordnungsfragen in der Gemeinde sprechen müssen. Wenn dann offizielle Stunden für solche Gespräche anberaumt werden, stellt sich die Frage, wer daran teilnimmt. Hier zeigt sich, dass auch diese Gemeinden schnell in das Dilemma kommen, welche Brüder sie denn als „inoffizielle“ Älteste ansehen; mit dem Status „Bruder der Brüderstunde“ bekommen solche Brüder dann manchmal die Rechte von Ältesten, ohne auch deren Pflichten zu haben.

Um dieses Dilemma zu lösen, haben sich zwei unterschiedliche Formen von Brüderstunden entwickelt. Zu der einen Brüderstunde ist jeder Bruder eingeladen; Voraussetzung ist also dann, dass man männlich und gläubig und vielleicht noch älter als zwanzig Jahre ist. Sind das aber Kriterien des Wortes Gottes für einen Ältestendienst? 1. Timotheus 3 und Titus 1 sprechen da eine ganz andere Sprache. Kann wirklich jeder Bruder – ob geistlich oder nicht, ob erprobt oder nicht, ob er seine Leitungsfähigkeit in der eigenen Familie und im eigenen Leben bewiesen hat oder nicht – bei Themen des Aufseherdienstes ein Wort mitreden? Oft führt dieses Prinzip zu einer Diktatur der Babys, wie ein Bruder es einmal genannt hat. Die Schrift sagt auch ausdrücklich: „Den Schwachen im Glauben aber nehmt auf, doch nicht zur Entscheidung strittiger Überlegungen“ (Röm 14,1).

Etwas anderes ist es natürlich, wenn man in einem Kreis von Verantwortlichen auch solche zuhören lässt, die sich gerne für die Gemeinde einsetzen wollen und danach streben, Verantwortung zu übernehmen, obwohl sie vielleicht noch nicht erprobt sind, noch nicht verheiratet sind und keine Kinder haben. Es kann sehr nützlich sein, wenn auch geistlich gesinnte junge Brüder bei solchen Besprechungen dabei sind. Denn es ist wichtig, dass wir junge Leute anleiten, wie sie Verantwortung übernehmen können. Das kann natürlich nur funktionieren, wenn diese jungen Brüder sich nicht herausnehmen, miturteilen zu können. Doch genau da liegt oft das Problem.

Die andere Form der Brüderstunde ist ein spezieller Kreis von Brüdern, in den man nur aufgenommen wird, wenn man aus dieser Brüderstunde dazu berufen wird. Das kann der Gefahr einen Riegel vorschieben, dass ungeistliche Brüder sich mit ihrer ungeistlichen Beurteilung in Leitungsfragen einmischen und dadurch die Gemeinde auf einen falschen Weg führen. Auch kann man so ausschließen, dass unerprobte Brüder mitbeurteilen wollen.

Dennoch besteht auch für diese Form der Brüderstunde eine große Gefahr. Wenn es dort einige starke Persönlichkeiten gibt, dominieren sie womöglich diese Brüderstunde und lassen mit der Auswahl weiterer Teilnehmer nur solche zu, die ihre Meinung unterstützen. Auf diese Weise entwickelt sich schnell eine Art Oligarchie, die Herrschaft einer kleinen Gruppe, mit der alle kritischen Stimmen zum Kurs dieser Brüderstunde und damit zum Kurs der Gemeinde schnell zum Schweigen gebracht werden können. Auch diese Form der Brüderstunde kann also, ebenso wie die andere, zu einem völlig falschen Kurs der Gemeinde führen.

Welche Alternative gibt es denn noch?

Es gibt sicher Brüderstunden, die gut funktionieren und zum Segen einer Gemeinde sind und bei denen die eben angeführten Probleme nicht auftreten. Dann besteht sicher kein zwingender Grund, von der bisherigen Praxis abzuweichen. Aber Brüderstunden haben auch noch ein anderes, grundsätzliches Problem: Es sind Stunden, in denen Aufgabenbereiche der Diener und Aufgabenbereiche der Ältesten/Aufseher gleichzeitig behandelt werden. Das könnte dazu beitragen, eine Kompetenzvermischung zu erzeugen. Es handelt sich um grundverschiedene Aufgaben, und es sollte sich da niemand in Aufgaben drängen, die nicht in seinen Bereich gehören. Zudem wird in diesen Stunden oft sehr viel Zeit mit organisatorischen Fragen verbracht, die zum Beispiel mit der Kasse oder mit Raumproblemen zu tun haben. Wenn man sich Stunden darüber auseinandersetzt, ob der Raum nun besser blau oder grün gestrichen wird und ob die Mission in Afrika nun mit 100 oder mit 200 Euro unterstützt werden soll, dann ist hinterher oft nur noch wenig Zeit da, sich mit den Fragen zu beschäftigen, die mit der Aufsicht über die Gemeinde zu tun haben. Für solche Brüder, die zu einem Aufseherdienst berufen sind, gilt dann sicher in angepasster Form Apostelgeschichte 6,2: „Es ist nicht recht, dass wir“ die Aufsicht über die Gemeinde „vernachlässigen, um“ organisatorische Fragen zu diskutieren.

Wenn man jetzt allerdings für jene, die einen Aufseherdienst ausüben, eine offizielle Stunde einführen würde, käme man natürlich noch schneller dazu, inoffiziell „offizielle“ Älteste zu haben. Aber die Frage ist: Muss der Austausch von Brüdern, die den Ältestendienst ausüben, überhaupt unbedingt institutionalisiert sein? Wenn solche, die in einer Gemeinde die Verantwortung tragen wollen, Dinge in der Gemeinde sehen, die geregelt werden müssen, dann werden sie andere kennen, die dasselbe Bedürfnis haben. Sie können diese ganz inoffiziell ansprechen und mit ihnen die Probleme erörtern. Dabei sollte man sich bemühen, alle, die denselben Wunsch haben, einen Aufseherdienst auszuüben, mit einzubeziehen, damit der Gemeinde nicht unterschiedliche oder sich vielleicht sogar widersprechende Positionen vorgestellt werden. Wenn sie schließlich zu einem Ergebnis gekommen sind, können sie es auch noch einmal einem größeren Kreis vorstellen, Einwände begutachten und verwerten und es dann mit einer klaren biblischen Begründung der Gemeinde vorstellen. Wer sich dem Wort Gottes beugen will, wird sich dann auch einer klaren biblisch begründeten Anweisung nicht entziehen.

Tatsächlich wird diese Vorgehensweise dann schwierig werden, wenn es sich um sehr große Gemeinden handelt. Hier muss man sich die Frage stellen, ob die Tendenz zu so großen Gemeinden wirklich dem Sinn der Heiligen Schrift entspricht. Sicher ist es nicht zufällig, dass der Herr Jesus bei der Speisung der Fünftausend den Befehl gab, sich zu je fünfzig niederzulassen, und dass es sich zu Beginn des Christentums oft um Hausversammlungen handelte. Auch der Hinweis des Herrn in Matthäus 18,20 („Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“) unterstützt den Gedanken, dass eine typische Gemeinde eben nicht groß sein muss. 

Die Ältestenfrage – eine Frage der Gemeinschaft?

Für manche Gemeinden sind andere Auffassungen über den Ältestendienst und das Amt des Ältesten eine Frage der Gemeinschaft am Tisch des Herrn. Das entbehrt jedoch jeder Grundlage der Schrift. Wer ein abweichendes Verständnis über ein solches Thema der Schrift – vorausgesetzt, man will sich ihr in allen Fragen unterwerfen – zu einem Grund macht, jemand den Ausdruck der Gemeinschaft des Leibes des Christus am Tisch des Herrn zu verweigern, macht sich der Sektiererei schuldig.

Schlusswort

Zusammenfassend möchten wir noch einmal betonen: Gott hat Autoritätsstrukturen in die Schöpfung gelegt, ohne die ein Zusammenleben nahezu undenkbar wäre, und Gott gibt auch in einer gefallenen Welt immer noch Autoritäten, denen man sich unterzuordnen hat und die Er zum Segen gegeben hat. Auch in der Gemeinde gibt es diese Autoritäten in Form von Ältesten, selbst wenn sie nicht mehr offizielle, sondern lediglich moralische Autorität haben. Mit „moralischer Autorität“ meinen wir eine Autorität, die sich jemand „erarbeitet“ hat – zum Beispiel hat er gute Entscheidungen gefällt, die offensichtlich vom Geist geleitet waren; seine Belehrungen sind biblisch begründet und sein Leben ist nach dem Wort Gottes ausgerichtet.

Der Heilige Geist ist der große Stellvertreter Christi auf der Erde, Er reicht für alle Fragen bezüglich des Zusammenkommens aus, und wir tun gut daran, uns an seiner Führung Genüge sein zu lassen. Er ist der große Gemeindeleiter und Ihm dürfen wir vorbehaltlos vertrauen. Er setzt Älteste ein und teilt Gaben aus und gibt selbst die Kraft bei der Umsetzung. Angst und Sorge auf der einen Seite mögen nach mehr verlangen, auch der Eigendünkel und Stolz auf der anderen Seite tun ihr Übriges.

Besteht in der heutigen Zeit nicht besonders die Gefahr, dass wir Leute zu „offiziellen“ oder inoffiziellen Ältesten bestellen, die überhaupt nicht den Kriterien der Schrift entsprechen? Man mag sagen, die Anforderungen, die der Apostel in 1. Timotheus 3 und Titus 1 anführt, könne ja sowieso keiner erfüllen. Aber bedenken wir es gut: Es geht nicht um perfekte Älteste, sondern um grundsätzliche Eigenschaften, und diese Eigenschaften können auch heute noch bei dem einen und anderen in einer Gemeinde gefunden werden. Aber selbst wenn diese Eigenschaften nicht in einer einzigen Person gefunden werden, weil das Zusammenkommen sehr klein und sehr schwach ist, dann wird sich aber doch immer jemand finden, der bestimmte Dienste, die von Ältesten ausgeführt werden, im Bewusstsein seiner Schwachheit ausübt und danach strebt, den Anforderungen der Schrift, soweit es geht, zu entsprechen. Es ist nicht biblisch, zu sagen: Wo es keine offiziellen oder meinetwegen auch inoffiziellen Ältesten gibt, da gibt es auch keine Gemeinde. – Der Herr Jesus hat auch für schwere Zeiten Vorsorge getroffen, indem Er schon zu seinen Jüngern sagte: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Ist uns seine Gegenwart genug?

Vorheriger Teil Nächster Teil

 

Anmerkungen

[1] Damit sagen wir nicht, dass die höheren Bildungsmöglichkeiten von Frauen verkehrt wären. Es geht uns allein um eine nüchterne Feststellung, was die heutige Autoritätskrise begünstigt hat, nicht um eine Bewertung, ob etwas gut oder schlecht ist. Wir halten die gleichen Bildungsmöglichkeiten von Mann und Frau für eine positive Entwicklung, sehen aber auf der anderen Seite die Gefahr, dass bei der Ausnutzung dieser Möglichkeiten die Schöpfungsordnung Gottes missachtet wird.

[2] Wir möchten betonen, dass es hier allein um eine Unterordnung in Bezug auf die Gemeindestunden geht. Es geht auch nicht darum, ob wir es für klug halten oder nicht, diese Dinge einzufordern. Es geht um das allgemeine biblische Prinzip der Unterordnung unter Autoritäten, die von Gott eingesetzt wurden. Weiterhin geht es um eine christliche Tugend, in nebensächlichen Dingen nicht auf dem eigenen Recht zu bestehen, sondern den unteren Weg zu gehen. Natürlich kann man an dieser Stelle das Gespräch mit den Ältesten suchen, aber wenn es keine größeren Probleme in einer Gemeinde gibt als diese, sollte man sich im Zweifelsfall unterordnen bzw. den unteren Weg gehen. Es geht hier nicht um blinden Gehorsam, sondern um bewussten Gehorsam den von Gott gegebenen Autoritäten gegenüber und um das Ausleben einer christlichen Tugend.

Weitere Artikel des Autors SoundWords (93)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...