Gibt es eine Kontinuität in den Wegen Gottes mit den Menschen?
Römer 11; Epheser 2

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© SoundWords, online seit: 12.01.2006, aktualisiert: 12.09.2018

Einleitung

Der eine oder andere fragt sich vielleicht, wie man dazu kommt, solch eine Frage zu stellen. Kann man nicht auch ganz gut ohne diese Frage oder deren Beantwortung als Christ leben? Sicherlich! Jedoch nur so lange, bis einem klarwird, was bestimmte Christen (in der Regel Anti-Dispensationalisten) meinen, wenn sie von „Kontinuität“ reden; ihrer Meinung nach sei die Gemeinde nämlich eine Weiterführung der Gemeinde oder des Volkes Gottes im AT. So wird gesagt, Gott habe zu allen Zeiten nur ein Volk Gottes auf der Erde und die Heilsgeschichte von Adam an sei einer gewissen Kontinuität gefolgt. Das eine baue auf dem anderen auf oder die eine Zeitepoche bedinge dann eine nächste. So sei die neutestamentliche Gemeinde eben nur die Weiterführung der alttestamentlichen „Gemeinde“ und es gebe von Beginn an nur ein Volk Gottes und nur eine Gemeinde. Der Ölbaum sei, wie man meint, in Römer 11,16.17 Israel, und die Nationen seien dort hineingepfropft worden, sie seien quasi mit „einverleibt“ worden, um mit Epheser 2 zu sprechen. Das „wahre Israel“ seien demnach Judenchristen und Heidenchristen oder besser eigentlich echte Juden und Christen-Juden. Hier solle eine völlige Harmonie mit dem Alten Testament bestehen; das würden solche Bibelstellen zeigen, wo die Apostel aus dem Alten Testament zitieren und diese Stellen auf die Gemeinde anwenden und sie damit als erfüllt betrachtet würden. (Klassische Bibelstellen sind Apostelgeschichte 2,16.17; 15,16.17; Römer 9,22-26; 1. Petrus 1,15.16; 2,9; 2. Korinther 6,16; Hebräer 8,8.9.)

Ob der Ölbaum in Römer 11 wirklich Israel darstellt und ob es rechtens ist, Epheser 2 mit Römer 11 zu verbinden, wollen wir hier nicht besprechen. Das haben wir in dem Artikel „Sind die Nationen in Israel ,einverleibt‘?“ ausführlich besprochen (siehe auch weitere Artikel unter der Überschrift „Dispensationalismus“). Wir möchten aber gerne auf die Frage eingehen, ob es richtig ist, von einer Kontinuität betreffs des Volkes Gottes zu reden. Und die Antwort ist: Jein!

Worin könnte man eine Kontinuität entdecken?

Es ist natürlich nicht zu leugnen, dass die Apostel das Alte Testament in dem Zusammenhang zitieren, wo es gerade um die Heidenchristen geht. Ob man hier allerdings wirklich von Kontinuität reden kann, also von einem „gleichmäßigen Fortgang“ der Dinge, wie es der Duden zum Ausdruck bringt, ist allerdings die Frage. Es wäre sicher besser, eher von Parallelität zu sprechen als von Kontinuität.

Hier einige der bekanntesten Bibelstellen, wo eine angebliche Kontinuität zum Ausdruck kommt:

  • Röm 9,24-26: … uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen. Wie er auch in Hosea sagt: „Ich werde Nicht-mein-Volk mein Volk nennen, und die Nicht-Geliebte Geliebte.“ „Und es wird geschehen, an dem Orte, da zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, daselbst werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden.

  • Röm 10,19.20: Aber ich sage: Hat Israel es etwa nicht erkannt? Zuerst spricht Moses: „Ich will euch zur Eifersucht reizen über ein Nicht-Volk, über eine unverständige Nation will ich euch erbittern.“ Jesaja aber erkühnt sich und spricht: „Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten, ich bin offenbar geworden denen, die nicht nach mir fragten.“

  • Apg 2,16-21: … sondern dies ist es, was durch den Propheten Joel gesagt ist: „Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, dass ich von meinem Geiste ausgießen werde auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, und eure Jünglinge werden Gesichte sehen, und eure Ältesten werden Träume haben; und sogar auf meine Knechte und auf meine Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgießen, und sie werden weissagen. Und ich werde Wunder geben in dem Himmel oben und Zeichen auf der Erde unten: Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne wird verwandelt werden in Finsternis und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. Und es wird geschehen, ein jeder, der irgend den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden.“

  • Apg 15,15-17: Und hiermit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: „Nach diesem will ich zurückkehren und wieder aufbauen die Hütte Davids, die verfallen ist, und ihre Trümmer will ich wieder bauen und sie wieder aufrichten; damit die übrigen der Menschen den Herrn suchen, und alle Nationen, über welche mein Name angerufen ist, spricht der Herr, der dieses tut.“

Es gibt noch mehr Stellen, aber wir beschränken uns auf diese wenigen, wo sehr deutlich wird, dass die Apostel die Weissagungen des Alten Testamentes auf die christliche Epoche anwandten.

Die alles entscheidende Frage ist nun,

  1. ob die Apostel diese Stellen als endgültige Erfüllung der AT-Weissagungen ansahen oder
  2. ob die Apostel diese Stellen nur vom Grundsatz her auf die ersten Christen anwandten, die ja zum größten Teil mit dem Alten Testament vertraut waren, aber selber noch an eine buchstäbliche Erfüllung glaubten.

Christen, die nun an eine Kontinuität, wie oben beschrieben, zwischen dem Volk Gottes im AT und dem Volk Gottes im NT glauben, werden sich für a) entscheiden. Christen, die den Charakter der neutestamentlichen Gemeinde als das Geheimnis sehen, das der Apostel Paulus offenbart hat, und deshalb die Gemeindezeit als eine Art Einschub in die Wege Gottes mit dem Menschen sehen, werden nicht zögern und sich für b) entscheiden. Sie sehen zwar eine gewisse Kontinuität (besser Parallelität), sehen jedoch auch die Tatsache, dass das Volk Gottes im Neuen Testament auf eine ganz andere und neue Grundlage gestellt wurde, als dies je mit dem Volk Gottes im Alten Testament der Fall war – es geht um etwas, was vom Wesen her völlig unterschieden werden muss.

Nach Epheser 2 ist es gerade das Besondere, dass nun messiasgläubige Juden zusammen mit messiasgläubigen Heiden zu einem Leib, zu einem neuen Menschen „geschaffen“ wurden – entgegen den Verheißungen an Israel, „Haupt über die Nationen“ zu sein. In 1. Korinther 12,13 heißt es: „Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden [zu Pfingsten!], es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden.“ – Der Herr Jesus sagt in Matthäus 16,18: „Auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen.“

  • Zu einem neuen Menschen schüfe (Eph 2,15)
  • Zu einem Leib getauft – zu Pfingsten (1Kor 12,13)
  • Werde ich meine Gemeinde bauen (Mt 16,18)
  • Aufgebaut auf die Grundlage der Apostel …, in dem Jesus Christus selbst Eckstein ist (Eph 2,20)

Diese Dinge lassen keinen Zweifel daran, dass es sich bei der Gemeinde Gottes um ein Volk handelt, das auf einer ganz anderen und völlig neuen Grundlage steht als jenes im Alten Testament. Sehr wichtig ist auch die Tatsache, dass zu der Gemeinde im Alten Testament alle die gehörten, die Nachkommen Jakobs waren, ob sie nun wiedergeboren waren oder nicht. Und die allermeisten werden wohl gar nicht wiedergeboren gewesen sein. Alle aber, die zur Gemeinde Gottes, zum Leib Christi gehören, sind Wiedergeborene, sind, wie wir oben gesehen haben, mit dem Heiligen Geist Getränkte. Das ist ein fundamentaler Unterschied, der es eigentlich verbietet, hier irgendeine Kontinuität zu sehen, bei der nur solche aus den Nationen dem Volk aus dem AT beigefügt wurden.

Allerdings sprechen selbst solche, die von Kontinuität sprechen, hier derweil von Diskontinuität, weil sie es natürlich auch nicht leugnen können, dass sich mit der neutestamentlichen Gemeinde einiges verändert hat. Die Frage ist jedoch, ob nun die Verheißungen und Weissagungen im Alten Testament in der Gemeinde aufgegangen sind bzw. erfüllt wurden oder ob wir noch mit der buchstäblichen Erfüllung zu rechnen haben. Während es nämlich für die einen keine buchstäbliche Erfüllung mehr gibt, glauben die anderen sehr wohl an eine buchstäbliche Erfüllung – schließlich haben sich Tausende von Prophezeiungen bereits buchstäblich erfüllt. Die einen (Dispensationalisten) sehen für Israel noch alle Verheißungen und Weissagungen in Erfüllung gehen, während die anderen (Anti-Dispensationalisten oder Bündnisgläubige) dies ablehnen. Logisch, dass die einen von zwei Völkern Gottes (Israel und die Gemeinde) reden und die anderen nur von einem Volk Gottes (aller Zeiten) sehen.

Persönlich glauben wir, dass Gott zu jedem beliebigen Zeitpunkt auf dieser Erde nur ein Volk hat, zu dem Er sich öffentlich bekennt. Zurzeit leben wir in der Zeit der Versammlung, der Kirche oder der Gemeinde Gottes, in der Zeit, wo aus allen Nationen „ein Volk für seinen Namen“ (Apg 15,14) gesammelt wird. Das Volk Israel ist nach Hosea 1,10 „Lo-Ammi“ (Nicht-mein-Volk). Erst wenn die Versammlung Gottes diese Welt verlassen hat, wird sich Gott um das alte Volk Gottes (Israel) kümmern und sich nach Verlauf einer Zeit öffentlich zu diesem Volk stellen – Er wird Lo-Ammi (Nicht-mein-Volk), wieder Ammi (mein Volk) nennen (Hos 2,23). In unseren Tagen steht Gott nicht öffentlich auf der Seite des Volkes Israel, wenn Er auch ganz offensichtlich hinter den Kulissen alles für den Tag der Annahme vorbereitet (Röm 11,15; 2Kor 3,16.17; vgl. auch das Buch Esther, wo Gott nicht öffentlich zu seinem Volk steht, aber hinter den Kulissen offenbar alles in der Hand hält).

Die Frage bleibt jedoch noch offen, wie es sein kann, dass es auf der einen Seite in dem Handeln Gottes mit dem Menschen eine nicht zu übersehende Parallelität gibt – auch indem die Apostel viele alttestamentliche Stellen zitieren und sie auf die christliche Epoche anwenden – und dass es sich auf der anderen Seite bei der Versammlung Gottes um eine völlig neue Sache handelt, die im Alten Testament nicht offenbart war. Sprechen nicht gerade die oben erwähnten Zitate deutlich von der Gemeinde, wie sie sich heute darstellt? Durchaus nicht! Warum nicht?

Lesen wir die oben angegebenen Bibelstellen noch einmal genau:

1. Die Anwendung von Hosea 2,23

Röm 9,24-26: … uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen. Wie er auch in Hosea sagt: „Ich werde Nicht-mein-Volk mein Volk nennen, und die Nicht-Geliebte Geliebte.“ – „Und es wird geschehen, an dem Orte, da zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, daselbst werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden.“

Spricht der Apostel Paulus nicht deutlich davon, dass die Nationen einst ein „Nicht-mein-Volk“ waren und nun „Söhne des lebendigen Gottes“ genannt werden? Ja, Paulus spricht davon! Aber er spricht nicht davon, dass sich die Stelle aus Hosea nun buchstäblich erfüllt hätte. Er sagt den jüdischen Gläubigen in Rom lediglich: Ihr lieben jüdischen Brüder, ihr habt Mühe damit, dass auch die Nationen „mein Volk“ genannt werden. Darf ich euch daran erinnern, dass ihr selbst auch „Nicht-mein-Volk“ genannt wurdet in Hosea und einmal als „mein Volk“ angenommen werdet (und dies auch bereits in der Jetztzeit geschieht, wenn sich ein Jude bekehrt)? Warum habt ihr dann Mühe, wenn die Nationen, die auch einst „Nicht-mein-Volk“ waren, nun als „mein Volk“ bezeichnet werden? „Denn Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf dass er alle begnadige“ (Röm 11,32).

Fazit: Es geht also überhaupt nicht darum, dass der Apostel Paulus die Stelle aus Hosea nun als buchstäbliche Erfüllung ansieht, sondern darum, den jüdischen Glaubensgenossen klarzumachen: Das, was Gott mit dem Volk der Juden tun würde, könnte Er auch mit den Nationen tun, und darin liegt keinerlei Ungerechtigkeit.

2. Die Anwendung von 5. Mose 32,21 und Jesaja 65,1

Kommen wir nun zur zweiten Bibelstelle, die eine gewisse Parallelität aufzeigt:

Röm 10,19.20: Aber ich sage: Hat Israel es etwa nicht erkannt? Zuerst spricht Moses: „Ich will euch zur Eifersucht reizen über ein Nicht-Volk, über eine unverständige Nation will ich euch erbittern.“ Jesaja aber erkühnt sich und spricht: „Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten, ich bin offenbar geworden denen, die nicht nach mir fragten.“

Gott hatte bereits im AT angekündigt, dass Er sein Volk zur Eifersucht reizen würde durch ein „Nicht-Volk“ und durch eine „unverständige Nation“. Er würde sich von denen finden lassen, die nicht nach Ihm gesucht hatten. Hier sehen wir bereits, dass die Gemeinde durchaus keine „Notlösung“ oder ein „Unfall“ war, wie es hier und da abfällig gesagt wurde. Wie Gott das jedoch im Einzelnen machen würde, dass Er die Nationen mit den jüdischen Gläubigen auf eine Stufe stellen würde, das hatte Er nicht gesagt, das wurde durch den Apostel Paulus offenbart – indem ihm das Geheimnis anvertraut wurde. Die Zeit der Bildung der Gemeinde und des Sammelns eines Volkes für seinen Namen (Apg 15,14) ist jene Zeit, wo „ich auf irgendeine Weise sie, die mein Fleisch sind, zur Eifersucht reizen und etliche aus ihnen erretten möge“ (Röm 11,14) – sagt Paulus –, und weiterhin wird diese Reizung zur Eifersucht dahin führen, dass „ganz Israel“ errettet wird, „wenn die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird“ und „der Erretter aus Zion kommen wird“ (Röm 11,25.26).

3. Die Anwendung von Joel 2,28-32

Häufig wird auch die Stelle aus Apostelgeschichte 2 zitiert, um jene angebliche Kontinuität bzw. die Weiterführung der AT-Gemeinde in der NT-Gemeinde zu beweisen:

Apg 2,16-21: … sondern dies ist es, was durch den Propheten Joel gesagt ist: „Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, dass ich von meinem Geiste ausgießen werde auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, und eure Jünglinge werden Gesichte sehen, und eure Ältesten werden Träume haben; und sogar auf meine Knechte und auf meine Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgießen, und sie werden weissagen. Und ich werde Wunder geben in dem Himmel oben und Zeichen auf der Erde unten: Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne wird verwandelt werden in Finsternis und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. Und es wird geschehen, ein jeder, der irgend den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden.“

Beachten wir: Petrus, geleitet durch den Geist, sagt nicht, dass das Wort aus Joel 2 an jenem Tag erfüllt worden wäre. Das wäre tatsächlich nicht die Wahrheit gewesen. Er sagt nur: „Dies ist es, was durch den Propheten Joel gesagt ist.“ Am Pfingsttag wurde der Geist keineswegs über alles Fleisch ausgegossen. Das wird erst „in den letzten Tagen“ geschehen (Joel 2,17), nach der Wiederherstellung Israels und in Verbindung mit dem Tausendjährigen Reich. Selbst heute, fast zweitausend Jahre nach der Ausgießung des Heiligen Geistes, ist die Weissagung Joels unerfüllt. Sie hat mit der Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten eine teilweise Erfüllung erfahren, mehr nicht. Petrus macht durch die Weisheit Gottes eine Anwendung dieser Weissagung. Das ist alles. Deswegen sollte niemand den Fehler machen und die in dieser Prophezeiung erwähnten Folgen (Wunder und Zeichen) auch für unsere Tage erwarten.

So ist auch die Weissagung Joels am Pfingsttag nicht erfüllt worden, dennoch hätten die Juden durch sie auf das vorbereitet sein sollen, was an diesem Tag geschah. Das führt uns dahin, auf einen weiteren Umstand hinzuweisen: Petrus zitiert weder den hebräischen Text genau noch die Septuaginta, die Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische. Während Joel zweimal von dem Ausgießen meines Geistes spricht (Joel 2,28.29), sagt Petrus jedes Mal: von meinem Geiste ausgießen (Apg 2,17.18). Das deutet ebenfalls darauf hin, dass die eigentliche Erfüllung dieser Weissagung damals nicht stattfand (aus dem Artikel von C. Briem – „Was hat sich von der Weissagung Joels in Apostelgeschichte 2 erfüllt?“).

4. Die Anwendung von Amos 9,11-12

Kommen wir zu der letzten oben aufgeführten Bibelstelle:

Apg 15,15-17: Und hiermit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: „Nach diesem will ich zurückkehren und wieder aufbauen die Hütte Davids, die verfallen ist, und ihre Trümmer will ich wieder bauen und sie wieder aufrichten; damit die übrigen der Menschen den Herrn suchen, und alle Nationen, über welche mein Name angerufen ist, spricht der Herr, der dieses tut.“

Auch hier wird von Anti-Dispensationalisten gerne von einer Erfüllung der AT-Bibelstelle gesprochen, um jene Kontinuität zu rechtfertigen, dass die NT-Gemeinde die Fortführung der AT-Gemeinde sei. Heute sei die Zeit, so wird gesagt, wo die „übrigen der Menschen den Herrn suchen“. Damit sei die AT-Schriftstelle erfüllt.

Aber auch hier muss wiederum darauf hingewiesen werden, dass hier nicht steht, dass sich diese Schriftstelle erfüllte, sondern dass Petrus lediglich sagt: „Und hiermit stimmen die Worte der Propheten überein“ – die Parallelität ist sicherlich vorhanden, aber von einer Erfüllung kann nicht die Rede sein.

R.A. Huebner schreibt zu diesem Vers:

Amillianisten und Postmillianisten lehren, dass die „Hütte Davids“ jetzt aufgestellt ist und dass Christus auf seinem Thron sitzt. Aber das Wiederaufrichten der Hütte Davids wird im Tausendjährigen Reich geschehen. In der Apostelgeschichte 15 zitiert Jakobus den Abschnitt gegen jüdische Anmaßung und um zu zeigen, dass Gott beabsichtigte, die Nationen zu segnen. Und sehr verständlich wird Er das auch gemäß vieler Prophezeiungen tun. Aber Jakobus sah, dass diese Prophezeiung auch in der Zwischenzeit eine Anwendung hatte wegen dem jüdischen Vorteil gegenüber Segen für die Nationen. Was in den Tagen des Jakobus geschah, stand nicht im Widerspruch zu Gottes Plan, der Segen für die Nationen einschloss. Er zitiert diesen Abschnitt, um das zu zeigen. Er zitiert es nicht, als wenn es erfüllt gewesen wäre oder sich zu seiner Zeit erfüllen würde. Bemerke, dass dies den allgemeinen Charakter viele Zitate aus den Propheten in der Apostelgeschichte und den Briefen angibt. Was zitiert wird, geht im Tausendjährigen Reich in Erfüllung, aber es hat eine Anwendung auf eine bestimmte Sache in der Zwischenzeit.

Zusammenfassung

Wenn man also die obigen Bibelstellen genau liest, dann geht es dort nicht um das Geheimnis der Gemeinde, in der messiasgläubige Juden mit messiasgläubigen Heiden auf gleicher Ebene – mit gleichen Rechten und Pflichten – „zusammengeleibt“ wurden (buchstäblicher Ausdruck für „miteinverleibt“). Es geht weder um den Leib Christi noch um die Versammlung Gottes an sich. Es geht um das Herzunahen von Menschen aus den Nationen. Es geht lediglich um die Tatsache, dass der Grundsatz, der in den zitierten Stellen zu finden ist, sich durchaus auf die Gläubigen aus den Nationen anwenden lässt. Die Juden, die das Alte Testament sehr gut kannten, sollten gar nicht so überrascht sein über die Tatsache, dass Gott nun auch von solchen gefunden wurde, die vordem „Nicht-mein-Volk“ waren (Röm 9,22.23; 10,19.20). Denn das hatten ihre Propheten schon längst zuvor angekündigt. Dennoch spricht keiner der Apostel von der Erfüllung der zitierten Bibelstellen. Das war auch nicht möglich, weil in dem Zusammenhang der zitierten Bibelstellen in der Regel von der Wiederherstellung Israels die Rede ist. Oftmals wird dann in den alttestamentlichen Prophezeiungen gerade davon gesprochen, dass die Nationen nicht auf gleicher Ebene stehen (wie in der Gemeinde und am Leib Christi!), sondern solche sind, die nach Jerusalem heraufziehen, um dort den einen wahren Gott des Volkes Israel zu suchen und Ihn anzubeten (s.a. Jes 2,2-4). Bei der Wiederherstellung Israels wird zwar die Feindschaft („Zwischenwand der Umzäunung“) hinweggetan sein, aber es wird immer noch ein nationaler Unterschied bestehen bleiben. Davon wird in den alttestamentlichen Prophezeiungen immer und immer wieder geredet. Die Wiederherstellung Israels und vor allen Dingen die Verheißung, „nicht Schwanz“, sondern „Haupt“ zu sein über die Nationen, ist das Wesen der Verheißungen an Israel. Wenn man also sagt, dass Israel in der Gemeinde aufgegangen sei, dann haben die eigentlichen Verheißungen Gottes an Israel ein Ende gefunden. Dies kann jedoch nicht sein, weil der Apostel Paulus schreibt: „Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.“

Das könnte nun so aussehen, als wäre Gott von der Entwicklung des Volkes Israel überrascht worden und sich so etwas hätte einfallen lassen müssen, um die ganze Sache noch zu retten. Dem ist aber bei weitem nicht so. Gott hatte über seinen ewigen Ratschluss bezüglich der Gemeinde mit keinem seiner Propheten gesprochen. Er hatte hier und da einige Andeutungen gemacht und sogar eine Prophezeiung gegeben, die der Apostel Paulus in Römer 10,19 mit den Worten einläutet: „Jesaja aber erkühnt sich und spricht: ,Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten, ich bin offenbar geworden denen, die nicht nach mir fragten.‘“ Aber Gott hatte nichts darüber gesagt, wie Er das machen wollte, auf welche Weise jene, die nicht nach Ihm suchten, Ihn dennoch finden konnten. Dieses Geheimnis war dem Apostel Paulus aufgetragen worden zu offenbaren:

  • Eph 3,2-6: … wenn ihr anders gehört habt von der Verwaltung der Gnade Gottes, die mir in Bezug auf euch gegeben ist, dass mir durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan worden – wie ich es zuvor in kurzem beschrieben habe, woran ihr im Lesen merken könnt mein Verständnis in dem Geheimnis des Christus – welches in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden, wie es jetzt geoffenbart worden ist seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geiste: dass die aus den Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber [seiner] Verheißung in Christo Jesu durch das Evangelium.

Parallelität ja, Kontinuität nein – wenn es um die Gemeinde geht

Während also dem Volk Israel global gesehen noch die Decke auf dem Angesicht liegt und auch „Verstockung Israel zum Teil widerfahren ist“, wird „ein Volk für seinen Namen“ „aus allen Nationen“ gesammelt, „bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird“, und „so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: ,Es wird aus Zion der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde‘“. Die Grundlage für diesen Bund ist gelegt worden, indem der Herr Jesus das Blut des Bundes auf Golgatha vergossen hat. Solange dieser Erretter aber aus Zion noch nicht gekommen ist, werden wir ermuntert, dem wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus dem Himmel zu erwarten. So lange wenden wir die alttestamentlichen Schriften auf uns an, gleichwie uns die Apostel hierin ein Vorbild gegeben haben, denn alles, was zuvor geschrieben wurde, ist zu unserer Ermahnung und Belehrung aufgeschrieben worden. Es wäre also fatal, die AT-Schriften in der Ecke liegen zu lassen mit der Begründung, diese Weissagungen seien nicht für uns bestimmt (Röm 15,4; 1Kor 10,6; 2Tim 3,16). Das würde jene Parallelität leugnen, die zwischen AT und NT durchaus besteht, wenn man nur festhält, dass das Volk Gottes im NT nicht die Weiterführung des Volkes Gottes im AT ist und dass Gott treu zu seinen Verheißungen für das buchstäbliche Volk Israel stehen wird.

Wo gibt es nun Kontinuität?

Gibt es also doch keine wirkliche Kontinuität? Doch! Aber nicht in den Dingen, die die Gemeinde an sich betreffen. Wir wollen nun fünf Bereiche aufzeigen, in denen es absolute Kontinuität gibt.

1. Die Kontinuität der Entfaltung der Pläne Gottes mit den Menschen

Gott hört nicht auf, mit dem Menschen zu handeln, wenn Er das auch zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Art und Weise tut. Deshalb ist die Gemeinde auch keine „Notlösung“ für einen unvorhergesehenen Fall, sondern Gottes Plan für die Zeit der Verwerfung seines Sohnes durch die Juden. (Das Besondere ist hier nicht, dass Gott von dieser Verwerfung überrascht wurde, sondern dass Er nicht im Alten Testament davon gesprochen hat, was Er in diesem Fall tun wird. Um dieses Geheimnis zu offenbaren, hat Gott den Apostel Paulus auserwählt (Eph 3) – siehe auch Artikel zum Thema „Das Geheimnis“.) Und Gott lässt gerade diese Verwerfung dazu dienen, weitere Pläne zur Ausführung zu bringen, ohne dass Er die alten Pläne dafür aufgeben muss.

2. Die Kontinuität des Heils Gottes

Es gibt nur das eine Heil, das Christus durch sein Werk am Kreuz vollbracht hat, und einen Weg zum Heil: nämlich Glauben an Gott gemäß der Offenbarung, die Er von sich gegeben hat. Die Gläubigen des AT mussten glauben, um gerecht geachtet zu werden (siehe Abraham; Röm 4,3), und wir müssen das genauso. Die AT-Gläubigen mussten an den glauben, der die Toten lebendig macht (Röm 4,17), wie auch wir an den glauben müssen, der Jesus, unseren Herrn, aus den Toten auferweckt hat (Röm 4,24). Wenn die Gläubigen des AT aufgrund ihres Glaubens die Verheißung des Lebens hatten (Hab 2,4), so gilt dieselbe für uns (Röm 1,16.17). Wenn Christus ein Sühnemittel ist, damit Gott die vorher geschehenen Sünden hingehen lassen konnte (für die AT-Gläubigen; Röm 3,25), dann ist Christus auch ein Sühnemittel „zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist“.

3. Die Kontinuität der allgemeinen Grundsätze Gottes

Alle allgemeinen Grundsätze des Handelns Gottes mit dem Menschen sind gleich geblieben.

Das betrifft zum Beispiel

  • die Bestrafung von Begierden nach bösen Dingen (1Kor 10,6.7)
  • die Ächtung der Hurerei (1Kor 10,8)
  • die Verurteilung von Murren (1Kor 10,10)
  • die Ermahnung zum Fleiß (vgl. Spr 13,4 mit den Ermahnungen des Paulus an Timotheus in 2Tim)
  • ein Leben im Blick auf den Unsichtbaren (Heb 11,27)
  • die Belohnung für das Ehren der Eltern (Eph 6,2.3).

Bei diesen Stellen wird besonders ersichtlich, wie die Grundsätze des Handelns Gottes gleich sind. Es ließen sich aber viele andere Punkte anführen, wo auch deutlich wird, dass Gott seinen Prinzipien treu bleibt.

4. Die Kontinuität des (mosaischen) Zeitalters

Auch wenn es so ist, dass es in den Wegen Gottes zwei Einschaltungen gibt, nämlich die irdische Einschaltung (siehe: „Die irdische Einschaltung“, W. Kelly) und die himmlische Einschaltung (siehe: „Ein himmlischer Christus, deswegen eine himmlische Gemeinde“, W.J. Hocking), dann haben doch beide „dieses Zeitalter“, in dem wir heute leben und das seit Mose andauert, nicht verändert.

Der Herr Jesus sprach von „diesem Zeitalter“ zu seiner Zeit hier auf der Erde (Mt 12,32), und Er spricht auch von der „Vollendung dieses Zeitalters“ (Mt 13,37-50); das ist eine Phase, die offensichtlich der Einführung des „zukünftigen Zeitalters“ direkt vorausgeht und u.E. auch jetzt noch eine zukünftige Komponente hat. Auch Stellen wie Epheser 1,21; 2. Korinther 4,4 u.a. zeigen, dass wir jetzt immer noch in diesem Zeitalter leben.

Wir sehen deutliche Kontinuität darin, dass dieses Zeitalter

  • schon da war, als die irdische Einschaltung mit der Übertragung der Regierung auf die Nationen begann
  • da war, als der Herr hier auf der Erde war
  • weiterging, als zu Pfingsten die himmlische Einschaltung begann
  • weitergehen wird, wenn die himmlische Einschaltung mit der Entrückung zu Ende sein wird,

und dann zeitgleich enden wird mit der irdischen Einschaltung, wenn der zermalmende Stein von Daniel 2,45 der Regierung der Nationen ein Ende machen und das zukünftige Zeitalter einläuten wird, das einen Fortschritt in den Wegen Gottes mit dem Menschen zeigen wird.

5. Die Kontinuität des Zeugnisses Gottes auf der Erde

Der „edle Ölbaum“ von Römer 11 ist ein Symbol von dem Besitz der Verheißungen und des Zeugnisses Gottes auf der Erde. Er zeigt uns, wie es nach und nach immer welche gegeben hat und geben wird, die ganz direkt die Verheißungen und den Segen Gottes in dieser Welt genießen. So ist er der Baum der Verheißung. Er zeigt die ununterbrochene, kontinuierliche Linie der Verheißung, die von Abraham bis auf Christus und sein Kommen zur Aufrichtung seines Friedensreiches auf der Erde geht. Dabei sind zuerst die Israeliten (im AT) diejenigen, die darunter stehen, dann Israeliten und Heiden (heute) und dann wieder Israeliten im Friedensreich (siehe hierzu den Artikel „Die Bedeutung des edlen Ölbaumes“ von Ch. Briem).

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