Psalm 102

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 03.03.2014, aktualisiert: 29.01.2018

Christus wird als Mensch im Geiste mit den Leiden seines Volkes und als Gott mit der Herrlichkeit des HERRN identifiziert

Der Psalm beschreibt Erfahrungen des Herrn, die Er im Lauf seines Lebens vielleicht im Geist vorhersah, die Er aber in ihrer gesamten Fülle nur im Garten Gethsemane durchlebte.

Die in diesem Psalm beschriebenen Leiden sind nicht die, die der Herr aufgrund seiner Behandlung durch Menschenhand fühlte, wenngleich diese seiner Seele durchaus gegenwärtig ist; es ist auch nicht das Leid angesichts seines Sühnewerkes – das Tragen des Zornes und Grimmes aus Gottes Hand –, obwohl dies ebenfalls vor seinen Augen steht. Der Psalm beschreibt sein persönliches Leid dadurch, dass Er sich mit seinem leidenden Volk identifiziert.

Verse 2-12

Ps 102,2-12: 2 HERR, höre mein Gebet, und lass zu dir kommen mein Schreien! 3 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir am Tag meiner Bedrängnis; neige zu mir dein Ohr; an dem Tag, da ich rufe, erhöre mich eilends! 4 Denn wie Rauch entschwinden meine Tage, und meine Gebeine glühen wie ein Brand. 5 Wie Kraut ist versengt und verdorrt mein Herz, dass ich vergessen habe, mein Brot zu essen. 6 Wegen der Stimme meines Seufzens klebt mein Gebein an meinem Fleisch. 7 Ich gleiche dem Pelikan der Wüste, bin wie die Eule der Einöden. 8 Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dach. 9 Den ganzen Tag verhöhnen mich meine Feinde; die gegen mich rasen, schwören bei mir. 10 Denn Asche esse ich wie Brot, und meinen Trank vermische ich mit Tränen 11 vor deinem Zorn und deinem Grimm; denn du hast mich emporgehoben und hast mich hingeworfen. 12 Meine Tage sind wie ein gestreckter Schatten, und ich verdorre wie Kraut.

Diese Verse beschreiben die Identifikation des Messias im Geiste mit dem leidenden Überrest seines Volkes Israel. Darin lesen wir den Schrei des „Mannes der Schmerzen“ [Jes 53,3] am Tag der Not. Das große Verlangen der gottesfürchtigen Seele in Not ist, dass der Herr diesen Schrei hören möge. Im Geiste begibt sich der Herr in dieser Not hinein und bringt dieses Verlangen zum Ausdruck (Ps 102,2-4).

Unter der Züchtigung des Herrn werden die Tage seines Volkes verkürzt und sie entschwinden wie Rauch; sein Ruhm verwelkt wie Gras. In diese Drangsal begibt sich der Herr hinein (Ps 102,4-6). Sein Volk ist einsam und verlassen wie ein Wüstenvogel oder ein einsamer Spatz auf einem Dach. Der Herr begibt sich auch in diese Verlassenheit hinein (Ps 102,7.8). Das Volk erfährt unablässig Hohn und Feindschaft von den Menschen und der Herr trägt diesen Hohn persönlich (Ps 102,9.10). Überdies war das Volk über alle Völker erhoben worden, dann aber aufgrund Gottes Zorn und Grimm zu Boden geworfen worden. Auch in diese Drangsal begibt sich der Herr hinein, denn Er, der gesalbt wurde, um der Messias zu sein, wurde niedergeworfen und seine Tage wurden abgeschnitten. Er sagt allerdings nicht: „Dein Zorn und Grimm liegt auf mir“, denn Er spricht jetzt nicht als derjenige, der am Kreuz das Gericht trägt, sondern als derjenige, der sich im Geiste in den Zorn und den Grimm, der auf dem Volk liegt, hineinbegibt (Ps 102,10.11).

Verse 13-23

Ps 102,13-23: 13 Du aber, HERR, bleibst auf ewig, und dein Gedächtnis ist von Geschlecht zu Geschlecht. 14 Du wirst aufstehen, wirst dich über Zion erbarmen; denn es ist Zeit, es zu begnadigen, denn gekommen ist die bestimmte Zeit; 15 denn deine Knechte haben Gefallen an seinen Steinen und haben Mitleid mit seinem Schutt. 16 Und die Nationen werden den Namen des HERRN fürchten, und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit. 17 Denn der HERR wird Zion aufbauen, wird erscheinen in seiner Herrlichkeit; 18 er wird sich wenden zum Gebet des Entblößten, und ihr Gebet wird er nicht verachten. 19 Das wird aufgeschrieben werden für das künftige Geschlecht; und ein Volk, das erschaffen werden soll, wird Jah loben. 20 Denn er hat herabgeblickt von der Höhe seines Heiligtums; der HERR hat herabgeschaut vom Himmel auf die Erde, 21 um zu hören das Seufzen des Gefangenen, um zu lösen die Kinder des Todes; 22 damit man den Namen des HERRN verkündige in Zion, und in Jerusalem sein Lob, 23 wenn die Völker sich versammeln werden allesamt, und die Königreiche, um dem HERRN zu dienen.

Im Gegensatz zu dem Messias, der mit seinem leidenden Volk identifiziert wird, beschreiben diese Verse die Herrlichkeit Jahwes und sein Eingreifen mit Gnade und Macht zu Gunsten seines Volkes. Derjenige, der in demütiger Gnade das Leid seines Volkes zum Ausdruck gebracht hat, ist derselbe, der auch die Herrlichkeit Jahwes zum Ausdruck bringen kann. Er ist der Apostel und Hohepriester unseres Bekenntnisses. Er kann in priesterlichem Dienst das Leid seines Volkes tragen und vor Jahwe bringen und Er kann als Prophet die Herrlichkeit Jahwes seinem Volk vorstellen.

Israel mag verkümmern und verwelken, doch Jahwe währt ewig. Zu seiner „bestimmten Zeit“ wird Jahwe in seiner Gnade zu Gunsten Zions eingreifen. So ruht aller Segen für Israel auf der Herrlichkeit und dem Werk Jahwes (Ps 102,13-15).

Wenn Jahwe so zu Gunsten Israels eingreift – wenn Er Zion aufbaut und in seiner Herrlichkeit erscheint –, dann werden die Heiden seinen Namen fürchten und alle Könige der Erde werden seine Herrlichkeit anerkennen (Ps 102,16.17).

Dann werden die Gebete der Gottesfürchtigen ihre Erhörung finden und das Gebet wird sich in Lobgesang verwandeln (Ps 102,18.19). Nachdem der Herr sein leidendes Volkes angesehen und sein Seufzen gehört hat und eingegriffen hat, um es zu befreien, werden die Tage der Verfolgung für immer vorbei sein (Ps 102,20.21).

Als Folge davon wird es ein Volk geben, das den Namen des Herrn in Zion verkünden wird und sein Lob in Jerusalem. Alle Völker werden sich in Jerusalem als dem Mittelpunkt versammeln, und alle Königreiche werden dem Herrn dienen (Ps 102,22.23).

Verse 24-29

Ps 102,24-29: 24 Er hat meine Kraft gebeugt auf dem Weg, hat verkürzt meine Tage. 25 Ich sprach: Mein Gott, nimm mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage! – Von Geschlecht zu Geschlecht sind deine Jahre. 26 Du hast einst die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. 27 Sie werden untergehen, du aber bleibst; und sie alle werden veralten wie ein Kleid; wie ein Gewand wirst du sie verwandeln, und sie werden verwandelt werden; 28 du aber bist derselbe, und deine Jahre enden nicht. 29 Die Söhne deiner Knechte werden wohnen, und ihre Nachkommen werden vor dir feststehen.

In diesen Schlussversen wird Christus als eine göttliche Person – als Gott – dargestellt und mit Jahwe identifiziert. Es kommt die Frage auf: Wie kann Jahwe zum Segen für sein Volk eingreifen, wenn der Messias abgeschnitten, also getötet wird? Denn der Messias sagt: „Er hat meine Kraft gebrochen auf dem Weg, hat verkürzt meine Tage.“ Wie kann das Reich errichtet werden, wenn der gesalbte König getötet wird? Es kann ohne den König kein wiederhergestelltes Reich geben. Die Antwort wird in dem großen Geheimnis seiner Person enthüllt. Der Messias, der sich mit seinem leidenden Volk identifiziert hat und getötet wurde, ist kein Geringerer als Jahwe selbst. So stellen wir in diesen Versen fest, dass der Messias in seiner Person mit Jahwe identifiziert wird, wie er zuvor im Leid mit seinem Volk identifiziert wurde.

Er wird als Jahwe angesprochen, dessen Jahre von Geschlecht zu Geschlecht sind. Er ist der Schöpfer, der die Erde gegründet hat, und die Himmel sind das Werk seiner Hände. Alles Geschaffene mag umkommen, doch Er wird bleiben; alles andere mag sich ändern, doch Er bleibt „derselbe“ und seine Jahre enden nicht (Ps 102,24-28).

Der Geist Gottes verwendet diesen Abschnitt im Hebräerbrief, um die Göttlichkeit und Herrlichkeit des Sohnes zu beweisen, der, obwohl Er Mensch wurde, als Gott angesprochen wird (Heb 1,8-12).

Auf diese Weise erwirbt der Messias den Segen seines Volkes. Derjenige, der Jahwe ist und Mensch geworden ist und sich mit seinem leidenden Volk identifiziert hat, sorgt schließlich dafür, dass sein leidendes Volkes mit Ihm in seiner Herrlichkeit identifiziert wird. Wenn Er bleibt, werden auch sie bleiben; wenn Er derselbe ist, dann werden sie vor Ihm „Bestand haben“ (Ps 102,29).

Vorheriger Teil Nächster Teil


Übersetzung: S. Bauer


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...