Psalm 88

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 17.02.2014, aktualisiert: 29.01.2018

Die Seelenübungen eines Gottesfürchtigen, der die Wirklichkeit und den Schrecken von Gottes Zorn gegen die Sünde erfährt

Die ungelinderte Seelennot, deren tiefer Ausdruck dieser Psalm ist, rührt weder von Feinden noch von widrigen Umständen her. Die Not kommt nicht von den Schwierigkeiten ringsumher auf dem Weg, sondern von dem innerlichen Ringen der Seele.

Der Psalm schildert die tiefe Not einer gottesfürchtigen Seele, deren Gewissen die Wirklichkeit und den Schrecken von Gottes Zorn gegen die Sünde und den Bruch des Gesetzes erfährt. Gott wird als Jahwe erkannt und angefleht. Daher kommt auch das Wissen der Seele um die Gnade, die bei Gott zu finden ist, und so hat die Seele das Vertrauen, auf Gott zu schauen. Dennoch muss sie, um diese Gnade vollständig genießen zu können, den Schrecken von Gottes Zorn gegen die Sünde erfahren.

Verse 2-8

Ps 88,2-8: 2 HERR, Gott meines Heils, am Tag habe ich geschrien und bei Nacht vor dir! 3 Es komme vor dich mein Gebet! Neige dein Ohr zu meinem Schreien! 4 Denn satt ist meine Seele von Leiden, und mein Leben ist nahe am Scheol. 5 Ich bin zu denen gerechnet, die in die Grube hinabfahren; ich bin wie ein Mann, der keine Kraft hat; 6 unter den Toten hingestreckt, wie Erschlagene, die im Grab liegen, derer du nicht mehr gedenkst; denn sie sind von deiner Hand abgeschnitten. 7 Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen. 8 Auf mir liegt schwer dein Grimm, und mit allen deinen Wellen hast du mich niedergedrückt. – Sela.

Der Gottesfürchtige erkennt, dass das Heil allein bei Gott zu finden ist. Daher redet er Jahwe als den Gott seines Heils an. Dennoch ist seine Seele in tiefer Not, die ihn dazu führt, Tag und Nacht zu Gott zu schreien. In seinem Gebet gesteht er Gott gegenüber ein, dass seine Seele so voller Leiden ist, dass sie richtiggehend satt davon ist. Er hat zu spüren bekommen, dass die Wirkung der Sünde es ist, die Seele von Gott zu trennen; dass die Sünde die Seele dem Tod überantwortet; dass sie den Menschen kraftlos zurücklässt und ihn ins Grab bringt, wo die Seele völlig von Gott verlassen ist – wo Er ihrer nicht mehr gedenkt und sie von Ihm verworfen ist, wo es nur Finsternis gibt und Gottes Zorn dauerhaft auf der Seele liegt.

Was für ein schreckliches Bild der Wirkung der Sünde! Die Seele ist voller Leiden (Ps 88,4); das Leben ist verwirkt und nähert sich dem Totenreich (Ps 88,4); man hat keine Kraft gegen die Sünde (Ps 88,5); ist unter die Toten hingestreckt (Ps 88,6); von Gott verlassen (Ps 88,6); man ist der Finsternis (Ps 88,7) und dem Gericht (Ps 88,8) überlassen.

Verse 9.10

Ps 88,9.10: 9 Meine Bekannten hast du von mir entfernt, hast mich ihnen zum Gräuel gesetzt; ich bin eingeschlossen und kann nicht herauskommen. 10 Mein Auge verschmachtet vor Elend; zu dir, HERR, habe ich jeden Tag gerufen, zu dir habe ich meine Hände ausgebreitet.

Überdies ist da das Bewusstsein, dass die Sünde einen Menschen nicht nur von Gott trennt, sondern ihn auch zum Abscheu für seine Bekannten macht. Dass sie die Seele in einer schrecklichen Einsamkeit einschließt, aus der sie nicht herauskommen kann. Dennoch erlaubt der Gottesfürchtige in seinem Elend seiner Seele nicht, sich der Verzweiflung hinzugeben: Vielmehr streckt er seine Hände aus zu Gott.

Verse 11-13

Ps 88,11-13: 11 Wirst du an den Toten Wunder tun? Oder werden die Schatten aufstehen, dich preisen? – Sela. 12 Wird deine Güte im Grab erzählt werden, im Abgrund deine Treue? 13 Werden deine Wunder in der Finsternis bekannt werden und deine Gerechtigkeit im Land der Vergessenheit?

Doch die Hinwendung zu Gott macht es der gequälten Seele nur noch bewusster, dass, während es bei Gott Wunder gibt (Ps 88,11), Gnade, Treue (Ps 88,12) und Gerechtigkeit (Ps 88,13), die Sünde jedoch, wenn ihr gestattet wird, bis zu ihrem Endergebnis weiter zu walten, die Wirkung hat, die Seele in den Tod und in das Land des Vergessens zu bringen, wo Gott mit all diesen segensreichen Eigenschaften unbekannt ist.

Verse 14.15

Ps 88,14.15: 14 Ich aber, HERR, schreie zu dir, und am Morgen kommt mein Gebet dir zuvor. 15 Warum, HERR, verwirfst du meine Seele, verbirgst dein Angesicht vor mir?

Dennoch klammert sich die Seele in ihrer Not an Jahwe, obwohl sie das Gefühl hat, dass Gott sie aufgrund ihrer Sünde verworfen und sein Angesicht vor ihr verborgen hat.

Verse 16-19

Ps 88,16-19: 16 Ich bin elend und verscheide von Jugend an; ich trage deine Schrecknisse, bin verwirrt. 17 Deine Zorngluten sind über mich hingegangen, deine Schrecknisse haben mich vernichtet. 18 Sie haben mich wie Wasser umringt den ganzen Tag, sie haben mich allesamt umgeben. 19 Freund und Genossen hast du von mir entfernt; meine Bekannten sind Finsternis.

So quält die Seele der Eindruck, dass Gott sein Angesicht verborgen hat, und sie ist todkrank. Statt Gottes Wunder, seine Gnade und Treue zu genießen, ist sie sich nur der Schrecken Gottes, des Zornes Gottes und der Verlassenheit von Gott bewusst.

Der Psalm schließt in der Not, wo der Gottesfürchtige von Schrecken umgeben, von Freunden verlassen und in der Finsternis zurückgelassen ist. Die Linderung dieser Not lässt sich nur in den Gnadenerweisen und der Treue Gottes finden, die das Thema des folgenden Psalms bilden.

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Übersetzung: S. Bauer


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