„Abgeschnitten aus dem Land der Lebendigen“
Die Leiden des Herrn

Benjamin Curtis Greenman

© SoundWords, online seit: 14.01.2010, aktualisiert: 26.03.2018

Unter den verschiedenen entsetzlichen Leiden unseres anbetungswürdigen Herrn, wie die Psalmen sie beschreiben, finden wir eine Art, die  so ist zu befürchten  weitgehend übersehen, wenn nicht sogar völlig unbeachtet und nicht geglaubt worden ist. Das ist der Schmerz, „aus dem Land der Lebendigen abgeschnitten“ (Jes 53,8), „von der Erde weggenommen“ (Apg 8,33), „in der Hälfte seiner Tage weggenommen“ zu werden (Ps 102,25).

Manche, die gern als „himmlisch gesinnt“ gelten möchten, sprechen öfter so, als bestünde „der Hauptzweck des Lebens“ darin, des Treibens müde zu werden, allem Irdischen zu entfliehen und diese böse Welt zu verlassen. Andere haben echt Heimweh, sind der Tage satt und sehnen sich, bei dem Herrn daheim zu sein, zu ruhen, was zweifellos zu unserem christlichen Charakter gehört. Jemand hat treffend gesagt: „Nur ein Mensch, der sich danach sehnt, bei seinem Meister zu sein, ist tauglich, noch hier zu bleiben und Ihn hier richtig darzustellen.“

Doch so wahr dies zumindest teilweise ist, bleibt es eben nur ein Teil von dem, was die Schrift zu diesem Gegenstand lehrt.

In Psalm 22, wo die Leiden des Herrn durch den Geist Gottes in wenigstens sieben Phasen gruppiert sind, finden wir diese Worte: „Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Tonscherbe, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen; und in den Staub des Todes legst du mich“ (Ps 22,16). Hier wird deutlich, dass unser Herr, der von der Freude spricht, hier als Mensch zu leben, tief fühlte, dass seine Kraft von Ihm gewichen und „auf dem Weg gebeugt“ war, ja dass alle Energie des natürlichen Lebens von Ihm genommen und Er zutiefst erniedrigt war, bis zum Tod  dem Fluch Gottes über den Menschen als ein gefallenes Geschöpf. Warum sollte Er, der Heilige Gottes, der ohne Sünde war, dennoch sterben, als wäre Er ein Sünder? Nur eine einzige Antwort können darauf alle wahrhaften Christen geben: Dazu bestand eine Notwendigkeit um Gottes willen und um unsertwillen! Christus war der Einzige, auf den der Tod keinen Anspruch hatte. Aber Er musste sterben, damit wir leben könnten.

Im nächsten Psalm, der Leiden unseres Herrn erwähnt (Ps 40), geht es nicht um seinen Tod, sondern um seine Armut. Nachdem alles andere wie die „schreckliche Grube des Verderbens“, „der kotige Schlamm“ unseres Menschseins, die „Unzahl der Übel, die ihn umgaben“, usw. behandelt worden sind, bricht es aus Ihm heraus: „Ich aber bin elend und arm.“ Er war in der schlimmsten Lage, die uns treffen kann, doch seine Zuflucht war: „Der Herr denkt an mich.“ Dann folgt in Psalm 41: „Glückselig, wer achthat auf den Armen“, usw.

Psalm 69 zeigt uns wiederum, wie tief die Wasser waren, die der Herr durchschreiten musste. „Sie sind bis an die Seele gekommen. Ich bin versunken in tiefen Schlamm“, und Er fügt schließlich noch hinzu: „Der Hohn hat mein Herz gebrochen.“ Unter den „vielen Bedrängnissen und Übeln“, die sein Los ausmachten, war auch, dass Er in den Tod hinabstieg, in die Tiefen der Erde.

In Psalm 102, wo schließlich „Kummer um Kummer“ ausführlich aufgelistet wird, sagt Er: „Er hat meine Kraft gebeugt auf dem Weg, hat verkürzt meine Tage“; dann schreit Er es laut hinaus: „Nimm mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage“ (Ps 102,24.25).

Beachte nun die Antwort Gottes, die unser Herr in Hebräer 1,10-12 anführt: „Von Geschlecht zu Geschlecht sind deine Jahre. Du hast einst die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden untergehen, du aber bleibst; … sie werden verwandelt werden; du aber bist derselbe, und deine Jahre enden nicht“ (Ps 102,25-28). Während unser Herr zu Recht so vor dem Tod zurückschreckte als dem göttlichen Gericht über den Menschen, übergab Er sich doch dem Willen des Vaters, ließ sein Leben und schmeckte den Tod für jeden Menschen.

In Jesaja 53 jedoch wird dieses „Abschneiden“ in noch eindrucksvollerer Weise gesehen, und zwar: „Wer wird sein Geschlecht aussprechen? Denn er wurde abgeschnitten aus dem Land der Lebendigen.“ Wie die kluge Frau von Tekoa sagte: „Und so wollen sie meine Kohle auslöschen …, um [uns] weder Namen noch Überrest auf dem Erdboden zu lassen“ (2Sam 14,7). So auch bei unserem Herrn: keine Nachkommenschaft, ein Untergehen seiner Sonne am Mittag  würde sein Name von der Erde verschwinden? Oh, dies ist das Wunder Gottes, der verfügt hatte: „Ein Same wird ihm dienen; er wird dem Herrn als ein Geschlecht zugerechnet werden“ (Ps 22,31). In eben dem Todeskampf, in den „Staub des Todes“ gelegt, wie Er sagt, der tiefsten Erniedrigung des Menschen; ein sterbender Räuber neben Ihm wird sein Nachkomme; und nachdem Er mit lauter Stimme geschrien hat, bekennt ein anderer Ihn als gerecht und als Gottes Sohn. Als letztes Ergebnis hat Gott verordnet: „Von der Mühsal seiner Seele wird er Frucht sehen und sich sättigen“ (vgl. Ps 22,32 mit Jes 53,11).

Doch dieser herrlichen Frucht wird die Mühsal seiner Seele und das Sterben in der Blüte seines Lebens gegenübergestellt; Er wird als ein Mensch unter Gottes Gericht erachtet. Er wird den Übertretern beigezählt; Er ist ein Fluch, der am Holz hängt. Doch Er hat, „die Schande nicht achtend, … das Kreuz erduldet und sich gesetzt … zur Rechten des Thrones Gottes“. Hochgepriesener und anbetungswürdiger Herr! Und sollten wir berufen sein, ebenso durch den Tod zu gehen, so können wir gewiss sein, dass Er zu uns sagen wird: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir, schaue nicht ängstlich umher“, und obgleich Er nicht meint, dass wir leichthin an diese ernste Realität denken, würde Er uns doch wissen lassen, dass Er „uns den Sieg gibt“.


Originaltitel: „Cut off out of the Land of the Living“
aus Tender Grass and Waters of Quietness, Jg. 24, 1917, S. 45–46

Übersetzung: Walter Mücher


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