Psalm 55

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 25.11.2013, aktualisiert: 18.10.2016

Das Gebet eines gottesfürchtigen Menschen, das die Seelenübungen des gläubigen Überrestes aus dem jüdischen Volk ausdrückt, wenn der Antichrist vom Glauben an Gott abfällt, den Bund bricht und die Gottesfürchtigen verfolgt

Verse 2-4

Ps 55,2-4: 2 Nimm zu Ohren, o Gott, mein Gebet, und verbirg dich nicht vor meinem Flehen! 3 Horche auf mich und antworte mir! Ich irre umher in meiner Klage und muss stöhnen 4 vor der Stimme des Feindes, vor der Bedrückung des Gottlosen; denn sie wälzen Unheil auf mich, und im Zorn feinden sie mich an.

Der Psalm beginnt, indem er das Flehen des gottesfürchtigen Menschen und die Ursache für sein Leid vorstellt – die Stimme des Feindes und die Bedrückung des Gottlosen. Die Stimme des Feindes erhebt sich verleumderisch gegen den gottesfürchtigen Menschen, denn er kann sagen: „Sie wälzen Unheil auf mich.“ Wie immer folgt auf Verleumdung die Verfolgung: „Im Zorn verfolgen sie mich“ (nach Darbys Übersetzung).

Verse 5-9

Ps 55,5-9: 5 Mein Herz ängstigte sich in meinem Innern, und Todesschrecken haben mich befallen. 6 Furcht und Zittern überkamen mich, und Schauder bedeckte mich. 7 Und ich sprach: O dass ich Flügel hätte wie die Taube! Ich wollte hinfliegen und ruhen. 8 Siehe, weithin entflöhe ich, würde weilen in der Wüste. – Sela. 9 Ich wollte schnell entkommen vor dem heftigen Wind, vor dem Sturm.

Die folgenden Verse beschreiben das Elend des gottesfürchtigen Überrestes in Jerusalem während der Herrschaft des Antichrists. Das Herz im Inneren des gottesfürchtigen Menschen ist tiefbetrübt; äußerlich steht er dem Tod gegenüber. Er sehnt sich danach, aus der geschändeten Stadt zu irgendeinem einsamen Ort zu fliehen, wo er dem Wind und dem Sturm des Gerichts entkommen könnte, das im Begriff steht, über die dem Untergang geweihte Stadt hereinzubrechen (s. Mt 24,15-22).

Verse 10-12

Ps 55,10-12: 10 Vernichte, Herr, zerteile ihre Zunge! Denn Gewalttat und Streit habe ich in der Stadt gesehen. 11 Tag und Nacht machen sie die Runde um sie auf ihren Mauern; und Unheil und Mühsal sind in ihrer Mitte. 12 Schadentun ist in ihrer Mitte, und Bedrückung und Trug weichen nicht von ihrer Straße.

Es folgt nun eine anschauliche Beschreibung der Stadt Jerusalem während der Tage des Antichrists. Die Mauern, die die Stadt vor jedem Angriff schützen sollten, kennzeichnen Gewalttat und Streit. Ungerechtigkeiten und Unheil sind in ihrer Mitte, und ihre Straßen zeichnen sich durch Bedrückung und Betrug aus. Vom Stadtzentrum bis zu den Mauern ist alles voller Verdorbenheit und Gewalt.

Verse 13-16

Ps 55,13-16: 13 Denn nicht ein Feind ist es, der mich höhnt, sonst würde ich es ertragen; nicht mein Hasser ist es, der gegen mich großgetan hat, sonst würde ich mich vor ihm verbergen; 14 sondern du, ein Mensch wie ich, mein Freund und mein Vertrauter; 15 die wir vertrauten Umgang miteinander pflegten, ins Haus Gottes gingen mit der Menge. 16 Der Tod überrasche sie, lebendig mögen sie hinabfahren in den Scheol, denn Bosheiten sind in ihrer Wohnung, in ihrem Innern.

Was nun folgt, scheint eine Beschreibung des abtrünnigen Charakters des Antichrists zu sein. Er hatte vorgegeben, unter den Gottesfürchtigen zu sein, als ein inniger und vertrauter Freund. Er war in Gemeinschaft mit dem Volk Gottes in das Haus Gottes gegangen. Nun aber hatte er sich gegen die Gottesfürchtigen gewandt, sie mit Schmähungen überschüttet und seinen Hass an ihnen ausgelassen, während er danach trachtete, sich selbst über alles zu erheben (vgl. Dan 11,37.38). Für diesen Frevler und seine Anhänger sagt der Psalmist ein plötzliches und überwältigendes Gericht voraus (s. Off 19,20).

Verse 17-22

Ps 55,17-22: 17 Ich aber, ich rufe zu Gott, und der HERR rettet mich. 18 Abends und morgens und mittags muss ich klagen und stöhnen, und er hört meine Stimme. 19 Er hat meine Seele in Frieden erlöst aus dem Kampf gegen mich; denn mit vielen sind sie gegen mich gewesen. 20 Hören wird Gott und sie demütigen (er thront ja von alters her – Sela), weil es keine Änderung bei ihnen gibt und sie Gott nicht fürchten. 21 Er hat seine Hände ausgestreckt gegen die, die mit ihm in Frieden waren; seinen Bund hat er gebrochen. 22 Glatt sind die Milchworte seines Mundes, aber Krieg ist sein Herz; geschmeidiger sind seine Worte als Öl, aber sie sind gezogene Schwerter.

Im Gegensatz zu den Gottlosen, die sich durch Gewalttat und Streit Tag und Nacht auszeichnen (Ps 55,10.11), ruft der Gottesfürchtige „abends und morgens und mittags“ den Herrn an. Er weiß, dass Gott ihn hören und seine Seele erretten wird und dass Er diejenigen heimsuchen wird, die sich weigern, Buße zu tun und Gott anzuerkennen (s. Off 16,9). Überdies wird der Frevler sich nicht nur weigern, Gott die Ehre zu geben, sondern er wird seine Hand gegen die Gottesfürchtigen ausstrecken und den Bund mit ihnen brechen trotz all der glatten Worte, die er zuvor von sich gegeben hatte (s. Dan 11,31; 12,11; Mt 20,15).

Verse 23.24

Ps 55,23.24: 23 Wirf auf den HERRN, was dir auferlegt ist, und er wird dich erhalten; er wird niemals zulassen, dass der Gerechte wankt! 24 Und du, Gott, wirst sie in die Grube des Verderbens hinabstürzen; die Männer des Blutes und des Truges werden ihre Tage nicht zur Hälfte bringen. Ich aber werde auf dich vertrauen.

Der Psalmist schließt mit einem schönen Ausdruck des Vertrauens auf Jahwe. Die Gottesfürchtigen in ihrer Not sollen ihre Last auf den Unveränderlichen werfen, der niemals seinen Bund mit seinem Volk brechen oder zulassen wird, dass der Gerechte wankt, ungeachtet des Leides, durch das er zu gehen haben mag. Im Gegensatz zu den Gottesfürchtigen wird der gewalttätige Betrüger, der sich selbst erhöht hat, niedergestürzt und vernichtet werden. So kann der Gottesfürchtige gut schließen, indem er sagt: „Ich aber will auf dich vertrauen.“

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Übersetzung: S. Bauer


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