Gnade und Herrlichkeit
Psalm 84

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 11.10.2010, aktualisiert: 10.09.2018

Einleitung

Dieser schöne Psalm beschreibt prophetisch die Erfahrungen des gottesfürchtigen Überrestes von Israel am letzten Tag, wenn sie, aus ihrer langen Gefangenschaft befreit, zurück zu Gottes Wohnort in Zion reisen. Der Geist der Gnade, der durch diesen Psalm weht, macht es leichter als bei vielen anderen Psalmen, aus diesem eine Anwendung auf den Christen zu ziehen, weil auch er auf seiner Pilgerreise zum Haus des Vaters in der Höhe wandelt. Es gibt drei Themen, die den Psalm in drei Teile unterteilen:

  • die Schönheit des Hauses Gottes, zu dem der Psalmist unterwegs ist, und der Segen/das Glück derjenigen, die in diesem Haus wohnen (Ps 84,4.5)
  • die Erfahrungen auf dem Weg, der zu diesem Haus führt, und der Segen/das Glück desjenigen, der auf diesem Weg wandelt (Ps 84,6-8)
  • der Trost des Gebets und der Segen/das Glück des Menschen, der auf den Herrn vertraut (Ps 84,9-13).

So wird uns ein dreifacher Segen vor Augen geführt:

  • der Segen, dort zu wohnen, wo Gott wohnt
  • der Segen, der darin zu finden ist, auf dem Weg zu wandeln, der zu Gottes Wohnung führt
  • der Segen, auf Gott zu vertrauen, während man auf diesem Weg wandelt (Ps 84,5,6,13).

Die Wohnung Gottes (Ps 84,1-5)

Ps 84,1-5: 1 Dem Vorsänger, nach der Gittit. Von den Söhnen Korahs, ein Psalm. 2 Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR der Heerscharen! 3 Es sehnt sich, ja, es schmachtet meine Seele nach den Vorhöfen des HERRN; mein Herz und mein Fleisch rufen laut nach dem lebendigen Gott. 4 Sogar der Sperling hat ein Haus gefunden, und die Schwalbe ein Nest für sich, wohin sie ihre Jungen legt – deine Altäre, HERR der Heerscharen, mein König und mein Gott! 5 Glückselig, die in deinem Haus wohnen! Stets werden sie dich loben. Sela.

Der Psalm beginnt mit einem Ausdruck der Freude am Haus Gottes: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR der Heerscharen!“ Die gottesfürchtige Seele sieht, dass sie berufen ist, bei Gott zu wohnen, in Gottes eigener Wohnung. Was diese Wohnung der Seele des Psalmisten so lieblich macht, ist, dass Gott selbst dort ist, der lebendige Gott. Alles in diesen Vorhöfen spricht von der Herrlichkeit Gottes. Dort zeigt sich Gott vollständig, und weil er sich vollständig zeigt, kann er vollständig erkannt werden. Die Seele sehnt sich danach, diese Vorhöfe der Herrlichkeit zu erreichen, denn das Herz und das Fleisch können getrennt von dem Lebendigen keine Zufriedenheit erlangen. 

In dem gleichen Geist schaut der Christ auf das Haus des Vaters: ein Haus, wo alles von Gott, dem Vater, spricht. Der Gläubige befindet sich an einem Ort der Feindseligkeit, wo die Gottesfürchtigen leiden; wo das Böse wächst, sowohl in der Welt als auch unter denen, die sich Kinder und Volk Gottes nennen; wo der Wille des Menschen sich durchsetzt und die Herrlichkeit des Menschen zur Schau gestellt wird; und wo es für das menschliche Auge kein Einschreiten Gottes gibt – wo Gott scheinbar still und reglos ist. Nichtsdestotrotz weiß der Glaube, dass Gott lebt, und der Glaube schaut auf den Wohnort Gottes. Dort wird offenbar werden, dass Gott der lebendige Gott ist, und alles verkündet die Herrlichkeit Gottes. Das Heim, zu dem wir unterwegs sind, ist wirklich vollkommen an Heiligkeit und Liebe; aber was wäre ein vollkommener Ort ohne den Einen, dem das Heim gehört, und ohne Christus, den Einen, der uns den Vater bekanntmacht?

Die Seele des wahren Israeliten erkennt, dass der Eine, der ein Haus für den Vogel und ein Nest für die Schwalbe (bzw. ein Heim für den wertlosen Vogel und eine Ruhestätte für den rastlosen Zugvogel; Anm. d. Übers.) findet, mit Sicherheit einen Ruheplatz für sein Volk hat: „Deine Altäre, HERR der Heerscharen, mein König und mein Gott!“ (ps 84,4). Der Christ kann sagen, dass Gott einen Ruheort für sein Volk in dem angenommenen Opfer Christi gefunden hat: „Ihn hat Gott dargestellt als ein Sühnmittel [Sühndeckel; Heb 9,5] durch den Glauben an sein Blut … zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist“ (Röm 3,25.26).

Wenn Gott jedoch einen festen Ruheort für sein Volk in seinem Altar erworben hat, so dient das dazu, sein Volk zu Ihm zu bringen, um mit Ihm in seinem Haus zu wohnen. In dieser Wohnung „werden sie dich stets loben“ (V. 4). Wenn Christus das große Opfer auf dem Altar von Golgatha wird, soll das ein lobendes Volk für Gott in seinem Haus erbringen. Derjenige, der rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, konnte allein die Antwort geben: „Doch du bist heilig, der du wohnst bei den Lobgesängen Israels“ (Ps 22,2.4). Er starb, um die Heiligkeit Gottes zufriedenzustellen (bzw. ihre Forderungen zu erfüllen) und um ein lobendes Volk zu erwerben. Vor unserem Auge erhebt sich die Lieblichkeit der Wohnung Gottes – wo Gott mitten unter einem lobenden Volk wohnen wird.

Dort findet Ruhe Deine Liebe,
Glückseligkeit herrscht ringsumher;
in Dir gesegnet ohnegleichen
dient alles lobend, preisend Dir.

Die Wege (Ps 84,6-8)

Ps 84,6-8: 6 Glückselig der Mensch, dessen Stärke in dir ist, in deren Herzen gebahnte Wege sind! 7 Wenn sie durchs Tränental gehen, machen sie es zu einem Quellenort; ja, mit Segnungen bedeckt es der Frühregen. 8 Sie gehen von Kraft zu Kraft; sie erscheinen vor Gott in Zion.

Der Psalm beginnt sehr glücklich mit dem Segen der Wohnung Gottes. Dann stellt er uns den Weg, der zu dieser Wohnung führt, vor Augen. Dies ist auch die Art, wie der Herr seinen Jüngern in seinen Abschiedsreden die Wahrheit darlegt. Er erzählt ihnen nicht erst von den Prüfungen und Widrigkeiten auf dem Weg und beendet seine Reden dann, indem Er ihnen den Segen des Vaterhauses vorstellt. Der Herr wählt einen besseren Weg: Er beginnt seine Reden in Johannes 14, indem Er die Lieblichkeit des Vaterhauses darlegt. Bevor wir dazu berufen werden, uns der Reise mit ihren Prüfungen und Schwierigkeiten zu stellen, werden wir des Segens der Heimat, zu der sie führt, versichert. Wie der Psalmist unternehmen wir die Reise durch das Tal im Licht der Stadt, die auf einem Berg liegt.

Diese Reise wird uns in den Versen 6 bis 8 vor Augen geführt. Vers 6 betrachtet uns dabei, wie wir auf gebahnten Wegen gehen. In Vers 7 sind wir im Tränental, durch das wir hindurchgehen. In Vers 8 ist Zion in Sicht, in das wir hineingehen. Die „gebahnten Wege“, die nach Zion führen, gehen durch Feindesland. Zuweilen mag der Weg lang und rau und eintönig scheinen, und die Seele mag sich ermattet nach dem Ende der Reise sehnen. Daher wird ihr vordringlichstes Bedürfnis Kraft für die Reise sein. Diese Kraft ist allein in Gott zu finden, und daher sagt der Psalmist: „Glückselig ist der Mensch, dessen Stärke in dir ist.“

Der Abschnitt im Neuen Testament, der deutlicher als alle anderen den Pilgerweg in einer bösen Zeit absteckt, beginnt mit der Ermunterung: „Sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist“ (2Tim 2,1). Wenn der Wohnort Gottes dem Herzen ein Ziel ist, dann wird der Weg, der dorthin führt, einen Platz im Herzen haben. Wenn der Pilgerweg wenig Anziehungskraft auf unsere Herzen ausübt – erzählt das nicht die Geschichte von Herzen, die kaum berührt wurden von einem Gespür für den Segen der Heimat in der Höhe, zu der wir berufen sind?

Danach werden uns die Eigenschaften des Weges vor Augen gestellt. Er führt durch „das Tal des Weinens“ (wie die bessere Übersetzung lautet). Es ist nicht einfach ein Tal der Prüfungen und Widrigkeiten, sondern ein Tal des Weinens. Das „Weinen“ spricht nicht bloß von Prüfungen, sondern von den Erfahrungen in den Prüfungen. Die Prüfungen für sich allein genommen könnten uns verhärten; die Erfahrungen, die in den Prüfungen gelernt werden – das „Weinen“, das die tiefen Gefühle der Seele vor Gott in den Prüfungen ausdrückt –, werden zu einer Quelle des Segens für die Seele. Derjenige, der seine Kraft aus Gott zieht und seine Sorgen vor Gott bringt, wird das „Tal des Weinens“ in einen „Quellgrund“ des geistlichen Segens verwandeln. Im Geiste des Psalmisten kann der Apostel zu Timotheus sagen, dass er an seine Tränen denke (2Tim 1,4). Er dachte nämlich nicht nur an Timotheus’ Prüfungen, sondern an die „Tränen“, die von diesen Prüfungen hervorgerufen wurden.

Überdies gibt es auf dem Weg, der zum Haus Gottes führt, „Frühregen“, der ihn „mit Segnungen bedeckt“ (Ps 84,7). Der Regen spricht von etwas, was von oben kommt – all der Dienst Christi, den der Geist Gottes vom Himmel her bringt, um das Herz zu erfrischen und zu erfreuen. Das Wort „Frühregen“ bezeichnet den sanften, leichten Regen, der den Boden zur Zeit der Aussaat erfrischt (5Mo 11,14). Das „Tal des Weinens“ bereitet die Seele darauf vor, den gnädigen Dienst Christi von oben herab zu empfangen.

So geht die Seele, erfrischt von dem Quellgrund von unten und dem Frühregen von oben, vorwärts von Kraft zu Kraft. Diese Worte lassen jedoch kaum auf einen Kraftvorrat schließen, zu dem immer wieder Kraft hinzugefügt wird, ungeachtet dessen, wie stark die Kraft ansteigt. Sie verkünden vielmehr eine frische Versorgung mit Kraft von Tag zu Tag.

Das zugesicherte Ende der Reise ist, dass (jeder Reisende) vor Gott in Zion erscheinen wird (Ps 84,8). Wir mögen auf der Reise zusammenbrechen, und leider tun wir das auch. Wir mögen auf dem Weg anhalten, wir mögen des Weges überdrüssig werden, wir mögen ihm schwach folgen und ihn doch verfolgen; aber trotz alles Versagens und aller Schwäche wird jeder vor Gott in Zion erscheinen. Wenn der Herr gesagt hat: „Meine Schafe … gehen nicht verloren in Ewigkeit“ (Joh 10,28), dann können wir sicher sein, dass alle seine Schafe zu guter Letzt die Heimat erreichen werden. Sie gehen ihren Weg; einer nach dem anderen gehen sie aus unserem Blickfeld, aber jeder Einzelne erscheint vor Gott in Zion. Und dort werden sie sich endlich treffen.

Hinfort mit allen Ängsten, allem Leiden! 
Bald kommen wir in uns’re Heimatstadt.
Das himmlische Jerusalem erscheinet,
der Tag unserer Herrlichkeit – er naht.

Im Auge trocknet schnell die letzte Träne,
sieht in den Wolken Ihn wiederkehr’n.
Dann schmecken wir die reine Himmelsfreude:
die Liebe uns’res Vaters, uns’res Herrn.

Das Gebet (Ps 84,9-13)

Ps 84,9-13: 9 HERR, Gott der Heerscharen, höre mein Gebet; nimm zu Ohren, du Gott Jakobs! Sela. 10 Du, unser Schild, sieh, o Gott; und schau an das Angesicht deines Gesalbten! Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend; ich will lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes, als wohnen in den Zelten der Gottlosen. 12 Denn der HERR, Gott, ist Sonne und Schild; Gnade und Herrlichkeit wird der HERR geben, kein Gutes vorenthalten denen, die in Lauterkeit wandeln. 13 HERR der Heerscharen, glückselig der Mensch, der auf dich vertraut!

Der Psalm schließt mit dem Gebet der gottesfürchtigen Seele, die diese Reise unternimmt, die zum Haus Gottes führt. Äußerst segensreich ruft sie den „Gott der Heerscharen“ und den „Gott Jakobs“ an. Der Psalmist wendet sich an Gott mit einem Gespür für seine göttliche Majestät und Macht als Gott der Heerscharen; und an den Einen, der alle Gnade hat und mit dem er in einem Bund steht: den Gott Jakobs. Mit Jakob ging Gott eine Beziehung auf der Grundlage souveräner Gnade ein, und dem fehlerhaften Jakob erwies Gott auf all seinen Wanderungen alle Gnade. Der Gott der Macht und der Gott der Gnade, mit dem wir in Beziehung stehen, ist der Eine, der allein uns auf unseren Weg zur Herrlichkeit bringen kann.

Dann drückt der Psalmist in seinem Gebet die Grundlage seines Vertrauens darauf, auf Gott zu schauen, aus: „Du, unser Schild, sieh, o Gott; und schau an das Angesicht deines Gesalbten!“ (Ps 84,10). Wer wenn nicht Christus ist Gottes Gesalbter? Die Grundlage all unserer Segnungen – die Grundlage all unseres Vertrauens – ist, dass Christus all das ist, was Gott will, dass Er sei, und dass Er all das getan hat, was Gott zu tun verlangt, so dass seine Gnade segnend unwürdige Sünder überströmen kann. Gott schaut Christus als den Einen an, der gesalbt wurde, das große Werk zu tun, und Gott ist zufrieden mit Christus und seinem vollbrachten Werk. So kann Gott dem Gläubigen ein Schild sein. Er kann ihn vor Gericht, vor Tod und vor der ganzen Macht des Feindes schützen aufgrund dessen, was Er in Christus gefunden hat. Die Seele tut wahrlich gut daran, sich immer auf die Zufriedenheit (Im Englischen schwingt hier mit, dass eine Schuld beglichen und dass einem Anspruch Genüge getan wurde; Anm. d. Übers.), die Gott in Christus gefunden hat, zu berufen und zu sagen: „Schau an das Angesicht deines Gesalbten!“

Im Licht der kommenden Herrlichkeit lässt man die Welt und alles, was sie zu bieten hat, zurück. Was haben die Zelte der Bosheit im Vergleich zu den Vorhöfen des Herrn schon zu bieten? Ein Tag in seinen Vorhöfen ist besser als tausend Tage, die man unter den vorteilhaftesten Umständen in den Wohnungen der Menschen verbringt. Bestenfalls hat die Welt ein provisorisches Zelt als Wohnung; der Herr bringt uns zu einer ewigen Heimstatt.

Mit dem Gott der Macht und Gnade vor seiner Seele, gesegnet und angenommen in dem Gesalbten, seinen Rücken der Welt und sein Gesicht der Herrlichkeit zugewandt, kann der Gläubige seinen Weg in dem gesegneten Bewusstsein gehen, dass Gott eine Sonne und ein Schild ist. Er ist ein Licht, um uns in einer dunklen Welt zu leiten, und ein Schild, um uns vor einer bösen Welt zu beschützen. Tag für Tag gibt Er die benötigte Gnade; und Gnade, die auf Erden begonnen hat, wird in Herrlichkeit in der Höhe enden. Nichts als Herrlichkeit ist die passende Antwort auf seine Gnade. Das ewige Gewicht der Herrlichkeit ist die einzig angemessene Antwort auf den unermesslichen Reichtum seiner Gnade. Am Beginn unserer Reise suchte und fand uns die Gnade; am Ende der Reise erwartet uns die Herrlichkeit. Zwischen der Gnade am Beginn und der Herrlichkeit am Ende „wird der HERR … kein Gutes vorenthalten denen, die in Lauterkeit wandeln“ (Ps 84,12).

Solchermaßen der „Gnade“, der „Herrlichkeit“ und alles „Guten“ versichert, kann die Seele gut mit den Worten schließen: „Glückselig der Mensch, der auf dich vertraut!“ (Ps 84,13). Wir können gut singen:

Eile nun vorwärts von Gnade zur Herrlichkeit, 
rüstig im Glauben, beschwingt durchs Gebet,
immer vor Augen die himmlische Ewigkeit,
heimwärts geleitet von Gott, der dich liebt.


Originaltitel: „Grace and Glory“
aus Edification, Jg. 6, 1932, S. 197–205

Übersetzung: S. Bauer


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