Gedanken über die Leiden des Herrn
„In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt“

Percy Adolphus Humphreys

© SoundWords, online seit: 30.08.2001, aktualisiert: 09.09.2018

Einleitung

Ich hoffe, dass die folgende Illustration jenen hilft, die Schwierigkeiten haben, den Unterschied zwischen den verschiedenen Leiden Christi zu verstehen. Dabei geht mir jetzt ganz besonders um die Verbindung mit der Stellung und dem Zustand des auserwählten Überrests Israels in der Zukunft. Darauf bezieht sich der oben zitierte Vers aus Jesaja 63 auch in erster Linie prophetisch.

Das 53. Kapitel im Buch Jesaja ist gemäß Johannes 11,51 („dass Jesus für die Nation sterben sollte“) in seiner buchstäblichen und grundlegenden Anwendung das Bekenntnis dieses auserwählten Überrests von den Leiden und dem Tod des Herrn Jesus Christus für sie. Zeitlich findet dieses Bekenntnis statt, nachdem Er in den Wolken des Himmels wiedergekommen ist und sie den angeschaut haben, „den sie durchbohrt haben“, und sie werden „wehklagen“:

  • Sach 12,10-14: Und ich werde über das Haus Davids und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen gleich der Wehklage über den Eingeborenen und bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen Leid trägt. An jenem Tage wird die Wehklage in Jerusalem groß sein wie die Wehklage von Hadad-Rimmon im Tale Megiddo. Und wehklagen wird das Land, jedes Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses Davids besonders, und ihre Frauen besonders; das Geschlecht des Hauses Nathans besonders, und ihre Frauen besonders; das Geschlecht des Hauses Levis besonders, und ihre Frauen besonders; das Geschlecht der Simeiter besonders, und ihre Frauen besonders; alle übrigen Geschlechter, jedes Geschlecht besonders, und ihre Frauen besonders.

  • Sach 13,1: An jenem Tage wird ein Quell geöffnet sein dem Hause Davids und den Bewohnern von Jerusalem für Sünde und für Unreinigkeit.

  • Ps 51,4-6.16: „Wasche mich völlig von meiner Ungerechtigkeit, und reinige mich von meiner Sünde! Denn ich kenne meine Übertretungen, und meine Sünde ist beständig vor mir. Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt, und ich habe getan, was böse ist in deinen Augen; damit du gerechtfertigt werdest, wenn du redest, rein erfunden, wenn du richtest. … Errette mich von Blutschuld, Gott, du Gott meiner Rettung, so wird meine Zunge jubelnd preisen deine Gerechtigkeit.

  • Off 1,7: Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen.

Der mitfühlende Stellvertreter

Konstruieren wir einmal folgenden Fall: Ein Mann hat das Verbrechen des Hochverrats begangen; er ist dieses Verbrechens überführt und zum Tod verurteilt worden. Nun nehmen wir an, der Bruder dieses Mannes bietet sich dem Herrscher, gegen den das Verbrechen begangen wurde, aus reiner und hingebungsvoller Liebe zu seinem Bruder als Stellvertreter an, um anstelle des Bruders zu sterben. Und nehmen wir an, der Herrscher nimmt das Angebot des Stellvertreters an und ist bereit, dem Verbrecher die Todesstrafe zu erlassen und ihm das Verbrechen selbst völlig zu vergeben; allerdings trotz des Todes des Stellvertreters mit dem Vorbehalt, dass der Missetäter – um ihm die Ungeheuerlichkeit seines Verbrechens auch wirklich bewusst werden zu lassen und ihn zur Buße und zum Bekenntnis zu bringen – eine gewisse Zeit im Gefängnis bleibt und auch unter jeglicher Gefängnisdisziplin, ohne davon zu erfahren, dass sein Bruder an seiner Statt die Todesstrafe erdulden wird.

Nehmen wir dann auch noch an, dass der Stellvertreter bereit ist, freiwillig für eine kurze Zeit vor seinem Tod ein Gefangener im selben Gefängnis zu werden, unter dieselbe Gefängnisdisziplin zu kommen und dieselben Prüfungen und Ängste zu erleiden wie der schuldige Bruder, um in der Lage zu sein, mit seinem Bruder in dessen Not und Leiden im Gefängnis mitzufühlen. Alles, ohne dass der schuldige Bruder etwas davon weiß.

Es ist klar und deutlich, dass der Stellvertreter – solange er im Gefängnis inhaftiert ist – zwar in denselben Umständen wie sein schuldiger Bruder ist, aber nicht in demselben moralischen Zustand, sondern in einem vollkommen entgegengesetzten Zustand. Der moralische Zustand des einen Bruders wäre Schuld, der moralische Zustand des anderen wäre völlige und vollkommene Unschuld.

Nun, obwohl der Stellvertreter selbst völlig freiwillig ins Gefängnis gegangen ist, so sind doch die Leiden, die er erduldet, Teil der gewöhnlichen Gefängnisdisziplin und in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Herrschers. In diesem Sinne kann man sagen, sind sie von dem Herrscher vollzogen worden. Aber neben den Leiden der Gefängnisdisziplin würde der Stellvertreter zur selben Zeit die inneren geistigen Leiden und Qualen zu erdulden haben, die die Folge der beängstigenden Schrecken des drohenden Todes sind, unter deren Gewicht auch der schuldige Bruder so lange würde bleiben müssen, bis er erfährt, dass sein Bruder an seiner Stelle gestorben ist, und er infolgedessen begnadigt und freigelassen wird. Sobald er diese Tatsache erfährt, würde sein Herz sofort mit größtem Schmerz erfüllt werden, aber es wäre ein ganz anderer Schmerz als der, den er bis jetzt gefühlt hatte. Vorher wurde seine Traurigkeit hervorgerufen durch ein tiefes Empfinden der Größe seines Verbrechens gegen einen guten, gerechten und barmherzigen Herrscher und auch aufgrund der Konsequenzen, die er über sich gebracht hatte. Jetzt klagt er sich an, den Tod seines Bruders verursacht zu haben und am Blut seines Bruders schuldig zu sein (siehe Ps 51). Darüber hinaus zerfließt sein Herz durch ein überwältigendes Empfinden der hingebungsvollen Liebe seines Bruders zu ihm.

Der Unterschied zwischen den Leiden des Stellvertreters, während er im Gefängnis ist, und sein innerer Schmerz und die Qual der Gedanken in Voraussicht auf den schrecklichen Tod, der ihm bevorsteht, auf der einen Seite und dem Tod selber auf der anderen, ist sehr klar und deutlich.

Das Letztere – das ist der Tod – war stellvertretend; der Unschuldige litt anstelle des Schuldigen oder für den Schuldigen. Und weil nun die Strafe, die auf das Verbrechen stand, vollstreckt worden und durch den Stellvertreter getragen worden ist und der Herrscher den Tod des Stellvertreters anstelle des Schuldigen akzeptiert hat, so ist das Verbrechen des Letzteren gesühnt, und er ist von der Verurteilung befreit. Er wird niemals den Tod schmecken, den er eigentlich verdient gehabt hätte, noch die wirklichen Schmerzen und Leiden dieses Todes.

Die Leiden im Gefängnis dagegen, die durch die regierungsmäßige Zucht oder Strafe zur Zurechtbringung und nicht zur Verdammnis dienen sollen, waren nicht stellvertretend, und deswegen ist der schuldige Bruder trotz des Todes des Stellvertreters weiter diesen Leiden unterworfen, bis das Endziel der Strafe, nämlich Selbstgericht, Bekenntnis und Buße, erreicht ist.

Tilgung oder Sühnung – wenn wir diesen Ausdruck einmal auf die vorhergehende Illustration in seiner gerichtlichen und gewöhnlichen Bedeutung anwenden wollen – bedeutet, die volle Strafe, die das Gesetz für das Verbrechen fordert, zu bezahlen bzw. zu tragen. So sagt man von einem hingerichteten Verbrecher: „Er hat sein Verbrechen am Galgen gesühnt.“ Nichts weniger als das sühnt das Vergehen. Und wo ein Verbrechen verübt wurde, auf das die Todesstrafe steht, wird dieses Vergehen auch nur durch das Erleiden dieser Strafe gesühnt oder mit anderen Worten: Es befriedigt die gerechten Anforderungen des Gesetzes. Nichts, was ein Verbrecher unter Todesstrafe während seines Lebens erduldet – ob es nun um die Gefängnisdisziplin, den inneren Schmerz eines belasteten Gewissens oder das Vorausempfinden der erwarteten Schrecken der drohenden Exekution geht –, ist in irgendeiner Weise sühnend, denn die Todesstrafe wird dadurch nicht gezahlt.

Derselbe Grundsatz ist anwendbar – mit Ehrfurcht sei das gesagt – auf das große Werk der Sühnung, das durch unseren Herrn Jesus Christus vollbracht wurde. Keine Leiden und keine Schmerzen irgendwelcher Art, die Er während seines heiligen, gesegneten und vollkommenen Lebens auf der Erde erduldete, konnten in irgendeiner Weise sühnen. Das Gegenteil zu behaupten, würde die gewaltige Erklärung der Schrift leugnen, dass das „Blut … Sühnung tut für die Seele“ (3Mo 17,11) und dass es „ohne Blutvergießung … keine Vergebung der Sünden“ (Heb 9,22) gibt.

Die Anwendung der obigen Illustration auf die Leiden unseres Herrn in Verbindung mit dem jüdischen Überrest wird deutlich, wenn wir die folgenden Schriftabschnitte betrachten:

Jesaja 63,9

Das Zitat, das als Überschrift dieses Artikels dient („In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt“), stammt aus Jesaja 63,9. Wenn der Geist Christi in dem Propheten erklärt hat, dass Er in all ihrer Bedrängnis bedrängt war, wer will dann sagen, dass es irgendwelche Nöte des Überrestes gibt, an denen Christus keinen Anteil hatte?

Jesaja 50,4-6

In Jesaja 50,4 hören wir Christus, wie Er durch den Propheten von sich selbst sagt: „Der Herr, HERR, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre wie solche, die belehrt werden.“ Der Ausdruck „solche, die belehrt werden“ steht im Grundtext in der Mehrzahl (limmudim, von der Wurzel lamed = „lernen“) und wird in Jesaja 8,16 mit „Jünger“ und in Jesaja 54,13 mit „gelehrt“ übersetzt. Und das ist auch die wahre Bedeutung des Wortes „Belehrte“, das heißt „Schüler“ oder „Jünger“. Der Herr Jesus wird hier gezeigt wie ein Kind, das Morgen für Morgen eine Lektion von seinem Vater bekommt, damit Er wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten.

Im nächsten Vers lesen wir: „Der Herr, HERR, hat mir das Ohr geöffnet.“ Die Bedeutung dieses Ausdrucks können wir aus Hiob 33,16 lernen: „Dann öffnet er das Ohr der Menschen und besiegelt die Unterweisung“, und auch aus Hiob 36,10: „Und er öffnet ihr Ohr der Zucht.“ Das Wort „Unterweisung“ in dem vorigen Zitat und das Wort „Zucht“ in diesem ist dasselbe Wort, das in Jesaja 53,5 mit „Strafe“ übersetzt ist, nämlich musor. Die Bedeutung dieses Wortes ist laut Gesenius in seinem Hebräischlexikon (Tregelles Edition): „1. Zurechtweisung der Kinder durch ihre Eltern, der Völker durch Könige, der Menschen durch Gott; 2. Ermahnung, Zucht, besonders das, was Kinder von ihren Eltern bekommen und Menschen von Gott.“

Aber um mit Jesaja 50,5.6 fortzufahren: „Und ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen. Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“ Nun, wem gegenüber war Christus nicht widerspenstig? Sicherlich dem HERRN, dem Vater gegenüber. Und wovor ist Er nicht zurückgewichen? Die Antwort wird in Vers 6 gegeben.

So war also das, wofür der HERR, der Vater, sein Ohr öffnete in Vers 5, das, was wir in Vers 6 haben, nämlich Korrektur oder Zucht oder Strafe. [Anm. d. Üb.: Nicht dass der Herr Zurechtweisung oder Zucht oder Strafe nötig gehabt hätte. Er stellte sich aber unter diese Leiden, so wie in obiger Analogie der Stellvertreter freiwillig bereit war, vor dem Tod noch in das Gefängnis zu gehen, um dort all die Gefängnisleiden zu erfahren, die sein Bruder erdulden musste.] Und in der Behandlung, die der Herr durch die Hände  der Menschen erhielt (Mt 26,67; 27,26-31; Lk 22,63-65; 23,1-24.32-39; Joh 18,22-24.28-40; 19,1-17), sehen wir Ihn in Gehorsam gegenüber der Unterweisung des Vaters, sanftmütig sich der Strafe unterwerfend, unter die der Vater Ihn brachte – obwohl Menschen die Instrumente waren, die dieses über Ihn brachten. Und so bewies Er nicht nur in seinem Tod am Kreuz, sondern auch in diesen vorhergehenden Leiden vor der Welt, dass „er den Vater liebte“ und „also tat, wie ihm der Vater geboten hatte“ (Joh 14,31).

Hebräer 5,8 kann man als Kommentar des Heiligen Geistes zu Jesaja 50,4-6 ansehen: „Obwohl er Sohn war, lernte er an dem, was er litt, den Gehorsam.“ Wenn nun unser Herr in den Schlussszenen seines gesegneten Lebens die Leiden und Schmähungen erduldete, die ungöttliche Menschen über Ihn brachten, empfing Er sie nicht als aus der Hand des Vaters kommend und nur instrumentell von der Hand des Menschen? Wenn man Psalm 69,26 im Licht von Jesaja 50 geistlich liest, gibt es dann noch irgendeinen Zweifel über den Ausdruck: „Den du geschlagen hast, haben sie verfolgt“? Man kann ihn nur auf die Leiden unseres Herrn anwenden, die in den eben angeführten Stellen in den Evangelien berichtet werden. Und diese Leiden waren nicht sühnend! Oder hat jemand die geringste Schwierigkeit, die wahre Bedeutung und Verwendung des Ausdrucks „schlagen“ in diesem Psalm zu verstehen?

Psalm 69 bezieht sich ganz deutlich auf die Leiden Christi von der Hand des Menschen, nicht nur am Kreuz, sondern auch vorher, und deshalb auf Leiden, die nicht sühnend waren. Die Verse Psalm 69,22-28 beweisen das schlüssig, da die Folge dieser Leiden Gericht und nicht Gnade ist. [Anm. d. Üb.: Ein weiterer Beweis dafür ist, dass das Gebet des Herrn „zur Zeit der Annehmung“ ist (Ps 69,13), nicht jedoch, als Er verlassen war.]

Psalm 102

Psalm 102 beinhaltet die Äußerungen Christi während seines Ringens mit dem Tod in Gethsemane und sollte im Zusammenhang mit Matthäus 26,36-46, Markus 14,32-42, Lukas 22,39-46 und Hebräer 5,7 gelesen werden. Der Zorn und Grimm, von dem in Psalm 102,11 die Rede ist, hat buchstäblich und in erster Linie mit dem Zorn und dem Grimm Gottes zu tun, der regierungsmäßig auf dem Volk Israel ruhte und noch immer ruht. Die Leiden unseres Herrn in Gethsemane waren in erster Linie die Konsequenzen davon, und in gewissem Maße – obwohl natürlich in unendlich schwächerer Weise – wird der Überrest diese Konsequenzen während der Zeit der großen Drangsal (Dan 12,1; Mt 24,21) durchmachen müssen. Diese Konsequenzen sind unter anderem die volle Ausübung der Macht Satans gegen sie und die schrecklichste Verfolgung seitens der Menschen, wie wir das deutlich in Offenbarung 12,13 finden. Im Garten Gethsemane also und in den Schlussszenen seines Lebens ließ man unseren Herrn die Folgen des regierungsmäßigen Zornes Gottes gegenüber dem Volk Israel schmecken, damit Er, in Erfüllung des Wortes in Jesaja 63,9, in all ihrer Bedrängnis bedrängt sein möge, und das mit dem Ziel, dass Er fähig sein würde, mit dem Überrest mitzufühlen, wenn sie durch die große Drangsal gehen, die in Jeremia 30,7 „die Zeit der Drangsal für Jakob“ genannt wird.

Die tatsächliche Ausübung des Zornes und Grimmes Gottes gegen das Volk erduldete unser Herr von der Hand des HERRN, des Vaters, und konsequenterweise erduldete Er das stellvertretend und sühnend für das Volk. Daher wird der Überrest nicht nur nie einen einzigen Tropfen des Zornes Gottes schmecken, sondern sie werden durch seine souveräne Barmherzigkeit und Gnade in alle Segnungen des Neuen Bundes, geistlicher und irdischer Art, gebracht werden, weil die Sühnung auf dem Kreuz geschehen ist.

Die Erklärung dieses Psalmverses (Ps 102,11) wird hoffentlich keine Schwierigkeit bedeuten für den, der bedenkt, dass der Herr ständig unter den Folgen der Sünde litt – vom ersten Atemzug im Stall von Bethlehem bis zu dem Moment, wo Er am Kreuz sein Haupt beugte und ausrief: „Es ist vollbracht!“ Stellen wir uns für einen Augenblick vor, einmal eine Woche oder selbst nur einen Tag in einem Leichenhaus eingeschlossen zu sein, dann haben wir eine Vorstellung, wenn auch nur eine sehr, sehr schwache, von dem, was unser Herr in all seiner moralischen Vollkommenheit als Mensch gelitten haben muss, während Er dreiunddreißig Jahre auf dieser Erde in der verdorbenen Atmosphäre dieser sündenbeladenen Welt seinen Weg ging, unter dem Seufzen der Schöpfung und dem nicht endenden Schauspiel des menschlichen Leidens und Wehs. Darin wie auch auf unendlich andere Art und Weise litt Er unter den Folgen der Sünde des Menschen – ohne Unterschied ob Jude oder Heide. In Gethsemane litt Er nicht ausschließlich, aber besonders unter den Folgen der regierungsmäßigen Sünden des Volkes Israel, für das Er in einem ganz besonderen Sinn starb. Er starb jedoch nicht nur für diese Nation, sondern auch, damit Er die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammle (Joh 11,49-52).

Psalm 22

Psalm 22 bezieht sich ausschließlich auf die Leiden unseres Herrn am Kreuz, sowohl auf die Leiden, die Er von der Hand des Vaters erduldete, als „es dem HERRN gefiel, ihn zu zerschlagen“, als Er „ihn hat leiden lassen“, „seine Seele das Schuldopfer hat stellen lassen“, als auch auf die Leiden, die Er von der Hand der Menschen erduldete.

Jesaja 53,5

In Jesaja 53,5 schließt der Ausdruck „die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm“ zweifellos die sühnenden Leiden unseres Herrn am Kreuz ein, wo Er – indem Er für das Volk Israel starb – sowohl den Zorn Gottes wegen der Sünde im Allgemeinen ertrug als auch den regierungsmäßigen Zorn Gottes über das Volk, weil es unter dem Fluch eines gebrochenen Gesetzes stand. Aber trotzdem schließt der Ausdruck nicht die nicht sühnenden Leiden Christi für den Überrest aus, auf die ich schon hingewiesen habe. Durch diese Leiden werden sie in der Zeit der großen Drangsal hindurchgehen.

Matthäus 3,13-17

Es gibt eine Handlung im Leben unseres Herrn, die – wenn man ihre wahre Bedeutung versteht – der Schlüssel zu dem gesamten Thema seiner Leiden in Verbindung mit dem jüdischen Überrest ist: dass Er sich nämlich selbst der Taufe des Johannes unterzog. Der Grund, den unser Herr dafür angibt – „denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ (Mt 3,15) –, zeigt, dass Christus mit dieser Handlung öffentlich die Stellung des Überrests einnahm und sich mit diesem Überrest, als unter den regierungsmäßigen Handlungen Gottes stehend, identifizierte. Wenn man diese Stellung, die Christus hier eingenommen hat, einmal verstanden hat, wird solch ein Ausdruck wie in Psalm 69,6 – „Du, o Gott, weißt um meine Torheit, und meine Vergehungen sind nicht vor dir verborgen“ – klar und verständlich. Das gilt ebenso für viele andere ähnliche Ausdrücke in den Psalmen, die sowohl auf Christus als auch auf den Überrest anwendbar sind. Natürlich wird solch eine Ausdrucksweise nicht durch den Herrn persönlich benutzt oder wäre auf Ihn persönlich anwendbar, sondern ist nur auf Ihn anwendbar als verbunden mit dem Überrest unter der Regierung des HERRN, des Gottes Israels.

Wenn wir diese verschiedenen Schriftabschnitte, die wir betrachtet haben, auf den Herrn Jesus Christus in seiner Beziehung zu dem auserwählten Überrest Israels angewandt haben, so bedeutet das doch in keiner Weise, dass die Anwendung dieser Schriftabschnitte darauf beschränkt wäre. Im Gegenteil ist es so, dass man ihre volle Anwendung im Geist auf Christus und all die Seinen (neben den Juden) nicht nur zulassen, sondern sogar darauf bestehen kann. Diese Anwendung der Schriftstelle habe ich nur deshalb nicht berührt, weil sie nicht Gegenstand der Betrachtung ist.

Zusammenfassung

Das ganze Thema kann in diesen wenigen Worten zusammengefasst werden:

  • Unser Herr litt in seinem Leben unter den Folgen der Sünde, um des Mitgefühls willen.
  • Er litt am Kreuz unter dem Gericht über die Sünde, um der Sühnung willen.

Bemerkung

Die regierungsmäßigen Handlungen des Herrn mit Israel in den letzten Tagen wird mit ihnen als Nation sein, aber der auserwählte jüdische Überrest fällt darunter, da er Teil der Nation ist. Geradeso als wenn es Gott gefallen hätte, England als Ganzes mit seinen Gerichten heimzusuchen, Pest, Hungersnot oder Krieg zu schicken wegen unserer Sünden als Nation, dann würde das Volk des Herrn in diesem Land die Folgen des Gerichts fühlen, da sie selbst ein Teil der Nation sind. Für sie, die Gläubigen, würde diese Heimsuchung jedoch zweifellos zum Nutzen sein (Heb 12,5-11). Wenn wir also von den Leiden der Heiligen unter jenen Gerichten sprechen, so können wir entweder sagen, dass sie unter den Regierungswegen des Herrn mit ihnen leiden, oder wir sagen, dass sie unter seinen Regierungswegen mit der Nation leiden, und das würde sich nicht widersprechen.

Was die Strafen angeht, die auf das Volk Israel am Tag des Zorns und Grimms des Herrn gegen sie kommen, so ist der Zweck und das Endziel des Herrn ganz und gar verschieden: einmal in Bezug auf den ungläubigen Teil des Volkes und einmal in Bezug auf den Überrest. Für den Überrest ist es ein Gericht zur Zurechtbringung, zur Wiederherstellung und zum Segen (siehe 5Mo 8,5.6). Für den ungläubigen Teil ist es ein Gericht zur Verdammnis und zum Verderben.

Nebenbei möchte ich bemerken, dass in den Psalmen und Propheten der ungläubige Teil der Juden häufig unterschieden wird mit den Titeln „die Übertreter“, „die Bösen“ und „die Stolzen“ vom Überrest, von dem ständig als „den Armen“, „den Niedrigen“ und „den Bedrängten“ gesprochen wird (siehe z.B. Zeph 3,12.13).

Solche, die gerne noch ein wenig mehr Licht über dieses Thema erhalten möchten, sollten unter Gebet die folgenden Kapitel der Bibel betrachten, die nur eine kleine Auswahl aus vielen Abschnitten sind: 2. Mose 34 (wo der Herr in den Versen 6 und 7 in seinem regierungsmäßigen Charakter und Wegen gegenüber Israel nach dem Bruch des Sinai-Bundes offenbart wird), auch 3. Mose 26 und 5. Mose 28. (In beiden wird der große Grundsatz der Regierung Gottes – nämlich Gerechtigkeit und als zwangsläufiges Ergebnis Segen auf Gehorsam und Strafe auf Ungehorsam – offenbart und damit der Unterschied zwischen Gut und Böse gezeigt.) Ebenso 5. Mose 29–30; 31,25-29; Psalm 118; Jesaja 26–27; 59–60; 63–66; Jeremia 30–31; Klagelieder 3; Hesekiel 20; 37; Daniel 9,20-27; 11,36-45; 12; Hosea 14; Sacharja 11–14; Matthäus 24; Römer 11; Offenbarung 12.

Es ist wichtig, zu wissen, wie der Herr darüber denkt, was wir als Gläubige im Zeitalter der Gnadenzeit über die vergangenen und zukünftigen Wege des Herrn mit seinem alten Volk wissen sollten. Das zeigt uns der Apostel Paulus durch den Heiligen Geist besonders deutlich in 1. Korinther 10,1-12, wo er die Wüstengeschichte Israels einführt, und in Römer 11,25, wo er die Ziele des Herrn mit ihnen hernach beschreibt – nämlich Barmherzigkeit und Gnade. In beiden Fällen sagt er: „Ich will nicht, dass ihr unkundig seid, Brüder.“ Die herrliche Entfaltung der Weisheit Gottes in der Weise, in der Er seine Ziele zum Segen für Israel verwirklicht, ruft solch eine Bewunderung bei dem Apostel hervor, dass er am Ende dieses Kapitels diese großartige Doxologie ausspricht – einen der herrlichsten Abschnitte in der ganzen Bibel.


Originaltitel: „A Few Words on the Sufferings of Christ“, ursprünglich erschienen 1867 bei Morrish
übersetzt aus Precious Truth revived and defended through J.N. Darby,  (Kapitel 10.4), Present Truth Publishers, Bd. 3, S. 19–24

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