Psalm 77

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 19.12.2013, aktualisiert: 24.05.2019

Vertrauen auf Gott am Tag der Not

Verse 2-4

Ps 77,2-4: 2 Meine Stimme ruft zu Gott, und ich will schreien; meine Stimme ruft zu Gott, und er wird mir Gehör schenken. 3 Am Tag meiner Drangsal suchte ich den Herrn; meine Hand war bei Nacht ausgestreckt und ließ nicht ab; meine Seele weigerte sich, getröstet zu werden. 4 Ich erinnerte mich an Gott, und ich stöhnte; ich sann nach, und mein Geist ermattete. – Sela.

In tiefer Not wegen des niedrigen Zustandes von Gottes Volk rief der Psalmist zu Gott. Am Tag der Drangsal blickte der gottesfürchtige Mensch immer noch auf Gott und streckte des Nachts seine Hand zu dem Herrn aus. Er dachte an Gott, obwohl er eine Zeitlang keine Ruhe für seine Seele fand, da Gott scheinbar schwieg. Deshalb verzagte sein Geist.

Verse 5-7

Ps 77,5-7: 5 Du hieltest meine Augenlider offen; ich war voller Unruhe und redete nicht. 6 Ich durchdachte die Tage der Vorzeit, die Jahre der Urzeit. 7 Ich erinnerte mich an mein Saitenspiel in der Nacht; ich sann nach in meinem Herzen, und mein Geist forschte.

Die folgenden drei Verse enthüllen die Ursache des Drucks auf seinen Geist. Er versuchte, in der Erfahrung anderer in alten Zeiten irgendeine Lösung für seine aufgewühlte Seele zu finden. Danach ging er von den Erfahrungen anderer dazu über, seine eigene Erfahrungen sorgfältig zu betrachten; nur um festzustellen, dass die Beschäftigung mit sich selbst ihm keine Erleichterung brachte.

Verse 8-10

Ps 77,8-10: 8 Wird der Herr auf ewig verwerfen und fortan keine Gunst mehr erweisen? 9 Ist zu Ende seine Güte für immer? Hat das Wort aufgehört von Geschlecht zu Geschlecht? 10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein? Hat er im Zorn verschlossen seine Erbarmungen? – Sela.

Schließlich erkannte der Psalmist, dass der niedrige Zustand von Gottes Volk eine Folge seines eigenen Versagens war. Er sah, dass es der Züchtigung des Herrn unterzogen wurde. Aber, so fragt er, wird der Herr es wegen seines Versagens auf ewig verwerfen? Kann es möglich sein, dass Gott keine Gunst mehr erweisen wird? Hat das Versagen seines Volkes die Gnade Gottes verdorren lassen? Wird Gott seine Verheißungen nicht erfüllen, weil sein Volk gesündigt hat? Kann der Zusammenbruch des Menschen die Gnade Gottes verändern oder seine Erbarmungen verschließen? Diese Fragen stellt der Psalmist nur, um derartige Vorstellungen als unhaltbar zu verwerfen.

Verse 11-13

Ps 77,11-13: 11 Da sprach ich: Das ist mein Kranksein. Der Jahre der Rechten des Höchsten 12 will ich gedenken, der Taten des Jah; denn deiner Wunder von alters her will ich gedenken; 13 und ich will nachdenken über all dein Tun, und über deine Taten will ich sinnen.

Die Erkenntnis, dass die Sünde von Gottes Volk unmöglich größer sein kann als die Gnade Gottes, ist wie Balsam für die aufgewühlte Seele des Psalmisten. Er erkennt, dass die Vorstellung, Gott könne sein Volk möglicherweise verwerfen, von der Schwäche seines Geistes kommt, der Gottes Wege mit seinem Volk nach der Art und Weise beurteilt hat, wie sein Volk Ihm gegenüber gehandelt hat. Daher gebietet er diesen Gedanken Einhalt und, statt sich seine eigenen Erfahrungen und die Jahre der Urzeit ins Gedächtnis zu rufen, erinnert er sich nun an „die Jahre der Rechten des Höchsten“, an die Taten des Herrn und an seine „Wunder von alters her“. [In der englischen Übersetzung lautet Psalm 77,11: „Da sprach ich: Das ist meine Schwäche, aber ich will an die Jahre der Rechten des Höchsten denken“ (Anm. d. Übers.).] Er sagt: „Ich will nachdenken über all dein Tun, und über deine Taten will ich sinnen.“

Verse 14-16

Ps 77,14-16: 14 Gott, dein Weg ist im Heiligtum! Wer ist ein großer Gott wie Gott? 15 Du bist der Gott, der Wunder tut, du hast deine Stärke kundwerden lassen unter den Völkern. 16 Du hast dein Volk erlöst mit erhobenem Arm, die Söhne Jakobs und Josephs. – Sela.

Des Weiteren entdeckt er, dass, gleichgültig, welches Leid das Volk Gottes aufgrund seines Versagens auf Erden durchlaufen muss, Gott einen Weg hat, der nur im Heiligtum erkannt werden kann. Als der Gottesfürchtige durch das Wohlergehen der Gottlosen angefochten wurde, fand seine Seele die Antwort auf ihre Schwierigkeiten im Heiligtum (Ps 73,17). Jetzt, wo ihm Gottes augenscheinliches Schweigen, während sein Volk Drangsal und Plagen erduldet, Kopfzerbrechen bereitet, findet er erneut im Heiligtum eine Antwort auf seine Seelenübungen. Dort erfährt er, dass Gott einen festgesetzten Weg hat, der seine Handlungen bestimmt; dass Gott groß ist und Wunder tut. Im Einklang mit seinem Weg tut Gott seine Stärke kund unter den Völkern, um sein eigenes Volk zu erlösen.

Verse 17-21

Ps 77,17-21: 17 Dich sahen die Wasser, o Gott, dich sahen die Wasser; sie bebten, ja, es erzitterten die Tiefen. 18 Die Wolken ergossen Wasser; das Gewölk ließ eine Stimme erschallen, und deine Pfeile fuhren hin und her. 19 Die Stimme deines Donners war im Wirbelwind, Blitze erleuchteten den Erdkreis; es zitterte und bebte die Erde. 20 Im Meer ist dein Weg, und deine Pfade sind in großen Wassern, und deine Fußstapfen sind nicht bekannt. 21 Du hast dein Volk wie eine Herde durch die Hand Moses und Aarons geleitet.

Die Schlussverse beschreiben dieses Handeln Gottes zu Gunsten seines Volkes, was die Wahrheit der Lektionen, die der Psalmist im Heiligtum gelernt hat, beweist. Gottes Wege am Roten Meer verkündeten seine Stärke unter den Völkern und zeigten, wie Er sein Volk aus der Macht des Feindes erlöste und es wie eine Herde durch die Wüste führte.

So hat Gott trotz aller Macht des Feindes und trotz der Widrigkeiten in der Wüste einen „Weg“, den Er mit den Seinen in dieser Welt einschlägt, der in völligem Einklang steht mit seinem „Weg“, der im Heiligtum festgesetzt ist. In all der Verwirrung und der Zerstreuung von Gottes Volk mag dieses nicht immer in der Lage sein, Gottes Schritte nachzuverfolgen; gleichwohl weiß der Glaube, dass Gott einen Weg hat, den Er zu seiner eigenen Ehre und zum Segen seines Volkes einschlägt. So wird der Glaube dazu ermutigt, Gott am dunkelsten Tag genauso zu vertrauen wie am hellsten.

Die Prinzipien dieses Psalms können sicherlich mit viel Trost auch auf einen Tag der Hektik und Verwirrung bei dem Volk Gottes angewendet werden. Angesichts großen Versagens könnte der Teufel danach trachten, den Gläubigen dazu zu verleiten, zu denken, Gott stünde den Prüfungen und dem Leid seines Volks gleichgültig gegenüber und hätte es verworfen. Doch der Glaube weiß, dass kein noch so großes Versagen die Absichten von Gottes Gnade durchkreuzen kann. Überdies lernen wir in der Gegenwart Gottes, dass Gott einen Weg hat, getreu dem Er zu seiner eigenen Ehre und zum Segen seines Volkes handelt. Wir werden dazu ermutigt, zu wissen, dass, so groß die Verwirrung auch sein mag, Gott dennoch einen Weg hindurch hat – einen Pfad durch die Wüste –, den entlang Er seine Herde führt. Also ist es gut für uns, unsere Hände nach Ihm auszustrecken, auch wenn wir dies zuweilen im Dunkeln tun müssen.

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Übersetzung: S. Bauer


Hinweis der Redaktion:

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