Der Weg des Lebens
Psalm 16

Hamilton Smith

© EPV, online seit: 27.10.2005, aktualisiert: 14.09.2018

Leitverse: Psalm 16

Der Weg des Lebens

Man hat zu Recht gesagt, im Garten Eden habe es keinen Weg gegeben. Der Mensch in Unschuld hatte in diesem Garten der Wonne nichts anderes zu tun, als dort zu bleiben, wo Gott ihn hingesetzt hatte. Er brauchte keinen Weg, um von da wegzugehen. Im Himmel wird es auch keinen Weg mehr geben. Ein heiliger Mensch wird an einem Schauplatz der Vollkommenheit kein Bedürfnis empfinden, diesen Platz zu verlassen.

Um durch eine ruinierte Welt hindurch- und aus ihr hinauszugehen, bedarf es notwendigerweise eines Weges, und es gibt einen. Denn niemand kann in einer solchen Welt bleiben: Der schuldige Mensch kann es nicht, und der Gläubige würde es nicht wollen, selbst wenn er es könnte. Aus Eden vertrieben, ist der Mensch in einer ruinierten Welt ein Heimatloser geworden – ein Sünder, der von dem Augenblick an, da er in die Welt kommt, einen Weg betritt, der aus der Welt hinausführt durch den Tod, den Weg des Todes.

Für den Gläubigen aber gibt es einen anderen Weg – den Weg des Lebens, einen Pfad, „den der Raubvogel nicht kennt und den das Auge des Habichts nicht erblickt hat; den die wilden Tiere nicht betreten, über den der Löwe nicht hingeschritten ist“ (Hiob 28,7.8). Das schärfste Auge findet ihn ebenso wenig wie die größte Kraft. Der menschliche Geist hat ihn nie entdeckt, und die Macht des Menschen wird ihn niemals betreten. Wie der Weg des Todes führt er durch eine Welt der Leiden, durch das Tal des Todesschattens; aber er führt in die Gegenwart des Herrn, dorthin, wo es Fülle von Freuden und immerdar Lieblichkeiten gibt.

Dieser Weg, den der natürliche Mensch niemals zu entdecken wusste, ist in Gnade geoffenbart und in Vollkommenheit gegangen worden –  von einem vollkommenen Menschen dem Menschen Christus Jesus. Aufgrund Seiner wesensmäßigen Vollkommenheit war Er der, dem hier auf der Erde der Weg des Lebens geoffenbart werden konnte. „Du wirst mir kundtun den Weg des Lebens“, konnte der Herr Jesus sagen. Er ist ihn jeden Augenblick in Vollkommenheit gegangen und hat das Endziel zur Rechten Gottes erreicht. Darüber hinaus wird Er in Seinem Wandel zum vollkommenen Vorbild für die Seinigen, die Er einlädt, Seinen Spuren zu folgen; so war eines Seiner letzten Worte, die Er an sie richtete, bevor Er diese Weit verließ: „Folge mir nach!“ Wir betreten allerdings mit schwankenden Schritten und mit vielem Straucheln diesen Weg, auf dem Christus als unser Vorbild und zu unserer Ermunterung uns vorangegangen ist.

Diesen Weg zeigt uns Psalm 16 auf bemerkenswerte Weise. Wenn wir den Weg, den Christus in Vollkommenheit gegangen ist, betrachten, dann können wir Ihn nur bewundern; und was wir bewundern, das suchen wir nachzuahmen.

Bevor wir die Einzelheiten dieses gesegneten Weges näher betrachten, wollen wir uns die Frage stellen: Was ist der Weg des Lebens? Es gibt das tägliche Leben mit all dem, was es an Pflichten und Verhältnissen mit sich bringt, ein Leben, das sich auf der Erde abspielt, das zeitlich begrenzt ist und mit dem Tod endet. Es gibt das Leben des Dienstes und des Kampfes gegen den Feind: Auch dieses Leben spielt sich in einem irdischen Rahmen ab. Das „Leben“, von dem wir sprechen, ist nicht auf die Erde beschränkt noch ist es zeitlich begrenzt oder dem Tod unterworfen. Es ist ein inneres Leben, das mit Gott und vor Gott gelebt wird. Es ist ein Leben auf der Erde, das die Seele auf ihrem Durchgang durch die Zeit und durch den Tod aufrechterhält, das in seiner Fülle zur Rechten Gottes geschmeckt wird und das von ewiger Dauer ist. Das ist das Leben, das uns in Psalm 16 auf solch schöne Weise vorgestellt wird. Es ist ein Leben der inneren Gemeinschaft mit Gott, und deshalb ist es unabhängig von den Umständen, ja es hält uns gerade aufrecht, während wir durch die Umstände hindurchgehen. Die widrigen Umstände nehmen deshalb in diesem Psalm nur einen geringen Raum ein. Sie werden nicht ignoriert: Eine gottlose Welt, der Tod und das Grab werden erwähnt, aber sie sind nur der dunkle Hintergrund für ein Leben, das in einer bösen Welt gelebt werden kann, ohne von dem Bösen berührt zu werden.

Die Schönheit eines solchen Lebens ist in Worten nicht auszudrücken. Jemand hat gesagt:

Diese lebendige Verbindung mit Gott wirft ein Licht, einen hellen Schein, auf alles; sie macht der Seele die göttliche Segnung derart bewusst, dass ihr nichts verglichen werden kann außer ihrer vollen Verwirklichung in der Gegenwart Gottes. Mit Gott zu leben, Ihn zu genießen in einer Natur, die dazu fähig ist, samt allem, was daraus notwendigerweise hervorgeht, wo es ohne Wolke verwirklicht wird, in der Gemeinschaft mit Gott zu sein, wie Christus es war in dieser Welt, das ist die vollkommenste Freude, die überhaupt nur möglich ist, wenn man von der ewigen Erfüllung alles dessen absieht, was in einem derartigen Verhältnis gekannt und empfunden wird.

Das ist zutiefst wahr, und doch – wie leicht vernachlässigen wir dieses innere Leben! Nachdem wir uns unserer Stellung vor Gott gewiss sind, achten wir darauf, vor den Menschen ein äußerlich korrektes Leben zu führen, im Dienst aktiv zu sein, ohne im Blick auf unser inneres Leben vor Gott besonders geübt zu sein. Lasst uns jedoch daran denken, dass ein aufrechter Wandel vor den Menschen ebenso wie ein wahrhafter Dienst für Christus aus einem Leben hervorgehen, das vor Gott gelebt wird.

Betrachten wir nun nach diesen einleitenden Bemerkungen dieses innere Leben, wie es sich uns in Christus darbietet. Unser Psalm 16 wird im Neuen Testament an mehreren Stellen auf Ihn angewendet. Der Apostel Petrus zitiert Psalm 16,8-11, um die Auferstehung Christi zu beweisen (Apg 2,25-28); der Apostel Paulus tut dasselbe mit Psalm 16,10 (Apg 13,35); und der Verfasser des Hebräerbriefes wendet den Grundsatz des ersten Verses an (ohne ihn direkt zu zitieren), um zu beweisen, dass Christus der menschlichen Natur teilhaftig war (Heb 2,13). Daher sind wir also durch die Schrift selbst berechtigt, diesen Psalm auf Christus persönlich anzuwenden.

1. Christus als abhängiger Mensch

Vers 1a

Ps 16,1a: Ein Gedicht von David. Bewahre mich, Gott.

Zu Beginn dieses Psalms wird uns Christus als vollkommen abhängiger Mensch vorgestellt. „Bewahre mich, Gott!“ ist der Ausdruck der Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit ist der erste große Grundsatz des inneren Lebens, das vor Gott gelebt wird. Der Mensch ist von Natur von seinem Gott abhängig; trotzdem möchte der gefallene Mensch lieber von allen möglichen Dingen und Menschen abhängig sein als von Gott. In Christus war dann endlich ein Mensch auf der Erde, der völlig abhängig war von der Macht Gottes, um bei jedem Schritt Seines Weges bewahrt zu bleiben. Gewiss hätte Er Sich Selbst bewahren können; doch Er nahm in Gnade den Platz des abhängigen Menschen ein. Was uns betrifft, so akzeptieren wir es recht gern, von Gott abhängig zu sein, wenn wir in Schwierigkeiten sind, zeigen aber wenig reine und einfältige Abhängigkeit von Ihm, wenn wir glauben, auf unsere eigenen Hilfsquellen zählen zu können.

Alle Hilfsquellen der Schöpfung standen Christus zur Verfügung, alle himmlischen Heerscharen waren bereit, Seinem Gebot zu gehorchen, und doch sagte Er: „Bewahre mich, Gott!“

2. Christus als vertrauender Mensch

Vers 1b

Ps 16,1b: … denn ich traue auf dich!

„Ich traue auf dich.“ Die vollkommene Abhängigkeit Christi war das Resultat Seines vollkommenen Vertrauens auf Gott. Er hatte ein unbegrenztes Vertrauen in Seine unendliche Liebe. Der heftige Sturm auf dem Meer findet Christus friedlich schlafend, den Kopf auf einem Kopfkissen. Aber das wahre Kopfkissen Seines Herzens war die Liebe des Vaters. Als vollkommener Mensch kann Er sagen: „Ich traue auf dich“, und im Sturm schlafen; und dann steht Er als der allmächtige Gott auf und spricht: „Schweig, verstumme!“ (Mk 4), und stillt den Sturm. Man hat sehr zu Recht gesagt, dass die Stürme uns auf Ihn werfen, während der Sturm Ihn „zu Hause“ antraf. Die Stürme, die uns zum Vater führen, haben Ihn beim Vater angetroffen. Nichts konnte Ihn je von der Abhängigkeit von der Macht des Vaters und vom Vertrauen auf die Liebe des Vaters abbringen. Er ist weggegangen, aber Sein „Kopfkissen“ hat Er zurückgelassen: Die Liebe des Vaters bleibt uns!

3. Christus als unterwürfiger Mensch

Vers 2a

Ps 16,2a: Du, meine Seele, hast zu dem HERRN gesagt: Du bist der Herr.

Vers 2 hebt einen dritten wichtigen Charakterzug des inneren Lebens des vollkommenen Menschen hervor. „Du hast zu dem HERRN gesagt: Du bist der Herr.“ Der sich so ausdrückt, nimmt den Platz der Unterwürfigkeit und des Gehorsams gegenüber dem Willen eines anderen ein. Welch ein unerträglicher Gedanke für den natürlichen Menschen – ein Leben der absoluten Unterwürfigkeit unter den souveränen Willen Gottes zu führen, und das zu jeder Zeit! Und doch ist dies der Weg des Lebens und der Freude. Der einzige gesegnete Weg liegt in der Erfüllung des Willens Dessen, der mich in Seiner unendlichen Liebe zur ewigen Segnung bestimmt hat und in Seiner göttlichen Macht und Weisheit Seine Ratschlüsse verwirklicht. Christus ist diesen Weg der Unterwürfigkeit unter den Willen eines anderen in Vollkommenheit gegangen. Als Er in die Weit kam, konnte Er sagen: „Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun“, auf dem Weg durch diese Welt: „Ich tue allezeit das ihm Wohlgefällige“, und als Er die Welt verließ: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe.“ Hier auf der Erde hat es einen Menschen gegeben, der in allen Umständen und zu jeder Zeit nur den Willen Gottes getan hat.

Als sich von allen Seiten der Widerstand gegen Ihn erhob, konnte Er sagen: „Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir.“ Trotz der dunklen Wolken, die sich über Seinem Weg zusammenballten, hat Er immer der Liebe des Vaters vertraut und sich immer dem Willen des Vaters unterworfen. Und in dem Augenblick, da der schrecklichste aller Stürme, der, der uns bedrohte, über Ihn hereinbrechen sollte, vertraute Er immer noch der Liebe des Vaters und konnte sagen: „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ Er hat sich dem Willen des Vaters unterworfen: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe.“

Psalm 2 zeigt uns Christus als den Herrscher, den künftigen König, der jede Widersetzlichkeit mit eisernem Zepter zerschmettern wird. Welch ein Segen zu wissen, dass ein Mensch kommen wird, um alle Ungerechtigkeit dieser Welt zu richten und alle Dinge dem Willen Gottes zu unterwerfen! Wenn wir uns erinnern, dass es sich um den von Gott gesalbten König handelt, werden wir nicht überrascht sein.

Psalm 8 versetzt uns in eine Zeit, in der die gesamte Schöpfung Christus unterworfen sein wird. „Alles hast du unter seine Füße gestellt“ heißt es dort. In der Tat, welch ein Segen, aber auch hier sind wir nicht überrascht, wenn wir daran denken, wer Er ist: der Sohn des Menschen, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.

Aus Psalm 16 aber lernen wir, dass Der, der alle Dinge Gott unterwerfen wird und dem alles unterworfen sein wird, selbst der völlig unterwürfige Mensch gewesen ist. Welch ein Gegenstand der Bewunderung! Und wir können sagen, dass Seine Macht, Sich das ganze Universum zu unterwerfen, ihren Ursprung in der Tatsache hat, dass Er einmal der völlig unterwürfige Mensch gewesen ist. So zeigen uns die ersten Verse unseres Psalms die drei bedeutsamen Kennzeichen des Weges des Lebens: die Abhängigkeit von der Macht Gottes, das Vertrauen auf die Liebe Gottes und die Unterwürfigkeit unter den Willen Gottes.

4. Christus als demütiger Mensch

Verse 2b.3

Ps 16,2b.3: Meine Güte reicht nicht hinauf zu dir. Du hast zu den Heiligen gesagt, die auf Erden sind, und zu den Herrlichen: An ihnen ist alle meine Lust.

Ein anderer sehr schöner Charakterzug des Weges des Lebens, der im Leben Christi in Vollkommenheit illustriert wurde, ist Seine Demut. Als Mensch konnte Er zu Gott sagen: „Meine Güte reicht nicht hinauf zu dir“; und im Blick auf die Heiligen, die auf Erden sind, die Herrlichen: „An ihnen ist alle meine Lust.“ Die Heiligen und Herrlichen der Erde stammen selten aus den Reihen der Fürsten und Hohen dieser Welt. Erinnern wir uns an die Worte des Apostels Paulus an die Korinther: “„Denn sehet eure Berufung, Brüder, dass es nicht viele Weise nach dem Fleische, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle sind; sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, auf dass er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache … und das Unedle … und das Verachtete … und das, was nicht ist“ [1Kor 1,26-28]. Unter diesen befinden sich die „Herrlichen“, und mit ihnen hat sich der Herr einsgemacht in Seiner Liebe und in Seiner Demut. Wollen wir mit Christus Gemeinschaft haben, dann müssen wir auch mit den Niedrigen dieser Erde Gemeinschaft haben, denn bei ihnen werden wir Ihn finden. Simon, der Pharisäer, lädt den Herrn der Herrlichkeit in sein Haus ein; doch dann muss er auch eine Frau aus der Stadt, die eine Sünderin war, aufnehmen. Und Christus hält Sich nicht nur zu den Niedrigen, den Demütigen, Er findet an ihnen Seine Lust. Er war demütigen Geistes. Er konnte sagen: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Es handelte sich nicht nur um eine einfache Demut in Seinem Wandel oder in Seiner Sprechweise, etwas, das wir leicht zur Schau tragen können, sondern um die Demut des Herzens. „Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“; „in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst.“ Möchten wir uns diese Ermahnungen zu Herzen nehmen!

5. Christus als abgesonderter Mensch

Vers 4

Ps 16,4: Viele werden der Schmerzen derer sein, die einem anderen nacheilen; ihre Trankopfer von Blut werde ich nicht spenden, und ihre Namen nicht auf meine Lippen nehmen.

Auf Seinem Weg als vollkommener Mensch erlaubte Christus keiner Sache, sich zwischen Seine Seele und Gott zu stellen. Er brachte den Gegenständen, die Menschen verehren, keine Huldigung dar, ihre Namen nahm Er nicht auf Seine Lippen. Ein Götze ist nicht unbedingt ein materielles Bild, das man anstelle des wahren Gottes verehrt. Es ist alles, was wir in den Zuneigungen unserer Herzen sich zwischen unsere Seele und Gott schieben lassen; deshalb schreibt der Apostel Johannes sogar an Gläubige: „Kinder, hütet euch vor den Götzen!“ Wie oft gehen wir leider Dingen nach, die sich zwischen unsere Seele und Gott drängen wollen! Doch dann müssen wir bald lernen, wie wahr die Worte des Psalmisten sind: „Viele werden der Schmerzen derer sein, die einem anderen nacheilen.“ Der gefallene Mensch hat viele Dinge, die sein Herz von Gott trennen; doch der neue Mensch hat nur einen Gegenstand: „Das Leben ist für mich Christus“, und: „Was ich jetzt lebe … lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“

6. Christus als zufriedener Mensch

Verse 5.6

Ps 16,5.6: Der HERR ist das Teil meines Erbes und meines Bechers; du erhältst mein Los. Die Messschnüre sind mir gefallen in lieblichen Örtern; ja, ein schönes Erbteil ist mir geworden.

Christus war nicht nur der abgesonderte Mensch, Er war auch der völlig zufriedene Mensch. Er konnte sagen: „Der HERR ist das Teil meines Erbes und meines Bechers.“ Das Erbe ist das, was vor uns liegt, das bleibende Teil der Seele; der Becher redet mehr von dem, was wir auf dem Wege genießen. Das Erbe ist unser rechtmäßiges Teil, der Becher ist das Maß unseres gegenwärtigen Genusses an dem Erbe. Der Herr ist das Teil unseres Erbes wie auch unseres Bechers; deshalb ist der Becher nicht der Genuss an den Umständen des Weges, sondern vielmehr der Genuss am Herrn in den Umständen, durch die wir gehen. Sie können den schmerzlichen Charakter des Weges durch die Wüste tragen, aber der Psalmist kann in Psalm 23 trotzdem sagen: „Mein Becher fließt über.“ Der Genuss, den er in den Umständen des Weges an dem ewigen Gott hatte, ließ seine Freude überfließen. Das ist die Erfahrung, die der Herr in den Leiden, die Ihm hier begegneten, in Vollkommenheit gemacht hat.

In einem der schmerzlichsten Augenblicke Seines Lebens, als Er von Israel verworfen und von den Seinen nicht verstanden wurde, „hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde.“ Er trank auf dem Weg aus dem Becher; Er, der Erbe aller Dinge, konnte sagen: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater.“

Wir besitzen ein herrliches Erbteil; es gebührt uns, auf dem Weg aus dem Becher zu trinken und im Glauben zu erfassen, dass das Erbe für uns aufbewahrt ist: „Du erhältst mein Los.“ Aus dem Becher trinken heißt, in die Glückseligkeit des Erbes eintreten; und in dem Maß, wie wir das tun, sind wir mit dem beschäftigt, was bleibt, was erhalten bleiben wird, statt dass wir den Dingen einer Welt nachjagen, die mitsamt ihrer Lust „vergeht“.

Als der Herr durch diese Welt des Todes hindurchging, war Er durch die Umstände der „Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut“; aber in der Aussicht auf das „schöne Erbteil“, das Ihm geworden war, konnte Er sagen: „Die Messschnüre sind mir gefallen in lieblichen Örtern.“

7. Christus als Mensch, der sich führen ließ

Vers 7

Ps 16,7: Den HERRN werde ich preisen, der mich beraten hat, selbst des Nachts unterweisen mich meine Nieren.

Wir verstehen die Vollkommenheit Christi als Mensch besser, wenn wir Ihn sagen hören: „Den HERRN werde ich preisen, der mich beraten hat.“ Er, der als Gott Rat erteilt, dessen Name Wunderbarer, Berater ist (Jes 9), ist der, der als Mensch Rat annimmt. In einer Welt der Sünde kann kein Mensch in eigener Weisheit den Weg des Lebens gehen. Für jeden Schritt brauchen wir den Rat Gottes inmitten der Verwirrung, die durch die Sünde und den Eigenwillen eingetreten ist. Um nach den Worten des Propheten „den Müden durch ein Wort aufrichten“ zu können, müssen wir uns „jeden Morgen das Ohr öffnen“ lassen, um zu „hören gleich solchen, die belehrt werden“. Ist das nicht wieder die Sprache des Herrn? Er wandelte als Mensch Tag für Tag nach dem Rat Gottes. Wie wichtig ist es also für uns, täglich zu Seinen Füßen zu sitzen, um Sein Wort zu hören!

Indessen gibt es außer dem göttlichen Rat, der uns leiten soll, noch geistliches Verständnis (Kol 1,9.10). Es wird durch die „Nieren“ veranschaulicht; von ihm werden die leitenden Prinzipien der Seele gebildet. Dieses Verständnis unterscheidet den Weg Gottes klarer, wenn die Seele abseits ist von den Einflüssen der unruhigen Welt, die sie umgibt, wie etwa während der Ruhe der Nacht. Die geistliche Einsicht, belebt vom göttlichen Rat, wird dann den Weg des Lebens, der durch eine Welt der Sünde und des Todes führt, tatsächlich mit mehr Klarheit erkennen.

8. Christus als der von Gott aufrechterhaltene Mensch

Vers 8

Ps 16,8: Ich habe den HERRN stets vor mich gestellt; weil er zu meiner Rechten ist, werde ich nicht wanken.

Um auf dem Weg des Lebens gehen zu können, sind der Rat Gottes und das geistliche Verständnis nicht hinreichend; wir brauchen auch die Unterstützung Gottes. Auch sie ist ein Element, das wir in Vollkommenheit auf dem Weg des Herrn als Mensch verwirklicht sehen. Er konnte sagen: „Ich habe den HERRN stets vor mich gestellt“, und indem Er Ihn vor sich hatte, hatte Er das Bewusstsein, dass der HERR bei Ihm war: „Er ist zu meiner Rechten“; und wenn der HERR zu Seiner Rechten ist, kann Er hinzufügen: „Ich werde nicht wanken.“ Wir haben das Vorrecht, dem Herrn auf diesem Weg folgen zu dürfen, auch wenn nur Er es war, der sagen konnte: „Ich habe den HERRN stets vor mich gestellt.“ Was uns betrifft, so können wir leider nicht „stets“ sagen; wir haben nicht immer dieses einfältige Auge, das auf keinen anderen Gegenstand blickt als auf Christus. Wenn es nicht das Geld ist oder etwas anderes von dieser Welt, dem wir nachjagen, so kann es das Ich sein in der einen oder anderen Form. Das Verlangen nach Bequemlichkeit, nach Selbstbefriedigung, nach persönlichem Ruhm kann das Sehvermögen unserer Seele trüben. Wenn unser Auge einfältig ist, wenn Christus unser einziger Gegenstand ist, werden wir empfinden, dass der Herr bei uns ist; und wenn Er bei uns ist, werden wir nicht wanken. Die Welt, die uns umgibt, ist erfüllt von einer Vielzahl unterschiedlichster Stimmen, und auch unter den Kindern Gottes herrscht große Verwirrung; werden wir aber vom Herrn gestützt und aufrechterhalten, so werden wir nicht wanken.

9. Christus als der Mensch, der sich gefreut hat

Verse 9-11

Ps 16,9-11: Darum freut sich mein Herz, und frohlockt meine Seele. Auch mein Fleisch wird in Sicherheit ruhen. Denn meine Seele wirst du dem Scheol nicht lassen, wirst nicht zugeben, dass dein Frommer die Verwesung sehe. Du wirst mir kundtun den Weg des Lebens; Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht, Lieblichkeiten in deiner Rechten immerdar.

Der Weg des Lebens, den der Herr ging, führte durch den Tod. Wir sprechen hier nicht von Seinem sühnenden Tod zugunsten der Seinen, sondern von der Glückseligkeit eines Lebens, das der Tod nicht antasten kann. Das ist der Weg des Lebens durch den Tod hindurch. Der Blick auf den Tod wirft hier keinerlei Schatten auf Seinen Geist. Sein Herz ist bei diesem Gedanken nicht niedergeschlagen; Er freut sich, Seine Seele frohlockt, und Sein Fleisch wird in Sicherheit ruhen. Für den, der den Weg des Lebens geht, ist der Tod nur der Durchgang zu einem größeren Genuss des Lebens. Während der natürliche Mensch, der sich auf dem Weg des Todes befindet, von Traurigkeit und Furcht erfüllt ist, kennzeichnen den, der auf dem Weg des Lebens geht, Freude, Lob und die Ruhe der Hoffnung.

Das Geheimnis dieser Freude liegt in dem herrlichen Ziel, das in Sicht ist. Der Weg des Lebens führt durch eine Welt der Schmerzen, durch das Tal des Todesschattens, aber er endigt in der Gegenwart Gottes. Für Christus und für alle, die mit Ihm verbunden sind, ist das die Gegenwart des Vaters. Und die ist mehr als die Herrlichkeit, sie ist das Haus des Vaters, das Haus, wo das Herz des Vaters geoffenbart wird, wo die Erkenntnis und der Genuss des Vaters volle Wirklichkeit sind. Hier unten bei all den Schmerzen, die untrennbar zu dieser Erde gehören, können wir aus dem Becher des Lebens trinken; droben in der Freude des Himmels werden wir die Fülle des Lebens haben. Hier unten gibt es Freuden auf dem Wege; droben sind es Lieblichkeiten immerdar.

Das war das innere Leben, das der Herr Jesus als Mensch mit Gott und vor Gott gelebt hat, als Er durch diese Weit schritt. Der Mensch in seiner Unschuld in Eden konnte es nicht kennen, und für den gefallenen Menschen ist es unmöglich. Nur ein heiliger Mensch konnte ein Leben leben, das gekennzeichnet ist durch Abhängigkeit von der Macht Gottes, durch Vertrauen auf die Liebe Gottes und durch Unterwürfigkeit unter den Willen Gottes, ein Leben der Demut, das sich zu denen gesellte, die moralisch die Herrlichen der Erde waren, dabei aber doch die Absonderung von dem Bösen in der Welt aufrechterhielt, ein Leben der Zufriedenheit im Blick auf das künftige Erbe, ein Leben, das die göttliche Führung und die göttliche Unterstützung kennt, ein Leben, das der Tod nicht antasten, dem das Grab kein Ende setzen kann und das in die Gegenwart Gottes führt, wo Fülle von Freuden ist und Lieblichkeiten auf immerdar. Ein Leben, das im Herzen des Vaters für uns erdacht wurde, in welchem Seine Hand uns stützt bis zu dem Augenblick, wo wir in die Fülle dieses Lebens eingeführt werden, in das Haus des Vaters.

In Christus allein ist dieses Leben in seiner absoluten Vollkommenheit gelebt worden. Doch es ist auch für die Seinen in der Kraft des Heiligen Geistes möglich.


Originaltitel: „Der Weg des Lebens“
aus Hilfe und Nahrung, Ernst-Paulus-Verlag, 1993, S. 261–275;
auf Deutsch erstmals erschienen in Der Dienst des Wortes, Jg. 13, 1935, S. 61–67, 73–78


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