„Die zerbrochenen Herzens sind ...“
Menschen im Lukasevangelium

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 27.07.2019

Leitverse: Lukas 4,18; Psalm 147,2-4

Lk 4,18: Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung auszurufen und Blinden das Gesicht, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden.

Ps 147,2-4: Der HERR baut Jerusalem, die Vertriebenen Israels sammelt er. Der da heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und ihre Wunden verbindet; der da zählt die Zahl der Sterne, sie alle nennt mit Namen.

Im vierten Kapitel des Evangeliums nach Lukas haben wir die liebliche Aufzeichnung von dem Eintritt des Herrn in seinen öffentlichen Dienst in dieser Welt der Sünde und Schmerzen, und wir hören zugleich aus seinem eigenen Mund das Kennzeichen seines Dienstes. Er führt die Weissagung Jesajas über sich an, die sagt: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesandt hat, um den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, um zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind“ (Jes 61,1).

In der ganzen Welt sind solche, die zerbrochenen Herzens sind. Sie mögen sich bemühen, ihren Kummer nach außen hin durch Frohsinn und Lachen zu verbergen; aber der Prediger sagt in dem Buch der Sprüche: „Auch beim Lachen hat das Herz Kummer“ (Spr 14,13). Hinter all der äußerlichen Fröhlichkeit der Welt sind geheime Kümmernisse und zerbrochene Herzen.

Wenn wir uns zu dem Wort Gottes wenden, entdecken wir zu unserem Trost, dass Gott diesen zerbrochenen Herzen gegenüber nicht gleichgültig ist. Der Psalmist sagt uns, dass Gott der Eine ist, „der da heilt, die zerbrochenen Herzens sind und ihre Wunden verbindet“. Darüber hinaus fügt der Psalmist sofort hinzu: „der da zählt die Zahl der Sterne, sie alle nennt mit Namen. Groß ist unser Herr“ (Ps 147,2-5). Die Zahl der Sterne ist zu groß für uns, um sie zu zählen; der Kummer eines zerbrochenen Herzens ist zu tief für uns, ihn zu ermessen; aber Gott kann die Sterne am Himmel zählen und die zerbrochenen Herzen auf der Erde heilen. In der Größe seiner Liebe gab er seinen eingeborenen Sohn dahin, um in diese Welt zu kommen und die zerbrochenen Herzens sind zu heilen.

Wenn wir auf Jesus hinblicken, sehen wir den einen vollkommenen Menschen, der in diese Welt kam, zerbrochene Herzen zu suchen. Der Teufel trachtete wahrlich danach, Ihn von seinem Suchen abzuwenden, indem er Ihm alle Königreiche in dieser Welt und ihre Herrlichkeit zeigte. Aber Er lehnte die Welt, ihre Ehren und Reichtümer ab und wählte, ein armer Mensch zu werden und zerbrochene Menschenherzen zu suchen, um ihre Tränen zu trocknen und ihre Wunden zu verbinden.

Wenn wir seinen Weg durch dieses Tränental verfolgen auf der Suche nach denen, die zerbrochenen Herzens waren, sehen wir im Evangelium des Lukas, wie Er das Herz einer zerbrochenen Sünderin heilt, die Wunden des zerbrochenen Herzens eines Heiligen verbindet und die Tränen des zerbrochenen Herzens einer Witwe trocknet. Darüber hinaus erfahren wir, dass die Gottlosigkeit und Härte des menschlichen Herzens so weit gehen, dass zuletzt auch sein Herz zerbrochen wurde. Wir brachen das Herz des Einen, der kam, um unsere zerbrochenen Herzen zu heilen.

So entdecken wir, dass Herzen durch die Sünden des Sünders, durch das Fehlen der Heiligen, durch den Tod eines unserer Lieben und über allem durch unerwiderte Liebe zerbrochen werden.

1. Das zerbrochene Herz der Sünderin

Lk 7,36-38: Es bat ihn aber einer der Pharisäer, dass er mit ihm essen möchte; und er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tische. Und siehe, da war eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war; und als sie erfahren hatte, dass er in dem Hause des Pharisäers zu Tische liege, brachte sie eine Alabasterflasche mit Salbe; und hinten zu seinen Füßen stehend und weinend, fing sie an, seine Füße mit Tränen zu benetzen; und sie trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes und küsste seine Füße sehr {o. vielmals, oder zärtlich} und salbte sie mit der Salbe.

In der ergreifenden Szene, die in dem Hause Simons, des Pharisäers, stattfand, wird uns ein Einblick in das wunderbarste aller Geschehen gewährt – die Begegnung zwischen dem Heiland und der Sünderin. Eine arme Frau, die als eine Sünderin in der Stadt bekannt war, hatte von Jesus gehört. Sie hatte das Volk reden hören, dass Jesus „ein Freund der Zöllner und Sünder“ war. Sie hatte wahrscheinlich auch aus seinem eigenen Mund jene gnadenvolle Einladung gehört: „Kommet her zu mir alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben.“ Ihres schrecklichen Lebens müde, mit einem sündenbeladenen Gewissen, ohne einen Freund in dieser Welt, hört sie von Jesus, dem Sohn Gottes. Sie hört, dass er der Freund der Sünder ist und dass er sie bittet zu kommen.

Von ihrer Not getrieben und von seiner Gnade gezogen, kommt sie zu Jesus; und in dieser schönen Szene dürfen wir das Ergebnis bei einem Sünder sehen, der zu dem Heiland kommt. Sie fühlte, dass sie um jeden Preis in die Gegenwart dieses wunderbaren Heilandes gelangen musste. So betritt sie das Haus des Pharisäers und geht geradewegs zu den Füßen Jesu. Zuerst wird kein Wort gesprochen, nur zweierlei geschieht, wenn wir lesen, dass „sie hinten zu seinen Füßen stand und weinte“ und dass sie „seine Füße küsste“. Jene Tränen reden von einem Herzen, dass zerbrochen ist, und jene Küsse von einem Herzen, dass gewonnen ist.

Was war es, das ihr Herz brach? Und was war es, das ihr Herz gewann? War es nicht, dass sie ihr Leben mit all seinen Sünden in der Gegenwart seines Herzens mit all seiner Liebe und Gnade sah? Sie entdeckte, dass seine Gnade größer war als ihre Sünden, und dass er sie, obgleich Er das Schlimmste von ihr wusste, doch liebte und sie nicht abwies oder auch nur ein Wort des Vorwurfes äußerte. Sie konnte dem Spott der Menschen und dem Hohnlächeln des Pharisäers standhalten, aber solche Liebe wie diese brach ihr Herz. Nicht die Schlechtigkeit des Menschen, sondern die Güte Gottes leitet zur Buße (Röm 2,4).

Nachdem Er ihr Herz durch seine Gnade zerbrochen hat, heilt Er ihr Herz mit seinen Worten der Liebe, denn Er sagt: „Deine Sünden sind vergeben, … dein Glaube hat dich gerettet; gehe hin in Frieden“ (Lk 7,48-50). Der Weg dieser Frau mit zerbrochenen Herzen ist noch immer derselbe Weg des Segens für jeden armen Sünder:

  1. Unsere Sünden und unsere Not werden uns bewusst gemacht.
  2. Gott bringt in seiner Gnade uns die Gute Botschaft von dem Einen nahe, der allein unserer Not begegnen kann. Wir hören von dem Heiland, der in die Welt kam, um Sünder zu erretten, der sich als Lösegeld für alle dahingab und sich ohne Makel Gott geopfert und so durch sein mächtiges Werk am Kreuz Gott befriedigt hat, sodass Gott einer Welt von Sündern Vergebung verkündigt und einlädt, wer da will, an Jesus zu glauben.
  3. Sehen wir, dass wir, an ihn glaubend, aufgrund der Autorität des Wortes Gottes wissen können, dass unsere Sünden vergeben und unsere Seelen gerettet sind (Apg 11,20.21; 10,43).

Gesegneter Augenblick, wenn wir unsere Not eingesehen und von Jesus gehört haben, an Ihn glauben und uns zu Ihm wenden, uns allein in seiner Gegenwart befinden im Bewusstsein unserer Sünde; aber dann feststellen, dass Er trotz seiner Kenntnis all unserer Sünden uns liebt. Solche Liebe wird unsere Herzen zerbrechen und sie für immer gewinnen.

2. Das zerbrochene Herz des Gläubigen

Lk 22,54-62: Sie ergriffen ihn aber und führten ihn hin und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne. Als sie aber mitten im Hofe ein Feuer angezündet und sich zusammengesetzt hatten, setzte sich Petrus in ihre Mitte. Es sah ihn aber eine gewisse Magd bei dem Feuer sitzen und blickte ihn unverwandt an und sprach: Auch dieser war mit ihm. Er aber verleugnete [ihn] und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht. Und kurz danach sah ihn ein anderer und sprach: Auch du bist einer von ihnen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht. Und nach Verlauf von etwa einer Stunde behauptete ein anderer und sagte: In Wahrheit, auch dieser war mit ihm, denn er ist auch ein Galiläer. Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. Und der Herr wandte sich um und blickte Petrus an; und Petrus gedachte an das Wort des Herrn, wie er zu ihm sagte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

Wir haben das zerbrochenen Herz einer Sünderin in dem Haus Simons des Pharisäers erblickt, nun dürfen wir das zerbrochene Herz eines abgewichenen Heiligen in dem Haus des Hohenpriesters sehen. Wir mögen wahrlich Vergebung unserer Sünden haben und den Herrn mit allem Eifer und aller Aufrichtigkeit des Apostels Petrus lieben, und doch können wir, wenn nicht die Gnade des Herrn uns bewahrt, wie der Apostel versagen und den Herrn verleugnen. Durch Sturm und Sonnenschein war dieser ergebene Diener dicht hinter seinem Meister während der Jahre seines wunderbaren Dienstes gefolgt. Aber es kommt ein Tag, an dem er „von ferne folgte“. Da er in einer Entfernung von seinem Meister wandelte, wird er bald in Gesellschaft der Feinde seines Meisters gefunden. So lesen wir, dass, als die Feinde des Herrn „ein Feuer angezündet und sich zusammengesetzt hatten“, „sich Petrus in ihre Mitte setzte“. Als er so unter den Feinden des Herrn sitzt, dauert es nicht lange, bis er in Versuchung kommt. Es schien wirklich nur eine geringe Versuchung zu sein, denn sie kommt von einer „gewissen Magd“. Ach, von dem Herrn entfernt, in schädlicher Gesellschaft, genügt eine ganz kleine Sache, um uns zu Fall zu bringen. Die Magd mag gewiss schwach gewesen sein, aber sie nutzt eine passende Gelegenheit bei dem armen Petrus aus, denn sie sah ihn „bei dem Feuer sitzen“. Alles was sie sagt ist nur: „Auch dieser war mit ihm.“ Petrus wittert Gefahr und ohne zu zögern verleugnet der Mensch, der in seinem Selbstvertrauen gesagt hatte: „Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“, mit Nachdruck den Herrn, indem er sagt: „Frau, ich kenne ihn nicht.“

Dreimal verleugnet er den Herrn und danach „krähte der Hahn“ gemäß den Worten des Herrn. Petrus hatte den Herrn verleugnet, aber hatte sich des Herrn Herz zu Petrus verändert? Gepriesen sei sein Name, seine Liebe ist eine unveränderliche Liebe, „da er die Seinigen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende“. So geschah es, dass in demselben Augenblick, wo sich Petrus von dem Herrn abwandte, sich der Herr zu Petrus wandte, denn wir lesen: „Der Herr wandte sich um und blickte Petrus an.“ Wir mögen sein Herz betrüben, aber seine Liebe können wir nicht verändern. Wir können gewiss sein, dass jener Blick ein Blick unendlicher Liebe war, der Petrus sagen sollte: „Du hast mich verleugnet, Petrus, du hast gesagt, dass du mich nicht kennst, aber trotz all deines Leugnens, liebe ich dich.“

Was war die Wirkung jenes Blickes? Er brach das Herz des abgewichenen Petrus, denn wir lesen: „Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“ Genauso wie die gefallene Sünderin in Lukas 7, so sieht auch der abgewichene Jünger in Lukas 22 seine Sünden in dem Licht der Liebe des Herrn. Und die Liebe, die seine Sünden übersteigt, zerbricht sein Herz.

Wir kennen noch dazu den Weg, den die zarte Liebe am Auferstehungsmorgen einschlägt, um das zerbrochene Herz dieses Menschen zu heilen und seine Tränen abzuwischen. So stellt Er unsere Seelen bei all unserem Abweichen wieder her, dadurch, dass Er unsere Herzen zerbricht und unsere Herzen mit seiner unendlichen Liebe wieder gewinnt.

3. Das zerbrochene Herz der Witwe

Lk 7,11-15: Es geschah danach {o. am folgenden Tage}, dass er in eine Stadt ging, genannt Nain, und viele seiner Jünger und eine große Volksmenge gingen mit ihm. Als er sich aber dem Tore der Stadt näherte, siehe, da wurde ein Toter herausgetragen, der eingeborene Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und eine zahlreiche Volksmenge aus der Stadt [war] mit ihr. Und als der Herr sie sah, wurde er innerlich bewegt über sie und sprach zu ihr: Weine nicht! Und er trat hinzu und rührte die Bahre an, die Träger aber standen still; und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Und der Tote setzte sich auf und fing an zu reden; und er gab ihn seiner Mutter.

Die Geschichte des zerbrochenen Herzens der Witwe mahnt uns, dass auch über den hellsten Schauplatz dieser Welt der dunkle Schatten des Todes liegt. Nain bedeutet „heiter“ und die Lage der Stadt war schön, aber der Tod war dort. Doch zu unserem Trost erfahren wir, dass in diese Welt des Todes der Herr des Lebens gekommen war und das nicht allein mit der Kraft, Tote aufzuerwecken, sondern mit Liebe und mit Gefühl, dass mit uns in unseren Kümmernissen fühlen, unsere Tränen trocknen und die, die zerbrochenen Herzens sind, heilen kann. So „geschah es“, dass Jesus in die Stadt Nain ging und „seine Jünger und eine große Volksmenge mit ihm ging“. Diese Gesellschaft mit dem Herrn des Lebens in der Mitte begegnet einer anderen mit einem Toten in der Mitte; denn als der sich der Stadt näherte, „wurde ein Toter hinausgetragen, der eingeborene Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und eine zahlreiche Volksmenge aus der Stadt war mit ihr“. Wie schön ist der Weg, den der Herr einschlägt, ihr zerbrochenes Herz zu heilen. Innerlich bewegt trocknet Er erst ihre Tränen und dann beseitigt Er die Ursache ihres Kummers.

Hätten wir die Kraft, dann würden wir wahrscheinlich zuerst den Toten auferweckt und dann zu der Witwe gesagt haben: „Weine nicht mehr.“ Aber Jesus geht einen anderen Weg – einen besseren Weg –, der die Erzählung so voller Trost für uns alle macht. Er sagt zuerst der Mutter, die zerbrochenen Herzens ist: „Weine nicht“, und dann erweckt Er den Toten. Danach wird die Frau gesagt haben können: „In meinem großen Kummer kam Er mir so nahe, dass Er meine Tränen trocknete. Er nahm mich nicht nur aus meinen traurigen Umstände raus, sondern Er ging an meiner Seite und nahm Teil daran.“ So zeigt er durch sein Mitleid und Mitgefühl, dass Er unsere Tränen abwischen kann, ehe Er unsere Toten auferweckt. Das ist auch für uns passend, denn Jesus ist abwesend und erweckt unsere Lieben, wenn sie von uns genommen werden, noch nicht auf; aber unseren zerbrochenen Herzen spricht er Trost zu und trocknet unsere Tränen, während wir auf den Tag warten, an dem Er unsere Lieben, die in Jesus entschlafen sind, auferwecken wird. Sein innerliches Mitgefühl geht seinen Gütigkeiten voraus. Wir besitzen den Trost seiner Liebe, während wir auf die Entfaltung seiner Auferstehungskraft warten. Dann wird in der Tat das Wort erfüllt sein: „Gott wird jede Träne … abwischen und Tod wird nicht mehr sein“ (Off 21,4).

4. Das zerbrochene Herz des Heilandes

Lk 19,41-48: Als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn auch du erkannt hättest, und selbst an diesem deinem Tage, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn Tage werden über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall um dich aufschütten und dich umzingeln und dich von allen Seiten einengen; und sie werden dich und deine Kinder in dir zu Boden werfen und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, darum dass du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast. Und als er in den Tempel {die Gebäude; so auch Lk 21,5.37.38; 22,52.53; 24,53} eingetreten war, fing er an auszutreiben, die darin verkauften und kauften, indem er zu ihnen sprach: Es steht geschrieben: „Mein Haus ist ein Bethaus“ {Jes 56,7}; „ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht“ {vgl. Jer 7,11}. Und er lehrte täglich im Tempel {die Gebäude}; die Hohenpriester aber und die Schriftgelehrten und die Ersten des Volkes suchten ihn umzubringen. Und sie fanden nicht, was sie tun sollten, denn das ganze Volk hing an seinem Munde {eig. hing hörend an ihm}.

Wir haben gesehen, dass unsere Sünden und unser Abweichen, in dem Licht seiner Liebe gesehen, unser Herz zerbrechen kann und dass der Tod seinen Schatten über das schönste Erdenleben wirft und ebenso unsere Herzen zerbrechen kann. Aber in dieser ergreifenden Geschichte auf dem Ölberg sehen wir einen noch tieferen Kummer – den Kummer unerwiderter Liebe. Unsere Herzen mögen zeitweilig durch unerwiderte Liebe niedergeschlagen sein. Aber ebenso wie die Liebe des Heilandes höher ist als jede andere Liebe, so fühlt Er, wenn seiner Liebe ins Angesicht widerstanden wird, in dem gleichen Maße mehr als alle anderen den Kummer unerwiderter Liebe. Die Tiefe seines Kummers kann nur durch die Höhe seiner Liebe ermessen werden.

So lesen wir: „Als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie.“ Seine Liebe war über die Maßen an dieses arme Volk gewandt worden, aber sie haben Ihm Böses für Gutes erwiesen und Hass für seine Liebe (Ps 109,5). Als Er ihnen sagte, dass Er gekommen war, zu verbinden die zerbrochenen Herzens sind, wurden sie „von Wut erfüllt und standen auf und stießen ihn zur Stadt hinaus“ (Lk 4,28.29). Als Er Sünden vergab, beschuldigten sie Ihn der Gotteslästerung (Lk 5,21). Als Er einen armen Krüppel heilte, wurden sie „mit Unverstand erfüllt“ (Lk 6,11). Als Er arme Sünder aufnahm und mit ihnen aß, sagten sie, dass Er ein Fresser und Weinsäufer sei (Lk 7,34). Als Er ein gestorbenes Mädchen auferwecken wollte, da verlachten sie Ihn (Lk 8,52.53), und als Er einen Menschen von einem Dämon befreite, sagte sie: „Durch den Beelzebub, den Obersten der Dämonen, treibt er die Dämonen aus“ (Lk 11,15).

Sie öffneten ihren Mund wider Ihn, sie redeten wider Ihn mit Lügenzungen und stritten wider Ihn ohne Ursache, und für seine Liebe feindeten sie Ihn an (Ps 109,2-5). Nichtsdestoweniger brachte die herzlose Behandlung des Menschen keinen Ausdruck des Unwillens aus Christus hervor, kein bitteres, vergeltendes Wort kam über seine Lippen. Als Er gescholten wurde, schalt Er nicht wieder, und als Er litt, drohte Er nicht. Unsere Herzenshärtigkeit rief nur einen Kummer hervor, der in seinen Tränen Ausdruck fand. Wir brachen zuletzt sein Herz, denn Er konnte sagen: „Denn ich, ich bin elend und arm und mein Herz ist verwundet in meinem Innern.“ Und indem wir sein Herz gebrochen hatten, suchten wir „den, der verzagten Herzens war, zu töten“ (Ps 109,16-22); so lesen wir: „Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten und die Obersten des Volkes suchten ihn umzubringen.“ Ach welch ein Schauplatz! Außerhalb der Stadt weinte der Heiland in innerlicher Bewegung über Sünder, innerhalb der Stadt verhärteten sich die Sünder, indem sie den Heiland umzubringen suchen – suchten das Blut dessen zu vergießen, der seine Tränen über sie vergoss.

Nicht mehr lange, dann werden jene Tränen eine herrliche Erwiderung erfahren; denn sehr bald wird Er von einer großen Menge Sünder, die zerbrochenen Herzens waren, aber durch Gnade gerettet sind, und abgewichenen Heiligen, die durch Gnade wiederhergestellt sind, umgeben sein, an einem Schauplatz, wo „Gott jede Tränen von ihren Augen abwischen wird und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“. Dann „wird er von der Mühsal seiner Seele Frucht sehen und sich sättigen“ (Jes 53,11).


Originaltitel: „The Brokenhearted“
Quelle: www.stempublishing.com


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