An wen richtet sich die Bergpredigt in erster Linie?
Hat die Bergpredigt Christen eigentlich etwas zu sagen?

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 06.12.2014, aktualisiert: 03.09.2018

Leitverse: Matthäus 5–7

Allgemeiner Grundsatz der Auslegung des Wortes Gottes

Um die obengenannte Frage zu beantworten, wollen wir zunächst einmal auf einen allgemeinen Grundsatz zu sprechen kommen:

Alle Schrift ist für Christen geschrieben, handelt aber nicht immer von Christen, obwohl Christen immer etwas daraus lernen können.

Damit bekommen für Christen auch jene Stellen aus dem Wort Gottes eine Bedeutung, die viele mit den Worten „Damit haben wir ja nun nichts mehr zu tun“ unbeachtet liegen lassen. So ist für viele die Beschreibung der Opfer im dritten Buch Mose eine relativ unwichtige historische Abhandlung über heute für uns Christen bedeutungslose jüdische Opferriten. Der obengenannte Grundsatz beruht auf Schriftstellen wie die folgenden:

1Kor 10,6: Diese Dinge [alttestamentliche Begebenheiten] aber sind als Vorbilder für uns geschehen.

2Tim 3,16.17: 16 Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, 17 damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt.

Und wenn wenn wir diesen Grundsatz anwenden und uns intensiver damit auseinandersetzen, erkennen wir: Gerade in diesen alttestamentlichen Bibelabschnitten finden wir die größten Schätze über das Werk des Herrn Jesus, die in dieser Ausführlichkeit im Neuen Testament kaum zusammenhängend entfaltet werden.

Somit hat die Bergpredigt ohne Frage eine große Bedeutung für uns Christen. Es werden dort herzerforschende Fragen an uns gerichtet, die die Praxis unseres Christenlebens bloßstellen und uns in das Licht Gottes stellen. Was dort an solche gerichtet ist, die einen Vater haben, „der in den Himmeln ist“, ist genauso eine Herausforderung für uns, die denselben Vater haben.

Was diese Herausforderung für uns bedeutet, kann man unter anderem in dem Artikel von F.B. Hole „Die Bedeutung der Bergpredigt“ nachlesen. Daher soll auf diesen Punkt hier nicht weiter eingegangen werden.

Um das Wort der Wahrheit aber recht teilen zu können (2Tim 2,15), ist es nicht ganz unwichtig, die Frage in der Überschrift zu beantworten. Hierzu hat es nämlich sehr viele unterschiedliche Ansichten mit entsprechend unterschiedlichen Konsequenzen gegeben.

These 1: Die Bergpredigt ist für das Tausendjährige Reich

Manche Ausleger sehen in der Bergpredigt das „Grundgesetz“ oder die „Verfassung“ des zukünftigen Reiches.

So schreibt Cyrus Ingerson Scofield:

In Kap. 5–7 offenbart der König die Grundsätze des Königreichs, in Kap. 8–9 gibt Er den Beweis Seiner Macht, von der Erde die Folgen der Sünde wegzunehmen.[1]

In dieser Predigt bestätigt unser Herr, dass das mosaische Gesetz des theokratischen Reiches im AT das herrschende Gesetz in Seinem kommenden Reich auf Erden (Mt 5,17) sein wird, und Er erklärt, dass die Haltung des Menschen diesem Gesetz gegenüber ihren Platz in dem Reich bestimmen wird (Mt 5,19).[2]

William MacDonald schreibt ähnlich:

Sie wurde an die Jünger gerichtet (Mt 5,1.2) und sollte eine Verfassung darstellen oder, mit anderen Worten, das Gesetzes- und Prinzipiensystem, das für die Untertanen des Königs während seiner Herrschaft gelten sollte.[3]

Und auch Arno Clemens Gaebelein ist dieser Meinung:

Wenn der Herr Jesus Christus wiederkommt, dann werden die Prophezeiungen des Alten Testaments wörtlich erfüllt werden, und das Reich selbst wird ein Reich der Gerechtigkeit sein, das nach den Grundsätzen der Bergpredigt regiert wird.[4]

Wenn wir jedoch einmal einige Aussagen der Bergpredigt mit der Wirklichkeit im Tausendjährigen Reich vergleichen, werden wir sehen, dass obige Aussagen nicht stimmen können:

  • Es wird im kommenden Reich keine Trauernden (Mt 5,4) mehr geben, denn der Trost hat angefangen (Jes 51,11; 61,2.3, 66,13).

  • Es wird kein „Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit“ mehr geben, keine „um der Gerechtigkeit willen Verfolgten“, kein „Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die Linke dar“, kein „Betet für die, die euch verfolgen“, denn die Gerechtigkeit herrscht (Ps 85,14; Jes 32,1).

  • Es wird nicht mehr um „Lohn … in den Himmeln“ (Mt 5,12) gehen, sondern um Lohn auf der Erde (Jes 62,11).

  • „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ wird nicht mehr nötig sein, da die Erde „voll sein wird von der Erkenntnis des Herrn“ (Jes 11,9).

  • Es wird keinen „Widersacher“ (Mt 5,25) mehr geben, mit dem man sich einigen muss, denn es ist ein Friedensreich.

  • „Führe uns nicht in Versuchung“: Die Stunde der Versuchung ist dann gerade vorbei und die Erde wird voll sein der Erkenntnis des Herrn – der Versucher selbst wird gebunden sein (vgl. Off 20,2.3).

  • „Errette uns von dem Bösen“: Der Böse wird im Abgrund eingeschlossen sein, und bezüglich des Bösen als dem, was in der Welt ist, gilt für Israel, dass das Gesetz in ihre Herzen geschrieben sein wird (Jer 31,33).

  • „Unser tägliches Brot gib uns heute“ wird nicht mehr passend sein, wenn jeder unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstock sitzt (Mich 4,4).

  • „Vergib uns unsere Schuld“ wird nicht mehr passend sein, nachdem der große Versöhnungstag geschehen ist, sie das Bewusstsein der Vergebung ihrer Schuld haben und das Gesetz in ihre Herzen geschrieben sein wird (Sach 12,10–13,2).

  • „Dein Reich komme“ wird völlig unpassend sein, wenn das Reich gekommen ist.

  • Nachdem das Gericht über die Nationen gekommen ist, werden diese nicht mehr in ihrer Beziehung zu Gott durch „Plappern“ (Mt 5,7) gekennzeichnet sein.

  • „Motte und Rost“ werden im Tausendjährigen Reich keine Problem mehr machen, denn die Schöpfung wird von der Knechtschaft des Verderbens freigemacht sein (vgl. Röm 8).

Das mag genügen, um zu zeigen, dass obige Auslegung unmöglich zutreffen kann.

These 2: Die Bergpredigt ist für den gläubigen Überrest in der Drangsal

Manche sind der Meinung, die Bergpredigt beziehe sich speziell auf den gläubigen Überrest nach der Entrückung der Gemeinde.

So schreibt W. MacDonald:

Schließlich wird sie eine Verhaltensanweisung für die Nachfolger Christi in der Trübsalszeit […] sein.[3]

Natürlich gilt es auch für den gläubigen Überrest, so wie für uns Christen, dass wir aus allem in der Schrift Nutzen ziehen können. Es soll hier nicht behandelt werden, wie viel auch diese Gläubigen einmal aus der Bergpredigt lernen können. Es geht vielmehr darum, ob es eine Verhaltensanweisung speziell für sie ist. So übersehen diese Ausleger, dass der zukünftige gottesfürchtige, jüdische Überrest nicht in den gleichen Umständen sein wird wie die Jünger, an die die Bergpredigt zunächst gerichtet war.

Als die Bergpredigt gegeben wurde, ging es darum, einen König aufzunehmen, der in Gnade und in Niedrigkeit gekommen war. Bei dem gläubigen Überrest in der Zukunft aber geht es stattdessen um die Aufnahme und Erwartung eines Königs, der in Herrlichkeit, Macht und Gericht kommt. Die Erscheinung in Niedrigkeit und Gnade, für die die Bergpredigt gegeben wurde, ist Vergangenheit. Die Situation der Zukunft ist völlig anders. Der völlig neue Charakter der Erwartung Christi wird auch die Haltung des Überrestes in der Zukunft ganz anders prägen.

Wenn wir von denen hören, die in jener Zeit um des Zeugnisses willen umgebracht worden sind, dann lesen wir: „Sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Bis wann, o Herrscher, der du heilig und wahrhaftig bist, richtest und rächst du nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“ Dann ist das kaum in Übereinstimmung zu bringen mit dem, was wir in Matthäus 5,44 finden oder auch in Matthäus 5,39. Die Rachepsalmen (z.B. Ps 58,7.11; 83; 109) werden dann vielmehr die Empfindungen und das Verhalten des Überrestes ausdrücken.

Auch wird der gottesfürchtige Überrest in der Zukunft nicht beten können: „Führe uns nicht in Versuchung“, denn sie werden sich mitten in der Stunde der Versuchung befinden.

Auch der Hinweis in Matthäus 5,25: „Einige dich schnell mit deinem Widersacher, während du mit ihm auf dem Weg bist; damit der Widersacher nicht dem Richter überliefert und der Richter dich dem Diener überliefert und du ins Gefängnis geworfen wirst“, wird dann keine Anwendung mehr haben, denn das, was in Vers 26 gesagt wird („Wahrlich, ich sage dir gewiss nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Cent bezahlt hast“), wird dann wahr geworden sein. Dieses Gefängnis hat schon mit dem Jahr 70 für die Juden begonnen, und der „letzte Cent“ wird erst dann bezahlt sein, wenn Christus für sein Volk wiederkommt und ihnen zurufen wird: „Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden“ (Jes 40,2). Für sie wird Gott dann auch kein Widersacher mehr sein. Diese Warnung galt für Israel damals, als das Reich dem gefallenen Menschen – repräsentiert durch die Juden –, mit dem Gott aufgrund seiner Sünden einen Rechtstreit hatte, angeboten wurde. Gott hatte die Annahme des Reiches zum Test verbunden mit der Annahme des sanftmütigen und demütigen Herrn Jesus.

These 3: Die Bergpredigt ist für Christen

Drittens meinen manche, die Bergpredigt beziehe sich auf die Christen.

So schreibt Martin Lloyd-Jones:

Alle Briefe gelten für Christen heute. Wenn ihre Lehre also die gleiche ist wie die der Bergpredigt, dann ist es klar, dass die Lehre der Bergpredigt für Christen heute gilt.[6]

Er übersieht hierbei Folgendes: Wenn sich moralische Grundsätze aus der Bergpredigt in den Briefen wiederfinden, so bedeutet dies überhaupt noch nicht, dass die Bergpredigt an Christen gerichtet ist; genauso wenig, wie die Tatsache, dass sich moralische Grundsätze des Gesetzes in den Briefen finden lassen, bedeutet, dass das Gesetz für Christen gilt. Wie oben schon gesagt: Alle Schrift bringt Nutzen für Christen, aber nicht alle Schrift handelt von Christen, auch wenn Christen aus allen Schriften lernen sollten.

Und selbstverständlich geben wir zu, dass die Grundsätze der Bergpredigt, die damals ihre Gültigkeit hatten, sich auch auf die Christen heute und auf den gottesfürchtigen Überrest in der Zukunft anwenden lassen. Ja, es ist sogar so, dass nie deutlicher werden wird, dass Jerusalem, die „Stadt des großen Königs“ (Mt 5,35) sein wird, als im Tausendjährigen Reich. Aber das bedeutet alles überhaupt nicht, dass die Bergpredigt an Gläubige solcher Zeiten gerichtet ist.

Keinesfalls können Gläubige, welcher Zeit auch immer, nach der Bergpredigt noch sagen, dass sie zum Beispiel den Anforderungen an die Reinheit der Ehe, an die Heiligkeit des Gebets, an das Vermeiden jeder Form von Heuchelei usw. nicht entsprechen bräuchten, weil ja die Anweisungen nicht direkt an sie gerichtet seien. Wenn sie schon für die Jünger damals galten, wie viel mehr für all solche, die noch zusätzliche Offenbarungen, höhere Segnungen und damit verbunden auch höhere Verantwortlichkeiten erhalten haben. Es geht aber in diesem Artikel darum, ob die Bergpredigt explizit von Christen spricht.

So ist ein wesentliches Kennzeichen für Christen, dass sie auf der Grundlage der Erlösung durch ein vollbrachtes Werk Christi leben. Aber es gibt in der ganzen Bergpredigt keinen Hinweis auf die Erlösung. Es gibt nicht einmal irgendwelche Hinweise auf die Beziehung, in der Menschen überhaupt mit Gott in Verbindung sein können. Die Bergpredigt war auch gar nicht dazu gedacht. Sie war vielmehr ein Teil der Prüfung des ersten Menschen in Bezug auf die Möglichkeit, ob er durch eigene Anstrengungen die Beziehung zu Gott wiederherstellen könnte.

Die Bergpredigt wurde vor dem Tod Christi gegeben, daher konnte Christus nicht seinen Tod und die Auferstehung als vollbrachte Grundlage der Erlösung predigen. Deswegen findet sich auch kein Evangelium in der Bergpredigt, auch nicht in Matthäus 7,13-27.[7] Auch Matthäus 5,19 zeigt deutlich, dass dieser Abschnitt nicht für Christen direkt geschrieben sein kann, denn ein Christ steht nun einmal nicht unter Gesetz, er ist dem Gesetz gestorben (Röm 6,14; 7,4; 1Kor 9,20; Gal 2,19; 5,18). Dieser Vers richtet sich aber direkt an solche, die unter Gesetz stehen und denen es deswegen nicht erlaubt ist, irgendeines der Gebote nicht zu tun. Im Gegenteil, sie werden auffordert, sie zu praktizieren und sie zu lehren.

Aber sind die Christen denn nicht das „Salz der Erde“ und das „Licht der Welt“[8]? Doch sicher, aber nicht zwingend deswegen, weil es hier in der Bergpredigt steht, sondern weil es ein Grundsatz Gottes ist, der für seine Heiligen, so sie unter Gesetzlosen leben, zu allen Zeiten, wenn auch in unterschiedlichem Maß, galt und gelten wird. In Bezug auf uns Christen sehen wir das deutlich in Philipper 2,15; 1. Thessalonicher 5,4-8; 1. Petrus 3,1.2.15.16; 4,4. Auch die Christen leben im Reich Gottes, wo diese Charakterzüge eine Folge der Tatsache sind, dass das Reich Gottes unter anderem aus Gerechtigkeit besteht, durch die alles Verderbliche (deshalb Salz) und alles Unheilige (deshalb Licht) verurteilt wird.

Das sogenannte Vaterunser

Ein weiterer Punkt, der zeigt, dass die Bergpredigt sich nicht auf Christen bezieht, ist das Gebet des Herrn, auch wenn in weiten Teilen der Christenheit gerade dieses Gebet ein besonderes Kennzeichen für solche, die sich Christen nennen, geworden ist. Das Gebet war sehr passend für den damaligen Zustand der Jünger. Denn die Jünger damals konnten weder auf einem vollbrachten Werk Christi ruhen noch kannten sie den Frieden durch das Blut seines Kreuzes. Das Gebet hat ganz deutlich den Charakter eines Gebetes vor dem Kreuz statt nach dem Kreuz. Das wird auch dann deutlich, wenn man sich einmal die Mühe macht und es mit Gebeten nach dem Kreuz, zum Beispiel in den Briefen des Paulus, vergleicht, die immer Kreuz, Auferstehung und Verherrlichung und die sich daraus ergebenden Folgen zur Grundlage haben.

Denken wir nur einmal an den Beginn diese Gebetes: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln“. Ist solch eine Sprache wirklich passend für diejenigen, die in die absolute Nähe Gottes, an sein Vaterherz gebracht sind, die durch den Geist „Abba, Vater“ sagen dürfen und damit dieselbe Nähe zum Vater haben, wie der Sohn Gottes selbst sie hatte? Unser Platz ist derselbe Platz, wie Christus ihn besitzt als der Geliebte des Vaters, denn wir sind „angenehm[9] gemacht in dem Geliebten“ (Eph 1,6). Was würden wir sagen, wenn jemand von einem seiner Verwandten, der im Zimmer bei ihm sitzt, reden würde als von jemand, der sich weit weg im Himmel befindet?

Das heißt nicht, dass das Gebet, das der Herr seinen Jüngern damals gegeben hat, in irgendeiner Weise unvollkommen gewesen wäre. Ein Gebet, das der Stellung und Erfahrung der Christen entsprochen hätte, die einer vollendeten Erlösung angemessen sind, würde für die Jünger damals nun gerade nicht das vollkommene Gebet gewesen sein. Sie hätten damit gar nichts anzufangen gewusst.

Wenden wir uns nun dem Gebet (Mt 6,9-13) im Einzelnen zu:

„Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name“

Der erste Teil des Gebetes besteht aus Wünschen, die dem Wunsch nach Gerechtigkeit – das heißt, dass jedem, und insbesondere Gott, das zukommt, was ihm gebührt – Ausdruck verleiht. Es ist gewissermaßen auch der Ausdruck der Atmosphäre, in der der Herr selbst hier auf der Erde in Bezug auf Gott lebte und seinen Weg ging. Was war der erste, letzte und beständige Gedanke, der den Herrn Jesus beschäftigte, während Er auf der Erde war und seinen Dienst ausübte? Ich denke, er wird ausgedrückt in dem Satz: „Wie der lebendige Vater mich gesandt hat und ich lebe des Vaters wegen“ (Joh 6,57). Es ging Ihm darum, den Namen seines Vaters zu verherrlichen. In Übereinstimmung damit kommt Er zunächst auf den Vater zu sprechen. Dahin gingen seine Gefühle immer zuerst. Natürlich kann Er nur so weit davon reden, wie die Jünger es zu diesem Zeitpunkt selber erfassen und erfahren konnten. Dennoch ist es sein erster und vorherrschender Gedanke für sie, der Verbindung zu diesem Vater Ausdruck zugeben. Daher beginnt dieses Gebet auch mit der Anrede des Vaters.

Die Jünger werden bei Matthäus in ihrer Verbindung mit dem irdischen Volk betrachtet. Als solche waren sie gewöhnt, auf die Erde zu blicken als den Schauplatz, auf dem ihr Volk die verheißene Erhöhung und Segnung zu erwarten hatte. Der Herr aber ist beschäftigt, ihre rein jüdischen Bande zu lösen, indem Er ihnen einen himmlischen Vater offenbart, mit dem sie es fernerhin zu tun haben würden. Er stellt Gott hier nicht vor als Gott den Allmächtigen wie bei Abraham noch als den Bundesgott Jahwe wie bei Mose noch als den „Herrn der ganzen Erde“ wie bei Josua noch als den „Gott des Himmels“ wie bei Daniel, aber eben auch nicht als den Vater in der Fülle des Segens, wie es zum Ausdruck kommt in der Botschaft, die Maria Magdalene empfängt: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Die Anrede „Vater“ in diesem Gebet geht nicht so weit. Sie geht zwar über die rein jüdische Stellung hinaus, erreicht aber nicht die Höhe der christlichen Stellung. Der Vater wird betrachtet als im Himmel befindlich, und diejenigen, die zu Ihm beten, sind auf der Erde weit entfernt von Ihm, in Schwachheit und Not und Gefahr und unendlich weit entfernt von der Segnung, die wir im Epheserbrief finden.

Welch eine Änderung hierzu führt der Herr in Johannes 16,23 ein, wenn Er anfängt, von „jenem Tag“ zu reden! Er stellt seine Jünger auf einen ganz neuen Boden. Nicht länger sollten sie bloß zu Ihm kommen und Ihn bitten, noch zu einem weit im Himmel entfernten Vater zu beten; nein, sie sollten den Vater bitten, und zwar in seinem Namen. Das bedeutet – so wie es an „jenem Tag“ sein würde –: Kraft der vollbrachten Erlösung, der Auferstehung, Verherrlichung und der durch den Heiligen Geist bewirkten Verbindung mit dem Herrn Jesus im Himmel würden die Jünger in dieselbe Stellung versetzt sein, in der Er selbst sich befand. Im Namen Jesu – das heißt in der ganzen Würde seiner Person – den Vater zu bitten, würde bedeuten, in dem Bewusstsein zu beten, dass alle meine Sünden hinweggetan sind, dass ich in Ihm Gott so nahe gebracht bin, wie es näher nicht geht, und in dem vollen Genuss seiner Gunst stehe. Doch das finden wir in der Bergpredigt alles nicht.

„Dein Reich komme“

Bei dieser Bitte geht es nicht um das Reich des Sohnes Davids als solches, sondern die Bitte steht wie die Bitten in Matthäus 5,12 und 6,20 mit dem Himmel in Verbindung. Das Reich kommt von dem Himmel aus. Es ist das Reich des Vaters, nicht das Reich des Sohnes des Menschen, nach dem ausgeschaut wird. Das Reich des Vaters ist, wie uns Matthäus 13 belehrt, der himmlische Teil, wo allein die Gerechten leuchten wie die Sonne. Der irdische Teil, wo es auch noch Böses geben wird, das gerichtet werden muss, wird das Reich des Sohnes des Menschen genannt. Aber obwohl der Vater im Himmel angesprochen wird, beziehen sich die Bitten alle auf die Erde. Aber es wird für die Erde nach dem Einfluss des Himmels gesucht. Das, was im Himmel gilt (Gerechtigkeit, Friede, Freude), soll auf der Erde auch Wirklichkeit werden. Dennoch gibt es keine himmlische Hoffnung. Der Himmel soll seinen Einfluss auf die Erde ausüben und ihr seinen Charakter geben. Erst recht geht es nicht darum, dass ein Mensch in den Himmel gebracht wird.

Zwar freuen sich auch die Christen darauf, dass Christus einmal hier auf der Erde, wo Er gekreuzigt wurde, sein Reich haben und alles Ihm unterworfen sein wird, aber die erste Erwartung der Christen ist nicht das Reich, sondern der Himmel, das Vaterhaus. Deswegen rufen sie: „Komm, Herr Jesus!“ (Off 22,20). Leider gerät diese Erwartung des Kommens des Herrn Jesus zur Heimholung seiner Gemeinde vor den Gerichten mittlerweile auch in den Kreisen, in denen sie einst sehr hoch geschätzt wurde, immer weiter in den Hintergrund. Das wird leider durch manche neue Lieder gefördert, die in diesen Kreisen eingeführt werden und in denen der Unterschied zwischen den zwei Phasen des Wiederkommens des Herrn nicht mehr gekannt wird.[10]

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde“

Auch diese Bitte bezieht sich in erster Linie auf Menschen wie die Jünger damals, die das Reich Gottes auf der Erde erwarten. Diese Bitte wird im Tausendjährigen Reich, wenn das Reich des Vaters gekommen sein wird, erfüllt werden, wenn die ganze Erde voll sein wird von der Erkenntnis des Herrn und sein Wille auf der Erde so geschehen wird wie auch im Himmel. Dann wird erfüllt werden, was Hesekiel geweissagt hat: „Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut“ (Hes 36,27).

Für einen Israeliten war es stets ein richtiger Wunsch, dass der Wille Gottes auf Erden geschehe wie im Himmel. Denn er hatte Verheißungen eines Reiches in Frieden und Gerechtigkeit für diese Erde. Aber ein Christ – und insbesondere ein Christ aus den Heiden – hat solche Verheißungen nicht. Seine Verheißungen liegen alle im Himmel.

„Unser nötiges Brot gib uns heute“

Der zweite Teil des Gebetes besteht aus vier Bitten, die passend sind für solche, die auf der einen Seite in jeder Beziehung bedürftig sind, die aber auf der anderen Seite sich auch bewusst sind, dass Gott in Gnade auf sie herabschaut.

Die Bitte um das tägliche Brot – in unseren westlichen Ländern ist es heute allerdings eher der Dank – ist zwar auch für uns Christen angebracht und wird auch noch eine besondere Bedeutung für den gläubigen Überrest in der Zukunft bekommen, wenn niemand kaufen oder verkaufen kann als nur, wenn er das Malzeichen des Tieres hat (Off 13,16.17). Aber sie galt insbesondere den Jüngern damals, die ausgesandt wurden „ ohne Geldbeutel und Tasche und Sandalen“ (Lk 22,35). Die Jünger wurden hiermit zu Bescheidenheit (nur Brot), zur beständigen Abhängigkeit (nur das Nötige für heute) und zum Vertrauen (gib uns) geleitet.

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben“

Israel als Volk stand unter Gesetz. Es war verantwortlich, nach dem Gesetz zu wandeln. Der Charakter des Gesetzes ist aber nicht Vergebung, nicht Gnade und Barmherzigkeit. Das Gesetz forderte vielmehr ein gerechtes Gericht über den Schuldigen. Aber jetzt sollte in den Jüngern ein anderer Grundsatz zur Geltung kommen. Es sollte nicht mehr um eine irdische vergeltende Gerechtigkeit gehen. Himmlische Gnade sollte erfahren und auch selber weitergegeben werden, eine Gnade, die Macht hat, einem Sünder seine Schuld zu vergeben. Es gab jetzt für die gläubigen Juden etwas noch Größeres als das Gesetz. Sie hatten es mit einem Vater im Himmel zu tun und sollten dessen Charakter hier auf der Erde widerspiegeln.

Die Bitte um Vergebung war passend für die Jünger des Herrn damals. Denn sie waren zwar wiedergeborene Menschen, aber sie kannten die volle Vergebung der Sünden noch nicht. Der Herr hatte sie zwar für rein erklärt (Joh 13,10), aber was das beinhaltete, wussten sie nicht. Christen wissen, dass sie einmal, das heißt ein für alle Mal, gereinigt sind, und sie haben kein Gewissen von Sünden mehr (Heb 10,2). Für Christen heißt es auch nicht, dass sie um Vergebung bitten sollen, sondern dass sie ihre Sünden bekennen sollen (1Joh 1,9). Die Bitte der Jünger um Vergebung wird kurz vor dem Tausendjährigen Reich erfüllt werden, wenn der Herr nach Jesaja 40,2 sagen wird: „Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden.“ Dann werden auch die Israeliten bereit sein, selber in Gnade zu handeln nicht: nicht nur ihren Brüdern, sondern auch den Nationen gegenüber, was sie bis heute nicht können (Röm 10, 19; 11,31).

„Und führe uns nicht in Versuchung“

Wie wichtig war diese Bitte für die Jünger damals! Eine Versuchung in diesem Sinne war es, als Petrus auf die Probe gestellt wurde, ob er trotz Todesgefahr, trotz Schande und Schmach seinen Herrn und Meister verleugnen würde oder nicht. Es war daher ganz richtig, wenn die Jünger im Bewusstsein ihrer Kraftlosigkeit und ihrer Neigung, zu fallen, den Vater baten, sie nicht in solche Umstände mit solchen Versuchungen zu führen. Für Christen gilt dagegen: „Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Prüfungen fallt, da ihr wisst, dass die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt“ (Jak 1,2.3). Der Christ hat den Heiligen Geist als Kraft des neuen Lebens in sich wohnen, durch den er alle Mittel hat, um in den Prüfungen zu bestehen.

„Sondern errette uns von dem Bösen“

Das war für die Jünger von größter Wichtigkeit. Denn da sie noch unter Gesetz standen, das keine Kraft gab, weder das Böse noch den Bösen zu überwinden, bedurften sie besonders dieser Gnade. Für die Christen dagegen gilt: „Ich habe euch … geschrieben, weil ihr stark seid und … den Bösen überwunden habt“ (1Joh 2,14). Und: „Der Geist aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt. Wenn ihr aber durch den Geist geleitet werdet, so seid ihr nicht unter Gesetz“ (Gal 5,17.18).

These 4: Die Bergpredigt ist eine Auslegung des Gesetzes

Viertens meinen manche, bei der Bergpredigt handle es sich um eine Auslegung des Gesetzes. Zum Beispiel schreibt John MacArthur:

Diese Predigt ist eine meisterhafte Auslegung des Gesetzes und ein vollmächtiger Angriff auf die Gesetzlichkeit der Pharisäer. Sie schließt mit einem Aufruf zu wahrem Glauben und Heil (Mt 7,13-29). Christus erklärt die volle Bedeutung des Gesetzes und zeigt, dass die Forderungen des Gesetzes menschlich gesehen unmöglich erfüllt werden können (vgl. 5,48). Die richtige Anwendung des Gesetzes hinsichtlich der Errettung ist folgende: Es schließt jeden möglichen Weg menschlicher Verdienste aus und zeigt dem Sünder, dass er zur Errettung allein von der Gnade Gottes abhängig ist (vgl. Röm 3,19.20; Gal 3,23.24). Christus ergründete die Tiefen des Gesetzes und zeigte, dass dessen wahre Forderungen weit über die augenscheinliche Bedeutung der Worte hinausgehen (Mt 5,28.39.44). Er stellt einen höheren Maßstab auf, als die fleißigsten Schüler des Gesetzes bisher erkannt hatten (Mt 5,20).[11]

Bei der Bergpredigt geht es überhaupt nicht darum, das moralische Gesetz auszuarbeiten. Es wird auch eigentlich nur auf zwei Gebote Bezug genommen: auf Ehebruch (Mt 5,27) und Mord (Mt 5,21). Diese beiden Gebote beschreiben in dem, was sie verbieten, die beiden bleibenden Charakteristika der Sünde. Wir finden dies auch schon vor der Flut, nämlich Verderben (Lust) und Gewalttat (Mord) (1Mo 6,11). Es gibt keine weiteren Hinweise auf die Gebote, auch nicht auf den Sabbat oder ein anderes Gebot. Es hätte nicht gepasst, von dem Gesetz zu sagen: Es wurde euch damals gesagt, so und so zu tun, aber ich sage euch, dass ihr etwas anderes tun sollt (wie zum Beispiel in Matthäus 5,38.39).

Auf die Aussagen des Herrn zur Erfüllung des Gesetzes in dieser Predigt werden wir weiter unten noch eingehen.

Für wen gilt/galt denn die Bergpredigt dann?

Nachdem nun alle diese Auslegungsvarianten sich als falsch herausgestellt haben, stellt sich natürlich die Frage: Für wen gilt die Bergpredigt denn dann eigentlich?

Auch hier wollen wir zunächst einmal mit einen Zitat beginnen. John Nelson Darby schreibt:

Auch wenn es um den Überrest als solchen geht, denke ich doch, dass die Bergpredigt und Matthäus 10 so verstanden werden müssen, dass sie sich auf das Reich beziehen, wie es damals vorgestellt wurde. Die Jünger müssen so gesehen werden, wie sie damals berufen wurden. Diese Periode endete praktisch mit der Zerstörung Jerusalems. Sie mag in einer modifizierten Weise am Ende wieder aufgenommen werden, und das wird zweifellos so sein, aber sie könnten dann kaum beten: „Führe uns nicht in Versuchung“, denn sie werden darin sein und sie sind dem Richter überliefert. Jahwe wird kaum so mit dem Überrest später verfahren, wie er es mit ihm zur Zeit der Bergpredigt tat. Zweifellos wird es grundsätzlich auf sie anwendbar sein (so wie das auch für uns gilt), aber die direkte Anwendung ist auf den Überrest damals. Nur wurde die ganze Sache ausgesetzt, weil der Sohn des Menschen damals nicht kam und die Kirche zwischengeschoben wurde.[12]

Eins ist jedenfalls deutlich aus den ersten Versen der Bergpredigt zu ersehen: Sie richtet sich zunächst einmal an die jüdischen Jünger des Herrn, denn es heißt: „Und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie“, usw. Die Bergpredigt hatte den gottesfürchtigen Überrest der Juden im Blick zur der Zeit, als Johannes und der Herr predigten, dass das Reich nahe gekommen sei – das Reich, so wie es durch die Propheten des Alten Testaments verheißen war. Die Jünger stellen uns die Klasse von Personen vor, die (mit Ausnahme von Judas) den Herrn Jesus in Wahrheit als den von Gott gesandten Messias angenommen hatten. Die Jünger standen auf demselben Boden wie die Gläubigen des Alten Testaments. Gott blickte auf das kommende Versöhnungswerk und trug diese Gläubigen mit Nachsicht (Röm 3,25.26). Sie waren in seinen Gedanken errettet, weil Er sie in dem Wert dieses Werkes sah. Die Jünger aber besaßen noch mehr als die Gläubigen des Alten Testaments: Sie besaßen den Sohn Gottes selbst in ihrer Mitte, ein großes Vorrecht (Mt 13,17). Sie waren die ersten Gläubigen, denen das Reich der Himmel als nahe angekündigt worden war. Sie konnten daher die baldige Aufrichtung dieses Reiches auf der Erde erwarten. Außerdem standen sie, wie wir gesehen haben, mit Gott als ihrem Vater in Verbindung.

Aber wenn auch die Bergpredigt direkt an die Jünger gerichtet ist, so wurde die Bergpredigt doch nicht im Verborgenen gegeben, sondern in der Anwesenheit aller, damit alle Bescheid wüssten über den wahren Charakter des Reiches beziehungsweise über den Charakter solcher, die in das Reich eingehen konnten. Es geht dem Herrn darum, ihnen zu zeigen, welch eine Gesinnung diejenigen kennzeichnen sollte, die Er einführen wollte in das Reich der Himmel, das aufzurichten Er im Begriff stand. Diese Gesinnung war den bisherigen Gedanken, Gefühlen und Wegen entgegen. Sie war völlig neu für die Jünger.

Alle irdischen Verheißungen, die im Alten Testament gegeben wurden, wurden zunächst dem Menschen in seinem gefallenen Zustand nach dem Sündenfall Adams vorgestellt. Es ging darum, zu zeigen, dass der Mensch die Verheißungen aufgrund seines gefallen Zustandes nicht erlangen konnte. Dadurch wurde bewiesen: Wenn Gott nicht in souveräner Gnade in Christus gewirkt hätte, könnten die Verheißungen nie gültig werden. Gott wartet aber erst einmal ab. Zuerst prüft Er, ob der Mensch im Fleisch als solcher durch seine eigenen Anstrengungen von seinem Fall wiederherstellbar ist. Erst nachdem alle Prüfungen abgeschlossen sind und der endgültige Beweis erbracht ist, dass der Mensch nicht wiederhergestellt werden kann, beginnt Gott, von dem Weg der Gnade zu reden. Die letzte dieser Prüfungen des ersten Menschen war zweigeteilt: Es war die Prüfung unter der Gegenwart Christi in Gnade und als König. Weitere Tests gab es nicht mehr. Das Kreuz kennzeichnete das Ende dieser Prüfung.

Mit der Präsentation Christi als König hatte Gott die Verheißung des Reiches verknüpft. Und wie schon gesagt, wie es bei jeder Verheißung war, so war es auch hier: Die Verheißung wurde zunächst mit einer Prüfung des gefallenen Menschen verbunden. Und diese Prüfung bewies nur, wie alle anderen auch, dass der Mensch völlig verderbt und unfähig war. Doch diese Verheißung des Reiches wird – auch hier wieder wie alle anderen auch – einmal für Israel in Erfüllung gehen. Aber Gott wird das Reich dann einführen in souveräner Macht und Gnade und nicht weil der erste Mensch es angenommen hat in der Person Christi, der zwar als König gekommen war, aber unerwarteterweise in Erniedrigung und Gnade. Das aber war genau das Problem für die Juden: dass Er nicht so kam als König, wie sie Ihn erwartet hatten – nicht in Macht und Herrlichkeit, sondern sanftmütig und demütig (Mt 11,29). Und wie solche aussehen sollten, die zu diesem sanftmütigen und demütigen Herrn Jesus passten, das wird uns in der Bergpredigt deutlich gemacht.

Aber der demütige und sanftmütige Jesus gefiel dem Menschen im Fleisch nicht. Nur ein kleiner Überrest, in dem Gott in souveräner Gnade gewirkt hatte, nahm Ihn an, doch die Masse verwarf Ihn. Das finden wir in Matthäus 12 deutlich, wo die Kraft des Geistes, die durch Christus offenbart wurde, dem Beelzebub zugeschrieben wird. Zwar wurde Christus erst am Kreuz öffentlich sichtbar verworfen, aber die moralische Verwerfung fand hier schon statt. So wurde seine Person der letzte moralische Test ihres gefallen Zustandes. Das Prüfungsergebnis war seine Kreuzigung.

Wenn Christus zum zweiten Mal erscheinen wird, dann wird Er Israel nicht wie zum ersten Mal in Demut und Sanftmut vorgestellt werden, weil es dann nicht mehr um irgendeine Prüfung der Verantwortlichkeit des Menschen geht. Dann wird Er in Macht und Herrlichkeit erscheinen. Diese Erscheinung wird aber nur aufgrund von Gnade noch zustande kommen und das Reich einführen. Das bedeutet andererseits aber auch, dass der zukünftige jüdische Überrest eine ganz andere Erwartung haben wird, als die Jünger damals sie haben sollten. Es gibt wohl kaum einen größeren Unterschied als zwischen Demut, Sanftmut und Erniedrigung auf der einen und Macht, Gericht und Herrlichkeit auf der anderen Seite.

Nachdem Gott den Test des gefallenen ersten Menschen abgeschlossen hat, gebietet Er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen (Apg 17,30).

Die Worte Christi, die uns in Matthäus 5–7 als Bergpredigt gegeben sind, wurden nicht zu einem einzigen Zeitpunkt gesprochen. Das wird so auch in Matthäus nicht behauptet. Sie sind vielmehr durch den Heiligen Geistes bei der Abfassung des Evangelium so zusammengestellt worden. Im Gegensatz zum Lukasevangelium sind hier die Situationen, die zu den einzelnen Äußerungen geführt haben, bewusst ausgelassen worden. Es geht nämlich hier im Matthäusevangelium, wo uns der Herr als König dargestellt wird, um Folgendes: Es soll den Charakter derer vollkommen und im Zusammenhang darstellen, die in das Reich, das als nahe gekommen gepredigt wurde, eingehen können. Im Lukasevangelium haben die einzelnen Abschnitte eine andere Funktion.

Die Bergpredigt ist die Erfüllung von Jesaja 53, wo es heißt: „Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen“ (Jes 53,11).

Zwei Bergpredigten

Eigentlich gibt es zwei Bergpredigten. Die erste wird uns in Matthäus 5–7 mitgeteilt und die zweite in Matthäus 24–25. Die erste Bergpredigt steht in Verbindung mit dem nahe gekommenen Reich der Himmel durch das erste Kommen des Herrn; die zweite Bergpredigt steht mit dem wieder nahe gekommenen Reich beim zweiten Kommen des Herrn in Verbindung. In diese zweite Bergpredigt sind drei Gleichnisse vom Reich der Himmel eingeschoben, die das Reich der Himmel in seinem jetzigen Zustand, dem geheimnisvollen Zustand, behandeln. Die erste Bergpredigt hat zu tun mit der Einführung des Reiches in Sanftmut, Demut und Erniedrigung; die zweite Bergpredigt hat zu tun mit der Einführung des Reiches in Macht und Gericht.

Gekommen, um das Gesetz zu erfüllen

Zum Schluss soll es noch um einen Vers gehen, der vielen Gläubigen Mühe gemacht hat in Bezug auf das Verständnis unserer Beziehung zum Gesetz; er hat leider auch zu manchen falschen Lehren geführt. Es geht um den Vers: „Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Mt 5,17). Wenn wir diesen Satz verstehen wollen, dann müssen wir zweierlei unbedingt berücksichtigen:

  1. Was Christus dort sagt, bezieht sich genauso auf die Propheten wie auf das Gesetz. Das wird von Auslegern oft übersehen. Es wird dann schnell deutlich, dass es nicht bedeuten kann, dass Christus das Gesetz erfüllt hat in dem Sinn, dass Er dem Gesetz gehorchte. Dass Christus dem Gesetz gehorchte, ist ohne Zweifel klar. Aber das ist hier nicht die Bedeutung von „erfüllen“. Denn dann hätte Er genauso den Propheten gehorcht haben müssen, was doch wohl für die meisten Christen undenkbar ist.

  2. Hier werden die Jünger angesprochen als solche, die noch unter Gesetz sind. Der Herr spricht weder vom Kreuz noch von der Erlösung durch sein Blut noch von der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes für den Glauben von dem Werk seiner souveränen Liebe noch davon, dem Gesetz gestorben zu sein. Alles das gab es für Jünger unter dem Gesetz nicht.

Es geht übrigens hier auch nicht allein um die Zehn Gebote. Es geht hier um das ganze Gesetz, genau wie es ohne Unterschied um die Propheten geht. Es geht um das Gesetz einschließlich auch der Anweisungen für die Opfer (3Mo 1–5) oder für die Feste (3Mo 23). Christus hat diese Dinge alle erfüllt beziehungsweise wird sie noch erfüllen. Auch die Prophezeiungen sind noch nicht alle erfüllt, aber sie werden noch alle erfüllt werden.

Mit Erfüllung ist aber auch nicht gemeint, dass unser Herr die Zehn Gebote oder die Prophezeiungen vergeistlicht hätte. „Erfüllen“ bedeutet, einer Sache die Fülle geben. Es bedeutet weder, ein Gebot auf dem Weg des Gehorsams zu erfüllen, noch zu erfüllen, indem man der Sache etwas hinzufügt, noch, dass man etwas von einer realen auf eine geistliche Ebene verschiebt, sondern vielmehr, dass das, was vorher angedeutet wurde, seine ganze Fülle erreicht. Es geht darum, dass Christus alles das, was das Gesetz und die Propheten schon angezeigt hatten, im Vollmaß der Gedanken Gottes offenbart hat und noch offenbaren wird. Es geht darum, dass alles das, was Gott in den Zeiten vorher von sich offenbart hatte, nicht beiseitegesetzt würde, sondern durch Christus erst seine volle Bedeutung bekommen würde. Alles das, was noch neu eingeführt werden sollte durch das Reich in der verborgenen Gestalt und auch durch das Geheimnis in Bezug auf Christus und die Versammlung – dies wird im Epheserbrief entfaltet –, hat nicht die Autorität dessen geschmälert, was Gott im Alten Testament vorgesehen hatte. Alles, was Gott sich gewünscht hat in den Gesetzen und in den Propheten, was Er haben wollte, das hat Christus erfüllt beziehungsweise wird Er noch erfüllen. Indem Christus das wahre Opfer geworden ist, hat Er gezeigt, was Gott – um bei den Beispielen von eben zu bleiben – mit den Gesetzen über die verschiedenen Opfer im Sinn hatte. Er hat gezeigt, was Gott mit den ersten vier Festen von 3. Mose 23 gemeint hat, indem durch sein Sterben, seine Auferstehung und die Sendung des Geistes diese Feste in Erfüllung gingen. Und wir können sicher sein, dass Er auch die letzten drei Feste dieses Kapitels in der Zukunft noch in Erfüllung bringen wird. Zwar hat Christus in seinem Leben und Sterben, seiner Auferweckung und seiner Himmelfahrt etliches bezüglich des Gesetzes und der Propheten erfüllt.

Aber es bleibt noch ein Teil übrig, der erfüllt werden muss, und diesen Teil erfüllt Er nicht, wie Bundestheologen glauben, in der Gemeinde, sondern Er wird ihn erst nach der Entrückung der Gemeinde in Verbindung mit dem zukünftigen jüdischen Überrest und mit seiner Erscheinung und dem kommenden Tausendjährigen Reich erfüllen. Sicherlich hat natürlich sein erstes Kommen die große Grundlage für das gelegt, was noch zu erfüllen ist. Christus hat bei seinem ersten Kommen das Gesetz und die Propheten zu einem Teil schon erfüllt, und zwar wörtlich, buchstäblich. Deshalb ist unseres Erachtens auch nur eine wörtliche Erfüllung der noch offenen Prophezeiungen zu erwarten.

Ein anderer Punkt macht auch deutlich, wie wir die „Erfüllung“ zu verstehen haben. Das Gesetz und die Propheten hatten von der Gerechtigkeit Gottes Zeugnis gegeben (Röm 3,21). Aber dieser Vers sagt auch deutlich, dass die Gerechtigkeit nicht durch das Gesetz gekommen ist. Dafür war Christus nötig. Er hat das erfüllt, was das Gesetz und die Propheten angedeutet hatten. Es war nicht so, dass das Gesetz und die Propheten nicht in sich selbst komplett und vollkommen gewesen wären, um das Ziel zu definieren, das Gott sich mit ihnen vorgesetzt hatte. Es geht vielmehr darum, dass Christus notwendig war, um das gesegnete Ergebnis, das Ziel, das Gott sich vorgesetzt hat, auch zu erreichen. Aber wir finden hier in der Bergpredigt einen großen Trost: Alles wird erreicht werden. Das lesen wir ganz deutlich in Matthäus 5,18: „… bis alles geschehen ist.“ Es bleibt aber auch bestehen: „Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen.“

Der Gedanke, in Kolosser 2,13.14 werde das Gesetz ans Kreuz genagelt[13], ist völlig falsch. Das Gesetz ist niemals abgeschafft worden. Die Handschrift in Satzungen in Kolosser 2 ist eine bildliche Ausdrucksweise für das Todesurteil, das durch das Gesetz gegen den Sünder geschrieben wurde. Ihre Handschrift besagte: Wenn du das, was im Gesetz steht, nicht tust, dann wirst du sterben, genauso wie einst eine andere Handschrift Belsazar sein Todesurteil ankündigte (Dan 5,26). Diesen Urteilssatz, dieses Todesurteil nahm Christus auf sich, und so sind wir mit Ihm gestorben, aber auch mit Ihm lebendig gemacht worden. Und als wir mit Ihm gestorben sind, sind wir auch dem Gesetz gestorben (Röm 7,4). Das gilt für jedes Gesetz: für das von Mose oder auch für eins, das wir uns selbst auf erlegt haben, oder auch für ein „Gesetz der Bergpredigt“[14]. Der Christ ist all diesen Gesetzen gestorben.

Aber beachten wir es wohl: Wir sind gestorben, nicht das Gesetz. Das Gesetz wird so lange gültig bleiben, bis Himmel und Erde vergehen. Und auch in der heutigen Zeit hat das noch eine Bedeutung, wenn auch nicht für die dem Gesetz weggestorbenen Christen, so doch für die Ungläubigen (1Tim 1,8-11). Und in der Zukunft wird das Gesetz sogar noch in das Herz der Israeliten geschrieben werden (Jer 31,33).

Es ist schon schwer verständlich, dass einige aus dem Satz: „Ich bin gekommen, das Gesetz und die Propheten zu erfüllen“, schließen, dass wir Christen heute das Gesetz erfüllen sollen im Sinne von „gehorchen“. Denn wenn Christus das Gesetz erfüllt hat – gleichgültig, wie wir das Wort „erfüllen“ auffassen –, dann sollten wir davon ausgehen können, dass für uns nichts mehr zu erfüllen übriggeblieben ist, denn dann wäre Christi Dienst nicht vollkommen. Dazu müssen wir noch bedenken: Wenn diese Stelle mich als Christen auffordern sollte, das Gesetz zu erfüllen, dann wäre ich auch gezwungen, die Propheten zu erfüllen.

Vielleicht sagt jetzt jemand: Aber was ist mit Römer 8,4? Da steht doch, dass wir das Gesetz erfüllen! Nun, erstens müssen wir genau lesen. Dort steht nicht, dass durch uns das Gesetz erfüllt wird, sondern dass „die Rechtsforderung des Gesetzes“ erfüllt wird. Das sind zwei verschiedene Dinge. Und wenn diese Rechtsforderung des Gesetzes in uns erfüllt wird, dann nicht deswegen, weil wir unter Gesetz stehen, sondern weil wir nach dem Geist wandeln. Sie wird dadurch gewissermaßen „nebenbei“ in uns erfüllt.

Schlussgedanken

Für den Christen ist nicht mehr das Gesetz, sondern die Gnade des Lebens Richtschnur (Tit 2,11-15). Das heißt natürlich nicht, dass der Christ nicht Nutzen aus dem Gesetz ziehen kann. Das kann er aus aller Schrift. Alle Schrift ist gegeben zu unserer Unterweisung. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir uns auch in derselben geistlichen Stellung befinden wie die Gläubigen, an die sich eine Schriftstelle zunächst wendet. Das wird einen Christen, der seinen Herrn liebt, einerseits niemals zu einer Leichtfertigkeit in seinem Glaubensleben führen, etwa nach dem Motto: Das Gesetz ist für die Juden gegeben und die Ungläubigen können daran gemessen werden; die Bergpredigt war an die Jünger damals gerichtet, also habe ich mit all diesem nichts zu tun. Nehmen wir einmal Matthäus 5,32 heraus („Ich aber sage euch: Jeder, der seine Frau entlässt, außer aufgrund von Hurerei, bewirkt, dass sie Ehebruch begeht“): Der Christ, der nun – bewegt durch die Liebe dessen, der sich selbst für uns hingegeben hat – bestrebt ist, seine Frau zu lieben, wie Christus die Versammlung liebt, erfüllt quasi „nebenbei“ auch Matthäus 5,32.

Auf der anderen Seite wird er aber auch davor bewahrt, das Gesetz oder die Bergpredigt als gewissermaßen neutestamentliches Gesetz anzunehmen und damit in den Zustand von Römer 7 zu verfallen, wo er feststellen muss, dass es nur Versagen geben kann und dass gerade Aufrichtigkeit ihn nur immer mehr zur Verzweiflung führt.

Ein Christ, der seinen Herrn liebt, wird sich aber freuen, in der Bergpredigt (wie im Gesetz) lesen zu können, wie sein Herr Verhaltensweisen beurteilt, die durch Situationen im täglichen Leben schnell entstehen können, und daraus seine Konsequenzen ziehen.

 

Anmerkungen

[1] Scofield-Bibel, R.Brockhaus Verlag Wuppertal, 4. Auflage 1997, Neues Testament, Fußnote 39 zu Matthäus 8,2; S. 20.

[2] Ebd., Fußnote 27 zu Matthäus 5,3; S. 13.

[3] W. MacDonald, Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 1, CLV, S. 37.

[4] A.C. Gaeblein, Kommentar zum Neuen Testament, CLV, S. 24.

[5] W. MacDonald, Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 1, CLV, S. 37.

[6] M. Lloyd-Jones, Studies on the Sermon on the Mount, S. 15.

[7] Im Gegensatz zu John MacArthur, der von der Bergpredigt schreibt: „Sie schließt mit einem Aufruf zu wahrem Glauben und Heil (Mt 7,13-29)“ (The Macarthur Study Bible, Nashville: Word Publishing (1997) S. 1399). Glauben und Heil muss man aber hier hineinlesen.

[8] Der Gedanke, die Christen könnten nicht das Licht der Welt sein, da Christus selbst diesen Titel für sich beansprucht (Joh 8,12), ist haltlos. Wie wir in Johannes 9,5 sehen, beschränkt der Herr selbst diesen Titel auf die Zeit seines Verweilens hier auf der Erde. Man könnte also viel eher behaupten, die Jünger damals hätten nicht das Licht der Welt sein können. Doch dass gerade sie es jedenfalls waren, wird wohl niemand abstreiten.

[9] Das ist die Übersetzung aus der Fußnote der Elberfelder Übersetzung.

[10] So in dem Lied „Wenn er kommt“ (Lied 108 in Loben), worin es heißt: „Wenn er kommt, wird sein Reich sichtbar sein …, wenn du kommst, schließt unser Warten …, dann sehen wir dich.“ Auch das Lied „Die Gott lieben werden sein wie die Sonne“ (Lied 547 in Glaubenslieder) übersieht, dass Christen nicht die Sonne, sondern den Morgenstern vorher erwarten.

[12] Notes and Comments, Bd. 5, S. 74.

[13] So wie W. MacDonald schreibt:

„In gewissem Sinne standen die Zehn Gebote gegen uns, indem sie uns verurteilten, weil wir sie nicht vollkommen gehalten haben. Doch der Apostel Paulus denkt nicht nur an die Zehn Gebote, sondern auch an das Zeremonialgesetz, das Israel gegeben war. Im Zeremonialgesetz gab es alle möglichen Anordnungen über heilige Tage, Essen und andere religiöse Rituale. […] Sie wiesen auf das Kommen des Herrn Jesus hin. […] Mit seinem Tode am Kreuz hat er sie ‚fortgeschafft‘, indem er sie ‚ans Kreuz nagelte‘ und sie so gelöscht hat, wie ein Schuldschein gelöscht wird, wenn die Schuld abgegolten ist.“ (Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 2, CLV, S. 334)

[14] Oder man mag sie auch Goldene Regel oder sonstwie nennen.

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