Bestehen auf Rechten
Darf ich als Christ auf meinen Rechten bestehen?

Christian Briem

© CSV, online seit: 21.04.2005, aktualisiert: 12.09.2018

Darf ich als Christ auf meinen Rechten bestehen?

Ich denke, dass Ihre Frage zwei Bereiche oder Personenkreise berührt:

  1. den Bereich göttlicher Gemeinschaft und damit die Kinder Gottes; und
  2. den Bereich der Welt und damit die ungläubigen Menschen.

Wenn es um das Bestehen auf Rechten inmitten der Kinder Gottes geht, so scheint mir solch eine Haltung grundsätzlich im Widerspruch zu dem Geist zu stehen, der unter der Familie Gottes herrschen soll. Folgende Schriftstellen reden in dieser Beziehung eine klare Sprache:

  • 1Kor 6,7: Es ist nun schon überhaupt ein Fehler an euch, dass ihr Rechtshändel miteinander habt. Warum lasst ihr euch nicht lieber unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?

  • 1Thes 4,6: … dass er seinen Bruder nicht übersehe noch hintergehe in der Sache, weil der Herr Rächer ist über dies alles, wie wir euch auch zuvor gesagt und ernstlich bezeugt haben.

  • 1Pet 3,8.9: Endlich aber seid alle gleichgesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig, und vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen ererbet.

Es ist der Geist des Liebens, nicht des Rechthabens, der uns Kinder Gottes auszeichnen sollte. Der Herr Jesus hat uns ein neues Gebot gegeben und gesagt:

  • Joh 13,34.35: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet, auf dass, gleichwie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

Auch der Apostel Johannes besteht in seinen Briefen beharrlich auf der Bruderliebe; sie ist geradezu ein Kennzeichen des ewigen Lebens, das wir durch den Glauben besitzen (vgl. 1Joh 2,10; 3,14.16.18.23; 4,7.8.11.12.21; 5,1; 2Joh 5). Der Maßstab unserer Liebe zu den Brüdern ist „gleichwie ich euch geliebt habe“, und das bedeutet nichts Geringeres, als dass „auch wir schuldig sind, für die Brüder das Leben darzulegen“. An der Bruderliebe werden wir als Jünger unseres Herrn erkannt werden können.

Als der Herr Jesus auf dieser Erde war, fand Er keinen Ort, wo Er Sein Haupt hätte hinlegen können, obwohl Er der Schöpfer des Universums ist. Für Ihn war kein Raum in der Herberge. Als Er zu den Seinen kam, nahmen sie Ihn nicht auf. Und doch – Er bestand nie auf Seinen Rechten. Er ging umher, wohltuend und heilend alle, die von dem Teufel überwältigt waren, erntete aber für all Seine Liebe nur Spott, Hass und schließlich den schmachvollen Kreuzestod. Selbst noch am Kreuz konnte Er für Seine Feinde beten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Ist der Herr in Seinem gnadenvollen Verhalten nicht das Vorbild für die Seinen, die berufen sind, in Seinen Fußstapfen nachzufolgen? „… der gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der recht richtet“ (1Pet 2,20-23). Wie erforschend sind diese Worte für uns!

Wenn wir notfalls für die Brüder sogar das Leben darzulegen haben, dann sollen wir auch niemand etwas schuldig sein „als nur, einander zu lieben“ (Röm 13,8). Ich muss darauf sehen, dass mein Bruder von mir alles empfängt, worauf er Anspruch hat, aber ich selbst darf nie auf meinen Rechten ihm gegenüber bestehen. Ich habe vielmehr das Vorrecht, meine Sache getrost dem Herrn zu überlassen.

Und damit kommen wir zum zweiten Bereich, dem der Welt. Denn das eben zitierte Wort aus 1. Petrus 2 bezieht sich nicht nur auf das Verhalten der Kinder Gottes zueinander, sondern auch auf unsere Verhaltensweise den Weltmenschen gegenüber, mit denen wir zwangsläufig in Berührung kommen – Nachbarn, Kollegen, Mitschüler usw. Wenn es um diese Seite geht, sollten wir, so denke ich, eines besonders im Auge behalten: Wir folgen einem „Lamme, wie geschlachtet“ nach, einem hier verachteten und verworfenen Heiland. Schon aus diesem Grund können wir nicht vermeintliche Rechte einfordern – wir sind Fremdlinge hier, die Seine Verwerfung mit Ihm teilen dürfen. Wir haben unser „Bürgertum“ nicht auf dem Schauplatz dieser Welt, wo unser Herr gekreuzigt wurde, sondern „in den Himmeln“ (Phil 3,20).

Auch die gläubigen Hebräer wurden daran erinnert, dass wir „hier keine bleibende Stadt“ haben, sondern die zukünftige suchen (Heb 13,14). Diese hebräischen Christen hatten nicht auf ihren Rechten bestanden, im Gegenteil, sie hatten den Raub ihrer Güter mit Freuden erduldet. Wodurch waren sie dazu befähigt worden? Durch das Wissen darum, dass sie eine „bessere und bleibende Habe“ besaßen (Heb 10,32-34). Ist das auch unsere Einstellung? Wo unser Schatz ist, da wird auch unser Herz sein.

Ich fürchte, wir schauen zu sehr auf die Dinge hier unten, anstatt auf unser Teil droben, „wo der Christus ist“. Deswegen reden wir so leicht von unseren Rechten. Dabei werfe ich nicht den geringsten Schatten auf den Fragesteller. Es ist gut, dass solch eine Frage gestellt wird. Aber sie macht die Gefahr deutlich, in der wir wohl alle mehr oder weniger stehen: zu meinen, wir hätten Rechte in dieser Welt. Nehmen wir noch ein Wort des Herrn Jesus zu Hilfe, das dem Verfasser manche Schwierigkeit bereitet hat, und sicher nicht nur ihm:

  • Mt 5,39.40: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und deinen Leibrock nehmen will, dem lass auch den Mantel.

Wenn uns persönliches Unrecht angetan wird, sollen wir nach diesem Grundsatz handeln. Das mag in der Praxis nicht einfach sein, aber die Schwierigkeit liegt nicht darin. Denn wie ist es zum Beispiel im Berufsleben? Gilt das Wort des Herrn auch da? Soll ich auch da ständig nachgeben und mich drücken und treten lassen? Dies scheint mir die Antwort zu sein: Wenn es um persönliche Benachteiligungen und Nachstellungen geht, unbedingt Ja. Wenn es aber um die Vertretung der Rechte meines Arbeitgebers und darum geht, wie ich am besten die mir gestellten Aufgaben erfüllen kann, dann muss ich zuweilen auch „hinstehen“, muss vielleicht sogar „kämpfen“ – kämpfen, nicht um meine Person und meine Rechte, sondern um die Sache als solche. Ich glaube, dass wir diesen Unterschied machen müssen.

Wenn wir auch heute direkt keine „Hausknechte“ mehr haben, so gilt doch die Ermahnung in 1. Petrus 2 allen, die in untergeordneter Stellung ihre Arbeit zu verrichten haben:

  • 1Pet 2,18.19: Ihr Hausknechte, seid den Herren unterwürfig in aller Furcht, nicht allein den guten und gelinden, sondern auch den verkehrten. Denn dies ist wohlgefällig, wenn jemand um des Gewissens vor Gott willen Beschwerden erträgt, indem er ungerecht leidet.

Es ist Gott geradezu wohlgefällig, wenn wir um des Gewissens vor Ihm willen Beschwerden ertragen, wenn wir – nicht auf unseren Rechten bestehen, sondern leiden, ungerecht leiden. Das war die Gesinnung unseres großen Meisters, und das darf unsere Gesinnung sein.

Das Verhalten des Apostels Paulus in Philippi (Apg 16,37-39) steht zum Gesagten nicht im Widerspruch. Wir lernen vielmehr daraus, dass wir, wenn es um die Rechtfertigung des Evangeliums vor der Welt geht, Festigkeit zeigen müssen. Wir dürfen das nicht mit dem Bestehen auf persönlichen Rechten verwechseln.


Originaltitel: „Bestehen auf Rechten“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1991, S. 117–122

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