Hing Gott am Kreuz?
Matthäus 27,46

Christian Briem

© CSV, online seit: 09.09.2004, aktualisiert: 07.05.2018

Leitvers: Matthäus 27,46

Mt 27,46: Um die neunte Stunde aber schrie Jesus auf mit lauter Stimme und sagte: Eli, Eli, lama sabachthani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ehe ich auf die leicht provokativ wirkende Frage „Hing Gott am Kreuz?“ eingehe, möchte ich bemerken, dass man denen, die zu der Frage Anlass gaben, nicht unbedingt böse Absichten unterstellen muss. Im Gegenteil lag es ihnen sicher am Herzen, ihren Herrn und Heiland zu ehren und für die große Wahrheit einzutreten, dass Jesus Christus Gott ist. In Tagen, in denen die Gottheit Christi weithin geleugnet wird, ist dies auch notwendig und lobenswert. Nur darf man zur Verteidigung der Wahrheit nicht zu falschen Mitteln und Worten greifen, sondern muss unbedingt so nahe wie möglich am Wort Gottes bleiben, besonders wenn es um die Person des Herrn Jesus geht. Andernfalls verunglimpfen wir den Herrn, statt Ihn zu ehren.

Was nun die Frage, ob Gott am Kreuz hing, angeht, so kann man darauf nur eins antworten: Die Heilige Schrift redet nicht in dieser Weise, und wir sollten es auch nicht tun. Denn wenn Gott am Kreuz hing, dann starb Er schließlich auch dort. Gott – gestorben! Schreckliche Verirrung! Absolute Unmöglichkeit!

Tatsächlich gibt es christliche Lieder, die in ihren Aussagen durchaus irreführend sind. Der Fragesteller denkt an ein bestimmtes Lied, in dem zuerst von Gott gesprochen und dann gesagt wird: „Du bist das Lamm.“ Das ist schlicht falsch. Nicht Gott ist das Lamm, sondern der Herr Jesus ist das Lamm Gottes (Joh 1,29; 1Pet 1,19).

Darin liegt der Fehler solcher Aussagen, dass man nicht zwischen der Person Gottes auf der einen und der Person Jesu Christi auf der anderen Seite unterscheidet. Wir müssen die Personen in der Gottheit unbedingt unterscheiden, ohne sie jedoch in unseren Gedanken voneinander zu trennen. So kann man die Titel oder Namen „Gott“ und „Jesus Christus“ nicht wahllos gebrauchen, kann sie nicht – weil der Herr Jesus Christus ja Gott ist – leichthin gegeneinander austauschen. Tut man es dennoch, kommt man zu Aussagen, die zumindest unglücklich, wenn nicht falsch sind. Das gilt zum Beispiel auch von dem folgenden, Martin Luther zugeschriebenen Ausruf: „Gott von Gott verlassen – wer kann das fassen!“ Der Herr Jesus war als Mensch von Gott verlassen, nicht als Gott, der Sohn (Joh 1,18). Nur als Mensch konnte Er auch von Gott als von „meinem Gott“ sprechen (Mt 27,46; Joh 20,17).

Wir vermögen nicht in das Geheimnis der Person Christi einzudringen, können mit dem Verstand nicht begreifen, dass Er Gott und Mensch in einer Person ist. Aber wir müssen diese beiden Seiten unterscheiden; die Schrift tut das auch. Was sagt sie über den einen „Mittler“ zwischen Gott und Menschen? Wer hat „sich selbst zum Lösegeld für viele hingegeben“!? „Der Mensch Christus Jesus“ (1Tim 2,5). Natürlich ist der Herr Jesus absolut Gott, so wie der Vater es ist. Aber wenn Er am Kreuz litt und starb, dann litt und starb Er dort als Mensch.

Und wenn wir an den Anfang seines Weges als Mensch denken – dass „das Wort Fleisch wurde“ (Joh 1,14), dass Er „von einer Frau geboren“ wurde (Gal 4,4) –, so hatte Er durchaus eine „Mutter“ (Mt 1,18; 2,13; Joh 19,25.26). Aber beachten wir, mit welcher Sorgfalt Gottes Wort von ihr spricht! Sie wird „die Mutter Jesu“ genannt (Joh 2,1.3; Apg 1,14), die „Mutter meines Herrn“ (Lk 1,43), nicht aber „die Mutter Gottes“. Gott hat keine Mutter. Der Heiland jedoch hatte eine – als Mensch. Lassen wir die Dinge so stehen! Wenn wir darüber hinausgehen, versündigen wir uns.


Originaltitel: „Der Mensch Jesus Christus“
aus Ermunterung und Ermahnung, 2004, S. 247ff.

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