Frage: Hat die Totenbeschwörerin in 1. Samuel 28 wirklich Samuel heraufgebracht?
Die Hexe von Endor

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 11.08.2001, aktualisiert: 13.09.2018

Leitverse: 1. Samuel 28,3-25

Einleitung

Vers 3

1Sam 28,3: Samuel aber war gestorben, und ganz Israel hatte um ihn geklagt und ihn zu Rama, in seiner Stadt, begraben. Und Saul hatte die Totenbeschwörer und die Wahrsager aus dem Lande weggeschafft.

Es heißt noch einmal: „Samuel war gestorben.“ Das ist wichtig, dass dies noch einmal wiederholt wird. Das stand auch schon in 1. Samuel 25,1. Es muss noch mal wiederholt werden, um den Rest dieses dunklen Kapitels (28) zu verstehen. Und es wird noch eine zweite Mitteilung gegeben, die notwendig ist, um uns den Rest des Kapitels verstehen zu lassen. Es gab fast keine „Medien“ mehr – um den modernen Ausdruck zu benutzen –, keine Totenbeschwörer. Denn die hatte Saul selbst mit den Wahrsagern aus dem Land weggeschafft. Ach, das war noch in seinen guten Tagen geschehen. Das ist lange her.

Verse 4-6

1Sam 3,4-6: Und die Philister versammelten sich, und sie kamen und lagerten in Sunem. Und Saul versammelte ganz Israel, und sie lagerten auf dem Gilboa. Und als Saul das Heer der Philister sah, fürchtete er sich, und sein Herz zitterte sehr. Und Saul befragte den HERRN; aber der HERR antwortete ihm nicht, weder durch Träume, noch durch die Urim, noch durch die Propheten.

Und dann kommt dieses Wort in 1. Samuel 3,5 und 6. Saul ist uns als Mensch, rein als Mensch, so sympathisch. Wer könnte denn die Geschichte Sauls verfolgen, ohne um ihn zu weinen. Jetzt ist dieser Mann in großer Not. Jetzt kommen all diese Philister fest geschlossen zu ihm, um ihn zu bekämpfen, und der Mann zittert, er fürchtet sich, „sein Herz zittert sehr“, und jetzt befragt er den HERRN, aber dieser Kanal ist verstopft. Da kommt keine Botschaft mehr durch. Weder durch Träume noch durch die Urim (die hatte er ja gar nicht bei sich, die waren in dem Ephod, und das war bei David) noch durch die Propheten, denn diese waren gestorben oder verschwunden oder sie waren bei David. Alles, alles ist bei David, und Saul steht ganz allein. Denn auch der HERR steht auf der Seite Davids, wie dunkel David seinerseits auch dran sein möge. Und so kommt Saul zu einer Tat der Verzweiflung. Was sollte er jetzt noch machen? Die Propheten antworten nicht, Träume gibt es nicht, die Urim hat er nicht mehr! Ach, hätte er doch noch den Samuel. Aber wie schlecht hatte er ihn behandelt; würde er wenigstens noch leben, dann könnte er wenigstens ihn fragen: Samuel was soll ich tun? Es ist mein Ende jetzt! Aber es gibt doch die Möglichkeit, die Toten sprechen zu lassen. Aber ich habe selbst die Totenbeschwörer und Wahrsager ausgerottet aus dem Land. Sollte es noch einen geben?

Vers 7

1Sam 28,7: Da sprach Saul zu seinen Knechten: Suchet mir eine Frau, die einen Totenbeschwörergeist hat, damit ich zu ihr gehe und sie befrage. und seine Knechte sprachen zu ihm: Siehe, in En-Dor ist eine Frau, die einen Totenbeschörer-Geist hat

Ja, seine Männer wissen noch, wo so hier und da eine Totenbeschwörerin wohnt. Und sie sprechen zu ihm – vielleicht haben sie es erst suchen müssen –: „Siehe, zu En-Dor ist eine Frau, die einen Totenbeschwörer-Geist hat.“

Wir sind hier sinnbildlich gesprochen am Ende eines Zeitalters. So war es für Saul buchstäblich der Fall. Aber auch für uns. Die Zeit kommt, nein, sie ist schon angebrochen, dass auch die Christenheit sich zum Spiritismus wendet, um die Toten zu befragen. Es heißt in der Offenbarung Kapitel 16, dass einmal das Abendland durch die unreinen Geister geleitet werden wird, um sie gegen den Herrn Jesus zu sammeln. Es ist die Zeit der unreinen und dämonischen Geister geworden. Denn was sind diese spiritistischen Medien anders als solche Mittel, um die Menschen mit den Dämonen in Berührung zu bringen. Das, was Saul hier tut, ist solch eine schreckliche Sünde gewesen, dass in 1. Chronika 10,13.14 („Und so starb Saul wegen seiner Treulosigkeit, die er wider den HERRN begangen, betreffs des Wortes des HERRN, das er nicht beobachtet hatte, und auch weil er eine Totenbeschwörerin aufsuchte, um sie zu befragen“) das, was er hier tut, als direkter Anlass für seinen Untergang genannt wird, weil er den Geist eines Toten befragt hat. Jetzt kommen wir zu dieser dunklen Geschichte, die auch sehr schwierig zu erklären ist.

Vers 8

1Sam 28,8: Und Saul verstellte sich und zog andere Kleider an, und ging hin, er und zwei Männer mit ihm, und sie kamen zu der Frau bei der Nacht; und er sprach: Wahrsage mir doch durch den Totenbeschwörer-Geist und bring mir herauf, wen ich dir sagen werde.

Wir wissen, wie das geht bei diesen Medien, die einen Totenbeschwörer-Geist haben, das heißt einen dämonischen, einen bösen Geist, durch den sie Zugang haben zu dem Bereich der Dämonen. Wer solche Frauen – denn meist sind es ja Frauen, aber manchmal auch Männer –, wer solche Personen befragt, kann nur eine Antwort aus dem dämonischen Bereich bekommen. Denn wir wissen, was Spiritismus ist. Kein Mensch kann je die Toten zurückbringen. Kein Medium kann die Geister der Toten wirklich heraufbringen. Sogar Satan kann die Toten, weder die gläubigen noch die ungläubigen Toten, heraufbringen. Es gibt nur einen, der die Schlüssel des Todes und des Hades hat. Der Herr Jesus hat es in Offenbarung 1,18 selbst gesagt.

Aber diese Medien können dies nicht. Es ist unmöglich. Aber trotzdem haben sie Erfolg! Sie betrügen nicht nur, zum Teil natürlich auch, oft ist dies auch merkwürdig vermischt miteinander. Sogar bei Medien, die durch Dämonen arbeiten, findet man Betrug. Es ist eine große Mischung. Denn auch der Satan selbst arbeitet mit Betrug. Aber der Erfolg erklärt sich daraus, dass diese Personen, so wie es hier auch heißt, einen Geist oder mehrere Geister haben, dämonische Geister, die durch ihren Mund sprechen, und diese Geister wissen manchmal um die Verstorbenen. Sie können also interessante Begebenheiten erzählen und Mitteilung machen. Es sind Dämonen, die durch die Münder solcher Medien sprechen. Und darum hat Gott schon in 5. Mose 18 diesen ganzen Bereich vollkommen verboten, und das können wir auch zu Herzen nehmen. All das, was mit dem Bereich der Dämonen zu tun hat, davon sollten wir uns fernhalten. Und auch heute, wo es sich keine Zeitschrift mehr erlauben kann, keine Horoskope zu veröffentlichen usw., da sehen wir, wie massenhaft die Leute sich an solche Dinge wenden, von schlimmeren Dingen wie Spiritismus noch ganz zu schweigen.

Aber unsere Frage, die wir zu stellen haben, ist: Was geschieht nun eigentlich hier in dem Haus dieser Frau? Ist das einfach Spiritismus? War sie imstande, Samuel tatsächlich heraufzuholen? Wir lesen in Vers 9 (sie hatte ja bis jetzt Saul noch nicht erkannt):

Verse 9-11

1Sam 28,9-11: Aber die Frau sprach zu ihm: Siehe, du weißt ja, was Saul getan hat, dass er die Totenbeschwörer und die Wahrsager aus dem Lande ausgerottet hat; und warum legst du meiner Seele eine Schlinge, um mich zu töten? Und Saul schwor ihr bei dem HERRN und sprach: So wahr der HERR lebt, wenn dich eine Schuld treffen soll wegen dieser Sache! Das sprach die Frau: Wen soll ich dir heraufbringen? Und er sprach: Bringe mir Samuel herauf.

Sie vermutete, dass dies nur eine Falle war. Aber Saul versichert ihr, dass es nicht so ist. Er schwor bei dem HERRN. Schrecklich! In diesem Haus! Ich würde fast sagen: in diesem dämonischen Haus, wo sich solch eine Frau befindet mit dämonischen Geistern, dass dort der Name des HERRN genannt wird. Saul, der den HERRN befragt, aber keine Antwort bekommen hatte, „schwor bei dem Herrn“; diesen Namen zu hören in diesem Haus – fürchterlich! Er schwor: „So wahr der HERR lebt“ – lebt Er? Was machst du dann in diesem Haus, Saul?

„Wenn dich eine Schuld treffen soll wegen dieser Sache!“ Nach dem hebräischen Sprachgebrauch heißt das: „Dich wird bestimmt nicht Schuld treffen wegen dieser Sache.“ Dann sprach die Frau, wie üblich: „Wen soll ich dir heraufbringen?“ Nun, jetzt kommt eine merkwürdige Antwort, die hätte sie bestimmt nicht erwartet: „Und er sprach: Bringe mir Samuel herauf.“ Die Leute gehen normalerweise nicht zu diesen Medien, um solche Personen wie einen Samuel heraufzubringen. Die gehen nicht dahin, um einen Paulus oder einen Luther oder einen Brockhaus oder Darby heraufzurufen. Warum Samuel? Dadurch wurde sie bestimmt schon argwöhnisch. Samuel heraufbringen? Aber das ist noch nicht der Anlass, dass sie Saul als König erkannte. Sie hatte ihn noch nicht wiedererkannt. Er sagt einfach: „Bringe mir Samuel herauf.“ Und dann geht sie vermutlich in ein anderes Zimmer. Denn später lesen wir, dass sie zu ihm „zurückkehrte“, nachdem er niedergefallen war, das haben wir dann in Vers 1. Samuel 28,20. Sie geht in das andere Zimmer, und sie fängt mit ihrer normalen Arbeit an. Mit den Vorbereitungen, um in Trance zu geraten und um in diesen bestimmten Bewusstseinszustand zu kommen, damit sie dann ganz in die Gewalt der Dämonen gerät, die dann durch sie sprechen sollten.

Fünf verschiedene Auslegungen

Und nun die schwierige Frage: Was geschieht nun hier? Darüber haben sich schon Juden und Christen seit Jahrtausenden Gedanken gemacht. Und ich muss doch ganz kurz andeuten, welche Erklärungen man gegeben hat, um dann zu sagen, welche ich bevorzuge. Es gibt sicher fünf Erklärungen:

  1. Zuerst, dass alles nur Betrug war vonseiten der Frau. Dass sie also in Wirklichkeit nur ein Bühnenspiel gemacht hat. Das scheint mir aber nicht die richtige Lösung zu sein. Die Schrift sagt hier wiederholt, dass sie Samuel „sah“ und dass Samuel „sprach“.

  2. Die zweite Erklärung ist dann, dass es sich hier wirklich um Spiritismus handelt. Und manche haben gemeint, dass sie einfach durch spiritistische Verfahren Samuel heraufgebracht hat. Auch diese Lösung müssen wir sowieso verwerfen. Kein Spiritismus ist, wie gesagt, imstande, solche Toten wirklich zurückzubringen und schon gar nicht die Gläubigen wie einen Samuel, um sie aus der Nähe Gottes herunterzubringen. Spiritismus schafft das nicht!

  3. Die dritte Möglichkeit ist also, dass es zwar Spiritismus war, aber dass es einfach die Dämonen waren durch ihren Mund, die also diese Worte gesprochen haben, die wir dann ab Vers 16 finden. Aber auch diese Lösung, obwohl eine sehr gute Möglichkeit an sich, befriedigt doch nicht. Ich wiederhole, dass die Schrift immer wieder sagt: „Es war Samuel.“ Es heißt in Vers 12: „Als die Frau Samuel sah“, und es heißt auch in Vers 14: „Da erkannte Saul, dass es Samuel war“, und in Vers 15 steht: „Und Samuel sprach zu Saul.“

  4. Ich komme deshalb zu einer vierten Möglichkeit. Und das ist, dass manche gesagt haben, es ist durchaus unmöglich, dass es Samuel in eigener Person war, und sie haben sogar gemeint, dass deshalb Vers 3 in unserer Bibel steht, wo wir nicht nur daran erinnert werden, dass Samuel gestorben war, sondern dass er in Rama begraben war; das ist weit von En-Dor entfernt. Als ob der Verfasser sagen möchte: „Also das kommt nicht in Frage!“ Ein Samuel, der dort in Rama begraben ist, kann nicht hier in En-Dor erscheinen. Und so haben manche gemeint, dass hier etwas geschah, was man heute Telepathie nennt. Dass sie also in dem Geist Sauls gelesen hat und dass sie sogar eine Erscheinung gesehen hat wie eine Vision, wie ein Gesicht, aber in dem sie das sah, was in dem Geist Sauls passierte. Denn Saul in seinem Gewissen und in seinem Geist hatte diese Auseinandersetzung mit Samuel ja ständig gehabt. Und es ist auch wahr, dass Samuel eigentlich nichts Besonderes sagt, nichts, was wir nicht schon wüssten; und auch dass Saul am nächsten Tag in der Schlacht sterben müsste, auch das hätte man sich schon denken können, das hätte sie auch in dem Geist Sauls lesen können. So wie ein böser Mensch, der bald sterben muss, es auch im Voraus weiß, dass er sterben wird. Und durch Telepathie kann man dann solche Dinge erkennen, wenn man dazu eine gefährliche Gabe hat. Diese Möglichkeit müssen wir sehr ernst nehmen. Aber dennoch bleiben wir mit der Frage, dass hier so immer steht: „Samuel“, „Sie sah Samuel“, und: „Samuel sprach.“

  5. Und darum bevorzuge ich die fünfte Möglichkeit. Nämlich, dass es wirklich Samuel war. Aber es war nicht die Frau, die Samuel heraufgebracht hatte. Es ist hier kein Spiritismus. Sie versuchte das. Aber was in Wirklichkeit geschah, war etwas, was auch diese Frau nicht erwartet hatte. Was sie erwartete, war wie üblich: dass sie sich in Trance, also in diesen besonderen Bewusstseinszustand begeben würde, und dass dann diese Dämonen zu ihr sprechen würden. Aber stattdessen geschah etwas, was sie überhaupt nicht erwartet hatte: Sie sah wirklich Samuel.

Vers 12

1Sam 28,12: Und als die Frau Samuel sah, da schrie sie mit lauter Stimme; und die Frau sprach zu Saul und sagte: Warum hast du mich betrogen? Du bist ja Saul!

Und wir haben ein starkes Argument für diese fünfte Auslegung in Vers 12, weil es heißt: „Als sie Samuel sah, da schrie sie mit lauter Stimme; und die Frau sprach: Warum hast du mich betrogen, du bist ja Saul!“ Also, sie erschrak sehr, und daraus geht hervor, dass sie etwas sah, was für sie völlig unerwartet war, und sie verstand, als sie sah, dass es wirklich Samuel war, dass sie es mit dem König selbst zu tun hatte. Es gäbe wohl keinen Mann sonst in Israel, wobei Gott selbst, also nicht sie, sondern Gott selbst, das zustande bringen würde, dass sie Samuel sah. Das müsste wohl der König Saul sein, der bei ihr war. Nur für Saul würde Gott dieses Wunder bewirken. Und obwohl auch diese Lösung ihre Probleme hat, glaube ich doch, dass es bis jetzt die beste Lösung für diese Frage ist. Nicht durch ihren Spiritismus, sondern durch eine ganz besondere Wirkung Gottes, die wohl eine große Ausnahme in der Geschichte ist und deshalb auch gar kein Argument für den Spiritismus ist; ganz im Gegenteil, ihre Reaktion beweist das. Durch eine ganz besondere Wirkung Gottes bekommt Saul hier ein Zeugnis von dem verstorbenen Samuel. Nur Gott kann das tun. Kein spiritistisches Medium kann das bewirken, und so kommt doch noch eine letzte Antwort Gottes an Saul. Saul selbst hatte diese Erscheinung nicht gesehen.

Vers 13

1Sam 28,13: Und der König sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! doch was siehst du? Und die Frau sprach zu Saul: Ich sehe einen Gott aus der Erde heraufsteigen.

Die Übersetzung ist hier nicht glücklich. Es ist zwar das Wort Elohim, aber das normale hebräische Wort für Gott, das man auch übersetzen kann als „Götter“; es kann auch eine Bezeichnung sein für übernatürliche Wesen im Allgemeinen, z.B. für Engel wie in Psalm 8. Und so könnte man vielleicht am besten hier übersetzen mit: „Sie sah ein übernatürliches Wesen aus der Erde heraufsteigen.“

Vers 14

1Sam 28,14: Und er sprach zu ihr: Wie ist seine Gestalt? Und sie sprach: Ein alter Mann steigt herauf, und er ist in ein Oberkleid gehüllt {das ist das Prophetenkleid des Samuel}. Da erkannte Saul, dass es Samuel war, und er neigte sich, das Antlitz zur Erde, und beugte sich nieder.

Und dann – das macht die Erklärung so wichtig – sagt der Heilige Geist tatsächlich:

Vers 15

1Sam 28,15a: Und Samuel sprach zu Saul: Warum hast du mich beunruhigt, mich heraufkommen zu lassen?

Obwohl ich auch bei dieser Erklärung zögernd bleibe. Solch eine Sprache ist für einen gläubig Gestorbenen schwierig zu verstehen, obwohl wir uns natürlich hier in dem Bereich des Alten Testamentes befinden. Es ist hier noch nicht der Glanz des Paradieses. Aber zu gleicher Zeit bleibt dies alles schwierig zu verstehen.

1Sam 28,15b

1Sam 28,15b: Saul sprach: Ich bin in großer Not; denn die Philister streiten wider mich, und Gott ist von mir gewichen und antwortet mir nicht mehr, weder durch die Propheten, noch durch Träume; da ließ ich dich rufen, damit du mir kundtuest, was ich tun soll.

Ich weiß gar nicht, ob Saul wohl die Stimme Samuels gehört hat oder ob das doch durch den Mund dieser Frau gegangen ist. Wir bleiben hier mit vielen Rätseln, die wir letztendlich nicht lösen können. Wir können hier nur vermuten, und es bleibt auch bestehen, wie ich gesagt habe, dass das, was Samuel hier zu sagen hat, an sich uns nicht viel Neues bringt als nur die Weissagung, und das ist allerdings sehr bemerkenswert und könnte doch ein Hinweis sein, dass es wirklich Samuel ist – diese Weissagung, dass er morgen mit seinen Söhnen sterben würde. Denn so heißt es hier aus dem Mund Samuels:

Verse 16.17

1Sam 28,16.17: Und Samuel sprach: Warum doch fragst du mich, da der HERR von dir gewichen und dein Feind geworden ist? Und der HERR hat für sich getan., so wie er durch mich geredet hat; und der HERR hat das Königtum aus deiner Hand gerissen und es deinem Nächsten, David, gegeben.

Schrecklicher Ausdruck, wenn es von Gott gesagt werden muss, dass Er unser Feind geworden ist.

Gott hat für seinen Namen gehandelt, „so wie er durch mich geredet hat“, für die Ehre seines Namens. Aber man kann auch, wie in der Bemerkung steht, lesen: „Gott hat ihm [d.h. dem David getan], so wie er durch mich geredet hat; und der HERR hat das Königtum aus deiner Hand gerissen und es deinem Nächsten, dem David, gegeben.“ Samuel hatte dies, als er noch lebte, zweimal zu Saul gesagt. Samuel hatte es zu Saul gesagt in Kapitel 13 und 15, aber hier nennt er zum ersten Mal auch den Namen, aber jetzt wusste Saul längst schon den Namen seines Nachfolgers – David. Gott hat es dem David gegeben.

Verse 18.19

1Sam 28,18.19: Weil du der Stimme des HERRN nicht gehorcht und seine Zornglut nicht ausgeführt hast an Amalek {vgl. Kap. 15}, darum hat der HERR dir dieses heute getan. Und der HERR wird auch Israel mit dir in die Hand der Philister geben; und morgen wirst du mit deinen Söhnen bei mir sein; auch das Heerlager Israels wird der HERR in die Hand der Philister geben.

Hier kommt Samuel auf die erste große Sünde Sauls zurück oder die zweite große Sünde eigentlich. Die große Umkehrung in dem Leben Sauls war doch besonders in Kapitel 15, als er sündigte bezüglich Amalek. Dieses letzte Wort („darum hat der HERR“) hat man auch als Argument benutzt, dass es unmöglich Samuel gewesen sein kann. Denn Samuel war ja ein Gläubiger, war ja bei dem Herrn, und Saul würde doch als Ungläubiger nicht bei ihm sein. Aber ich glaube, das geht ein wenig weit. Das ist ja im Alten Testament alles noch gar nicht geoffenbart. Es ist hier noch alles im Dunklen – das Reich der Toten. Samuel will hier nicht mehr sagen als dieses: „Morgen wirst du auch in dem Bereich des Todes sein, morgen wirst du gestorben sein.“ Also, daraus möchte ich nicht viel schließen.

Und dann sagt er: „Auch das Heerlager Israels wird der HERR in die Hand der Philister geben.“ Was es auch gewesen ist: die Worte Samuels entweder aus dem Geist Sauls selbst genommen oder eine wirkliche Erscheinung Samuels unabhängig von Saul. Was es auch gewesen sein mag, dieses Wort war vernichtend für Saul. Ich finde es so bemerkenswert, dass es hier heißt:

Vers 20

1Sam 28,20: Da fiel Saul plötzlich seiner Länge nach zur Erde, und er fürchtete sich sehr vor den Worten Samuels; auch war keine Kraft in ihm, denn er hatte nichts gegessen den ganzen Tag und die ganze Nacht.

Diese Länge war ihm einmal sein Stolz gewesen. In 1. Samuel 9 lesen wir, dass er länger war als das ganze Volk. Aber hier – wo ist seine Länge? Am Ende dieses Buches finden wir, dass er enthauptet wird, wo bleibt seine Länge? Und hier ist es schon der Fall, wenn er hier seiner Länge nach zur Erde fällt. „Auch war keine Kraft in ihm.“ Plötzlich sind wir wieder mit sehr praktischen Dingen beschäftigt. Er war sehr schwach. Nicht nur geistlich und geistig, sondern auch einfach körperlich. Wie nüchtern kann die Schrift auch sein, um uns diese Dinge zu beschreiben. Saul, noch einmal wird er in seinem Leben etwas Liebe, etwas Freundlichkeit empfangen dürfen aus der Hand einer dämonischen Frau. Sie kommt zu ihm, so wie ich mir vorstelle, aus dem anderen Zimmer:

Vers 21

1Sam 28,21: Und die Frau trat zu Saul und sah, dass er sehr bestürzt war; und sie sprach zu ihm: Siehe, deine Magd hat auf deine Stimme gehört, und ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt und deinen Worten gehorcht, die du zu mir geredet hast;

„Ich habe nur getan, was du gefragt hast“, sagt sie. Sie spricht nicht ihre Verwunderung darüber aus, was sie gesehen hat. Sie konnte sozusagen ihren Beruf nicht verraten, als ob tatsächlich etwas Besonderes, etwas Unnormales geschehen wäre. Sie sagt: „Ich habe einfach getan, was du mich gefragt hast, worum du mich gebeten hast. Du musst mich entschuldigen.“ Wenn sie Saul da liegen sieht in seinem schmachvollen Zustand, dann sagt sie: „Du musst schon entschuldigen, du hast es selbst so gewollt. Es ist wahr.“ Allerdings, wenn es auch nicht buchstäblich Spiritismus war in diesem Fall, dann sehen wir doch, was all diese Wahrsagerei und Spiritismus den Menschen bringt. Das ist der große Unterschied mit Weissagung. Weissagung ermuntert, bringt Erbauung, bringt Tröstung. Diese Wahrsagerei, dieses Ganze, was hier geschah, wie man es auch deuten sollte: Es hat ihn nur niedergeschlagen. Und wie viele Menschen sind durch den modernen Okkultismus niedergeschlagen, völlig kaputtgemacht – geistlich und geistig und oft auch körperlich. Wir leben wie Saul am Ende eines Zeitalters, und all diese Dinge kommen jetzt massenhaft über den Westen. Wo sind wir doch gelandet zusammen, dass diese Dinge jetzt, wo der christliche Glaube für viele nichts mehr zu bedeuten hat, wo eine große Lücke in vielen Seelen besteht; da wenden die Leute sich nach dem Osten zu seinen Religionen oder nach dem Okkultismus, nach dem Spiritismus, zu all diesen Dingen und werden dadurch letztendlich so unglücklich – denn der Satan kann nur verderben – wie Saul. Tragische Figur! Aber er ist selbst schuld an seiner Tragik. Diese Frau sagt zum ihm:

Verse 22-24

1Sam 28,22-24: … und nun höre doch auch du auf die Stimme deiner Magd, und lass mich dir einen Bissen Brot vorsetzen, und iss, dass die Kraft in dir sei, wenn du deines Weges gehst. Aber er weigerte sich und sprach: Ich will nicht essen. Da drangen seine Knechte und auch die Frau in ihn; und er hörte auf ihre Stimme und stand von der Erde auf und setzte sich auf das Bett. Und die Frau hatte ein gemästetes Kalb im Hause; und sie eilte und schlachtete es; und sie nahm Mehl und knetete es und backte daraus ungesäuerte Kuchen.

Es ist wie eine Henkersmahlzeit. Er muss sich noch einmal sättigen, um dann im Kampf gegen die Philister sterben zu können. Es ist mehr als ein wenig Brot, das sie ihm gibt. Er weigert sich zuerst. Er sagt: „Ich will nicht essen.“ Aber „da drangen seine Knechte und die Frau in ihn“. Und dann dieses Wort:

Vers 25

1Sam 28,25: … und sie machten sich auf und gingen fort in selbiger Nacht.

Es ist Nacht in der Seele Sauls und ringsumher. Es ist wie das andere Wort im Neuen Testament in Johannes 13, wo Judas hinausgeht, um den Herrn zu verraten und Ihn zu überliefern in die Hände seiner Feinde. Saul ist wie ein Judas. Judas ist so tragisch wie Saul und doch völlig schuld an seinem Untergang. Und dann heißt es in Johannes 13: „Er ging hinaus und es war Nacht.“ Das ist es zuerst – dunkle, dämonische Nacht in der Seele Sauls, in der Seele des Judas. Satanische Nacht! Hier ist Saul in Berührung gekommen mit dem Bereich der Dämonen. Auch wenn es wirklich Samuel gewesen wäre – und das ist doch möglich –, dann war doch der ganze Bereich, in der sich die Frau befand, der Bereich Satans. Und von Judas lesen wir in demselben Kapitel 13 des Johannesevangeliums, dass der Satan in sein Herz fuhr. Da wird es Nacht. Hier fällt schon die Nacht über das Leben Sauls. Es ist aus. Der Augenblick kommt in dem Leben eines Menschen, wenn er nicht mehr zurückkann, wo es nur noch auf seinen Untergang zugeht..

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