Warum gibt es unter Christen so viele Meinungen?
Fragenbeantwortung aus „Folge mir nach“

Werner Mücher

© W. Mücher, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 08.09.2018

Frage

Jedes Kind Gottes „erhält“ den Heiligen Geist. Dieser Geist leitet z.B., wenn wir in der Bibel, Gottes Wort, lesen, so dass wir das Gelesene verstehen lernen. Trotzdem gibt es fast kein Thema oder keinen Vers, über den nicht zwanzig Leute (durchaus alles wiedergeborene Christen) zwanzig verschiedene Meinungen haben. Sogar innerhalb von Gemeinschaften gehen Meinungen oft stark auseinander. Wie ist das möglich in Bezug auf einen Geist?

I. L., Limburg

Antwort

Wenn ein Mensch sich bekehrt, indem er vor Gott aufrichtig seine Sünden bekennt, wirkt Gott in ihm durch die Wiedergeburt neues Leben, er erhält das ewige Leben (1Joh 5,11.13). Gott versiegelt dann so jemand, der den Herrn Jesus als seinen Heiland angenommen hat, mit dem Heiligen Geist (Eph 1,13; 2Kor 1,21.22). Damit ist ein Mensch eine Neuschöpfung Gottes: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung“ (2Kor 5,17). Das ist die biblische Grundlage für ein Leben als Christ.

Dennoch behält ein Gläubiger die alte, sündige Natur in sich. Diese alte Natur wird häufig im Neuen Testament „Fleisch“ genannt (z.B. Röm 7,18.25; 8,12.13; Gal 5,13.17; 6,8). Das Fleisch in uns befindet sich in beständigem Gegensatz zu dem Geist in uns (Gal 5,17). Aus diesem Konflikt werden wir erst entlassen, wenn wir zum Herrn gehen, sei es, dass wir entschlafen oder entrückt werden, wenn der Herr Jesus wiederkommt (1Thes 4,17).

Durch das neue Leben und den Heiligen Geist in einem Gläubigen beginnt sofort mit der Bekehrung ein Wachstumsprozess. Zuerst ist jemand ein Kind, wird dann bei normalem Wachstum ein Jüngling und schließlich ein Vater; diese Unterscheidung in der Familie Gottes finden wir in 1. Johannes 2,12-17 (beachte, dass der Oberbegriff zu dieser Dreiteilung „Kinder“ ist). Dieser Wachstumsprozess wird an vielen Stellen des Neuen Testaments erwähnt (einige Beispiele: Eph 4,13; Kol 1,10; 1Pet 2,2; 2Pet 3,18).

Eine der deutlichsten Stellen, wenn dort auch nicht ausdrücklich von „wachsen“ die Rede ist, ist Römer 12,2: „Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr prüfen möget, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist.“

  1. Daraus können wir erstens folgern, dass unterschiedliche Erkenntnis, sei es nun über das Wort Gottes an sich oder auch über den Willen Gottes, zuerst einmal durch das Stadium des Reifeprozesses begründet ist.

  2. Zweitens ist es möglich, dass wir fleischlich sind (Röm 7,14; 1Kor 3,1-3), d.h. unter der Herrschaft des Fleisches in uns stehen. So kann es sein, dass wir gewisse Bereiche nicht dem Wirken des Geistes Gottes ausliefern. Das verhindert ein uneingeschränktes Wirken des Heiligen Geistes.

  3. Drittens kann es Sünden im Leben eines Gläubigen geben, die er (eine Zeitlang) nicht bereit ist zu bekennen. Dadurch wird die Wirksamkeit des Geistes Gottes stark eingeschränkt, wenn nicht sogar völlig eingedämmt; das meint der Apostel Paulus, wenn er sagt: „Den Geist löschet nicht aus [Fußnote: unterdrücket, dämpfet nicht]“ (1Thes 5,19). Das heißt nicht, dass ein Wiedergeborener den Heiligen Geist wieder verlieren kann; das ist ein anderes Thema.

  4. Viertens sind alle Gläubigen der Gefahr der Tradition ausgesetzt. So gut das Festhalten an sich ist, so negativ kann das Festhalten von Überliefertem sein, wenn es nicht immer wieder anhand des Wortes Gottes überprüft wird.

  5. Fünftens kann ein weiterer wichtiger Hemmschuh für Wachstum in der Erkenntnis des Wortes und Willens Gottes darin bestehen, dass wir erkannte Wahrheit nicht in die Praxis unseres Lebens einfließen lassen. In diesem Fall werden wir bereits Erkanntes sogar wieder verlieren. Wir werden aufgefordert, das Wort Gottes zu „halten“ oder zu „bewahren“ (Joh 14,23; Off 3,8).

  6. Sechstens ist all unser Erkennen nach 1. Korinther 13,9.10 „stückweise“ („Stückwerk“; Menge-Übersetzung). Kein Gläubiger hat je alle Erkenntnis. Wir bleiben schwache Menschen, und daher ist auch all unser Erkennen mangelhaft. Es gibt keine zwei Gläubigen auf der ganzen Erde, die über alle Einzelheiten biblischer Aussagen gleich denken. Das sollte uns sehr bescheiden und demütig machen.

Vielleicht ist diese Liste möglicher Gründe für unterschiedliche Erkenntnis nicht vollständig, sie zeigt aber doch die Problematik der unterschiedlichen Auffassungen.

Innerhalb gesunder Grenzen sollten wir immer bereit sein, in hohem Maß unterschiedliche Erkenntnis zu akzeptieren. Anders ist die Sache natürlich, wenn es sich um fundamentale Irrlehre handelt wie z.B. die Leugnung der Auferstehung, der Gottessohnschaft Jesu Christi, des ewigen Gerichts usw., um nur einige Punkte zu nennen. Irrlehre untergräbt die Fundamente des Christentums und kann nicht toleriert werden (2Joh 9-11).

Abschließend möchte ich gern auf einen wichtigen Unterschied zwischen Erkenntnis und Gesinnung hinweisen. In der Erkenntnis wird es immer Unterschiede geben, doch was die Gesinnung betrifft, so werden wir öfter aufgefordert, gleichgesinnt oder eines Sinnes zu sein:

  • Röm 15,5: Der Gott des Ausharrens und der Ermunterung aber gebe euch, gleichgesinnt zu sein untereinander.

  • 1Kor 1,10: Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und nicht Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr in demselben Sinne und in derselben Meinung völlig zusammengefügt seit.

  • 2Kor 13,11: Übrigens, Brüder, freut euch, werdet vollkommen, seid getrost, seid eines Sinnes, seid in Frieden, und der Gott der Liebe und des Friedens wird mit euch sein.

  • Phil 2,2-5: So erfüllt meine Freude, dass ihr einerlei gesinnt seid, dieselbe Liebe habend, einmütig, eines Sinnes, nichts aus Parteisucht oder eitlem Ruhm tuend, sondern in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst; ein jeder nicht auf das Seinige sehend, sondern ein jeder auch auf das der anderen. Denn diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war.

  • Phil 4,2: Die Evodia ermahne ich, und die Syntyche ermahne ich, einerlei gesinnt zu sein im Herrn.

  • 1Pet 3,8: Endlich aber seid alle gleichgesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig.


Originaltitel: „Fragen und Antworten“
aus Folge mir nach, 3/1993, S. 11–12

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