Wer ist gemeint in Sacharja 13,5-7?

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 17.01.2001, aktualisiert: 04.10.2018

Leitverse: Sacharja 13,5-7

Sach 13,5-7: 5 Und er wird sprechen: Ich bin kein Prophet, ich bin ein Mann, der das Land bebaut; denn man hat mich gekauft von meiner Jugend an. 6 Und wenn jemand zu ihm spricht: Was sind das für Wunden in deinen Händen?, so wird er sagen: Es sind die Wunden, womit ich geschlagen worden bin im Haus derer, die mich lieben. 7 Schwert, erwache gegen meinen Hirten und gegen den Mann, der mein Genosse ist!, spricht der HERR der Heerscharen. Schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen. Und ich werde meine Hand den Kleinen zuwenden.

… Und dann die berühmten oder berüchtigten Verse Sacharja 13,5 und 6. Warum so berüchtigt? Weil hier auch wieder die Auslegungen völlig auseinandergehen. Es gibt in der Hauptsache drei Erklärungen, um von vielen anderen abzusehen.

  1. Die traditionelle, orthodoxe Erklärung bezieht diese Worte auf den Messias. Es wird hier angedeutet „und ER“. Man kann aber auch übersetzen: „ER aber wird sprechen, ich bin kein Prophet.“ Die Verse Sacharja 13,5 und 6 werden dann insgesamt auf den Messias angewandt, über den wir auch in Vers 7 hören: „Schwert, erwache wider meinen Hirten und wieder den Mann, der mein Genosse ist“ (Sach 13,7). Diese Erklärung geht also davon aus, dass es sich in den Versen 5 und 6 um dieselbe Person handelt wie in Vers 7. Diese Auslegung sagt: Diese Verse gehen Vers 7 unmittelbar voran. Also es ist sicherlich nicht weit hergeholt, auch hier schon an den Messias zu denken. Es ist dieselbe Person, die in Vers 6 geschlagen worden ist. Er, der im Hause derer, die ihn lieben, geschlagen wurde, wird in Vers 7 von Gott selbst geschlagen. „Schwert, erwache wider meinen Hirten.“ Die legen diese direkte Verbindung zwischen Vers 6 und Vers 7 und sagen: Vers 5, 6 und 7 ist eindeutig der Messias.

  2. Die zweite Auslegung legt die Verbindung mit dem Vorhergehenden und sagt: Es ist doch völlig unannehmbar, dass da in Vers 5 plötzlich über den Messias gesprochen wird ohne irgendeine Einführung. Es heißt einfach: „Und er wird sprechen.“ Das muss doch ganz deutlich der falsche Prophet sein aus den vorherigen Versen – wenn auch dort in der Mehrzahl gesprochen wird, das ist im Hebräischen nicht unüblich. „Er wird sprechen“ – das bedeutet irgendeiner aus den Propheten, und man könnte sogar frei wiedergeben: „Jeder von ihnen wird sprechen“, usw. So beziehen sie die Verse 5 und 6 auf die falschen Propheten.

  3. Die dritte Auslegung ist eine Zwischenform, die Vers 5 noch als Vervollständigung des vorhergehenden ansieht, Vers 5 also noch auf die falschen Propheten anwendet und erst in Vers 6 glaubt, den Messias zu hören. „Wenn jemand zu IHM spricht“, das sollte dann der Messias sein.

Das sind die drei Haupterklärungen, abgesehen von anderen, die vielleicht an ganz andere Personen hier denken.

Ich möchte gerne mit der zweiten Auslegung anfangen. Man kann natürlich diese Erklärungsweise, dass man hier noch immer an die falschen Propheten denkt, nicht vollkommen ausschließen und hundertprozentig beweisen, welche die richtige ist. Ich werde versuchen, Argumente zu geben für die erste Erklärungsweise, die hier den Messias sieht. Aber ich versuche, dabei vorsichtig und bescheiden zu bleiben. Denn man kann sich schon vorstellen, dass manche sagen: Hör mal, es ist doch ganz deutlich, dass es sich in Vers 5 immer noch um die falschen Propheten handelt. Die werden ja alle Angst haben, entlarvt zu werden, und wenn einer zu ihnen kommt und sagt: Du warst doch auch so einer der falschen Propheten, und was sollen wir jetzt mit dir machen, ähnlich wie bei Petrus, wo einer zu ihm sagte: „Du warst doch auch einer von denen“, und er sagt: „Nein, nein, nein, ich bin es nicht.“ Hier sagt ein falscher Prophet: „Nein, ich bin kein Prophet, ich bin ein Mann, der das Land bebaut. Was denkst du denn von mir, ich bin einfach ein Bauer, denn man hat mich gekauft von meiner Jugend an.“ Das könnte man dann unterschiedlich auffassen, aber doch jedenfalls: „Ich bin immer Bauer gewesen, du musst mich nicht mit den Propheten verbinden“, und ob das nun zu Recht oder zu Unrecht ist, jedenfalls versteckt er sich hinter seiner Landwirtschaft und sagt: „Ich bin kein Prophet.“

Sacharja 13,6 wird dann aber schwieriger. Da sagen sie ja: „Was sind das für Wunden in deinen Händen?“, wobei man dann denkt an Wunden, welche die falschen Propheten sich selbst manchmal machten. Denken wir an 1. Könige 18, wo wir das lesen von den Baalspriestern. Ob nun Priester oder Propheten, das liegt nicht so weit auseinander, die sich, um den Baal anzuflehen, sich selbst verwundeten. Und solche Wunden oder Narben waren oft ein Zeichen dafür, dass es solche Propheten waren. Es gab auch heidnische Gebräuche, sich selbst solche Wunden beizubringen. Solche Ausleger betonen auch gerne, dass hier buchstäblich steht: „Was sind das für Wunden zwischen deinen Händen?“; das steht da tatsächlich buchstäblich im Hebräischen. Und solche Ausleger sagen dann: Das bedeutet überhaupt nicht „in“ seinen Händen sondern „zwischen“. Was bedeutet aber dann „zwischen“? Manche sagen, das bedeutet „zwischen den Schultern“; manche sagen, das bedeutet „in der Brust“, wo man sich selbst verwundet. Dann bedeutet es ungefähr dasselbe wie „zwischen deinen Armen“. Und dann kommt noch die Antwort, womit der Prophet sich dann verteidigt: „Nein, nein, das sind überhaupt keine Narben, die ich mir selbst beigebracht habe, das sind einfach Wunden, die mir zugefügt worden sind von solchen, die mich lieben.“ Jetzt gibt es wieder eine ganze Reihe von Erklärungen, was das denn sein sollte. Manche sagen: Die habe ich zu Hause von meinen Eltern bekommen. Ein großes Problem in dieser ganzen Auslegung ist: Warum sollte der Heilige Geist diese ganze Sache mit den falschen Propheten so weit fortsetzen bis in die Einzelheiten, dass dabei vorausgesetzt wird, dass dieser Mann sich Wunden geschlagen hat und Narben hat und die er dann von seinen Eltern bekommen hat?

Was ist der Sinn dieser ganzen Sache? Und ich möchte dabei sofort ein Argument widerlegen, das von der anderen Seite kommt: Wie könnte man nun annehmen, dass in Vers 5 beziehungsweise in Vers 6 plötzlich von dem Messias gesprochen wird? Das ist ihre größte Schwierigkeit. Das ist auch schwierig, dass man da plötzlich bei diesem „er“ in Vers 5 bzw. 6 an den Messias denken soll. Diese Schwierigkeiten sind aber nicht unüberwindbar. Wenn in Vers 5 und 6 nicht von dem Messias gesprochen wird, dann doch mindestens in Vers 7. Und da ist es doch fast genauso unerwartet. Und hier handelt es sich doch nach allen orthodoxen Auslegern um den Messias, schon allein aufgrund von Matthäus 26,31 und Markus 14,27, wo dieses Zitat auf den Messias angewandt wird. Wenn es in Vers 7 also um den Messias geht, was wäre dann das Problem, schon in Vers 6 und vielleicht schon in Vers 5 an den Messias zu denken? Irgendwie in diesem Abschnitt fängt der Heilige Geist an, über den Messias zu reden. Wenn das in Vers 7 eindeutig der Fall ist, warum nicht in Vers 6? Dann haben wir nämlich für diese Wunden eine eindeutige Erklärung, dann brauchen wir nicht an so weit hergeholte Dinge zu denken wie an Götzenpriester, die sich die Wunden selbst zugefügt haben, oder an Wunden, die von den Eltern geschlagen wurden.

Es ist also nicht unmöglich, hier an den Messias zu denken, besonders, und das ist ein weiteres Argument, weil wir natürlich so oft genau dasselbe gefunden haben, dass der Heilige Geist im Buch Sacharja plötzlich über „ich“ über „mich“ spricht und dann über den Messias redet. „Der HERR der Heerscharen hat mich gesandt“ (Sach 2,13). So plötzlich fällt das aus dem blauen Himmel heraus, ohne Ankündigung wissen wir sofort: Da spricht der Messias. Genauso in Sacharja 12,10: „Sie werden auf mich blicken.“ Plötzlich ohne Ankündigung ist Er da. Und Er kündigt sich selbst an mit diesem Wörtchen „mich“: „auf mich, den sie durchbohrt haben“. Und dann darüber hinaus, da haben wir den wahren Propheten, der zu Unrecht durchbohrt wurde, und der Heilige Geist erinnert uns daran, wenn hier etwas von den falschen Propheten gesagt wird, dass sie jetzt durchbohrt werden, da fängt Er an, über den wahren Propheten zu reden, und man könnte dann in Vers 5 übersetzen: „Er aber“. Sprich: Die falschen Propheten werden zu Recht durchbohrt. „Er aber“, der wahre Prophet, der zu Unrecht durchbohrt wurde (Sach 12,10), Er tritt ganz anders auf. Hier erscheint Er inmitten des Überrestes. Versuchen wir uns das mal vorzustellen, was in Sacharja 12,10 steht. Sie sehen da den HERRN (Jahwe) vor sich. Er erscheint in einer Form, in einer Gestalt, die für Menschen wahrnehmbar ist, sie sehen Ihn nämlich als Mensch, und dieser Mensch hat das Angesicht von Jesus von Nazareth. Der Überrest Israels wird völlig durcheinander sein, denn wir wissen es nicht genau, wir müssen doch vielleicht annehmen, dass sie bis zu diesem Augenblick noch nie völlig verstanden haben, dass es wirklich dieselbe Person ist, Jesus von Nazareth. Der Durchbohrte ist derselbe wie der Messias, derselbe wie der HERR (Jahwe). Und sie werden Ihn sozusagen mit Erstaunen umgeben.

Ich stelle mir das immer so vor wie Joseph und seine Brüder: „Ich bin Joseph.“ So kommt der Herr Jesus wieder! Joseph ist ein wunderbares Bild von dem Messias, der sich seinen Brüdern offenbart und zu ihnen spricht: „Ich bin Joseph. Lebt mein Vater noch?“ Wunderbarer Augenblick! Aber wie entsetzt waren die Brüder. Der, den sie überliefert hatten, ist derselbe wie der große Zaphnat-Paaneach, der Retter der Welt. Er, der Retter ist der, den sie überliefert haben, den sie durchbohrt haben. Sie umgeben ihn, und sie sind voller Fragen. Sie sind vollkommen entsetzt. Sie wissen nicht, was sie herausbringen sollen, und dann stellen sie eine Frage nach der anderen. Sie reden alle durcheinander.

Ich stelle mir das so menschlich vor. Sie umgeben den Durchbohrten, und sie sagen zu Ihm: Wer bist du nun eigentlich? Und der verherrlichte Sohn des Menschen, Jahwe selbst, spricht noch immer dieselbe Sprache wie auf dieser Erde: die Sprache der Demut. … Er ist der Demütige. Er sagte wie Amos, und Amos ist auch demütig und weist hierbei auf dem Messias hin. Er hat auch gesagt: „Ich bin kein Prophet, ich habe kein theologische Ausbildung gehabt, keine Bibelschule, kein Diplom, ich bin einfach Bauer, aber ich habe das Wort Gottes. Ich mag kein Diplom haben, aber ich habe das Wort Gottes.“ Hier steht genau dasselbe: „Ich bin kein Prophet.“ Der Herr Jesus unterscheidet sich hier von allen falschen Propheten, die mit ihren schönen, härenen Mänteln durch Israel hindurchgegangen sind mit ihren Lügen. Und der Herr sagt: „Nein, ich bin kein Prophet.“ Was ist er denn? Er ist Sklave! „Ich bin ein Mann, der das Land bebaut.“ Das Land heißt hier adama. Das ist eigentlich der Erdboden. Eigentlich ist das die ganze Erde. Er ist ein Mann, der den Erdboden bebaut hat, der wie ein Ackerbauer auf diese Erde gekommen ist, um zu säen und zu ernten für Gott. …

Hier in Sacharja 13 steht der Überrest vor dem Herrn Jesus. Wie einst Thomas nach der Auferstehung des Herrn sagte: „Wenn ich die Zeichen in seinen Händen nicht sehe“, dann will ich glauben. Und dann kommt der Herr zu ihm und sagt: „Thomas, siehst du die Zeichen in meinen Händen und das Zeichen in meiner Seite? Komm her, und überzeuge dich selbst.“ Und Thomas wirft sich nieder, und sagt: „Mein Herr und mein Gott.“ Hier in Sacharja 13 will der Überrest Gewissheit haben, letzte Sicherheit: „Was sind das für Wunden in deinen Händen?“ … Das ist, als ob der Herr sagen will: „Wisst ihr es wirklich nicht, wie ich im Haus derer, die mich lieben geschlagen wurde?“ Es heißt hier nicht, dass Er von denen, die ihn liebten, selbst geschlagen worden ist. Denn, die ihn wirklich liebten, das waren solche, die dem Überrest angehören. Die haben ihn nicht geschlagen, aber sie gehören diesem Haus an, dem Haus Israel. Aber in dem Haus sieht Er besonders die, die ihn liebten. Ihnen gehörte Er eigentlich ganz besonders an. Aber das Haus ist das Haus Israels. Nicht die, die ihn liebten, haben ihm die Wunden zufügt, sondern seine Feinde, die Ihn gehasst haben. Sie haben Ihn geschlagen und Ihm diese Wunden zugefügt.

Sacharja 13,5 („Und er wird sprechen: Ich bin kein Prophet, ich bin ein Mann, der das Land bebaut; denn man hat mich gekauft von meiner Jugend an“) scheint doch wohl für manche ein bisschen künstlich, wenn man diesen Vers schon auf dem Messias anwendet. Das kann man sich auch auch einigermaßen vorstellen, obwohl ich es in Bezug auf die falschen Propheten dann eigentlich genauso künstlich finde (siehe oben), aber das sind doch solche, die sagen: Auf jeden Fall müssen wir in Vers 6 an den Messias denken. Nun, dafür kann man auch Verständnis haben. Aber wie gesagt, ich habe keine Mühe damit, schon ab Vers 5 an den Messias zu denken. Aber besonders in Vers 6 scheint mir das eindeutig, und zwar besonders durch diese Beziehung mit Vers 7. Wer könnte diese Beziehung wohl übersehen? In Vers 6, geschlagen im Hause Israels, in Vers 7, geschlagen von Gott selbst.

Diese Beziehung ist so kostbar, so schön und auch so wichtig, die kann man doch nicht einfach übersehen. Es wirft ein merkwürdiges Licht auf den Tod des Herrn Jesus. Der Tod des Herrn Jesus – um es mathematisch auszudrücken – war zu hundert Prozent das Werk böser Menschen, und es war hundert Prozent das Werk Gottes, der den Messias nach seinen eigenen Ratschlüssen in den Tod übergegeben hat. Vers 6 zeigt uns, was Menschen Ihm angetan haben. Sein eigenes Volk hatte Ihn überliefert. Apostelgeschichte 2 und 3: „Ihr habt es getan.“ Aber wie wunderbar haben wir das in Apostelgeschichte 2,23? Ihr habt es getan – durch die Römer –, trotzdem, ihr habt es getan, ihr seid hauptverantwortlich. Aber dass der Herr Jesus überantwortet wurde, war hundert Prozent nach dem Rat und der Vorkenntnis Gottes. Da steht es in einem Vers zusammen, und wenn ihr den Vers nicht kennt, müsst ihr den auswendig lernen: „Diesen übergeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geheftet und umgebracht“ (Apg 2,23). In einem Vers! Hundert Prozent nach den Gedanken Gottes – das Lamm Gottes zuvorerkannt vor Grundlegung der Welt – und hundert Prozent Verantwortung des Menschen. Das muss man beides stehen lassen, wenn man es auch nicht verstehen kann. Wir müssen auch nicht alles verstehen, wir müssen nur alles glauben. Wir müssen auch nicht alles verstehen wollen, wenn es sich um die göttlichen ewigen Dinge handelt. Genauso wie die Bekehrung hundertprozentig eine Sache der Verantwortung des Menschen und hundertprozentig eine Sache des Ratschlusses Gottes ist.

Das weist uns natürlich zu gleicher Zeit auf zwei Seiten im Werk des Herrn Jesus hin. Einerseits, der Tod des Herrn Jesus ist der allerhöchste Beweis der Verdorbenheit des Menschen – wenn ein Mensch das Allerbeste, was Gott je in diese Welt gesandt hat, ans Kreuz schlägt, beweist das am allerhöchsten die Verdorbenheit des Menschen. Der Mensch könnte seine Verdorbenheit nicht deutlicher beweisen als dort am Kreuz, wo er das Allerbeste, das diese Weltgeschichte je gesehen hat, in den Tod hinübergibt, und zwar in solch einen grausamen und fürchterlichen Tod. Aber der Tod des Herrn Jesus ist nicht nur der höchste Beweis des Hasses und der Verdorbenheit des Menschen, es ist auch der höchste Beweis der Liebe Gottes. Das gleiche Geschehen, dieselbe Tat, ist der höchste Beweis der Liebe Gottes und des Hasses der Menschen. Und die beiden gehören zusammen, denn die Liebe Gottes gibt Vorsehung für das, was der Hass des Menschen notwendig gemacht hat, nämlich Erlösung. „Schwert, erwache wider meinen Hirten.“ Es ist der Hirte der Herde. Es ist aber auch der Hirte Gottes. Die Herde ist Gottes Herde. Also Er ist hier Gottes Hirte. Es ist auch sein Hirte, weil Er Ihn gesandt hat, weil Er Ihn angestellt hat. …

Doch jetzt wird dieses Schwert wider den Hirten Gottes erhoben, und zwar wider den Mann, der sein Genosse ist. Das weist auf eine seltene, eine ganz besondere Beziehung zu Gott hin, die nur dadurch verstanden werden kann, wie wir das schon oft gesehen haben, indem der Herr Jesus der Sohn Gottes ist. Er hat diese Beziehung zu Jahwe. Er ist der Genosse Jahwes, in einer einmaligen Weise. Das können wir nur verstehen, wenn wir wissen um die Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn, wenn wir wissen um das Wort, das bei Gott war und zu gleicher Zeit Gott war. „Das Wort war bei Gott.“ Das ist „der Genosse Jahwes“. „Und das Wort war Gott“ (vgl. Joh 1,1). Der Mensch Christus Jesus ist in dem vollkommensten Sinn der Genosse Jahwes, indem Er Gott der Sohn ist. Dann heißt es nicht nur, dass das Schwert erwachen sollte, sondern es sollte auch den Hirten schlagen.

Was ist geschichtlich das erste Ergebnis dieser Tatsache? Wir haben gehört in Sacharja 11, wenn der Hirte verworfen wird, dann werden die beiden Stäbe gebrochen. Das bedeutet, es wird vieles aufgeschoben. Der Bund mit den Nationen realisiert sich noch nicht. Die Bruderschaft zwischen Juda und Israel wird vorläufig zerbrochen für lange Zeit. Und so ist es hier auch: Wenn der Hirte geschlagen wird, dann wird als erstes Ergebnis gesehen, wie die Herde zerstreut wird. Matthäus 26 bezieht das erst mal ganz buchstäblich auf die Flucht der Jünger in Gethsemane. Matthäus 26,31.32: „Dann spricht Jesus zu ihnen: Ihr werdet alle in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen; denn es steht geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden. Nach meiner Auferweckung aber werde ich euch vorausgehen nach Galiläa.“ Hier wendet der Herr Jesus das direkt auf die Zerstreuung der Jünger an, aber es hat natürlich einen weiteren Sinn, weil wir in Sacharja 13,8 natürlich in der Endzeit sind, in der großen Drangsal, wo die Mehrheit des Volkes letztendlich umkommt und der Überrest geläutert wird. Und Vers 7b bezieht sich deshalb auf die ganze Zeit zwischen dem Kreuz und der großen Drangsal in der Zukunft. Und während dieser Periode wird die Herde zerstreut sein, so wie sie zerstreut gewesen ist unter den Nationen.

„Und ich werde meine Hand den Kleinen zuwenden.“ Das ist eine Schwierigkeit. Was die Kleinen sind, das ist nicht die Schwierigkeit. Das sind „die Geringen“, sagt die Anmerkung. Und ich möchte dabei sofort wieder wie in Sacharja 11 an die Elenden der Schafe denken, an die Schwachen und die Kleinen, die Nichtigen und Unauffälligen. Es scheint mir so deutlich, dass es der Überrest ist. In Zephanja 2,3 werden sie „die Demütigen“ genannt. „Sucht den HERRN, alle ihr Sanftmütigen“ – oder nach der Anmerkung vielleicht besser: „Demütigen des Landes“. Das sind die Geringen, die Kleinen. „Die ihr sein Recht gewirkt habt, suchet Gerechtigkeit suchet Demut. Vielleicht werdet ihr geborgen am Tage des Zornes des HERRN.“ Sie bekommen diese Verheißung – obwohl es hier unsicher klingt –, dass sie durch den Zorn Gottes hindurchgeführt werden.

Aber was bedeutet nun: „Ich werde meine Hand den Kleinen zu wenden“? Buchstäblich heißt es dort: „Ich werde meine Hand wenden zu“, oder: „wider die Kleinen“. Die Präposition im Hebräischen kann beides bedeuten. Und wenn man dann nicht wählen will, dann kann „zu den Kleinen“ auch noch beides bedeuten, d.h., „ich werde meine Hand zu den Kleinen wenden“ kann bedeuten im Segen, kann aber auch bedeuten in Züchtigung. Wenn die Hand des Vaters sich zu einem Kind wendet, kann es sein, um das Kind zu schlagen, es kann aber auch sein, um dem Kind etwas zu geben. Insoweit ist der Ausdruck ziemlich neutral, und man muss aus dem Zusammenhang versuchen zu verstehen, was gemeint ist. Dabei kann man an zwei Dinge denken. Das ganze Volk muss unter den Folgen dieser Verwerfung leiden. Auch die Treuen werden mit zerstreut unter die Nationen, all die Folgen der Verwerfung des Herrn müssen sie mitempfinden. Sie müssen mitleiden. Aber die andere Erklärung sagt, das Gott doch seine Hand in Gnade und im Schutz über die Kleinen ausgebreitet hat. Manche meinen, dass der Ausdruck „sich wenden zu“ eigentlich immer ungünstig ist, und vielleicht möchte man deshalb annehmen, dass das hier bedeutet, das auch die Kleinen, Geringen lange, lange Jahrhunderte hindurch mitleiden müssen unter allen Folgen und letztendlich auch durch das Feuer hindurchzugehen haben (Sach 13,9), aber darin geläutert werden und dass sie am Ende errettet werden. Und das führt uns dann in Vers 8 tatsächlich zu dem Endergebnis, zu der großen Drangsal: „Es wird geschehen im ganzen Lande, spricht der HERR, zwei Teile davon werden ausgerottet werden und verscheiden. Aber der dritte Teil davon wird übrigbleiben“ (Sach 13,8). Buchstäblich ist das ein Überrest, das, was übrigbleibt. Dieser dritte Teil wird nicht ausgerottet, sondern in dem Feuer geläutert. „Ich werde sie läutern, wie man das Silber läutert, und werde sie prüfen, wie man das Gold prüft.“ …


Auszug aus einem Vortrag

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