Frage: Was ist mit unseren Sünden am Richterstuhl?
Läuft dort ein Film ab?

Hendrik Leendert Heijkoop

© EPV, online seit: 21.12.2005, aktualisiert: 13.01.2018

Leitvers: 2. Korinther 5,10

2Kor 5,10: Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses.

Frage

Im Blick auf das Offenbarwerden vor dem Richterstuhl Christi hört man oft sagen, unser ganzes Leben werde wie ein Film vor uns ablaufen. Mit diesem Gedanken kann ich mich nicht vertraut machen. Zu dem „ganzen Leben“ gehören doch auch unsere Sünden vor sowie unsere Sünden nach der Bekehrung, die im Selbstgericht verurteilt wurden; und Gottes Wort belehrt uns, dass der Herr unserer Sünden nicht mehr gedenken wird (Jer 31,34). Sie kommen nie mehr in sein Gedächtnis. So fällt es mir schwer, zu glauben, sie würden uns vor dem Richterstuhl noch einmal gezeigt werden, wenn auch nur in Verbindung mit der großen Gnade, die uns von diesen Sünden befreit hat. Wie ist es nun wirklich?

In diesem Zusammenhang eine weitere Frage: Werden wir im Himmel noch eine Erinnerung bzw. das Bewusstsein der Vergebung der Sünden haben? Johannes, noch auf dieser Erde, sagt: „… und uns von unseren Sünden gewaschen hat.“ Im Himmel bringen die Gläubigen diese Gedanken wohl nicht mehr zum Ausdruck?

Antwort

Gottes Wort sagt klar, dass „wir alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden müssen“ (2Kor 5,10), und „offenbar“ kann doch nur bedeuten, dass alles sichtbar wird. Ich glaube auch nicht, dass das im Widerspruch steht zu dem Wort, dass Er unserer Sünden nicht mehr gedenken werde. Es ist der Richterstuhl Gottes, aber der Herr Jesus, unser Erretter, übt das Gericht aus (Joh 5,22.27). Und für uns Gläubige bedeutet das Erscheinen vor dem Richterstuhl nicht ein Gericht, sondern ein Offenbarwerden.

Zweitens: Wir haben es als Gläubige nicht mehr mit Gott (als Gott), sondern mit dem Vater zu tun. Im Hebräerbrief, wo das Verhältnis zwischen Menschen und Gott gesehen wird, heißt es: „Durch ein Opfer hat er auf immerdar [das Wort bedeutet „ununterbrochen“] vollkommen gemacht“ (Heb 10,14). Sobald also jemand an dem Werk des Herrn Jesus teilhat, sieht Gott keine Sünde mehr bei ihm. Aber wir tun doch noch Sünden?

Dazu möchte ich eine Begebenheit erzählen. Vor Jahren diente ich einmal in Norddeutschland, und da ich eilig fortmusste, lief ich schnell zu meinem Auto. Ein junges Mädchen von 13 Jahren, das im Jahr zuvor Frieden gefunden hatte, rannte mir nach. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie sagte: „Wie kommt das, ich bin nicht mehr so glücklich wie im vorigen Jahr?“ Nun ja, ich habe ja meine Erfahrungen mit mir selbst, und dann versteht man auch andere. Ich fragte: „Du bist wohl enttäuscht über dich, nicht?“ – „Ja“, sagte sie und weinte noch mehr. Ich bat: „Denke einen Augenblick nach. Als du im vorigen Jahr zum Herrn kamst, wusste Er da, was du in diesem Jahr sein würdest? Du bist wohl enttäuscht über dich, nicht aber der Herr. Er wusste, was du sein würdest, und doch hat Er dich angenommen.“ Da lachte sie schon wieder, denn daran hatte sie nicht gedacht.

Die wir den Herrn kennen, welche von unseren Sünden hat der Herr getragen? Waren es die, die ich bis zu meiner Bekehrung getan habe? Ja, natürlich, aber nur diese? Dann würde ich auf ewig verloren sein. Wann hat der Herr meine Sünden auf sich genommen? Bevor ich noch eine getan hatte. Aber Er war Gott und wusste, welche Sünden ich tun würde. Kannte Er nur die Sünden vor meiner Bekehrung? Nein, alle, und Er hat sie alle an seinem Leib auf dem Holze getragen. In dem Augenblick also, als ich Ihn im Glauben annahm und so an seinem Werk teilhatte, stand es fest, dass es für mich kein Gericht mehr geben würde. Das ist es, was Hebräer 10,14 sagt, dass Er „mit einem Opfer auf immerdar vollkommen gemacht hat [und das Wort „vollkommen“ bedeutet wirklich „ununterbrochen“], „die geheiligt werden“.

Dazu kommt noch etwas. Wenn der Herr Jesus in Johannes 3 zu Nikodemus sagt, dass der Mensch von neuem geboren werden müsse, nennt Er zwei Mittel: Wasser und Geist. Gottes Wort sagt ausdrücklich, dass Wasser ein Bild von dem Wort Gottes in seiner reinigenden Kraft ist. Epheser 5,26 : „… sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort.“ Ich kann zwar nicht sagen: „Die Bibel ist Wasser“, aber das Wort in seiner reinigenden Kraft, durch den Heiligen Geist auf Herz und Gewissen angewandt, wird durch Wasser dargestellt. Das ist eine Seite des Wortes Gottes, dass es reinigt, eine zweite, dass es uns unterrichtet, weiter, dass es richtet.

Und so sagt der Herr: „Es sei denn, dass jemand aus Wasser und Geist geboren werde …“, das heißt, der Heilige Geist wirkt durch das Wort Gottes auf Herz und Gewissen, so dass wir überzeugt werden, verlorene Sünder zu sein und mit diesem Bekenntnis zu Gott gehen und gleichsam sagen: „Wenn Du nach Gerechtigkeit mit mir handelst, musst Du mich verdammen.“ Nun, das ist der Weg zur Reinigung. Man sollte denken: Durch Erkennen und Bekennen dessen, was wir sind, erfolgt doch keine Reinigung! Nach Gottes Gedanken wohl. In 1. Johannes 1,9 steht: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.“ Das Selbstgericht ist es also, was uns reinigt. Das gilt nicht nur für den Zeitpunkt unserer Bekehrung, sondern auch für unser Leben als Gläubige.

Und selbst im Verkehr der Gläubigen untereinander, ja bei allen menschlichen Verbindungen ist es nicht anders: Nur durch Bekenntnis wird etwas, was nicht richtig ist, hinweggetan – nicht durch Bitten um Vergebung, sondern durch Bekenntnis, und das ist viel schwerer. In dem Augenblick, wo es einem Menschen zum Bewusstsein kommt, dass er ein verlorener Sünder ist und er es Gott bekennt, ist er bekehrt. So war es bei dem verlorenen Sohn, der, als er seinen Zustand erkannte, sagte: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“, und dann hinging. Das war die Reinigung. Der Heilige Geist, der das Wort auf unser Gewissen anwandte, so dass wir zur Bekehrung kamen, hat in derselben Zeit ein neues Leben in uns gewirkt. Bei dem verlorenen Sohn geschah das in dem Augenblick, als er sagte: „Ich will mich aufmachen“, und sich dann auch wirklich aufmachte. Der gute Wille allein genügte nicht; er musste es auch tun.

Und so ist es nicht genug, wenn ein Mensch sagt: „Ich bin ein Sünder.“ Er muss auch zu Gott gehen, um das vor Ihm zu bekennen. Und in dem Augenblick, wo er das tut, wirkt der Heilige Geist in ihm ein neues Leben. Und dieses neue Leben kann nicht sündigen. Es ist ja das Leben des Herrn Jesus selbst, das ewige Leben. Und weil der Herr Jesus der Sohn Gottes ist, bin ich nun ein Kind Gottes. Das kann nicht anders sein. In Johannes 20, nachdem der Herr das Werk vollbracht hatte, sagt Er ja auch: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“, und in Johannes 14: „Ich gehe hin, (in das Haus des Vaters), euch eine Stätte zu bereiten.“ In dem Augenblick also, wo jemand sich bekehrt und, was seine Sünden betrifft, teilhat an dem Werk des Herrn Jesus, kommt er zu Gott in eine ganz andere Beziehung. Bisher war er ein Geschöpf Gottes; nun ist er ein Kind des Vaters. Und wenn er jetzt sündigt, ist das nicht mehr eine Sache zwischen ihm als Mensch und Gott als dem Schöpfer, denn diese Sünden sind vor Gott hinweggetan.

Um ein Beispiel zu nennen: Sollte der Herr noch nicht kommen und ich noch auf Erden bleiben, werde ich zweifellos noch viele Sünden tun. Wenn wir den Maßstab des Wortes Gottes anlegen (z.B. 1Joh 3,4.5), ist jeder Gedanke, der nicht auf dem Gehorsam gegen den Herrn beruht, Sünde. Jedes Wort, das ich spreche, wobei ich nicht beachte, dass der Herr mein Herr ist, und jede Tat, die ich tue, ohne zu berücksichtigen, dass Er mein Herr ist, ist Sünde. Wie viele Sünden werde ich dann tun! Wie viele Worte sprechen wir, ohne nachzudenken! Aber alle diese Sünden, die ich noch tun werde, sieht Gott nicht. Warum? Weil der Herr Jesus das Gericht darüber getragen hat und Gott in Bezug auf diese Sünden befriedigt ist.

Aber mit der Bekehrung bin ich ein Kind Gottes geworden, das heißt, dass Gott mein Vater geworden ist und ich sein Kind. Und so haben meine Sünden wie bei jedem Kind Folgen. Wenn ein Kind sich nicht geziemend verhält, können der Vater und die Mutter nicht einfach darüber hinwegsehen, sondern dann sind sie böse. Sie bestrafen das Kind, und das ist richtig. Genauso handelt Gott der Vater. Er muss die Sünde strafen; aber wir verstehen, dass das nie eine Strafe zum Tode sein wird; und es hat nichts mit dem ewigen Gericht zu tun. Gott wird sein eigenes Kind doch nicht in die Hölle bringen! Ein Kind, das geboren ist, kann sterben, aber die Geburt kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. So ist es auch mit der Wiedergeburt.

Nun zum Richterstuhl Christi. Wer ist Christus, der Richter? Der, der selbst meine Sünden an seinem Leib getragen hat. Ich kenne nicht alle meine Sünden, Er aber wohl. Er hat sie alle, lange bevor ich lebte, also bevor ich sie getan habe, getragen. Und nicht nur das. Nach 3. Mose 16 musste der Hohepriester alle Sünden des Volkes auf den Kopf des zweiten Bockes bekennen. Das bedeutet, dass der Herr Jesus, als Er für mich starb, alle meine Sünden vor Gott bekannt hat. Das ist ein wunderbarer Gedanke; denn nach dem Grundsatz, dass es ohne Bekenntnis keine Vergebung gibt, kann ein Sünder ja nur Vergebung erlangen, wenn er seine Sünden vor Gott bekennt, und zwar alle. Aber wie kann man das verwirklichen? Keiner, der zur Bekehrung kommt, weiß noch alle seine Sünden. Viele hat er nie erkannt, und andere hat er vergessen. Dann wird es also nie Vergebung geben können? Doch, denn hier sehen wir das Wunderbare, dass der Herr alle unsere Sünden nicht nur getragen und das Gericht darüber erduldet, sondern sie auch alle vor Gott bekannt hat. Wenn nun ein Mensch zu Gott kommt und Gott in seinem Gewissen sieht, dass er bereit ist, alles zu bekennen, nimmt Er das Bekenntnis des Herrn Jesus an und vergibt ihm alle Sünden.

Wer ist es nun, der auf diesem Richterstuhl sitzt, vor dem ich offenbart werde? Mein Heiland, der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. Er kennt alle meine Sünden. Er hat sie selbst an meiner Statt vor Gott bekannt und das Gericht darüber getragen. Und ich bin, das kann ich in aller Ehrfurcht sagen, sein Bruder. In Römer 8,29 lesen wir ja, dass es der Ratschluss Gottes war, uns dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu machen, damit Er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Könnte ich dann vor diesem Richterstuhl Angst haben?

Dazu kommt noch etwas anderes. Ich habe z.B. etwas Böses gegen meinen Bruder getan; das ist Sünde. Ich habe es gesehen und bekannt. Aber habe ich wirklich eingesehen, wie böse es war, habe ich den tiefsten Grund erfasst, aus dem diese Sünde hervorkam? Warum war ich so unfreundlich gegen diesen Bruder? Was war die eigentliche Ursache? Der Herr weiß es. In Hebräer 4 lesen wir ja, dass das Wort Gottes durchdringt bis zur Scheidung von Seele und Geist, dass es ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens ist. Gottes Wort wägt also nicht nur meine Taten, sondern auch die Gedanken, die ihnen vorangingen, ja noch mehr: sogar die Quellen, aus denen meine Gedanken entsprungen sind. Und die kenne ich oft selber nicht. Keiner von uns weiß immer, was der tiefste Beweggrund von dem ist, was er tut.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich oft, wenn ich etwas getan hatte, was doch sehr schwach und vielleicht falsch war, zum Herrn gesagt habe: Herr, Du weißt ja, dass es mein Wunsch war, Dir zu dienen. Aber war das wirklich der einzige Ausgangspunkt? Wenn das so wäre, wie könnte dann das Resultat so ausfallen? Der Herr weiß es genau. Aber ich möchte es auch gern wissen. Denn solange etwas in meinem Leben ist, worüber ich anders denke als der Herr, habe ich keine vollkommene Gemeinschaft mit Ihm. Dann steht etwas zwischen Ihm und mir. Und darum muss das Offenbarwerden stattfinden. Vor der Hochzeit des Lammes muss bei der Braut alles geklärt sein, so dass ihre Gefühle und ihre Beurteilung aller Dinge mit ihrem Mann, ihrem Bräutigam in Übereinstimmung sind. Und das geschieht vor dem Richterstuhl Christi. Da werde ich mein ganzes Leben sehen, alle meine Sünden und alles, was nicht Sünde war, alle meine Taten, meine Worte, meine Gedanken, mein ganzes Verhalten im Licht der Herrlichkeit des Lammes, mit den Augen des Herrn Jesus; ich werde die Wirklichkeit von allem erkennen. So hat der Herr es immer gesehen. Von diesem Augenblick an betrachte ich alles wie Er, denke genauso wie der Herr Jesus, habe überhaupt nichts mehr, worin ich anders urteile als Er. Erst dann habe ich vollkommene Gemeinschaft mit Ihm, und das ist doch der Wunsch von jedem, der den Herrn kennt.

Dazu kommt das, was wir in Lukas 7,42-48 lesen: Wem viel vergeben ist, wird viel lieben. Wir danken dem Herrn jetzt, wenn wir sehen, dass Er uns viele Sünden vergeben hat. Aber wenn wir erkennen, dass es tausendmal mehr waren, als wir gedacht hatten, werden wir Ihn dann nicht viel mehr lieben? Ich bezweifle es nicht. Und das wird das Resultat des Offenbarwerdens vor dem Richterstuhl Christi sein: dass wir Ihn noch viel mehr lieben, weil wir sehen, dass seine Gnade noch unendlich viel größer war, als wir jemals geahnt hatten.

Wenn wir vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, tragen wir schon unsere Kronen (Off 5) und sitzen schon in langen priesterlichen Gewändern auf Thronen. Und wir sehen Ihn, der auf dem Thron sitzt, der alles offenbart: den Sohn Gottes, der mich geliebt hat. Könnte es auch nur einen Augenblick lang Angst in meinem Herzen geben, wenn ich da offenbar werde? Oder kann im Gedanken daran schon jetzt Angst in meinem Herzen aufkommen? In 1. Johannes 4 lesen wir ja, dass wir, die Glaubenden, jetzt schon dieselbe Gerechtigkeit besitzen, die Er, der Herr Jesus, jetzt im Himmel hat. Ich stehe daher so vor Gott, als ob ich nie eine einzige Sünde getan hätte. Durch das Werk des Herrn Jesus bin ich vor Gott ununterbrochen vollkommen. Das bedeutet, dass ich die gleiche Gerechtigkeit besitze, die der Herr Jesus hat; und Er hat in seinem Leben nie gesündigt.


Originaltitel: „Fragen und Antworten“
aus Hilfe und Nahrung, Ernst-Paulus-Verlag, 1970, S. 34–39

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