Die letzten Tage des Christentums

John Nelson Darby

© SoundWords, online seit: 10.03.2005, aktualisiert: 30.12.2017

Ist das große abtrünnige System, ob in politischer oder kirchlicher Hinsicht, dazu bestimmt, an Stärke und Größe zuzunehmen, bevor der Tag seines Untergangs und Gerichts herannaht? Beachten wir die Beschreibungen der Zustände der Frau in Offenbarung 18 und die des Tieres in Offenbarung 13 und Offenbarung 19!

Ist nicht die gegenwärtige Zeit, durch die wir gehen, ein Beweis dafür? Sehen wir nicht, wie das große abtrünnige Kirchensystem dazu übergeht, sich mit Riesenschritten der Welt zu bemächtigen? Und ist nicht die Welt, als ein politisches oder soziales Gebilde, dabei, sich im Hinblick auf Fertigkeiten und Neuerungen ständig zu verbessern, um in beispielloser Weise alle stolzen und begehrenswerten Dinge zu kultivieren? Sind diese Dinge nicht so offensichtlich, dass sie selbst einem weniger interessierten Beobachter auffallen? Und ist dies alles nicht ein Beweis dafür, dass die Frau und das Tier auf dem besten Weg sind zur vollen Entfaltung ihrer verschiedenartigsten Formen von Größe und Pracht, die nach dem Wort Gottes bestimmt sind, ihrem Gericht vorauszugehen? Ich muss von mir sagen, dass mir diese Tatsachen ganz klar und einfach vor Augen stehen.

Gibt es irgendeinen Hinweis in Gottes Wort, dass die Heiligen oder die Kirche vor der Stunde der Entrückung zu einem Zustand der Schönheit und Stärke aufsteigen? Wie wir gesehen haben, wird das abtrünnige System vor seinem Gericht von Größe und Pracht gekennzeichnet sein. Wird das Wahre in seiner ihm eigenen Schönheit und Stärke vor seiner Aufnahme in Herrlichkeit hervorragen? Das ist eine bewegende Frage. Welche Antwort geben uns die Aussprüche Gottes darüber?

Paulus stellt in 2. Timotheus den gefährlichen Charakter der „letzten Tage“ vor sowie den Niedergang der Kirche, den wir in unseren Tagen um uns her sehen. Aber welchen Zustand der Heiligen oder Auserwählten Gottes, der dem Verfall folgen soll, verheißt uns Paulus? Ich kann mit aller Gewissheit sagen, dass er weder die Wiederherstellung der Ordnung der Kirche verheißt noch die Wiedererstehung des Hauses Gottes, auch nicht das Wiedererscheinen der gemeinsamen Schönheit und Stärke, die dieser Haushaltung eigen sind; sondern vielmehr ermahnt er die reinen Herzens sind, gemeinsam den Herrn, abgesondert von den Gefäßen der Unehre, die in dem „großen Haus“ sind, anzurufen und auch gemeinsam den Tugenden zu folgen und die Gnaden zu schätzen, die diesen geziemen und eigen sind.

Auch Petrus schreibt in seinem zweiten Brief über die „letzten Tage“ und die furchtbaren unreinen Abscheulichkeiten unter den Bekennern sowie über die verwegenen gottlosen Spöttereien in der Welt hinsichtlich der göttlichen Verheißungen. Er gibt uns aber keinen Hinweis auf eine wiederhergestellte Ordnung und Stärke in der Kirche oder gemeinsame geistliche Aktionen. Er ermahnt die Heiligen ganz einfach, in der Gnade und Erkenntnis des Herrn und Heilandes zuzunehmen sowie versichert zu sein, dass die Verheißung seiner Macht und Ankunft nicht auf künstlich erdichteten Fabeln beruht. Er weist auch auf den Eingang in das ewige Reich hin, niemals aber ist die Rede von einer wiederhergestellten Kirchenordnung auf Erden.

Judas erwähnt in gleicher Weise das „Ende der Zeit“ und die grauenvollen Verderbnisse, wie z.B. die „Verkehrung der Gnade Gottes in Ausschweifung“. Er gibt uns aber keinen Hinweis auf die Wiederherstellung der Schönheit und Beständigkeit früherer Tage, sondern ermutigt die „Geliebten“, sich selbst zu erbauen auf dem allerheiligsten Glauben und sich selbst zu erhalten in der Liebe Gottes. Er ist aber weit davon entfernt, irgendwelche Hoffnungen auf eine Wiederherstellung der Ordnung und Stärke der Kirche auf Erden zu machen. Vielmehr weist er auf etwas gänzlich anderes hin, nämlich auf die „Erwartung der Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben“.

Johannes stellt uns auf seine Art das Gericht über die sieben Versammlungen in Offenbarung 2 und 3 vor. Es ist ein sehr ernstes Bild. Es wird einiges Gute und viel Böses unter ihnen gefunden. Die Stimme des Geistes, die da gehört wird, enthält heilsame Mitteilungen für uns, sowohl persönlich wie auch im Hinblick auf Versammlungszustände. Es gibt aber kein Anzeichen, dass das Gericht Korrektur und Wiederherstellung bewirkt. Die Kirchen sind gerichtet und verbleiben unter dem Gericht, und wir finden sie nicht mehr auf der Erde; das Nächste, was wir von den Auserwählten sehen, ist ihre Anwesenheit im Himmel (siehe Off 4).

Alles dieses ist sehr ernst und doch auch zugleich glückselig. Alles bewahrheitet sich in eindrucksvoller Weise vor unseren Augen im gegenwärtigen Augenblick in den großen moralischen Erscheinungsbildern. Denn wir wissen, dass die großen abtrünnigen Dinge dieser Welt, ob politisch oder kirchlich, zunehmend heranreifen zur vollen Blüte ihrer Kraft und Schönheit, während das Wahre zerbrochen, entkräftet und verwüstet ist und in keiner Weise erwarten lässt, dass eine Rückkehr zu dem stattfinden wird, was es einst in Tagen gemeinsamer Ordnung und Kraft besessen hatte.

Aber es ist gut so. Es ist gnädig vom Herrn, uns in seinem Wort den Weg zu weisen, den wir gehen sollen, und Licht darauf zu werfen, was wir sehen sollen. Es ist auch gut, zu wissen, dass unsere Entrückung nicht abhängig ist von einem wiedererlangten Zustand der Ordnung in der christlichen Haushaltung. Denn nach dem gegenwärtigen Erscheinungsbild hätten wir dann wohl lange zu warten, bis dieses Ereignis eintreten könnte.

Weiter können wir bemerken, dass in der Zeit, in der der Herr Jesus sich aufmachte, die armen Gefangenen Satans zu befreien, Satan im selben Augenblick frische Kräfte des Bösen aufbot, um seine Gefangenen in den bedauernswertesten Zustand zu versetzen. Das ist eine weitere Tatsache, der wir im ganzen Wort Gottes begegnen, dass das abtrünnige Gebilde immer dann zu Macht und Größe kommt, wenn sein Untergang und Gericht vor der Tür steht, und dass das, was Christi ist, sich im Zustand der Schwachheit und des Zusammenbruchs in dem Augenblick befindet, wo Er durch seine Hand im Begriff steht, Befreiung zu bringen.

Joseph, Mose und David sind Beispiele dafür. Einer wurde aus dem Gefängnis berufen, um eine Nation zu ernähren und zu regieren; einer wurde aus der vergessenen, entfernten Einöde genommen, wo er der Hut der Herde wartete, um eine Nation zu befreien; der Dritte wurde aus seiner Verwandtschaft heraus, die ihn missachtete und geringschätzte, erweckt und bestätigt, um ein ganzes Volk und Reich durch seine Hand aufrechtzuerhalten. Und was uns wirklich inmitten dieser Zustände in Erstaunen versetzt, ist die Tatsache, dass einige von ihnen den Platz der Erniedrigung und Benachteiligung ihrer eigenen Sünde und dem Gericht Gottes verdankten. So war es bei Mose und David. Joseph, nehme ich an, war ein Märtyrer und gelangte von den Leiden um der Gerechtigkeit willen zu der Größe der Belohnungen der Gnade.

So war es auch bei David in den Tagen Sauls, bevor David zu seinem Königtum kam. Aber später war David kein Märtyrer, sondern ein Büßer. Er hatte sich selbst den Verlust, die Bedrückung und Erniedrigung, die einhergingen mit der Rebellion Absaloms, zuzuschreiben; und die Sünde, die all dies hervorgebracht hatte, zog dies schwerere Gericht der Gerechtigkeit nach sich: „So soll von deinem Haus das Schwert nicht weichen ewiglich.“ So war es auch. Somit blieb er unter Zucht; es stellte sich der Verfall wegen seiner Ungerechtigkeit ein. Er ist aber auch ein Beispiel der Heimsuchung Gottes in Heiligkeit, als plötzlich in den Tagen Salomons sein Haus in Glanz und Stärke erstrahlte.

Ähnlich war es mit Mose. Mose, nehme ich an, war in seinen früheren Tagen ein Märtyrer, z.B. in Midian. Von dort, wo sein Glaube ihn hingebracht hatte, kommt er in Ehre und Freude, um Israels Befreier zu sein. Aber gleich David kommt er in späteren Tagen unter Zucht – das Gericht Gottes für seinen Unglauben und seine Sünde. Sein Versagen, wie wir wissen, ereignete sich an den Wassern zu Meriba, und zwar in einer Weise, die in jeder Hinsicht für ihn das Recht verwirkte, in das Land der Verheißung einzugehen. Und nichts konnte bis zum Ende diesen Vorsatz Gottes ändern. In dieser Weise wich das Schwert nicht vom Hause Mose wie auch von Davids Haus. Er bat den Herrn diesbezüglich, aber immer umsonst. Er ging nie in das Land ein; er war und blieb unter Zucht, selbst als die Gnade überströmte; denn dem Grundsatz nach wurde er entrückt, wurde auf den Gipfel des Berges getragen, zu den Höhen des Pisga und nicht zu den Gefilden Kanaans, nicht zu den Ebenen Jerichos und des Jordan.

So standen die Dinge. Es ist aber besser, vom Herrn gezüchtigt zu werden, als mit der Welt umzukommen; denn das Arme, Schwache und Gezüchtigte wird im Licht und der Erlösung Gottes vorangetragen, während die Stolzen und Starken sich Ihm werden beugen müssen.

Es gibt keine neutestamentliche Verheißung, dass die Kirche ihre Festigkeit und Schönheit vor ihrer Entrückung wiedererlangen wird. Sie geht von ihrem Verfall hinüber in ihre Herrlichkeit, während die Welt von ihrer Größe zu ihrem Gericht und Verfall zusammensinken wird, ein offenbarer Beweis des Gerichtes Gottes. Das Schwert wird niemals vom Haus weichen.

So möchte ich, Geliebte, im Licht dieser Wahrheiten sagen: „Seid getrost, wenn ihr umherblickt und das, was heutzutage stark ist und das, was schwach ist, seht.“ Aber dieses möchte ich noch hinzufügen: „Lasst nicht die Schwachheit, die gemeinsame oder die kirchliche Schwäche der Gläubigen, über die ich spreche, Anlass für persönliche, moralische Erschlaffung sein.“ Dies wäre eine traurige und schreckliche Anwendung der Wahrheiten, über die wir reden und die wir den Schriften entnehmen. Wir sollten uns wie bisher entschlossen von allem Bösen fernhalten und alle Gedanken und Wege der Heiligkeit sorgfältig wertschätzen.

Wir werden es bei der Betrachtung der Geschichte Israels natürlich schwierig finden, ob wir sie als Märtyrer oder Büßer einordnen sollen. Ich glaube, dass wir das Schicksal von beiden in ihnen sehen. Mehr vielleicht, nehme ich an, von dem Letzteren. Wie dem auch immer sei, ihre Wiederherstellungen und Erlösungen verdeutlichen uns das Geheimnis, das sich uns darbietet, dass nämlich das Abtrünnige im Augenblick seiner höchsten Macht und Stärke zum Gericht schreitet und dass das Wahre sich aus Gebrechen und Trümmern zu seiner Herrlichkeit und Glückseligkeit erhebt.

Israel war in Ägypten unter der Knute der Treiber des Pharao zu Ziegelbrennern tief herabgesunken. Gerade als der Herr Mose mit seinem Stab zu ihrer Befreiung sandte, verschlimmerte sich ihr Los, indem man ihnen aufgab, ohne die frühere Strohzuteilung die gleiche Menge an Ziegeln zu formen.

So auch in Babylon. Der Feind fügte ihren Banden Schmerzen hinzu, indem er in heidnischer Missachtung der Gefangenschaft Jerusalems und ihres Tempels Festfeier hielt, als in selbiger Nacht der Befreier Israels in Babylon eingriff.

So auch in Persien. Der Erlass hatte einen Tag für ihre Vernichtung bestimmt, und jener Erlass durfte und konnte nicht geändert werden. Ihr amalekitischer Verfolger war an der Macht, und so weit das Auge blicken konnte, befand sich alles im Zustand äußerster Zerstörung. Aber Haman fiel und die Juden wurden befreit.

Und so wird es diesem Volk erneut ergehen (5Mo 32,36; Jes 59,16). „Zur Zeit des Abends wird es Licht sein.“ Die Stadt wird eingenommen werden. Alle Bewohner der Erde werden sie am Tag ihrer Belagerung und Bedrängnis umzingeln. Die Hälfte der Stadt wird in die Gefangenschaft gehen. Die Häuser werden geplündert und alles wird wüst und gedemütigt sein. Der Herr aber wird vom Himmel in jenem Augenblick alles zum Guten wenden. „Zur Zeit des Abends wird es Licht sein.“ Die Schatten des Todes werden dem Morgen weichen (siehe Sach 14,7).

Ein weiteres Beispiel war Kaiser Augustus in Stärke und Majestät. Seine Prokonsulen waren in den weit entfernten Provinzen. Sein Erlass war bis an die Enden der Erde ausgegangen. Das römische Imperium stand in seiner Schönheit und Ordnung da, gerade als der Herr Jesus geboren wurde (Lk 2). Der Überrest war schwach. Die Familie Davids lebte in Nazareth und nicht in Jerusalem. Die Hoffnung Israels lag in einer Krippe zu Bethlehem. Ein oder zwei fromme, einsame, erwartungsvolle Heilige besuchten den Tempel. Hirten wurden während ihrer Nachtwache Herrlichkeiten geoffenbart. Israel war zusammen mit dem Haus Davids gefallen; sie waren jeder für sich gemäß ihrer Ungerechtigkeit und nach dem Urteil Gottes gefallen. Der römische Souverän konnte den Söhnen Israels gebieten, von Galiläa nach Judäa zu ziehen, um besteuert und geschätzt zu werden, wie alles übrige römische Eigentum. Der Herr stand aber schon bereit. Das Kind, bestimmt zum Fall und Aufstehen vieler, war gerade geboren worden. Möchten wir deshalb gottgemäß Mut fassen und nicht nach dem Fleisch urteilen, sondern nach dem Licht des Herrn.

Wiederum möchte ich mit dem Apostel sagen, dass es besser ist, vom Herrn gerichtet zu werden, als mit der Welt umzukommen. Das Gericht hat am Haus Gottes angefangen. Er widersteht dem Hochmütigen und erhöht die Niedrigen. Die Leuchter kommen unter die durchdringende und erforschende Kraft dessen, „der Augen wie eine Feuerflamme hat“. So kennen wir sie auf Erden. Der Platz der Züchtigung erweist sich aber der Stätte der Herrlichkeit am nächsten (Off 1–4).

Für den Glauben ist es richtig und voller Trost, fremd allerdings für die Überlegungen und die Religion der Menschen. Die Kirche wird aus ihren Trümmern zu ihrer Herrlichkeit gehen, die Welt wird von ihrem stolzesten Augenblick der Größe zum Gericht gelangen. Gott erhebt den Armen aus dem Kot und lässt ihn unter den Edlen sitzen.

Ich wünschte, die Heiligen Gottes wären getrennt von den Vorsätzen und Erwartungen der Welt. „Gehet aus ihr hinaus, mein Volk.“ Der Herr wird seine eigenen Grundsätze rechtfertigen und seine eigenen Gedanken für ewig befestigen, wenn auch die Stimmen, die sie bezeugen, im Getöse des Weltjubels unterzugehen scheinen.

Möge das Herz des gedemütigten, zerbrochenen Gläubigen in Ihm getröstet werden.


Übersetzt aus „The Closing Days of Christendom“
Quelle: www.stempublishing.com

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