Wo suchen wir unser Glück?
Hebräer 4,1-13

John Nelson Darby

© SoundWords, online seit: 18.08.2012, aktualisiert: 06.12.2017

Leitverse: Hebräer 4,1-13

Heb 4,1-13: 1 Fürchten wir uns nun, dass nicht etwa, da eine Verheißung, in seine Ruhe einzugehen, hinterlassen ist, jemand von euch scheine zurückgeblieben zu sein! 2 Denn auch uns ist eine gute Botschaft verkündigt worden, wie auch jenen; aber das Wort der Verkündigung nützte jenen nicht, weil es bei denen, die es hörten, nicht mit dem Glauben verbunden war. 3 Denn wir, die wir geglaubt haben, gehen in die Ruhe ein, wie er gesagt hat: „So schwor ich in meinem Zorn: Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden!“, obwohl die Werke von Grundlegung der Welt an geworden waren. 4 Denn er hat irgendwo von dem siebten Tag so gesprochen: „Und Gott ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken.“ 5 Und an dieser Stelle wiederum: „Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden!“ 6 Weil nun übrig bleibt, dass einige in sie eingehen und die, denen zuerst die gute Botschaft verkündigt worden ist, des Ungehorsams wegen nicht eingegangen sind, 7 so bestimmt er wiederum einen gewissen Tag: „Heute“, in David nach so langer Zeit sagend, wie vorhin gesagt worden ist: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht.“ 8 Denn wenn Josua sie zur Ruhe gebracht hätte, so würde er danach nicht von einem anderen Tag geredet haben. 9 Also bleibt eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig. 10 Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ist auch selbst zur Ruhe gelangt von seinen Werken, wie Gott von seinen eigenen. 11 Lasst uns nun Fleiß anwenden, in jene Ruhe einzugehen, damit nicht jemand nach demselben Beispiel des Ungehorsams falle. 12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens; 13 und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben.

Es ist gut, und doch in einem Sinne schrecklich – stets schrecklich für das Fleisch –, zu wissen, dass wir „mit Gott zu tun haben“ (Heb 4,13). Die natürliche Neigung des Herzens ist, sich davon loszumachen und dann Gottes Gegenwart zu scheuen und zu fürchten (wie sich das ungehorsame Kind fürchtet, den Augen seiner Eltern zu begegnen). Jeden Augenblick aber und in jeder Lage ist es Gott, mit dem „wir es zu tun haben“.

Menschen, die immer nach anderen Ursachen forschen, befinden sich im wirklichen Unglauben; und der Christ – wenn er sich lediglich versucht in den Umständen zu beruhigen, so verliert er den Gedanken „mit Gott zu tun zu haben“ aus dem Blick. Doch welch ein Segen und Nutzen liegt in dem Bewusstsein: Wir haben allezeit „mit Gott zu tun“!

Suchen wir Glückseligkeit, wo sollen wir sie finden? Wo finden wir den Segen, den nichts erreichen oder hindern und nichts schmälern kann, außer in Gott? Er ist nicht allein die Quelle unseres Segens, sondern der Segen selbst. In der Tat sind seinen Kindern viele äußerliche Segnungen auf dem Weg gegeben, und diese können sogar Unbekehrte haben; aber die Kraft, die Erquickung und die Freude des Christen ist diese: Er hat „mit Gott zu tun“. Gott ist die Quelle und der Mittelpunkt seines Segens.

Wenn wir einmal dahin gekommen sind, Gott wirklich zu kennen, so kennen wir Ihn auch als Liebe. Denn wir wissen, dass uns alles von Ihm kommt, obgleich wir in einer Wüste sind, wo außer den Umständen nichts von Bedeutung ist, und wir verstehen alles durch seine Liebe. Ich mag berufen sein, durch Mühe, durch Trübsal und Versuchungen aller Art als einem Teil der göttlichen Erziehung zu gehen; aber ich weiß, dass dies alles von Gott kommt; es kommt aus einer Quelle, zu der ich Zuversicht habe. Ich sehe durch die Umstände Ihn, und nichts kann mich von seiner Liebe trennen.

Wo Gott aber nur wenig gekannt wird und wo darum auch kein Vertrauen zu seiner Liebe ist, da wird in den vielfältigen Umständen Unzufriedenheit, Murren und Empörung sein. In einem solchem Fall wird das Bewusstsein, „mit Gott zu tun zu haben“, mehr Furcht als Freude verursachen. Johannes sagt: „Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1Joh 4,16).

Es ist nicht gut, dass wir oft in den Umständen, in denen wir uns gestellt finden, lange stille stehen und unsere Fehler und das Gericht darüber betrachten. Dies gäbe nur den Beweis, dass unsere Seele nicht völlig in der Gemeinschaft mit Gott lebte. Das, womit wir beschäftigt sein sollen, sind nicht die Umstände, sondern das, was Gott durch diese beabsichtigt.

Das Gewissen muss gleichwohl in Übung sein; denn es ist ebenso wahr, dass wir es in unserem Gewissen „mit Gott zu tun haben“. Dies ist sicher sehr nützlich, aber nicht so angenehm. „Alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir zu tun haben“ (Heb 4,13). Und dennoch ist es bei alledem gut, dass nichts der Hand und dem Auge Gottes entfliehen kann. Welch ein Glück ist es, dass Er jeden Gedanken unserer Herzen versteht, der den Segen verhindern oder die Gemeinschaft mit ihm stören könnte! Es mag da ein verborgenes Übel sein (eins von den unzähligen Dingen, die, wenn sie begünstigt würden, unsere Freude an Gott hinderten), das in meinem Herzen wirkt, und ich bleibe dennoch unberührt davon; wohlan, Gott sendet irgendeinen Umstand, der mir das Übel aufdeckt, in der Absicht, dass es hinweggetan werde. Ist das nicht Segen? Der Umstand erzeugt nicht das Übel, das rege wird; er wirkt nur, damit es im Herzen gefunden und offenbar gemacht werde. Seitdem ich „mit Gott zu tun habe“, bin ich fähig, das in mir befindliche Übel zu verstehen, was ich vorher nie verstand, nicht einmal dessen Dasein kannte. Gott macht die Gedanken und die Absicht unserm Herzen kund; Er kann nicht ruhen, solange noch irgendetwas da ist, was unsere Liebe und unser Vertrauen zu Ihm und unseren Trost und unsere Freude in Ihm aufhält. Ist das Übel offenbar gemacht, sind die Umstände alle vergessen, dann wird Gottes Absicht allein gesehen.

Das Herz des Menschen (von Natur) sucht Ruhe und sucht sie auf der Erde. Doch hier ist jetzt keine Ruhe für den Heiligen zu finden; aber es steht geschrieben: „Also bleibt eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig“ (Heb 4,9). Dies Bewusstsein bringt eine Fülle von Freude, aber auch eine Fülle von Schmerz – Schmerz für das Fleisch, weil es immer beschäftigt ist, hier die Ruhe zu suchen, und immer getäuscht wird –, Freude für den Geist, der, hervorgegangen aus Gott, nirgends anders als in Gottes eigener Ruhe ruhen kann, wie gesagt ist: „Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden“ (Heb 4,5). Gott kann nicht im Verderben der Sünde ruhen. Er kann nur in Dem ruhen, was vollkommen heilig ist. Und weil Er, der also ruht, Liebe ist und uns liebt, so lässt Er uns verstehen, dass Er uns in seine eigene Ruhe, in seine eigene Glückseligkeit bringen will.

Hat die Seele einmal verstanden, was diese Ruhe Gottes ist, ist das Herz einmal in dieselbe versetzt, so werden wir eine unaussprechliche Freude in dem Bewusstsein haben, dass Gottes Liebe nicht eher ruhen kann, bis sie auch uns in ihre eigene Glückseligkeit gebracht hat. Dann werden wir die völlige und bestimmte Überzeugung haben, dass wir sonst nirgends Ruhe finden können. Es gibt in der Tat Erquickungen auf dem Weg, aber von dem Augenblick an, wo wir darin ruhen, werden sie uns, wie die Wachteln den Kindern Israel, zum Gift (4Mo 11).

Sobald die Seele praktisch das Bewusstsein verliert, dass sie in Gott ruht, so richtet sich augenblicklich das Auge auf das Vergängliche; wir fangen dann an, hier eine Ruhe zu suchen, und gehen folglich ruhelos und unzufrieden einher. Zu jener Zeit, wenn wir etwas finden, worin wir zu ruhen versuchen, finden wir in Wahrheit nur eine neue Quelle von Schmerz und Kampf, eine Quelle von Unruhe und Betrübnis für das Herz. Gott liebt uns zu sehr, als dass Er uns könne auf der Erde ruhen lassen. Ist es auch deine Freude, lieber Leser, deine Ruhe nirgends anders als in seiner Ruhe zu finden?

Worin besteht das Geheimnis der Unzufriedenheit und Unruhe so vieler Gläubigen? – In dem Trachten nach der Ruhe auf der Erde. Und deshalb ist Gott genötigt, diese Seelen zu erziehen und zu unterweisen; zu erlauben, dass durch irgendeinen Umstand die wahre Stellung ihres Herzens durch Prüfung dessen, worauf der Wille oder die Neigung gerichtet ist, aufgedeckt werde. Die Umstände würden uns nicht beunruhigen, wenn sie nicht irgendetwas in uns fänden, was gegen Gott wäre; sie würden vorbeirauschen wie der Wind. Gott begegnet dem in uns, was unsere Gemeinschaft mit Ihm stört, und veranlasst uns, unsere Ruhe in Ihm allein zu suchen. Seine Erziehung ist die beständige und unermüdliche Übung der Liebe, die nicht eher ruhen kann, als bis wir in seine Ruhe eingegangen sind. Wenn Er unsere Ruhe auf der Erde stört, so geschieht dies nur, damit wir in seine Ruhe kommen mögen und besitzen, was nicht unserem, sondern seinem Willen entspricht. Er will aber, dass wir in seiner Liebe ruhen, „denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ist auch selbst zur Ruhe gelangt von seinen Werken, wie Gott von seinen eigenen“ (Heb 4,10). Es handelt sich hier nicht um die Rechtfertigung oder die Ruhe des Gewissens als vor einem Richter, der völlig befriedigt ist: „Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“ (Röm 5,19). Wiederum: „Durch ein Opfer hat er auf immerdar die, welche geheiligt werden, vollkommen gemacht“ (Heb 10,14). Der Gläubige hat schon ganz und gar von seinen eigenen Werken als solchen abgestanden. Er hat Frieden durch das Blut Christi.

Es handelt sich hier allein um die, die gerechtfertigt sind, um solche, die Gott in seine Familie aufgenommen hat, die Er erzieht, um sie in seine eigene Seligkeit und Ruhe einzuführen. Wenn ich als Vater mich über etwas erfreue, so ist es unmöglich, dass, wenn ich mein Kind wirklich liebe, ich nicht wünschen sollte, dass es sich mit mir freue. Und wenn wir, die wir böse sind, also tun, wie viel mehr wird dies unser himmlischer Vater tun. Was Gott für uns wünscht, wie wir gesehen haben (und es erfreut Ihn, also zu handeln), ist, uns teilnehmen zu lassen an der Freude über alles das, was Ihn selbst erfreut. Er hat uns der göttlichen Natur teilhaftig gemacht, damit wir davon genießen sollen. Die Hebräer waren beständig der Gefahr ausgesetzt, hier eine Ruhe auf kurze Zeit zu suchen und nicht ein Leben des Glaubens zu leben. Die große Sache aber, um die es sich bei dem Apostel handelt, ist, dass Gott hier seine Ruhe nicht hat. Solange noch etwas vorhanden ist, was die Glückseligkeit seiner Liebe stört, so lange kann Er nicht ruhen, und dies ist durch eine Menge von Zeugnissen bewiesen (siehe Heb 4,3-8).

Der Apostel versetzt sich mit jenen in dieselbe Stellung, wenn er sagt: „Denn wir, die wir geglaubt haben, gehen in die Ruhe ein.“ Es war nicht nötig, ihnen dies zu beweisen, ebenso wenig als es für uns selbst nötig ist, zu beweisen, dass sie noch nicht in der Ruhe waren. Sie hatten einen großen Kampf der Leiden ausgehalten; sie waren durch Schmach und Drangsal zur Schau gestellt und Mitgenossen derer geworden, die sich in solchen Umständen befanden (Heb 10,32.33). Sie waren noch immer in solchen Umständen, in denen ihnen zugerufen werden musste: „Denn ihr bedürft des Ausharrens, auf dass ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Verheißung erlangt“ (Heb 4,36). Die Ermahnungen „Fürchten wir uns also“ (Heb 4,1) und „Lasst uns nun Fleiß anwenden“ (Heb 4,11) sind in der Tat mit dem Zustand der Ruhe nicht zu vereinigen.

Es scheint hart zu sein, wenn uns in einem Augenblick die herzlichsten Versicherungen der Liebe und Treue Gottes vorgestellt werden und in dem nächsten uns zugerufen wird: „Fürchten wir uns nun, dass nicht etwa, da eine Verheißung, in seine Ruhe einzugehen, hinterlassen ist, jemand von euch scheine zurückgeblieben zu sein!“ (Heb 4,1). Doch Gott hört nie auf, uns auf diese Weise zu warnen, dass wir stets unsere Verantwortlichkeit gegen Ihn fühlen, während wir auf dem Weg zur Ruhe sind. Würde von der Rechtfertigung die Rede gewesen sein, so hätte Er ihnen zurufen müssen: „Fürchtet euch nicht, und wirket nicht! Denn Christus hat alles für euch getan!“, und: „Dem aber, der wirkt, wird der Lohn nicht nach Gnade gerechnet, sondern nach Schuldigkeit“ (Röm 4,4).

Dies „Fürchten“ und dies „fleißig sein“ beginnt dann, wenn die Frage von der Rechtfertigung beseitigt ist, und zwar beseitigt für immer. Dieser gesegnete Grundsatz offenbart uns, dass wir es jetzt „mit Gott zu tun haben“. Wenn wir völliges Vertrauen zu der Liebe Gottes haben, wenn wir seine Ruhe hoch schätzen, so fürchten wir alles, nicht nur die Versuchungen und Fallstricke auf dem Weg, sondern auch jedes Wirken des Fleisches – alles, was sich zwischen Gott und uns stellen will. Die Segnungen bleiben bis zum Ende gesichert – „aufbewahrt“, wie geschrieben steht, „für uns in den Himmeln“; aber das Gewissen spricht also: Wie könnte ich ein so großes Übel, wie könnte ich eine Sünde gegen Gott tun! Es ist durch Glauben, dass wir durch Gottes Macht zum Heil bewahrt werden, das bereit ist, in der letzten Zeit offenbart zu werden (1Pet 1,5). Der Glaube verwirklicht die Gegenwart Gottes; deshalb ist es auch eine heilige Furcht – wir bringen die Zeit unserer Fremdlingschaft in Furcht zu.

Paulus schreibt den Philippern: „Brüder, ich denke von mir selbst nicht, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Vergessend, was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus“ (Phil 3,13.14), und wiederum: „ob ich auf irgendeine Weise hingelangen möge zur Auferstehung aus den Toten“ (Phil 3,11). Warum sieht er nicht die Gewissheit des Endes? Weil er sowohl den Weg als auch das Ende und die Schwierigkeiten des Weges sieht. Paulus fürchtet alles, was ihn auf seiner Laufbahn aufhalten und ihn für einen Augenblick auf einen Abweg lenken könnte (das Fleisch wandelt immer auf Abwegen, wenn es dazu Erlaubnis erhält); und er fügt dann hinzu: „Seid zusammen meine Nachahmer, Brüder, und seht hin auf die, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt. Denn viele wandeln, von denen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage, dass sie die Feinde des Kreuzes des Christus sind: deren Ende Verderben, deren Gott der Bauch und deren Ehre in ihrer Schande ist, die auf das Irdische sinnen“ (Phil 3,17-19).

Wo diese heilige Furcht ist, kennen wir, weil die Verheißung der Ruhe Gottes vorhanden ist, das Ende des Weges; aber wir wenden Fleiß an, „in jene Ruhe einzugehen, damit nicht jemand nach demselben Beispiele des Unglaubens falle“ (Heb 4,11). Die Gnade wird ein solches Resultat verhindern; doch das Fleisch führt stets dahin, und darum kann auch der nicht erneuerte Bekenner nichts anderes als die Wirkung des menschlichen Willens hervorbringen. Der natürliche Mensch hat sozusagen keine Furcht vor dem Satan, aber er hat, wenn er nicht ganz verhärtet ist, große Furcht vor Gott. Der Heilige Gottes hat keine Furcht (Angst) vor Gott, während er große Furcht vor dem Satan hat. Der Herr Jesus sagt von seinen Schafen: „Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen“ (Joh 10,5). Sie haben Misstrauen gegen alles, aber sie kennen die Stimme ihres Hirten (Joh 10,27). Besonders aber fürchten sie den Wolf, weil dieser ihre Schwächen kennt. Wenn jemand sagt: „Der Ausgang ist sicher, es kann nimmer fehlen“, so würde das Schaf erkennen, dass dies nicht die Stimme des wahren Hirten wäre. Es tut Not, dass wir gegen alles wachsam sind, was unsere Augen gegen die himmlische Herrlichkeit verdunkeln könnte oder was uns verhindern wollte, allein in Gott befunden zu werden, mag es auch noch so schön scheinen, wachsam gegen jegliche Neigung, die uns auf einen Abweg ziehen will. Wenn das Auge einfältig ist, so ist der ganze Leib Licht; und dann ist jedes Übel aufgedeckt und allein auf Gott gerichtet. Es ist nichts Unzuverlässiges in der Liebe Gottes; aber dabei ist es gewiss, dass wir in einer Wüste sind, wo wir zu „fürchten“ und „Fleiß anzuwenden“ haben.

Die Heiligen wissen, dass dies ein „dürres und trockenes Land ohne Wasser ist“; aber sie wandeln darin in der Gegenwart Gottes, und ihre Seele wird gesättigt wie in einem fetten und fruchtbaren Land, und sie trinken aus dem Strom seiner Freuden. Die Befreiung aus Ägypten führt in die Wüste. Wenn wir nicht Gott darin haben, so haben wir nichts. Es ist nicht das Geringste in dieser weiten Welt, was den neuen Menschen erfrischen könnte, ebenso wenig als im Himmel etwas zur Sättigung des alten Menschen ist. Würden wir Gottes Auge und Hand aus dem Blickfeld verlieren, wir hätten dann weiter nichts als unsere eigene Torheit und eine Sandwüste um uns her. Würde man zu einem Heiligen sagen: „Die Ruhe beim Ende ist köstlich“, würde er erwidern: „Es ist nicht genug für mich, dieses zu wissen; ich wandle jetzt mit Gott; ich ruhe jetzt in ihm; ich kenne ihn jetzt; ich genieße jetzt seine Gegenwart; ich kann, ohne Gott selbst als mein gegenwärtiges Teil zu haben, nicht zufrieden sein, und ich fürchte im höchsten Grade alles, was sich zwischen Ihn und mich drängen will.“ Während das Auge auf Gott gerichtet ist und die Seele in Ihm ruht, sind auch die Wege und nicht allein das Ende köstlich für uns und werden für uns Kanäle der Gemeinschaft mit Gott. Alles um uns her beweist, dass unsere Ruhe nicht auf der Erde zu finden ist. Furcht haben, weil wir mit einem Herzen, zum Abfall von Gott geneigt, in der Wüste sind, ist nicht ruhen. Im Kampf wider den Satan sein, ist keine Ruhe. Arbeiten ist nicht ruhen. „Es bleibt also noch eine Sabbatruhe für das Volk Gottes.“

Die Beschäftigung, die Reichtümer in Christus Jesus zu erforschen, hält unsere Sinne recht aufmerksam in Ihm und macht uns alles andere eitel. Nur dann, wenn unser Herz auf Christus gerichtet ist, sind wir fähig, der Versuchung zu widerstehen. Es ist nicht das Nachdenken über den Gegenstand, womit wir versucht werden, noch unser Verstand, womit wir es darzustellen wissen, noch die eigene Anstrengung, zu widerstehen, was uns Kraft dazu gibt. Unser Vorrecht ist, mit Christus beschäftigt zu sein, und dies verschafft uns den Sieg. Unsere Freiheit geht noch weiter; es ist eine Freiheit, Gott zu dienen ohne Hindernis des Fleisches und der Sünde nicht unterworfen zu sein. Die Freiheit des Fleisches habe ich nicht nötig; aber die Freiheit des neuen Menschen, und diese ist, meines Vaters Willen zu tun. Wenn irgendetwas die Freiheit des Herrn Jesu, während Er auf der Erde war, hätte wegnehmen können (was ohne Zweifel unmöglich war), es würde Ihn verhindert haben, den Willen seines Vaters zu tun.

Es mag wohl nicht wie ein Vorrecht erscheinen, wenn es heißt, „sich zu fürchten“ und „Fleiß anzuwenden“; aber es ist wirklich so. Und weil wir so oft in diesem fehlen, so ist es ein gesegnetes Vorrecht, zu wissen, dass Gott unsere Herzen untersucht und das Bewusstsein mitteilt, dass „alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen ist, mit dem wir zu tun haben“. Wenn wir uns nicht selbst richten, so will Er uns richten. „Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden“ (1Kor 11,32).

Ist es nicht ein Trost der Seele, wenn wir wirklich die Heiligkeit lieben, zu wissen, dass Gott beschäftigt ist, das Haus zu reinigen, damit nicht das Geringste übrigbleibe, was sein Auge betrübe und uns verhindern könnte, in seinem Licht zu wandeln? Die Gnade ist es, die die Heiligen reizt, zu sagen: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz! prüfe mich, und erkenne meine Gedanken! Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf dem ewigen Weg.“ Welch eine tiefe Zuversicht und welch inniges Vertrauen! Gott erforscht uns, und zwar durch das Licht seines Wortes. Er zeigt uns das Böse durch das Wort. Dies ist der Gebrauch, den der Heilige Geist von dem Wort macht: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens“ (Heb 4,12). Wir sind in die Gegenwart Gottes gebracht; Er redet uns zu. Er untersucht mein Herz unter den lieblichsten Zeugnissen seiner Gnade. Und wenn Er mir das Übel aufgedeckt hat, verkündigt Er dann das Gericht, als ob Er mir die Sünde zurechnete? Nein! Er sagt: Hier ist etwas, das nicht im Einklang mit meiner Liebe ist, etwas, das meine Liebe nicht befriedigt.

Wenn wir versäumt haben, uns selbst durch das Wort Gottes zu richten, so ist wohl eine Erziehungsmaßnahme auf dem Weg umso nötiger; aber es bleibt dennoch stets tröstlich, dass wir „mit Gott zu tun haben“. Haben wir zum Beispiel auf der Erde Ruhe gesucht und uns zuletzt in etwas niedergelassen und eine Heimat in der Wildnis gefunden, so fängt Gott an zu wirken, und Er arbeitet uns entgegen. Es kann sogar sein, dass Er es für nötig hält, uns für eine Zeitlang uns selbst zu überlassen, damit unser Gewissen durch irgendeinen Anstoß wieder aufgeweckt werde. Und sind Umstände da, die unsere Herzen beunruhigen und in Verlegenheit setzen, so lasst uns nur sagen: Es ist „Gott, mit dem wir es zu tun haben“. Sobald das Herz zur Prüfung in die Gegenwart Gottes gebracht ist, ist alles vorbereitet, um dasselbe in Unterwürfigkeit zu bringen. Die Seele findet sich selbst in Gemeinschaft mit Ihm inmitten der Umstände; alles ist Friede. Untersucht und geprüft zu werden, ist nicht Ruhe. Die Ruhe Gottes finden wir auf der Erde nicht. Seine Heiligkeit will uns nicht da ruhen lassen, wo die Sünde ist, und seine Liebe will uns nicht da ruhen lassen, wo die Leiden sind. Es ist aber noch eine Ruhe für uns vorhanden – seine eigene Ruhe, die Ruhe Gottes. Dort, in der Ruhe Gottes, wird weder Sünde noch Leid noch Schmerz sein. Er wird dort selbst sein, und wir werden in Ihm ruhen. Je mehr wir den Trost Gottes erfahren, je mehr wir von seiner Freude in der Fülle seiner Liebe genießen, desto weniger werden wir die gegenwärtigen Umstände fühlen. Wenn wir die Absichten seiner Liebe gegen uns erkennen, so werden wir sagen: Mag Er uns nur züchtigen, mag Er uns läutern, wie Er will, wenn wir nur eine völlige Gemeinschaft mit seiner Liebe haben.

Lasst uns nicht zufrieden sein, liebe Leser, mit einem geringen Teil von Segen – geringes Maß bringt geringen Genuss; lasst uns vorwärtseilen, lasst unsere Augen nach oben gerichtet bleiben, lasst uns durch die Macht des Heiligen Geistes die Verwirklichung dessen suchen, was wir in Jesu haben.


Aus Botschafter des Heils in Christo, Jg. 4, 1856, S. 73–80.
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Originaltitel: „God’s Rest, the Saint’s Rest“, Collected Writings, Bd. 16, S. 115–123

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