Wo stand der Räucheralter in Hebräer 9,1-5 wirklich?
Hebräer 9,1-5

Roger Liebi

© R. Liebi, online seit: 17.09.2001, aktualisiert: 01.08.2016

Leitverse: Hebräer 9,1-5

Heb 9,1-5: Es hatte nun zwar auch der erste Bund Satzungen des Dienstes und das Heiligtum, ein weltliches. Denn eine Hütte wurde zugerichtet, die vordere, in welcher sowohl der Leuchter war als auch der Tisch und die Darstellung der Brote, welche das Heilige genannt wird; hinter dem zweiten Vorhang aber eine Hütte, welche das Allerheiligste genannt wird, die ein goldenes Räucherfass (Räucheraltar) hatte und die Lade des Bundes, überall mit Gold überdeckt, in welcher der goldene Krug war, der das Manna enthielt, und der Stab Aarons, der gesprosst hatte, und die Tafeln des Bundes; oben über derselben aber die Cherubim der Herrlichkeit, den Versöhnungsdeckel überschattend, von welchen Dingen jetzt nicht im einzelnen zu reden ist.

In Hebräer 9,1-5 wird der Aufbau der Stiftshütte mit ihren Geräten in aller Kürze beschrieben.

Das griechische Wort thymiaterion in Vers 4 stellt den Bibelübersetzer vor Schwierigkeiten. Es kann sowohl «Räucherfass» (= «Pfanne» in 3. Mose 16,12; gemäß dem babylonischen Talmud war diese Pfanne aus Gold) als auch «Räucheraltar» (2Mo 30,1) bedeuten. Wie soll es hier übersetzt werden?

Angesichts der Tatsache, dass wir in den erwähnten Versen eine Beschreibung der Stiftshütte und ihrer Geräte vor uns haben, wäre es unbegreiflich, weshalb ausgerechnet der Räucheraltar ungenannt bleiben sollte. Aufgrund dieser Überlegung ist es naheliegend, in Hebräer 9,4 thymiaterion durch «Räucheraltar» wiederzugeben.

Nun stellt sich ein neues Problem: Es heißt in unserem Text, dass das Allerheiligste einen goldenen Räucheraltar hatte. Im Allerheiligsten stand aber gemäß der Beschreibung der Stiftshütte im 2. Buch Mose nur die Bundeslade. Der Räucheraltar befand sich im Heiligen, vor dem Scheidevorhang (2Mo 30,6). Er konnte ja gar nicht im Allerheiligsten stehen, weil täglich auf ihm geräuchert werden sollte (2Mo 30,7.8). Der Zutritt zum Allerheiligsten war aber auf einen Tag im Jahr beschränkt (Heb 9,6.7).

Wir sehen, dass der Bibelleser manchmal mit schwierigen Fragen konfrontiert werden kann. Doch wir sollten in solchen Fällen nie dem Zweifel an Gottes Wort Raum geben, sondern vielmehr unsere begrenzte Erkenntnis anerkennen. Die Heilige Schrift ist unerschöpflich, und Gott kennt auf alle Fragen die richtige Antwort! Das vermag uns zu beruhigen.

Schwierigkeiten in der Bibel lösen sich auf verschiedenste Weisen auf. Oft geschieht es durch genaues Lesen. So auch hier: In Hebräer 9,3 lesen wir nicht, dass der Räucheraltar im Allerheiligsten stand oder war (Heb 9,2.4). Es heißt lediglich, dass das Allerheiligste einen Räucheraltar hatte. Mit anderen Worten: Der Räucheraltar gehörte seiner Bedeutung nach zum Allerheiligsten. Dies stimmt mit 1. Könige 6,22 überein, wo über den Räucheraltar im Tempel Salomos berichtet wird: «Und das ganze Haus überzog er mit Gold, das ganze Haus vollständig; auch den ganzen Altar, der zum Sprachorte (= Allerheiligstes) gehörte, überzog er mit Gold.» Dieser Räucheraltar stand im Heiligen, aber er gehörte seiner Bedeutung nach zum Allerheiligsten.

Aus praktischen Gründen konnte der Räucheraltar im Gegensatz zur Bundeslade, die auch zum Allerheiligsten gehörte, nicht dort stehen. Der zwischen Gott und Menschen trennende Scheidevorhang erlaubte dies nicht. Somit war die Situation im Haus Gottes während der Zeit des Alten Bundes nicht normal. Der Standort des goldenen Altars konnte nicht dort sein, wo er seiner Bedeutung nach hingehörte. Ja, der Zustand der Trennung zwischen Gott und Mensch ist kein normaler Zustand. Das sollte jedem bewusst werden, der noch nicht Frieden mit Gott hat und trotzdem lebt, als wäre alles in bester Ordnung!

Glücklicherweise ist der Herr Jesus gekommen und hat durch sein Erlösungswerk am Kreuz diese Trennung für alle Bußfertigen beseitigt. Er hat den Weg «durch den Vorhang hindurch» geöffnet (Heb 10,19-22). Gemäß Matthäus 27,51 zerriss der Vorhang im Tempel zu Jerusalem im Augenblick seines Todes von oben nach unten (das war Gottes Hand!). Dadurch wurde die Situation normalisiert. Von da an war der Räucheraltar nicht mehr abgetrennt vom Bereich, zu dem er gehörte. Christus hat die Situation in jeder Beziehung zurechtgebracht. Deshalb wird die Zeit seines Kommens in Hebräer 9,10 «die Zeit der Zurechtbringung» genannt.

Erfreust du dich einer normalen Beziehung mit dem lebendigen Gott?


Originaltitel: „Der goldene Räucheraltar im Hebräerbrief“
aus der Monatsschrift Halte fest, 1992, S. 18
mit freundlicher Genehmigung des Beröa-Verlages, Zürich

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