Das Verhältnis von Versammlungen untereinander und zu dem Gewissen des Einzelnen
… beim Aufrechterhalten schriftgemäßer Versammlungszucht

Frederick William Grant

© SoundWords, online seit: 09.01.2014, aktualisiert: 10.09.2018

Vorwort des Herausgebers zur vorliegenden Ausgabe

In der festen Überzeugung, dass unschriftgemäße Trennungen uns in eine unschriftgemäße Position getrieben haben, und mit dem aufrichtigen Bestreben, denjenigen im Volk Gottes zu helfen, die ernsthaft um den richtigen Weg in den Schwierigkeiten dieser Tage ringen, geben wir diesen Nachdruck eines Heftchens unseres Bruders F.W. Grant mit dem Titel Das Verhältnis von Versammlungen untereinander heraus. Es wurde erstmals im Vorfeld der Konferenz in Plainfield im Jahr 1892 veröffentlicht und ist unseres Wissens niemals zurückgezogen worden. Die Belehrung dieses Traktats wurde von den Brüdern in South Brooklyn und an anderen Orten angenommen. Doch wurden sie dafür, dass sie im Einklang damit handelten, von der Gemeinschaft sowohl mit dem Autor als auch mit den Herausgebern des Traktats als auch mit all denen in ihrem „Kreis der Gemeinschaft“ ausgeschlossen. Es ist wahr, dass Mr. Grant in der Zwischenzeit ein neues Traktat geschrieben hat mit dem Titel A Divine Movement (Eine göttliche Bewegung). Es zielte darauf ab, die Botschaft des vorangegangenen Traktats The Relation of Assemblies to Assemblies (Das Verhältnis von Versammlungen untereinander) zurückzunehmen und die frühere sektiererische Position seiner Gemeinschaft wieder aufzunehmen, indem es wieder einen Zaun um den „eigenen Kreis“ zog. Da viele Brüder The Relation of Assemblies to Assemblies nicht gelesen haben und das Traktat auch nicht mehr von den Herausgebern erhalten können, veröffentlichen wir es erneut und empfehlen, es unter Gebet zu untersuchen.

Was uns betrifft, so möchten wir anmerken, dass wir uns keiner Partei unter den Brüdern angeschlossen haben. Uns geht es nicht um Gruppierungen, sondern um den Einzelnen. Wir nehmen Gruppierungen weder auf noch lehnen wir sie ab. Wir haben keine Anweisungen in der Schrift, dergleichen zu tun; wir erkennen keine Parteien an, sondern nur den einen Leib Christi; wir erkennen auch nicht die Mitgliedschaft in Gruppen und Untergruppen an, sondern nur die Gliedschaft am Leib Christi. Unsere Verantwortung gilt daher den Einzelnen, die zu uns kommen. Wir haben keine Anweisungen in der Schrift über die Aufnahme von Gläubigen, außer dass wir die aufnehmen sollen, die zu uns kommen; und wenn jemand zu uns kommt und nicht die Lehre des Christus bringt, so nehmen wir ihn nicht auf. Wir sind Glieder von nichts außer von dem einen Leib, und als solche nehmen wir diejenigen auf, die gesund im Glauben sind, weil sie Mitteilhaber derselben Hoffnung und demselben Herrn untertan sind wie wir.

Wir glauben, dass dies eine schriftgemäße Position ist, und wir freuen uns, dass Mr. Grant sie in seinem Traktat so viel besser dargelegt hat, als wir es könnten. Daher empfehlen wir das Traktat unseren Lesern und bitten nur darum, es anhand der Schrift zu prüfen und festzuhalten, was gut ist. […]

Edward G. Mauger,
Brooklyn, 15. Juni 1901

 

Eine Untersuchung und ein Aufruf

An alle, deren tiefes Bestreben es ist, die Einheit des Geistes im Band des Friedens zu bewahren:

Geliebte Geschwister,

es ist nur allzu offensichtlich, dass die Hand Gottes auf uns liegt. Unsere Schande ist öffentlich. Es erfordert keine geistliche Gesinnung, um zu erkennen, dass wir genau in der Sache, um die wir uns angeblich bemüht haben, aufs Deutlichste versagt haben. Die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens ist genau das, was wir ganz gewiss nicht bewahrt haben. Es ist natürlich leicht, einander vorzuwerfen, der jeweils andere habe die Einheit des Geistes nicht bewahrt, und zu behaupten, wir von einer bestimmten Gruppe trügen dafür keinerlei Verantwortung. Am Ende ist es nicht möglich, dem Vorwurf zu entgehen, der mit Gottes Erlaubnis gegen uns alle erhoben wird: dem Vorwurf, nicht etwa dass es hier und da einige örtliche Spaltungen gibt, sondern dass es von vorne bis hinten nichts als Trennungen gibt. Dabei spreche ich nicht von Trennungen, wo eine Absonderung vom offenkundigen Bösen eine göttliche Notwendigkeit gewesen wäre, sondern wo eine Spaltung aufgrund von Punkten der Versammlungszucht oder der Lehre durchgeführt wurde. Und diese Punkte sind zugegebenermaßen keineswegs fundamental, sondern tatsächlich zu unbedeutend, um selbst der engstirnigsten und sektiererischsten Sekte um uns herum als Grundlage für eine Spaltung zu dienen! Und doch weisen wir die Beschuldigung, Sekten zu sein, als verletzend von uns.

Einige von uns haben sich von der Lehre getrennt, dass „in Christus sein“ ein Zustand ist und keine Stellung! Einige haben sich von der Lehre getrennt, dass die Heiligen des Alten Testaments das Leben in dem Sohn hatten! [Anm. der Redaktion: Die Redaktion teilt hier auch nicht alle Lehren, die F.W. Grant vertreten hat; sie teilt aber sehr wohl seine Einstellung, dass eine Trennung wegen solch einer Lehre völlig falsch ist.] Einige, weil sie anderer Ansicht waren, was das Urteil einer Versammlung im Hinblick auf die [Tisch-]Gemeinschaft mit einer der Gruppen einer gespaltenen Versammlung angeht!

Und wegen derartiger Dinge lehnen solche, die Christen aus den Benennungen um uns herum ungehindert aufnehmen könnten, strikt und entschieden Heilige ab, mit denen sie in allen anderen Belangen völlig übereinstimmen und denen sie nichts anderes vorwerfen, was sie unchristlich nennen würden!

Und mehr noch: Eines der größten und entscheidendsten Argumente, das gebraucht und zugelassen wird, um diese Trennungen aufrechtzuerhalten, ist, dass wir uns „befleißigen“ sollen, „die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens“!

Wer hat uns denn so bezaubert [Gal 3,1], dass solche Dinge überhaupt möglich sind: dass wir nicht mehr in der Lage sind, die wahre Natur eines Bemühens zu erkennen, die Einheit des Geistes zu bewahren, indem wir all jene ausschließen, die anderer Meinung sind als wir, und indem wir die höchsten Trennmauern dort bauen, wo die wirklichen Unterschiede am geringsten sind?

Ich weiß natürlich, dass man diese Tatsachen abstreiten wird. Bei Licht betrachtet sind sie zu verdammend, als dass jemand bereit wäre, sich ihnen zu stellen. Doch ist es nicht besser, sich ihnen sofort zu stellen und sie nicht liegenzulassen bis zu dem Zeitpunkt, wo jeder von uns vor Gott Rechenschaft ablegen muss?

Als jemand, der nun schon vor Gott offenbar geworden ist, möchte ich mit der Schrift in der Hand betrachten, was solch einen Niedergang unter uns bewirkt hat. Allerdings kann ich nur die äußerlichen Schritte verfolgen. Es gibt verborgene Auslöser, die sich meiner Kenntnis entziehen, und zweifellos gibt es auch einen Allgemeinzustand, der das Missfallen Gottes über uns gebracht hat und der Ihn gerade wegen seiner Treue dazu gezwungen hat, uns heimzusuchen. Wenn wir uns selbst nicht wegen all dieser Dinge richten, wird eine echte Wiederherstellung ganz sicher unmöglich sein. Die warnenden Worte an Ephesus gelten heute sicherlich uns: „Du hast deine erste Liebe verlassen“ [Off 2,4]. Die Folge davon wird Weltlichkeit in all ihren Formen sein sowie fleischliche Anmaßung unter der Form der Gottseligkeit und was sonst nicht alles. Denn die Seele, die aufgehört hat, in Christus zufrieden zu sein, wird so ihre eigene Schande aufdecken. Das einzige Heilmittel für uns ist, dass jeder zurückkehrt „zu der Stätte, wo im Anfang sein Zelt gewesen war“, also „zu der Stätte des Altars, den er dort zuvor gemacht hatte“ (1Mo 13,3.4).

Gibt es aber neben dieser moralischen Ursache nicht noch eine weitere Ursache? Gibt es nicht Grundsätze, die als Wahrheit angenommen worden sind, die sich aber katastrophal ausgewirkt haben? Haben wir nicht allen Grund dazu, unsere kirchlichen Grundsätze erneut anhand des Wortes zu überprüfen, zum Beispiel die Grundsätze der Gemeinschaft und der Versammlungszucht – angesichts der Richtung, in die sie uns geführt haben? Wenn „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ [Mt 7,16] eine von der Schrift anerkannte Prüfung ist – reicht da die Tatsache, dass es drei Trennungen innerhalb von fünf Jahren gab, nicht aus, um den Verdacht zu erwecken, dass hier nicht alles in Ordnung ist? Insbesondere wenn wir, wie schon gesagt, feststellen müssen, dass das Streben nach Einheit ständig als Vorwand für Trennungen vorgebracht wird und dass es (seltsam genug) höchst wirkungsvoll Trennungen hervorbringt?

Viele haben momentan größere Nöte, als die Beantwortung der Frage, welche dieser Gruppen die Wahrheit und Gerechtigkeit auf ihrer Seite hat, sie verursachen würde. Es kann kaum Zweifel darüber geben: Viele werden ihrer Kraft beraubt, für Gott tätig zu werden, durch die lähmende Furcht, es müsse in Grundsätzen, die sie für göttlich gehalten hatten, irgendein fundamentaler Irrtum liegen. Kann es von Gott sein, so fragen sie, dass Fragen, die manch einer einfachen Seele kaum verständlich zu machen sind, unter Androhung schwerster kirchlicher Strafen jedem aufgezwungen werden müssen, wobei jedenfalls dies gewiss ist: dass die Versammlung dadurch gespalten wird? Da gibt es Geschwister, die von dem Argument angezogen werden, dass die Kirche Gottes eins ist, und die nach etwas suchen, was im Prinzip so ausgedehnt und allumfassend ist, wie es diesem Gedanken entspricht. Kann es da von Gott sein, so fragen sie, dass solche Geschwister mit dem Park-Street-Urteil [eine Spaltung, hervorgerufen durch ein Urteil der Park-Street-Versammlung in London im Jahr 1881 (Anm. d. Übers.)] und vielem anderen konfrontiert werden, als seien dies Probleme, die gelöst werden müssten, bevor sie erkennen könnten, welche der verschiedenen miteinander ringenden und doch verwandten Gruppen einen Anspruch darauf rechtfertigen kann, diesem Gedanken, dass die Versammlung Gottes eins ist, zu entsprechen?

Gibt es denn keinen geraden und ebenen Pfad, auf dem die Füße selbst der Lahmen nicht abirren, sondern sogar geheilt werden können [vgl. Heb 12,13]? Es gab, wie wir alle wissen, eine Zeit, als wir tatsächlich etwas hatten, was leicht zu definieren und anhand der Schrift leicht zu verfechten war: reine Gewissen zu bewahren und nicht Gewissen zu verwirren. Haben wir es geduldet, dass dies von uns genommen wurde? Könnten wir es verloren haben, ohne selbst irgendwie an dem Verlust schuld zu sein? Haben wir es nicht verloren, während wir schliefen? Gewiss ist der Weg des Herrn jetzt und zu allen Zeiten ein Weg, zu dessen Entdeckung es keinen großen Verstand, keine besonderen Kenntnisse braucht; sondern der Weg des Herrn ist ein Weg, auf dem der Wanderer, selbst wenn er ein Dummkopf ist, nicht fehlgehen würde. Sähe es unserem Gott denn ähnlich, wenn es anders wäre?

Gott führt nicht durch den Verstand, sondern durch das Gewissen. So werden die Einfältigsten genauso sicher erreicht wie die Klügsten – nein, sogar sicherer, wenn die Klügsten nicht entsprechend demütig sind; denn „er fängt die Weisen in ihrer List“ [Hiob 5,13], doch „er leitet die Demütigen im Recht und lehrt die Demütigen seinen Weg“ [Ps 25,9 nach der englischen Übersetzung]. Durch das Gewissen erhält Gott seine Herrschaft über die Seele aufrecht, wenngleich das Gewissen allerdings der Erleuchtung bedarf. Und Er möchte, dass jede Seele auf diese Weise vor Ihm steht, geleitet von seinem Wort, ohne eine dritte Partei zwischen Ihm und ihr. „Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde“ [Röm 14,23]; und der Glaube ist nur an Gott, durch sein Wort. Nicht einer von denen, für die ich dies schreibe, wird das bestreiten, und dennoch ist es nötig, darauf zu bestehen. Die Wahrung der Rechte des Gewissens ist also von grundlegender Wichtigkeit für die Seele; denn sie ist in Wirklichkeit gleichbedeutend mit der Wahrung der Rechte Gottes an der Seele. Und diese Rechte sind die gleichen Rechte für Alte und Junge, für Männer und Frauen, für Führer und Geführte. Was immer ein Gewissen daran hindert, so vor Gott zu stehen, kommt daher vom Feind und ist gegen Gott gerichtet.

Nun ist Kirchlichkeit, also ein klerikales System, immer eine solche Behinderung. Die Kirche bekommt eine Autorität, welche die Autorität des Wortes Gottes begrenzt. Zweifellos geht die Kirche davon aus, dass diese Autorität vom Wort Gottes herrührt und auf solche Weise das Wort hochhält; aber das macht diese Autorität der Kirche [d.h. eine übersteigerte Versammlungsautorität; Anm. d. Red.] nur umso verführerischer, wo doch, wie es immer wieder der Fall ist, das Wort Gottes durch die neue Berufungsinstanz in Wirklichkeit hintangestellt wird – was solch eine Autorität der Kirche umso deutlicher zu einem Werk des Feindes macht, um Christus der Ehre zu berauben und seinem Volk Schaden zuzufügen. Und nur wenige erkennen das Ausmaß des Schadens, der angerichtet werden kann, wo die Angelegenheit selbst von sehr geringer Bedeutung zu sein scheint. Doch betrachten wir einmal des Apostels eigene „Übung“, „allezeit ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen“ [Apg 24,16]; betrachten wir seine Sorge, dass selbst der Glaube eines Menschen nicht zum Stolperstein für einen anderen werden möge, indem er ihn dorthin führen würde, wohin er selbst im Glauben nicht gehen könnte. Wenn wir also des Apostels eigene „Übung“ betrachten, dann können wir ermessen, wie wichtig in seinen Augen die Aufrechterhaltung des Gewissens war. Die Angelegenheit selbst, über die das Gewissen geübt war, mochte gänzlich unwesentlich sein; das tat der Schwere der Folgen, wenn es verletzt wurde, keinen Abbruch: „Durch deine Erkenntnis kommt der Schwache um, der Bruder, um dessentwillen Christus gestorben ist“ [1Kor 8,11]. [Im Engl.: „Soll durch deine Erkenntnis dein schwacher Bruder, für den Christus gestorben ist, umkommen?“; Anm. d. Red.]

Wer kann wirklich die Konsequenzen abschätzen, wenn jemand dazu gezwungen oder überredet wird, gegen das Licht, das er von Gott hat, oder darüber hinaus zu handeln? Der Geist wird betrübt, das Herz wird unruhig, wenn es nicht sogar bald durch die Betrügerei der Sünde verhärtet wird – wie viele andere Sünden werden sich gewiss mit diesen Dingen verbinden (falls keine Buße erfolgt), um die Seele nach unten zu ziehen – „Sünde“! Wann werden wir deutlich, vollständig und praktisch die Definition des Apostels anerkennen, dass „alles, was nicht aus Glauben ist, Sünde ist“ [Röm 14,23]?

Doch wenn man es in diesem Licht betrachtet – welch besorgniserregendes Verhängnis muss es sein, wenn jeder dazu gezwungen wird, Partei zu ergreifen in Bezug auf solche Fragen, wie sie in letzter Zeit so viele beschäftigt haben! Gezwungen, unter Androhung schwerster kirchlicher Strafen, über Sachverhalte zu urteilen, die erarbeitet werden müssen, indem man die Wahrheit aus unterschiedlichen und widersprüchlichen Zeugenaussagen zusammenträgt! Wie groß ist hier die Versuchung, ohne wirkliche Seelenübung vor Gott zu handeln, unter den stärksten persönlichen Beweggründen, wie auch immer die aussehen mögen! Und wie viele werden aus reinem Unvermögen, in einem schwierigen Fall zu urteilen, in die Hände von führenden Brüdern geworfen! Doch darauf müssen wir ein anderes Mal zurückkommen; meine einzige Absicht hier ist es, allen eindringlich klarzumachen, welch ernste Sache es ist, sich mit dem Gewissen anderer zu schaffen zu machen, und wie ernst es ist, selbst mit einem ungeübten, untätigen Gewissen zu wandeln. Der Apostel ermahnt, den Glauben und ein gutes Gewissen zu bewahren, „das einige von sich gestoßen und so, was den Glauben betrifft, Schiffbruch erlitten haben“ (1Tim 1,19).

Die Sache mit den Versammlungsbeschlüssen wird so zu einer sehr ernsten Angelegenheit für alle daran Beteiligten. Hat es diesbezüglich nicht eine viel zu große Laxheit gegeben? Und muss diese nicht entsprechend ernste Folgen haben – hat sie die nicht bereits gehabt? An wie vielen Orten hat die Brüderstunde den Platz der Versammlung erobert und an wie vergleichsweise wenigen Orten haben Frauen die ihnen zukommende Stellung bei den Beschlüssen gehabt? Doch in Gottes Augen ist das Gewissen einer Frau genauso wichtig wie das eines Mannes. Wiederum ist die Leugnung der Notwendigkeit der Einmütigkeit so weit getrieben worden, dass selbst das Streben nach Einmütigkeit für viele von untergeordneter Bedeutung ist und dass es keine klare Linie mehr gibt, um zwischen dem Urteil einer Versammlung und einer Untergruppe bzw. Partei darin zu unterscheiden. Die Führung durch „Eliten“ hat hier tatsächlich einen großen Spielraum gefunden. Statt darauf zu warten, dass Gott alle zusammenbringt, und statt Geduld bei der Belehrung der Unwissenden zu üben – wobei Er gerade die Verzögerung und Behinderungen dazu verwendet, um mehr Seelenübungen und Abhängigkeit von Ihm zu erzeugen –, hat (ach, wie oft!) der Wille des Menschen den Sieg davongetragen und ist auch noch als Eifer und Treue Ihm gegenüber geehrt worden. Doch wir können sicher sein: Keine Handlung, die mit der Verletzung auch nur eines ehrlichen Gewissens einhergeht, kann von Gott kommen. Und ist es nicht wahr, dass für viele das Urteil der Versammlung aufgehört hat, etwas zu sein, für das sie irgendeine Verantwortung tragen bzw. an dem sie irgendeinen praktischen Anteil haben?

Können wir uns darüber wundern, dass eine gewisse Klerikalität, die Führung durch „besondere Brüder“, entstanden ist? Und dass das so ist, dürfte eigentlich niemand bestreiten. Und können wir uns darüber wundern, dass Versammlungszucht in die Hände von Männern gekommen ist, die dafür genügend freie Zeit haben, die mit einer Gabe ausgestattet sind oder in sonstiger Weise irgendwie Einfluss ausüben können? Und zwar so sehr, dass an sehr vielen Orten schon das Wissen darum, worum es bei den kürzlich erfolgten Trennungen ging, so weit wie möglich ferngehalten wurde von denjenigen, die mehr für „Laien“ gehalten und als solche behandelt wurden als in vielen der Systeme, die dafür von ihnen angeprangert wurden.

Währenddessen wird die Autorität der Versammlung derart erhöht, dass das Gewissen des Einzelnen hintangestellt wird, was Gott niemals tut. Wie auch immer die Autorität der Versammlung aussieht: Sie muss mit dem Gewissen in Einklang gebracht werden oder sie kann sich selbst gar nicht erst an das Gewissen richten. Dies sollte einleuchtend sein. Und solange die Versammlung Menschen bedeutet und nicht Gott, wird für das Gewissen immer der Weg offen sein, so wie die Apostel zu sagen: „Ob es vor Gott recht ist, auf euch mehr zu hören als auf Gott, urteilt ihr“ [Apg 4,19].

Die Kirche ist Christus zwar wirklich kostbar, und wer sie verachtet, verachtet Ihn, der sie geliebt und sich selbst für sie gegeben hat. Aber was bedeutet „die Kirche“, wenn nicht die Gliedschaft an seinem Leib? Und diesbezüglich übersieht Er nicht die Geringsten und Niedrigsten: Einen anzutasten bedeutet, alle anzutasten und gegen Ihn, dessen Liebe alle umfasst, zu sündigen.

Aber könnte dies nicht ein Schlupfloch für Unabhängigkeit bieten? Könnten nicht Stolz und Eigenwille den Platz des Gewissens an sich reißen und mit dieser Tarnung dem widerstreben, was wahrhaftig von Gott ist? Sicherlich ist dies mehr als möglich; aber die Macht Gottes ist mit uns, um solchen Missbrauch aufzudecken, und wir sollten nicht dem Stolz und dem Eigenwillen nachgeben. Wir sollten nur nicht vergessen, dass der Geist der Unabhängigkeit ebenso gut in einer Mehrheit wie in einer Minderheit zu finden ist – sogar in neunundneunzig von hundert gegen den Hundertsten. Wir sind umgeben von Gefahren, für die der Herr allein unsere Genüge ist; aber wir sollten sie wenigstens auf allen Seiten erkennen.

Greifen wir noch einmal diese Autorität der Versammlung auf, die so unbarmherzig zur Nötigung furchtsamer Seelen herangezogen wurde: Welche Autorität auch immer die Versammlung haben mag – diese Autorität kann nicht über das Wort hinausgehen oder dem Wort widersprechen, das ihre Charta ist. Und dieses Wort nennt als erste Eigenschaft des Pfades, dem zu folgen wir – jeder Einzelne von uns – aufgerufen sind, die Gerechtigkeit: „Strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2Tim 2,22).

Man beachte, dass dies die „Absonderung vom Bösen Gottes Prinzip der Einheit“ [eine Schrift von J.N. Darby (Anm. d. Übers.)] ist; denn dadurch, dass man gemeinsam der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe und dem Frieden nachstrebt, werden die, die reinen Herzens sind, zusammengebracht (und zusammengehalten). Durch wie viele komplizierte Fragen können die Einfältigsten ihren Weg finden, wenn sie nach ihrem Gewissen im Licht der moralischen Grundsätze wandeln, die so sicher führen. Kompliziertheit und Verwicklungen entstehen dadurch, dass diese Grundsätze durch intellektuelle Fragen statt Gewissensfragen ersetzt werden; und so werden oft die anscheinend Intelligentesten am meisten verführt. Kann die Kirche die Autorität haben, Ungerechtigkeit zu bestimmen? Oder dass einzelne Glieder im Ungewissen darüber bleiben, ob das, dem sie folgen und nachstreben, die Gerechtigkeit ist oder nicht? Im Licht sollen wir wandeln! Kann die Kirche dazu autorisiert sein, Finsternis und nicht Licht zu bestimmen? Kann das Wort sagen: „Strebe der Gerechtigkeit nach“, und uns doch dazu verpflichten, Versammlungsbeschlüsse anzunehmen, seien sie gerecht oder ungerecht? Und schließlich: Kann etwas, was ungerecht ist, im Himmel gebunden sein?

Solche Fragen lassen nur eine Antwort zu. Wenn also ernsthaft die Frage nach einem Versammlungsurteil gestellt wird, sind wir dazu gezwungen, den moralischen Test anzuwenden. Sicherlich nicht gezwungen oder berechtigt dazu, ohne wirklichen Grund einen Verdacht zuzulassen – das ist etwas anderes. Doch wo mit ersichtlichem Grund eine Frage aufkommt, sind wir dazu gezwungen, sie zu beantworten. Es ist wirklich unmöglich, an die Unfehlbarkeit einer Versammlung und gleichzeitig auch an die Schrift zu glauben – ganz zu schweigen von den traurigen Beweisen, die stets vor unseren Augen sind; und absolute Autorität steht nur dem Unfehlbaren zu. Hier ist Rom konsequent, wenngleich es dadurch nur vollkommener im Irrtum ist. Wenn die römisch-katholische Kirche gebietet: „Hört die Kirche!“, dann hat dieses Gebot den Gedanken zur Grundlage, dass die Kirche niemand in die Irre führen kann; aber wenn jemand sogar noch beteuert, dass man auf die Kirche hören muss, ob sie einen nun in die Irre führt oder nicht, so ist diese Haltung törichter und widersprüchlicher als die Haltung Roms selbst.

Sie würden zu diesem zwar hinzufügen: „Wenn das Urteil falsch ist, wird Gott es zeigen.“ Aber damit dieses Argument auf mich überhaupt zutrifft, muss es ganz klar sein, dass Er es nicht bereits gezeigt hat.

Andererseits dürfen wir nicht meinen, dass Gott uns eine Verantwortung auferlegt, eine Beurteilung auf uns zu nehmen, die Er nicht auch [direkt] in unsere Hände gelegt hat. Wenn Er will, dass wir es tun, wird Er uns die Fähigkeit dafür geben. Und wir müssen dabei sehr sorgfältig sein, denn es gibt kaum einen sichereren Weg zum Irren. Und wie schon gesagt: Reine argwöhnische Vermutungen reichen nicht. Wir sollen nicht auf die Suche nach Bösem gehen. Eine solche Suche ist voller Gefahren, ungeachtet der Beweggründe. Wenn wirklich eine Frage aufkommt und wir darüber urteilen müssen, dann wehe denen, die ein gerechtes Urteil nicht anerkennen!

Wenn nun Fragen in Bezug auf ein Versammlungsurteil aufkommen und uns die Verantwortung zufällt, sie zu beantworten, müssen wir beachten, welche Methode die Schrift für das Verteidigen genauso wie für das Anfechten des Urteils beschreibt. Hier liegt offenkundig eine Schwierigkeit, die in der Vergangenheit gefühlt wurde und auch jetzt noch gefühlt wird. Die tatsächlich verwendete Methode war von ihrem Ergebnis her ebenso unbefriedigend, wie es ihr an jeglichem schriftgemäßen Grundsatz mangelte, der sie empfohlen hätte. Die bisherige Methode war es, sich an die umliegenden örtlichen Versammlungen zu wenden und diese um einen neuen Beschluss zu ersuchen und so eine Trennung anzustoßen, die sehr weit reichen konnte. Auf diese Weise sind wir wieder und wieder auseinandergebrochen. Denn eine Versammlung hat nun einmal keine Gerichtsgewalt über eine andere, keinen Anspruch darauf, dass man eher auf sie hört als auf eine andere Versammlung. Und dasselbe gilt für beliebig viele Versammlungen. Das wäre nur das Mehrheitsprinzip im großen Rahmen – ein Grundsatz, darüber sind wir uns alle einig, der vom Wort Gottes nicht unterstützt wird. Durch dieses Gegeneinanderhandeln von örtlichen Versammlungen sind wir sogleich zur Trennung verurteilt.

Doch da, wo man sich tatsächlich zum Namen Christi hin versammelt, da ist Er in der Mitte, und was auch immer die Versammelten auf Erden binden, wird im Himmel gebunden sein. Weder garantiert dies die Unfehlbarkeit der so Versammelten, noch bedeutet es – wie so viele nun anscheinend annehmen –, dass die Leugnung der Gerechtigkeit ihres Handelns gleichbedeutend damit ist, zu leugnen, dass Christus in ihrer Mitte ist. Wo rechtfertigt die Schrift solch einen Gedanken? Was sie „auf der Erde binden“, ist wirklich „im Himmel gebunden“; aber können sie irgendeine Ungerechtigkeit im Namen des Herrn „binden“? Gewiss nicht. Solch eine Handlung kann durch keine wie auch immer geartete menschliche Körperschaft „gebunden“ werden. Der [heilige] Charakter der Handlung wird in dem Wort „binden“, das der Herr verwendete, zwingend vorausgesetzt.

Sie sind fehlbare Menschen und sind Ihm, der in ihrer Mitte ist, vielleicht nicht untertan. In diesem Fall binden sie nichts – noch nicht einmal auf Erden. Wenn die Ungerechtigkeit ihrer Handlung bewiesen ist, dann ist bewiesen, dass die Handlung keine Autorität besitzt und niemals besessen hat. Doch eine falsche Handlung ihrerseits beweist in keinster Weise, dass der Herr nicht unter ihnen ist, sondern dass sie sich diesbezüglich nicht von Ihm leiten ließen, wie sie es hätten tun sollen. Wenn eine falsche Handlung dies [nämlich dass Christus nicht in ihrer Mitte ist] beweisen würde – wie viele Versammlungen auf der ganzen Welt würden dadurch nicht entrechtet? Ja, von wie vielen können wir überhaupt sicher sein, dass sie (um bei dem Bild des Körpers zu bleiben) nicht schon leblose Leichen sind, die der Herr, ihr Leben, schon vor langem verlassen hat? Wenn man sich nach dieser Lehre richten wollte, nämlich dass Christi Gegenwart in der Mitte einer Versammlung davon abhängt, dass sie zu allen Zeiten mit Ihm [auf einer Linie] sind – welch äußerste Unsicherheit würde diese Lehre dann in sämtliche Versammlungen überall einschleppen? Wie sehr steht doch dieser gesamte Gedanke Gottes Gnade entgegen!

Doch wenn die Versammlung versagt oder gegen einen ihrer Beschlüsse Berufung eingelegt wird – an wen richtet sich nun diese Berufung? Und wie sollte sie durchgeführt werden? Die erste Frage ist leicht zu beantworten. Aus bereits genannten Gründen richtet sich die Berufung nicht an eine örtliche Versammlung, sondern an das, was die örtliche Versammlung repräsentiert: die Kirche in ihrer Gesamtheit. Dies ist die einzige Möglichkeit, und es ist ebenso einfach wie lehrreich, zu beachten, dass in diesem Moment die Versammlung in ihrer Gesamtheit die Stelle jeder beliebigen örtlichen Versammlung einnimmt, wenn diese irgendeinen gewöhnlichen Fall beurteilt. Nun ist zweifellos die Schwierigkeit, die Tragweite größer, aber in dem einen wie in dem anderen Fall werden die gleichen Grundsätze angewendet. Dies zu erkennen hilft uns auch bei den notwendigen Unterschieden, die sich aus dem größeren Kreis ergeben.

Wir wollen nun zuerst die Grundsätze untersuchen, welche die Schrift uns nennt – die Grundsätze, nach denen wir in jedem gewöhnlichen Fall der Versammlungszucht handeln oder handeln sollten.

Was die Gemeinschaft in ihrer äußeren Ausdrucksform am Tisch des Herrn betrifft, so haben wir sie mit allen wahren Christen, und die Schrift nennt uns nur diese Einschränkung: dass wir „den Bösen“ aus unserer Mitte hinaustun sollen (1Kor 5,13).

Man hat freilich darauf bestanden, dass 1. Korinther 10,21 („Ihr könnt nicht des Herrn Kelch trinken und der Dämonen Kelch; ihr könnt nicht des Herrn Tisches teilhaftig sein und des Dämonen-Tisches“) einen Grundsatz nenne, der eine weitere Klasse von Personen der Versammlungszucht, vielleicht sogar dem Ausschluss, unterwirft – eine Klasse von Personen, die nicht als „böse Personen“ bezeichnet werden können, sondern als „solche, welche die Anwendung anerkannter göttlicher Grundsätze ablehnen“. Wenn damit Grundsätze gemeint sind, die „von ihnen selbst als göttlich anerkannt sind“, dann ist es klar, dass solche Personen abgelehnt werden sollten, aber auf keiner anderen Grundlage als der Bosheit. Das wäre jedoch eine zu offene Bosheit [dass man gegen Grundsätze verstößt, die man selbst als göttliche Grundsätze ansieht], als dass sich jemand dazu bekennen würde; daher kann das nicht gemeint sein.

Bei der Ablehnung göttlicher Grundsätze kann auch [reiner Eigen-]Wille am Werk sein: Obwohl jemand diese Grundsätze nicht als göttlich anerkennt, handelt es sich doch um nichts anderes als um reinen [Eigen-]Willen. Und wo dies deutlich ist, muss dieser Fall mit dem ersten Fall gleichgestellt werden; solche Personen sind also abzulehnen. Doch ist ein klarer Beweis nötig, wo ansonsten der Wandel gottesfürchtig scheint, und es geht nicht an, Leute en masse solchen Eigenwillens zu bezichtigen.

Wenn mit der Aussage „solche, welche die Anwendung anerkannter göttlicher Grundsätze ablehnen“ gemeint ist, dass diese Grundsätze „von anderen anerkannt“ werden, so würde dies bedeuten: Man macht das Schriftverständnis einer Person zu einem Test, ob die Person tauglich ist für die Gemeinschaft. Nach demselben Grundsatz [„von anderen anerkannt“] könnte man jemand (wie unwissend auch immer er darüber sein mag) in gleicher Weise für alle Aspekte der göttlichen Wahrheit verantwortlich machen, als wenn er alles kennen würde. Das würde zu der engsten und sektiererischsten Grundlage hinführen. Jeder Anhänger irgendeiner Denomination würde zwangsläufig ausgeschlossen werden und ebenso viele andere.

Der Text [in 1. Korinther 10,18-21], auf den man sich beruft, befürwortet das in keinster Weise. Er identifiziert die Teilnehmer an Israels Opfern mit dem Altar, zu dem sie gehören, und ebenso auch die Teilnehmer an Götzenopfern. Wo ist die Rechtfertigung dafür, die Aussage „Ihr könnt nicht des Herrn Tisches teilhaftig sein und des Dämonen-Tisches“ auf irgendeinen unwissenden Bruch göttlicher Grundsätze zu beziehen? Es geht hier nicht um die Identifizierung beispielsweise eines Baptisten oder Methodisten mit dem Tisch, zu dem er gehört, sondern es geht um die Frage, ob wir mit seinem Tisch dadurch identifiziert werden, dass wir ihn [am Tisch des Herrn] zulassen. Aber es ist keine echte Frage. Der Tisch einer Sekte schließt keinen anderen Altar ein als unseren eigenen – nämlich Christus Jesus; und den Text auf diese Situation anzuwenden wäre sektiererisch.

Drei Kennzeichen der Bosheit führt das Wort Gottes auf:

  1. das moralisch Böse (der Sauerteig aus 1. Korinther 5)
  2. das Böse einer falschen Lehre (der Sauerteig aus dem Galaterbrief und Matthäus 16)
  3. mutwillige Gemeinschaft mit falscher Lehre (wie in 2. Johannes 10.11).

Für diejenigen, an die ich mich wende, muss ich nicht weiter auf diese Kennzeichen pochen. Doch es besteht die Notwendigkeit zu fragen: Können wir nach der Schrift irgendwelche aus dem Volk Gottes ablehnen, es sei denn aufgrund einer dieser [drei] Punkte? Die meisten würden vielleicht zustimmen, dass wir das nicht können, während viele jedoch diese drei Begriffe so unendlich ausdehnen würden, dass sie dadurch praktisch ihre Gemeinschaft viel weiter einengen würden [als die Einhaltung dieser Grundsätze eigentlich erfordert]. Wir werden daher unsere Nachforschungen noch darüber hinaus führen müssen.

Man wird zugeben, dass es viele Sünden in Christen gibt, für welche die Schrift ein anderes Heilmittel als den Ausschluss aus der Versammlung auferlegt. Ausschluss ist nämlich die Ultima Ratio, das letzte Mittel, an das man denken sollte, wenn gar nichts anderes mehr helfen kann. Jede Sünde ist Sünde und muss ganz ernst als solche behandelt werden; doch das Wort Gottes unterscheidet sorgfältig zwischen Fällen, die in den Augen vieler gleich aussehen, und spricht seinen Tadel auf unterschiedliche Weise aus, und zwar mit vollkommenerer Heiligkeit als unserer. Jemand, der von einem Fehltritt übereilt wird, soll im Geist der Sanftmut wieder zurechtgebracht werden [vgl. Gal 6,1], was sicherlich zeigt, dass die eigentliche Prüfung in diesen Fällen die Fähigkeit ist, wieder zurechtgebracht zu werden. Doch womöglich ist so jemand schließlich außerhalb unserer Reichweite und befindet sich unversehens in weiter Ferne, weil wir dabei versagt haben, im Geist [der Sanftmut] zu handeln, worauf Galater 6,1 besteht. Zu urteilen ist leider allzu einfach und erfordert oft überhaupt keine geistliche Gesinnung und ist zugleich die schnellste und bequemste Art, eine augenscheinliche Heiligkeit sowie auch eine gewisse Art der Einheit zu wahren. Was uns Not macht und uns tadelt, das entfernen wir leicht mit einem chirurgischen Schnitt, der allerdings keine innerliche Krankheit heilt. Wir können abschütteln und vergessen. Das Gesetz passt zu unserer Natur und es ist heilig; aber es verurteilt, es heilt nicht. „Die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ [Röm 6,14]. Doch selbst unter Heiligen, die durch Gnade gerettet wurden, muss die Gnade leider oft den Vorwurf ertragen, dass sie „Sünder aufnimmt“ [vgl. Lk 15,2].

Es ist zu befürchten, dass man in der Praxis die Rolle der Versammlung bei der Versammlungszucht mehr und mehr darin sieht, als sei sie ein Vollstreckers dessen, was in Wirklichkeit Gesetz und nicht Gnade ist. Die „herzliche Liebe, das herzliche Verlangen [bzw. die Eingeweide] Christi“ [Phil 1,8] den Seinen gegenüber wird vergessen und das Wort an die Galater wird zu einer notwendigen Ermahnung für uns: „Wenn ihr aber einander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt werdet“ [Gal 5,15].

Wie lehrreich ist das Vorbild aus 3. Mose 13 für uns! Dort wird uns berichtet, wie jene gefürchtete Krankheit festgestellt wurde, welche die Betroffenen in Israel aus dem Lager und aus dem Haus Gottes ausschloss. Diese Krankheit ist für uns ein Bild dessen, was uns von der Gemeinschaft am Tisch des Herrn ausschließt! 3. Mose 13 betrifft genau die Angelegenheit aus 1. Korinther 5. Wie sorgfältig finden wir hier das gewahrt, was dem Herrn gebührt und was für sein Volk notwendig ist, während die übereilte Handlung, die sowohl zur Liebe als auch zur Gerechtigkeit im krassen Widerspruch steht, missbilligt und gerügt wird!

Es gab vieles, was mit dem Aussatz verwechselt werden konnte, wie zum Beispiel eine Erhöhung oder ein Schorf oder ein Flecken. Es konnte sich auch sofort ein Symptom zeigen, das den Aussatz ausreichend deutlich nachwies und von anderen Krankheiten unterschied, wie zum Beispiel wenn das Haar in dem Mal sich in Weiß verwandelt hatte und das Mal tiefer erschien als die Haut des Fleisches. Hier war etwas, was den Menschen selbst bis ins Tiefste betraf; es war keine vorübergehende äußerliche Störung oder etwas, was der Mensch hätte behandeln können. Gott allein konnte den Aussatz behandeln. Der deutlich als unrein erklärte Aussätzige war daher jemand, der aus der Gemeinschaft der Menschen hinausgetan und in die Hände Gottes gegeben wurde, genauso wie der Böse im Korintherbrief.

Aber nicht alle Fälle waren von dieser Art. Wenn die unverwechselbaren Zeichen fehlten, es aber eine echte Ursache zu Besorgnis gab – irgendeinen deutlich sichtbaren Fleck, denn Gott erlaubte kein Handeln auf bloßen Verdacht hin –, dann wurde der Betroffene weder in die Freiheit entlassen noch aus dem Lager ausgeschlossen, sondern für sieben Tage eingeschlossen; er kam in Quarantäne. Weder wurde ihm seine Stellung gänzlich verweigert noch wurde ihm gestattet, sie zu genießen. Gleichgültigkeit konnte es nicht geben; Fürsorge und Wachsamkeit hatten beide ihren Platz. Wenn die Krankheit nicht weiter um sich zu greifen schien, reichte dies noch nicht aus, denn dies war noch keine Wiederherstellung. Doch wenn nach sieben weiteren Tagen die Farbe der Haut zurückkehrte und die Krankheit offenkundig nicht weiter fortschritt, dann war der Betroffene frei, wenngleich selbst dann neue Symptome später ein neues Urteil notwendig machen konnten.

Eine „böse Person“ kann also, je nachdem wie der Fall liegt, entweder sofort als solche erkennbar sein oder sich erst nach längerer Nachforschung als solche entpuppen. Und dann gibt es Anzeichen, die darauf hindeuten, dass der Fall weiter fortschreitet ohne Wiederherstellung, ein Beweis dafür, dass in diesem Fall ein tiefer innerlicher Zustand herrscht, der unmöglich erreicht werden kann. Der Mensch kann nicht mehr von der Sünde getrennt werden, sondern wird mit ihr identifiziert, so dass man – um sich von der Sünde zu trennen – sich von dem Menschen trennen muss. Dieser ist nun ein „Böser“.

Bis dies festgestellt worden ist, wird der Mensch ein- und nicht ausgeschlossen. Wenn es sich zum Beispiel um Trunkenheit handelt, könnte der Betroffene jemand sein, der von einem Fehltritt übereilt wurde, und jede gerechte Beurteilung würde es ablehnen, ihn mit einem Trunkenbold gleichzusetzen. Doch Gleichgültigkeit ist weder Liebe noch Heiligkeit, und die Sünde ist begangen worden, ungeachtet ihrer Schwere. Kann es jemand, der vielleicht erst gestern betrunken war, gestattet werden, heute zum Tisch des Herrn zu kommen, als ob nichts geschehen wäre? Aber man meint, dass man ihn entweder kommen lassen oder ihn ausschließen müsse – dass man kein Recht dazu habe, ihm das Kommen zum Tisch des Herrn zu verbieten, es sei denn durch Ausschluss. Tatsächlich sind auf diese Weise viele ausgeschlossen worden und für uns vielleicht verlorengegangen, welche die Gnade lieber wiederhergestellt und festgehalten hätte.

Der Mensch wird ein- und nicht ausgeschlossen. Auf diese Weise lässt man nicht zu, dass die Tischgemeinschaft durch den Schatten einer unbereuten Sünde gestört wird; für die Ehre des Herrn ist gesorgt, und die Angelegenheit bleibt offen, bis sie von allen Beteiligten mit reiflicher Überlegung behandelt werden kann. Wie sehr unterscheidet sich all das von unausgegorenem und übereiltem Handeln! Ist es nicht so, dass wir oft mit dem Bösen handeln, während Gott – auch wenn es um das Böse geht – mit Seelen handelt?

Über diese notwendige Zurückweisung böser Personen hinaus gibt es sicherlich keine Rechtfertigung in der Schrift dafür, die christliche Gemeinschaft einzuengen. Alles, was über die Zurückweisung böser Personen hinausgeht, wäre sektiererisch und keineswegs Heiligkeit. Jegliche Zuchtmaßnahme gründet sich auf den geistlichen Zustand oder setzt diesen zumindest voraus, und zwar genauso da, wo es um das Böse einer falschen Lehre geht oder um die Gemeinschaft mit dieser Lehre, wie auch da, wo es einfach um das moralisch Böse geht.

Für weniger schwerwiegende Situationen schreibt das Wort eine andere Behandlung vor: öffentlichen Tadel oder persönlichen Rückzug, aber nicht den Ausschluss. Ich fürchte, wir haben mehr und mehr zu der Annahme geneigt: Wenn eine Angelegenheit vor die Versammlung kommt, bedeutet das den Ausschluss. Auf diese Weise haben wir die geringeren Dinge entweder mit unangemessener Strenge bestraft, wodurch gerade das Ziel der Versammlungszucht vereitelt wird, oder wir sind ganz über sie hinweggegangen.

In Korinth gab es ganz klar „Spaltungen“ und „Parteiungen“, für die der Apostel auch nicht für einen Augenblick den Ausschluss vorschreibt. „Denn zuerst einmal, wenn ihr als Versammlung zusammenkommt, höre ich, es seien Spaltungen unter euch, und zum Teil glaube ich es. Denn es müssen auch Parteiungen unter euch sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden“ (1Kor 11,18.19). Stets tadelt er diese Spaltungen und nie schlägt er eine Spaltung als Heilmittel für Spaltungen vor. Das wäre ja auch ein seltsames Heilmittel! Es ist [leider tatsächlich] ein solch seltsames Heilmittel [unter uns] geworden, denn haben wir dieses „Heilmittel“ nicht eingeführt? Und was war der Erfolg? Haben wir diese Spaltung nicht zu beschämenden unheilbaren Brüchen gemacht, die das Zeugnis unseres Bekenntnisses Lügen strafen?

Doch übertragen wir diese Grundsätze nun auf einen größeren Kreis. Erstens einmal sollte klar sein: Wenn Versammlungen versagen, gibt es keine anderen Grundsätze, die uns im Umgang mit ihnen leiten könnten, als die Grundsätze, die im Umgang mit Einzelpersonen gelten. Versammlungen sind nichts anderes als Zusammenkünfte von Einzelpersonen, seien es viele oder wenige; und die Heiligkeit stellt im Umgang mit Einzelpersonen keine anderen Anforderungen als im Umgang mit Versammlungen. Die Heiligkeit ist beständig, nicht veränderlich oder ungewiss. Wären Gottes Grundsätze willkürlich, beliebig, so könnten sie in übereinstimmenden Fällen verschieden sein, doch da die Grundsätze sich zwangsläufig auf Gottes Wesen gründen, müssen sie so unveränderlich sein, wie Er es ist. Es ist daher keine mit Zweifeln behaftete Schlussfolgerung, sondern eine klare und notwendige Wahrheit: Versammlungen, die sich auf göttlichem Boden befinden, können wir nicht ablehnen, außer wenn sie sich mit Bösem identifizieren. Und dann müssen wir auch alle ablehnen, die im vollen Verständnis und Bewusstsein mit ihnen Gemeinschaft haben, wenngleich Einzelpersonen, denen das volle Verständnis und Bewusstsein fehlt, weiterhin aufgenommen werden dürfen, wenn sie gottesfürchtig sind.

Wir sind, wie bereits gezeigt, vielleicht gezwungen zu glauben, dass Versammlungen in einer bestimmten Angelegenheit nicht den Sinn des Herrn hatten, doch dies erkennt ihnen keineswegs ihre Stellung als Versammlung ab.

Sonst müssten wir entweder leugnen, dass eine in Wahrhaftigkeit zusammengekommene Versammlung ein falsches Urteil fällen oder behaupten könnte, dass der Herr sie für jedes derartige Versagen als Versammlung aufgibt. Beides lässt sich anhand der Schrift nicht nachweisen und ebenso wenig können wir weder das eine noch das andere zu glaubhaften Ableitungen aus irgendeiner uns bekannten göttlichen Handlungsweise machen.

Angenommen, es kommt die Meinung auf, eine Versammlung sei zu einem falschen Urteil gelangt. Welcher Kurs ist dann einzuschlagen? Die Versammlung hat jedenfalls gesprochen, und zwar für den gesamten Leib; denn der Leib ist einer. Sie kann nicht nur für sich selbst sprechen, denn dies wäre sofort Unabhängigkeit. Es ginge dann nicht um das Binden auf der Erde, sondern nur um das Binden am jeweiligen Ort. Und nach demselben Grundsatz könnten in zwanzig verschiedenen Orten ebenso viele unterschiedliche Beschlüsse gefasst werden. Doch „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung“ [1Kor 14,33] und diese Unordnung könnte nicht von Ihm sein.

Aber wenn tatsächlich ein falsches Urteil gefällt worden ist oder wenn es schwerwiegende Gründe gibt, dies zu befürchten, so ist dies eindeutig eine Angelegenheit, über die jedes Gewissen geübt sein muss. Ein Einspruch gegen dieses Urteil ist dann nicht so sehr ein Recht, sondern vielmehr eine Verantwortung – eine einfache Frage der Pflicht dem Herrn und den Mitgeschwistern gegenüber, die es ernst und nicht übereilt aufzunehmen gilt, ohne Menschenfurcht, da in der Furcht Gottes.

Der private Einspruch sollte natürlich dem öffentlichen Einspruch vorausgehen; zuerst sollte man den Einspruch bei der Versammlung selbst erheben, bevor man ihn gegen sie erhebt. Dies sind offenkundige Grundsätze des Wortes. In Bezug auf das, was nie nur die Geschwister am Ort selbst angeht, sondern auch die Gewissen aller Geschwister an anderen Orten: Es ist sicherlich ebenso die Pflicht der Versammlung, bereit zu sein, auf Aufforderung hin eine klare Stellungnahme zum gefällten Urteil abzugeben und die Gründe anzugeben, die zu diesem Urteil geführt haben. Das, was nötig war, um die Gewissen der Geschwister der eigenen Versammlung, die das Urteil gefällt hat, zu überzeugen, und was sie dann tatsächlich überzeugt hat, sollte – wenn ordnungsgemäß Einspruch eingelegt wird – kurz dargelegt werden, um die Gewissen der Heiligen in einem größeren Umkreis zufriedenzustellen.

Wir haben Urteile gesehen, die bereits die Seelen Hunderter in Aufruhr versetzt haben. Sie waren so formuliert, dass weder deutlich wurde, über welche Sünde das Urteil gefällt wurde, noch deutlich wurde, welchen Beweis es für diese Sünde gab. Wenn nun natürlich die Autorität der Versammlung alles entscheiden soll, dann war es nur nötig, zu sagen: „So und so haben wir entschieden.“ Aber wenn die Gewissen der Gläubigen vor Gott stehen – lassen sie sich auf diese Weise zufriedenstellen? Und wenn nicht, was gibt es dann, was sie überhaupt beruhigen könnte?

Die Darlegung und Begründung dieser Dinge Außenstehenden zu überlassen ist sicherlich falsch und hat bereits große Verwirrung verursacht. So wie es allein der Versammlung zukommt, Beschlüsse zu fassen, so müssen ihr Urteil und ihre Gründe für das Urteil bekanntgegeben und dargelegt werden und nicht das Urteil und die Gründe von anderen Parteien. Wenn wir alleingelassen werden und blind tastend nach Fakten und Zeugen suchen oder die widersprüchlichen Aussagen redewilliger Verfechter einzelner Positionen aussieben müssen – nimmt es dann Wunder, wenn eine weitverbreitete Verwirrung herrscht und wenn man, statt sein Gewissen zu bemühen, sich im Dunkeln an diejenigen klammert, denen man persönlich am meisten vertraut, damit sie einen hindurchtragen?

Wenn man nun bei der Versammlung einen Einspruch erhoben hat und damit erfolglos war, bleibt nichts, außer einen Einspruch gegen die Versammlung zu erheben. An wen nun richtet sich dieser Einspruch? Wir haben gesehen, dass er sich nicht an eine örtliche Versammlung richten kann, sondern an das, was die örtliche Versammlung repräsentiert: die Versammlung in ihrer Gesamtheit.

Ich möchte jedoch noch ein wenig länger bei den praktischen Konsequenzen verweilen, die es hat, wenn zu diesem Zeitpunkt eine oder mehrere örtliche Versammlungen die Angelegenheit aufgreifen. Wie schon gesagt, hat eine Versammlung keine Gerichtsgewalt über eine andere; keine ist einer anderen vorzuziehen. Tatsächlich hat zwar vielleicht eine Versammlung mehr als eine andere das Vertrauen ihrer Brüder; doch wenn man sich danach richten wollte, würde das in rein menschlicher Führung enden und in einer quasi erzbischöflichen Stellung gewisser Versammlungen. Und tatsächlich hat es bereits dazu geführt. Das würde dann bedeuten: Der Herr ist in der Mitte von XY und nicht überall dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Es wird auch nicht schriftgemäßer, wenn man das Urteil durch eine bestimmte Anzahl von Versammlungen bestätigen lässt, denn das Mehrheitsprinzip ist nicht von Gott. Was bleibt uns dann übrig? Was wäre hier nun ein wirklich mit den Gedanken Gottes übereinstimmendes Streben, die Einheit des Geistes zu bewahren? Wäre es nicht das: wenn wir auf Gott und aufeinander warten würden, bis tatsächlich Einmütigkeit erzielt wäre, statt hier und dort voneinander abweichende Urteile zu fällen und so einen Geist der Parteiungen zu erwecken und die Standarte der Spaltung zu erheben?

Um dies umzusetzen – auf Gott und aufeinander zu warten –, wäre es auch nicht nötig, eine Fragestellung dieser Art in die gesamte Welt hinauszutragen, noch nicht einmal in einen sehr großen Teil derselben. Wenn nur ein solcher Teil des Landes vereint wäre, dass er den Rest angemessen repräsentieren könnte, würde das das Werk des Geistes Gottes in ausreichendem Maße aufzeigen, um das Vertrauen der Heiligen im Ganzen zu gewinnen und ihnen das Urteil annehmbar zu machen. Das wäre etwas völlig anderes als eine Mehrheit, die im besten Falle ja nur geteilte Meinungen aufzeigt. Es wäre Einheit – die Einheit, die wir gelehrt werden anzustreben.

Das Urteil würde letzten Endes durchaus zu Recht von einer örtlichen Versammlung gefällt werden; aber wie sehr würde sich ein solches Schreiben davon unterscheiden, wieder nur ein neues Schreiben zu sein, das vielleicht im Urteil vom ursprünglichen Schreiben abweicht, selbst wenn das Urteil anders wäre. Und wenn es tatsächlich abweichen würde – wie vertrauensvoll könnte man dann auf Gott warten, dass Er allen die Unterwerfung gibt unter etwas, was von Ihm käme!

Dass dies die Einheit im Geist wäre, ist offensichtlich. Man mag den Einwand erheben, diese Einheit wäre nicht leicht zu erlangen. Es besteht aber auch keine Notwendigkeit, zu behaupten, dass sie es wäre. Doch auch hier würde man, genau wie im Fall einer einzelnen Versammlung, feststellen: Die Arbeit der Gewissen und die deutlich gespürte Notwendigkeit, auf Gott geworfen zu sein, sowie das nötig gewordene erneute Durchdenken göttlicher Grundsätze würde in der Zwischenzeit zum Segen hinwirken. Und wenn wir ein aufrichtiges und mit Gebet begleitetes Verlangen nach Einheit sowie nach Gerechtigkeit hätten – wer würde bezweifeln, dass Gott in seiner Gnade uns beides geben würde, wenn der Zweck dieser Bemühung erreicht wäre? Zwang auf die Gewissen auszuüben ist nicht von Gott.

Das Erzwingen geistlicher Einheit durch gesetzliche Drohungen und Ausschluss derer, die abweichende Meinungen vertreten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Diejenigen, die am meisten ihr Gewissen bemühen, sind gerade diejenigen, die sich wahrscheinlich dieser Art der Disziplinierung am wenigsten fügen. Ich gestehe: Es fällt mir immer schwerer, zu verstehen, wie jemand, der die gütigen und freundlichen Worte des Apostels im Blick hat, die er so betont („Mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe; euch befleißigend, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“ [Eph 4,2.3]) – wie also so jemand davon ausgehen kann, dies ließe sich bewerkstelligen, indem man jeden für außerhalb der Gemeinschaft erklärt, der nicht mit gutem Gewissen Gott gegenüber das Urteil einer Versammlung in Bezug auf ein örtliches Problem annehmen kann. Diese Worte sind eine direkte Ermahnung, jede göttliche Verbindung, die aufrechterhalten werden kann, auch wirklich aufrechtzuerhalten, und zwar angesichts jedweder Schwierigkeit, jedweden Widerstands und jedweder Not. Und die Worte, die auf den oben zitierten Vers folgen („ein Leib und ein Geist“) – wirken sie nicht wie Wachtposten, die jeglichen Gedanken an eine leichtsinnige Zerteilung der Glieder dieses Leibes, des Leibes Christi, verbieten?

Sogar angenommen (was, um die Wahrheit zu sagen, niemals so voreilig hätte überstürzt werden dürfen), ein Versammlungsurteil stünde gegen ein anderes, wie wir es bereits erlebt haben: Lässt sich die Einheit schlechter durch widersprüchliche Urteile oder durch feindselige Zusammenkünfte ausdrücken? Ist eine gründlich durchgeführte Spaltung das Heilmittel für einen Geist der Spaltungen? Sollen wir uns als Einzelpersonen vom Geist des Evangeliums beherrschen lassen – Nachsicht üben und langmütig sein –, aber als Versammlungen in einem ganz anderen Geist handeln? Wiederum frage ich: Dringt die Schrift auf Trennung als Heilmittel für Trennungen? Darauf kann es nur eine Antwort geben: Ganz sicher tut die Schrift das nicht, sondern sie rügt Trennungen und lehnt sie ab.

Zugegeben, es ist eine Ausnahme, wenn Personen, die von der einen Versammlung aufgenommen werden, von einer anderen Versammlung abgewiesen werden: Ist es besser, die Heilung dadurch anzustreben, dass wir auf Gott warten und vor Ihm eingestehen, dass Er uns für unsere Sünden gedemütigt hat, oder dadurch, dass wir überall auf der ganzen Welt eine kompromisslose Trennung erzwingen? In wie vielen Fällen würde Er nicht auf unsere Bitten hin kommen, um zu heilen, wenn wir solch einer Heilung nicht durch unsere grobe Chirurgie vorgreifen und sie so verhindern würden! Die Folge ist: Wir sind auf dem besten Wege dazu, genauso sehr durch die Dinge, in denen wir uns von anderen unterscheiden, geeint zu sein wie jede beliebige Sekte. Wir sammeln nicht mit Christus, sondern wir zerstreuen mit XY; und all das im Namen der Einheit des Geistes!

Der Punkt, den es zu erwägen gilt, wenn es solche geteilten Meinungen und Urteile gibt, ist der: Gibt es ein echtes und eindeutiges Böses, eines, das nach dem Wort Gottes unser Handeln erfordert? Wenn es nichts gibt, was von sich aus unser Handeln nötig macht, dann tut es allein die Tatsache, dass es solch geteilte Meinungen gibt, auch nicht; sondern im Gegenteil: Die Angelegenheit dem Herrn und den einzelnen Gewissen zu überlassen ist die angemessene Handlungsweise. Und in einem Fall, wo es wirklichen Raum für Zweifel gibt oder wo die wirklich Gottesfürchtigen nicht entscheiden können oder sich gegensätzlich entscheiden, sollte es offenkundig sein, dass wir auf den Herrn warten sollten – darauf, dass Er deutlich macht, was unklar ist – und dass wir keine drastischen Schritte unternehmen sollten, bis der Fall klar ist.

Wenn zu sehen ist, dass Gott alle wahrhaftigen Herzen vereint hat und dass der verbleibende Widerstand nur der der Zwietracht ist, dann ist die Zeit zum Handeln gekommen; und wenn bis dahin auch sehr viel Geduld nötig gewesen wäre, wie groß wäre doch die Entschädigung dafür!

Ich glaube, dass dies göttliche Grundsätze sind und nicht menschliche Zweckdienlichkeit und Berechnung, und ich glaube, dass sie der Überprüfung durch das Wort standhalten. Stecken sie uns nicht einen deutlichen Pfad ab? Einen Pfad, auf dem wir – während der Herr und der Geist nicht weniger eine Notwendigkeit für uns sind – zumindest frei von der Befürchtung wären, dass wir jederzeit gezwungen sein könnten, ohne ausreichende Entscheidungsgrundlage zu irgendeinem neuen Urteil einer Versammlung Stellung zu beziehen, wobei nur eines sicher wäre: dass wir dadurch einmal mehr aufgespalten werden würden? Und wenn die Autorität der Versammlung weniger absolut wäre – würde die Versammlung in unseren Augen nicht wenigstens mehr zu dem werden, was der Herr liebt und wofür Er sich selbst gegeben hat? Auch werden ihre Urteile in Wirklichkeit nicht weniger Autorität tragen, wenn sie weniger den menschlichen Willen und mehr die Gerechtigkeit des Herrn widerspiegeln.

F.W. Grant


Originaltitel: The Relation of Assemblies to Assemblies and to Individual Conscience in the Maintenance of Scriptural Discipline, Plainfield, 1892
Quelle: www.stempublishing.com/authors/FW_Grant/FWG_Rel_Ass_Ass.html

Übersetzung: S. Bauer


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