Handeln bei Bösem in der Gemeinde
Die Belehrung von 1. Korinther 5

William Kelly

© SoundWords, online seit: 17.12.2015, aktualisiert: 24.05.2019

Leitverse: 1. Korinther 5,6-13

Einleitung der Redaktion:
Der Apostel Paulus prangert in Kapitel 5 seines ersten Briefes an die Korinther schlimme Zustände in der Gemeinde an. In ihrer Mitte befand sich unter anderem ein Mann, der ein schweres moralisches Vergehen begangen hatte, das selbst unter den sie umgebenden Heiden nicht vorkam. Offensichtlich waren die Korinther bis dahin noch nicht ausführlich über die Zucht der Versammlung belehrt worden. Aber sie hätten wenigstens „Leid tragen“ und den Herrn um Hilfe bitten sollen. Doch sie scheinen ziemlich gleichgültig gewesen zu sein. Paulus zeigt ihnen daher auf, was das für sie als Gemeinde bedeutete.

1. Korinther 5,6-8

Bis jetzt hatten die Korinther kein Empfinden dafür, wie sehr sie selbst an diesem schrecklichen Bösen teilhatten und – was wesentlich wichtiger ist – wie der Name des Herrn dadurch verunehrt wurde. Im Gegenteil, sie waren von sich selbst eingenommen und Leichtfertigkeit regierte unter ihnen. Deswegen sagt der Apostel:

1Kor 5,6-8: Euer Rühmen ist nicht gut. Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seiet, wie ihr ungesäuert seid. Denn auch unser Passah, Christus, ist geschlachtet. Darum lasst uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit.

Es gibt keinen ernsteren Grundsatz für den praktischen und öffentlichen Wandel der Versammlung. Das Böse wird uns hier im Bild des Sauerteiges vor Augen geführt:

Nicht nur, dass Sauerteig möglicherweise selbst unter Gläubigen existiert; nein, seine Eigenschaft ist, sich auszubreiten und zu wirken, damit der ganze Teig ihm selbst ähnlich wird. Der Apostel besteht darauf, dass Böses niemals toleriert werden darf. Hier in Korinth ist es moralisch Böses, in Galatien war es böse Lehre; wobei böse Lehre heimtückischer ist, weil trügerischer. Böse Lehre trifft das Gewissen, wenn überhaupt, nicht so unmittelbar oder so stark. Für das natürliche Denken ist böse Lehre nichts anderes als eine andere Meinung. Das wohlwollende Herz schreckt davor zurück, einen Mann aufgrund seiner Meinung hinauszutun, egal, wie irrig sie ist.

Die Versammlung steht auf vollkommen anderem Grund, weil sie auf den verherrlichten Herrn gebaut ist und der Heilige Geist in ihr lebt. Keine Gemeinde kann sich selbst gegen das Eindringen von Bösem schützen, aber jede Versammlung Gottes ist verpflichtet, Böses nicht zu tolerieren. Wenn Böses bekannt ist, dann ist die Gemeinde in der Pflicht, es hinauszutun. An anderer Stelle finden wir Einzelheiten, wie wir mit Bösem umgehen sollen. Da sind solche, die in besonderer Weise ausgestattet sind, moralische Macht zu tragen und auch auszuüben. Sie sind verantwortlich, Christus gegenüber, dem die Versammlung gehört, treu zu handeln. Wo bekanntes Böses geduldet wird, geht es nicht darum, Mitgefühl oder Mitleid zu zeigen, und es ist noch weniger eine Frage, dieses Böse zuzudecken. Denn das würde heißen, dass man mit dem Satan gemeinsame Sache gegen Gott macht, was zum Ruin führt – nicht nur zum Ruin des bereits verführten Einzelnen, sondern der ganzen Gemeinde. Wenn die Gemeinde Böses erkennt und es aufgrund von Gleichgültigkeit unterlässt, das Böse zu richten, dann spielt sie mit dem Namen des Herrn ein falsches Spiel. Noch weit schlimmer ist es, wenn sie – nachdem sie gemäß dem Wort Gottes darauf angesprochen wurde – es ablehnt, das Böse zu richten. In beiden Fällen kann sie dann nicht länger als Versammlung Gottes betrachtet werden, nachdem die angemessenen Maßnahmen, sie zum Handeln zu bewegen, nicht gewirkt haben.

Wie schlimm die Situation in Korinth auch war, so hatte das Böse jedoch bis jetzt noch kein solches Ausmaß angenommen. Es war demütigend, dass ihre Gewissen bis jetzt noch nicht aufgewacht waren, vielleicht abgesehen von Einzelnen, die mit dem Apostel über die Missstände geredet hatten, oder anderen, die ihre Unzufriedenheit, ihr Unbehagen teilten. Die Masse – sofern sie von den Vorfällen wusste – verhielt sich so, als wüsste sie von nichts, und war stolz und aufgeblasen, anstatt sich im Gebet in Betrübnis vor Gott zu demütigen [1Kor 5,2]. Schon so früh in der Christenheit machte sich die Vorstellung breit, Sünde betreffe in der Versammlung nur die tatsächlich Schuldigen, umfasse aber nicht alle in der Versammlung und der Herr selbst verbiete uns, andere zu richten, wenn Er anordnet, Unkraut und Weizen bis zur Ernte gemeinsam wachsen zu lassen [Mt 13,30]. Ist es notwendig, auf eine solch unheilige und ignorante Augenwischerei weiter einzugehen? „Der Acker [auf dem Unkraut und Weizen zusammen wachsen sollen bis zur Ernte] ist die Welt“ [Mt 13,38], nicht die Versammlung.

Jetzt folgt, in der treuen Liebe Christi zur Kirche, die ernste Warnung des Apostels. Toleranz gegenüber Bösem [auch] in nur einem Glied verunreinigt das Ganze. Sie zwingt eigentlich den Heiligen Geist, etwas zu billigen, was Gott hasst. Keine Auslegung kann dem Geist der Ermahnung des Apostels mehr entgegenstehen als die, die davon ausgeht, dass das Ganze nur dann gesäuert ist, wenn jedes Glied völlig durchsäuert ist. Es ist wirklich gemeint, dass ein wenig Sauerteig seinen Charakter an die ganze Masse weitergibt. Selbst der Dekan Alford (obwohl im Allgemeinen weit davon entfernt, gesund in der Lehre zu sein, streng in kirchlichen Grundsätzen oder fest und entschieden, wenn es um die Ehre Christi geht) spricht unvergleichlich besser als jene Brüder, die den heiligen Namen der Liebe entwürdigen, um ihr eigenes Handeln oder das ihrer Freunde zu rechtfertigen. Er sagt: „Dass dies die Bedeutung ist – und nicht, ‚dass ein wenig Sauerteig, [erst (Anm. d. Üb.)] wenn er nicht ausgefegt wird, den ganzen Teig durchsäuern wird‘ –, zeigt sich in der Sache selbst, nämlich in der Widersprüchlichkeit ihres Rühmens. Diese Widersprüchlichkeit ergab sich nicht daraus, dass die Versammlung in Korinth in der Gefahr stand, hernach einmal [durch die Sünde des Hurers] moralisch verderbt zu werden, sondern weil sie ihren Charakter [als ungesäuert; 1Kor 5,7] verloren hatte. Einer von ihnen war ein Hurer von schrecklich verdorbener Art, der trotzdem toleriert und dem Unterschlupf gewährt wurde. Dadurch wurde der Charakter des Ganzen geprägt“ (Kommentar zu 1. Korinther 5). (Das Kursive stammt vom Dekan selbst. Ich zitiere seine Worte in keiner Weise als autoritativ, sondern als gerechten Tadel an einem unheiligen Grundsatz und Ziel von jemand, der eher darauf bedacht ist, Böses zu beschönigen. Noch schuldiger machen sich jene, die es besser wissen und dementsprechend auch besser handeln müssten.)

Deswegen appelliert der Apostel eindringlich an die Korinther, den alten Sauerteig hinauszutun, um ein neuer und frischer Teig zu sein, „wie ihr [ja bereits] ungesäuert seid“ [1Kor 5,7]. Dieser Punkt ist von großer Bedeutung: Die Heiligen sind ungesäuert und werden nicht nur dazu aufgefordert, es zu sein. Ihr praktisches Verhalten gründet sich auf ihre Stellung. Alle Anstrengungen, die Reinheit der Versammlung [denn der Stellung nach ist sie wie gesagt bereits rein] zu leugnen, kommen vom Feind. Der Apostel erinnert die Korinther in diesem Brief daran und besteht darauf, dies nicht aus den Augen zu verlieren. Er ruft in ihnen die Erinnerung daran wach, was Gottes Gnade für sie getan hatte. Er will ihr Gewissen aufwecken, immerwährend mit und für Christus zu handeln. Die Heiligen haben sowohl den alten als auch den neuen Menschen, und doch denkt der Apostel niemals daran, Sünde zu erlauben. Ist der alte Mensch nicht mit Christus gekreuzigt? Wenn Gott bereits Gericht über die Sünde gehalten hat, gibt es keine Entschuldigung mehr, wenn man sie immer noch erlaubt. „Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus“ hat jeden Gläubigen frei gemacht [Röm 8,2]. Nicht nur, dass er eine neue Natur bekommen hat, er hat auch den Heiligen Geist in sich, der durch das Wort und die Gnade Christi in dem Gläubigen wirkt. Die Gläubigen waren also ungesäuert und mussten den alten Sauerteig hinausfegen. Das erklärte Ziel Gottes war, die Gemeinde in Reinheit für Christus und Christus entsprechend in dieser Welt zu formen. Die Verantwortung der Gläubigen dabei ist, als Einzelne und gemeinschaftlich Gott gemäß zu leben. Die Schrift zeigt den Willen Gottes ganz deutlich.

Das Bild des Ungesäuerten ruft uns Christus als das wahre Passahlamm und das vollständige Abschaffen der Sünde durch sein Opfer in Erinnerung. Das stärkt den Grund, auf dem der Apostel gebietet, dass Sünde von den Heiligen gerichtet werden muss, wenn irgendjemand durch Unachtsamkeit in Sünde gefallen war und nicht Buße tat. Das Fest der ungesäuerten Brote war untrennbar mit dem Passahfest verbunden; und jeder Israelit wusste das. Die praktische Anwendung dazu finden wir hier: „Darum lasst uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, nicht mit altem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit“ [1Kor 5,8]. Möglicherweise gibt es neue Formen des Bösen neben dem Bösen, das aus alten Gewohnheiten und Verbindungen herrührte. Aber genauso wie jeglicher Sauerteig von den Juden hinausgetan werden sollte, so ist jeder Christ ernsthaft aufgefordert, mit Bösem, egal, in welcher Form, schonungslos umzugehen.

Weiterhin scheint es mir wichtig, hervorzuheben, dass dies nicht nur in Bezug auf den Tisch des Herrn gilt. Die sieben Tage des jüdischen Festes symbolisieren unser gesamtes Leben hier auf der Erde. Die Dauer des Festes umfasst demzufolge die gesamte Zeit, die ein jeder hier auf der Erde hat. Es darf nichts geduldet werden, was im Christen nicht in völliger moralischer Übereinstimmung mit Christus ist; und das nicht nur dann und wann, sondern immer. Das ist die Lehre, die das Neue Testament vorstellt und nachdrücklich betont. Zweifellos leuchtet das wahrhaftige Licht schon. Erlösung – weit entfernt davon, in den Erlösten Sünde zu erlauben – ist die Grundlage für Heiligkeit. Alles Böse wurde erst dann vollkommen gerichtet, als Christus, unser Passah, gekreuzigt wurde. Wie viel hatte Gott wegen der Verstocktheit der Menschenherzen schon vorher mit Langmut getragen! Aber jetzt, wo all das Böse im Kreuz Christi verurteilt worden ist und der Gläubige als Folge dessen in der Gnade steht, sollen wir unsere Glieder „als Sklaven der Gerechtigkeit zur Heiligkeit darstellen“ [Röm 6,19]. Befreit von Sünde und zu Dienern Gottes geworden, können wir in Heiligkeit Früchte hervorbringen und haben wir ewiges Leben. Alles, was davon abweicht, ist nicht wahres christliches Leben.

1. Korinther 5,9-13

Der Apostel zeigt nun auf, wie nach dem Willen des Herrn mit unwürdigen Bekennern seines Namens in der Versammlung verfahren werden soll. Die Korinther wussten nicht, wie sie mit solchen umgehen sollten. Aber warum beteten und trauerten sie nicht wenigstens? Warum waren sie aufgeblasen?

1Kor 5,9-13: Ich habe euch in dem Brief geschrieben, nicht mit Hurern Umgang zu haben; nicht durchaus mit den Hurern dieser Welt oder den Habsüchtigen und Räubern oder Götzendienern, sonst müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen. Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der ein Bruder genannt wird, ein Hurer ist, oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen nicht einmal zu essen. Denn was habe ich zu richten, die draußen sind? Ihr, richtet ihr nicht die, die drinnen sind? Die aber draußen sind, richtet Gott; tut den Bösen von euch selbst hinaus.

Es gibt keinen triftigen Grund, warum ein inspirierter Apostel nicht einen Brief geschrieben haben könnte, den – nachdem er seinen Zweck erfüllt hat – Gott verlorengehen ließ und der nicht in die Bibel aufgenommen wurde. Folglich ergäbe sich meiner Meinung nach keine Schwierigkeit, wenn Paulus hier einen Brief erwähnen würde, der nie in den Kanon der Bibel aufgenommen wurde. Aber wo ist der Beweis, dass dies der Fall ist oder dass ein anderer Brief gemeint ist als der, den Paulus gerade schreibt? Wenn dies der Fall wäre, so müsste die an dieser Stelle verwendete Zeitform der sogenannte Briefaorist sein. [Anm. d. Red.: Siehe auch die Erklärung zum „Epistolary Aorist“.] Wenn jemand dann meint, es sei „nicht der vorliegende Brief“ gemeint, dann bedeutet das nichts anderes als ein früherer Brief, der uns nicht überliefert wurde. (Vergleiche Römer 16,22; Kolosser 4,16; 1. Thessalonicher 5,27; 2. Thessalonicher 3,14.)

Tatsächlich ist 2. Korinther 7,8 das einzige Beispiel dafür, dass auf einen vorangegangenen Brief Bezug genommen wird, was der Kontext an der Stelle auch verlangt; dort ist der Gegensatz zwischen den beiden Briefen deutlich. Aber nichts in dieser Art kann man hier im ersten Korintherbrief finden. Da der Gebrauch [des Ausdrucks „in dem Brief“ bzw. „geschrieben“] viel häufiger auf die andere Art verwendet wird [d.h., wenn der Apostel diesen Ausdruck verwendet, bezieht er sich nicht auf älteren Brief, sondern auf den Brief, den er gerade schreibt], ist der Sinn also klar: Der Brief, den Paulus an dieser Stelle meint, ist der vorliegende Brief [der erste Korintherbrief]. Die Vorstellung, es gäbe einen älteren Brief, enthält die Schlussfolgerung, dass der vorliegende Brief eine Korrektur sei, weil die Korinther eine Anweisung des Apostels [in einem älteren Brief] über den Umgang mit Hurern missverstanden hätten. Aber dieser Gedanke erscheint unbegründet. Dasselbe gilt für die Idee, es müsse im vorangegangenen Teil dieses Briefes etwas geben, was für diesen Punkt von Bedeutung sei. Es ist nämlich völlig ausreichend für diesen Abschnitt, dass Paulus die Korinther jetzt belehrt. Dass Paulus sich also auf etwas beziehen müsse, was vorangegangen wäre, leugnet den Charakter dieser Zeitform als Briefaorist.

Noch einmal: Die Formulierung en te epistole [„in dem Brief“] ist keinesfalls belanglos und überflüssig, wenn Paulus den Brief meint, den er gerade schreibt. Sie ist vielmehr sehr präzise und aussagekräftig. „Ich habe euch in [nicht „einem“, sondern in] dem Brief geschrieben, nicht mit Hurern Umgang zu haben“ [1Kor 5,9]. Er betont jetzt [an dieser Stelle im Brief] diesen Punkt. [Anm. der Red.: Gemeint ist das wohl in dem Sinn, wie wir heute sagen: „Das gebe ich dir jetzt schriftlich“, wenn wir unserer Aussage besonderes Gewicht beilegen wollen.] Dann fährt er fort, diesen Punkt näher zu beschreiben: „nicht durchaus [nicht in allen Fällen] mit den Hurern dieser Welt oder den Habsüchtigen und Räubern oder Götzendienern, sonst [in diesem Fall] müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen. Nun aber [oder wie der Fall steht] habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist …“ [1Kor 5,10.11a]. Hier wird die gleiche Zeitform für etwas verwendet, was sicher das ist, was er in dem aktuellen Brief sagen will; das nuniv [„nun“] in Vers 11 [1Kor 5,11] dient einzig dazu, deutlich zu machen, dass es sich in diesem Vers um eine konkretere Anwendung der allgemeinen Aussage aus Vers 9 handelt.

Kurz gesagt: Der Apostel zeigt, dass brüderlicher Umgang auf Brüder beschränkt ist, auf Glaubensgeschwister; das Gleiche gilt für Zucht. Brüderlichen Umgang oder Zucht auf die Menschen der Welt auszuweiten, ist eine falsche Grundlage und würde den Umgang mit Menschen im Großen und Ganzen unmöglich machen. Auf der anderen Seite setzt christliche Gemeinschaft Reinheit des Lebens voraus auf der Seite derer, die sie genießen. Wenn einer, der Bruder genannt wird, unrein, habsüchtig oder götzendienerisch ist oder lästert oder als Trunkenbold oder Räuber lebt, dann ist Kontakt mit diesem zu vermeiden: Mit einem solchen sollen wir „nicht einmal zu essen“ [1Kor 5,11b]. Das bedeutet nicht nur, dass wir verpflichtet sind, ihm die Gemeinschaft beim Mahl des Herrn zu verweigern, sondern auch, dass wir auch nicht die kleinste Mahlzeit mit ihm gemeinsam einnehmen sollen. Ein verbrecherischer und moralisch verunreinigter Bekenner Christi soll selbst in einer normalen sozialen Handlung gemieden werden. Das gilt also nicht nur für das feierlichste Zusammenkommen zur christlichen Anbetung.

Die Abschlussverse zeigen, warum diese Beschränkung notwendig ist: „Denn was habe ich die zu richten, die draußen sind? Ihr, richtet ihr nicht die, die drinnen sind? Die aber draußen sind, richtet Gott; tut den Bösen von euch selbst hinaus“ (1Kor 5,12.13). Die Welt ist bis jetzt nicht der Ort göttlichen Gerichtes, aber seine Kinder beurteilt der Vater ohne Ansehen der Person; und dazu ist auch die Versammlung verpflichtet. Bald wird die Welt nicht nur gerichtet, sondern auch verurteilt werden (1Kor 11). Deswegen sollte der Gläubige sich umso mehr bemühen, sich selbst zu beurteilen, sonst würde die Gnade in schlechten Ruf geraten, als wenn sie Böses vertuschen wolle. Aber selbst wenn der Gläubige versagt, der Herr versagt nicht. Er züchtigt durch ein göttliches Gericht, damit der Gläubige nicht mit der Welt verurteilt werde.

Die, die „draußen“ sind, stellen also nicht das eigentliche Feld für apostolisches oder gemeindliches Gericht dar – die, die „drinnen“ sind, hingegen schon –, weil der Herr sich zur rechten Zeit mit denen „draußen“ befassen wird. Die Versammlung kann sich ihrer Pflicht nicht entziehen; egal, ob stark oder schwach, sie muss in dieser Hinsicht klar vor Gott stehen. Die Heiligen mögen nicht in der Lage sein, jemand dem Satan zu überliefern [1Kor 5,5], aber sie sind verpflichtet, den Bösen aus ihrer Mitte hinauszutun. Allerdings sind sie nicht dazu aufgefordert, jemand aus ihrer Mitte hinauszutun, der nicht „böse“ ist. Es gibt andere disziplinarische Maßnahmen, die nicht vergessen werden dürfen, wie der öffentliche Tadel oder das Sichzurückziehen. Es ist falsch und boshaft [zu sagen (Anm. d. Üb.)], dass jeder, der einen Anstoß gibt, auf die obengenannte Weise ausgeschlossen werden solle. So soll mit niemand verfahren werden, außer mit jemand, der böse ist. Wenn es um einen solchen geht, dann ist diese Maßnahme zwingend, da sonst Gemeinschaft nicht mehr nach dem Maßstab Christi ist. Nicht das Eindringen des schlimmstmöglichen Bösen zerstört den Charakter der Versammlung, sondern die bewusste Toleranz dem Bösen gegenüber – auch wenn die Toleranz noch so gering ist. Nur müssen wir darauf achtgeben, dass das Richten in Übereinstimmung mit dem Wort und dem Geist Gottes geschieht. Eine Einheit, die aufrechterhalten wird, indem man bekanntes Böses in ihrer Mitte duldet, kommt vom Teufel und steht dem Ziel Gottes in der Versammlung direkt entgegen. Die Versammlung ist nämlich verantwortlich dafür, den Charakter Christi in Heiligkeit widerzuspiegeln, wie sie es einmal in Herrlichkeit tun wird.


Originaltitel: „Notes on 1 Corinthians. Chapter 5, v. 6–13“
aus The Bible Treasury, Jg. 10, 1874/5, S. 262–263, 281–282

Übersetzung: Philipp-Richard Schulz


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