„Ist nicht der Herr in UNSERER Mitte?“

Alfred Henry Burton

© SoundWords, online seit: 05.07.2018, aktualisiert: 10.09.2018

Der folgende Brief und die Antwort darauf sprechen für sich. Weil ich überzeugt bin, dass viele in diesem Land [Schottland] den gegenwärtigen Zustand tief empfinden, fühlte ich mich dazu geleitet, diese abzudrucken, jedoch ohne den Namen meines Korrespondenten zu nennen. So möge die ganze Verantwortung auf mir selbst liegen.
A.H.B. 

Lieber …,

ich bin nun schon seit einiger Zeit in großer Übung in meinem Herzen und meinem Geist (vor dem Herrn, wie ich hoffe), was unsere Haltung betrifft, die wir hinsichtlich unseres Zusammenkommens zum Namen des Herrn und in Absonderung von anderen Christen einnehmen. Die Tatsache, dass es nur wenige sind, die sich in Schottland mit uns versammeln, hat vielleicht dazu beigetragen, mir diese Sache ernster aufs Herz zu legen, als es vielleicht sonst der Fall gewesen wäre. 

Du kennst ja die gegenwärtige Situation in unserem Land: Es gibt zwischen zwanzig und dreißig Geschwister in G., ein paar in C., einige in S., zwei in H., drei in A., vier in D.1, drei in D.2 und zwei in C.S. Du wirst sicherlich in gewissem Maß verstehen, was diese Isolation und Einsamkeit bedeutet. 

Und ich sage es als Zeugnis vor dem Herrn noch einmal: Es ist meine innere Herzensüberzeugung, dass wir entweder wenige oder nichts und niemand sind. Wie wenig Liebe gibt es doch für viele liebe Kinder Gottes, die nicht „mit uns“ sind! Und wie wenig Eifer, das Evangelium zu den Unerretteten zu bringen! Ich bin auch sehr betrübt darüber, wie sehr dienende Brüder Schottland traurigerweise vernachlässigt haben. All diese Dinge zusammen haben einen sehr deprimierenden Einfluss auf meinen Geist gehabt, doch sie hätten mich nicht so niedergeschlagen, wenn ich gewiss wäre, dass wir wirklich auf dem Weg gehen, auf dem Er uns haben will, und dass unsere Haltung Ihm wohlgefällig ist. Es geht mir nicht um einen einsamen Weg, damit kann ich leben; es geht mir aber sehr wohl darum, ob ich die Zustimmung des Herrn habe. 

Wenn ich auf die Anfangstage zurückblicke und an die Schlichtheit denke, mit der diejenigen, deren Herzen so offensichtlich vom Herrn bewegt wurden, sich zu seinem Namen hin versammelten, um, gemäß seinem eigenen Wunsch, Seiner zu gedenken, und dass sie mit offenem Herzen all die aufnahmen, die Sein sind, ganz einfach weil sie Sein waren und Ihn suchten; wenn ich daran denke, dass sie diese Gläubigen aufnahmen, weil sie bereits Glieder seines Leibes und Glieder voneinander waren [Röm 12,5; Eph 4,25]; wenn ich an die Kraft und Frische dieser frühen Zusammenkünfte denke und an den damit verbundenen Segen für die Menschen, seien sie Heilige oder Sünder, und wenn ich dies mit dem vergleiche, was nun um uns herum geschieht, dann drängt sich meinem Herzen ganz von selbst die Frage auf: Sind wir von der Wahrheit abgewichen (vielleicht unbeabsichtigt und unwissentlich), und haben wir nur noch einen Anschein davon? 

„Deinem Haus geziemt Heiligkeit, HERR, auf immerdar“ [Ps 93,5], das weiß ich, und deshalb empfinde ich auch zutiefst die dringende Notwendigkeit, dass wir stets sorgfältig über die Herrlichkeit des Herrn und seine Wahrheit wachen. Aber haben wir wirklich nur das getan? 

Wir wollen nicht „unsere Position“ rechtfertigen; wir wollen die Wahrheit haben, selbst wenn das gegen uns spricht und es notwendig macht, dass wir unsere Haltung überdenken und zu den ersten Prinzipien zurückkehren (und genau das sollten wir tun, wie mir scheint). 

Ich glaube, dass viele sich aufgrund dieser Sache in Herzensübungen befinden. Und das kann ich eigentlich nur dem Wirken des Geistes Gottes zuschreiben. Dies ist wirklich ein Tag „kleiner Dinge“ [Sach 4,10], aber er sollte kein Tag „kleiner Herzen“ sein.  

Ich schließe mit dem aufrichtigsten Verlangen, dass der Herr dich in deiner Bemühung der Liebe überreichlich segnen möge.

Herzlichst, in Ihm …

 

 

3 Elmbourne Road,
Upper Tooting, London, South West 

Mein lieber Bruder,

dein Brief hat mich sehr bewegt und, auch wenn es dir seltsam vorkommen mag, sehr ermutigt! Ich fühle wirklich aufrichtig in all deinen Herzens- und Gewissensübungen mit dir und empfinde auch tief mit dir hinsichtlich der Isolation und der Einsamkeit, die du in deinem Brief ausgedrückt hast. Dennoch bin ich ermutigt bei dem Gedanken, dass hier noch ein Bruder ist, der diese Frage vor Gott erwägt und der sich nicht schämt und keine Angst hat, das eigene Versagen in unserer Geschichte und Fehler in den zurückliegenden Zuchtmaßnahmen offen einzugestehen. 

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass Gott weitreichend wirkt und dass Er sein Volk zum Bekenntnis und zur Reue leitet. Buße und Bekenntnis wurden kurz vor dem ersten Kommen Christi als ein Beweis für das Wirken des Geistes gefunden. Und ich bin sicher, dass dies heute nicht minder auch unsere Pflicht ist, bevor wir sein Angesicht sehen und versammelt werden, um Ihm in der Luft zu begegnen. 

Es war Unglaube, der die Kinder Israels zu Beginn ihrer Wanderschaft die Frage stellen ließ:

  • 2Mo 17,7: Ist der HERR in unserer Mitte oder nicht?

Mit dieser Frage versuchten sie den Herrn. Natürlich war Er es, denn hatte Er sie nicht gerade aus Ägypten befreit und sie zu sich selbst gebracht? In diesem Sinn ist der Herr mit all den Seinen, und mit den (sogenannten) Brüdern ist Er nicht mehr als mit allen anderen. In Zeiten von Schwierigkeiten, Versuchung, Einsamkeit und Isolation, in Zeiten von Prüfungen und Verwirrung ist der Herr immer mit den Seinen; Er wird sie niemals verlassen noch aufgeben.

Der Glaube hat das zuhauf bewiesen in der Zeit der Verfolgung unter Diokletian wie auch bei den Massakern unter den Waldensern, bei den Verbrennungen in Smithfield [London] und den Abscheulichkeiten des Boxeraufstands [in China]. So etwas [dass der Herr mit ihnen ist] kann eine kleine Gruppe von Christen nicht für sich allein beanspruchen unter Ausschluss ihrer Mitchristen, die nicht die gleiche Sichtweise haben. 

Doch es waren völlige Verhärtung des Gewissens und stolze Anmaßung, die einige in Israel später zu dem stolzen Ausspruch verleiteten:

  • Mich 3,11: Ist nicht der HERR in unserer Mitte? Kein Unglück wird über uns kommen!“

Damals gingen in Israel furchtbare Dinge vor sich, wie wir in Micha 2 und 3 sehen. Nicht mit den Kanaanitern und den Philistern hatten sie einen Konflikt, sondern einer mit dem anderen. Vor allem die Fürsten und Propheten waren darin führend, und das Volk – das Volk des Herrn – litt darunter. Es war „eine böse Zeit“, ein „Klagelied“ war auf den Lippen vieler, und die Worte „Wir sind ganz und gar verwüstet“ (Mich 2,3.4) beschrieben ziemlich gut ihren jammervollen Zustand. Und doch kommt trotz alledem die Aufforderung Gottes zu jedem, der ein Ohr hat, zu hören:

  • Mich 2,7: Du, Haus Jakob genannt, ist der HERR ungeduldig? Oder sind dies seine Taten? Sind meine Worte nicht gütig gegen den, der aufrichtig wandelt?

Sogar in den Tagen kollektiven Ruins gab es individuellen Segen. Aber wie traurig sind die Ereignisse in Kapitel 3. Haben wir nicht etwas von Vers 5 auch in unseren Tagen gesehen?

  • Mich 3,5: „So spricht der HERR über die Propheten, die mein Volk irreführen, die mit ihren Zähnen beißen und Frieden rufen; und wer ihnen nichts ins Maul gibt, gegen den heiligen sie einen Krieg.

Gab es nicht viel Beißen mit den Zähnen, während gleichzeitig der Ausruf „Frieden“ zu hören war? Und fand nicht ein Krieg statt gegen diejenigen, die ungerechte und nicht schriftgemäße Zuchtmaßnahmen und den Ausschluss Einzelner und auch ganzer Versammlungen nicht anerkennen wollten? Sind nicht Hunderte, ja Tausende gottesfürchtiger Geschwister ausgeschlossen worden mit dem Vorwand, man wolle „die Einheit des Geistes“ wahren [Eph 4,3]? Ist nicht die Ermahnung der Schrift, dass wir die Einheit des Geistes bewahren sollen, an beiden Enden beschnitten worden? Sind nicht die „Demut, Sanftmut, Langmut und das Einander-Ertragen in Liebe“ vergessen und das vereinigende „Band des Friedens“ missachtet worden? 

„Aber wir haben mit unseren Zuchtmaßnahmen das Richtige getan, auch wenn wir es auf eine falsche Weise getan haben.“ So ist oft gesagt worden. Nun, ich hingegen bin ziemlich sicher, dass wir mit unseren Zuchtmaßnahmen manches sehr falsch gemacht haben. Aber nehmen wir einmal an, sie seien richtig gewesen: Wird Gott uns deshalb erlauben, ungestraft richtige Dinge in falscher Weise zu tun? Wird Er irgendein fleischliches Handeln tolerieren, weil wir vorgeben, dass wir Ihm ja treu sind? 

Lies Micha 3 und sieh, wie erfolgreich die „Priester“, die „Propheten“ und die „Häupter“ des Volkes waren. Wie sehr bestanden sie darauf, dass ihr Wille geschah, ohne Rücksicht auf die Gefühle derer, die sie unterdrückten – bis das Elend schließlich so groß war, dass die Finsternis die Oberhand dort gewann, wo bislang der helle Schein der Sonne geherrscht hatte. Und da, wo vormals alle erlebt hatten, dass die Worte Gottes halfen, war jetzt „keine Antwort Gottes da“ (Mich 3,6.7). Und bei all dem rühmten sich die „Häupter“:

  • Mich 3,11: Ist nicht der Herr in unserer  Mitte? Kein Unglück wird über uns kommen!

Nur wegen dieses anmaßenden Tuns und selbstzufriedenen Rühmens kam die Hand Gottes mit regierungsgemäßer Züchtigung über Zion (Mich 3,12). 

Können wir nicht eine Parallele zu unserer eigenen Zeit erkennen? Wer sind diejenigen, die uns all diese Schwierigkeiten gebracht haben? Sind es nicht in den meisten Fällen die Führer und Häupter gewesen? Sind es nicht die Lehrer und Männer von Rang und Einfluss gewesen? Und das demütigere Volk hat getrauert und gelitten und ist in alle Winde zerstreut worden, bis es, wie du sagst, in ganz Schottland nur knapp fünfzig Geschwister gibt, die sich gegenseitig anerkennen. Ungefähr das Gleiche könnte  man auch von Irland sagen. Können wir uns wirklich auch nur für einen Moment vorstellen, dass „dies seine Taten“ sind (Mich 2,7)? 

Ich glaube, dass wir in diesem ganzen System von Trennungen völlig falsch gelegen haben. Wir sind über die Schrift hinausgegangen. Die ganze Verfahrensweise war falsch, trotz bester Absichten, wie ich uneingeschränkt zugebe. Wenn ein Problem in einer bestimmten Versammlung entsteht und man zu einer Entscheidung kommt – oftmals auf Kosten einer großen Anzahl gottesfürchtiger Geschwister, die hinausgetrieben werden –, dann wird ein Brief in alle Himmelsrichtungen versandt, verbunden mit der Drohung, es würden alle hinausgetan werden, die dem Brief nicht zustimmen. So wird jede einzelne Versammlung an allen Enden der Erde vor die Verantwortung gestellt, diesen Beschluss anzuerkennen, woraus sich [wieder] vielfältige Trennungen ergeben und weitere Versammlungen und Geschwister hinausgetan werden. 

Nun, wo ist denn die Schriftstelle für „Trennungen“, so wie wir unglücklicherweise dieses Wort verstehen? Ein Problem entsteht, über das es verschiedenartige Meinungen und unterschiedliche Beurteilungen gibt, z.B. Ramsgate[1], Reading[2] und Montreal[3]. Eine starke Gruppe unternimmt Schritte, übergeht aber dabei völlig die Gewissen und die flehenden Bitten der anderen. Man muss sich dann auf eine der beiden Seiten stellen, und so entsteht eine weltweite Trennung. Diese ist auf alle Zeit gültig[4], bis irgendwann keiner mehr lebt, der noch genau weiß, warum dies alles überhaupt geschehen ist. Das ist es, was Gläubige zerstreut und zertrennt hat, die in früheren Tagen durch die Wahrheit und in der Liebe zur Wahrheit vereint waren. Das ist es, was die derzeitige Generation verwirrt, die wirklich nachdenkt und danach strebt, in den Wegen zu wandeln, die dem Herrn gefallen, und die durch sein Wort belehrt sind. Sie haben Augen, um zu sehen, dass unser gegenwärtiger Weg das Ergebnis davon ist, dass wir den Weg verfehlt haben. Und nur ein Fanatiker könnte unseren gegenwärtigen Zustand der Trennung mit Genugtuung betrachten. Es hat keinen Zweck, Menschen zu schelten, die sich darin üben, in diesen Dingen ein gutes Gewissen zu bewahren. 

Ich hoffe, meine Mitgeschwister nehmen mir ab, dass ich mit diesem Schreiben keinen anderen Wunsch habe, als dass wir diese Angelegenheit ruhig und betend in der Furcht Gottes abwägen sollten. Mehr und mehr empfinde ich, dass unsere Handlungsweisen im Hinblick auf die Trennungen im Grundsatz falsch waren; sie sind nicht schriftgemäß. Müssen wir uns also wundern, dass es in der Praxis dieses bedauerliche Ergebnis gibt? Böses, das aller Wahrscheinlichkeit nach niemals über die örtliche Versammlung hinausgehen würde, wird weit und breit ausgebreitet. Viele werden dadurch verunreinigt und gezwungen, ihre Zeit und ihre Gedanken mit Schlechtem und mit bösen Gerüchten zu füllen anstatt mit dem, was wohllautet (Phil 4,8). Mit dem Vorwand, die Einheit des Geistes zu wahren, sind mehr Streit und Trennung herbeigeführt worden, als es vermutlich jemals sonst in der Kirchengeschichte der Fall gewesen ist. 

Ich glaube, wir haben nicht das Recht, das Mahl des Herrn irgendeinem Christen zu verweigern, der dieses Vorrecht nicht erwiesenermaßen verwirkt hat – sei es durch seine eigene Sünde in Praxis oder Lehre oder durch willentliche Verbindung mit solchen, die sich weigern, derartiges Böses zu richten. 

„Aber müssen wir nicht Versammlungszucht anerkennen?“ Als allgemeinen Grundsatz müssen wir das sicherlich. Falls eine Versammlung gezwungen war, diese ernste und schmerzhafte Maßnahme, eine böse Person hinauszutun oder einen Sektierer abzuweisen, in der Furcht des Herrn anzuwenden, so werden alle anderen Versammlungen dies anerkennen, wenn sie in berechtigter Weise dazu aufgefordert werden. Das ist eine auf Gottes Wort begründete Maßnahme, eine schriftgemäße Zuchtmaßnahme und nicht etwa die bloße Willkürhandlung eines Einzelnen oder die Ausrichtung einer Gruppe. 

Aber oftmals sind wir über die uns von Gott gegebenen Rechte und Vollmachten hinausgegangen und haben die Zustimmung zu Entscheidungen erzwungen, für die wir keine schriftgemäße Autorität hatten; und dies unter Androhung, solche Versammlungen hinauszutun, die unseren Entscheidungen nicht zustimmen. Und mittlerweile geschieht das so häufig, dass viele den Ausdruck „Autorität der Versammlung“[5] schon als schriftgemäß betrachten. Jedoch vergessen sie dabei, dass die Schrift in Wirklichkeit davon spricht, dass die Versammlung Christus unterworfen ist (Eph 5,24) – was etwas ganz anderes ist. Deshalb reden manche wie selbstverständlich davon, man müsse sich den Entscheidungen einer Versammlung beugen, ganz egal, was sie beschließt, und ohne Rücksicht darauf, ob die Entscheidung gerecht oder irgend in der Schrift gegründet ist! 

Nun, hier sind wir in einer jämmerlichen Lage: zerstreut, zerbrochen, getrennt und wir haben Angst, jeder vor dem anderen. 

Was ist also zu tun? Sollen wir das Brotbrechen aufgeben? Sicher nicht. „Bis er kommt“ sagt das Wort. 

„Aber wen sollen wir [zum Brotbrechen] zulassen?“ Jeden Christen, der gesund in der Lehre und konsequent in seinem Wandel ist. Ich für meinen Teil würde weder freiwillig noch wissentlich in eine Versammlung gehen, in der dies nicht so gehandhabt wird. Und würde ich zu einer örtlichen Versammlung gehören, wo gottesfürchtigen Geschwistern, die frei von jeder Verbindung mit falscher Lehre sind, die Teilnahme am Tisch des Herrn verweigert würde, so würde ich sehr ernst dagegen protestieren und diesen Protest so lange aufrechterhalten, bis sich eine schriftgemäßere Praxis durchsetzt. Ich würde dies mit aller mir möglichen Sanftmut tun und dabei auch besonders darüber wachen, dass ich die anderen Geschwister nicht reize, auf fleischliche Weise zu reagieren. 

„Aber sollte man eine solche Versammlung nicht verlassen?“ Sicher nicht, solange sich nicht alle Anstrengung und Geduld als vergeblich erwiesen haben. Hier liegt ihrerseits Unwissenheit gegenüber den Grundsätzen der Schrift vor, nicht Bosheit. 

„Aber würdest du auch K.-[Kelly-] und G.-[Grant-]Brüder und auch Christen aus den Religionsgemeinschaften und Kirchen zulassen?“ Meine Antwort ist: Ich würde solche zulassen, die als Christen bekannt, gesund im Glauben und treu im Wandel sind und die keine Verbindung mit böser Lehre haben. Ich war in Versammlungen, wo einige, die sonst regelmäßig das Brot in einer der oben genannten Gruppen brechen, wünschten, das Mahl des Herrn mit ihnen zu feiern. Und sie haben es getan; sie sind wohlbekannt als ernsthafte Christen, und ihre Zusammenkünfte sind frei von Irrlehren. 

„Aber müssen wir nicht Partei ergreifen und uns auf eine Seite stellen, wenn es zu einer  Trennung kommt?“ Sicher nicht. Ich gebe zu, es ist hart, sich still zu halten, wenn womöglich Handlungen der Gewalt oder sogar Verfolgung geschehen. Zuzusehen, wie jemand bedrängt wird, erregt in uns zweifellos den großen Wunsch nach Gerechtigkeit. Aber was kann Gutes dabei herauskommen, wenn wir jetzt aktiv werden? Das ist genau das, was Satan möchte.

Falls unerbittliche Menschen ihren Eigenwillen bis zu dem Punkt durchsetzen, dass dadurch sogar eine Trennung hervorgerufen wird, dann meide sie und überlass sie Gottes Handeln. 

„Aber wenn andere von dir und deiner Versammlung verlangen, dass ihr euch einsmacht, muss man das dann nicht tun?“ Zwang ist nicht die Frucht des Geistes Gottes. 

„Aber dann tun sie euch vielleicht hinaus.“ Dann lass sie es tun; sie werden Gott dafür Rechenschaft ablegen müssen.

  • Mt 5,39: Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.

Ich wäre lieber der Geschlagene als der Schläger. 

Deshalb, mein lieber Bruder, sei mutig und  nicht niedergeschlagen wegen des Zustandes. 

Vergiss nicht, dass du ein Glied bist – nicht ein Glied nur einer kleinen Gruppe von Brüdern[6], sondern ein Glied am Leib Christi. Und empfange all diejenigen, die dem Herrn angehören und auf gottesfürchtigen Wegen gehen – nicht weil sie Glieder einer bestimmten Gruppe von Brüdern sind, sondern weil sie Glieder des einen Leibes Christi sind. 

Sei weder so weit, dass du Böses (ich meine: wirklich bekanntes Böses) aufnimmst, noch so eng, dass du Gutes ausschließt.   

Eins der schmerzhaftesten Kennzeichen der letzten Zeit war die Art und Weise, wie sogenannte Zuchtmaßnahmen benutzt wurden, um persönliche Abrechnungen durchzuführen. Der ehrfurchtgebietende Begriff „Versammlungsbeschluss“ wird benutzt, um ihn unter denen durchzusetzen, die sich nicht bemühen, die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Angelegenheit zu hinterfragen. 

Ich bin nicht der Einzige, der denkt, dass es in I. ein hartes Fehlurteil gab, was einen geliebten Bruder ins Irrenhaus gebracht und einen anderen hinausgetan hat, als ob er ein „Böser“ sei, obwohl er doch ein gottesfürchtiger Mann war. Viele bewährte Geschwister, die sich selbst machtlos fühlten, mit dieser Angelegenheit umzugehen, wurden hinausgetrieben. Einige mögen mich für unweise halten, dass ich so offen über diese Dinge rede, aber ich meine, dass jedes weitere Schweigen nur eine Mitschuld an einem schändlichen Übel bedeuten würde. 

Die gleiche bittere Feindseligkeit wirkt nun schon seit Jahren in T[unbridge] W[ells], was schließlich in einer der grausamsten Bestrebungen gipfelte, die ich jemals erlebt habe: etliche stille und gottesfürchtige Leute loszuwerden, deren einziges Vergehen die Weigerung war, eine derart unchristliche Verhaltensweise gutzuheißen. 

Von mehreren, die „vom Kampf abgewandt“ (Mich 2,8) sind und danach trachten, still den Weg mit Gott zu gehen, wurde mir gesagt: „Die Angelegenheit in T[unbridge] W[ells]  ist ein Problem von zwei Leuten: von Mr. S[ibthorpe] und Mr. S[trange]. Ich bekenne mich nicht zu Menschen, ich habe mich zu dem Herrn bekannt.“  

Ich jedenfalls lehne es ab, in derartige Streitereien hineingezogen zu werden. Und ich finde keine Worte, die stark genug wären, um die Ruchlosigkeit anzuprangern, mit der man die Versammlung Gottes als eine Rute benutzt, um einen Mitknecht zu schlagen oder um in Bausch und Bogen all diejenigen zu exkommunizieren, die nicht zugestimmt haben. Schlussendlich nennt man das dann auch noch Zucht im Namen des Herrn.   

Lasst uns „lauter und ohne Anstoß sein“ [Phil 1,10] und uns aller Scheinheiligkeit und Heuchelei entledigen. Lasst uns nicht vergessen, dass wir es mit einem Gott zu tun haben, von dem „die Handlungen gewogen“ werden [1Sam 2,3]. 

Alles, was ich geschildert habe, entspringt der falschen Stellung, die man der Versammlung gibt: Man betrachtet sie als einen Gerichtshof anstatt als das glückliche Heim der Erlösten. 

Dein Alfred H. Burton 

 

P.S.: Viele haben den Gedanken in meiner Broschüre Where is Collective Testimony found Today? („Wo wird das gemeinsame Zeugnis heute noch gefunden?“) von Herzen zugestimmt. Einige wenige haben nicht gezögert, mir „Bethesda-Grundsätze“[7] vorzuwerfen. Ich kann dazu nur sagen, dass sie entweder nicht wissen, was die „Bethesda-Grundsätze“ bedeuten, oder dass sie meine Broschüre nur sehr oberflächlich gelesen haben. 

Im Jahr 1848 war die Versammlung Bethesda in Bristol schuldig, solche empfangen und verteidigt zu haben, deren Sichtweisen und Lehren die Herrlichkeit der Person Christi angriffen.[8] Dies habe ich – obwohl es schmerzhaft war, aber dennoch notwendig – in meiner Broschüre What is Exclusivism? („Was ist Exklusivismus?“) gezeigt. Es ist notwendig, weil es auch heute immer noch solche gibt, die an genau den Lehren festhalten und diese auch lehren, welche die Trennung 1848 zu einer Pflicht gemacht haben. 

Ich beschuldige die Offenen Brüder nicht, dass sie diese Sichtweisen grundsätzlich auch heute noch vertreten. Dennoch muss ich bedauerlicherweise hinzufügen, dass einige von denen, die ich getroffen habe und die in gewissen Zusammenkünften der Offenen Brüdern das Brot brechen, die Lehren von B.W. N[ewton] über unseren Herrn festhalten. Es mag sein, dass diese Versammlungen sich dessen nicht bewusst sind, aber dennoch komme ich nicht umhin, zu denken, dass sie sich der Nachlässigkeit in der Frage der Zulassung schuldig machen. Aber, ich wiederhole, ich beschuldige die Offenen Brüder dessen nicht generell. Und in der Tat weiß ich gewiss, dass in den meisten ihrer Zusammenkünfte solche Dinge klar abgelehnt würden wie auch alle anderen Formen böser Lehre. 

Aber wie es auch sein mag: Jeder, der meine Broschüre ohne Voreingenommenheit liest, wird erkennen, dass ich in keiner Weise gegen das Handeln der Versammlung gegenüber wirklich Bösem in Lehre oder sittlichem Verhalten bin. Wogegen ich aber sehr wohl bin, ist, dass gottesfürchtige Geschwister in großem Umfang hinausgetan werden; Geschwister, die auf keinen Fall „Böse“ genannt werden können, egal, wie stark man die Sprache strapaziert. Weiter bin ich dagegen, dass man mit Hilfe von Zuchtmaßnahmen, die über die Schrift hinausgehen, das Volk Gottes, das vormals vereint war, dermaßen zerstreut, dass nur noch eine Handvoll beieinander zu finden sind. Und dann benutzt man noch die prahlerische Ausdrucksweise, die man immer wieder hört, wir seien „ein gemeinsames Zeugnis“ und befänden uns auf „gottgemäßem Boden“ usw. Das ist es, was ich wirklich beklage, mehr als Worte es auszudrücken vermögen. 

„Wenn ihr aber einander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt werdet“ (Gal 5,15).

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: „Kelly-Trennung“.

[2] Anm. d. Red.: „Stuart-Trennung“.

[3] Anm. d. Red.: „Grant-Trennung“.

[4] Anm. d. Red.: Zumindest haben solche Trennungen Jahrzehnte gedauert. Sicher gab es auch Wiedervereinigungen, doch statt der …ings und …gates damals haben wir heute unsere …scheids und …bergs.

[5] Anm. d. Red.: Es gibt natürlich schon die Autorität, in Fällen des Auftretens von Bösen diesen hinauszutun (siehe 1Kor 5,4.13; Mt 18,18).

[6] Anm. d. Red.: Das Wort Gottes kennt keine Gliedschaft, die weniger umfasst als den ganzen Leib Christi. Auch gibt es keine Einheit der sich schriftgemäß versammelnden Versammlungen, von denen man Glied sein könnte.

[7] Anm. d. Red.: Gemeint sind offene Grundsätze, insbesondere der Grundsatz, dass Verbindung mit Bösem, solange man selbst das Böse nicht übernimmt, kein  Hinderungsgrund für die Gemeinschaft ist.

[8] Anm. d. Red.: Ob das in Bristol 1848 exakt so war, ist fraglich. Es ging mehr um die indirekte Verbindung, indem Gläubige aufgenommen wurden, die mit einem Irrlehrer in Gemeinschaft waren, unabhängig davon, ob sie selber die Lehre für wahr hielten oder nicht. A.H. Burton verurteilt jedenfalls auch die Verbindung mit Bösem, wie sein Artikel oben zeigt.


Originaltitel: „Is not the Lord among US?“, ca. 1907

Übersetzung: Frank Cisonna

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