Das Seebeben in Südostasien
Eine Nachbetrachtung

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 10.03.2005, aktualisiert: 31.01.2018

Leitvers: Amos 3,6

Amos 3,6: Geschieht ein Unglück [Katastrophe] in der Stadt, ohne dass der Herr es bewirkt?

Einleitung

In dem Augenblick, wo ich diese Zeilen schreibe, wird bereits die Vermutung ausgesprochen, dass die Katastrophe, die vor allem Sumatra, Sri Lanka, Indien und Thailand getroffen hat, die größte seit Menschengedenken ist. Vielleicht wird die endgültige Anzahl der Opfer noch größer sein als bei der bis dahin größten Naturkatastrophe in der modernen Geschichte: dem Erdbeben in Tangshan (China, 1976), das 240.000 Tote forderte. Es ist selbstverständlich, dass eine Katastrophe solchen Ausmaßes viele Fragen über die Vorsehung Gottes hervorruft. Was hat Gott mit dieser Katastrophe zu tun? War es der „Wille Gottes“, dass in Südostasien Hunderttausende Menschen umkamen? Warum kann Gott etwas so Grausames „wollen“? Wie lässt sich eine solche Katastrophe mit der Liebe Gottes zusammenreimen? Oder war es nicht Gottes Wille, sondern hat der Teufel diese Katastrophe verursacht? Aber kann Gott den Teufel denn nicht davon abhalten? Gott ist doch allmächtig?

Das sind verständliche Fragen. Aber sie haben auch alles mit unserem Gefühl zu tun: dem Gefühl des Überwältigtseins durch die enormen Kräfte der Natur und dem Mitgefühl mit den Zahllosen, die umgekommen sind, und den zahllosen Überlebenden, die so viele ihrer Lieben verloren haben. Je mehr wir uns mit den Opfern solidarisieren, umso stärker werden die genannten Fragen unsere eigenen Fragen – Fragen nicht nur unseres Verstandes, sondern unseres Herzens.

Theodizee

Die Frage, wie sich angesichts des vielen Leides in der Welt Gottes Allmacht (Gott kann alles; es geschieht nichts an Ihm vorbei) mit seiner Liebe zusammenreimen lässt (Gott will nur das Gute für den Menschen), ist schon so alt wie die Welt nach dem Sündenfall.

Einen Versuch, diese Frage zu beantworten, nennen wir eine Theodizee, wörtlich: „Rechtfertigung Gottes“. Wenn Gott vollkommen ist sowohl in seiner Allmacht als auch in seiner Liebe, wie können wir sein Handeln dann „rechtfertigen“? Im Mittelalter fanden natürlich auch schreckliche Katastrophen statt; man denke nur an die Pestepidemien, die Millionen Menschen in Europa getötet haben. Auch damals wurden schmerzliche Warum-Fragen gestellt. Aber seit dem Beginn der „modernen Zeit“ werden diese Fragen mit immer größerer Heftigkeit vorgebracht. Das kam vor allem durch das Erdbeben und die Tsunamis, die am 1. November 1755 die Stadt Lissabon trafen und dort 90.000 Menschen aus dem Leben rissen. Die Erdstöße wurden bis nach Luxemburg gespürt und töteten z.B. auch in Marokko noch einmal 10.000 Menschen. Wegen der kritischen, um nicht zu sagen zynischen Fragen, die manche „Aufklärungs“-Philosophen aufwarfen, besonders Voltaire, haben manche Autoren daher das Jahr 1755 den Beginn der „modernen Zeit“ genannt. (Das Jahr 1755 liegt nahe an 1765, dem Jahr, in dem die Dampfmaschine erfunden wurde, die den Beginn der technologischen und später der industriellen Revolution einläutete; nur 24 Jahre später fand die französische Revolution statt. Die Uhr hatte für alle Arten von „Revolution“ geschlagen!)

Gottes Hand in der Geschichte

Auch im Mittelalter und in der Reformation wurden aus Anlass von Katastrophen manchmal schwierige Fragen gestellt bezüglich der Allmacht und der Liebe Gottes. Aber sowohl unter Katholiken als auch unter Protestanten herrschte noch stark das Bewusstsein von der Vorsehung Gottes, der die Menschen lieb hat, auch wenn der Anschein gegen Ihn spricht. Gottes Hand ist in allen Ereignissen anwesend, sei es in Glück oder Unglück, hinter allen Dingen verbirgt sich das Handeln Gottes. Man kann darauf beruhigt und gelassen reagieren, mit einem stumpfen Fatalismus, aber auch mit einem großen Glauben, der zu Gott zu sagen wagt: Ich verstehe nicht, was Du tust, aber ich vertraue Dir.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts veränderte sich jedoch das Bild für viele Menschen im Westen. Gott wurde zwar noch toleriert, aber dann höchstens als der Schöpfer „am Anfang“, nicht als ein Gott, der sich noch immer konkret mit Menschen und Ereignissen beschäftigt (Deismus). Was unser Heute betrifft, haben wir es höchstens mit blinden Naturgesetzen zu tun, nicht mit einem Gott, der das Leben einzelner Menschen führt. Wer doch an einer solchen Vorstellung festhält, bekommt die uralten Fragen an den Kopf geworfen, aber jetzt mit beißendem Zynismus: Wie kann ein Gott der Liebe in Südostasien Zehntausende unschuldige Kinder umbringen? Wir haben auf diese und andere Fragen auch keine völlig passende Antwort; aber die Bibel zeigt doch wichtige Ansatzpunkte, von denen ich einige kurz antippe:

1. Gott war dabei

Floris Bakels, der einmal ein Buch schrieb über seine Erfahrungen in den Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkrieges, wurde oft gefragt: Wo war Gott in Auschwitz? Seine Antwort war dann einfach: In Auschwitz. Das bedeutet: Warum Gott „Auschwitz“ zugelassen hat, begreifen wir nicht – aber wir halten wohl daran fest, dass es nicht an Ihm vorbeigegangen ist, ja dass Er selbst dabei war. Wie bei dem Seebeben: „Durch das Meer führt dein Weg, und deine Pfade durch große Wasser“ (Ps 77,20). Gott verhinderte nicht, dass Israel in das Feuer des „eisernen Schmelzofens“ kam (5Mo 4,20), aber Er „wohnte“ doch bei ihnen in diesem Feuer, wie es im brennenden Dornbusch dargestellt wurde (5Mo 33,16). Gott verhindert nicht, dass die drei Freunde von Daniel in den feurigen Ofen geworfen wurden, aber ein „Sohn der Götter“ (Dan 3,25; „der Sohn Gottes“!) war bei ihnen in diesem schrecklichen Ofen. Der Herr Jesus verhinderte nicht, dass die Jünger in einen Sturm gerieten, aber Er war bei ihnen in dem Sturm (Mk 4,37.39). Gott hat uns nie versprochen, dass Er uns vor dem Feuer und dem Wasser bewahren wird, aber wohl, dass Er im Feuer und im Wasser mit uns sein wird: „Wenn du durchs Wasser gehst, ich bin bei dir; … Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt werden, und die Flamme wird dich nicht verbrennen“ (Jes 43,2).

2. Gott spricht uns an

Der Herr Jesus sagt: „… jene achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und sie tötete: Meint ihr, dass sie schuldiger waren als alle Menschen, die in Jerusalem wohnen? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auf die gleiche Weise umkommen“ (Lk 13,4.5). Hier lernen wir mindestens zwei wichtige Dinge. Einerseits: Wenn Menschen von einer Katastrophe getroffen werden, darf man nicht denken, dass diese Menschen größere Sünder waren als diejenigen, die davor verschont blieben. Andererseits hat eine solche Katastrophe immer mit Schuld und Gericht im allgemeinen Sinn zu – denn wenn wir uns nicht bekehren, werden wir genauso umkommen. Man könnte es so sagen: Eine Katastrophe für einige Menschen ist immer ein Zeugnis Gottes an alle übrigen Menschen: Denk daran, bekehre dich zum lebendigen Gott (nicht nur Nicht-Christen, sondern auch Christen!). In Offenbarung 6,8 kommt eine Katastrophe (Krieg, Hungersnot, Epidemien, wilde Tiere) über den vierten Teil der Erde (das betrifft gegenwärtig anderthalb Milliarden Menschen!), damit die Übrigen sich bekehren sollen (vgl. Off 9,20.21; 16,9.11). Wir beten, dass die Katastrophe im Indischen Ozean viele zum Glauben bringen möge – aber wir müssen befürchten, dass es, genau wie in Offenbarung, den Unglauben von vielen nur noch verstärken wird. Das ist nicht Gottes Schuld, sondern die Schuld derjenigen, die sich weigern, die richtigen Lektionen aus dieser Katastrophe zu ziehen.

3. Mach dich eins mit der Angst von so vielen

In Lukas 21,25.26 spricht der Herr über die „Ratlosigkeit der Nationen bei brausendem Meer und Wasserwogen, während die Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden“. Auch wir als Christen können die Katastrophe in Südostasien nicht völlig erklären, aber wir können uns wohl einsmachen mit der ratlosen Angst, die Tausende erfahren, wenn sie mit der Gewalt von „Meer und Wasserwogen“ konfrontiert werden. Wir haben nicht nur Sympathie für diejenigen, die diese Angst erfahren, sondern wir erfahren auch etwas von dieser Angst in unserem eigenen Innersten. Wir können diese Angst auf Gott projizieren und Ihn deshalb tadeln. Wir können auch das tun, was der Herr uns empfiehlt: „Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen, so blickt auf und hebt eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht“ (Lk 21,28). Das bedeutet: Unsere Angst löst sich auf in der Erwartung der glorreichen Zukunft des Herrn.

4. Sieh nicht nur auf die Ursachen, sondern auf das Ziel

Als die Jünger nach der Ursache der Behinderung des Blindgeborenen fragen („Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“), richtet der Herr ihre Aufmerksamkeit auf das Ziel: „Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern; sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbart werden“ (Joh 9,2.3). So auch bei Lazarus: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern um der Herrlichkeit Gottes willen, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht wird“ (Joh 11,4; vgl. Joh 11,40: „Habe ich dir nicht gesagt, dass du, wenn du glaubst, die Herrlichkeit Gottes sehen wirst?“). Auch bei Katastrophen kommen wir oft nicht weit damit, wenn wir nur Fragen nach deren Ursachen stellen, z.B. die Sündigkeit des Menschen; wir müssen auch nach dem Ziel fragen, und dann nicht nur auf eine kurze Frist hin, sondern vor allem auch langfristig. Matthäus 24 und Römer 8 lassen sehen, wie Katastrophen zum Weg der Verwirklichung des Königreichs Gottes in Macht und Herrlichkeit gehören. Amos 3,6 sagt: „Geschieht ein Unglück [Katastrophe] in der Stadt, ohne dass der Herr es bewirkt?“ Wenn das so ist, können wir darauf vertrauen, dass Gott auch immer ein Ziel damit verfolgt, selbst wenn wir das kurzfristige Ziel nicht kennen (aber wohl das langfristige Ziel: die Einführung von Christus in seinem Königreich!).

5. Begreifen und Vertrauen

Der moderne Mensch will begreifen: So wie die Seismologen versuchen, die Erdbeben zu deuten anhand sich verschiebender Erdschollen, so finden Theologen, dass Erdbeben schließlich auch theologisch völlig zu deuten sein sollten. Wenn das nicht gelingt, fühlen wir uns unbefriedigt. Die Menschen zu biblischen Zeiten erlebten es anders: weniger verstandesmäßig, mehr aus dem Herzen. Einerseits finden wir im Allgemeinen bei ihnen kein stumpfes Sichabfinden, sondern eher ein heftiges Argumentieren mit Gott, wobei die Warum?-Fragen recht deutlich sind. Denk nur mal an Abraham (1Mo 18), Mose (2Mo 32.33), die Söhne von Korah (Ps 44), Elia (1Kön 19), Jeremia (u.a. Jer 20) und vor allem an Hiob. Andererseits halten sie stets an Gott fest. Sie argumentieren nicht über Gott, wie es in unseren theologischen Diskussionen nur allzu oft geschieht, sondern mit Gott. Dabei finden sich auch solche bewegenden Aussagen wie: „Er wird mich töten, ich werde auf ihn warten [oder: weiter auf ihn hoffen]“ (Hiob 13,15). Wie jener Jude, der im Jahr 1492 mit Hunderttausenden aus Spanien vertrieben wurde, auf seiner Irrfahrt durch Europa seine Frau und seine Kinder verlor, und zum Schluss ausrief: „Gott, jetzt hast Du alles probiert, um mich dazu zu bringen, dir Lebewohl zu sagen, aber es wird Dir nicht glücken: Ich werde mich weiter an Dir festklammern.“ Viele Menschen gleichen jedoch eher der Frau von Hiob, die zu ihm sagte: „Hältst du immer noch fest an deiner Vollkommenheit [Frömmigkeit]? Verfluche Gott und stirb!“ (Hiob 2,9)

6. Abhängigkeit

Ich sprach über den „modernen Menschen“; das ist der Mensch, der nicht unbedingt die Existenz Gottes leugnet, aber in der Praxis seines Lebens Ihn nicht mehr wirklich benötigt. Er lebt unabhängig von Gott; er meint, in Bezug auf Ihn jetzt auf eigenen Beinen stehen zu können. Er ist wie der verlorene Sohn, der, nachdem er ein großes Vermögen in die Hände bekommen hatte, den Vater nicht mehr nötig hatte und ihn verließ. Auch der moderne Mensch ist weg vom Vater und wird das auch bleiben, bis die Katastrophen in seinem Leben es ihm wieder bewusst machen, dass er ohne seinen Vater nicht leben kann. Das ist der Augenblick, in dem er „zu sich selbst kommt“ (vgl. Lk 15,17). Der moderne Mensch gleicht sehr stark diesem verlorenen Sohn. In vieler Hinsicht sind auch wir „modern“: Durch unsere medizinischen Einrichtungen, unsere Versicherungen und den Versorgungsstaat haben wir uns auf allen Seiten eingedeckt. Wofür haben auch wir Gott noch wirklich „nötig“? Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir, wenn wir krank werden, oft sofort zum Doktor rennen, ohne uns zu fragen, was Gott uns damit zu sagen hat. Wenn es bei uns gebrannt hat oder unser Auto gestohlen wurde, rennen wir sofort zu unserem Versicherungsagenten, wieder ohne uns zu fragen, was Gott uns damit zu sagen hat. Warum fragen wir uns dann doch, wenn sich irgendwo eine große Katastrophe ereignet? Entweder wir lernen, Gott in alle Dinge unseres Lebens einzubeziehen, oder wir müssen so ehrlich sein, Ihn niemals damit hineinzuziehen.

Ein Tsunami kann uns wieder deutlich machen, wie relativ alle unsere „Sicherheiten“ sind, wie sehr die Schöpfung noch in Geburtswehen liegt (Röm 8,22), wie leicht Gott alle unsere Vorsorgemaßnahmen wegnehmen kann und wie abhängig wir daher von Ihm sind. Dann entdecken wir wieder, dass „unser Atem in Gottes Hand“ ist (vgl. Dan 5,23). Darum: „Wenn Deine Gerichte [inklusive Naturkatastrophen!] die Erde treffen, lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit“ (Jes 26,9). Das hoffen wir zumindest. Auch die „modernen“ (unabhängigen) Christen müssen zurück zu Gott, zu Christus, nicht nur, wenn sich große Katastrophen ereignen, sondern bei allen großen und kleinen Dingen in ihrem Leben.


Aus Bode des Heils in Christus, Vaassen, NL, Jg. 148, Februar 2005, S. 3–5

Übersetzung: Frank Schönbach

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