Den eigenen Weinberg hüten
Hohelied 1,6

Wilfried Plock

© W. Plock, online seit: 30.03.2005, aktualisiert: 12.09.2018

Leitvers: Hohelied 1,6

Hld 1,6: Meiner Mutter Söhne … setzten mich als Hüterin der Weinberge ein. Meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet.

Einleitung

Im alten Israel wurde schon vor Jahrtausenden Wein angebaut. Die Arbeit im Weinberg war hart. Es gab dort keinen Schatten. Die junge Sulamith, die Geliebte Salomos, musste im Auftrag ihrer Brüder die Pflanzungen bewachen. Dabei vernachlässigte sie ihren eigenen Teil des Weinbergs.

Im Folgenden möchte ich diese Aussagen auf unser persönliches, geistliches Leben anwenden. Ich glaube, es gibt zwei ganz große Gefahren für uns, die wir im „Weinberg des Herrn“ arbeiten: Die eine Gefahr ist die Sünde, die uns gemäß Hebräer 12,1 leicht umstrickt. Und die andere Gefahr heißt falsche Prioritäten. Dinge, die an sich gut sind, können sich an die erste Stelle meines Lebens schieben, wie z.B. der Beruf, die Karriere oder bestimmte Hobbys. Es kann passieren, dass andere kommen und uns zu Hütern ihrer Weinberge machen wollen. Da kommt der Chef und sagt: Wir brauchen unbedingt einen neuen Abteilungsleiter. Oder es kommt der Vorsitzende irgendeines Vereins und sagt: Du, wir brauchen unbedingt einen neuen Schatzmeister. Wenn ich mich unüberlegt darauf einlasse, könnte es sein, dass ich mein verborgenes Leben mit dem Herrn vernachlässige, oder ich vernachlässige mein Ehe- und Familienleben oder meine Gesundheit kommt zu kurz. Ich soll zuständig sein für das geistliche Wohl einer Gruppe oder gar einer Gemeinde – aber mein eigenes Wohl bewahre ich nicht.

Die Gefahren des Leitungsdienstes

In 5. Mose 17 finden wir das Gesetz über den König Israels. Der König war der Leiter des Volkes. Obwohl die Königszeit noch weit in der Zukunft lag, gab Gott Seinem Volk bereits hier grundlegende Prinzipien über Leiterschaft.

5Mo 17,14-17: Wenn du in das Land kommst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, und es in Besitz genommen hast und darin wohnst und sagst: Ich will einen König über mich setzen, wie alle Nationen, die rings um mich her sind!, dann sollst du nur den König über dich setzen, den der HERR, dein Gott, erwählen wird. Aus der Mitte deiner Brüder sollst du einen König über dich setzen. Du sollst nicht einen Ausländer über dich setzen, der nicht dein Bruder ist. Nur soll er sich nicht viele Pferde anschaffen, und er soll das Volk nicht nach Ägypten zurückführen, um sich noch mehr Pferde anzuschaffen, denn der HERR hat euch gesagt: Ihr sollt nie wieder auf diesem Weg zurückkehren. Und er soll sich nicht viel Frauen anschaffen, damit sein Herz sich nicht von Gott abwendet. Auch Silber und Gold soll ersieh nicht übermäßig anschaffen.

Der Leiter Israels sollte drei Dinge vermeiden:

  1. Macht (5Mo 17,16) – nicht viele Pferde: Macht kann einen Menschen für Gott blind und taub machen.
  2. Frauen (5Mo 17,17) – nicht viele Frauen: Ehebruch kann einen Christen dienstunfähig machen!
  3. Silber und Gold (5Mo 17,17) – die Gefahr von Geld und materiellem Erfolg.

Die häufigsten Gefahren für Diener des Herrn sind laut Chuck Swindoll: Self (Selbstsucht), Sex (Falsch ausgelebte Sexualität), Silver (Silber, Geld, Beruf) und Sloth (Faulheit).

Howard Hendriks, der Autor von Bibellesen mit Gewinn, untersuchte über einen Zeitraum von zwei Jahren 2.000 Leiter in den Staaten. Das Ergebnis war erschütternd: 246 von ihnen waren gefallen – allesamt auf dem Gebiet der Sexualität. Dann forschte Hendriks weiter nach den Ursachen. Dabei machte er folgende hochinteressante Entdeckung. Diese Männer waren in ihrer Persönlichkeit sehr verschieden. Aber alle 246 hatten einen zu lockeren Umgang mit dem anderen Geschlecht; allesamt hatten die Einstellung: „Mir kann das nicht passieren!“, und alle 246 räumten ein, schon über eine geraume Zeit keine fruchtbare Stille Zeit mehr gehabt zu haben! Da lag die verborgene Wurzel. Diese Männer hatten ihren eigenen Weinberg nicht gehütet!

Lesen wir, wie die Anweisung Gottes in 5. Mose 17 weitergeht:

5Mo 17,18-20: Und es soll geschehen, wenn er auf dem Thron seines Königreiches sitzt, dann soll er sich eine Abschrift dieses Gesetzes in ein Buch schreiben, aus dem Buch, das den Priestern, den Leviten, vorliegt. Und sie soll bei ihm sein, und er soll alle Tage seines Lebens darin lesen, damit er den HERRN, seinen Gott, fürchten lernt, um die Worte dieses Gesetzes und diese Ordnungen zu bewahren, sie zu tun, damit sein Herz sich nicht über seine Brüder erhebt und er von dem Gebot weder zur Rechten noch zur Linken abweicht, damit er die Tage in seiner Königsherrschaft verlängert, er und seine Söhne, in der Mitte Israels.

Eines sollte der König Israels also unbedingt tun: täglich auf die Stimme des Herrn hören. Straucheln und Fallen ist keine Augenblickssache. Es geschieht nicht von heute auf morgen. Es ist ein schleichender Prozess, ein Abgleiten hin zu falschen Prioritäten. Und die Wurzel ist, wenn ich meinen eigenen Weinberg nicht hüte; das heißt, wenn ich vor lauter Aktivität und Trubel nach außen mein Innenleben vernachlässige.

Die umkämpfte Zeit der Stille

Wie viele Christen leben ohne regelmäßige „Stille Zeit“? Oder praktizieren die Zeit der Stille nur nach dem „Lustprinzip“? Der Teufel kann schnell dafür sorgen, dass wir „keine Lust“ haben. Ich fürchte, John Stott hatte Recht, als er einmal feststellte:

Das meistgekaufte Buch ist leider auch das am meisten vernachlässigte. Wahrscheinlich gibt es Zehntausende von Leuten, die zwar die Bibel kaufen, sie aber so gut wie nie lesen. Sogar in den evangelikalen Gemeinden ist im Bereich Bibelwissen gähnende Leere. Nur wenige haben die eingeübte Gewohnheit, täglich die Bibel zu lesen und darüber nachzudenken.

Übrigens, wenn ich den Begriff „Stille Zeit“ verwende, dann meine ich nicht so etwas Technisches, sondern eine ganz persönliche Zeit der Stille vor meinem Gott. Eine Zeit über der geöffneten Bibel, eine Zeit in der Anbetung vor dem Vater, eine Zeit der Fürbitte vor dem Thron der Gnade, eine sehr dynamische, lebendige Zeit, die jeden Tag anders aussieht und die auch durchaus Schwankungen unterworfen ist.

Johannes Busch meinte:

Ohne tägliche Stille im Dienst stehen heißt, an der Front zu liegen, während der Feind den Nachschub abgeschnitten hat.

Und Geoffrey Thomas schreibt in seinem Buch Reading the Bible (zitiert im Ältestenkurs von Alexander Strauch):

Du musst eifersüchtig über die Zeit wachen, die dir am besten passt und in der deine Gedanken frei vom lauten Alltag sind. Diese Zeit wird oft angegriffen werden und wir opfern sie unter Druck fast automatisch. Aber Schwachheit in diesem Bereich bedeutet Schwachheit in allem. Und umgekehrt. Stärke hier bringt eine Stärke, die sich auch in anderen Umständen offenbart … Die Selbstverleugnung, die du für deine tägliche Stille Zeit benötigst, bleibt eine andauernde Pflicht für jeden Christen.

Darf ich an dieser Stelle ganz persönlich werden: Trifft es jemanden unter den Lesern? Habe ich, ohne es zu beabsichtigen, die Situation deines Lebens beschrieben? Liebe Schwester, lieber Bruder, Priorität Nr. 1 in unserem Leben muss heißen: den eigenen Weinberg hüten!

Wie können wir unseren eigenen Weinberg hüten?

Da gibt es sicher verschiedene Wege – das sollte jeder von uns persönlich herausfinden. Aber ich möchte hier einmal zeugnishaft beschreiben, was mir für mein Leben wichtig wurde. Ich will das keinesfalls absolut setzen. Aber ich möchte darlegen, welche Grundsätze mir zur Hilfe geworden sind.

1. Kein Tag meines Lebens ohne Stille vor Gott

Mehr als 24 Jahre lang darf ich inzwischen mit dem Herrn leben. Wenn ich zurückschaue, dann muss ich bekennen, dass ich vieles falsch gemacht habe. Ich habe oft versagt. Manchmal sind mir alle Sicherungen durchgebrannt. Aber eines darf ich dankbar bezeugen: Es gab bisher noch keinen Tag ohne Wort und Gebet – und das soll mit Gottes Hilfe auch so bleiben.

Hudson Taylor wurde am Ende seines Lebens einmal gefragt, was für ihn in all den Jahren der Missionsarbeit in China am schwersten gewesen sei. Der Arzt und Missionar musste bekanntlich Frau und Kind dort begraben; einmal haben ihm die Chinesen die Gebäude angezündet etc. Doch Hudson Taylor antwortete anders, als es der Fragesteller erwartet hatte: „Das Schwerste für mich war, an einem persönlichen, fortlaufenden Bibelstudium zu bleiben.“ Diese Aussage tröstet mich. Wenn es für den „Apostel Chinas“ schwer war, dann brauche ich mich doch nicht zu schämen, wenn tägliches Bibelstudium und Gebet auch für mich schwer ist. Es ist schwer. Nirgendwo steht geschrieben, dass es leicht sein solle. Aber es ist möglich. Ich habe es zu einem persönlichen Prinzip meines Lebens gemacht: kein Tag ohne Wort und Gebet.

2. Tägliche Gebetsgemeinschaft(en) mit meinem Ehepartner

Meine Frau und ich sehen es als großes Vorrecht an, jeden Tag miteinander beten zu können. Wir suchen das Angesicht Gottes morgens und abends, manchmal auch spontan. Das gemeinsame Gebet soll jeden Tag wie eine Klammer umschließen.

Unterwegs auf meinen Reisen stelle ich immer wieder fest, wie viele gläubige Ehepaare nicht mehr miteinander beten. Zuerst kannte man diese Praxis. Dann kam Sand ins Getriebe. Man gab das gemeinsame Gebet auf. Wie schade! Petrus schreibt doch an Ehepaare: „… damit eure Gebete nicht verhindert werden“ (1Pet 3,7). Unverheiratete können diesen Grundsatz in der Weise verwirklichen, dass sie sich zum Beispiel einmal pro Woche mit einem Gebetspartner treffen.

3. Regelmäßige, bewusste Kommunikation mit meinem Ehepartner

Zum persönlichen Weinberg gehören bei den Verheirateten auch Ehe und Familie. Mann und Frau sind in ihren Wesenszügen genauso verschieden wie in ihren Bedürfnissen. Daher lebt eine Ehe zu einem beträchtlichen Teil vom guten Verstehen der Partner. Kommunikation ist der Schlüssel einer harmonischen Ehe. Wenn das Miteinanderreden gut klappt, ist alles andere halb gewonnen. Unter Kommunikation verstehe ich das regelmäßige Austauschen von geistlichen Dingen, das regelmäßige Austauschen von seelisch-emotionalen Dingen sowie das regelmäßige Austauschen von Zärtlichkeit und Sexualität. Gute Kommunikation in der eigenen Ehe ist gleichzeitig der beste Schutz für außereheliche Versuchungen. Es muss ja nicht immer gleich Ehebruch sein wie bei jenen 246 Männern. Zeitschriften, Filme, das Internet etc. können ebenfalls zur Gefahr werden. Darum ist regelmäßige, bewusste Kommunikation so wichtig.

4. Bewusste, offene Beziehung mit meinen Kindern

Wir fragen viele Jugendliche und Erwachsene, die ein christliches Elternhaus hatten, was für sie das Schönste und was das Schlimmste war. Es ist interessant, dass wir fast immer die gleichen Antworten hören: Das Schönste war, wenn die Eltern – besonders die Väter – Zeit für die Kinder hatten. Analog dazu das Schlimmste: wenn die Eltern – besonders die Väter – keine Zeit für die Kinder hatten. Ich weiß, dass es „in der Welt“ noch schlimmere Dinge geben mag. Aber in „normalen christlichen Familien“ scheint fehlende konzentrierte Aufmerksamkeit so mit das Ärgste zu sein.

Darum denkt daran, ihr lieben Väter: Man hat wohl noch nie von jemandem auf dem Totenbett gehört: Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit im Büro verbracht! – Im Beruf und im Verein sind wir ersetzbar, in Ehe und Familie nicht! Wenn wir heute unsere Kinder vernachlässigen, disqualifizieren sie uns in 10 bis 15 Jahren vielleicht von unserem Dienst für den Herrn. Das darf nicht passieren. Unsere Familie ist unsere „kleine Gemeinde“. Hier können und sollen wir lernen vorzustehen. Der Apostel schreibt an Timotheus: „Wenn aber jemand dem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?“ (1Tim 3,5). Darum sollten wir Väter und Mütter unbedingt eine bewusste, offene Beziehung mit unseren Kindern pflegen.

5. Für Ausgleich und sportliche Betätigung sorgen

Über meinem Schreibtisch hing lange Zeit ein kleiner Spruch von Doris Siegenthaler: „Wer jetzt keine Zeit für Gesundheit investieren will, wird später mehr Zeit für Krankheit aufbringen müssen.“

Ich weiß wohl, dass bestimmte Krankheiten nicht verhindert werden können. Doch diese genannten Wohlstands- und Zivilisationskrankheiten, die durch falsche Ernährung und mangelnde Bewegung verursacht werden, könnten wir vermeiden. Darum versuche ich, mindestens einmal pro Woche zu joggen, zu schwimmen oder Rad zu fahren.

Der schottische Missionar Robert Murray McCheyne lag bereits mit 29 Jahren auf dem Sterbebett. Dann soll er folgende Sätze gesagt haben: „Gott hat mir ein Pferd gegeben; aber ich habe es zugrunde geritten.“ Bei aller Hingabe an den HERRN dürfen wir nicht die Kerze an beiden Enden anzünden. Wir haben eine Verantwortung für unseren Körper und für unsere Gesundheit. Deshalb sollten wir für Ausgleich und sportliche Betätigung sorgen.

Zu meinem persönlichen Weinberg gehört noch ein sechster Bereich:

6. Dienstzusagen nur nach Prinzipien

Wenn ich zu Diensten angefragt werde, dann prüfe ich: Stimmt der Rahmen der angefragten Veranstaltung? Entspricht der angefragte Dienst wirklich meinem Gabenschwerpunkt? Kann ich diesen Dienst tun, ohne dass andere Bereiche darunter leiden? Zum Beispiel die Familie oder die Gemeinde? Offen gesagt bin ich von Natur aus ein gutmütiger Mensch. Ich kann schwer Nein sagen. Aber ich musste eines lernen, und ich bin immer noch dabei zu lernen: Das Wörtchen Nein ist das zeitsparendste Wort, das es gibt! Wenn der Dienst hauptsächlich in der Heimatgemeinde stattfindet, kann dieser sechste Grundsatz trotzdem angewendet werden. Auch in der eigenen Gemeinde muss nicht jeder „alles“ machen. Unser Dienst sollte dort ebenfalls grundsätzlich gabenorientiert sein.

Den eigenen Weinberg hüten

Hld 1,6: Meiner Mutter Söhne … setzten mich als Hüterin der Weinberge ein. Meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet.

Ich bin ganz bewusst sehr persönlich-seelsorgerlich an dieses Thema herangegangen. Viele Leser dieser Zeitschrift [Gemeindegründung] tun Dienst in jungen Gemeinden oder Gemeindegründungsarbeiten. Es ist ein Vorrecht, dass wir im Weinberg des HERRN arbeiten dürfen. Aber lasst uns auf gar keinen Fall unseren eigenen Weinberg – sprich: unser Innenleben, unser verborgenes Leben mit dem HERRN – vernachlässigen.

Irrlehre ist schlimm. Irrleben ist genauso schlimm. Wo es unbemerkt zum „Irrleben“ gekommen ist, wünschte ich uns Offenheit, Vertrauen und Mut, darüber zu reden, vielleicht bald mit jemandem darüber zu reden und zu beten. Vielleicht ist Buße notwendig, vielleicht Zerbruch oder ein Neuanfang. Der Herr ist treu. Er wartet auf uns.

Das Hohelied schließt wiederum mit dem Bild des Weinbergs. Am Ende sagt Sulamith: „Meinen eigenen Weinberg habe ich vor mir“ (Hld 8,12). Möge das im übertragenen Sinn auch unser Bekenntnis sein.


Originaltitel: „Den eigenen Weinberg hüten“
aus der Zeitschrift Gemeindegründung, Nr. 78, 2/2004, S. 12–15
www.kfg.org

Weitere Artikel zum Stichwort Dienst für den Herrn (31)


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