Die Versammlung
Was ist das Zusammenkommen der Gläubigen?

Willem Johannes Ouweneel

© EPV, online seit: 25.12.2005, aktualisiert: 12.09.2018

Anmerkung der Redaktion
Dies ist die redaktionell bearbeitete und übersetzte Mitschrift eines Vortrags, den der Verfasser vor vielen Jahren in Holland gehalten hat und der bei EPV als Sonderheft (Bd. 1) unter der Reihe Was lehrt die Bibel? veröffentlicht worden war.

Leitverse: Matthäus 18,20

Mt 18,20: Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.

Liebe Freunde,

wenn ihr heute Abend nach Hause geht, werdet ihr vielleicht sagen: „Ich habe nicht recht verstanden, was diese Menschen der ,Versammlung‘ eigentlich sind und was sie in ihrem Versammlungsraum tun. Doch eins habe ich wohl verstanden, dass es bei diesen Menschen um eine Person geht, um den Herrn Jesus Christus.“ Wenn ihr das mitnehmt, dann hat dieser Vortrag schon ein wichtiges Ziel erreicht. Anzunehmen, dass es um die Menschen selbst geht, ist ein großer Irrtum. Wir sind Christen, also Menschen, die mit dem einen Menschen in Verbindung stehen, der auf dem Thron Gottes sitzt, verherrlicht zur Rechten Gottes, nachdem Er das Werk auf dem Kreuz vollbracht hat. Er lässt Sich persönlich herab, in unserer Mitte zu sein, wenn wir zusammenkommen. Tut Er das, weil wir solch gute Christen sind oder weil wir vieles besser gemacht haben als andere Christen? Nein, Er tut es um Seinetwillen, wegen Seiner Treue und Seiner Gnade, die niemals aufhören, auch nicht nach 1900 Jahren Christenheit, in denen es so erbärmlich zugegangen ist. Er bleibt Derselbe bis in Ewigkeit.

Wer gehört zu der „Versammlung“?

Hat der Herr Jesus bereits in deinem Herzen Wohnung gemacht? Das ist die erste Frage, mit der wir zu tun haben. Welchen Sinn hat es, uns darüber zu unterhalten, was die Kirche ist, wenn du nicht einmal weißt, ob du zu dieser Kirche gehörst. Ich meine die Kirche, wie sie im Glaubensbekenntnis genannt wird, die eine christliche Kirche, die Versammlung aller wahren Christgläubigen auf der Erde, ob wir nun evangelisch oder katholisch sind – wenn wir nur Ihm angehören, der am Kreuz gestorben ist. Entscheidend ist, dass wir mit dem Bekenntnis unserer Sünden zu Ihm gegangen sind und vor Ihm in der Not unserer Seele anerkannt haben, dass wir verlorene Sünder vor Gott sind und Sein Wort angenommen haben, das zu solchen Menschen sagt: „Ich habe auf dem Kreuz in den Stunden der Finsternis, als Gott Seine Gerichte über Mich ausgießen musste, die Strafe für all das Böse auf Mich genommen.“ Wenn du den Herrn Jesus so kennengelernt hast, dann hat deine Zugehörigkeit zu einer kirchlichen Gemeinschaft keinen Einfluss auf deine ewige Errettung. Dann ist das Wichtigste, dass du Ihm angehörst. Ich habe mehrmals Menschen darüber diskutieren hören, was die Kirche nun eigentlich ist. Und wenn ich diese Menschen dann fragte: „Gehörst du zu dieser allgemeinen christlichen Kirche, gehörst du durch den Glauben dem Herrn Jesus an?“, dann blieben sie mir häufig eine positive Antwort schuldig. Deshalb ist dies die Frage, mit der wir beginnen müssen: Kennst du den Herrn Jesus? Bist du mit deinen Sünden zu Gott gegangen? Hast du Gott, deinem Schöpfer, der einmal auch dein Richter sein wird, bekannt, wer du bist? Es reicht nicht aus, dass du sagst:„Ich bete jeden Tag und lese in der Bibel. Außerdem gehe ich jeden Sonntag zur Kirche.“ Der Himmel ist nicht mit diesen „guten Werken“ zu erkaufen!

Die Frage ist: Bist du bei dem Kreuz von Golgatha gewesen? Hast du dort gesehen, wer du bist mit all deinen „guten“ Werken? Dort siehst du, wie Gott über den Menschen denkt, als Gott Seinen eigenen, vielgeliebten Sohn mit all den Sünden beladen musste, die solche, die an Ihn glauben würden, getan hatten. Sein Sohn, von dem Er sagen konnte, dass Sein ganzes Wohlgefallen auf Ihm ruhte, musste für meine Sünden sterben. Dort sehen wir, wer wir sind: so böse, dass der heilige Gott Sein Angesicht von Christus abwenden musste, als dieser die Last unserer Sünden trug. Gott kann keine Verbindung mit der Sünde haben. So schlimm ist die Sünde in den Augen Gottes.

Deshalb ist es notwendig, dass du, wenn du etwas davon verstehen willst, was die Kirche, was die „Versammlung“ in der wirklichen Bedeutung des Wortes ist, zuerst selbst zu dieser „Versammlung aller Christgläubigen“ gehören musst, wie das Niederländische Glaubensbekenntnis sie nennt. Dann musst du ein Eigentum des Herrn Jesus sein.

Die Bibel als Maßstab

Auch wenn du dem Herrn Jesus angehörst, weißt du damit noch nicht, was die Versammlung ist, denn es gibt Hunderttausende von Gläubigen auf der Erde, die dadurch, dass sie ihre Schuld bekannt und das angenommen haben, was der Herr Jesus vollbracht hat, Kinder Gottes geworden sind und Ihm angehören für Zeit und Ewigkeit. Sie singen die Loblieder, die wir singen dürfen, mit uns, und wissen doch nicht, was die Bibel über die Kirche des lebendigen Gottes lehrt. Es genügt nicht, dass du ein Gläubiger bist. Solltest du auch fast alles vergessen, was du heute Abend hier hörst, so musst du doch dieses behalten: Die Menschen, die hier zusammenkommen, kennen keinen anderen Maßstab für ihre Gedanken über die Kirche Gottes als das Wort Gottes, die Bibel! Die einzige Richtschnur für uns ist das Wort Gottes. Es ist für die Christen heute von ebenso großer Bedeutung wie vor zweitausend Jahren. Von dem, was Paulus beispielsweise an die Korinther über die Ordnung in der Kirche schreibt, sagt er, dass das nicht nur für die Korinther Gültigkeit hat, sondern dass es für alle Christen gilt, wo sie sich auch befinden! Lies bitte einmal 1. Korinther 1,2 und vergleiche damit 1. Korinther 4,17; 7,17 und 14,34.

Genau das haben wir im 20. Jahrhundert so nötig! Wir dürfen nicht anfangen, gemeinsam zu überlegen, was wir, entsprechend den Umständen, am besten tun! Nein, wir müssen tun, was verschiedene Apostel am Ende ihres Lebens so eindringlich gesagt haben: zurückkehren zum Wort der Apostel. (Siehe 1. Johannes 2; 2. Petrusbrief; Judasbrief; 2. Timotheus 2.) Wir sollen nicht zurückkehren nach „Wittenberg“, sondern zu Paulus, zu Petrus und zu Johannes! Das bedeutet: zurückkehren zum Wort Gottes. Anhand dieser Richtschnur können wir wissen, wo und wie Gläubige sich heutzutage versammeln müssen. Gottes Wort ist dafür die einzige Richtschnur. Wenn du hörst, was das Wort Gottes über das Zusammenkommen sagt, dann weißt du, was die sogenannte „Versammlung“ ist, also Menschen, die gemeinhin „die Versammlung“ genannt werden. Das Wort „Versammlung“ ist eigentlich ganz einfach ein anderes Wort für „Kirche“ oder „Gemeinde“. Das heißt, dass beispielsweise die Versammlung in Utrecht nicht nur die Menschen umfasst, die sich sonntags in einem bestimmten Raum in Utrecht versammeln. Glücklicherweise nicht! Die Versammlung der Gläubigen in Utrecht umfasst alle Gläubigen, die in Utrecht wohnen. Das sind erheblich mehr, als in einem bestimmten Raum dieser Stadt zusammenkommen! Alle die, die in Utrecht den Herrn Jesus als ihren Erlöser und Heiland kennen, gehören zu der Versammlung Gottes, die in Utrecht ist.

Wenn du die Bedeutung des Wortes „Kirche“ oder „Versammlung“ in der Bibel untersuchst, dann findest du unter anderem diese zwei Bedeutungen: die eine ist, dass die „Kirche“ alle Gläubigen auf der Erde umfasst. Alle Gläubigen auf der Erde, alle, die dem Herrn Jesus angehören, zu welcher kirchlichen Gemeinschaft sie auch gehören, bilden zusammen die eine allgemeine Versammlung der Gläubigen, die auf der Erde ist. Die zweite Bedeutung ist, dass an jedem einzelnen Ort eine „Versammlung“ ist. Die „Versammlung in X“ ist ein kleiner Teil dieser großen Versammlung auf der Erde. Alle Gläubigen in X bilden eine „Versammlung Gottes“. Behalten wir das gut, das ist sehr wichtig.

Wie wird die Einheit der Gläubigen sichtbar?

Nun drängt sich aber doch eine Frage auf. Du wirst sagen: Es ist ja ganz schön, dass alle Gläubigen in X eine Versammlung bilden, aber woran können wir das sehen? Worin kommt das zum Ausdruck? Hier ist ein Gläubiger, dort kann jemand sein Heil in Christus bezeugen. Nirgends wird jedoch sichtbar, dass sie eine Einheit bilden, nämlich die „Versammlung in X“. Das ist jammerschade, denn die Versammlung besteht aus denjenigen in X, die dem Herrn Jesus angehören. Dazu sind sie radikal getrennt von allen, die dem Teufel angehören und noch unter der Macht der Sünde stehen. Gott will, dass die Einheit derer, die Ihm angehören, auf der Erde sichtbar wird.

Dafür gibt die Schrift Anweisungen. Wenn die Gläubigen in X einander und der Welt zeigen wollen, dass sie zusammengehören, können sie in der Bibel finden, wie das geschehen kann. Wenn du im ganzen Neuen Testament nachforschst, denke ich, wirst du Folgendes sehen: Es gibt zwar viele Mittel, durch die einzelne Gläubige zeigen können, dass sie zusammengehören. Aber die Bibel nennt nur ein Mittel, durch das wir der Einheit der Versammlung sichtbar Ausdruck geben können. Gott hat in Seiner Gnade etwas gegeben, wodurch wir zeigen können, dass wir alle den einen Leib Christi bilden, ein Haus Gottes auf der Erde. Dieses Mittel finden wir in 1. Korinther 10: Die Einheit der Gläubigen wird sichtbar, wenn sie sich versammeln! Und zwar im Besonderen, wenn sie sich am Tisch des Herrn versammeln. Damit ist kein gewöhnlicher, hölzerner Tisch gemeint, sondern der geistliche Tisch, an dem das Abendmahl gefeiert wird.

Über das Abendmahl gibt es viele verwirrende Ansichten! Wenn du irgendeinen beliebigen Gläubigen fragen würdest, wozu das Abendmahl dient, kannst du dich auf alle möglichen Antworten gefasst machen. Einige dieser Antworten werden sicher sein: „Um meinen Glauben zu stärken“, oder: „Um in dem Herrn erbaut zu werden“, oder ähnliche. Doch das ist die Bedeutung des Abendmahls ganz und gar nicht! Wo findest du das im Wort Gottes? Wozu das Abendmahl dient, kannst du von dem Herrn Jesus Selbst hören. Er hat in der Passahnacht nicht gesagt: „Tut das, um euren Glauben zu stärken“, sondern Er hat gesagt: „Dies tut zu meinem Gedächtnis.“ Also: um an mich zu denken! Wenn wir sonntagmorgens versammelt sind, geht es nicht in erster Linie um das, was wir bekommen oder ob wir gesegnet und auferbaut werden (obwohl der Herr Jesus das immer tut, wenn wir mit Ihm beschäftigt sind), vielmehr sagt Er jeden Sonntagmorgen zu uns: „Tut dies, um an mich zu denken.“ Er gibt diese sichtbaren Zeichen als Gedächtnisstütze, damit wir dadurch an Sein Leiden und Sterben erinnert werden, an all das, was Er für uns getan hat. Er wusste, dass wir wohl dankbar sein würden, aber auch, dass wir so oft und so schnell vergessen würden, was Er für uns getan hat. Deshalb gab Er uns diese sichtbaren Hilfsmittel.

Das Abendmahl hat darüber hinaus noch eine zweite Bedeutung, die wir auch in 1. Korinther 10 finden. Da schreibt Paulus, dass die Gläubigen in Korinth, wenn sie sonntags versammelt waren, in ihrer Mitte das Brot liegen sahen. Wenn sie dieses Brot brachen, dachten sie an das Sterben des Herrn Jesus. Aber, sagt Paulus, das Brot hat auch noch eine zweite Bedeutung. Das Brot ist eine Einheit. Da liegt ein Brot auf dem Tisch, nicht eine Schale mit allerlei Stückchen, sondern ein Brot. Das eine Brot ist ein Bild von der Tatsache, dass ihr, Korinther, ein Leib seid. Genauso, wie unsere Körperteile miteinander verbunden sind und einen Leib bilden und zusammengehören, so gehört auch ihr als Gläubige zusammen. Wodurch bringt ihr das nun zum Ausdruck? Indem ihr als Gläubige zusammenkommt. Das eine Brot ist dann das Symbol eurer Einheit. Und ihr brecht alle ein Stückchen von diesem Brot ab.

Das ist eine wichtige Anordnung! Wie können diese tausend oder mehr Gläubigen in X also zeigen, dass sie zusammengehören? Durch das Brechen des Brotes bringen sie zum Ausdruck, dass sie eine Einheit bilden, geradeso wie das Brot dort auf dem Tisch eine Einheit ist. Das ist schön, aber dann muss es auch schriftgemäß geschehen! Das ist wichtig. Stell dir vor, dass diese tausend Gläubigen darin nachlässig wären. Stell dir vor, sie würden jedermann einladen, mit ihnen das Brot zu brechen! Oder sie ließen wissentlich sogar Ungläubige oder solche, die in offenbaren Sünden leben, zum Abendmahl zu! Wäre das Abendmahl dann noch der Ausdruck der Einheit der Gläubigen, wenn Ungläubige dazwischen säßen und mit Brot brächen? Bestimmt nicht!

Keine Volkskirche

Das ist eine ernste Sache. Nicht solche haben Anrecht auf das Abendmahl, die Mitglied einer bestimmten Gemeinschaft sind, sondern alle, die einen lebendigen Glauben an den Herrn Jesus Christus haben. Das ist außerordentlich wichtig. Eine der traurigsten Tatsachen der protestantischen Kirchengeschichte ist, dass man große Körperschaften in den einzelnen Ländern angestrebt hat, die so viele Mitglieder wie möglich in sich vereinigten und so viele Menschen wie nur möglich zum Abendmahl brachten. Wenn die Gläubigen der Versammlung in X zusammenkommen, um Brot zu brechen, sind sie verantwortlich, darauf zu achten, wer dorthin kommt. Paulus sagt: Ihr könnt nicht den Tisch des Herrn zum Tisch der Dämonen machen. Es ist der Tisch des HERRN. Nur solche, die dem Herrn angehören, dürfen dorthin kommen. Wenn die Gläubigen gleichgültig sind und den Herrn nicht mehr als Herrn anerkennen und selbst zulassen, wen sie wollen, dann ist es nicht mehr Sein Tisch. Dann muss der Herr weggehen, wie wir das häufig in der Geschichte des Alten und Neuen Testamentes finden. Der Herr geht fort, wenn wir Seinen Tisch mit dem Bösen in Verbindung bringen. Denn die Einheit des Leibes, sagt Epheser 4, ist auch die Einheit des Geistes. Es muss an diesem Tisch geistlich zugehen. Nur solche sind willkommen, die einen lebendigen Glauben an den Herrn Jesus haben, die aufgrund Seines Werkes Kinder Gottes geworden sind und den Heiligen Geist empfangen haben. Nur solche, die den Geist besitzen, bilden die Einheit des Geistes.

Keine Sekte

Wir können zwei schwerwiegende Fehler begehen: einerseits indem wir jeden zulassen, der ein Glaubensbekenntnis unterschreibt, auch, wenn wir sicher wissen, dass kein lebendiger Glaube an den Herrn Jesus Christus vorhanden ist, oder wenn wir wissen, dass eine solche Person keinen guten Lebenswandel führt oder an falschen Lehren in Bezug auf die Person Christi festhält oder was auch immer. Die eine Gefahr ist also, dass wir zu viele zulassen. Es gibt aber auch eine andere Gefahr, nämlich, dass wir sagen: „Wie, jeden Gläubigen so ohne Weiteres zulassen? Alle Gläubigen? Geht das nicht ein bisschen zu weit? Müssen wir nicht zumindest über allerlei Lehren der Schrift einig sein: über die Taufe, über die Prophetie, über die Kircheneinrichtung?“ Müssen wir tatsächlich einig sein über allerlei Fragen, die nichts mit der einen Frage, ob wir Gläubige sind oder nicht, zu tun haben? Wäre das nicht sehr anmaßend? So kann man auf der einen Seite zu weit sein und auf der anderen Seite zu eng. So kann man Menschen ausschließen, weil sie ihre Unterschrift nicht unter Dinge setzen, die wir selbst (nicht die Schrift) zur Bedingung gemacht haben. Doch dann ist man sektiererisch! Dann gibt man nicht der Einheit aller Gläubigen in X Ausdruck, denn man schließt bewusst einen Teil der Gläubigen aus, weil man sagt, dass sie mit unseren Formulierungen und mit unserem Glaubensbekenntnis einig sein müssen! Es wird häufig von vielen kleinen christlichen Gruppen gesagt, dass es Sekten sind. Doch weißt du, was eine Sekte eigentlich ist? Eine Sekte ist nach der Bibel eine Partei von Bekennern, möglicherweise sind es wahre Christen, die jedoch bestimmten Personen nachlaufen oder bestimmte engherzige Bedingungen für die Zulassung zum Abendmahl stellen, Bedingungen, die die Bibel nicht stellt. Die Bibel kennt nur eine Bedingung: Jemand muss gläubig sein und darf darüber hinaus nicht in moralisch oder fundamental lehrmäßig Bösem leben. Siehst du, dass gerade deshalb alle die christlichen Gemeinschaften, auch die großen Kirchen, die menschliche Bedingungen für die Zulassung stellen, nach der Bibel Sekten sind? Wir können zu weit und wir können zu eng sein.

Welches ist der biblische Weg? Auf der einen Seite sollen wir Gemeinschaft mit allen haben, die dem Herrn Jesus angehören, aber auch nur mit diesen. Deshalb müssen wir uns davor hüten, dass Ungläubige dazukommen und dass offenbares Böses oder falsche Lehren eindringen, die die Heiligkeit des Tisches des Herrn antasten. Auf der anderen Seite müssen wir darüber wachen, dass wir keine Menschen ausschließen, die an den Tisch gehören, wenn sie vielleicht auch anders über die Taufe oder die Prophetie oder die Kircheneinrichtungen usw. denken. Wer bin ich, dass ich meine Forderungen stelle, wer mit mir zusammen das Abendmahl einnehmen darf? Bin ich der Gastgeber oder ist der Herr Jesus der Gastgeber? Er lässt praktisch jeden zu, der durch Sein Blut gereinigt ist und sich auch praktisch als Gläubiger gereinigt hat, der sich selbst immer wieder prüft und reinigt und so zum Abendmahl geht. Der Herr Jesus macht keinen Unterschied zwischen Gläubigen, die verschiedene Gedanken über allerlei sekundäre Wahrheiten haben.

Wie kommen wir zusammen?

Das soll übrigens nicht heißen, dass Punkte, wie zum Beispiel die Art und Weise des Zusammenkommens als Versammlung an sich nicht wichtig wären! Ohne Zweifel ist es gerade eine der wichtigsten Bedingungen, wenn Gläubige die Absicht haben, an einem bestimmten Ort zusammenzukommen, dass sie auch auf eine geistliche Weise zusammenkommen. Es ist die Einheit des Geistes, der sie Ausdruck geben. Also muss die Art und Weise, wie sie zusammenkommen, geistlich sein. Der Herr Jesus sagt zu der samaritischen Frau, dass jeder, der den Vater anbetet, (und das kann jeder tun, der den Vater als seinen Vater kennt), Ihn in Geist und Wahrheit anbeten muss, also auf eine geistliche und wahrhaftige Weise – nicht mit Hilfe bestimmter Satzungen, die an die Vorschriften erinnern, die es in Israel gab, nicht durch Liturgien und Verordnungen, die Menschen sich ausgedacht haben, sondern auf eine geistliche Weise. Also nicht geleitet durch menschliche Vorschriften, sondern geleitet durch den Geist Gottes. Es ist auch der Geist, der in unseren Herzen Gefühle des Lobes, des Dankes und der Anbetung wachruft. Es ist ebenfalls der Geist, der uns Kraft gibt, diese Gefühle in Worte zu kleiden. Und es ist der Herr Jesus, der in der Mitte Seiner Versammlung Autorität hat, und Er übt diese Autorität durch Seinen Geist aus.

Ich habe gesagt, dass wir in dem Namen des Herrn Jesus zusammenkommen müssen (Mt 18,20). Er hat gesagt: „Wo zwei oder drei versammelt sind in [wörtlich: zu] meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Zu Seinem Namen bedeutet: zu Ihm hin, der den „Namen über jeden Namen“, der alle Autorität von Gott empfangen hat. Dann dürfen wir uns nicht mehr zusammensetzen und selbst die Regeln festlegen! Stelle dir vor, dass du zu mir nach Hause kämst und die Regeln aufstellen würdest, wie es in meinem Hause zuzugehen hat! Bin ich nicht der Gastgeber? Ich bin Herr in meinem Hause! So ist es auch im Haus Gottes. Der Herr Jesus, der Sohn Gottes, hat dort Autorität. Er ist der Herr des Hauses. Wenn wir Sonntagmorgens zusammenkommen, haben wir keine jüdischen Vorschriften, keine Liturgien, die doch nur an die Zeit erinnern, als der Heilige Geist noch nicht auf der Erde wohnte. Nun geschieht es nicht mehr durch äußerliche Dinge, sondern durch den Geist Gottes, dass wir Ihm Lob, Dank und Anbetung bringen. Dann müssen wir, wenn wir als Versammlung versammelt sind, in dem Bewusstsein dort sein, dass Er allein alle Autorität hat, Er, der in unserer Mitte ist. Er allein ist es, der durch Seinen Geist die Gedanken in unserer Mitte wirkt, die gut und nützlich sind. Er ist es, der die Brüder anweist, die Er ein Gebet sprechen lassen will oder durch die Er die Versammlung auferbauen will. Denn Er weiß, wer gerade an diesem Sonntag als Instrument am besten geeignet ist, der Versammlung zu dienen. Der Bruder weiß nicht, dass er „an der Reihe“ ist und weiß auch nicht, über welchen Abschnitt er sprechen soll. Das wird der Herr entscheiden, denn der Herr kennt die Nöte. Er hat alle Dinge in Seiner Hand.

Ein Weg in die Spaltungen

Warum stehe ich nun hier, um zu sagen, was die Versammlung in X eigentlich tun müsste? Sie tut es ja nicht! Die tausend oder zehntausend Gläubigen in X versammeln sich nicht so. Der eine dachte, dass er außer zu der Versammlung Gottes zu gehören, auch noch Mitglied dieser oder jener kirchlichen Vereinigung sein müsste, und ein anderer hat sich der einen oder anderen Sekte angeschlossen. Nun sind wir also doch verstreut und können nicht mehr der Einheit des Leibes Christi Ausdruck geben. Der eine sitzt hier und der andere sitzt dort. Das ist eine betrübliche und ernste Situation. Ich weiß nicht, wie viele verschiedene religiöse Gemeinschaften es an diesem Ort gibt, aber es werden zweifellos eine ganze Reihe sein. Ist das nach den Gedanken des Herrn? Das ist nicht nach Seinen Gedanken. Es ist eine schreckliche Sache, dass der Leib äußerlich nicht sichtbar wird. Innerlich ist er das wohl, denn wir gehören auch weiterhin zusammen. Jeder, der den Geist Gottes hat, ist mit allen anderen Gläubigen verbunden, die denselben Geist besitzen. Wir sind durch den Geist zu einem Leib getauft (gleichsam „zusammengeschmiedet“), sagt der erste Korintherbrief (1Kor 12,13). Wir gehören zusammen, wenn wir auch hinter verschiedenen Kirchenmauern sitzen. Aber es ist nicht nach den Gedanken des Herrn, dass wir in verschiedene Kirchen verstreut sind. Seine Gedanken sind, dass wir der Tatsache, zu einem Leib verbunden zu sein, Ausdruck geben! Und das tun wir an Seinem Tisch, wo Er in der Mitte ist.

Es gibt Christen, die erkannt haben: „Es geht doch nicht, dass die Kirchen so getrennt sind. Wir müssen uns gegenseitig aufsuchen.“ So entstand nach dem Krieg eine Bewegung, Ökumene genannt, die sich bemüht, alle bekennenden Christen zu vereinigen. Ist das jedoch die Absicht Gottes, „Bekenner zu vereinigen“? Müssen wir alle, die bekennen, Christen zu sein, vereinigen, wenn auch die meisten keinen lebendigen Glauben an den Herrn Jesus Christus besitzen? Es gibt Länder (zum Beispiel die skandinavischen Länder), wo mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Lutheraner sind. Glaubst du, dass das alles Gläubige sind? Und doch sind alle Mitglieder der Ökumene geworden. Ist das die Lösung, alles, was sich nur Christ nennt, auf einen Haufen zu fegen? Das gibt keine Einheit von Gläubigen, sondern eine Einheit von Kirchen. Und der Fehler liegt ja gerade in allen diesen kirchlichen Vereinigungen! Das ist niemals der Wille des Herrn gewesen! Davon müssen wir uns abwenden. Wir müssen zurückkehren zu dem Wort Gottes. Das ist die Lösung! Wir dürfen nicht zusammenleimen, was wir zertrümmert haben. Wir müssen von vorn beginnen. Wir müssen nach dem Wunder der Bibel verlangen, nach dem Wunder des Neuen Testaments.

Die Bibel überlässt uns auch im 20. Jahrhundert nicht unserem Schicksal! In den Briefen des Paulus finden wir, wie es in der Versammlung zugehen muss. Vielleicht sagst du: „Ja, das war unter normalen Umständen! Aber gibt es auch heute, im 20. Jahrhundert, nachdem nun die Christenheit zersplittert und auseinandergerissen ist, eine Lösung?“ Ja, der Herr Jesus hat auch für diese Zeit einen Weg gewiesen. Er wusste, wie es kommen würde. Die Dinge sind dem Herrn nicht aus der Hand gelaufen. Er hat vorausgesagt, wie alles laufen würde. Durch Seine Apostel hat Er aufschreiben lassen, wie es kurz vor Seinem Kommen in der Versammlung aussehen würde. Verschiedene Stellen in den Briefen des Neuen Testamentes könnten angeführt werden, um den Zustand der Versammlung kurz vor dem Kommen des Herrn Jesus, also in der Zeit, in der wir heute leben, zu beschreiben. Das ist ein Thema für sich. Der Herr Jesus steht im Begriff zu kommen! Er hat Selbst gesagt: „Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“ (Lk 18,8). Die Christenheit wird immer weiter von Ihm abfallen, hat Er gesagt. Schließlich wird sie zu diesem Abfall kommen, angeführt von dem Antichristen, wenn sie die Grundlage des christlichen Glaubens, den Vater und den Sohn, leugnet. Er wusste das im Voraus. Er hat dem Einzelnen einen Weg durch dieses Chaos gewiesen, gerade in dieser Zeit. Er weist uns den Weg, auch wenn alles am Boden liegt und die Christenheit in allerlei Gemeinschaften, Vereinigungen und Kirchen zersplittert ist.

Wenn wir mit unserem Verstand zu Rate gehen würden, könnten wir sagen: „Lasst uns am Wort festhalten, an dem Ort, wo wir uns befinden!“ Es gibt zweifellos Gläubige, die einem System, einer Vereinigung oder einer Kirche angehören, von der sie sicher wissen, dass dort Nicht-Wiedergeborene Mitglied sind, wovon sie wissen, dass dort Pfarrer sind, die das Wort Gottes mit ihrer Lehre untergraben, indem sie Dinge verkündigen, die die Person des Herrn Jesus und Sein Werk antasten. Und doch gibt es viele unter diesen Gläubigen, die sagen: „Wir müssen persönlich dem Wort, das Gott gegeben hat, treu bleiben und persönlich ein Zeugnis sein. Vor allem dürfen wir nicht weggehen, sondern müssen bleiben, wo wir sind, um ein Gegengewicht zu bilden.“ Das ist wunderschön gesagt, aber das ist nicht die Frage: „Herr, was willst Du, dass wir tun sollen?“ Was ist nach den Gedanken des Herrn? Hat der HERR irgendwo in Seinem Wort gesagt: „Bleibt, wo ihr seid, wenn es dort auch noch so verderbt ist“? Im Gegenteil: „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit“ (2Tim 2,19). Und weiter:

2Kor 6,14–7,1: Darum geht aus ihrer Mitte aus und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt Unreines nicht an, und ich werde euch aufnehmen; und ich werde euch zum Vater sein, und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige.

„Geh hinaus!“

Das bleibt bestehen. Als das Volk Israel völlig verdorben war, kurz vor der babylonischen Gefangenschaft, richtete Gott Sich an einen der wenigen Treuen und sagte zu ihm: „Jeremia, geh hinaus, sondere dich von diesem Volk ab. Stell dich auf einen besonderen Platz, damit du nicht von der Unreinigkeit des Volkes verdorben wirst. Und wenn sie zu dir sagen: „Jeremia, komm doch bitte zu uns zurück; hier kannst du zum Segen sein, wenn du bei uns bleibst; warum sonderst du dich ab? Das hilft doch nichts, das macht die Sache nicht besser, das macht die Verwirrung nur noch größer!“ – dann sagt Gott in Jeremia 15,19, dass Jeremia nicht zu ihnen zurückkehren darf: „Jene sollen zu dir umkehren, du aber sollst nicht zu ihnen [an den Ort, den Gott zwar ursprünglich einmal gegeben hatte, den dieses Volk aber verdorben hat] umkehren.“

Wir finden auch in Offenbarung 18,4 einen Grundsatz, der zu jeder Zeit für das Volk Gottes gültig ist:

Off 18,4: Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet, und auf dass ihr nicht empfanget von ihren Plagen.

Du wirst sagen, dass es ein schwieriger Schritt ist, mit der Kirche zu brechen, möglicherweise sogar mit Familienangehörigen, Freunden und Bekannten, mit dem Kundenkreis vielleicht, die alle zu demselben religiösen System gehören wie du und sich an einem Ort befinden, wo das Böse immer mehr die Oberhand gewinnt. Doch die Frage ist nicht, ob das einfach ist, die Frage ist: „Wollen wir gehorchen oder nicht?“ So ist es heute, und so war es auch früher.

Als Paulus am Ende seines Lebens angekommen war, schrieb er in 2. Timotheus 4,16, dass alle Christen in Asien ihn verlassen hatten. Das war schrecklich für ihn! Alle Gläubigen oder bloßen Bekenner, das tut in diesem Fall nichts zur Sache, hatten ihn im Stich gelassen. Sie wollten nicht den Weg gehen, den er als Zeuge des Heilandes ging. Dort beginnt der Verfall. Dort beginnt das, was in unseren Tagen zur vollen Reife gekommen ist. Paulus schreibt dies an seinen Mitarbeiter, an seinen geistlichen Sohn Timotheus, und nicht an die Versammlung. Wenn eine Zeit des Verfalls eingetreten ist, liebe Brüder, dann dürfen wir nicht bei der Versammlung als Gesamtheit anfangen. Dann musst du dich zu dem Einzelnen in der Versammlung gesellen, der noch bereit ist, darauf zu hören, was das Wort Gottes sagt. Der Einzelne ist auch heute Abend angesprochen! Den Einzelnen fragt der Herr: „Willst du Meinem Wort gehorchen?“ Der Apostel sagt in 2. Timotheus 2,20, dass wir in einer Zeit leben, in der sowohl Gefäße zur Ehre als auch Gefäße zur Unehre im Haus Gottes vorhanden sind.

2Tim 2,20.21: In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre. Wenn nun jemand sich von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet.

„Gefäße“ – Einrichtungsgegenstände oder Mobiliar, würden wir heute sagen. Die Christenheit ist ein „großes Haus“, in dem Gefäße sind, die zur Ehre des Herrn gereichen, und Gefäße, die zu Seiner Unehre sind. Wir leben in einer Zeit, in der wir manchmal nicht mehr unterscheiden können, wer Ihm angehört. Doch der Herr kennt, die Sein sind. Ich kann es häufig nicht mehr unterscheiden, so groß ist der Verfall. Ich kann wohl unterscheiden, ob jemand, der bekennt, ein Christ zu sein, von der Ungerechtigkeit absteht. Und wenn er das nicht tut, dann ist er ein Gefäß zur Unehre (ob er nun ein Gläubiger oder ein Ungläubiger ist), und dann muss ich mich von solchen Bekennern trennen. Nur so kann ich ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, brauchbar für den Hausherrn, zu jedem guten Werk tauglich, zusammen mit allen, die den Herrn anrufen aus einem reinen Herzen. Das ist die unzweideutige Unterweisung von 2. Timotheus 2!

Etwas Ähnliches finden wir in Hebräer 13,10-16:

Heb 13,10-16: Wir haben einen Altar, von welchem kein Recht haben zu essen, die der Hütte dienen. Denn von den Tieren, deren Blut für die Sünde in das Heiligtum hineingetragen wird durch den Hohenpriester, werden die Leiber außerhalb des Lagers verbrannt. Darum hat auch Jesus, auf dass er durch sein eigenes Blut das Volk heiligte, außerhalb des Tores gelitten. Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Durch ihn nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Des Wohltuns aber und Mitteilens vergesst nicht, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen.

Als Israel um das goldene Kalb tanzte, war es immer noch das Volk Gottes, doch Mose nahm das Zelt und stellte es außerhalb des Lagers auf (denn dieses Zelt konnte nicht mehr innerhalb des verderbten Lagers stehen), und jeder, der dem Herrn dienen wollte, ging hinaus, außerhalb des Lagers, verließ das sündige Volk, um dort außerhalb Gott zu dienen. So ist es auch hier. Der Apostel schrieb an die Hebräer, dass auch sie hinausgehen mussten, außerhalb „des Lagers“; das war zu jener Zeit für sie Jerusalem, die Stadt Gottes. Die Hebräer hätten sagen können: „Wieso denn? Wir sind hier in der Stadt Gottes; Gott hat uns diesen Ort doch gegeben!“ In unserer Sprache ausgedrückt: Es ist doch die „Kirche unserer Väter“; wir wollen dieser Kirche treu bleiben, wenn auch noch so viel Verfall und Verderben da ist. Aber Gottes Wort sagt: Denke daran, wenn du den Herrn Jesus finden willst, musst du aus dem Lager hinausgehen. Er ist auch aus dem Lager hinausgegangen, und dort hat Er für die Sünden gelitten. Wenn du Ihn finden willst, musst du Ihm dorthin folgen.

Die religiöse Welt, die den Herrn Jesus aus ihrem religiösen System hinausgetan hat, wird die Gläubigen auch nicht anders behandeln als ihren Meister. „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“, hat der Herr Jesus in Johannes 15 gesagt. Wenn du zu Ihm gehören willst, dann musst du die Konsequenzen ziehen. Der Platz, den Er auf der Erde eingenommen hat, ist außerhalb jedes religiösen Systems, das Menschen aufgerichtet haben und das der Herr verwirft. Dort hat Er die Schmach und die Leiden auf Sich genommen.

Der Ort des Gottesdienstes

Wir haben auch einen Platz außerhalb des Lagers, außerhalb aller menschlichen Religion. Wie viele Kinder Gottes sich auch dort aufhalten mögen, unser Platz ist nicht dort, weil der Herr Jesus dort nicht bleiben konnte, sondern außerhalb der Stadt gestorben ist. Das ist der Ort, sagt das Wort hier, der auch für euch gültig ist, wenn ihr dem Herrn Jesus folgen wollt. Ihr könnt Ihn auf der Erde nur an einem Platz finden, nämlich außerhalb „des Lagers“. Wir wollen auch keinen anderen Platz; nicht, weil dieser Platz für das Fleisch so anziehend ist oder weil es so angenehm ist, als eine kleine Gruppe in einer Stadt oder einem Dorf für sich, getrennt von den meisten Christen, zusammenzukommen. Dieser Gedanke, die große Masse der Christen beiseitezulassen und getrennt zusammenzukommen, ist an sich durchaus nicht verlockend. Doch der Herr Jesus hat gesagt: Ich habe außerhalb der menschlichen Gottesdienste gelitten, und wenn ihr Mich auf der Erde finden wollt, dann müsst ihr dort sein. Es gibt keinen anderen Platz.

Aber es ist ein wunderbarer Platz, denn wir lesen in Hebräer 13,15, dass dies der Platz ist, wo wir Gott ein Opfer des Lobes bringen dürfen, das ist die Frucht der Lippen, die Seinen Namen bekennen. Wenn wir Sonntagmorgens hier zusammenkommen, außerhalb des Lagers, weil wir bei dem Herrn Jesus sein wollen, weil Er in unserer Mitte ist, dann macht das jedes Mal einen tiefen Eindruck auf uns. Dann können wir jeden Sonntagmorgen wieder auf solch eine besondere Weise Seine Nähe, Seine Anwesenheit fühlen, dass wir tief bewegt mit unseren Opfern des Lobes zu Gott kommen, mit der „Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen“. Genauso wie die Jünger am ersten Tag der Woche, am Auferstehungstag, ebenfalls (sinnbildlich) „außerhalb des Lagers“ versammelt waren, abgesondert von dem System der jüdischen Religion, so dürfen wir, abgesondert von der großen Masse der bloßen Bekenner, versammelt sein. Dort kommt am ersten Tag der Woche der Herr Jesus in unsere Mitte, zeigt uns Seine Hände und Seine Seite und sagt: „Friede euch!“ Jedes Mal wenn wir zusammenkommen, um anzubeten, kommt Er in unsere Mitte und zeigt uns Seine Hände und Seine Seite. Warum tut Er das? Weil Er weiß, wie vergesslich wir sind. Weil Er weiß, wie schnell wir vergessen, was Er auf dem Kreuz durchgemacht hat, welche tiefen Leiden Er erdulden musste, wie Seine Hände durchbohrt wurden, Seine Seite durchstochen wurde und Blut und Wasser herausflossen. Ja, Er wurde auf dem Kreuz von Gott verlassen, als Gott Ihn zur Sünde machte, als Gott Ihn, mit Ehrfurcht gesprochen, außerhalb des Lagers als das Sündopfer verzehrte. So kommt Er in unsere Mitte. Denkst du, dass es heute anders ist als bei den Jüngern: „Sie freuten sich, als sie den Herrn sahen“? Ihre Herzen waren übervoll, denn sie sagten: „Es ist der Herr!“ Und sie sagten zu Thomas, der nicht dabei gewesen war: „Wir haben den Herrn gesehen! Er war in unserer Mitte. Wir haben Ihn gesehen als den, der gelitten hat und gestorben ist!“

Zu diesem Zweck bittet der Herr uns zusammenzukommen. Er ist heutzutage nicht leiblich in unserer Mitte, nicht sichtbar für unsere Augen; aber wie Er dort Seine Hände und Seine Seite zeigte, so hat Er uns die Zeichen von Brot und Wein gegeben. Wenn schon im Christentum weiter nichts für unsere Augen Sichtbares, nichts Äußerliches da ist, sondern alles geistlich ist, so hat Er doch diese sichtbaren Zeichen von Brot und Wein gegeben, um unserer Schwachheit entgegenzukommen. Wir sollen, wenn wir das Brot und den Wein sehen, uns an Seinen dahingegebenen Leib und an Sein vergossenes Blut erinnern. Wir sollen, sagt 1. Korinther 11, von diesem Brot essen und dadurch Seinen Tod verkündigen. Wenn Brot und Wein getrennt auf dem Tisch stehen, denken wir daran, dass im Tod Sein Leib und Sein Blut getrennt waren. Er war tot.

Er kam einst zu einem Mann, der nicht mit zweien oder dreien, sondern ganz allein auf der Insel Patmos war, ebenfalls am „Tag des Herrn“, am Sonntag. Das war Johannes in seiner Einsamkeit. Da kommt der Herr Jesus zu ihm. Er denkt an diesen einsamen Bruder, der nicht die Zusammenkünfte besuchen konnte, und sagt zu ihm: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ So kommt der Herr Jesus auch zu uns und sagt: „Ich war tot.“ Und wir sehen die Zeichen seines Todes und erinnern uns daran, dass Er tot war. Wir brechen das Brot und trinken aus dem Kelch, und durch diese einfachen Handlungen verkündigen wir, ohne etwas zu sagen, anderen, dass Sein Tod stattgefunden hat (1Kor 11,26). Das ist eine wunderbare Begräbnismahlzeit! Die Erinnerung an einen geliebten Verstorbenen ist normalerweise keine frohe Sache. Doch wir denken an Jemanden, der tot war und der jetzt lebt bis in Ewigkeit! Er Selbst ist lebendig in unserer Mitte und zeigt uns Seine Hände und Seine Seite. Deshalb ist es für uns keine traurige Erinnerung an einen Toten, denn wir wissen, dass Er tot war und lebendig wurde und bis in alle Ewigkeit lebt. Darum kommen Opfer des Lobes aus unseren Herzen, und deshalb dürfen wir die Frucht unserer Lippen bringen, wir, die wir Seinen Namen bekennen.

Das finden wir auch in 1. Petrus 2,4: „Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt, kostbar, werdet auch ihr selbst als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesus Christus.“ Das ist derselbe Gedanke wie in Hebräer 13. Zu wem kommen wir? Zu dem Herrn Jesus. Doch wer ist Er? Er ist ein „lebendiger Stein“ – das ist die eine Seite. Er ist ein lebendiges Fundament, der Eckstein des Baues Gottes. Wir versammeln uns um eine lebende Person. Hier steht aber auch: „Von Menschen zwar verworfen.“ Petrus schreibt an gläubige Juden, die inmitten ihrer feindlichen Volksgenossen lebten. Die Volksgenossen kannten den Herrn Jesus nur als einen, der am Kreuz gestorben war. Sie hatten Ihn ja selbst verworfen und beseitigt. Mitten unter solchen Menschen mussten die bekehrten Juden leben. Wenn sie dann zu dem Herrn Jesus hinausgingen, wurden sie ständig daran erinnert, dass sie zu Jemandem hinausgingen, der von ihren Volksgenossen verworfen war. Für uns ist das genauso. Wir versammeln uns zu Jemandem, der von dieser Welt verworfen ist. Wir leben in genau derselben Welt wie die Gläubigen damals, einer Welt, die so böse ist, dass sie sogar den Sohn Gottes hinausgeworfen und ans Kreuz gebracht hat. Diese Welt hat sich nicht verändert, es ist noch dieselbe Welt! Der Herr Jesus sagt zu uns: „Sie werden auch euch hassen.“ Wenn wir uns auf der Erde um Ihn versammeln, dann muss das also an einem Ort sein, der getrennt ist von dieser Welt, getrennt von menschlichen Religionen, getrennt von allem, was aus dem Fleisch ist, aus diesem bösen, verderbten Fleisch, das den Herrn Jesus ans Kreuz gebracht hat.

Das ist der Platz, der hier beschrieben wird, außerhalb von allem, was von dem Menschen ist, denn Er wurde von dem Menschen verworfen und an das Kreuz gebracht; doch gleichzeitig ist es der Platz, wo wir Ihn sehen als den Lebendigen, als den, der tot war und der bis in Ewigkeit lebt.

Heilige Priester

Auch hier sehen wir dasselbe Ergebnis wie in Hebräer 13. Wir sind ein geistliches Haus. Es ist nicht so, wie viele Christen oft sagen, dass wir uns im Gotteshaus versammeln, als ob dieser Raum, wie schön er auch sein mag, ein „Gotteshaus“ wäre! Ich habe gesagt, dass es im Christentum nichts Äußerliches gibt. Dieser Raum ist nichts anderes als alle anderen Räume, in denen irgendwelche Zusammenkünfte stattfinden. Dieser Raum ist nicht heiliger als alle anderen Gebäude. Nicht dieser Raum ist ein Gotteshaus, sondern die Gläubigen bilden das Haus Gottes. Wie bei den Juden alles äußerlich war, zunächst ein Zelt, dann ein Tempel, so sind wir ein geistliches Haus Gottes. Wir, alle Gläubigen zusammen, sind als Steine zu einem Haus zusammengefügt. Warum sind wir ein Haus? Ja, damit ist ein wunderschöner Gedanke verknüpft. Wozu diente denn das Haus Gottes im Alten Testament, die Stiftshütte, und später der Tempel? Sie dienten dazu, dass Gott in der Mitte Seines Volkes wohnen konnte! Diesem großen Gott, den „die Himmel und der Himmel Himmel nicht fassen können“, wie Salomo gesagt hat, diesem Gott hat es gefallen, auf der Erde bei Menschen zu wohnen. Aber Er wohnte hier auf der Erde in einem materiellen Haus, einem Haus aus hölzernen Brettern und leinenen Decken. Das konnte alles nur ein symbolischer Hinweis auf die Dinge sein, die heute auf der Erde vorhanden sind: ein geistliches Haus – das sind die Gläubigen selbst. Gott wohnt nicht bei uns, Gott wohnt in uns, in jedem Gläubigen persönlich. 1. Korinther 6,19 sagt, dass unsere Leiber, soweit wir Gläubige sind, Tempel des Heiligen Geistes sind. Und 1. Korinther 3,16 sagt, dass die Versammlung in ihrer Gesamtheit ein Tempel ist, in dem Gott, der Heilige Geist, wohnt. Gott wohnt heute auf der Erde in der Versammlung. Das ist etwas vollkommen Neues. Gott wohnte im Alten Testament nicht in Menschen, Er wohnte bei Menschen, aber gleichzeitig scharf von den Menschen abgesondert hinter dem Vorhang. Doch heute wohnt Gott in Menschen, in der Versammlung als Ganzes und in jedem Gläubigen persönlich. Das ist dieses geistliche Haus.

Es gibt aber noch ein zweites „Haus“ im Alten Testament, das ich erwähnen möchte, denn beide gehören zusammen. Das erste Haus war das Haus des Mose. Mose war der Erbauer der Stiftshütte. Aber auch sein Bruder Aaron hatte ein Haus. Das Haus Aarons, das wissen wir wohl, waren seine eigenen Söhne. Die priesterliche Familie Aarons war das Haus Aarons. Beide Häuser zusammen sind ein wunderschönes Bild von der Versammlung. Mose ist ein Bild von dem Herrn Jesus als dem Lehrer des Volkes Gottes, und Aaron ist ein Bild von dem Herrn Jesus als dem Hohenpriester. Das finden wir nun in Christus vereinigt. Hebräer 3,1 nennt Ihn den „Apostel [das ist der Gesandte Gottes, wie Mose es war] und Hohenpriester [Aaron] unseres Bekenntnisses“. Mose und Aaron in einer Person vereinigt! Hebräer 3,6 zeigt, dass wir nun das Haus des Sohnes Gottes sind, wie Mose ein Haus hatte und Aaron ein Haus hatte. Was tun wir, wenn wir als Gläubige versammelt sind? Wir geben diesem geistlichen Haus auf der Erde Ausdruck, wo Gott der Heilige Geist wirkt, wo Er wohnt. Doch wir kommen hier auch zusammen als das „Haus Aarons“, als die priesterliche Familie, wie wir es auch in 1. Petrus 2 finden: „ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesus Christus“.

Wir kommen hier als das Haus Gottes zusammen, als Gläubige, in denen Gott wohnt. Warum hat Gott auf der Erde Wohnung genommen? Warum hat der Heilige Geist in unseren Leibern Wohnung genommen? Damit uns der Heilige Geist die Herrlichkeit Christi vorstellen kann und uns die Kraft und die Fähigkeit gibt, diese Herrlichkeit durch unseren geistlichen Priesterdienst zu loben! Das ist vielleicht ein schwieriger Gedanke, aber er ist unermesslich wichtig für jeden Gläubigen. Das Ziel Gottes mit den Gläubigen auf der Erde ist wenig bekannt. Frage einmal deine Mitchristen, was ihrer Meinung nach Gott auf der Erde von ihnen erwartet. Der eine sagt, dass wir treu sein müssen in guten Werken. Ein anderer sagt vielleicht, dass wir viel von unserer Erlösung zeugen müssen. Aber 1. Thessalonicher 1 sagt, dass wir uns von den Götzenbildern zu Gott bekehrt haben, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen! Und was ist der höchste Dienst, den Gläubige gegenüber Gott ausüben können? Der höchste Dienst ist der gleiche, der auch in Israel der höchste Dienst war: der Priesterdienst. Ein Gläubiger kann auf der Erde keinen höheren Dienst erfüllen als den Priesterdienst.

Zu Beginn der Reformation war einer der Gedanken, die man in der Schrift entdeckte, dass es in der Gemeinde keine besondere Klasse von Priestern, keinen geistlichen Stand gibt, der über die Masse erhoben ist, sondern dass alle Gläubigen Priester sind: also ein allgemeines Priestertum. Das genügt aber nicht! Es reicht nicht aus zu wissen, dass alle Gläubigen Priester sind! Wo ist im Protestantismus sichtbar geworden, dass tatsächlich alle Gläubigen als Priester dienen dürfen? Wo wird im Protestantismus sichtbar, dass alle Gläubigen priesterlichen Dienst zu erfüllen haben? Ja, sehr viele Christen wissen sogar kaum, was unser priesterlicher Dienst beinhaltet! Die vornehmste priesterliche Aufgabe ist, zu opfern. Die Aufgabe des Priesters im Alten Testament war: Opfer bringen. Er brachte diese Opfer auf dem Altar dar, der im Vorhof stand. Und einmal im Jahr brachte der Hohepriester Blut in das innerste Heiligtum durch den Vorhang hin zu dem Thron Gottes. Priesterdienst bedeutet: Opfer bringen. Das ist auch die priesterliche Aufgabe der Gläubigen hier auf der Erde. Ich frage dich: Wo in der Christenheit hat man praktisch verwirklicht, dass Christen Opfer bringen? Erfreulicherweise gibt es viel Opferbereitschaft. Viele Christen sind bereit, ihr Portemonnaie zu öffnen. Das ist aber kein priesterliches Opfer! Andere erfüllen wörtlich, was Römer 12 sagt, dass wir unsere Leiber als ein lebendiges Schlachtopfer darstellen müssen. Aber das ist nicht in erster Linie unsere priesterliche Aufgabe. Hier steht: geistliche Opfer. Das ist nicht das Opfer unseres Leibes in dem Sinn, dass unser Leben dem Herrn geweiht ist, sondern es sind geistliche Opfer. Das ist etwas, was in unseren Herzen für Gott zu finden ist und was wir als die Frucht unserer Lippen, die Opfer des Lobes von Hebräer 13, zum Ausdruck bringen.

Das ist eine ernste und wichtige Sache! Gott bittet Seine Kinder hier auf der Erde, dass sie Priesterdienst ausüben. Ihre Herzen und Lippen sollen Opfer des Lobes hervorbringen. Ich frage dich: Wo finden wir Protestanten, die sich nicht in erster Linie versammeln, um zu hören, was Gott ihnen zu sagen hat – wie wichtig das auch zu seiner Zeit ist –, sondern die mit der besonderen Absicht zusammenkommen, Gott etwas zu sagen, Gott Opfer des Lobes, des Dankes und der Anbetung zu bringen, um vor Gott Priesterdienst, auszuüben? Das ist von allergrößter Bedeutung. Es ist Gnade, wenn du das sehen gelernt hast und auch wirklich Priesterdienst ausübst. Dazu kommen wir Sonntagmorgens als ein geistliches Haus zusammen, um als Priester das Räucherwerk unserer Anbetung zu opfern.

Geistliche Opfer

Was sind die Opfer, die hier gebracht werden? Was sind die Früchte unserer Lippen? Versammeln wir uns hier bei einem Altar im buchstäblichen Sinn des Wortes, einem äußerlich sichtbaren Altar? Nein, im Judentum war wohl alles äußerlich, genauso wie im Christentum alles geistlich und innerlich ist. Es heißt, dass es geistliche Opfer sind. Im Alten Testament konnte man fern von Gott sein, ungeistlich, sogar ungläubig, doch wenn man äußerlich den Regeln genügte, dann konnte man diesen Dienst ohne Weiteres ausüben. Im Christentum ist das jedoch eine geistliche Angelegenheit. Man muss also auch geistlich gesinnt sein, um einen geistlichen Dienst ausüben zu können. Es ist nicht ein Dienst, der durch äußerliche Dinge gekennzeichnet ist, sondern ein Dienst, der aus dem Herzen hervorkommt. Unsere Opfer sind nicht die Lieder, die wir singen. Die Opfer sind das, was in unserem Herzen für Ihn vorhanden ist. Es ist nicht das, was wir mit unserem Mund als Lob und Dank aussprechen, sondern nur das, was auf dem Grund unserer Herzen gefunden wird. Natürlich ist es gut, wenn das durch den Mund nach außen dringt. Aber es kann sein, dass man mit dem Mund wunderbare Dinge ausspricht, während das Herz kalt ist. Der Dienst, den wir ausüben, besteht in Opfern, die aus einem warmen Herzen hervorkommen.

Darum, liebe Freunde, hat Gott Selbst auf der Erde Wohnung genommen, um diesen Dienst zustande zu bringen. Gott der Heilige Geist ist auf die Erde herniedergekommen. Das ist eine außergewöhnlich wichtige Tatsache. Doch wenn ich hundert Christen fragen würde, weshalb der Heilige Geist auf der Erde Wohnung genommen hat, welche Antwort würden wir wohl bekommen? Es gibt viele Christen, die nicht wissen, dass der Heilige Geist heute, im Gegensatz zum Alten Testament, auf der Erde wohnt. Sie sehen nicht den Unterschied zwischen der Wirksamkeit des Heiligen Geistes im Alten Testament und heute. Im Alten Testament wirkte der Heilige Geist auch auf der Erde, das ist wahr! Aber der Geist Gottes wohnte im Himmel. Jetzt aber, seit dem Pfingsttag, hat der Heilige Geist einen Wohnort auf der Erde. Er hat die Gläubigen zusammengeschmiedet, zu einem Leib getauft, sagt 1. Korinther 12,13. Das war vor dieser Zeit nicht der Fall. Die Gläubigen waren zerstreute Kinder Gottes (Joh 11,52), einige unter den Heiden, einige in Israel. Doch dann kam der Heilige Geist und fügte die Gläubigen zu einer Einheit zusammen. Darüber hinaus machte Er die Gläubigen zu einem geistlichen Haus, in dem Er auf der Erde Wohnung genommen hat. Warum? Um uns vom Himmel zu erzählen! Der Herr Jesus sagt in Johannes 16, dass Er den Geist senden würde und der Geist von „dem Seinen“ nehmen und uns verkündigen würde. Er würde uns verkündigen, wie der Herr Jesus dort droben im Himmel ist und uns Seine Herrlichkeit mitteilen, die Er dort zur Rechten Gottes hat (vgl. Joh 7,39; 15,26; 16,7.13-15). Das kann der Heilige Geist tun, denn in 1. Korinther 2 steht, dass der Geist die Tiefen Gottes erforscht. Er kann uns mitteilen, was die Tiefen Gottes sind. Gleichzeitig ist dieser Geist in uns auch die Kraft, durch die wir diese Dinge verstehen können. Er verkündigt sie nicht nur, sondern Er gibt uns auch die Weisheit und die Einsicht, um sie zu verstehen.

Warum also hat der Geist auf der Erde Wohnung genommen? O, das höchste Ziel (vielleicht können wir auch sagen, das einzige, denn alles andere kommt daraus hervor) ist, unsere Herzen auf den Herrn Jesus zu richten. Der Knecht Abrahams wurde ausgesandt, um Rebekka, die Braut Isaaks, für ihn aus Paddan-Aram zu holen und um sie zu Isaak zu bringen. So ist der Heilige Geist gekommen, um uns durch die Wüste zu begleiten und unsere Augen im Voraus auf den Bräutigam, auf Christus, zu richten. Der Heilige Geist ist nicht auf der Erde, um auf Sich Selbst hinzuweisen, sondern auf den Herrn Jesus.

Darum sind wir so dankbar, dass wir den Geist Gottes empfangen haben. Jedes Kind Gottes, das Frieden mit Gott hat, darf wissen, dass der Geist in seinem Leib wohnt.

So kommen wir Sonntagmorgens in dem Bewusstsein zusammen, dass alles vollbracht ist, dass alles in Ordnung ist. Wir dürfen in einem vollbrachten Werk ruhen, nichts braucht dem hinzugefügt zu werden. Wir brauchen kein Blut zu vergießen und auch kein blutiges Opfer zu bringen. Das hat der Herr Jesus getan, und wir dürfen uns daran erinnern. Er ist Selbst in unserer Mitte. Er ist es, der in Psalm 22 sagt: „Inmitten der Versammlung will ich dich loben.“ Er ist es, der dort den Lobgesang anstimmt. Wir sehen Ihn da mit unseren geistlichen Augen. Er hat Seinen Geist in unsere Herzen gegeben, damit wir auf Ihn sehen, der in unserer Mitte ist und sagt: Sehet meine Hände und meine Seite. Dann steigt von selbst, durch den Geist gewirkt, Lob, Dank und Anbetung aus unseren Herzen auf.

Das sind drei verschiedene Dinge. Der Dank steht an erster Stelle. Dank ist die niedrigste Form der Opfer, die wir hervorbringen können. „Danken“ heißt, dass wir dankbar für das sind, was der Herr Jesus für uns getan hat. Auch das können wir Sonntagmorgens tun. Wir sagen: „Wir danken Dir, Herr, für alles, was Du auf dem Kreuz für uns getan hast, dass Du den Himmel verlassen hast und hier für uns gestorben bist, wodurch wir mit Gott versöhnt sind.“ Das ist Dankbarkeit. Wir werden Ihm auf der Erde niemals genug danken können. Doch der Lobpreis geht weiter. Wir sind Ihm dann nicht nur dankbar für das, was Er für uns getan hat, sondern wir bewundern auch Ihn Selbst um dessentwillen, was Er für uns getan hat. Wir dürfen sagen: „Wir loben dich, Herr Jesus, weil Du so groß bist, weil Du so voller Liebe bist, so voller Gnade, dass Du dieses Werk für uns getan hast!“ Und wenn wirklich das Fleisch nicht mitspricht, wenn der Geist völlig Gelegenheit bekommt, unsere Herzen auf den Herrn Jesus zu richten, dann vergessen wir für einige Zeit sogar unser eigenes Ich. Dann vergessen wir sogar, was wir empfangen haben, und sogar unsere Erlösung. Dann wird unser Auge und unser Herz allein auf Seine innere und persönliche Herrlichkeit gerichtet. Dann kann es geschehen, wenn wir wirklich so dicht bei dem Herrn sind, dass Anbetung in unseren Herzen ist. Dann wird nicht viel gesagt. Es gibt glücklicherweise manchen Augenblick des Stillschweigens (vgl. 1Kor 14,28), Augenblicke, in denen wir stille sind vor Gott. Wenn Anbetung in den Herzen vorhanden ist, braucht nicht viel geredet zu werden. Anbetung ist so groß, so reich, sie ist fast nicht mit Worten auszudrücken. Wenn das Herz so voll ist von Seiner Gnade und wenn unser Herz auch erfüllt ist mit der Liebe des Vaters, der Seinen eigenen, vielgeliebten Sohn hingegeben hat, sogar bis in den Tod, ja, dann kann unser Herz erfüllt sein mit Anbetung für Seinen Gott und Vater, der nun auch unser Gott und Vater ist. Ihn dürfen wir bewundern wegen Seiner Liebe und Seines Erbarmens für Sünder. Das alles will der Geist in unseren Herzen wirken.

Anbetung

Siehst du, wie weit das über eine vorgezeichnete Liturgie hinausgeht, wo alles auf dem Papier steht, wo alles „programmiert“ ist, wo der Geist nicht mehr frei wirken kann? Du kannst deine Anbetung nicht von einem Blatt ablesen. Du kannst deine Anbetungslieder nicht „vorausplanen“ und schon vorher auf der Kirchenwand ankündigen. Anbetung ist etwas, was nur der Geist Gottes wirken kann und was spontan in unseren Herzen aufkommt. Das geschieht, wenn der Herr Jesus die Herzen auf Sein Leiden, auf Sein Sterben, auf Seine Auferstehung, ja, auf Sich Selbst richtet. Darum gibt es nur Einen, von dem wir im Gottesdienst abhängig sind, nicht von menschlichen Einrichtungen, sondern von dem Herrn Jesus Selbst, der durch Seinen Geist unsere Herzen auf Sich und auf den Vater richtet.

Ich möchte hierzu gern etwas aus Johannes 4,20-24 lesen. In diesem Kapitel finden wir einen Grundsatz von allergrößter Bedeutung, wenn wir dem Maßstab des Gottesdienstes entsprechen wollen, den der Herr Jesus uns in Seinem Wort gelehrt hat. Wir finden hier die Geschichte von der samaritischen Frau, die den Herrn Jesus im Verlauf des Gesprächs fragt: „Müssen wir auf dem Berg Gerisim oder in Jerusalem anbeten?“ Der Herr Jesus konnte darauf nur das als Antwort geben, was in jenen Tagen Gültigkeit hatte, nämlich dass Jerusalem von Gott als der eine Ort der Anbetung gegeben war. Doch dann sagt Er: „Es kommt aber die Stunde und ist jetzt“, denn Ich bin gekommen. Ich bin gekommen, um zu offenbaren, wer Gott wirklich ist, nämlich Vater. Jetzt ist die Stunde gekommen, dass Gott nicht mehr an einem bestimmten geographischen Ort, nämlich in Jerusalem, angebetet werden muss. Als Gott noch nicht vollkommen offenbart war und nur einen äußerlichen Dienst gegeben hatte, da gab es auch einen äußerlichen Ort des Gottesdienstes, die Stadt Jerusalem. 5. Mose 12 sagt über diesen damals noch unbekannten Ort, dass die Israeliten alle ihre Opfer dorthin bringen mussten. Dort mussten sie ihren äußerlichen Dienst verrichten. Nun aber sehen wir hier den Sohn Gottes, und Er wird gefragt, wo angebetet werden muss. Er wusste, wer Gott war, denn Er war von Ewigkeit her in dem Schoß des Vaters. Er war der Einzige, der ewig der Gegenstand der Liebe des Vaters und der Zuneigung des Heiligen Geistes war. Er kam aus der unmittelbaren Nähe des Vaters, um kundzutun, wer Gott war. Gott ist in Seinem tiefsten Wesen „Vater“. Gott möchte von uns „Abba, Vater“ genannt werden. Das ist der Geist der Sohnschaft.

Dazu gehört, dass Gott auch nicht mehr will, dass man Ihm auf eine äußerliche, eine beschränkte Weise dient. Das war zwar im Alten Testament möglich. Aber die Schrift sagt selbst, dass das Alte nur ein Schatten der Wirklichkeit war, die kommen würde. In Kolosser 2 steht, dass nun, da Christus gekommen ist, die Bilder, die Schatten, abgelöst sind durch die Wirklichkeit. Aber wo kennt man das in der Christenheit!? Der Grundplan für den Gottesdienst in den protestantischen Kirchen ist im Wesen jüdisch, nämlich auf das gegründet, was im Alten Testament steht. Die Weise, wie man Gott diente, schon von den ersten Jahrhunderten der Christenheit an, war jüdisch. Paulus und die anderen Apostel haben bereits in den Briefen an die Galater, Kolosser, Hebräer davor gewarnt; trotzdem ist man in den ersten Jahrhunderten der Christenheit zu dieser jüdischen Art des Gottesdienstes zurückgekehrt. Warum? Weil das Fleisch immer nach etwas Sichtbarem verlangt, nach dem, was vor Augen ist, was wir sehen und anfassen können. Das Fleisch ist empfänglich für äußerliche Dinge: schöne Kirchen, schöne Amtskleidung, schöne Musik, schöne Liturgien. Doch wenn wir auf diese äußerlichen Dinge sehen und nicht auf das, was geistlich ist, dann verfehlen wir die Wahrheit des Christentums. Daher ist es besser, einen Raum zu haben, der so einfach wie nur möglich ist, ohne irgendwelchen unnötigen Schmuck, wo die Herzen nicht abgelenkt werden und nur auf Ihn gerichtet sind. Denn alles ist geistlich! Darum sagt der Herr Jesus: „Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter“!

Der Vater sucht schon zweitausend Jahre lang nach Menschen, die Ihn in Geist und Wahrheit anbeten. Wo wird diese Anbetung noch gefunden? Stelle dir vor, dass wir sonntags, wie es viele liebe Christen tun, nur Psalmen singen würden. Würde dann der Vater Seine Anbetung bekommen? In den Psalmen kommt beispielsweise nirgends vor, dass Gott der „Abba, Vater“ jedes Gläubigen persönlich ist. Das war auch nicht möglich, denn als Vater ist Gott erst in dem Herrn Jesus offenbart worden. Er war der Sohn des Vaters, Er allein kannte von Ewigkeit her das Herz des Vaters. Im Alten Testament hatte Gott Seinem Volk geeignete Worte gegeben, um Ihm zu dienen und Ihn zu loben. „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“, sagt Psalm 150. Die Bedeutung solcher Worte konnte damals nur so weit gehen, wie Gott offenbart war. Gott hat sich offenbart als der Allmächtige, der Allerhöchste, usw., aber niemals als ein liebender Vater, dessen Kind ich bin. So kennen wir Gott erst, nachdem Er durch den Sohn und den Geist völlig offenbart ist. Im Alten Testament konnte Gott nur vergleichsweise sagen: „Wie ein Vater sich über die Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, welche ihn fürchten“ (Ps 103,13). Aber das ist nur ein Vergleich. Gott ist nicht in bildlichem Sinn mein Vater, Gott ist wirklich mein Vater. Er hat mich nicht als Kind adoptiert, sondern ich bin Sein Kind durch Geburt. Ich habe das Recht, mich ein Kind Gottes zu nennen, weil ich an den Herrn Jesus glauben durfte und weil ich aus Gott geboren bin, so sagt Johannes 1. Aufgrund der Wiedergeburt ist Gott mein eigener Vater geworden. Als solchen muss ich Ihn anbeten. Ich muss Ihn anbeten in Geist und in Wahrheit. „In Geist“ bedeutet: auf eine geistliche Weise, im Gegensatz zu allem Äußerlichen, das im alttestamentlichen Gottesdienst vorhanden war. Gott will nun nicht mehr, dass man Ihm mit äußerlichen Dingen dient. Im Alten Testament gab es zum Beispiel Musikinstrumente, die den Dienst begleiteten. „Lobet Ihn mit Saitenspiel, mit Harfe und Laute“, das war die Weise, in der das Volk Gottes Ihm damals diente. Jetzt wird Gott auf geistliche Weise gedient, nur mit dem Herzen. Darum haben wir hier auch keine bestimmte Klasse von „Pfarrern“, die die Zusammenkünfte leiten müssen. Ein geistlicher Stand in christlichen Zusammenkünften ist rein jüdisch und nicht in Übereinstimmung mit unserer Stellung als ein heiliges Priestertum, das geistliche Opfer darbringt. Alle Gläubigen sind Priester! Gott fordert jetzt auch keine Kirchenordnung oder Liturgie. Auch das ist rein alttestamentlich. Im Alten Testament war der Dienst Wort für Wort vorgeschrieben. 2. Korinther 3 sagt deshalb, dass es ein Dienst des Buchstabens war. Und der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.

Gott muss in Wahrheit angebetet werden, in Übereinstimmung mit der vollen, offenbarten Wahrheit, die Gott in dem Herrn Jesus und später durch „den Geist der Wahrheit“, wie Johannes 15 Ihn nennt, vollkommen entfaltet hat.

Wie betrüblich ist es, dass viele Christen sich auf die Stufe der Offenbarung Gottes im Alten Testament stellen. Gott hat Sich in dem Herrn Jesus doch viel weitgehender offenbart. Er hat Sich als Vater offenbart, und Er will deshalb von Seinen Kindern als Vater angebetet werden, nicht von einem Volk, dass einen Gott anbetet, der hinter einem Vorhang wohnt. O wie herrlich wäre es, wenn mehr Christen es fassen würden, dass der Vorhang wirklich zerrissen ist. Wir brauchen nicht, wie das Volk Israel, zu warten, bis der Hohepriester aus dem Heiligtum zurückkommt, um zu wissen, ob das Blut auf den Sühndeckel gesprengt ist. Wir dürfen bei dem Altar in der Wüste, das ist der Tisch des Herrn (s. Mal 1 und 1Kor 10), Seinen Tod verkündigen. Wir sind Priester, aber wir dürfen etwas tun, was kein einziger Priester im Alten Testament tun durfte, nämlich in das Allerheiligste hineingehen. Die Opfer des Lobes, die in unseren Herzen aufsteigen, wenn wir das große Opfer des Herrn Jesus bewundern, dürfen wir durch den Vorhang hin in das Allerheiligste bringen, denn der Vorhang ist zerrissen. Wir dürfen zu dem Thron der Gnade, der im Allerheiligsten steht, herzunahen, zu der Bundeslade, das ist der Herr Jesus, der jetzt zur Rechten Gottes auf Seinem Thron sitzt. Dorthin, vor diesen Thron Gottes, dürfen wir mit unseren Opfern des Lobes und des Dankes kommen. Welch ein Wunder der Gnade! Der Herr Jesus hat diesen Weg durch den Vorhang hin eingeweiht, das ist Sein Fleisch (Heb 10,19). Lasst uns durch Ihn eintreten. Er hat den Weg bereitet durch Sein Blut, das jetzt auf dem Sühndeckel ist. Das Werk der Versöhnung ist vollendet. Gott ist vollkommen befriedigt worden. Jetzt ist der Sühnedeckel nicht mehr ein Thron des Gerichtes Gottes mit den Vollstreckern des Gerichts darauf, den Cherubim, sondern ein Gnadenthron.

Die Gebete

Auch durch die Woche hin, während unserer Gebetsstunde, dürfen wir diesem Thron der Gnade nahen (Heb 4). Wir brauchen nicht bei dem Räucheraltar haltzumachen, sondern dürfen durch den Vorhang hin zu dem Thron der Gnade in das Allerheiligste gehen. Als Gläubige dürfen wir gemeinsam die Nöte, die wir haben, vor den Thron der Gnade bringen, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe. Welch ein wunderbarer Thron! Welch eine Gnade, dass wir da nahe hinzutreten dürfen auf dem Weg, den der Herr Jesus Selbst eingeweiht hat, und in der Kraft des Heiligen Geistes, der eigens auf der Erde Wohnung genommen hat, um uns von Christus zu verkündigen und unsere Herzen für Ihn brennend zu machen. Natürlich nicht nur, wenn wir hier zusammenkommen, sondern in jedem Augenblick unseres Lebens.

Der Dienst am Wort

In diesem Raum findet Sonntagnachmittags auch eine Zusammenkunft statt. In 1. Korinther 14,15.16 lesen wir, dass in der Versammlung in Korinth, genau wie in diesem Raum, gelobt und gedankt wurde. Die Korinther kannten einen Gottesdienst, in dem sie dem Herrn Lob und Dank darbrachten. Aber sie kannten auch die andere Art des Zusammenkommens, wo sie nicht Gott etwas brachten, sondern wo sie etwas empfingen. Das lesen wir in Vers 26: „Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprache, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Erbauung.“ Die genannten Psalmen sind nicht die alttestamentlichen Psalmen. Das Wort „Psalm“ bedeutet einfach ein „geistliches Lied“. Das Vorschlagen von Liedern lag nicht in der Hand eines Pastors, der alles leiten musste. Nein, der eine hatte einen Psalm, der Nächste hatte eine Lehre (also eine Auslegung des Wortes), ein Weiterer sprach in einer fremden Sprache; das kam in jener Zeit noch vor, in der der Heilige Geist noch auf eine besondere Weise Seine Kraft und Energie in der Versammlung entfalten konnte. Was dieses Sprechen in Sprachen betrifft, so sehen in diesem Kapitel, dass es in den Zusammenkünften als Versammlung eingeschränkt wird, weil es tatsächlich ausschließlich ein Zeugnis für Ungläubige ist. Diese Gabe hatte also direkt keinen Platz in dem Zusammenkommen der Gläubigen. Andere hatten diese oder jene Offenbarung. Neue Offenbarungen bekommen wir heute auch nicht mehr. Das Wort Gottes ist ja vollständig. Wir brauchen keine Offenbarung mehr hinzuzufügen. Paulus schreibt in Kolosser 1,25, dass er das Wort Gottes vollendet hat. Die letzte Offenbarung, nämlich das Geheimnis der Versammlung, hat Gott uns durch Paulus mitgeteilt, und damit ist das Wort Gottes vollständig. Wir haben keine neue Offenbarung in unserer Mitte zu erwarten.

„Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen.“ Es gab in der Versammlung in Korinth also Propheten. Was ein Prophet ist, finden wir in Vers 3 sehr deutlich, denn dort steht: „Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung.“ Das Wort „prophezeien“ oder „weissagen“ (das ist dasselbe Wort im Grundtext) bedeutet eigentlich: Reden im Namen oder aus der Nähe Gottes. Und das erinnert uns an 1. Petrus 4,11: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes.“ Unsere Worte müssen so sein, dass sie durch die Kraft des Geistes direkt von Gott Selbst kommen als„Orakel Gottes“, das sind Worte, die in einer bestimmten Situation, unter bestimmten Umständen ihre besondere Anwendung finden. So reden Propheten, also Brüder, die von dem Herrn eine Gabe empfangen haben, um uns das mitzuteilen, was der Herr uns in einem bestimmten Augenblick zu sagen hat. Sie reden aus der Nähe des Herrn die Worte, durch die wir erbaut werden (das heißt: auferbaut, befestigt in der Wahrheit), durch die wir ermahnt werden (wenn Schwachheit da ist oder Verfehlungen oder Böses da sind) und auch getröstet werden (wenn Betrübnis da ist).

Wenn wir als Versammlung versammelt sind, und es sind vielleicht vier, fünf oder mehr Propheten anwesend, denen der Herr die Gabe gegeben hat, in der Versammlung zur Erbauung, Ermahnung und Tröstung zu reden, meinst du, einer der Propheten wüsste, womit auferbaut, ermahnt oder getröstet werden muss? Woher sollten sie wissen, welche Worte zur Auferbauung und Ermahnung notwendig sind? Es sind vielleicht verborgene Verfehlungen da, Sünden, von denen niemand etwas weiß. Und doch muss darüber gesprochen werden! Denn ein Prophet spricht aus der Nähe Gottes die Worte, die jeder nötig hat. Wer weiß von stillem Kummer, den viele Gläubige doch haben? Wir wissen nicht, wer getröstet werden muss und auf welche Weise. Darum ist es notwendig, dass die Brüder, die sprechen, nicht zu Hause denken: „Über welches interessante Thema könnte ich mal sprechen?“ Oder: „Was könnte vielleicht zur Auferbauung, Ermahnung und Tröstung dienen?“ Das weiß solch ein Bruder einfach nicht, weil er die Nöte und Bedürfnisse der Versammlung nicht kennt. Darüber hinaus weiß keiner der Propheten vorher, ob nun gerade er an diesem Nachmittag gebraucht wird, den Dienst zu tun. Wie könnte er das auch wissen? Je nach den Umständen wird der Herr Seine Werkzeuge Selbst wählen. Der Herr wird entscheiden, welcher der Propheten zuerst reden soll. Vielleicht sogar zwei oder drei, aber nicht mehr. Mehr können die Zuhörer doch nicht vertragen und aufnehmen. Aber zwei oder drei, das wäre am besten, damit jeder das Seine empfängt.

So sitzen die Brüder und Schwestern Sonntagnachmittags zusammen. Alle Brüder und Schwestern sind, wenn es gut steht, im Gebet vor dem Herrn. Sie bitten den Herrn, dass Er den Bruder, oder auch die Brüder, aufstehen lässt, die in dieser Stunde von Ihm als Werkzeug gebraucht werden können, um ihnen zu dienen. Sie bitten den Herrn, dass Er den Abschnitt aus Seinem Wort vorlesen lässt, der in besonderer Weise geeignet ist, sie aufzuerbauen, zu ermahnen und zu trösten: „Tröste, lehre, nähre, pflege, gib, was not ist, jedem hier“, singen wir in einem Lied. Dann wird einem Bruder klar werden, ob der Herr ihn gebrauchen will. Es wird ihm deutlich werden, über welchen Abschnitt er etwas sagen muss. Aber was er über diesen Abschnitt sagen muss, weiß er dann sogar noch nicht. Wie könnte er das wissen, da der Herr allein es weiß? Wenn dieser Bruder gewöhnt ist, sich in seinem täglichen Leben, von montags bis samstags, unter die Leitung des Geistes Gottes zu stellen, dann wird es auch am Sonntag nicht so schwierig sein, sich unter die Leitung des Geistes zu stellen, so dass der Geist ihm klarmachen kann, was er sagen soll. Er kann die Worte, die der Herr in diesem Augenblick gibt, nicht von einem Blatt ablesen, das gestern oder voriges Jahr geschrieben wurde! Was der Herr gibt, das gibt Er jetzt und hier! Er wirkt durch den Geist in den Herzen. Gerade das ist die besondere Bedeutung des Herniederkommens des Geistes auf die Erde. Die Gabe des Heiligen Geistes kann man nie hoch genug einschätzen. Er will die Gläubigen in der Zusammenkunft leiten. [Anm. d. Red.: Der Satz „Aber was er über diesen Abschnitt sagen muss, weiß er dann sogar noch nicht“ kann leicht missverstanden werden. Keinesfalls bedeutet er, dass der Redner sich nicht vorher einmal intensiv mit dem Thema beschäftigt haben muss. Sollte dass nicht der Fall sein, wird er statt Worte durch den Geist Worte menschlicher Einbildung bringen. Auch bedeutet es nicht, dass der Redner nicht mit einer Botschaftslast in die Stunde gekommen sein kann. Wenn man nach der Stunde mehr als fünf Minuten braucht, um zu überlegen, was die Botschaft des Sprechers eigentlich war, dann muss man die Frage stellen, ob der Redner wirklich vom Geist beauftragt war. Der Satz soll aber wohl sagen, dass wir im Dienst dem Geist keine Hindernisse in den Weg legen dürfen, auf spezielle dem Redner unbekannte Nöte einzugehen.]

Nachwort

Ich habe versucht, in aller Kürze einen Eindruck von den Zusammenkünften zu vermitteln, die in diesem Raum stattfinden, wo sich solche versammeln, die „die Versammlung“ genannt werden. So werden sie genannt, ja; aber in Wirklichkeit sind sie nichts weiter als ein kleiner Teil der eigentlichen Versammlung an diesem Ort. Sie sind nicht besser oder frommer als andere Gläubige, und sie haben denselben Gott und dieselbe Bibel wie alle anderen Christen. Dass sie sich in einem besonderen Raum versammeln, geschieht nicht deshalb, weil sie sich besser vorkommen als andere oder weil sie über besondere Offenbarungen verfügen. Der Grund ist, dass sie in aller Einfachheit und mit vielen Mängeln den einmal von den Aposteln gesprochenen Worten Gehorsam sein wollen. Sie tun das, weil sie dort sein möchten, wo der Herr Jesus nach Seiner Verheißung in der Mitte ist: dort, wo sie zu Seinem Namen hin versammelt sind, wo sie sich der Autorität dieses Namens unterwerfen. Dort erkennen sie Ihn an als den Gastgeber an Seinem Tisch, dort folgen sie (in aller Schwachheit) der Leitung Seines Geistes. Dort lassen sie mit Freuden alle wahren Kinder Gottes zu, ohne sektiererische Bedingungen zu stellen; aber dort halten sie sich zugleich in heiliger Furcht getrennt von Ungläubigen, von Bösem, das Christus in Seiner Ehre antastet, und von den Äußerungen des religiösen Fleisches. Sie versagen selbst häufig darin (aber sie sind die Letzten, die das nicht zugeben). In ihren Herzen lebt jedoch das Verlangen, sich, gemäß dem Licht, das sie besitzen, in der Kraft des Geistes Gottes um den Herrn Jesus allein zu versammeln und mit Ihm und dem Vater die wunderbare Gemeinschaft zu haben, zu der alle wahren Christen von Ewigkeit her auserwählt sind.

Kurze Übersicht über das Zusammenkommen von Gläubigen

A) Auf welcher Grundlage?

  • „als Versammlung“ – 1. Korinther 11,18; 14,23
  • „Zusammenkommen“ – Hebräer 10,25)

Was ist die „Versammlung“?

  1. alle Gläubigen von Pfingsten an bis zur Entrückung (Eph 1,22; 2,19-21; 3,10.11; 5,25-27)
  2. alle Gläubigen, die jetzt auf der Erde sind (1Kor 10,17; 12,12; Eph 2,22)
  3. alle Gläubigen an einem Ort (1Kor 1,2; 12,27; Gal 1,2)

Zentral: der Tisch des Herrn (1Kor 10, 21)
„Brotbrechen“ = „Gemeinschaft des Leibes des Christus“ (1Kor 10,16)

Kennzeichen des Tisches des Herrn

I. Absonderung vom Bösen (1Kor 10,21)

Böses in der Versammlung:

  1. unbekehrte Personen (2Kor 6)
  2. moralisch Böses (1Kor 5)
  3. böse Lehre (Gal 5)
  4. böse Verbindungen (2Joh 9.10)

Absonderung vom Bösen durch:

  1. „hinaustun“ (1Kor 5,13)
  2. „hinausgehen“ – sich davon trennen

Trennung von:

  1. der Welt (2Kor 6,14-18)
  2. dem Judentum (Heb 13,13-15)
  3. dem Namenschristentum (2Tim 2,16-22)

II. Keine Sektiererei (1Kor 1,10; 11,18)

III. Anerkennung der absoluten Autorität des Herrn (Mt 18,20; 1Kor 12,11; 14,26-40; 1Tim 3,15)

Kirchliche Systeme

  • Mangel an Zucht und genauerer Prüfung
  • fundamentale Irrlehre
  • Sektiererei
  • menschliche Anordnungen

Gegenseitiges Verhältnis der Versammlungen

  • Unabhängigkeit – falsch
  • zentrale Autorität – falsch
  • schriftgemäße Beschlüsse der örtlichen Versammlung, die allgemein anerkannt werden (Mt 18,18-20) – richtig

B) Auf welche Weise?

Zusammenkommen als Versammlung:

  Gottes Wahrheit unsere Praxis
Die Versammlung spricht zu Gott Anbetungsstunde Gebetsstunde
Gott spricht zu der Versammlung Wortbetrachtung Wortverkündigung

Abendmahl des Herrn (1Kor 11, 20)

  • Darstellung der Einheit (1Kor 10,16.17)
  • Gedächtnismahl (1Kor 11,24)
  • Verkündigung (1Kor 11,6)
  • Altar (1Kor 10,18-21; Mal 1, 7.12)
  • Priester (1Pet 2,5)
  • Opfer (Heb 13,15; 1Kor 14,15-16; Joh 4,23.24)

Gebetsstunde
Apg 2,42; 12,5; Eph 6,18.19; 1Tim 2,1.2; 1Kor 14,15.16

Wortbetrachtung
Apg 2,42; Eph 4,11-16; Kol 1,28

Wortverkündigung
1Kor 12,8; 14,1.3.12.26-33

„Wenn du umkehrst, so will ich dich zurückbringen, dass du vor mir stehst; und wenn du das Köstliche vom Gemeinen ausscheidest, so sollst du wie mein Mund sein. Jene sollen zu dir umkehren, du aber sollst nicht zu ihnen umkehren“ (Jer 15,19).


Was lehrt die Bibel? Die Versammlung, Bd. 1
Ernst-Paulus-Verlag (Neustadt/Weinstraße), 1980

Weitere Artikel des Autors Willem Johannes Ouweneel (61)


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