Einleitung
Für das Verständnis der Prophetie und insbesondere auch für das Verständnis der Psalmen und der alttestamentlichen Propheten ist es wichtig, zu verstehen, welche unterschiedliche Gruppen des Volkes Israel es in der Zukunft nach der Entrückung der Gemeinde geben wird.
Der ungläubige Teil des Volkes
Der ungläubige Teil des Volkes macht wohl den größten Teil Israels aus, und dazu werden sicher die meisten gehören, die sich im Staatsgebiet von Israel befinden. Sie haben ihren Messias nicht angenommen und lehnen Ihn heute noch ab. In der Zukunft werden sie den falschen Messias, den Antichrist, annehmen. Das wird ihre Sünde zum Vollmaß bringen und das Gericht einleiten. Ein Volk aus dem Norden (z.B. Türkei, Syrien, Irak oder Iran) wird ihr Staatsgebiet erobern und Jerusalem belagern und einnehmen. Ein großer Teil der ungeläubigen Juden wird dadurch vernichtet werden, der Rest beim Kommen des Herrn. Von allen Juden wird nur „eine Nachlese davon übrigbleiben wie beim Abschlagen der Oliven: zwei, drei Beeren oben im Wipfel, vier, fünf an seinen, des Fruchtbaumes, Zweigen, spricht der HERR, der Gott Israels“ (Jes 17,6).
Der Überrest – zwei Gruppen
Wenn die Gemeinde von der Erde entrückt ist, werden in Israel aber auch wieder Juden sein, die Gott mit einem reinen und bußfertigen Herzen dienen wollen. Sie werden im Gegensatz zu der Masse des Volkes den Antichristen nicht annehmen, sondern Gott treu bleiben. Dafür werden sie schreckliche Verfolgungen seitens des Antichristen und auch der ungläubigen Volksgenossen erleiden. Nach der großen Drangsal werden sie, soweit sie nicht als Märtyrer ihr Leben lassen mussten, den Kern des neuen Israel bilden, das im Tausendjährigen Reich die Führungsrolle in der Welt innehat.
Insbesondere für die Psalmen ist es wichtig, zu wissen, dass sich dieser Überrest geographisch in zwei Gruppen aufteilt, die unterschiedliche Erfahrungen mitmachen werden. Diese Unterscheidung finden wir nicht nur in den Psalmen, sondern auch in den Propheten:
- Die eine Gruppe wird während der ganzen Drangsalszeit in Jerusalem sein, mitten im Zentrum, wo der Antichrist herrscht. Diese Drangsalszeit ist die sogenannte siebzigste Jahrwoche, eine Woche von sieben Jahren, in denen Gott besonders mit Israel, aber auch mit der Welt im Allgemeinen handeln wird.
- Eine andere Gruppe wird sich außerhalb der Grenzen Israels aufhalten, wahrscheinlich hauptsächlich in Jordanien.
Zur Mitte dieser sieben Jahre der Drangsal wird ein bestimmter Gräuel in Jerusalem im Tempel aufgestellt werden. Wir lesen nicht, wie er aussehen wird, doch in der Offenbarung lesen wir von einem Bild des römischen Weltherrschers. Auf jeden Fall wird er ein Götze sein, und die Menschen werden gezwungen, diesen Götzen anzubeten. Wenn er aufgestellt wird, fordert der Herr die, die in Judäa sind, auf, schnellstens aus den Städten Judas in die Wüste zu fliehen (Mt 24,15-16). Dort, außerhalb Israels, wird diese Gruppe des Überrests besonders bewahrt. Wir finden das auch in Offenbarung 12, wo wir von dem feuerroten Drachen lesen, der den Teufel darstellt (Off 12,3):
Off 12,4b-5: Und der Drache stand vor der Frau, die im Begriff war zu gebären, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind verschlänge. Und sie gebar einen Sohn, ein männliches Kind, der alle Nationen weiden soll mit eiserner Rute; und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.
Dieses Kind ist der Herr Jesus, und hier am Ende wird seine Himmelfahrt beschrieben. Und jetzt geht es weiter:
Off 12,6: Und die Frau floh in die Wüste, wo sie eine von Gott bereitete Stätte hat, damit man sie dort ernähre 1260 Tage.
Da ist also ein Schutzort von Gott für die Frau; in diesem Zusammenhang ist das der gläubige Überrest aus den Städten Judas, der eine von Gott bereitete Stätte hat, wo er ernährt und beschützt wird. Wir sehen dann auch in Vers 14:
Off 12,14-16: Und der Frau wurden die zwei Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste fliege, an ihre Stätte, wo sie ernährt wird eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit [entspricht den 1260 Tagen aus Vers 6], fern vom Angesicht der Schlange. Und die Schlange warf aus ihrem Mund Wasser, wie ein Strom, hinter der Frau her, um sie mit dem Strom fortzureißen. Und die Erde half der Frau, und die Erde tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Mund warf.
In Offenbarung 12,13 sehen wir, dass die Schlange bzw. der Drache – das ist Satan – auf die Erde geworfen wird, und zwar genau um diese Zeit. Dann hat er besondere Wut und besonderen Zorn und will insbesondere, wie wir das auch in Vers 13 sehen, „die Frau, die das männliche Kind geboren hatte“, verfolgen. Das „männliche Kind“ ist dieser gläubige Überrest in Israel, der dann die Möglichkeit bekommt, zu entfliehen.
Doch es gibt auch noch eine andere Gruppe:
Off 12,17: Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, Krieg zu führen mit den Übrigen ihrer Nachkommenschaft, die die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben.
Das ist die Gruppe des Überrestes, die in Jerusalem bleibt. Von denen in Jerusalem heißt es nämlich nicht, dass auch sie fliehen sollen. In Jerusalem wird ein Überrest zurückbleiben, und einen bestimmten Anteil dieses Überrestes finden wir in Offenbarung 11 in Form der zwei Zeugen. Ob das buchstäblich zwei sein werden oder ob das hier symbolisch gemeint ist – die Zwei ist die Zahl des Zeugnisses –, das sei dahingestellt. Auf jeden Fall wird es in Jerusalem Zeugen geben. Nach diesen 1260 Tagen werden diese getötet und drei Tage später wieder auferstehen.
Auf jeden Fall wird es also zwei Gruppen innerhalb dieses geistlichen Überrests geben: der eine außerhalb Israels und der andere in Jerusalem. Der in Jerusalem wird besondere Not haben, weil er einerseits von dem Antichristen verfolgt wird und andererseits von dem König des Nordens, der aus Strafe für das Aufrichten dieses Götzenbildes nach Israel geschickt wird und der auch Jerusalem belagern und zum Teil einnehmen wird. Darunter werden sie auch zu leiden haben. Sie werden also von innen wie von außen bedrängt werden und daher ganz besonders schreckliche Not haben.
Auch den anderen, die außerhalb Israels sind, wird es schlecht ergehen. Und für sie ist es besonders schlimm, dass sie so weit entfernt sind von dem Tempel. Vorher, in den ersten dreieinhalb Jahren dieser sieben Jahre, werden sie ihren Gottesdienst im dann wiederhergestellten Tempel ausüben können. Diese Möglichkeit werden sie dann außerhalb Israels nicht mehr haben, und mit Sehnsucht werden sie daran zurückdenken. Es wird für sie eine ganz besondere innere Not sein, dass sie von dem Heiligtum Gottes so weit entfernt sind.
Sie besitzen auch nicht das Vorrecht, das wir haben, die wir jederzeit Eintritt in das Heiligtum haben (Heb 10,19). Das kennen sie nicht. Das Heiligtum stand in Jerusalem, und davon sind sie dann kilometerweit entfernt. Hinzu kommt, dass dort, wo sie sind, auch Völker sind, die letztendlich unter dem Einfluss dieses Königs des Nordens, dieses großen Feindes Israels, stehen werden. Deswegen werden sie auch von diesen umliegenden Völkern, wenn auch zum Teil geduldet, hauptsächlich doch angefeindet werden. Auch dadurch werden sie große Not mitmachen müssen.
Das zweite Psalmbuch, worin sich auch unser Psalm 69 befindet, beschäftigt sich eigentlich hauptsächlich mit diesem Teil des Überrestes, der außerhalb von Israel seine Zuflucht finden wird. Ein prägnantes Beispiel dafür finden wir im ersten Psalm dieses zweiten Buches, in Psalm 42:
Ps 42,5: Daran will ich mich erinnern und in mir ausschütten meine Seele, wie ich einherzog in der Schar, mit ihnen schritt zum Haus Gottes, mit der Stimme des Jubels und des Lobes – eine feiernde Menge.
Da denkt der Gläubige zurück an eine wunderbare Zeit, als er noch Gottesdienst ausüben und zum Haus Gottes kommen konnte; jetzt ist diese Zeit jedoch vorbei und nur noch Erinnerung. Jetzt befindet er sich (Ps 42,7) in „dem Land des Jordan und des Hermon“, auf dem „Berg Mizhar“, also weit entfernt von Jerusalem. Wenn diese beiden Überreste in ihrer Not gesehen werden, dann werden sie häufig als „die Gefangenen“ bezeichnet. Diesen Ausdruck finden wir sowohl in den Propheten als auch in den Psalmen, und er bezeichnet immer diese Gruppe von Gläubigen, die entweder in Jerusalem oder außerhalb unter ganz großem Druck von außen eingesperrt ist und nicht herauskommen kann. Die einen kommen nicht aus Jerusalem heraus, die anderen nicht wieder nach Israel hinein; sie können nicht wieder zum Heiligtum kommen. Aber diese Gefangenen werden einmal befreit werden. In Psalm 69,34 lesen wir:
Ps 69,34: Denn der Herr hört auf die Armen, und seine Gefangenen verachtet er nicht.
Das ist diese Rettung, die für diese beiden Gruppen des Überrestes kommen wird. In Vers 36 lesen wir dann:
Ps 69,36: Denn Gott wird Zion [die Gruppe aus Jerusalem] retten und die Städte Judas [die Gruppe, die aus Juda fliehen musste] bauen; und sie werden dort wohnen und es besitzen.
Auch in Sacharja 9,11-12 werden diese beiden gefangenen Gruppen erwähnt:
Sach 9,11-12: Und du – um des Blutes deines Bundes willen entlasse ich auch deine Gefangenen aus der Grube, in der kein Wasser ist. Kehrt zur Festung zurück, ihr Gefangenen der Hoffnung! Schon heute verkündige ich, dass ich dir das Doppelte erstatten werde.
Es ist von zwei Gruppen die Rede:
- Die einen sind in der Grube. Das sind die, die in Jerusalem eingeschlossen waren und von allen Seiten bedrängt wurden; sie kamen da nicht heraus. Die werden aus dieser Grube entlassen werden.
- Dann gibt es solche, die zur Festung, das heißt nach Jerusalem, zurückkommen können, um ihren Gottesdienst zu feiern. Das sind die Gefangenen der Hoffnung, die wieder von außen zurückkommen können.
Wenn wir diese Stellen lesen und sie besser verstehen wollen, müssen wir darauf achten, um welche Gruppe es sich handelt. Wenn wir das wissen, ist es oft einfacher, zu verstehen, was nun die Empfindungen der dort beschriebenen Gruppe von Gläubigen sind.
Juden außerhalb des Nahen Ostens und die zehn Stämme
Auch außerhalb Israels wird es natürlich noch Juden geben, die während der siebzigsten Jahrwoche weder zu dem ungläubigen Teil des Staates Israel noch zu dem Überrest gehören. Sie werden sich zum Beispiel in Nordamerika aufhalten, wo heute noch sehr viel Juden sind. Nach der Drangsal ganz kurz vor oder nach der Aufrichtung des Tausendjährigen Reichs werden diejenigen von ihnen, die sich bekehrt haben und daher nicht in den Gerichten umgekommen sind, in ihr Land zurückkehren. Gott „wird die Zerstreuten Judas sammeln von den vier Enden der Erde“ (Jes 11,12). Auch diese werden dann einiges an Not hinter sich haben. So lesen wir von solchen Zurückkehrenden, dass sie „geschleppt und gerupft“ sind (Jes 18,7). Was besonders erwähnt wird, ist, dass nach ihrer Rückkehr „Kummer und Seufzen entfliehen werden“ (Jes 35,10).
Bisher sahen wir die verschiedenen Gruppen des Überrestes Israel, der aus den Juden gebildet wird:
- die eingeschlossene Gruppe in Jerusalem;
- die Gruppe, die aus den Städten Judas in die Wüste flieht;
- sowie die Gruppe der Juden, die unter den Nationen zum Glauben kommt und in das Land ihrer Väter zurückkehrt.
Aber noch immer sind die restlichen zehn Stämme des Volkes Israel, die in die assyrische Gefangenschaft weggeführt worden sind, in der Zerstreuung und nicht wieder zurückgekehrt. Bis zum Beginn des Tausendjährigen Reiches werden sie auch nicht zurückkehren. Doch dann werden die heute noch verschollenen Stämme gefunden und wieder zurückgeführt werden. Wie uns Offenbarung 7 zeigt, wird es aus jedem Stamm Versiegelte geben. In Hesekiel 20,30-44 finden wir dann auch, dass Gott die „Empörer“ und die von Ihm „Abgefallenen“ aussortieren wird, und nur die Gläubigen, das heißt die Versiegelten, werden wirklich ins Land kommen. Aus Matthäus 24,30-31 und Jesaja 11 geht hervor, dass diese Rückkehr erst nach der Wiederkunft Christi stattfinden wird.
„Nach der Herrlichkeit wirst du mich aufnehmen“ (Ps 73,24) bedeutet nicht „in die Herrlichkeit aufnehmen“ und hat nichts mit einer Aufnahme in den Himmel zu tun. Der Vers spricht vielmehr von der Aufnahme in das Land Israel, sobald die Herrlichkeit des Herrn bei seiner Wiederkunft erscheint. Nebenbei bemerkt: Während, wie beschrieben, das zweite Psalmbuch hauptsächlich vom Überrest aus den Städten Judas handelt, der aus dem Land geflohen ist, beschreibt das dritte Psalmbuch (zu dem Psalm 73 gehört) die Gruppe der anderen Stämme, die erst später zum Überrest stößt und schließlich mit ihm zu einem Volk vereinigt wird.
Hesekiel 37,15-28 zeigt, wie diese Vereinigung stattfinden wird, so dass von dem Bruch, der unter Jerobeam und Rehabeam geschehen ist, nichts mehr übrigbleiben wird.
Es ist bemerkenswert, wie detailliert Gottes Wort dies alles beschreibt. Ebenso bemerkenswert ist, mit welcher Sorgfalt der Herr Jesus die Seinen seines irdischen Volkes rettet, bewahrt, sammelt und die Einheit wiederherstellt. Er ist der große König seines Volkes Israel.
Wenn wir das alles lesen, was sich in der Zukunft hier auf der Erde erfüllen wird, dann dürfen wir uns auch an die Sorgfalt erinnern, mit der der Herr in der jetzigen Zeit seine Versammlung baut, bewahrt, segnet und in die Herrlichkeit des Vaterhauses führen wird. Und die Zerrissenheit, die wir heute schmerzlich sehen, wird auch einmal vorbei sein. Dann wird die eine Perle (Mt 13,46) in wunderbarem Glanz leuchten.


