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Leitvers: 2. Thessalonicher 2,15
2Thes 2,15: Also nun, Brüder, stehet fest und haltet die Überlieferungen, die
ihr gelehrt worden seid, sei es durch Wort oder durch unseren Brief.
Wir leben im Jahr 2001 nach Christus, und die Geschichte der christlichen
Kirche ist nur unbedeutend jünger. Viele Christen sind uns vorangegangen und
haben bereits das Ziel erreicht. Was haben sie uns hinterlassen? Wie haben sie
uns geprägt? Sind diese Fragen eigentlich wichtig?
Diese fast 2000 Jahre Kirchengeschichte haben jedenfalls gezeigt, dass der
Mensch nicht in der Lage ist, das zu bewahren, was ihm anvertraut ist. Schon die
Apostel wiesen am Ende ihrer Tage immer wieder auf das hin, was „von Anfang
war“. Zu weit hatte man sich damals schon von den Anfängen wegbewegt.
Man hat sich daran gewöhnt, dass Christen wegen jeder Lehrmeinung einen
getrennten Weg gehen und man kann übersichtlich klar unterschieden in jedem
Telefonbuch nachschauen, welche „Gemeinde“ man einmal gerne kennenlernen
möchte.
Wie gehen wir als Christen heute mit diesem Problem um? Bauen auch wir Mauern
von selbst aufgestellten Geboten und Verboten auf und achten penibel darauf,
dass die selbst erdachten Mauern auch ja nicht eingerissen werden? Haben wir
vielleicht schon längst aufgehört, danach zu fragen, was eigentlich wirklich
biblische und damit zeitlose Grundsätze sind und was zeitbedingt und
veränderbar ist? Empfindest du diese Frage vielleicht schon als provokativ?
Dann lies bitte weiter. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass du ein von
Traditionen beherrschter Christ bist, liegt sehr nahe. Wenn du eine andere
Meinung gleich als Bedrohung empfindest, dann brauchst du jemand, der dir die
Augen öffnet für das Wort Gottes und dich ruhig macht, mit anderen Meinungen
progressiv umzugehen, d.h., den Bruder erst einmal als Glied am Leib Christi und
daher als Hilfe anzusehen — vielleicht nur, damit du ein ausgewogeneres Urteil
bekommst. So ist es übrigens auch mit diesem Artikel, der nicht in die Tiefe
gehen kann, sondern lediglich zum Nachdenken und Überdenken anregen soll.
Vielleicht bist du älter geworden und siehst, dass die Zeit, in der du
lebst, so wahnsinnig schnelllebig geworden ist und dass vieles so anders ist als
früher. Du kommst gar nicht mehr hinterher, und das macht dir unbewusst Angst,
weil damit für dich die Richtigkeit des „Alten“ in Frage gestellt wird. Und
menschlich ist dies auch sehr gut zu verstehen. Was kann denn da helfen? Nur
eines: indem man sich an das zeitlose Wort Gottes hält, seine Traditionsbrille
abnimmt und fragt: Herr, was bedeutet dieses Wort im Jahr 2001 für mich?
Wenn du siehst, dass deine Mitchristen es „anders“ machen, so
frage immer wieder: Stimmt das mit dem Wort Gottes überein? Aber frage genauso:
Stimmt das, wie ich mich verhalte, wohl auch mit dem Wort Gottes überein? Du
wirst überrascht sein. In vielen Punkten wirst du vielleicht spontan gesagt
haben: Aber das geht doch nicht! Dann hast du deine Bibel aufgeschlagen und
eigentlich nichts darüber gefunden. Vielleicht hast du auch gewisse Dinge im
Wort gefunden und musst aber doch sagen: Na ja, für mich selber würde ich es
so nicht tun wie dieser oder jener. Vielleicht hast du auch gedacht: Na ja, hier
steht doch ein ganz klares Gebot. Und dann ist es natürlich unsere
geschwisterliche Pflicht, dem anderen weiterzuhelfen. Dabei ist natürlich auch
noch die Frage, wie ich so etwas mache. Die Liebe wird uns aber auch hier
unterweisen, denn es muss mein innigster Wunsch sein, den anderen zu gewinnen.
Nebenbei: Wenn jemand sowieso gerade auf einem geistlichen Tiefpunkt steht, dann
muss auch meine Vorgehensweise daran angepasst sein. Vielleicht muss man dann
auch bestimmte Dinge erst einmal laufen lassen, weil wichtigere Dinge noch
vorher dran sind. Sind doch manche Schwachpunkte bei unseren Geschwistern
auch nur Folgeerscheinungen, weil etwas anderes im christlichen Leben nicht
stimmt. — Man kann nicht immer alles auf einmal regeln und sollte daher vor
dem Herrn die Prioritäten ernstlich erwägen.
Wichtig scheint uns aber die Unterscheidung, ob etwas eindeutig und ohne
Zweifel im Wort steht oder ob man eine bestimmte (vielleicht sogar richtige)
Lehrmeinung aus dem Wort über bestimmte Schlussfolgerungen erreicht hat. Auch
der Herr Jesus deutet diese Unterscheidung an, wenn Er spricht: „Blinde
Leiter, die ihr die Mücke seihet, das Kamel aber verschlucket!“ Zum Beispiel
ist ein Kleidungsproblem im Vergleich zu einem
geistlichen Tiefpunkt (Krise) bei einem Mitbruder oder einer Mitschwester sicher
eine Mücke.
Ist es nicht oft so: Wir wissen, dass wir einander lieben sollen. Aber stattdessen rempeln wir uns oft nur gegenseitig an, ohne den anderen wirklich
weiterzubringen. Vielleicht treibt uns auch fleischlicher Eifer (siehe Mose, als
er den Ägypter erschlug), und wir sehen die Gemeinde Gottes als
Betätigungsfeld, um eigene Frömmigkeit zur Schau zu stellen. Man hat schon
manchmal den Eindruck, dass solche, die sehr schnell dabei sind, andere zu
maßregeln, dieses tun, um anderen zu zeigen, wie geistlich sie selbst sind.
Muss man wirklich immer sagen, was man persönlich denkt? Muss ich den anderen
wirklich immer gleich so erziehen, damit er meinen Prinzipien genügt?
Wollen wir nicht lieber endlich damit anfangen, den anderen Mitchristen zu
tragen und ihn weiter zu lieben, ohne ihn gleich maßregeln zu müssen? Wir sind
vielleicht persönlich der Überzeugung, dass „im Freibad schwimmen zu gehen“
Sünde ist, haben aber kein direktes Schriftwort dafür. Oder wir sehen eine
Schwester, die etwas trägt, was der eine als anzüglich empfindet und ein
anderer als gerade noch zulässig. Da gibt es welche, die haben ein Liederbuch,
das uns nicht passt! Ziehen wir daraus gleich unsere übereilten
Schlussfolgerungen? Du bist erzogen (aus Tradition — auch wenn du das
vielleicht im Moment als absolute Forderung der Schrift ansiehst), dass eine
Schwester keine Hosen anzuziehen hat. Schließt du gleich deine übereilten
Schlussfolgerungen und machst deinen Stempel „ungeistlich“ darauf? Es gibt
Grauzonen, und wir spüren das. Sollten wir dann gleich mit „Maßregeln“
beginnen? Haben nicht endlose Diskussionen schon zu Zwiespalt und Ärgernis
geführt? Sind nicht ganze Gemeinden schon an solchen Themen „kaputtgegangen“?
Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist diese: Ist es wert, wegen einer
Sache, die nicht wirklich direkt und eindeutig aus der Schrift hervorgeht, den
Frieden unter Christen zu zerstören? Bilden sich nicht gerade dadurch
Grüppchen und bekommen ganze Gemeinden dadurch nicht eine ganz eigenwillige
Identität, die vielleicht für einen Hundezüchterverein normal, aber für die
Kirche Gottes völlig fehl am Platz ist?
Wenn wir in Epheser 4 aufgefordert werden, die „Einheit des Geistes zu
bewahren in dem Bande des Friedens“, dann gilt das nicht zuerst für die
Beziehungen verschiedener Gemeinden untereinander, sondern dann gilt das
zuallererst einmal für die örtliche Gemeinde. Dann bin ich berufen, den
anderen mit Sanftmut, Langmut, Demut zu umgeben und ihn zu ertragen in Liebe,
davon ausgehend, dass er mich ganz genauso trägt und liebt. Übrigens: Wenn der
Apostel zum Ertragen auffordert, dann setzt das zwingend unterschiedliche
Auffassungen über bestimmte Themen voraus. Warum sollte ich auch etwas
ertragen, wenn ich sowieso mit dem anderen völlig eins bin? Wir sind sogar
berufen, soviel an uns liegt, mit jedem Menschen in Frieden zu Leben (Röm 12),
und die Apostel Paulus und Petrus wiederholen sich, wenn es darum geht, „in
Frieden untereinander“ zu sein. Warum? Weil sie wussten, wie wir dazu neigen,
uns gegenseitig vor den Kopf zu stoßen, wenn wir nicht wirklich in der Nähe
Gottes leben.
Wir haben die Ermunterung des Philipperbriefes, dass wir den anderen höher
achten sollten als uns selbst, und daran müssen wir besonders denken: unsere Meinung auch einmal unterordnen
zu können und nicht — weil wir vielleicht
einige Leute oder vielleicht auch einen begabten
Lehrbruder hinter uns haben — auf unserer Meinung zu beharren und den anderen
zu maßregeln.
Halte einmal still und frage dich, ob es nicht nur Traditionen und die
bestimmte Identität deiner Gruppe ist, die dich in der Beurteilung
verschiedener Dinge leitet.
Wie viel Leid könnte vermieden werden, wenn wir wirklich die Gesinnung
unseres Herrn hätten, der, obwohl Er Gott war, Knechtsgestalt annahm und sich selbst
zu nichts machte. Schlimm genug, dass wir Ihn für nichts geachtet haben (Jes
53) und dass prophetisch von Ihm sogar gesagt wurde: „Er wird nichts haben“
(Dan 9). Von Ihm heißt es: „Ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und
einen glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Stünde es uns da nicht
gut, wenn wir besonders in Punkten, die nicht wirklich eindeutig sind, einmal
etwas leiser und vorsichtiger auftreten, als dem anderen zu sagen: Pass mal auf,
das macht man nicht?
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