Pharisäertum
Matthäus 6,1-6

Charles Rozell Swindoll

© CLV, online seit: 30.05.2001, aktualisiert: 11.01.2018

Leitverse: Matthäus 6,1-6

Mt 6,1-6: Habet acht, dass ihr euer Almosen nicht gebet vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden; wenn aber nicht, so habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der in den Himmeln ist. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du nicht vor dir her posaunen lassen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Straßen, damit sie von den Menschen geehrt werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Du aber, wenn du Almosen gibst, so lass deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut; damit dein Almosen im Verborgenen sei, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten. Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler; denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Ecken der Straßen stehend zu beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Du aber, wenn du betest, so geh in deine Kammer und, nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.

An dem Tag, an dem Jesus seine Predigt auf dem Berg hielt, war er wahrhaftig nicht zimperlich und ließ eine Menge vom Stapel. Da war nicht ein Pharisäer im Schussbereich, der nicht seinen letzten Denar gegeben hätte, ihn bei Sonnenuntergang aufgehängt zu sehen. Wie sie ihn hassten! Sie hassten ihn, weil er es ablehnte, sie mit ihrem scheinheiligen religiösen Geschwätz laufen zu lassen und mit ihrem hypergeistlichen Schmalz, der das Volk infizierte.

Der Messias zog sein scharfes Schwert der Wahrheit aus der Scheide an dem Tag, an dem er auf den Berg stieg. Als er am Abend wieder herunterkam, „tropfte es vom Blut“ der Heuchler. Wenn je ein Mensch Größe zeigte, dann war es Jesus an diesem Tag. Seine Worte schnitten in ihre Haut wie Harpunen in den Walfischspeck. Niemals in ihrer berüchtigten, selbstzufriedenen Karriere waren sie mit solch tödlicher Richtigkeit durchbohrt worden. Wie geschwollene Bestien aus der Tiefe schwammen sie an der Oberfläche, für alle sichtbar.

Wenn es eins gab, was Jesus verachtete, dann war es das, worauf sich jeder Pharisäer im Seminar besonders spezialisierte: im besten Licht zu erscheinen, oder, um es ein wenig sanfter zu sagen: die Selbstgerechtigkeit.

Sie waren die „heiligen“ Schreckfiguren von Palästina, die Ersten auf der Liste der „Rekruten in der königlichen Truppe der Wortschläger“. Sie waren Meister in der Praxis des herunterputzenden Gebetes und verbrachten ihre Zeit damit, andere mit ihrer düsteren Miene und ihrem monotonen, schaurigen Gebrumme zu beeindrucken. Das Schlimmste von allem – beim Säen ihrer Saat von Gesetzesdornen und deren Pflege zu verbotenen Trieben religiöser Intoleranz hinderten die Pharisäer ernsthaft Suchende daran, sich ihrem Gott zu nähern.

Selbst heute spritzen die Dornen der Gesetzlichkeit ein lähmendes Gift in den Leib Christi hinein. Das Gift macht unsere Augen blind, unsere Schärfe stumpf und weckt Stolz in unseren Herzen.

Bald ist unsere Liebe verdunkelt, sie verwandelt sich in eine geistige Pinnwand mit einer langen Checkliste, die von anderen fordert, sich anzupassen. Die Freude der Freundschaft wird gespalten durch eine richtende Haltung und einen kritischen Blick. Es erscheint mir dumm, dass Gemeinschaft auf die enge Linie vorherbestimmter Persönlichkeiten begrenzt sein soll, „akzeptabel“ gekleidet. Der perfekte Haarschnitt, eine saubere Rasur, guter Schneideranzug (mit passender Weste und Krawatte natürlich) scheint in vielen Kreisen wesentlich zu sein. Nur weil ich einen bestimmten Stil bevorzuge oder mich schön mache, bedeutet das noch nicht, dass es das Beste ist oder dass es etwas für jeden ist. Noch bedeutet es, dass das Gegenteil Gott weniger angenehm ist.

Unser Problem ist eine große Intoleranz denen gegenüber, die nicht in unsere Schablone passen – eine Haltung, die sich selbst als stoische Starrheit oder ätzende Kritik offenbart. Solche gesetzlichen und voreingenommenen Reaktionen wird die Reihen der örtlichen Gemeinde schneller lichten als ein Feuer im Untergeschoss oder die Grippe in den Kirchenbänken. Wenn Sie das in Frage stellen, werfen Sie einen ernsthaften Blick auf den Galaterbrief. Die Feder des Apostel Paulus floss mit „angeheizter“ Tinte, als er sie schalt, dass sie sich von Christus „abwandten“ (Gal 1,6), die Gnade Gottes „wegwarfen“ (Gal 2,21), „bezaubert“ durch Gesetzeswerke (Gal 3,1) und mit dem Wunsch, sich „wiederum zu den schwachen und armseligen Elementen“ zu wenden (Gal 4,9).

Sicherlich … es gibt Grenzen unserer Freiheit. Gnade ist nicht Konzession. Liebe hat ihre biblischen Einschränkungen. Das Gegenteil von Gesetzlichkeit ist nicht „tun, was einem gefällt“.

Aber hören Sie gut hin! Die Grenzen sind sehr viel weiter, als die meisten von uns meinen. Ich kann zum Beispiel nicht glauben, dass die einzige Musik, die Gott gefällt, geistig anspruchsvolles oder geistliches Liedgut sein muss. Warum nicht genauso gut Country Folk oder eine Arie?

Noch glaube ich, dass die notwendige Kleidung, um ins Allerheiligste zu gehen, Anzug und Krawatte sein müssen. Warum sollen es nicht Straßenkleidung oder Jeans oder T-Shirts genauso tun? Sie sind geschockt? Wir wollen uns daran erinnern lassen, wer es ist, der an einer eindrucksvollen äußeren Erscheinung interessiert ist. Bestimmt nicht Gott!

„Denn der Herr sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist; aber der Herr sieht auf das Herz“ (1Sam 16,7b).

Und wer kann beweisen, dass die einzige Stimme, die Gott segnen wird, die des ordinierten Pastors am Sonntag ist? Wie ist es mit dem Geschäftsmann am Dienstagnachmittag oder mit dem Oberschullehrer am Freitagmorgen?

Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass unser Herr seine strengste und längste Rede nicht für strauchelnde Sünder, entmutigte Jünger oder gar glückliche Leute reserviert hat, sondern für Heuchler, Scheinheilige, Gesetzliche – für die Pharisäer der Gegenwart.

Die Botschaft auf dem Berg an jenem Nachmittag, vor Jahrhunderten, ließ den Zwiespalt der Zeit mit aller Macht und Deutlichkeit widerhallen.

Hören Sie auf Matthäus 6,1: „Habt acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr die nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden …“

  • Mit anderen Worten, hört auf, anzugeben!
  • Hört auf, eure Nasen zu erheben über andere, die nicht in eure vorgefertigte Form passen!
  • Hört auf, euer Gutsein hervorzuheben. Hört auf, eure Gerechtigkeit auf dem Podest zu präsentieren.
  • Hört auf, nach Beachtung zu schielen.
  • Darin eingeschlossen ist die Warnung, sich vor denen in Acht zu nehmen, die es ablehnen, mit solchem Verhalten aufzuhören.

Und dann fuhr er fort mit drei speziellen Beispielen, wie Menschen mit ihrer Frömmigkeit angeben, so dass andere nur ein „Ah“ und „Oh“ über sie aussprechen können.

Matthäus 6,2 spricht davon, „dass jemand Almosen gibt“ oder in Taten der Liebe verwickelt ist, die anderen in Not helfen. Jesus sagt, Sie sollen es nicht vor sich „herposaunen“, wenn Sie dies tun. Seien Sie still … ja halten Sie es im Verborgenen (Mt 6,4). Schreien Sie nicht nach Aufmerksamkeit wie Tarzan im Dschungel. Halten Sie sich aus dem Bild, bleiben Sie anonym. Erwarten Sie nicht, dass Ihr Name überall erscheint.

Pharisäer lieben es, anderen ihre Gabe zu zeigen. Sie lieben es, dass man von ihnen spricht. Sie lieben es, andere daran zu erinnern, wer dies und das tat oder dieses und jenes an den und jenen gab. Der Herr sagt: Gib nicht damit an, wenn du dein Geld dazu verwendest, jemandem auszuhelfen.

Matthäus 6,5 spricht davon, was zu tun ist, „wenn ihr betet“. Jesus warnt uns davor, demütige Angeber zu sein, die gern an prominenten Orten stehen und bedeutungslosen Unsinn von sich geben, um gesehen und gehört zu werden. Pharisäer lieben sirupgefüllte Worte und mit Zucker überkrustete Plattheiten. Sie haben die Technik erlangt, hochheilig-schmalzig zu klingen. Alles, was sie in ihren Gebeten sagen, veranlasst den Zuhörer zu denken, dass diese fromme Seele ihre Wohnung im Himmel hat und zu den Füßen des Erzengels Michael und Kaiser Wilhelm I. erzogen wurde. Er ist überzeugt davon, dass sie in den letzten achtzehn Jahren keinen schmutzigen Gedanken gehabt hat …, aber im Stillen hat er auch acht darauf, dass es eine riesige Kluft gibt zwischen dem, was aus dem Mund des Angebers kommt, und dem, wo er sich gerade jetzt befindet. Jesus sagt: Mach keine Schau daraus, wenn du mit dem Vater sprichst.

Matthäus 6,16 spricht davon, was zu tun ist, „wenn ihr fastet“. Nun, das ist der Zeitpunkt, wo der Angeber so richtig in Schwung kommt. Er macht Überstunden, um bescheiden und jämmerlich zu erscheinen, in der Hoffnung, hungrig und ausgepumpt auszusehen, wie so ein Monstrum, das gerade an diesem Nachmittag die Durchquerung der Sahara beendete. „… so seht nicht düster aus wie die Heuchler“, mahnt Christus. Statt dessen sollten wir frisch aussehen und klingen, sauber und vollkommen natürlich. Warum? Denn – das ist realistisch, das ist echt – das ist es, was Jesus zu vergelten verspricht. Er sagt: Gib nicht an, wenn du zwei oder drei Mahlzeiten ausfallen lässt.

Wir wollen uns dem stellen. Jesus sprach mit scharfen Worten im Blick auf die Pharisäer. Wenn es zu engstirniger Gesetzlichkeit oder selbstgerechter Angeberei kam, nahm unser Herr kein Blatt vor den Mund. Er fand dies den einzigen Weg, um mit solchen klarzukommen, die um den Ort der Anbetung herumhingen und andere geringschätzten und verachteten. Nicht weniger als siebenmal betont er: „Wehe euch!“, weil das die einzige Sprache ist, die ein Pharisäer versteht – unglücklicherweise.

Zwei letzte Bemerkungen: Erstens … wenn Sie in irgendeiner Form zum Pharisäismus neigen, hören Sie auf damit! Wenn Sie der Typ Mensch sind, der andere einzuschüchtern versucht und auf andere herabsieht (immer mit dem Gedanken, wie beeindruckt Gott sein muss, Sie in Seiner Mannschaft zu haben), dann sind Sie ein Pharisäer des 20. Jahrhunderts. Und offen gesagt, das betrifft auch einige, die längeres Haar tragen und die Gitarre einer Orgel vorziehen. Pharisäer können auch ihre Freude daran finden, „cool“ zu wirken.

Zweitens … wenn ein moderner Pharisäer versucht, Ihr Leben zu kontrollieren, bremsen Sie ihn! Bremsen Sie sie! Erinnern Sie den Scheinheiligen daran, dass der Splitter in Ihrem Auge zwischen Ihnen und Ihrem Herrn ist und dass er auf den Balken in seinem eigenen Auge achthaben soll. Die Chancen sind allerdings so, dass jemand, der einmal infiziert ist, gleich damit weitermachen wird, das Haar in der Suppe zu finden mit dem Eigenlob seines oberflächlichen Lebens, erstickt von den Dornen der Einbildung. Pharisäer, daran müssen Sie denken, können furchtbar schlecht zuhören.


Aus dem Buch Riesen und Dornen, S. 117–123
www.clv.de


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