Eine zu enge Einheit – Sektiererei
Epheser 4,3

William Kelly

© Heijkoop-Verlag, online seit: 06.01.2010, aktualisiert: 03.08.2016

Leitvers: Epheser 4,3

Eph 4,3: … euch befleißigend, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens.

Doch es gibt noch eine andere Art des Abweichens von der Wahrheit, die die Kinder Gottes daran hindern kann, die Einheit des Geistes zu bewahren: Durch den Missbrauch von Lehre oder Zucht können sie eine Einheit bilden, die nicht nur tatsächlich, sondern grundsätzlich und mit Absicht enger ist als die Einheit des Leibes Christi. Befinden sich solche auf göttlichem Boden? Ich denke nicht. Sie mögen ihre eigene Regierungsform offen aufrichten oder auch insgeheim ein ausgemachtes, wenngleich ungeschriebenes System von Vorschriften haben, wodurch Gläubige, die zwar ebenso gottesfürchtig sind wie sie, aber diese Vorschriften nicht akzeptieren können, ausgeschlossen werden. Dann haben wir es mit einer Sekte zu tun. Ihre Satzungen sind nicht die Gebote des Herrn, erhalten in der Praxis aber dennoch ebenso viel Autorität wie Sein Wort oder (wie es üblich ist) sogar noch mehr. Was soll noch die Behauptung, keine menschlichen Vorschriften zu haben, wenn man für solche, mit denen man in Berührung kommt, unter der Hand bestimmte Bedingungen für die Gemeinschaft einführt – hier schärfer, dort lockerer, je nach der unterschiedlichen Politik und Laune der Führer? Jede derartige Haltung nimmt die Gestalt nicht von Landeskirchentum, sondern von Sektiererei an, die (anstelle zu weiter oder offener Grenzen) eher diejenigen aufzuspalten sucht, die zusammen sein sollten. Wenn Christen so zusammenkommen, dann geben sie durch ihre Gemeinschaft lediglich ihrer Verschiedenheit von ihren Brüdern Ausdruck; sie stehen in keiner Weise auf dem Boden der Einheit zusammen, die von Gott ist. Das ist dem Grundsatz nach Sektiererei; und wenn die Betreffenden es besser wissen, dann sind sie schuldiger als gewöhnliche freikirchliche Christen.

Unter dieser Rubrik einer zu engen Einheit finden wir die Kinder Gottes oft zerstreut vor, und zwar durch den Druck fragwürdiger oder sogar falscher Zuchtausübung oder infolge übermäßig betonter, wenn nicht falscher Lehre. Einige ziehen eine entschieden arminianische, andere eine streng calvinistische Gemeinschaft vor. Die einen mögen bestimmte Ansichten über das Kommen und das Reich Christi aufdrängen; andere über den Dienst, Bischöfe, Älteste usw.; wieder andere über die Taufe, deren Durchführungsweise oder die zu taufenden Personen. Diese kirchlichen Gesetzgeber scheinen sich überhaupt nicht bewusst zu sein, dass ihr Missbrauch dieser Lehren oder Praktiken mit dem Bewahren der Einheit des Geistes in dem Bande des Friedens unvereinbar ist; sie selbst irren sich, wenn nicht in ihren Ansichten, so doch zumindest in der Art und Weise, wie sie diese anderen aufdrängen.

Hinter diesen nach außen hin sichtbaren Abweichungen vom Willen Gottes über Seine Kinder wird man tieferliegende Ursachen finden, die den Heiligen Geist betrüben und die wahre und geistliche Erkenntnis des Gläubigen hindern. Die persönlichsten und vielleicht am weitesten verbreiteten Hindernisse entspringen dem Zustand der Seele, und zwar durch Unkenntnis eines voll und ganz befreienden Evangeliums. Die Sünde ist in solchen Fällen nie völlig vor Gott gerichtet worden, und folglich kennt man selbst den Grundsatz der Befreiung (Röm 8,2) nur zum Teil, wenn man ihn überhaupt kennt. Noch weniger ist die Kraft des Geistes vorhanden, in welcher der Tod Christi schonungslos auf das eigene Ich praktisch angewandt wird. Vielleicht hat man selbst die Vergebung der Sünden als eine vollendete Tatsache nur schwach erfasst. Dass es oft so ist, zeigt die Auffassung, man müsse immer aufs Neue seine Zuflucht zu dem Blute Christi nehmen oder (wie einige es ausdrücken würden) ein ständiger Reinigungsprozess müsse vor sich gehen. Diese Lehre gründet man auf ein falsches Verständnis der Gegenwartsform in 1. Johannes 1,7, deren moralische Tragweite man unwissenderweise auf die bloß tatsächliche Zeit einschränkt. Wieder andere haben eine völlig oberflächliche und falsche Ansicht über die Welt, so als ob die ganze Welt durch das Kreuz Christi nun dem Christen gehöre, während doch im Gegenteil der Christ der Welt und die Welt ihm gekreuzigt ist.

Wenn das Fleisch und die Welt auf diese Weise nur unzulänglich und nicht nach dem Wort Gottes im Lichte des auferstandenen Christus gerichtet worden sind, dann ist das Herz nicht in jeder Hinsicht in Gemeinschaft mit Gott. Obwohl man den größten Eifer für Seelen an den Tag legen mag, soweit ihre Gefahr und die vergebende Gnade Gottes verstanden werden, und obwohl man mit aufrichtiger und brennender Liebe wünschen mag, dass Christus durch die Segnung dieser Seelen geehrt werde, so nimmt doch die Natur immer noch einen breiten Raum ein. Das Wort und der Geist Gottes regieren das zu dem Gestorbenen, Auferstandenen und Verherrlichten hin abgesonderte Herz nicht vollständig. Wie kann man bei einem solchen Zustand erwarten, dass jemand sich ein gesundes geistliches Urteil über die Kirche zu bilden vermöchte, kompliziert wie diese Frage nun durch den Ruin der Kirche ist? Viele Gläubige messen der Wissenschaft, Literatur und Philosophie Werte bei, die allesamt das Fleisch erhöhen, oder sie schätzen Beziehungen, die Behaglichkeit und Ehre in der Welt einräumen, hoch ein. Aufgrund mangelnden Verständnisses des Wortes und eines schwachen Empfindens für die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn versäumen sie es, den gegenwärtigen bösen Zeitlauf zu richten. Statt dessen sind sie ganz von ihren eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen, wenn sie nicht sogar nach größeren Dingen streben. Folglich stehen sie in Gefahr, Vorurteilen und Voreingenommenheit zum Opfer zu fallen. Weder geben sie Christus in der Praxis den Ihm gebührenden obersten Platz noch können sie sich über brüderliche Freundlichkeit in die reinere Atmosphäre gottgemäßer Liebe erheben und so selbstlos für die Kirche als den Leib Christi Sorge tragen. Sie sind nicht darauf vorbereitet, völlig mit dem eitlen gesellschaftlichen Verkehr zu brechen, den die Überlieferung im Christentum wie schon vor alters im Judentum hervorgebracht hat. Sie schrecken vor den schmerzlichen Folgen zurück, die vollständiger und ohne Zögern praktizierter Gehorsam für jeden, der dem Herrn unterworfen ist, mit sich bringen muss. Das Auge ist nicht einfältig und daher der Leib nicht licht; der Weg sieht ungewiss aus, das Wort scheint schwierig zu sein; und in einem Glauben, der dem Herrn um jeden Preis nachfolgt, scheinen Gefahren zu liegen.


Aus Christliche Einheit und Gemeinschaft, Heijkoop-Verlag, 1982, S. 15–18

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