„Dieser folgt uns nicht nach“
Markus 9,38-40

William Kelly

© J. Das, online seit: 28.01.2003, aktualisiert: 28.09.2018

Leitverse: Markus 9,38.40; Matthäus 12,30

Mk 9,38.40: Johannes aber antwortete ihm und sprach: Lehrer, wir sahen jemand, der uns nicht nachfolgt, Dämonen austreiben in deinem Namen; und wir wehrten ihm, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus sprach: … Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.

Mk 12,30:
Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut.

„Dieser folgt uns nicht nach“

Eine weitere, für Markus typische Begebenheit finden wir in dem unmittelbar Folgenden. Der Herr tadelte die Jünger, indem Er ein Kind nahm, um sie Niedriggesinntheit zu lehren. Was für ein vernichtender Tadel für ihre Selbsterhöhung! Sogar Johannes bewies, wie wenig die Herrlichkeit Christi, die einen Menschen mit seiner Nichtigkeit zufrieden sein lässt, bis jetzt in sein Herz eingedrungen war. Der Tag sollte kommen, an dem diese Dinge tiefe Wurzeln in ihren Herzen schlagen würden. Dann würden sie wirklich ewigen Gewinn aus Seiner Herrlichkeit empfangen. Aber im Augenblick zeigten sie in peinlicher Weise, dass dazu mehr als nur Worte nötig waren, selbst wenn es sich um Worte Jesu handelte. So wandte sich Johannes gleich darauf an unseren Herrn und beschwerte sich über einen Mann, der Dämonen in Seinem Namen austrieb. Genau darin hatten sie vorher versagt. „Lehrer, wir sahen jemand, der uns nicht nachfolgt, Dämonen austreiben in deinem Namen“ (Mk 9,38). Sollten sie dafür nicht von Herzen Gott dankbar sein? Sie waren es nicht im geringsten. Das Selbstgefühl des Johannes entzündete sich daran; und er wurde das Sprachrohr der heftigen Gefühle, die sie alle beseelte. „Lehrer, wir sahen.“ Er sagte nicht: „Ich sah.“ Er sprach für alle. „Wir sahen jemand, der uns nicht nachfolgt, Dämonen austreiben in deinem Namen; und wir wehrten ihm, weil er uns nicht nachfolgt.“ Es ist demnach offensichtlich, dass keine vorherige Zurechtweisung in irgendeiner Weise diesen selbsterhöhenden Geist ausgetrieben hatte; denn hier finden wir ihn wieder in voller Kraft. Aber Jesus antwortete: „Wehret ihm nicht.“ Das ist eine andere wichtige Lektion im Dienst Christi. Es handelt sich hier nicht um eine Verunehrung Christi. Niemand beabsichtigte in dieser Angelegenheit, irgendetwas gegen Seinen Namen zu tun. Im Gegenteil, ein Diener Christi ging gegen den Feind vor, indem er an die Wirksamkeit des Namens des Herrn glaubte. Wenn es sich um Feinde oder falsche Freunde Christi handelt, die Seine Herrlichkeit umwerfen oder untergraben wollen, dann heißt es: „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut“ (Mt 12,30). Wenn es sich um die Frage eines wahren oder falschen Christus handelt, kann es keinen Kompromiss hinsichtlich eines Jotas Seiner Herrlichkeit geben. Aber wenn, im Gegenteil, jemand mit vielleicht weniger Erkenntnis und andererseits in seinen Umständen sicherlich nicht so begünstigt wie die Jünger den Wert und die Wirksamkeit von Jesu Namen kennt, dann wird Er von Ihm gnädig beschützt. „Wehret ihm nicht, denn es ist niemand, der ein Wunderwerk in meinem Namen tun und bald übel von mir zu reden vermögen wird; denn wer nicht wider uns ist, ist für uns“ (Mk 9,39.40). Der Mann hatte ganz gewiss Glauben an den Namen des Herrn. Und durch den Glauben an jenen Namen war er stark genug, um das zu tun, wozu die Jünger, ach, zu schwach waren. Augenscheinlich wohnte in ihnen ein Geist der Eifersucht. Jene Kraft, die offensichtlich in einem Menschen wirkte, der niemals äußerlich so bevorzugt war wie sie, demütigte sie nicht, um an ihr Zukurzkommen und ihren Mangel an Glauben zu denken. Stattdessen suchte sogar Johannes nach Fehlern, um einen Vorwand dafür zu haben, denjenigen, den Gott geehrt hatte, in seiner Wirksamkeit einzuschränken.

Ein scheinbarer Widerspruch?

Folglich stellt unser Herr hier eine Belehrung vor, die natürlich derjenigen von Matthäus 12,30 in keinster Weise widerspricht, sondern einfach etwas ganz anderes aussagt. Ich finde es absolut nicht unwichtig, dass diese Aussagen zur jeweils rechten Zeit und in den entsprechenden Umständen unterschiedlich gebraucht werden. Das Evangelium des Markus ist, wie wir uns erinnern, das des Dienstes. Und hier handelt es sich um den Dienst. Und im Dienst ist die Macht Gottes nicht von der Stellung des Dieners abhängig. Es kommt nicht darauf an, wie richtig die Stellung nach dem Willen Gottes ist. Nicht derjenige empfängt Kraft im Dienst, der sich in der richtigsten Stellung befindet. Die Jünger waren natürlich an einem unanfechtbaren Platz, indem sie Christus nachfolgten. Kein anderer Platz als ihrer konnte richtiger sein. Denn Jesus hatte sie berufen, um sich gesammelt und ausgesandt, indem Er sie in einem gewissen Maß mit einem Teil Seiner eigenen Kraft und Autorität bekleidete. Trotzdem sehen wir bei ihnen Schwachheit in der praktischen Ausübung. Wir sehen entschieden einen Mangel an Glauben, die Hilfsquellen Christi gegen Satan in Anspruch zu nehmen. Sie handelten also richtig, wenn sie Christus anhingen und keinem anderen folgten. Sie handelten richtig, als sie Johannes den Täufer um Jesu willen verließen. Aber sie handelten nicht richtig, wenn sie aus irgendeinem Grund die Macht Gottes nicht anerkannten, die in einem anderen wirkte, der sich nicht in einer solch gesegneten Stellung, wie es ihr Vorrecht war, befand. Folglich tadelte unser Herr streng diesen engen Geist und stellte einen Grundsatz auf, der dem anderen zu widersprechen scheint, aber doch völlig mit ihm harmoniert. Denn weder hier noch sonst wo gibt es einen Widerspruch im Wort Gottes. Der Glaube darf sicher ruhen in dem Bewusstsein, dass die Verse in Matthäus 12 und Markus 9 sich nicht widersprechen. Zweifellos mag auf dem ersten Blick ein solcher Gegensatz in den Versen liegen. Aber sieh genau hin und lies es noch einmal! Und die Schwierigkeit verschwindet.

In Matthäus 12,30 handelt es sich um eine ganz andere Frage. „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut.“ Hier geht es um Christus – um die Herrlichkeit und Macht Gottes in Jesus auf der Erde. Sobald die Person Jesu in Frage steht, indem Er von Feinden angegriffen wird, dann ist derjenige, der nicht für Christus ist, gegen Ihn. Ist gerade jemand dabei, die Person Christi herabzusetzen? Dann ist alles andere demgegenüber zweitrangig; und jeder, der darauf mit Gleichgültigkeit reagiert, nimmt bewusst den Platz des Feindes Christi ein. Wer die Verunehrung Christi gutheißt, beweist trotz aller gegenteiligen Behauptungen, dass er kein Freund des Herrn ist. Sein Werk des Sammelns kann nur Zerstreuung sein.

Doch nach den Gedanken des Herrn, wie sie im Markusevangelium dargelegt werden, stand etwas ganz anderes vor ihnen. Hier handelte es sich um einen Menschen, der Christus nach dem Maß seines Glaubens und mit nicht unerheblicher Kraft verherrlichte. Deshalb hätten die Jünger in diesem Fall das Zeugnis für den Namen Christi anerkennen und sich darüber freuen sollen. Es sei zugegeben, dass dieser Mann nicht so bevorzugt war wie sie. Aber er wollte ganz gewiss den Namen Christi erhöhen – und er hatte Erfolg dabei. Wären ihre Augen einfältig gewesen, dann hätten sie es anerkannt und Gott dafür gedankt. Und deshalb prägte der Herr ihnen hier eine ganz andere Lektion ein: „Wer nicht wider uns ist, ist für uns.“ Das heißt, wo immer die Kraft des Heiligen Geistes im Namen Jesu wirksam wird, da kann offensichtlich derjenige, der von Gott in dieser Weise benutzt wird, nicht gegen Christum sein. Und wenn Gott jene Kraft beantwortet und zum Segen des Menschen und zum Sieg über den Teufel benutzt, dann sollten wir uns darüber freuen.

Muss ich noch sagen, wie nützlich diese beiden Lektionen sind? Auf der einen Seite wissen wir, dass Christus in dieser Welt verworfen und verachtet ist. Das ist der Grundtenor des Matthäusevangeliums. Folglich sehen wir den Herrn in Kapitel 12 als Gegenstand des Abscheus und, schlimmer noch, als Gegenstand des Abscheus derer, die das äußere Zeugnis Gottes zu jener Zeit innehatten. Das Ansehen, die traditionelle Ehrerbietung und die Ehrfurcht vor Menschen spielt dann für den Gläubigen keine Rolle. Wenn Christus verunehrt wird, dann können diejenigen, die Ihn preisen und lieben, nicht einen Moment Gemeinschaft mit jenen Menschen haben, die so handeln. Auf der anderen Seite sehen wir den Dienst Christi. Inmitten all derer, die den Namen Christi tragen, gibt es solche, die Gott für das eine oder andere wichtige Werk benutzt. Darf ich leugnen, dass Gott sie in Seinem Dienst verwendet? Nicht einen Augenblick! Ich erkenne die Kraft Gottes in ihnen an und danke Ihm dafür. Aber das ist kein Grund, den gesegneten Platz der Nachfolge Jesu aufzugeben. Ich sage nicht: „Er folgt uns nicht nach“, sondern: „Er folgt Ihm nicht nach.“ Offensichtlich waren die Jünger mit sich selbst beschäftigt und hatten den Herrn vergessen. Sie wünschten sich, dass der Dienst ihr Monopol sei anstatt eines Zeugnisses für den Namen Christi. Aber der Herr stellte alles an seinen Platz. Und derselbe Herr, der in Matthäus 12, wo Seine Feinde ihren Hass und ihre Verachtung Seiner Herrlichkeit offenbart hatten, an einer klaren Entscheidung für Seine Person festhielt, zeigte im Markusevangelium umgehend die Kraft, die im Dienst Seines namenlosen Dieners gewirkt hatte. „Wehret ihm nicht“, sagte Er, „denn wer nicht wider uns ist, ist für uns.“ War er gegen Christus, wenn er, wie Johannes selbst zugab, Jesu Namen gegen den Teufel benutzte? Der Herr ehrte so jede Art und jedes Maß des Glaubens, der wusste, wie man aus Seinem Namen Nutzen ziehen und durch ihn Siege über Satan gewinnen konnte. Daraus folgt: Wenn Gott irgendeinen Menschen benutzt, sei es, um Sünder für Christus zu gewinnen, sei es, um Heilige aus den Fesseln falscher Lehren oder irgendeiner anderen Schlinge zu befreien, dann erkennt Christus ihn an; und das sollten auch wir tun. Es ist ein Werk Gottes und eine Huldigung an den Namen Christi. Aber, ich wiederhole es: Das ist kein Grund, die Nachfolge Christi auf die leichte Schulter zu nehmen, wenn Er uns gnädig ein solches Vorrecht gewährt hat. Es ist zweifellos ein berechtigter Grund, dass wir uns demütigen, wenn wir daran denken, wie wenig wir tun, da wir doch mit der Kraft Gottes betraut worden sind. Auf der einen Seite haben wir also die persönliche Herrlichkeit Christi aufrechtzuerhalten, indem wir immer an ihr festhalten, auf der anderen sollen wir die Kraft im Dienst, die Gott in Seiner Unumschränktheit zu benutzen geruht, anerkennen, und zwar ohne Ansehen der Person. Die eine Wahrheit stört nicht im geringsten die andere.

Außerdem möchte ich die Aufmerksamkeit darauf lenken, an welch passender Stelle diese Vorfälle in den jeweiligen Evangelien stehen. Man kann diesen Satz bei Markus nicht gegen die anderen ernsten Worte im Matthäusevangelium austauschen. Das würde gänzlich die Wahrheit in beiden Stellen verdunkeln. Auf der einen Seite ist der Tag der Verachtung und Verwerfung Christi der Tag für den Glauben, um Seine Herrlichkeit zu verteidigen. Auf der anderen Seite muss ich die Kraft Gottes, wo sie sich zeigt, würdigen. Auch wenn ich gerade vorher wegen meines Mangels an Glauben getadelt worden bin, sollte ich wenigstens die Hand Gottes, wo immer sie sich zeigt, anerkennen.

Die Schlussverse des 9. Kapitels (Mk 9,41-50)

Unser Herr verfolgt diese Gedanken in einer bemerkenswert ernsten Belehrung weiter. In Seiner Rede zeigt Er, dass es sich nicht bloß darum handelt, „uns“ für eine Zeit nachzufolgen oder etwas Ähnlichem. Zweifelsohne folgt der Jünger jetzt dem Herrn durch eine Welt, wo Ärgernisse (Fußnote: Fallstricke) im Überfluss vorhanden sind und auf jeder Seite Gefahren lauern. Aber darüber hinaus ist es eine Welt, inmitten derer Schlingen und Fallgruben Gott in Seiner Herablassung das Licht der Ewigkeit fallen lässt. Deshalb handelte es sich nicht nur um ein augenblickliches Problem. Es lag weit über jeder Frage eines Parteienstreites. Unser Herr zielte deshalb auf die Wurzeln dessen, was in den irrenden Jüngern wirkte. Er erklärte, dass jeder, der einen Becher Wasser – der kleinste wirkliche Dienst zur Abstellung einer Not – darreicht in Seinem Namen, „weil ihr Christi seid, … seinen Lohn nicht verlieren“ wird. Aber darüber hinaus ging es nicht bloß um die Frage von Belohnungen, sondern auch um das ewige Verderben. Sie sollten lieber auf sich selbst sehen, solange sie es noch konnten. Das Fleisch ist schlecht und verderblich. Wer oder was immer ein Mensch auch sein mag – er ist in sich selbst nicht vor Gefahren geschützt, insbesondere, wie ich hinzufügen möchte, wenn er im Dienst Christi steht. Auf keinem anderen Weg geht ein Mensch so leicht in die Irre. Es handelt sich hier nicht bloß um sittlich Böses. Es gibt Menschen, die uns übertreffen und sozusagen das Spießrutenlaufen solcher Verführungen unbeschadet überstehen. Aber es ist etwas ganz anderes und viel gefährlicher, wenn man in dem erklärten Dienst des Herrn das hätschelt, was Christus kränkt und den Heiligen Geist betrübt. Diese Lehre gilt nicht nur für Heilige, sondern auch für die, welche sich noch unter der Sünde befinden. „Wenn deine Hand dich ärgert, so haue sie ab. … Wenn dein Auge dich ärgert, so wirf es weg“ (Mk 9,43.47). Handle schonungslos mit jedem Hindernis, und zwar aus dem einfachsten sittlichen Grund: Es droht eine große persönliche Gefahr. Diese Dinge testen einen Menschen und prüfen, ob irgendetwas in ihm nach Gott fragt.


Aus Lectures Introductory to the Study of the Gospels
Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)
Die Zwischenüberschriften stammen von SoundWords


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