Ein letzter Aufruf
Ein alter Brief

Frederick Charles Jennings

© SoundWords, online seit: 17.04.2011, aktualisiert: 21.12.2017

Einleitung

Geliebte Brüder,

bitte missversteht nicht diesen letzten und in diesem Fall sehr persönlichen Aufruf von jemandem, der viel lieber unbekannt geblieben wäre; da er nun aber bekannt ist und Euch so gut kennt, vertraut er darauf, dass aus diesem gegenseitigen Kennen etwas wie eine größere Akzeptanz entstehen könnte.

Wenn sich das menschliche Leben seinem natürlichen Ende nähert, wird man von vielen Fragen bedrängt. Ich bin mir bewusst, dass es jedenfalls nicht mehr lange dauern wird – sollte der Herr noch verziehen zu kommen –, bis meine Stimme für immer verstummen wird, so wie jedes Zeugnis auf dieser Erde zum Schweigen gebracht wird. Die traurige Klage des Predigers: „Sowohl ihre Liebe als auch ihr Hass und ihr Eifern sind längst verschwunden, und sie haben in Ewigkeit keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht“ [Pred 9,6], ist nach wie vor in einer schwachen, beschränkten Weise wahr, und immer noch trägt sie einen pathetischen Appell an unsere Herzen in sich.

Bevor dieser Brief erscheint, den ich in Milde, Zuneigung und Zartheit schreibe, Eigenschaften, die oft die letzten Stunden prägen, möchte ich Euch, die ich aufrichtig „meine geliebten und ersehnten Brüder“ [Phil 4,1] nenne, ernstlich bitten, ein wenig mit mir mitzutragen und dem, was ich sagen möchte, Eure Aufmerksamkeit zu widmen.

Spaltungen

Gott möge mir vergeben, wenn ich unter dem Eindruck des nahenden Endes – wie immer das aussehen mag – irgendeinen meiner Brüder richten oder anklagen oder mich selbst rechtfertigen sollte. Ich habe vielleicht durch die Trennungen der Vergangenheit ebenso viel Sorge und Leid gehabt wie die meisten. Aber das erwähne ich nur, um die Herzen meiner Brüder für die wenigen Worte, die ich zu sagen habe, zu öffnen. Ich habe auch nie – bei all dem, was geschehen ist – an der aufrichtigen christlichen Zuneigung meiner Brüder, deren Auffassungen sich von der meinen unterschieden, gezweifelt, jemals gezweifelt, und ich hatte auch keinen Grund, daran zu zweifeln, auch nicht an der Aufrichtigkeit derer, die die Trennung von Gläubigen am aktivsten vorangetrieben haben. Ihnen schien das eine Notwendigkeit zu sein, und zwar eine sehr schmerzhafte. Ich erinnere mich daran, wie unser geliebter Bruder F.W.G. mir im Jahre 1896 sagte: „Glaube nicht, lieber Bruder, dass wir diese Haltung Dir gegenüber gern und ohne Schmerz einnehmen“; und ich konnte ihm nur antworten: „Ich bin sicher, dass Ihr es nicht tatet.“ In der Tat: Wissen wir nicht alle, dass es keine Spaltung gegeben hat, die nicht im Lauf der Zeit ihre Begleiterscheinungen hatte – nicht nur von Sünde und Scham, sondern auch von Sorge und Schmerz auf allen Seiten? Und ich weiß wie viele andere, dass der Schatten dieser sorgenvollen Zeit seit langem über ihrem Leben gehangen hat. Nein, in der Tat bereiten diese Spaltungen einzig dem Feind des Herrn Vergnügen und denen, die ihm angehören.

Aber seither sind nahezu achtzehn Jahre vergangen, so dass ich es jetzt wage (obwohl nicht ohne Zögern), in dieser offenen und persönlichen Weise zu schreiben. Haben diese achtzehn Jahre unsere Empfindungen einfach betäubt? Sind alle Wunden jener Zeit verheilt und haben sie einzig eine Erinnerung hinterlassen, die immer schwächer wurde, während wir mit der Sache selbst nichts mehr zu tun haben? Sind da nicht vielleicht doch Lektionen geblieben, die wir noch zu lernen haben? Stellt sich nicht immer noch die stets wiederkehrende Frage: „War das wirklich nötig?“ Haben diese Ereignisse nicht doch am Ende einige von uns weicher gemacht, so dass wir in brüderlicher Rücksicht und christlicher Höflichkeit miteinander reden und einander zuhören können?

Prinzipien

Es war der liebe Bruder F.W.G., der Folgendes schrieb:

Gibt es nicht Prinzipien, die als Wahrheit akzeptiert wurden und die doch zerstörerisch gewirkt haben? Gibt es keinen Grund, durch das Wort Gottes ganz neu zu prüfen, ob nicht unsere kirchlichen Grundsätze – z.B. über Gemeinschaft und Gemeindezucht – uns auf einen falschen Weg gebracht haben? Wenn das Prinzip „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ der von der Schrift anerkannte Test ist, macht uns dann die Tatsache von drei Spaltungen innerhalb von fünf Jahren nicht argwöhnisch, dass da bei uns wohl nicht alles stimmt?

Und doch waren diese drei Spaltungen nicht die letzten. Die Wurzel des Übels muss immer noch da sein, denn ihre Früchte sind offenkundig.

Wir alle haben Fehler gemacht

Und wollen wir nicht beginnen, demütig zu bekennen, dass wir alle Fehler gemacht haben? Wer wollte behaupten, dass er keine Fehler gemacht habe? Wer würde von denen, mit denen er selbst verbunden ist, behaupten: „Sie haben keine Fehler gemacht“? Wenn jemand so spräche, würde er sich von jeder weiteren Diskussion selbst ausschließen. Wie oft haben wir den Geist daran gehindert, uns die Wahrheit zu sagen, indem wir sie uns in irgendeiner Weise zurechtgetrimmt haben! Insofern liegt auf uns [allen] die Verantwortung für die Spaltungen. Hätte es überhaupt irgendeine Spaltung gegeben, wenn der Herr Jesus in Person unter uns gewesen wäre? Hätte es überhaupt eine Spaltung gegeben, wenn wir uns der Leitung seines Heiligen Geistes, der ja in Person unter uns ist, der in seinem Wort und durch sein Wort wirkt, völlig unterworfen hätten? Sicherlich nicht.

Es ist nicht anzunehmen, dass irgendjemand von uns in der Hauptfrage, wie immer diese aussehen mag, mit einer gewissen Sicherheit oder Ehrlichkeit freiwillig zugeben wird, dass wir uns geirrt haben, denn das würde uns an den Punkt bringen, wo wir die eingenommene Haltung wegen dieses Irrtums aufgeben müssten. Doch davon abgesehen – falls einer für andere spräche – müssten wir sehr wohl bekennen, dass wir alle von Natur aus die Neigung haben, auf die eine oder andere Weise vom schmalen Pfad abzuweichen. In unserer Angst vor dem einen Bösen steckt auch immer die Gefahr, in das andere Böse zu verfallen. Manche meiden den Sauerteig der Pharisäer und werden mit dem der Sadduzäer oder Herodianer verunreinigt. In ihrer Furcht vor dem Bösen, vor dem wir im zweiten Johannesbrief gewarnt werden – nämlich der Verbindung mit antichristlicher Lehre –, sind manche dem gegenteiligen Bösen verfallen, von dem im dritten Johannesbrief gesprochen wird; und sie ertappen sich dabei, dass sie nicht nur solche nicht mehr empfangen, die sie als „ebenso gottesfürchtige“ Brüder anerkennen, sondern sie werfen zu ihrem eigenen Schaden [auch] solche hinaus, deren einzige „Sünde“ es ist, dass sie wünschen, diese zu empfangen. Oh, wie beweist doch unsere totale Schwäche, dass wir einander brauchen. Wir sind alle, einer vom anderen, voneinander abhängig, jeder von jedem, um das richtige Gleichgewicht zu halten und um einander Ihm zu dienen, der allein der Weg ist: Christus. Es ist keine weniger ernste Auswirkung dieser Spaltungen, dass dadurch alle in erheblichem Maß geschwächt wurden. Und wissen wir überhaupt, mit welchen Kunstkniffen Gläubige voneinander getrennt wurden? Und ach, wie naiv müssen wir bei ebendiesen Machenschaften gewesen sein!

Euer Schweigen

Noch einmal: Während dieser achtzehn Jahre haben die Gläubigen, von denen Ihr annahmt, dass Ihr sie von der Gemeinschaft im Mahl des Herrn ausschließen müsstet, wieder und wieder an Euch appelliert. Ihr habt wohl gedacht, dass es nicht nötig sei, auf irgendeine Anfrage überhaupt nur zu antworten. Persönlich halte ich es für unmöglich, dass dieses Schweigen ein verächtliches Schweigen war, so als wären wir es nicht wert, überhaupt wahrgenommen zu werden; auch folgere ich daraus nicht, dass Ihr nicht antworten konntet. Nichts ist leichter, als zu antworten; und in der Tat müsst Ihr Euch selbst ziemlich viel Zurückhaltung auferlegt haben, nicht zu antworten. Das war nicht der Grund für Euer Schweigen. Aber ich nehme an, dass Ihr wohl dachtet, es sei das Beste, Gespräche zu meiden, weil dies zu endlosen und nutzlosen Kontroversen über diese Themen führen würde – und so habt Ihr unsere Anfragen unbeantwortet gelassen.

Sofern ich keine falschen Schlüsse ziehe, würde ich gern herzlich um etwas anderes bitten; und ich bin sehr zuversichtlich, dass dies auch eine Wahrheit ist, deren Bedeutung, wie ich glaube, Ihr in Euren Herzen unvermeidlich als wahr zugeben werdet.

Wenn wir wirklich an einem so gefährlichen Platz angelangt waren, wie Ihr vorgabt, über uns zu denken; wenn wir wirklich dabei waren, göttliche Grenzen niederzureißen, die Türen dem Bösen zu öffnen, wie Ihr von uns behauptet habt; wenn wir wirklich in direkter Komplizenschaft mit solch fundamental Bösem waren bzw. uns einer solchen Verbindung geöffnet hätten, wodurch Ihr (bei so viel wirklichem und persönlichem Schmerz) Euch gezwungen saht, uns den Platz mit Euch am Tisch unseres Herrn und Heilands zu verweigern; wenn wir wirklich radikal neue und falsche Prinzipien angenommen hätten, wessen Ihr uns beschuldigt, wobei es keinerlei Verunreinigung durch Verbindung mit Bösem gab[1]; wenn all dies aktuell, wirklich, wirksam und wahr gewesen wäre, wenn Ihr wirklich sicher davon ausgegangen wäret, dass dies so sei – würdet Ihr, könntet Ihr dann überhaupt ruhig geblieben sein? Konntet Ihr uns möglicherweise diesen bösen Weg größter Gefahr einfach weitergehen lassen, ohne jegliche Antwort auf unsere Appelle?

Lasst Eure Gewissen, lasst Eure Herzen, meine geliebten Brüder, in der Furcht Gottes diesen Appell beantworten. Ich für meine Person weigere mich entschieden, den Glauben daran zu verlieren. Ich bin ganz sicher, dass Ihr es nicht konntet. Ich kenne Euch zu gut, um dies nur einen Augenblick lang in Frage zu stellen. Ihr seid [diejenigen], nicht wir, die in diesem Fall, ungeachtet aller Widerstände und Entmutigungen, beharrlich hätten handeln sollen.

Andererseits, ist nicht unser tatsächliches Handeln im Verlangen nach Euch – mag es vielleicht zuweilen ungeschickt, taktlos und missverständlich zum Ausdruck gekommen sein – schon in sich selbst ein Beweis, nicht der Schwäche oder Unverbindlichkeit, sondern des Strebens hin zu der göttlichen Wahrheit? Waren es nicht diese Prinzipien, die unser Handeln und unsere Haltung bestimmt haben?

Eigentlich passt kein Blatt Papier zwischen uns; es ist nur Eure Furcht, ein Prinzip zu brechen, wodurch Ihr meint, Euch dem Bösen zu öffnen. Vielleicht musste das so sein; und es wurde respektiert, wie wir Euch schon vor langem bekannt haben; aber, geliebte Brüder, seid Ihr nicht durch genau diese Furcht (ich spreche nicht in anklagendem Geist) tief und ernsthaft in das gegenteilig Böse verstrickt?

Von der Furcht, Prinzipien zu verlassen

Wir können bereitwillig bezeugen, dass Ihr einen wirklichen Eifer für Gott habt, in dem Bestreben, auf diese Weise Eure Mauern zu errichten, um das Eindringen von Bösem zu verhindern. Aber habt Ihr keinen Blick dafür, dass Böses so gut wie immer zwei Seiten hat? Der Teufel, der Hauptexponent des Bösen in Person, ist nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Lügner; und diesen doppelten Charakter des Bösen können wir quer durch die ganze Heilige Schrift erkennen. Das Böse der Pharisäer ist etwas subtiler und gefährlicher als das Böse des gemeinen Volkes. Das Böse der Trennung von Brüdern wird im dritten Johannesbrief genauso verurteilt wie die Aufnahme eines antichristlichen Lehrers im zweiten Johannesbrief; und beides scheint sogar gefährlicher zu sein als jegliche moralische Verfehlung, gegen die schon das natürliche Gewissen Protest erheben würde.

Stimmt es nicht, ist es nicht offensichtlich, dass Eure Mauern nach innen wirken und Euch den Blick dafür versperren, dass dies nicht nur böse, sondern ernsthaft böse ist, indem Ihr sogar Heilige ausschließt und aussperrt? Wir sind davon überzeugt, und wir würden einen schweren Fehler machen, wenn wir unserer Überzeugung Euch betreffend nicht versuchen würden, Euch dies auf jede in unserer Macht stehende Weise zum Bewusstsein zu bringen.

Grenzzäune

Zweifellos hat unsere gänzliche Unfähigkeit uns in der Vergangenheit daran gehindert, dies zu tun; und das ist unser größter Kummer. „Ach“, mögt Ihr in Bezug auf die Stellung, in der Ihr uns seht, mit reichlicher Überzeugung sagen, „warum sollten wir auf Euch hören? Befindet Ihr Euch nicht außerhalb der Gemeinschaft?“ Ja, so ist es; aber haben nicht Eure eigenen Prinzipien Euch gezwungen, die Tür vor uns zuzuschlagen? Wir reden, aber vor einer verschlossenen Tür. Und ist es dann nicht seltsam, dass wir überhaupt nicht gehört werden, wenn auch vielleicht unter gewissen Schwierigkeiten?

Wir wagen ja noch nicht einmal (und ich bin sicher, dass ich in dieser Sache auch für andere spreche), an Eure Tür zu klopfen und um Einlass in Euren besonderen Kreis der Gemeinschaft zu ersuchen. Ihr würdet mit Recht an solch einer Ungereimtheit Anstoß nehmen. Es würde Eure klarsten Überzeugungen bezüglich der Lehre der Schrift über die Kirche unterminieren. Tatsächlich war ich damals persönlich in der East Front Street mit Euch. Aber dann fand ich mich selbst in der Situation, dass viele aus dem erlösten Volk Gottes – eindeutig treue und gottesfürchtige Leute – zurückgewiesen wurden. Und ich versuchte dies, soweit meine Fähigkeiten und mein Wille dies erlaubten, zu vermeiden, indem ich auf den letzten Wunsch unseres Herrn vor seinem Leiden antwortete: „Dies tut zu meinem Gedächtnis“ [Lk 22,19], und zwar ohne unschriftgemäße Bedingungen der Absonderung von anderen Heiligen [zu stellen]. Es ging um geliebte Geschwister, deren Gemeinschaft mir ebenso lieb war wie die mit Euch. Nicht eine Stunde konnte ich an diesem Platz ohne Protest bleiben, ohne Euch, wie vor achtzehn Jahren, in dieselbe Verlegenheit zu bringen, über die Ihr Euch damals beklagt habt. Und in der Folge versuchte ich – soweit ich es persönlich konnte –, dieser Eurer Klage abzuhelfen, damit sich die ganze unselige Geschichte nicht wiederholen möge.

Es ist mir sehr bewusst, dass es jedoch ein „Prinzip“ ist, das Euch beherrscht; Eure feste Zurückweisung solcher, die auf andere Weise liebevoll in Christus mit Euch verbunden sind, hat das Ziel, ein Prinzip aufrechtzuerhalten.

Kreis(e) der Gemeinschaft

Nun, muss ein Prinzip, das derart unschriftgemäße Ergebnisse zeitigt, nicht in sich selbst völlig unschriftgemäß sein? Ich bitte Euch, in der Furcht Gottes und im Hinblick auf sein baldiges Kommen, dies zu bedenken, in feierlicher Erwartung seines Richterstuhls und der Ewigkeit. Ich kann nicht [weiter] schweigen; aber auch wenn es sich dabei um Böses handelt, wie Gottes Wort es bezeichnet [3Joh 5.10.11], klage ich nicht an, sondern ich mache mich aufrichtig vor Gott mit Euch eins, so wie ich es bei jeder Sorge täte, die Ihr sonst durchleidet. Die tatsächliche Wahrheit unseres Einsseins würde mich [immer] so handeln lassen. Nach den Prinzipien, die wir in der Liberty Street für schriftgemäß halten, seid Ihr nicht „außer Gemeinschaft“. Sind diese Geschwister in Euren Augen dafür zu tadeln? Handeln sie deshalb unschriftgemäß, weil sie Euch, meine Brüder, als dazugehörig betrachten?

Es ist gut, über schriftgemäße Grundsätze zu diskutieren. Ich nehme an, dass Ihr unsere Überzeugungen bezüglich fundamentaler Lehren der Schrift für zu liberal haltet; denn da gibt es eine Schriftstelle [2Joh 10.11], auf die man sich von Anfang an bezogen hat, die einen Grundsatz vorgibt, nach dem diese schmerzvollen Spaltungen angeblich notwendig wurden. Sie wird sowohl von anderen gegen Euch zitiert als auch von Euch gegen andere. Aber handelt Ihr konsequent nach diesem abgeleiteten Grundsatz, könnt Ihr das überhaupt? Wäre das wahr, hätte ein Gegner nur geringe Schwierigkeiten, jeden von Euch der Komplizenschaft mit den fundamentalsten Bosheiten der Christenheit zu überführen! Aus Angst vor dieser Komplizenschaft aber lasst Ihr uns nicht zum Mahl des Herrn zu. Es steht aber nicht geschrieben: „Nehmt ihn nicht beim Mahl des Herrn auf“, sondern es heißt: „Nehmt ihn nicht ins Haus auf.“ Habt Ihr das nie mit einem von uns getan? Und tut Ihr das nicht bereitwillig? Es steht nicht geschrieben: „Denn wer mit ihm das Brot bricht, nimmt teil an seinen bösen Werken“, sondern es heißt dort: „Denn wer ihn grüßt [eigentlich: Glück wünscht – der damals übliche Gruß], nimmt teil an seinen bösen Werken.“ Habt Ihr das nicht getan, tut Ihr das nicht fortwährend? Zeigt das nicht, dass Eure Schlussfolgerungen und Anwendungen dieser Schriftstelle absurd sind? Müssen sie nicht falsch sein, da Ihr gar nicht in der Lage seid, sie durchgängig einzuhalten und dabei ein gutes Gewissen zu bewahren?

Entgegen der Schrift – damals und heute

Es wäre weitaus schwieriger gewesen, unsere Überzeugungen – die von Gott waren, wie uns versichert wurde – gegen die Opposition praktisch aller Brüder aufrechtzuerhalten, gegenüber all den Brüdern, zu denen wir im Jahr 1894 als den begabtesten aufschauten. War es nicht so, dass alle diese geachteten und begabten Brüder nicht nur diese Grundsätze teilten, sondern nur zwei Jahre zuvor die, welche sie belehrten, dahin führten, diese Grundsätze zu akzeptieren? Wir haben keine neue Bewegung gegründet, sondern wir sind stillgestanden und haben versucht, unverändert zu bleiben, unseren Standpunkt nicht zu verändern; und das haben wir in Plainfield im Jahr 1892 auch unverhohlen kundgetan. Ich möchte solche, die sich daran erinnern können, auf ein höchst bemerkenswertes, bedeutendes Treffen von vor einundzwanzig Jahren hinweisen. Zwischen sechs- und siebenhundert Brüder aus allen Gegenden im Umkreis von tausend Meilen, Brüder mit in hohem Maß divergierenden Ansichten und Überzeugungen waren dort nach sechs Monaten Vorbereitung im Gebet zusammengekommen. Nach einigen Tagen der Beratung – bei größter Übung im Gebet – wurden sie zu einer übereinstimmenden Haltung gegenüber allen Christen geführt, und zwar nicht per Mehrheitsbeschluss, sondern in völliger Einmütigkeit, ohne dass sich auch nur eine einzige Gegenstimme erhoben hätte. Und selbst solche, die uns später dazu gebracht haben, diesen Schritt zurückzunehmen, konnten in jener Zeit nicht anders, als Gott öffentlich dafür zu danken, und sie hinterließen – so wie wir es heute sehen – den Ausdruck der Dankbarkeit über ihre eigenen Unterschriften sogar in gedruckter Form!

Ach, meine Brüder! Ich appelliere an die unter Euch, die wirklich Gott fürchten. War das nicht eine deutliche, ergreifende, gütige Antwort auf Gebete, Gebete, die viel zu heilig und wertvoll sind, um sie ohne wenigstens einen einfachen, klaren Beweis eines Fehlers zu verwerfen? Der Beweis müsste so deutlich, so unleugbar sein, dass er aus sich selbst – trotz aller Sorge und Demütigung, die damit verbunden wären – alle in die Pflicht nähme. Hätte nicht auch ein solcher Beweis, wenn er nach jener Konferenz ans Licht gekommen wäre, erneut dem Volk des Herrn auf dieselbe gnädige, christliche Weise vorgestellt werden müssen, um ihm dieselbe Gelegenheit geduldiger Beratung zu geben, wie es vorher geschehen war? Hätte dies nicht erneut das Bestreben ausgelöst, die „Einheit des Geistes im Bande des Friedens“ [Eph 4,3] zu bewahren, jene geschätzte Einmütigkeit zu erhalten? Niemand wird oder kann vollen Ernstes behaupten, dass dies oder irgendetwas dieser Art geschehen ist. Der deutliche Unterschied in den angewandten Methoden ist die Bestätigung dafür, dass es der Herr selbst war, der uns im Jahr 1892 geleitet hat und uns Antwort gab.

Von jenem Tag bis heute, während dieser vergangenen einundzwanzig Jahre, sind doch die folgenden Punkte mehr und mehr deutlich geworden. Noch einmal: In aller Demut des Geistes und indem ich von Herzen bekenne, dass ich den Widersinn meines Handelns fühle, mich auf diese Weise an Euch zu wenden, möchte ich doch meine Brüder um die Gnade bitten, unvoreingenommen darüber nachzudenken. Im Ausdrücken meiner Gedanken mag manche Unreife sein, selbst nach so vielen Jahren des Besinnens; aber über ihren Wahrheitsgehalt hege ich keinerlei Zweifel.

Als Erstes: In der Heiligen Schrift habe ich keinen Anhaltspunkt gefunden für das, was solche verfechten, die den Begriff „Kreis der Gemeinschaft“ [engl.: circle of fellowship] benutzen, und zwar in dem Sinn, wie dieser Begriff allgemein benutzt wird. Das ist wirklich die Wiederholung dessen, was wir um uns herum auf allen Seiten wahrnehmen und was wir [ursprünglich] verlassen haben: eine „Kirche“, zusammengesetzt aus verschiedenen „Kirchengemeinden“, eine Kirche von „Mitgliedern“, die durch etwas zusammengehalten werden, was sie von anderen Christen trennt und unterscheidet, wie die Kirchen der Episkopalen, Presbyterianer, Methodisten, Baptisten usw. Gott hat uns zu viel Licht und Erkenntnis geschenkt, als dass wir uns aufrichtig dazu bekennen könnten. Wir würden uns dadurch selbst verurteilen. Deshalb musste ein neuer Begriff erfunden werden, bei dem die Schuld und das Stigma des Denominationalismus, wenn möglich, vermieden würde, aber die Grundsätze, Grenzen, Einschränkungen und Regeln desselben dennoch erhalten blieben.

Konfusion

Die Folge davon ist nicht bloß die Trennung zwischen den Exklusiven Brüdern und den Offenen Brüdern im Jahr 1848, sondern auch weitere Spaltungen in Gruppen wie „Natural-History-Hall-Brüder“, „Park-Street-Brüder“, „Raven-Brüder“, „Stuart-Brüder“, „Grant-Brüder“, „Kelly-Brüder“, „Needed-Truth-Brüder“ und „Glanton-Brüder“. Und wer kann sagen (ich spreche voll Traurigkeit und keineswegs leichtfertig davon), wie viel Arten von Brüdern es gibt? Eine Verwirrung, die es schwierig macht, bei all dem überhaupt [noch] den Überblick zu behalten. Und jeder „Kreis“ wehrt sich gegen den Namen, den die anderem ihm geben – aber wodurch soll der Name ersetzt werden? Manche halten, ob mutig oder eher schüchtern, daran fest, „die Kirche“ oder der „einzige Ausdruck der Kirche“ zu sein; andere bilden Begriffe, die letztlich auf dasselbe hinauslaufen; andere schrecken davor zurück, wissen nicht, woran sie sich halten sollen, und sind still. Wenn dieser Kreis von Gemeinden nicht „die Kirche“ ist, was ist dann die Alternative? Was kann Kirche sein?

Es gibt sie, und sie ist eine Einheit. Sie hat ihre [biblisch] festgelegten Grenzen. Ganz gewiss muss das „die Kirche“ sein – oder wie würde die Heilige Schrift sie nennen?

Zwar halten manche im Wunsch nach einer dritten Alternative daran fest, dass sie nur der (oder ein) Überrest seien oder die (oder eine) kleine Herde – demütige Begriffe, die dazu dienen mögen, das protestierende Gewissen zu beruhigen und eine falsche Position annehmbar zu machen. Aber sind diese Barrieren kennzeichnend für den (oder einen) kleinen Überrest? Umschließen diese Grenzen ausschließlich die (oder eine) kleine Herde? Haben alle, die sich außerhalb befinden, keinen Teil, kein Los an diesen wertvollen Namen? Sind diese einfachen Begriffe nicht für den ganzen Haushalt der Gnade übergreifend? Kann eines dieser Bündnisse dies für sich beanspruchen? Würde jemand von ihnen zugeben, dass die anderen es sind?

Es mag manchen von uns krank machen, immer wieder auf die Widersprüche hinweisen zu müssen, die es bei anderen gibt, haben wir doch unsere eigenen Widersprüchlichkeiten. Es ist auch schwierig, immer wieder Widersprüche „herauszupicken“, handelt es sich dabei doch um eine schwache Art der Argumentation, wie sie unter Brüdern eigentlich wenig Platz finden sollte. Und doch: Mögen meine Brüder mir vergeben, wenn ich meine Verwirrung darüber zum Ausdruck bringe (die weithin von anderen geteilt wird) über die Klarheit einerseits, mit der sie alle Gläubigen über die göttliche Wahrheit belehren, und die absolute Verleugnung dieser Wahrheit in der Praxis andererseits.

Zum Beispiel lese ich in Help and Food aus der Feder des geschätzten Herausgebers:

Wir haben uns von der Sektiererei getrennt, um die allgemeine Gliedschaft aller Kinder Gottes in der Kirche, das ist der Leib Christi, zu bekennen.

Diese Worte müssen sicher mehr bedeuten, als der bloße Wortlaut schließen lässt. Niemand musste irgendeine der evangelikalen Benennungen nur verlassen, um „die Kinder Gottes anzuerkennen usw.“. Wir wissen, dass dies bei allen Evangelikalen heutzutage geschieht. Dies muss sich in wahrer Liebe ausdrücken, in einer freudigen Aufnahme in die Gemeinschaft und in einem frohen Ausdruck der Einheit bei der Feier des Herrenmahls.

Und doch gibt es Tausende von offenbaren „Kindern Gottes“, erwiesenermaßen Glieder des Leibes Christi, die, wenn sie sich – einander bei der Hand haltend – der gastfreundlich aufgehaltenen Tür nähern, diese Tür aber vor sich verschlossen vorfinden, seitdem sie sich der Umklammerung durch die „wahren Brüder“ entzogen haben; und das geschieht, ohne dass es einen Vorwurf der Gottlosigkeit oder Boshaftigkeit gäbe, der ihre Zurückweisung rechtfertigen würde!

In einer anderen Zeitschrift (Scripture Truth) lese ich:

Es gibt nichts in der Schrift, was klarer ist als das Vorrecht jedes wahren Gläubigen, im Gedenken an den Herrn das Brot zu brechen – jedes Christen, der seinen Weg aufrichtig und in Gottesfurcht geht [aus dem Artikel „Scriptural Fellowship in the Breaking of Bread“, Edward Cross, 5. Jg., 1913, S. 139].

Und nun bin ich in großer Verlegenheit, ob der Schreiber des ersten Zitats nicht von dem Schreiber des zweiten Textes exakt so behandelt würde, wie er selbst andere behandelt. Sein Christsein würde ihm freimütig zugestanden, ebenso dass er ein Glied Christi ist; dennoch fände er die Tür in diesem Kreis gegen sich fest verschlossen, in derselben Weise, wie er seine Tür anderen verschließt. Viele ähnliche Illustrationen könnte man geben, denn genau das ist es, was in diesen sich gegenseitig zerstörenden Gemeinschaftskreisen zur Geltung kommt.

Meine lieben Brüder! Was ist das (ich spreche in aller Einfalt und Aufrichtigkeit), was kann das anderes sein als ein Festhalten an der Wahrheit – das ist nicht die Frage –, aber ein Daran-Festhalten in Ungerechtigkeit, indem in der Praxis das Bekenntnis verleugnet wird. Kann irgendeine Spitzfindigkeit, irgendein geheimer Vorbehalt dies ändern, oder kann Er, mit dem wir es zu tun haben, getäuscht werden? Reicht es, das Gewissen zu wecken und jene gottesfürchtige Sorge, die Buße bewirkt (während nicht wirklich bereut wird), damit zu rechtfertigen, dass wir auf den heiligen und demütigen Pfad der „Vorsicht“ leiten, uns „selbst reinigen“, unserer „Entrüstung“, unserer „Furcht“, unseres „Strebens“, unseres „Eifers“ Ausdruck verleihen? Soll uns das, und nur das, „Klarheit in der Sache“ verschaffen? Ich bitte jeden Leser, dies für sich selbst [ernsthaft] zu bedenken.

Neutestamentliche Gemeinden

Die Gemeinden im Neuen Testament waren nur durch geographische Entfernung voneinander getrennt; sie umschlossen alle offenbaren Gläubigen, und sie ließen nur solche draußen bleiben, die unter schriftgemäßer Zucht als „Böse“ standen und denen keine Gemeinschaft, welcher Art auch immer, gewährt wurde. Und wenn ihr Betragen – wenn auch unordentlich – ein weniger ernsthaft böses war, wie in 2. Thessalonicher 3,14 angesprochen wird, wurde der private Umgang mit ihnen gemieden. Dennoch wurden sie weiterhin als wahre „Brüder“ behandelt, aufgenommen als zur Gemeinschaft der Christen gehörig und [zugelassen] zum Tisch des Herrn. Niemals gab es, wie es heute geschieht, jede Form von Gemeinschaft außer der am Tisch des Herrn. Die Lehre der Schrift bezüglich der Gemeindezucht wurde untergraben und in ihr Gegenteil verkehrt oder – mit anderen Worten – durch unsere Traditionen zunichtegemacht!

Und weiter: Weil die moderne Denomination (oder „Kreis der Gemeinschaft“ [engl.: circle of fellowship]) in der Schrift nicht vorkommt, bin ich mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt, dass die örtliche Gemeinde mit nicht weniger als göttlichem Einfluss, Kraft und Würde ausgestattet ist und dass sie allein, und nur sie, die Verheißung der Gegenwart des Herrn in ihrer Mitte hat, und dies bei äußerster Abhängigkeit der Versammelten von Ihm.

Deshalb sind die bloße Größe oder die vorhandene Intelligenz oder die [vorhandenen] Gaben oder der Wohlstand derer, die eine Gemeinde bilden – auch wenn Böses nicht vorhanden ist –, von keinerlei Bedeutung, weil [das Handeln] im Widerstreit zu der unbedingten Abhängigkeit vom Herrn ist. Zwei oder drei, versammelt zu Ihm hin, besitzen alle Quellen der ganzen Kirche [Gottes], und das heißt, sie verfügen über uneingeschränkte Gnade, Weisheit, Frieden und Kraft, um jeglicher Schwierigkeit begegnen zu können.

Solch eine Gemeinde steht nicht in Verbindung mit einer bestimmten Gruppe von Gemeinden, zusammengefügt durch irgendein Übereinkommen, ob nun wahr oder falsch, schriftgemäß oder nicht schriftgemäß, jedenfalls anders als durch den einfältigen und echten Glauben an Christus und die konsequente Innewohnung des Geistes Gottes. Ein solcher Zusammenschluss lässt keinen klaren Blick z.B. auf den Baptismus oder die kirchliche Leitung zu und genauso wenig auf das Anerkennen oder Verwerfen bestimmter Zuchthandlungen irgendwo. Nichts dergleichen war oder ist Grundlage christlicher Gemeinschaft. Aber es ist ganz sicher Teil einer sektiererischen Gemeinschaft.

Die örtliche Gemeinde als Leib Christi

In einer [biblischen] örtlichen Gemeinde ist der Herr Jesus Christus allein durch die „Glieder im Einzelnen“ [1Kor 12,27] als Haupt und als Quelle allen Segens der Gnade und des Friedens anerkannt. Deshalb benötigt sie keinerlei Hilfe von außen. Und wenn sie danach trachtet, in absoluter Abhängigkeit vom Herrn zu bleiben, dann kann man Zweifel und Verunehrung dessen, der in der Mitte selbst von zweien oder dreien weilt, vergessen. Sie kann von außen keine bessere Hilfe erfahren als von dem Christus, der mitten unter ihnen ist[2].

Außerhalb von sich selbst erkennen die Glieder [einer solchen Gemeinde] jeden anderen Christen irgendwo auf der Welt als Mit-Glied des einen, exakt desselben Leibes an. Sie haben dasselbe Haupt mit allen Pflichten, Verantwortlichkeiten und Vorrechten, die sich aus dieser Beziehung ergeben. Und so sind sie in Abhängigkeit von allen, und sie fühlen sich verpflichtet, „einander untergeordnet zu sein in der Furcht Christi“ [Eph 5,21]. Und in der Tat: In allen Fällen, wo das Wort „einander“ im Neuen Testament gebraucht wird, weiß man von keinerlei Begrenzung des ganzen Leibes. Das bedeutet „einander“ für sie; und alle sind „in Gemeinschaft“.

Denn da Christus das Haupt ist, und zwar nicht von mehreren Leibern, sondern von einem Leib, stellt jede örtliche Gemeinde nicht etwa einen Teil des Leibes Christi dar noch ist sie ein Mitglied am Leib Christi, sondern sie ist Leib Christi an jenem Ort, wo sie sich versammelt [1Kor 12,27]. „Ihr aber seid Christi Leib“ – nicht in der ganzen Welt, nicht in irgendeinem Land, noch nicht einmal in einer bestimmten Stadt, denn dort sind keineswegs alle versammelt, sondern einzig an jenem ganz bestimmten Ort, wo [eine Gemeinde] als „Versammlung in deinem Haus“ (Phlm 2) zusammenkommt; und das nur, weil sie im Prinzip alle mit einschließt, die durch Entfernung oder andere Umstände gehindert sind, dabei zu sein [1Kor 1,2].

Daraus ergibt sich dann, meine Brüder, dass wir niemals sagen sollten: „Wir sind in Gemeinschaft mit diesem Saal“ (wie z.B. National History Hall) oder „mit dieser Straße“ (z.B. 56th Street, New York) oder dieser „Stadt“ (z.B. Glanton). Nein, wir sind in Gemeinschaft mit allen Heiligen, wo auch immer sie als heilig im Wandel, durch Liebe zueinander sowie durch Reinheit in den grundsätzlichen Lehren anerkannt sind.

Hätten die Gläubigen, die zur Gemeinde in Korinth gehörten, wohl gesagt: „Wir sind in Gemeinschaft mit Rom“? Würde das nicht bedeutet haben, dass sie mit Christen anderswo, z.B. in Ephesus oder Philippi, nicht in Gemeinschaft waren?

Gemeinden sind also nicht in Gemeinschaft mit anderen Gemeinden als solchen, denn jede für sich ist Leib Christi und umschließt notwendigerweise alle, aus denen dieser Leib besteht; sondern Gläubige sind in Gemeinschaft mit Gläubigen.

Wenn wir nun von jemandem als „in Gemeinschaft“ befindlich sprechen, dann sollte das nicht bedeuten, dass er einem gewissen eng begrenzten Kreis angehört, sondern ganz einfach, dass wir ihn als einen wahren Christen anerkennen, der zu dem einen Leib gehört.

Es gibt – das müssen wir bedauerlicherweise zugeben – nur eine kleine Basis der Gemeinschaft, bedingt durch Überzeugungen bezüglich des Ritus oder wegen irgendeiner toten Lehre oder wegen Fragen der kirchlichen Verwaltung; aber es kann niemals Grundlage unseres Zusammenkommens sein, dass wir die ausschließen, die in diesen Punkten anders denken als wir selbst. Denn damit wären wir eine Sekte.

Eigentlich sind dies die einfachsten Axiome, und doch: Verleugnen wir diese nicht schon durch die Sprache, deren wir uns gewöhnlich bedienen? Und weiter: Lassen diese Axiome eigentlich nichts anderes zu, als dass wir die örtliche Gemeinde sowie die ganze Kirche Gottes anerkennen; was tut die Schrift anderes?

Unabhängigkeit?

Doch immer noch wird behauptet, dies sei „Unabhängigkeit“, und es würde zu jeder Form der Verwirrung führen, wenn die von einer Gemeinde ausgeübte Zucht nicht durch jede andere Gemeinde anerkannt würde.

Dies ist – erlaubt mir, das zu sagen – ein ganz und gar widerlegbarer Vorwurf, der sich dort als unerträglich erweist, wo man an der ausgewogenen Wahrheit der lebendigen Verbindung und gegenseitigen Abhängigkeit nicht von örtlichen Gemeinden, sondern aller einzelnen Glieder des einen Leibes festhält und sie nach 1. Korinther 12 auch praktiziert.

Somit ist zu sagen, dass die Grundsätze, die in der Liberty Street gelten, das genaue Gegenteil von Unabhängigkeit sind, deren wir beschuldigt werden. Denn es spielt überhaupt keine Rolle, wo Zucht ausgeübt wird. Solange sie durch anerkannte, als Mit-Glieder des einen Leibes erwiesene Geschwister geschieht, erkennen wir sie bedingungslos als eigenes Handeln an. Wir sind davon überzeugt, dass dies dann auch als Handeln aller (ich rede von dem Normalfall) akzeptiert werden sollte. Dadurch erhalten sie ihre Einheit, gegenseitige Abhängigkeit, ihr Vertrauen zueinander, ihre Gemeinschaft, nicht mit einer Partei oder einem bestimmten „Kreis“, auch nicht nur mit bestimmten Gemeinden, sondern mit jedem einzelnen Glied des ganzen Leibes.

Andererseits jedoch glauben wir, dass es von ausgesprochen antichristlichem Geist spräche, wenn wir unsere Handlungen und Entscheidungen unter Androhung der Exkommunikation unseren Brüdern anderswo aufzwingen wollten. Bei all dem sind wir doch sehr fehlbar, ist doch unsere Abhängigkeit [vom Herrn] sehr ungenügend, indem wir unsere Überzeugungen und unser Vornehmen [oftmals] über den Willen des Herrn stellen. Und deshalb halten wir es für richtig, dass unsere Brüder die Rechtmäßigkeit dessen hinterfragen, was wir getan haben mögen, wenn sie einen guten Grund (selbst aus ihrem Blickwinkel) sehen. Und wir sollten ihren brüderlichen Rat dankbar erwägen. Bei gemeinsamer Demütigung vor Gott läge darin die Chance zur Einmütigkeit.

Überzeugt Euch das nicht schon, meine Brüder? Aber was wird dann im Licht der Heiligen Schrift aus dem Hauptvorwurf der „Unabhängigkeit“, durch den so viele von Euch verängstigt wurden und noch sind? Muss das nicht eher dem Grundsatz eines bestimmten Gemeinschaftskreises angelastet werden, der sich allein „in Gemeinschaft“ wähnt, wenn Ihr das einmal folgerichtig, logisch und redlich überdenkt? Warum solltet Ihr, nein warum dürftet Ihr irgendwelche Zuchtmaßnahmen derer respektieren, die Ihr hinausgetan habt und die Ihr für „außerhalb der Gemeinschaft“ haltet? Stehen diese nicht alle selbst unter Zucht der schwersten Art? Denn es steht geschrieben: „Tut … von euch selbst hinaus“ – wen? Nur „den Bösen“ [1Kor 5,13]. Ist es das, was Euch veranlasst hat, uns Eurem Grundsatz gemäß hinauszutun und draußen zu halten?

Unterschiedliche Beurteilungen

Aber selbst wenn, wie so häufig in der Vergangenheit, wiederum Fälle vorkämen, dass Ihr vermuten könntet, dass Leute an einem Ort empfangen, an einem anderen aber abgewiesen wurden – dann würde das nur beweisen, dass es im Volk Gottes immer noch Sünde und Schwachheit gibt. Es wird immer wieder möglich sein, dass eine kleine Gemeinde in einer schwierigen Angelegenheit und vielleicht noch in anderen Angelegenheiten zu bestimmten [fragwürdigen] Entscheidungen gelangt. Ein beherrschender Geist oder ein starker Wille oder beides zusammen können zu einem Zerwürfnis führen, während der eine Geist Gottes immer zusammenbringt. Da kommt es zu der tiefen Übung, sich zu „befleißigen, die Einheit des Geistes zu bewahren“, nicht der großen Mehrheit noch der führenden Geister, sondern „in dem Band des Friedens“ [Eph 4,3]. Ich kann es nicht besser sagen, als dass ich den von uns allen hochgeschätzten F.W. Grant zitiere:

Angenommen, dass es unnormal ist, wenn jemand in einer Gemeinde aufgenommen und in einer anderen abgewiesen wird, ist es dann nicht besser, im Warten auf Gott nach dem richtigen Mittel zu suchen, uns zu unseren Sünden zu bekennen, derentwegen Er uns gedemütigt hat, anstatt weltweit eine vollständige Spaltung durchzusetzen?

Wenn ich solche, denen ich besonders nahestand, direkter anspreche, dann bedeutet das nicht, dass ich etwa andere Gläubige ignoriere, die möglicherweise ihnen gegenüber dieselbe Haltung einnehmen, wie diese es anderen gegenüber tun: Aus denselben Wurzeln kommt dieselbe Frucht hervor. Ich schreibe auf diese Weise, damit dieser Aufruf nicht etwa nur an einige wenige führende Personen gelangt (wobei ich diese nicht geringschätzen möchte), sondern zu allen, die daran interessiert sind, wo auch immer sie sein mögen.

Sind wir inzwischen apathisch oder gar gleichgültig?

Aber ach! Nicht zuletzt ist es ein sehr niederdrückendes Merkmal, dass so wenig Interesse [an diesem Thema] zu bestehen scheint. Eine Art apathische Verzweiflung macht sich unter uns breit, die die Gewissen abstumpfen lässt, indem man klar zum Ausdruck bringt:

Lasst uns das Beste daraus machen, denn Wiederherstellung ist einfach nicht möglich. Lasst uns einander, wo auch immer, nach der Schrift als Christen behandeln, während unsere besondere Einheit nach der Schrift [1Kor 10] im Mahl des Herrn ausgedrückt wird. Wir wollen uns bemühen weiterzumachen, so als ob alles in Ordnung und nichts Ernstliches geschehen wäre. Lasst uns die Jungen und solche, die seit 1895 dazugekommen sind, so gut wie möglich im Dunkeln halten und jede Art geistlicher Übung [im Keim] ersticken.

Hat Gott denn diese Sache so im Dunkel gelassen, dass sie nicht beurteilt werden kann? Wird das ein gutes Gewissen beruhigen? Wird das als Antwort an Ihn ausreichend sein? Wird dadurch Ungehorsam entschuldigt? Oder hat die Trennung von Gläubigen am Ende so wenig Konsequenzen – so viel weniger, als wir zu Zeiten gedacht haben –, dass wir uns bemühen dürften, daraus das Beste zu machen? Verunehren die Trennungen solcher, deren typisches Zeugnis in der Einheit [der Gläubigen] besteht oder bestand, nicht weiter den Herrn, oder sind die Nachfragenden ein Stein des Anstoßes? Fühlen wir uns ganz wohl dabei, dies als unser Vermächtnis der jüngeren Generation zu hinterlassen als unseren Beitrag zu den weit größeren Schwierigkeiten, die auf sie zukommen werden? Ist eine solche Trennung nicht immer noch Sünde, wirkliche Sünde? Wie können wir das Beste aus dieser Sünde machen, ohne davon abzulassen? Ist es nicht gut für alle, Junge wie Alte, wegen dieser Sünde in Übung zu kommen? Ist es etwa besser, solche Übung zu unterdrücken? Oder ist es nicht besser, sie zu fördern?

Worin liegt denn der Unterschied zu den bekannten Benennungen? Sind sie nicht dazu geworden, weil ihre Verteidigung darin bestand, „das Beste daraus zu machen“? Ach, wie wiederholt sich doch diese traurige Geschichte, erschien doch vor kurzem ein Artikel, in dem genau zu diesem Zweck das Bibelwort in unerhörter Weise missinterpretiert wurde: „Denn es müssen auch Parteiungen unter euch sein!“ [1Kor 11,19]. Als ob damit wirklich Trennungen überall gerechtfertigt würden, anstatt deutlich zu machen, dass diese nur aus dem einen Grund notwendig wurden, weil wir „fleischlich sind und nach Menschenweise wandeln“ [1Kor 3,3], wie es in Korinth der Fall war. Ich bin mir aber sicher, dass nur wenige, für die ich schreibe, diese fehlerhafte Anwendung [dieser Schriftstelle] billigen.

Mit aller Geisteskraft, derer ich fähig bin, würde ich die Frage stellen: Warum sollten wir nicht damit zufrieden sein, Leib Christi zu sein, nicht weniger und nicht mehr, und zwar am jeweiligen Ort der Gemeinden? Bewahren wir die lokale Versammlung in Abhängigkeit vom Herrn vor jeglicher Art des Bösen (immer mit dem Selbstgericht beginnend), und zwar im Grundsatz wie in der Praxis, nehmen wir alle offenkundigen „Glieder voneinander“ [Eph 4,25] bei uns auf, und halten wir alles, was antichristlich ist, draußen. Wenn wir das tun, wird keine Gesandtschaft für England benötigt werden, niemand wird deswegen den Ozean überqueren müssen noch wird man Geld für eine Briefmarke ausgeben müssen. Wenn wir Gottes Wort aufnehmen, das uns zu jeder Zeit nahe ist, „in unserem Mund und auf unseren Herzen“ [Röm 10,8], und wenn wir Ihm augenblicklich und ganz selbstverständlich gehorchen, indem dadurch unvermeidbar Grenzen gegen Gläubige fallen und alle „in Gemeinschaft“ sind, dann werden die Grenzen gegen Bosheit aller Art durch die Hände der Brüder und unter Mithilfe von Brüdern befestigt, repariert und erhöht. Wir werden Seite an Seite und Herz mit Herz wirken.

Der Untergang der Kirche als Zeugnis – Bethesda und der „Brief der Zehn“

Es stimmt, dass dies das Bekenntnis nach sich zieht, dass der Zustand der Kirche als Zeugnis unwiederbringlich ruiniert ist. Wir befinden uns eindeutig innerhalb dieser Kirche, sind ein Teil von ihr, wodurch sich der Anspruch verbietet, etwas aufbauen zu können, was sich anmaßt, Kirche sein zu müssen. Oder wir müssen bekennen, eine Sekte zu sein. Würde Letzteres es weniger wahrscheinlich machen, dass es wahr ist?

Darf ich Dich, mein lieber Leser, ganz persönlich ermahnen (so wie ich selbst der Ermahnung bedarf), „stark und mutig“ [Jos 1,6] zu sein, indem Du Dich erinnerst, dass ein jeder von uns am Ende „für sich selbst Gott Rechenschaft geben“ [Röm 14,12] muss? Niemand kann das für den anderen tun. Lasst uns nicht übermäßig beunruhigt werden durch Hinweise auf „Bethesda“ oder durch den „Brief der Zehn“ – seit langem abgedroschene Schlagworte. Ich bin nicht umsonst damit befasst gewesen, als dass ich dem nicht größeren Raum eingeräumt hätte; vielmehr habe ich es. Aber ich glaube, dass aller guter Wille des Herzens und Gewissens nicht vorbehaltlos dem zustimmen kann, was in einem Brief von zehn Personen aus dem Jahr 1848 geschrieben wurde (wobei manche behaupten, dass etwas so gemeint sei; andere erklären, dass etwas anderes gemeint sei, wobei niemand genau weiß, was eigentlich gemeint ist). Das kann unmöglich eine sichere göttliche Grundlage sein, den Weg eines einfachen Gläubigen in der heutigen Zeit zu bestimmen; und noch weniger kann dadurch offensichtlich vorhandener klarer Ungehorsam gegenüber unzweideutigen Schriftaussagen entschuldigt werden. Der Brief ist nicht Gottes Wort, Bethesda ist nicht Christus! Können wir nicht jeglicher Gefahr entrinnen, wenn wir uns an die Schrift halten und den Brief außer Acht lassen, indem wir uns mehr mit Christus beschäftigen und Bethesda ignorieren?

Wenn wir den gegenteiligen Weg einschlagen und „Bethesda“ sowie der „Brief der Zehn“ als Furcht verbreitende Schlagworte benutzt werden, müssen wir uns nicht wundern, wenn dies auch zum gegenteiligen Ergebnis führt, indem wir das Wort Gottes durch unsere Tradition wirkungslos machen? War das nicht lange genug der Fall?

Schlussbemerkungen

Ich will zum Schluss kommen, liebe Brüder. Wir alle werden ganz sicher zuletzt in einer bewiesenen Einheit zusammenkommen. Niemand wird dann versuchen, jemanden von der Gegenwart des Herrn noch von dem Hochzeitsmahl des Lammes auszuschließen. Und dann wird sich zeigen, ob jene Grundsätze, die so häufige und schmerzvolle Trennungen von Mitheiligen erzwungen haben von solchen, die Glieder desselben Leibes sind, ob diese Grundsätze Gold, Silber oder wertvolle Steine der Treue zur göttlichen Wahrheit waren oder ob sie Holz, Heu, Stroh [1Kor 3,12], Stoppeln missverstandener Ableitungen, falscher Anwendung waren, die aus der logischen Folge laodizeischer Gleichgültigkeit und Apathie entstanden.

Doch nun kommt mir der Gedanke der Züchtigung: Wir alle werden dort sein; und es wird nicht darum gehen, dass wir uns gegenseitig richten, sondern wir werden vor einem Richterstuhl offenbar werden. Und – wenn ich noch einmal auch für andere sprechen darf – wir verschließen schon bei dem Gedanken an die vielen eigenen Fehler und die sich daraus ergebende Ernte von „Holz, Heu, Stroh“ den Mund, bevor wir uns hier jegliches Urteil über unsere Brüder anmaßen. Ganz im Gegenteil: Ich brauche von ihnen viel, viel mehr, als was ich ihnen jemals geben könnte. Sollten wir uns deshalb nicht austauschen, wann und wo es immer noch möglich ist, damit wir das, von dem wir glauben, dass es „Holz, Heu, Stroh“ ist, umwandeln in „Gold, Silber, wertvolle Steine“? Ganz sicher stünde das nicht im Widerspruch zum Geist Christi.

Zuletzt versichere ich Euch, dass ich zu diesen Zeilen einzig durch diesen Wunsch angespornt wurde, in der Überzeugung, dass das von mir Geschriebene wahr ist und dass es zugleich in aufrichtiger Liebe zu Christus und in brüderlicher Sorge um alle meine Brüder geschrieben wurde.

Zuletzt bringe ich Gott aufrichtig Lob und Dank für das göttliche Band brüderlicher Liebe, das durch all unsere Fehler und Torheiten nicht zerrissen werden kann. Und so freue ich mich, dass ich durch die gewaltige Gnade Gottes diesen Brief selbst unterschreiben kann.

In Christus, der dieses Band gemacht hat und der dieses Band ist, bleibe ich Euer Bruder

F.C. Jennings
Plainfield, New York, August 1913

PS.: Nachdem wir die Korrekturfahnen des obigen Textes gelesen und den Inhalt vollständig zur Kenntnis genommen haben, möchten wir unsere Gemeinschaft zum Ausdruck bringen, indem wir dem Geschriebenen zustimmen.

E.G. Mauger
Nicholas Mauger
W.R.H. Hardingham

 

Anmerkungen

[1] Wir sind uns ganz sicher, dass das Hinaustun von jemandem, der nur verunreinigt wurde, absolut unschriftgemäß ist, eine wirkliche Auswirkung von Pharisäertum. Es ist die Einführung dieses Irrtums als Prinzip, wodurch Sünde, Leid und Schande eingedrungen sind. Verunreinigung, ja sogar das Fallen in Sünde, geben zuerst Anlass zu [geistlicher] Übung, Selbstgericht, sodann zur liebevollen Fußwaschung [Joh 13,6-10] und zur Wiederherstellung [Gal 6,1]. Dagegen ist Boshaftigkeit, der unkontrollierbare Wille des Fleisches im Handeln gegen Gott, ohne Gnade hinauszutun.

[2] Was natürlich nicht bedeutet, dass der Dienst am Wort Gottes durch einen seiner Diener behindert wird.


Originaltitel: „A Last Appeal“
Die Ergänzungen in [eckigen] Klammern wurden vom Übersetzer hinzugefügt.

Übersetzung: Hans-Robert Klenke


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