„Alle Heiligen“
Epheser 3,18

Edward Dennett

© CSV, online seit: 23.02.2019, aktualisiert: 25.02.2019

Leitverse: Epheser 3,18

Eph 3,14.18: Ich beuge meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus…, damit ihr völlig zu erfassen vermögt mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Höhe und Tiefe sei.

Es gibt zwei Wege, auf denen wir in eine sektiererische Stellung geraten können:

  1. Wir können einen ausgesprochen sektiererischen Boden einnehmen, indem wir uns nur mit solchen Gläubigen verbinden, mit denen wir in gewissen Fragen der Lehre oder der Verwaltung der Versammlung erklärtermaßen übereinstimmen.
  2. Oder wir können sektiererisch werden in unseren Gefühlen, indem wir – während wir bekennen, den Boden der Versammlung Gottes einzunehmen – unsere Gedanken, Interessen und Zuneigungen auf die wenigen einengen, mit denen wir in Gemeinschaft sind. In beiden Fällen werden die Gedanken Gottes völlig verfehlt. Einige Beispiele aus der Schrift sollen diesen Gedanken erklären und rechtfertigen.

Als der aus Babylon zurückgekehrte Überrest nach anfänglicher Nachlässigkeit und Untreue schließlich durch die Weissagung Haggais, des Propheten, und Sacharjas, des Sohnes Iddos, den Bau des Hauses Gottes vollendet hatte, kamen sie zusammen, „die Kinder Israel, die Priester und die Leviten und die übrigen Kinder der Wegführung“, und „feierten die Einweihung dieses Hauses Gottes mit Freuden“ (Esra 6,14-16). Diese „Kinder Israel“ waren eigentlich nur ein schwacher Überrest aus den zwei Stämmen Juda und Benjamin, neben den Priestern und Leviten. In einem solchen Augenblick wäre die Versuchung groß gewesen, ihre Brüder zu vergessen oder gar auszuschließen, die dem Aufruf des Cyrus nicht gefolgt waren und die sich nicht mit ihnen vereinigt hatten, in das Land ihrer Väter zurückzukehren, das Land, das ihnen der Herr, ihr Gott, gegeben hatte. Sie wollten lieber in Babylon bleiben, statt gemeinsam mit denen, „deren Geist Gott erweckte“ [Esra 1,5], die Gefahren der Pilgerreise auf sich zu nehmen sowie die Gefahren, die mit ihrem Wohnen im Lande in Verbindung standen, das jetzt im Besitz und unter der Gewalt ihrer Feinde war. Hätte das nicht Anlass zu der Meinung geben können, dass sie ihren Platz und ihr Anrecht unter dem Volke Gottes verloren hatten? Ein Geist der Härte mochte wohl so geurteilt haben, aber dieser arme, schwache Überrest, in welchem Zustand er sich auch immer befand, war im Besitz der Gedanken Gottes, und infolgedessen opferten sie bei diesem Fest der Tempelweihe zusätzlich zu den anderen Opfern „zum Sündopfer für ganz Israel zwölf Ziegenböcke, nach der Zahl der Stämme Israels“ (Esra 6,17).

Das Herz Gottes umfasste alle Kinder Israel, denn Er hatte sie nicht auserwählt aufgrund dessen, was sie waren, sondern weil Er sie liebte und aufgrund Seiner Treue gegenüber dem Eid, den Er ihren Vätern geschworen hatte (5Mo 7,7.8). Deshalb waren sie immer noch Sein Volk trotz ihrer Untreue und wo immer sie auch auf dem Erdboden zerstreut waren. So war es in wahrer Übereinstimmung mit dem Herzen Gottes, dass ganz Israel in dem Sündopfer an jenem Tage vertreten war. Wäre es anders gewesen, hätten diese Kinder der Gefangenschaft ihre Brüder vergessen und wären sie der Versuchung erlegen zu denken, dass sie allein die Gegenstände der Gedanken und Ratschlüsse Gottes seien, dann wären sie eine Sekte gewesen. Sie wären eine Sekte gewesen, obwohl ihre gegenwärtige Stellung in einem gewissen Maße ein Beweis ihres Gehorsams und ihrer Treue war. Es wurde schon oft bemerkt, dass, während die Füße auf einem schmale Pfade wandeln müssen, das Herz niemals verengt sein darf.

Wir wenden uns nun einer anderen Szene zu, und zwar in den Tagen Elias, einem der dunkelsten Augenblicke in der Geschichte Israels. Aber sie liegt zeitlich vor der soeben betrachteten. Unter der Regierung Ahabs, der duldete, dass sein Weib Jesebel einen starken götzendienerischen Einfluss ausübte (vgl. Off 2,20), war Israel von Jehova abgefallen. Es gab allerdings siebentausend, die Gott kannte, die ihre Knie vor dem Baal nicht gebeugt hatten. Aber Elia war der einzige noch übrige öffentliche Zeuge der Wahrheit Gottes. In der Energie des Geistes Gottes trat er den Götzendienern und den götzendienerischen Propheten des Baal gegenüber und forderte sie heraus, ihren Glauben und den Namen ihres Gottes zu rechtfertigen. Von morgens bis abends opferten und beteten diese bösen Propheten, und als Beweis ihrer Hingabe „riefen sie mit lauter Stimme und ritzten sich nach ihrer Weise mit Schwertern und mit Lanzen, bis sie Blut an sich vergossen. Und es geschah, als der Mittag vorüber war, da weissagten sie bis zur Zeit, da man das Speisopfer opfert; aber da war keine Stimme und keine Antwort und kein Aufmerken“ [1Kön 18,28.29]. Jetzt kam die Reihe an Elia, der, wie noch einmal betont sei, in Bezug auf das öffentliche Zeugnis allein war – allein angesichts solcher, die ängstlich mit dem Zeitgeist liefen, solcher, die auf beiden Seiten hinkten, und offen Abtrünniger. Seine erste Handlung bestand darin, den Altar des Herrn, der zerstört war, wieder aufzubauen. Der Zustand des Altars war der Beweis für den Zustand des Volkes. Beachten wir nun die weitere Handlung. „Und Elia nahm zwölf Steine, nach der Zahl der Stämme der Söhne Jakobs, zu welchem das Wort Jehovas geschehen war, indem er sprach: Israel soll dein Name sein! Und er baute von den Steinen einen Altar im Namen Jehovas“ (1Kön 18,21-32). Es hatte noch keine so dunkle Zeit gegeben, und es war auch sicherlich eine Zeit, in der ein Knecht Gottes in Versuchung geraten konnte, völlig zu verzweifeln, wie es auch bei Elia im nächsten Kapitel der Fall war. Aber hier, wo er noch dem Feind entgegentrat und aufrechterhalten wurde durch die Kraft des Heiligen Geistes, war er fähig, in Gott und Seiner Treue zu ruhen und so in seinem Glauben und in seinem Herzen alle zwölf Stämme zu umfassen.

Der Mann des Glaubens kann niemals aufgeben, was Gott nicht aufgibt. Deshalb muss er trotz Rebellion, ja sogar trotz des Abfalls das ganze Volk Gottes sehen. Erfüllt mit den Gedanken Gottes wird er sich auf diesem Boden bewegen. Würde er, und sei es auch ungewollt, einen engeren Boden einnehmen, wäre er in seinen Gefühlen und Erfahrungen ein Sektierer.

Es sei hinzugefügt: Solange wir in Übereinstimmung mit dem Herzen Gottes bezüglich Seines Volkes bleiben, gibt es keinen Raum für Mutlosigkeit, selbst in der größten Verwirrung und im Abweichen von der Wahrheit. Sein trauriger Zustand wird dann nur zum Ansporn, Ihm beständig zu dienen, sei es in Arbeit oder Gebet.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel: Als Paulus vor Agrippa „für sich selbst redete“ [Apg 26,1], sagte er: „Und nun stehe ich vor Gericht wegen der Hoffnung auf die von Gott an unsere Väter geschehene Verheißung, zu welcher unser zwölfstämmiges Volk, unablässig Nacht und Tag Gott dienend, hinzugelangen hofft“ (Apg 26,6.7). Wie anders sah die Lage aus, wenn man sich die zwölf Stämme ansah, wie sie zu der Zeit wirklich und praktisch waren! Zehn Stämme waren verloren, und die zwei Stämme, die aus Babel zurückgekehrt waren, hatten ihren Messias gekreuzigt und versuchten nun, den Tod Seines Dieners Paulus zu betreiben! Der Glaube jedoch sieht sie alle. So waren auch in der Wüste, wie auch der moralische Zustand des Lagers war, immer zwölf Brote in geordneter Schönheit, mit Weihrauch bedeckt, auf dem goldenen Tisch im Heiligtum vor dem Herrn (3Mo 24). Nur der Glaube geht in die Gedanken und Absichten Gottes ein und sieht sie, wie sie vor Seinem Auge bestehen.

Wenn wir nun an das Schriftwort in unserer Überschrift denken, finden wir denselben Grundsatz. Der Apostel betet, dass die Epheser erfassen möchten mit allen Heiligen, was die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei usw. Da mag es Abweichen von der Wahrheit geben, alle in Asien mögen sich von ihm abgewandt haben. Demas mag ihn verlassen haben, weil er den gegenwärtigen Zeitlauf liebgewonnen hat; die Korinther mögen davor stehen, seine apostolische Autorität zu verwerfen; aber trotz allem kann er nicht, weil er in Übereinstimmung mit dem Herzen Gottes ist, einen einzigen Heiligen Gottes übersehen. So schüttet er seine Bitten, gewirkt und ausgedrückt in der Kraft des Heiligen Geistes, für sie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus aus. Gott selbst umfasst alle Seine Kinder in Seinem liebenden Herzen, in Seinem Verlangen nach ihrem Wachstum und Fortschritt, in Seinem beständigen, zärtlichen Dienst der Gnade, und so tut der Apostel dasselbe.

Die Belehrung ist offensichtlich. Auch wir müssen gleicherweise alle Heiligen in unseren Zuneigungen und Gebeten umfassen. Und in Tagen, wo die Versuchung zu einer engen Sichtweise groß ist, ist es desto nötiger, dies zu betonen. Aber man möge beachten, dass es Weite des Herzens ist, die wir fordern, nicht die Erweiterung unseres Pfades. In beiden Dingen ist Christus selbst unser Vorbild. Wenn wir einander lieben sollen, wie Er uns geliebt hat (Joh 15,12), so sollen wir auch so wandeln, wie Er gewandelt hat (1Joh 2,6).

Mögen diese beiden Dinge in zunehmendem Maße von uns verwirklicht werden – zur Ehre des gepriesenen Namens unseres Herrn und Heilandes!


Originaltitel: „Alle Heiligen“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1987, S. 295–300.
Engl. Originaltitel: „All Saints. Eph. 3:18“
aus The Christian’s Friend and Instructor, Bd. 9, 1882, S. 309ff.


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...