Stephanus – Vorbild für wahres Christentum
Apostelgeschichte 7,55-60

Charles Henry Mackintosh

© SoundWords, online seit: 08.10.2016, aktualisiert: 18.07.2017

Leitverse: Apostelgeschichte 7,55-60

Es gibt zwei Tatsachen, die das Christentum kennzeichnen und es von allem unterscheiden, was vorher bestand:

  1. Der Mensch ist verherrlicht im Himmel,
  2. und Gott wohnt im Menschen auf der Erde.

Wie wunderbar und herrlich! Wenn wir diese Wahrheiten verstehen, so werden sie sicher einen kräftigen Einfluss auf unsere Herzen und unser Leben ausüben.

Diese Tatsachen setzen voraus, dass die Erlösung vollkommen vollbracht ist und der Erlöser seinen Platz zur Rechten der Majestät in den Himmeln eingenommen hat. Nachdem dies geschehen ist, sehen wir zum ersten Mal einen Menschen auf dem Thron Gottes.

Die zweite Tatsache, dass der Heilige Geist im Menschen auf der Erde wohnt, ist eine notwendige Folge der ersten. In der alttestamentlichen Haushaltung war dies unbekannt. Was wusste Abraham von einem verherrlichten Menschen im Him­mel? Keiner jener Heiligen wusste davon etwas. Und wie wäre dies auch möglich gewesen? Kein Mensch befand sich auf dem Thron Gottes im Himmel, bevor Jesus seinen Platz dort ein­genommen hatte; und solange Er nicht verherrlicht im Himmel war, konnte der Heilige Geist nicht im Menschen auf der Erde Wohnung machen. „Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Dies aber sagte er von dem Geist, den die an ihn Glaubenden empfangen sollten; denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war“ (Joh 7,38.39). „Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch nützlich, dass ich weggehe, denn wenn ich nicht weggehe, wird der Sachwalter nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden“ (Joh 16,7). Diese Stellen verbinden die beiden Tatsachen ganz bestimmt miteinander. Christus ist verherrlicht im Himmel, und der Heilige Geist wohnt in uns auf der Erde. Eine Tatsache ist von der anderen abhängig, und beide zusammen bilden die zwei großen Kennzeichen des herr­lichen Christentums, das im Evangelium Gottes offenbart ist.

Der größte Teil des Kapitels befasst sich mit der Geschichte Israels von der Berufung Abrahams bis zur Kreuzigung Christi. Am Ende seiner Rede wandte sich Stephanus an die Gewissen seiner Zuhörer, deren Wut sich mit jedem Augenblick gesteigert hatte. „Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn“ (Apg 7,54). Hier sehen wir die Wirkung einer Religiosität ohne Christus. Diese Leute waren die Beschirmer des Gottesdienstes und die Führer des Volkes. In ihrer Feindseligkeit erblicken wir das schreckliche Muster eines Gottesdienstes ohne Gott und ohne Christus, während wir in Stephanus die herrliche Entfaltung des wahren Christentums sehen. Sie waren mit fanatischer Feindschaft und Wut erfüllt, während er voll des Heiligen Geistes war; sie knirschten mit ihren Zähnen, während sein Antlitz dem eines Engels glich. Welche Gegensätze!

Apg 7,55.56: Als er aber, voll Heiligen Geistes, unverwandt zum Himmel schaute, sah er die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen; und er sprach: Siehe, ich sehe die Himmel geöffnet und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen!

Hier sehen wir also die beiden Tatsachen in einem Menschen, wie wir sind, verwirklicht. Stephanus war voll Heiligen Geistes und sein Blick war unverwandt auf den verherrlichten Men­schen im Himmel gerichtet. Das ist das Christentum, das ist der wahre Zustand eines Christen. Es ist ein Mensch, der, voll Heiligen Geistes, mit dem Auge des Glaubens zum Himmel emporschaut und sich mit einem verherrlichten Christus beschäftigt. Das ist und bleibt unser Maßstab, wie wenig wir auch diese unsere Stellung verwirklichen mögen. In dieser Beziehung müssen wir uns sicher tief demütigen; aber dennoch bleibt es der göttliche Maßstab und jeder wahrhaft Gläubige ist mit nichts Geringerem zufrieden. Es ist das glückselige Vorrecht eines jeden Christen, voll des Heiligen Geistes zu sein und das Auge des Glaubens auf den verherrlichten Menschen im Him­mel zu richten. Die Erlösung ist vollbracht, die Sünde zunichtegemacht; die Gnade herrscht durch die Gerechtigkeit. Es ist ein Mensch auf dem Thron Gottes; der Heilige Geist ist auf die Erde hinabgestiegen und hat in dem Gläubigen besonders und in der Versammlung insgesamt seine Wohnung aufgeschlagen. Dies sind Wahrheiten von großem praktischen Nutzen und mächtigem Einfluss, wie wir dies deutlich in der Geschichte des Märtyrers Stephanus wahrnehmen.

Man kann unmöglich die letzten Verse unseres Kapitels lesen, ohne die mächtige und herrliche Wirkung zu sehen, die die Person hervorruft, auf die sein ganzes Auge gerichtet ist. Die schrecklichsten Gefahren umringen ihn; gleich blutdürstigen Tigern stürzen seine Feinde über ihn her; die Steine zerschmet­tern seinen Körper. Der Tod steht in der schrecklichsten Gestalt vor seinen Augen; doch nicht die Umstände beherrschen ihn, sondern die himmlischen Dinge, die er schaut. Sein Auge ist unverwandt aufwärts zum Himmel gerichtet und dort sieht er Jesus. Die Erde verwirft ihn, wie sie vorher seinen Herrn verworfen hat; aber der Himmel öffnet sich ihm, und in den geöffneten Himmel hineinschauend fängt er die Strahlen der Herrlichkeit Gottes auf und reflektiert sie. Wie herrlich! Ste­phanus war nicht nur über alles, was ihn umringte, erhaben, sondern er war auch fähig gemacht, seinen Mördern die Gnade und Güte Jesu zu offenbaren. Ja, wahrlich, der höchste Aus­druck des himmlischen Christentums steht hier der finstersten und entsetzlichsten Offenbarung der religiösen Feindschaft gegenüber.

Apg 7,57-60: Sie schrien aber mit lauter Stimme, hielten sich die Ohren zu und stürzten einmütig auf ihn los. Und als sie ihn aus der Stadt hinausgestoßen hatten, steinigten sie ihn …; der betete und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!

Welch eine Gleichförmigkeit mit dem Bild Christi! Wie der sterbende Heiland bittet auch Stephanus für seine Feinde. An­statt an seine eigenen Leiden zu denken, denkt er an andere und betet für sie. Was seine Person angeht, ist alles wohlgeord­net. Sein Auge ist auf die Herrlichkeit gerichtet, und der Ab­glanz dieser Herrlichkeit strahlt nun von ihm aus. Sein Antlitz glänzt von dem Licht dieser Herrlichkeit, in die er bald ein­treten soll, und er ist imstande, durch die Kraft des Heiligen Geistes seinem Herrn und Meister zu folgen. Nach­dem er für seine Feinde gebetet hat, kann er auf dieser Erde nichts weiter tun, als das Auge vor einem Platz des Elends und des Todes zu schließen, um es in einer Stätte ewiger Freude und Herrlichkeit zu öffnen.

Lieber Leser! Bedenke wohl, dass dies das wahre Christentum ist. Es ist das gesegnete Vorrecht des Christen, voll Heiligen Geistes zu sein, von sich selbst und von allem, was ihn umgibt, wegzusehen, seinen Blick unverwandt gen Himmel zu richten und mit dem verherrlichten Menschen Christus Jesus beschäftigt zu sein. Dem, auf welchem das Auge ruht, gleichförmig zu sein, ist die unausbleibliche Folge – gleichförmig im Geist, im Wandel und im ganzen Charakter. „Wir alle, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden ver­wandelt nach demselben Bild“ (2Kor 3,18). So war es bei Stephanus. Also wird es auch bei uns sein. Wenn wir begreifen, wie wichtig das ist und wie glücklich es macht, werden wir ernstlich begehren, das Bild Christi auf unseren Wegen und in allem Tun zur Schau zu tragen! Dazu gebe der Herr uns Gnade!


Originaltitel: „Stephanus“
aus Botschafter des Heils in Christo, Jg. 21, 1873, S. 275–280
von der Redaktion sprachlich leicht bearbeitet

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