Bist du enttäuscht?

Charles Henry Mackintosh

© EPV, online seit: 24.08.2009, aktualisiert: 15.10.2016

Es ist ein biblischer Grundsatz, dass wir uns vom Bösen absondern müssen. Der Weg, den wir als Christen zu gehen haben, ist schmal, aber unser Herz muss weit sein. Anderen gegenüber sollen wir mild sein. Wir laufen immer Gefahr, die Absonderung zu übertreiben und isoliert zu leben. Es gibt so viele Dinge, die uns in eine Isolierung drängen können: Freundschaften sind so zerbrechlich, mein Vertrauen zu anderen wird so oft enttäuscht, es geschehen so viele Dinge, die ich nicht gutheißen kann!

Alles dieses ist zweifellos wahr, und es ist nicht einfach, damit fertigzuwerden. Die Frage ist aber, wie und in welchem Geist wir diesen Schwierigkeiten begegnen. Es hängt so viel von meiner eigenen Einstellung ab. Durch alle diese Umstände kann es dazu kommen, dass ich mich zurückziehe und verbittert, hart, abweisend und dürr werde. Doch dann habe ich kein Herz für das Volk des Herrn und für die Interessen der Versammlung. Dann besteht die Gefahr, dass ich unfruchtbar werde, ohne gute Werke, ohne Mitgefühl für die Armen, Kranken und Geprüften. Dann besteht die Gefahr, dass ich nur in dem kleinen Kreis lebe, in den ich mich zurückgezogen habe, dass ich nur um mich selbst kreise, um meine persönlichen Interessen und die meiner Familie. Dann befinde ich mich in einem elenden Zustand. Doch das sehe ich selbst nicht ein, denn ich beschäftige mich in unnatürlicher Weise mit den Fehlern von anderen. Es ist an sich nicht schwierig, Fehler, Gebrechen und Schwachheiten bei anderen zu entdecken. Die Frage ist aber: Wie begegnen wir diesen Dingen? Tun wir es in einer verkehrten Gesinnung, dann laufen wir Gefahr, uns zurückzuziehen und uns zu isolieren. Aber dann sind wir selbst bedauernswert, dann können wir wenig oder gar nichts mehr für andere sein. Dann sind wir ein „frustrierter Mensch“, der an anderen immer etwas auszusetzen und sich in sich selbst zurückgezogen hat. Was für ein betrüblicher Zustand! Ein solcher Mensch wird andere, die unter seinen Einfluss kommen und so schwach und töricht sind, auf ihn zu hören, ebenso unglücklich machen wie sich selbst. Er ist in der Praxis seines Glaubenslebens völlig festgefahren. Er war der harten Wirklichkeit des täglichen Lebens nicht gewachsen. Er kritisiert jeden, nur nicht sich selbst. Wie traurig, wenn ein Christ in eine solche Isolierung gerät!

Der Herr Jesus wurde nicht verstanden, und doch liebte Er die Seinen. Der einzige vollkommene Mensch, der je auf der Erde war, lebte in völliger Absonderung vom Bösen. Er lebte in einer bösen und sündigen Welt. Wie viele Schwierigkeiten und Enttäuschungen hat Er erlebt! „Die Welt kannte ihn nicht. Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,10.11). Er hat auf Mitleid gewartet, und da war keins, und auf Tröster, und Er hat keine gefunden (Ps 69,21). Selbst Seine Jünger verstanden Ihn nicht und zeigten kein Mitgefühl. Sie schliefen auf dem Berg der Verklärung, als Er vor ihnen verwandelt wurde. Sie schliefen im Garten Gethsemane, als Er in tiefster Seelenangst war. Im Sturm auf dem See waren sie voller Furcht und weckten Ihn aus dem Schlaf. Ständig belästigten sie Ihn mit ihren unangebrachten Fragen und törichten Gedanken. Wie begegnete Er all diesen Dingen? In vollkommener Gnade, Geduld und Liebe. Immer wieder antwortete Er geduldig auf die Fragen der Jünger und korrigierte ihre Gedanken. Er nahm ihnen ihre Angst, löste ihre Probleme, sorgte für alle ihre Bedürfnisse und hatte Geduld mit allen ihren Schwachheiten. Er durfte annehmen, dass sie Ihn lieb hatten, aber sie verließen Ihn. Er sah sie mit Seinen liebenden Augen und hatte sie trotz allem lieb. Er liebte die Seinen, die in der Welt waren, und liebte sie bis ans Ende (Joh 13,1). Möchten wir Seinem Vorbild nachfolgen und in Seine Fußstapfen treten! Dann wird unsere Absonderung nicht zur Isolation werden. Dann wird unser Weg schmal, aber unser Herz weit sein.


Aus der Monatszeitschrift Hilfe und Nahrung
Ernst-Paulus-Verlag, Jg. 2004, S. 244ff.

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