Das Kreuz gewinnt unser Herz
Psalm 22,1

Charles Henry Mackintosh

© CSV, online seit: 27.12.2005, aktualisiert: 27.09.2016

Leitvers: Psalm 22,1

Ps 22,1: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Wer kann das Leiden des Sohnes Gottes beschreiben, das Er ertrug, als Er Seine Seele ausschüttete in den Tod, als aus Seinem Herzen dieser qualvolle Aufschrei hervorkam: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Als Mensch konnte Er zu dem HERRN stets sagen: „Du bist mein Gott.“ Er war Gott gleich. Er, der eingeborene Sohn, war immer eins mit dem Vater. Dennoch nahm Er Knechtsgestalt an, und als vollkommener Diener fand Er Seine Speise darin, den Willen dessen zu tun, der Ihn gesandt hatte, und Sein Werk zu vollbringen (Joh 4,34). Er blieb in Seinem Leben in absoluter Weise in Gemeinschaft mit dem Vater, so dass Er sagen konnte: „Vater, … ich aber wusste, dass du mich allezeit erhörst“ (Joh 11,42). Aber in den Leiden des Kreuzes rief Er aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Der Sohn war immer im Schoß des Vaters, schon ehe die Welt war. Als die Fülle der Zeit gekommen war, wurde Er auf die Erde gesandt, von einer Frau geboren. Er wurde wegen des Leidens des Todes „ein wenig unter die Engel erniedrigt …, so dass er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte“ (Heb 2,9).

Der Tod des Herrn am Kreuz steht vollkommen allein da. Er kann nie und muss auch nie wiederholt werden, weil er ewig wirksam und gültig bleibt. Kein Geschöpf kann die Leiden des Herrn beschreiben, die Er auf Golgatha durchmachte, als Er die Sünden vieler trug (Jes 53,12). In jenen schrecklichen Stunden war Seine Seele satt von Leiden (Ps 88,3), war Seine Kraft vertrocknet wie ein Scherben. Seine Zunge klebte an Seinem Gaumen. Alle Seine Gebeine hatten sich zertrennt, und Sein Herz war wie Wachs geworden, war zerschmolzen inmitten Seiner Eingeweide (Ps 22,14.15).

Welch eine tiefe Not, welch eine unaussprechliche Qual war es, als Gott, der Seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sandte, „die Sünde im Fleische verurteilte“ (Röm 8,3), so dass der heilige Dulder ausrufen musste: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern von meiner Rettung, den Worten meines Gestöhns? Mein Gott! Ich rufe des Tages, und du antwortest nicht; und des Nachts, und mir wird keine Ruhe“ (Ps 22,1.2). Als der Hohn Sein liebendes Herz gebrochen hatte und der Heilige geschlagen und gegeißelt worden war, Seine Hände und Füße durchgraben worden waren; als kein Engel mehr herabstieg, um Ihn zu stärken, kein Freund da war, um Ihn zu trösten; als die Sonne nicht mehr ihr Licht auf die Szene werfen durfte und es dem HERRN gefiel, Ihn zu zerschlagen (Jes 53,10); als Er von Gott verlassen war – gerade da rechtfertigte Er Ihn mit den Worten: „Doch du bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels“ (Ps 22,3).

Nur Er, der in Sich unendlich ist, konnte den Kelch des Gerichts Gottes über die Sünde leeren. Nur der Heilige Gottes konnte für uns zur Sünde und zum Fluch gemacht werden. Niemand als nur der gute Hirte konnte für die Schafe Sein Leben lassen. Niemand als nur Jesus, der Sohn Gottes, konnte und wollte uns retten. Und was für ein Opfer hat Er gegeben! Was für eine unendliche, ewige Segnung muss aus dem vollbrachten Werk des Sohnes Gottes hervorfließen, „der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausnehme aus der gegenwärtigen, bösen Welt, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters“ (Gal 1,4)!

Wie wunderbar, dass der Sohn, durch den die Welten geworden sind, unsere Sünden an Seinem Leibe auf dem Holze tragen sollte; dass der Urheber des Lebens getötet, der Gerechte den Übertretern beigezählt werden sollte; dass der Sohn des Höchsten in die unteren Teile der Erde gehen sollte; dass der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geheftet und umgebracht werden sollte; dass der Herr der Herrlichkeit hier auf der Erde den Kreuzestod finden sollte; dass des HERRN gerechter Knecht, Sein Auserwählter, an dem Seine Seele Wohlgefallen gefunden hatte, von Ihm aufgegeben, verlassen werden sollte, so dass Er in der äußersten Qual Seiner Seele ausrufen musste: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (vgl. Jes 53,12; Lk 1,32; Eph 4,9; Joh 1,18; Apg 2,23). Welch unendliche Vollkommenheiten treffen hier zusammen! Was für unergründliche Belehrungen über Gnade, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden werden uns hier gegeben!

Der Tod Christi am Kreuz steht nicht nur in seiner ewigen Wirksamkeit völlig allein da, sondern er ist auch unvergleichlich darin, dass sich dort Not und Liebe trafen. Kein Tröster war helfend zur Seite, keine Hand streckte sich aus, um Seinen Kummer zu mildern, kein Herz war bereit und fähig, mit Ihm zu fühlen. Es war alles so, wie Er gesagt hatte: „Kein Helfer ist da“ (Ps 22,11). Nicht ein Tropfen der Barmherzigkeit mischte sich in den Kelch des gerechten Gerichts Gottes über die Sünde. Wunderbare Liebe, doch unaussprechliche Not!

Und warum all dieses Leiden? Weil Jesus der Sündenträger war. Die Heiligkeit Gottes erforderte es, dass unsere Sünden gerichtet wurden. Ja, Gott muss die Sünde richten, und so legte Er „unser aller Ungerechtigkeit“ auf Ihn. „Um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden“ (Jes 53,5). Das ist der Grund, warum der vollkommene, liebende Heiland von Gott verlassen wurde, und das der Grund, warum Er starb. Lässt nicht die Betrachtung dieses unvorstellbaren Leidens unsere Herzen warm werden? Und wenn wir an die Liebe denken, an die Not, die Qual, die Schmach, an das Verlassensein von Gott, wird dann nicht in uns der Wunsch wach, unser Herz, unser Leben, unser Alles Ihm zu weihen?


Originaltitel: „Das Kreuz gewinnt unser Herz“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1991, S. 226–229

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