Wenn der Glaube nur fromme Show ist
Matthäus 25,1-13

Charles Henry Mackintosh

© SoundWords, online seit: 19.02.2005, aktualisiert: 02.10.2018

Leitverse: Matthäus 25,1-13

Die zehn Jungfrauen

Wir kommen jetzt zu jenem Teil des Gesprächs, in dem unser Herr das Reich des Himmels unter dem Gleichnis von zehn Jungfrauen darstellt. Die in diesem wichtigen und interessanten Gleichnis enthaltene Lehre ist von umfassenderer Anwendung als diejenige im Gleichnis vom „bösen Knecht“, weil hier die ganze Masse der bekennenden Christenheit und nicht nur der Dienst in und außer dem Hause angesprochen wird. Das Gleichnis zielt unmittelbar und bestimmt auf ein christliches Bekenntnis, mag dieses wahr oder falsch sein.

Mt 25,1: Alsdann wird das Reich der Himmel gleich geworden sein zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen.

Die Meinung, dass dieses Gleichnis auf den Überrest Israels Bezug habe, findet weder in dem Zusammenhang noch in den Ausdrücken, in die es gekleidet ist, eine Stütze.

Je gründlicher wir den ganzen Inhalt prüfen, desto klarer erkennen wir, dass der jüdisch bestimmte Teil des Gesprächs mit Kapitel 24,44 ein Ende nimmt. Der christlich bestimmte Teil reicht von Kapitel 24,44 bis Kapitel 25,30; und von Kapitel 25,31 bis ans Ende handelt es sich um die Nationen als solche. Die Ordnung und Fülle dieser wunderbaren Unterhaltung muss jedem nachdenkenden Leser in die Augen springen. Sie stellt einen jeden auf seinen eigenen bestimmten Boden, und zwar nach seinen eigenen unterscheidenden Grundsätzen. Hier gibt es keine Vermengung grundsätzlicher Verschiedenheiten. Mit einem Wort, die Ordnung, die Fülle und die Unterscheidung dieser inhaltsvollen Unterredung ist göttlich und erfüllt die Seele mit Bewunderung, Lob und Anbetung, so dass wir bei ihrer Betrachtung die Worte des Apostels ausrufen möchten: „O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege!“

Bei näherer Prüfung der Ausdrücke, deren sich der Herr in dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen bedient, stellen wir fest, dass dieses Gleichnis sich weder auf die Juden noch auf die Versammlung, sondern auf die persönliche Verantwortlichkeit während der Abwesenheit Christi bezieht. Ja, es redet zu uns in ernster Unterweisung und verdient daher unsere ganze Aufmerksamkeit.

Mt 25,2: Alsdann wird das Reich der Himmel gleich geworden sein zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen.

Das ursprüngliche Christentum war durch die hier bezeichnete Tatsache charakterisiert, nämlich durch ein Ausgehen, um einem wiederkehrenden, erwarteten Bräutigam zu begegnen. Die ersten Christen waren dahin geleitet worden, sich von den gegenwärtigen Dingen zu trennen und in ihrer Gesinnung und in der Liebe ihres Herzens dem Heiland entgegenzugehen, den sie liebten und erwarteten. Es war dies selbstredend kein Ausgehen von einem Ort zum andern; es war ein moralisches, geistiges Ausgehen, ein Verlangen des Herzens nach ihrem Heiland, dessen Wiederkehr sie von Tag zu Tag sehnlichst erwarteten.

Die Briefe an die einzelnen Versammlungen beweisen, dass die Hoffnung der gewissen und baldigen Ankunft des Herrn die Herzen des Volkes Gottes in jenen ersten Tagen beherrschte. Sie „erwarteten den Sohn Gottes aus den Himmeln“. Sie wussten, dass Er kommen werde, um sie für immer zu sich zu nehmen, und diese Erkenntnis und die Kraft dieser Hoffnung lösten ihre Herzen von den irdischen Dingen. Sie schauten aus nach ihrem Erretter; sie glaubten, dass Er jeden Augenblick zurückkehren könne, und deshalb beschäftigten sie sich mit den Angelegenheiten dieses Lebens nur insoweit – wenn auch so, wie es sich gebührt –, als es der Augenblick erheischte, aber gleichsam in der beharrlichsten Erwartung.

Diese Haltung ergibt sich kurz und deutlich aus den Worten: „Sie gingen aus, dem Bräutigam entgegen.“ Das kann unmöglich auf den Überrest der Juden angewandt werden, da diese dem Messias nicht entgegengehen, sondern im Gegenteil in ihrer Stellung und inmitten ihrer Umstände bleiben werden, bis Er kommt und seine Füße auf den Ölberg stellt. Sie erwarten nicht, dass Er kommen und sie von der Erde zu sich in den Himmel nehmen werde; aber Er wird kommen, um ihnen in ihrem eigenen Land Frieden zu bringen und sie unter seiner friedensreichen und gesegneten Regierung während des Tausendjährigen Reiches glücklich zu machen. – Die Christen aber sind berufen „auszugehen“. Es wird vorausgesetzt, dass sie stets in Bewegung sind und sich nicht als Bleibende auf dieser Erde niederlassen, sondern dass sie ausgehen in ernstem, heiligem Verlangen nach der himmlischen Herrlichkeit, zu welcher sie berufen sind, dem Bräutigam entgegen, dessen Ankunft sie stündlich zu erwarten haben.

Das ist die wahre und naturgemäße Stellung des Gläubigen – eine Stellung, die in wunderbarer Weise von den ersten Christen verwirklicht und praktisch geübt wurde. Aber leider werden wir nur zu oft an die Tatsache erinnert, dass uns im Christentum sowohl Falsches als auch Wahres begegnet. Es gibt ebenso „Unkraut“ wie auch „Weizen“ im Reich der Himmel; so wird auch von den zehn Jungfrauen gesagt:

Mt 25,2: Fünf aber von ihnen waren klug und fünf töricht.

Die bekennende Kirche umfasst ebenso echtes und unechtes, wirkliches und nachgemachtes Christentum. So wird es fortdauern, bis der Bräutigam kommt. Das Unkraut wird sich nicht in Weizen und die törichten Jungfrauen werden sich nicht in kluge Jungfrauen verwandeln. Nein, nimmermehr. Das Unkraut wird verbrannt, und die törichten Jungfrauen werden ausgeschlossen werden. Statt einer allmählichen Veredelung durch die Predigt des Evangeliums und durch die vielen in Wirksamkeit gesetzten religiösen tätigen Mittel zeigen dieses Gleichnis sowie das ganze Neue Testament, dass das Reich der Himmel eine beklagenswerte Mischung von Gutem und Bösem ist, wo der Feind in das Werk Gottes eingreift und wo das Böse im Prinzip, im Bekenntnis und in der Praxis unaufhaltsam fortschreitet.

Und so wird es fortdauern bis ans Ende. Wenn der Bräutigam kommt, wird es törichte Jungfrauen geben. Woher aber könnten sie kommen, wenn alle vor der Ankunft des Herrn bekehrt werden würden? Wenn jeder zur Erkenntnis der Wahrheit gebracht würde, wie könnten dann bei der Erscheinung des Bräutigams ebenso viele törichte wie kluge Jungfrauen gefunden werden? Man könnte einwenden, dass man es hier nur mit einem Gleichnis, einem Bild zu tun habe. Wir räumen dies ein. Es ist ein Gleichnis, aber wovon? Gewiss nicht von einer bekehrten Welt. Das zu behaupten wäre eine Geringschätzung der Heiligen Schrift, der Lehre unseres Herrn in einer Weise, wie man es kaum wagen würde, die Lehre eines Menschen abzuweisen.

Nein, lieber Leser, das Gleichnis von den zehn Jungfrauen belehrt uns, dass, wenn der Bräutigam kommt, auch törichte Jungfrauen vorhanden sein werden, und ist dies der Fall, so könnten sie unmöglich vorher bekehrt gewesen sein. Ein Kind kann dies begreifen. Wir können nicht verstehen, wie man angesichts dieses Gleichnisses die Theorie aufrechterhalten kann, dass vor der Ankunft des Bräutigams die ganze Welt bekehrt sei.

Die Geschichte von den törichten Jungfrauen enthält vielmehr für jeden christlichen Bekenner eine ernste Warnung. Sie ist kurz, aber verständlich.

Mt 25,3: Die, welche töricht waren, nahmen ihre Lampen und nahmen kein Öl mit sich.

Hier ist äußeres Bekenntnis, aber keine innere Wirklichkeit – kein geistliches Leben, keine Salbung, keine Verbindung mit der Quelle des ewigen Lebens, keine Vereinigung mit Christus. Es findet sich nichts als die Lampe des Bekenntnisses, der trockene Docht des nur den Namen tragenden, eingebildeten Kopfglaubens.

Das ist sehr ernst und lastet schwer auf der ungeheuren Masse getaufter Bekenner um uns her, wo so viel äußerer Schein, aber so wenig innere Wirklichkeit vorhanden ist. Alle bekennen, Christen zu sein. Die Lampe des Bekenntnisses mag in jeder Hand gesehen werden; aber ach!, wie wenige haben Öl in ihren Gefäßen, den Geist des Lebens in Christus Jesus, den Heiligen Geist in ihren Herzen! Ohne dies aber ist alles wertlos und eitel. Es kann das schönste, durchaus der Wahrheit entsprechende Bekenntnis vorhanden sein; man kann getauft, zum Abendmahl zugelassen und als Glied einer Gemeinschaft anerkannt worden sein, man kann in religiöser Weise wirksam oder gar zum Prediger ordiniert sein; dies alles ist möglich, ohne dass man einen Funken göttlichen Lebens, einen Strahl himmlischen Lichts in sich hat, ohne dass man in Verbindung mit Christus steht.

Es ist in der Tat ein höchst trauriger Gedanke, dass man so viel Religion besitzen kann, um sich selbst zu betrügen, das Gewissen zu betäuben und die Seele zugrunde zu richten – genug, um den Namen zu haben, dass man lebe, während man tot ist, genug, um ohne Christus, ohne Gott, ohne Hoffnung in dieser Welt zu sein, um die Seele mit falschem Vertrauen zu nähren und mit falschem Frieden zu füllen, bis der Bräutigam kommt und das Auge – leider zu spät – geöffnet wird.

Mt 25,5-7: Als aber der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber entstand ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Gehet aus, ihm entgegen! Da standen alle jene Jungfrauen auf und schmückten ihre Lampen.

So verhält es sich mit den törichten Jungfrauen. Zwischen ihnen und den klugen Jungfrauen bemerkt man zunächst kaum eine Unterscheidung. Sie gehen miteinander aus. Alle haben Lampen; alle – sowohl die törichten wie die klugen – werden schläfrig und schlafen ein; alle stehen bei dem Geschrei um Mitternacht auf und schmücken ihre Lampen. Bis dahin zeigt sich kein augenscheinlicher Unterschied. Die törichten Jungfrauen zünden ihre Lampen an – jene Lampen des Bekenntnisses, versehen mit dem trockenen Docht eines leblosen, eingebildeten Glaubens. Welch eine nutzlose, ja mehr als nutzlose Sache! Welch eine verhängnisvolle, seelenzerstörende Täuschung!

Dann aber zeigt sich der große Unterschied in erschreckender Klarheit.

Mt 25,8: Die Törichten aber sprachen zu den Klugen: Gebet uns von eurem Öl; denn unsere Lampen erlöschen.

Daraus ergibt sich, dass ihre Lampen angezündet worden waren, sonst hätten sie nicht erlöschen können. Aber es war nur ein falsches, flackerndes, unstetes Licht; es war nicht von einer göttlichen Quelle genährt. Es war das Licht eines bloßen Lippenbekenntnisses, angefacht durch einen Kopfglauben – ein Licht, das gerade lange genug brannte, um sich und andere betrügen zu können, und das just in dem Augenblick erlosch, wo sie seiner mitten in der trostlosen Finsternis so sehr bedurften.

„Unsere Lampen erlöschen.“ Schreckliche Entdeckung! Der Bräutigam kommt, und unsere Lampen erlöschen. Unser leeres Bekenntnis wird offenbar durch das Licht seiner Erscheinung. Wir glaubten, auf dem rechten Weg zu sein, wir bekannten denselben Glauben, hatten dieselben Lampen, dieselben Dochte – aber zu unserem unaussprechlichen Schrecken finden wir nun, dass wir uns selbst betrogen haben, dass uns das eine fehlt, was nottut, nämlich der Geist des Lebens in Christus, die Salbung des Heiligen Geistes, die lebendige Verbindung mit dem Bräutigam. Was jetzt anfangen? O ihr klugen Jungfrauen, habt Mitleid mit uns und „gebt uns von eurem Öl“! O tut es aus Barmherzigkeit! Gebt uns ein wenig, nur einen Tropfen, damit wir nicht auf ewig umkommen.

Ach!, alles ist vergebens. Niemand kann von seinem Öl dem andern geben. Ein jeder hat nur genug für sich selbst, und überdies kann Gott allein es darreichen. Der Mensch kann Licht geben, aber kein Öl. Es ist eine Gabe Gottes.

Mt 25,9.10: Die Klugen antworteten und sagten: Damit es nicht etwa für uns und euch nicht ausreiche; gehet lieber hin zu den Verkäufern und kaufet für euch selbst. Als sie aber hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm ein zur Hochzeit, und die Tür ward verschlossen.

Es ist nutzlos, sich auf christliche Freunde zu stützen oder bei ihnen Hilfe zu suchen. Es ist nutzlos, dahin und dorthin zu rennen, sich an diesen heiligen Mann oder an jenen vorzüglichen Lehrer zu lehnen, auf unsere Kirche, auf unser Bekenntnis, auf unsere Sakramente zu vertrauen. Wir müssen Öl haben. Wir können nicht ohne Öl sein. Wo können wir es erlangen? Nicht von den Menschen, nicht von der Kirche, nicht von den Heiligen, nicht von den Vätern. Wir müssen es von Gott empfangen, und Er – gepriesen sei sein Name! – gibt es umsonst. „Die Gabe Gottes ist das ewige Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (Röm 6,23).

Aber man bedenke wohl, dass es eine persönliche Gabe ist. Ein jeder muss es für sich selbst und in sich selbst besitzen. Kein Mensch kann für einen anderen glauben oder für einen anderen das ewige Leben empfangen. Ein jeder hat es für sich selbst mit Gott zu tun. Das Band, das die Seele mit Christus verbindet, ist rein persönlich. Es gibt keinen erborgten Glauben. Ein Mensch kann uns in religiösen Dingen unterweisen und uns gewisse Stellen der Schrift erklären; aber er kann uns weder Öl noch Glauben noch das Leben geben. Das alles ist die Gabe Gottes. Wie kostbar ist diese „Gabe“! Sie ist wie Gott. Sie ist frei wie die Luft, die wir einatmen, frei wie das Licht der Sonne, frei wie die erfrischenden Tautropfen. Aber, wir wiederholen es mit allem Nachdruck, ein jeder muss sie für sich und in sich selbst haben. „Keineswegs vermag jemand seinen Bruder zu erlösen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben (denn kostbar ist die Erlösung ihrer Seele, und er muss davon abstehen auf ewig), dass er fortlebe immerdar, die Grube nicht sehe“ (Ps 49,8-10).

Mt 25,11.12: Später aber kommen auch die übrigen Jungfrauen und sagen: Herr, Herr, tue uns auf! Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht.

Was sagst du zu diesen ernsten Wirklichkeiten, lieber Leser? Gehörst du zu den törichten oder zu den klugen Jungfrauen? Hast du das Leben eines auferstandenen und verherrlichten Erlösers empfangen? Oder bist du nur ein religiöser Bekenner und zufrieden mit deinem gewohnheitsmäßigen, toten Kirchenbesuch? Gehörst du zu denen, die gerade genug Religion besitzen, um mit Ehren durch die Welt zu gehen, aber nicht genug, um in den Himmel eintreten zu können? Wir bitten dich sehr, mit Ernst über diese Dinge nachzudenken. Wie unaussprechlich schrecklich würde es sein, wenn du einmal erkennen müsstest, dass die Lampe deines Bekenntnisses erlosch, und wenn du zurückbliebest in der schauerlichen Finsternis einer ewigen Nacht. Wie entsetzlich, wenn dann die Tür sich vor deinen Augen hinter dem glänzenden Zug derer schlösse, die mit dem Bräutigam zur Hochzeit eingehen! Wie schmerzlich der Ruf: „Herr, Herr, tu uns auf!“ Und wie vernichtend die Antwort: „Wahrlich ich sage euch, ich kenne euch nicht!“

Lieber Leser! Erwäge diese ernsten Dinge in deinem Herzen, solange die Tür noch offen steht und der Tag der Gnade durch die Langmut Gottes verlängert ist. Der Augenblick, wo die Gnadentür auf immer geschlossen, wo alle Hoffnung verloren sein und die Seele in düstere und ewige Verzweiflung hinabgestoßen werden wird, rückt schnell heran. Möge der Geist Gottes dich doch aus deinem verhängnisvollen Schlummer aufrütteln und dir keine Ruhe gestatten, bis du sie in dem vollbrachten Werk unseres Herrn Jesus Christus und zu seinen gesegneten Füßen in Preis und Anbetung gefunden haben wirst!

Wir wollen abschließend noch einen flüchtigen Blick auf die klugen Jungfrauen werfen. Sie unterscheiden sich von den törichten Jungfrauen in unserem Gleichnis darin, dass sie, als sie dem Bräutigam entgegengingen, „Öl nahmen in ihren Gefäßen mit ihren Lampen“. Mit einem Wort, das, was die wahren Gläubigen von den bloßen Bekennern unterscheidet, ist, dass sie die Gnade des Geistes Gottes in ihrem Herzen haben; sie haben den Geist des Lebens in Christus in sich. Der Heilige Geist wohnt in ihnen. Er ist das Siegel, das Pfand, die Salbung und der Zeuge in ihrem Herzen. Diese große und herrliche Tatsache charakterisiert alle wahren Gläubigen; es ist eine mächtige und wundervolle Tatsache, ein unermessliches, unaussprechliches Vorrecht, das unsere Seelen stets zu heiliger Anbetung vor Gott und vor unseren Herrn Jesus Christus bringen sollte, dessen vollbrachtes Erlösungswerk uns diese große Segnung verschafft hat.

Doch wie beschämend ist der Gedanke, dass wir trotz dieser hohen und heiligen Vorrechte in unserem Gleichnis die Worte lesen müssen:

Mt 25,5: Als aber der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.

Ja alle, die klugen wie die törichten Jungfrauen, sind eingeschlafen. Der Bräutigam verzog, und alle, ohne Ausnahme, verloren die Frische, den Eifer und die Kraft der Hoffnung seiner Ankunft und schliefen ein.

Das ist die Sachlage des Gleichnisses, das ist die ernste Tatsache der Geschichte. Die ganze bekennende Körperschaft ist in Schlaf gefallen. Die „glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus“ (Tit 2,13), jene Hoffnung, die in den ersten Tagen der Christen so hell am Horizont leuchtete, verlor bald ihren Schein und schwand schließlich gänzlich. Wenn wir die Geschichte der Kirche während der folgenden 1800 Jahre einer näheren Prüfung unterziehen und ihren Lauf von den Tagen der Apostel bis zu den späteren Zeiten verfolgen, so finden wir bald nicht mehr die geringste Spur von dieser besonderen Hoffnung der Kirche oder Versammlung, der persönlichen Wiederkehr des gesegneten Bräutigams. In der Tat ist diese Hoffnung, wenigstens der Kraft nach, der Kirche verlorengegangen, so dass es sogar als Ketzerei betrachtet wurde, sie zu lehren. Und selbst jetzt in diesen letzten Tagen gibt es eine Menge von Predigern und Dienern, die es nicht wagen, die Ankunft des Herrn zu verkündigen und so zu lehren, wie die Schrift davon redet.

Wir bemerken – und der Herr sei dafür gepriesen! – seit etwa fünfzig Jahren [Anm. d. Red.: Der Artikel ist von 1876!] in dieser Beziehung eine mächtige Wandlung. Ein geistliches Erwachen hat stattgefunden. Gott hat begonnen, sein Volk durch seinen Heiligen Geist wieder zu längst vergessenen Wahrheiten zurückzuführen, wie namentlich auch zu der herrlichen Wahrheit von der Ankunft des Bräutigams. Viele erkennen, dass die Ursache, die das Zögern des Bräutigams bewirkt hat, in der Langmut Gottes gegen uns zu suchen ist, da Er nicht will, dass jemand verlorengehe, sondern dass alle zur Buße kommen. Welch eine kostbare Ursache!

Nichtsdestoweniger aber erkennen wir, dass ungeachtet der Langmut Gottes, unser Herr nahe ist. Er kommt bald. Das Geschrei um Mitternacht ist erschollen: „Siehe, der Bräutigam! Gehet aus, ihm entgegen!“ O möchten doch all die Seinen dieses Geschrei wie ein Echo aufnehmen, bis es in seiner moralischen Kraft von einem Ende der Erde bis zum anderen erschollen und die ganze Versammlung aufgewacht ist, um auf die herrliche und glückselige Erscheinung des Bräutigams zu warten.

Liebe Geschwister im Herrn! Wacht auf! Jeder erhebe sich vom Schlaf! Lasst uns die Trägheit und den Schlummer weltlicher Bequemlichkeit und Selbstgenügsamkeit abschütteln! Reißen wir uns los von dem Verderben bringenden Einfluss einer religiösen Form und trägen Gewohnheit; werfen wir die Lehren einer falschen Theologie von uns und gehen wir im Geiste unseres Gemüts und in den Neigungen unseres Herzens aus, um dem Bräutigam zu begegnen, indem seine eigenen feierlichen Worte mit frischer Kraft in unsere Seele dringen:

Mt 25,13: Wachet also; denn ihr wisset nicht, zu welcher Stunde euer Herr kommt!

O möchte doch die Sprache unserer Lippen und unserer Herzen sein: „Amen, komm Herr Jesus!“


Auszug aus dem Artikel „Gedanken über das Kommen des Herrn“
in Botschafter des Heils in Christo, 1876, S. 291–303

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