Das Gebot des Herrn und die Einwände Satans
Ein Fest für den Herrn in der Wüste

Charles Henry Mackintosh

© SoundWords, online seit: 22.12.2014, aktualisiert: 01.03.2018

Leitverse: 2. Mose 5,1; 8,21.24; 10,24

2Mo 5,1: Und danach gingen Mose und Aaron hinein und sprachen zum Pharao: So spricht der Herr, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, damit sie mir ein Fest halten in der Wüste!

Ein abgesondertes und befreites Volk

Was für eine Fülle von Wahrheiten liegt in diesem kurzen Gebot des Herrn eingeschlossen! Es ist eine jener vielumfassenden, gedankenreichen Stellen, die sich hier und da in dem Worte Gottes zerstreut vorfinden und die vor unseren Augen und Herzen ein weites Feld der kostbarsten Wahrheiten erschließen. Sie macht uns in einfacher, kräftiger Sprache mit dem gesegneten Vorsatz des Gottes Israels bekannt, sein Volk völlig aus Ägypten, dem Haus der Knechtschaft, zu befreien, damit es Ihm in der Wüste ein Fest feiere. Nichts konnte im Blick auf das Volk sein Herz befriedigen, als dessen völlige Trennung von dem Land des Todes und der Finsternis. Er wollte es nicht nur befreien von den Ziegelöfen und Fronvögten Ägyptens, sondern auch von seinen Tempeln und Altären, von allen Gewohnheiten und Verbindungen, Grundsätzen und Sitten seiner Bewohner. Mit einem Wort: Es musste ein vollkommen abgesondertes Volk sein, ehe es Ihm in der Wüste ein Fest halten konnte.

Und so wie es einst mit Israel war, so ist es heute mit uns. Auch wir müssen ein in voller und bewusster Weise befreites Volk sein, ehe wir Gott in Wahrheit dienen, Ihn anbeten und mit Ihm wandeln können. Es ist nicht genug, dass wir die Vergebung unserer Sünden und unsere gänzliche Befreiung von Schuld, Zorn, Gericht und Verdammnis kennen, sondern wir müssen auch von dem gegenwärtigen bösen Zeitlauf und allem, was dazu gehört, befreit sein, ehe wir dem Herrn einsichtsvoll zu dienen vermögen. Die Welt ist für den Christen das, was Ägypten für Israel war, mit dem Unterschied natürlich, dass unsere Trennung von der Welt nicht örtlich oder physisch, sondern moralisch und geistlich ist. Israel verließ Ägypten dem Leib nach; wir verlassen die Welt dem Geist und dem Grundsatz nach. Israel verließ Ägypten tatsächlich, wir verlassen die Welt im Glauben. Es war für das Volk eine wirkliche, durchgreifende Trennung, und ebenso ist es für uns. „Lass mein Volk ziehen, damit sie mir ein Fest halten in der Wüste!“

Der erste Einwurf Satans

Gegen eine so strenge Absonderung macht Satan, wie uns allen wohl bekannt ist, stets viele Einwendungen. Der erste Einwurf, den er damals durch den Mund Pharaos erhob, lautete:

2Mo 8,21: Geht hin und opfert eurem Gott in dem Land.

Das waren listige, klug berechnete Worte, ganz dazu angetan, ein Herz zu betören, das nicht in inniger Gemeinschaft mit Gott stand und seine Gedanken kannte. Ist es nicht – hätte mit scheinbar vollem Recht gefragt werden können – sehr entgegenkommend von Seiten des Königs von Ägypten, euch anzubieten, eure besondere Art von Gottesdienst zu dulden? Ist es nicht ein hoher Beweis von Weitherzigkeit und Wohlwollen, dass er eurer Religion einen Platz in seinem Reich geben will? Gewiss, ihr dürft eure Religion ebenso gut ausüben wie andere Leute. Da ist Raum für alle. Warum fordert ihr denn Trennung? Warum wollt ihr euch nicht mit eurem Nachbarn auf gleichen Boden stellen? Eine solche Engherzigkeit, wie ihr sie offenbart, ist überflüssig und verkehrt. 

Solche Worte mochten sehr vernünftig und klug klingen. Aber was bedeuteten sie angesichts der deutlichen und bestimmten Erklärung des Herrn: „Lass mein Volk ziehen!“? Nichts mehr und nichts weniger als Ungehorsam. Die Worte des Herrn ließen keine falsche Deutung zu; sie konnten nicht missverstanden werden. Es war unmöglich, einem solchen klaren Gebot gegenüber in Ägypten zurückzubleiben. Die überzeugendsten Vernunftgründe zerrinnen wie Nebel in der Gegenwart der gebietenden Stimme des Herrn, des Gottes Israels. Wenn Er sagt: „Lass mein Volk ziehen“, dann müssen wir gehen, und wenn alle Macht der Erde und der Hölle, der Menschen und der Teufel gegen uns wäre. Alles Überlegen, Streiten oder Disputieren ist nutzlos; wir müssen gehorchen. Die Ägypter mögen ihren eigenen Gedanken folgen; aber der Herr denkt für Israel, und die Folge wird lehren, wer von beiden Recht hat.

Der Leser erlaube uns, im Vorbeigehen ein Wort über die „christliche Engherzigkeit" zu sagen, von der wir heutzutage so viel reden hören. Die eigentliche Frage ist: Wer hat die Grenzen oder Schranken des christlichen Glaubens festzustellen? Ein Mensch oder Gott, menschliche Meinung oder göttliche Offenbarung? Sobald diese Frage gelöst ist, erscheint die ganze Sache nicht mehr schwierig. Viele schrecken zurück vor dem bloßen Wort Engherzigkeit“. Was ist denn eigentlich Engherzigkeit und was ist Weitherzigkeit? Nun, wir glauben, dass sich wahre Engherzigkeit stets da vorfindet, wo man sich weigert, die ganze Wahrheit Gottes aufzunehmen und sich durch sie leiten zu lassen. Ein Herz, das durch menschliche Meinungen und Vernünfteleien, durch weltliche Grundsätze, durch Eigenliebe und Eigenwillen regiert wird, ein solches Herz erklären wir ohne Zögern für eng. Andererseits nennen wir ein Herz, das sich der Autorität Christi unterwirft und sich ehrerbietig vor der Stimme der Heiligen Schrift beugt, das sich standhaft weigert, auch nur um Haaresbreite über den offenbarten Willen Gottes, das geschriebene Wort, hinauszugehen, ein Herz, das alles ohne Ausnahme verwirft, was sich nicht auf ein „So spricht der Herr!“ gründet – ein solches Herz nennen wir weit.

Ist dies nicht vollkommen richtig, mein lieber Leser? Ist nicht das Wort Gottes – seine Gedanken und sein Wille – weit umfassender und vollständiger als das Wort und der Geist des Menschen? Findet sich nicht in den Heiligen Schriften eine unendlich größere Höhe, Tiefe und Breite als in allen menschlichen Schriften der Welt? Erfordert es nicht eine viel ausgedehntere Weite des Herzens und eine weit innigere Hingebung der Seele, sich durch die Gedanken Gottes leiten zu lassen als durch unsere eigenen Gedanken oder die Gedanken unserer Mitmenschen? Auf diese Fragen gibt es wohl nur eine Antwort; und daher lässt sich der ganze Gegenstand in das einfache, aber so vielsagende Wort zusammenfassen: „Wir müssen so eng sein wie Christus und so weit wie Er.“

Ja, hierin liegt die Lösung dieser wie jeder anderen Schwierigkeit. Wir müssen alles von diesem gesegneten Standpunkt aus betrachten; dann wird unser Blick ungetrübt und unser Urteil gesund sein. Bildet aber der Mensch oder unser eigenes Ich unseren Ausgangspunkt, betrachten wir von dort aus alles um uns her, dann sind wir außerstande, ein gesundes Urteil zu fällen. Unsere Augen sind kurzsichtig und verblendet, unser Herz und Geist ohne wahres, göttliches Licht. Wir beurteilen und betrachten alles falsch.

Ein einfältiges Auge und ein aufrichtiges Herz wird dies alles verstehen und ohne Zögern anerkennen. Und wirklich, wenn das Auge nicht einfältig und das Gewissen dem Wort nicht unterworfen ist, wenn das Herz nicht wahrhaft für Christus schlägt, so ist es verlorene Zeit und Mühe, es von der Wahrheit des Gesagten überzeugen zu wollen. Welchen Nutzen könnte es haben, mit einem Mann zu streiten, der, statt dem Wort Gottes zu gehorchen, nur die Schärfe des Wortes abzustumpfen sucht? Nicht den geringsten. Es ist eine hoffnungslose Aufgabe, jemand überführen zu wollen, der nie die moralische Kraft und Bedeutung des Wortes „Gehorsam“ kennengelernt hat.

In der Antwort Moses auf den ersten Einwurf Satans gibt es etwas ungemein Schönes. Er sagt: „Es geziemt sich nicht, so zu tun; denn wir würden dem Herrn, unserem Gott, die Gräuel der Ägypter opfern; siehe, opferten wir die Gräuel der Ägypter vor ihren Augen, würden sie uns nicht steinigen? Drei Tagereisen weit wollen wir in die Wüste ziehen und dem Herrn, unserem Gott, opfern, so wie er zu uns geredet hat“ (2Mo 8,22.23). Die Gegenstände ägyptischer Anbetung waren völlig unpassend, um sie dem Herrn als Opfer darzubringen. Aber nicht nur das; viel wichtiger noch war es, dass Ägypten nicht der rechte Platz war, um da dem wahren Gott einen Altar aufzurichten. Abraham hatte keinen Altar, als er nach Ägypten hinabzog. Er verließ seinen Gottesdienst und das Land seiner Fremdlingschaft, als er sich dem Süden zuwandte; und wenn Abraham dort nicht hatte anbeten können, so vermochte es auch sein Same nicht. Ein Ägypter hätte fragen können: Warum nicht? Aber es ist etwas anderes, eine Frage zu stellen, als die Antwort zu verstehen. Wie hätte ein Ägypter die Gründe verstehen können, die einen wahren, treuen Israeliten bei seinem Verhalten leiteten? Unmöglich. Wie hätte er in die Bedeutung jener „dreitägigen Reise“ eindringen können? „Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat“ (1Joh 3,1). Die Beweggründe, die den wahren Gläubigen leiten, und die Gegenstände, die ihn beseelen, liegen weit über dem Gesichtskreis der Welt. Wir können versichert sein, dass ein Christ, je mehr die Welt seine Beweggründe verstehen und wertschätzen kann, umso weniger seinem Herrn treu ist.

Wir reden selbstverständlich von den wahren Beweggründen eines Christen. Ohne Zweifel gibt es im Leben eines treuen Christen vieles, was die Welt bewundern und achten kann. Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe, selbstlose Freundlichkeit, Sorge für die Armen, Selbstverleugnung – alles das sind Dinge, welche die Welt wohl verstehen und wertschätzen kann. Dennoch wiederholen wir mit allem Nachdruck die Worte des Apostels: „Die Welt erkennt uns nicht.“ Wenn wir begehren, mit Gott zu wandeln, wenn wir Ihm ein Fest feiern wollen, wenn es der aufrichtige und ernste Wunsch unseres Herzens ist, einen wirklich himmlischen Wandel zu führen, so müssen wir völlig mit der Welt sowie mit dem eigenen Ich brechen und unseren Platz außerhalb des Lagers nehmen mit einem von der Welt verworfenen, aber in den Himmel aufgenommenen Christus. Möchten wir dies tun mit wahrem Herzensentschluss zur Verherrlichung seines glorreichen, heiligen Namens!

Der zweite Einwurf Satans

Der zweite Einwurf Satans ist dem ersten sehr nahe verwandt. Wenn es ihm nicht gelingt, Israel ganz in Ägypten zurückzuhalten, so will er wenigstens versuchen, sie so nahe wie möglich zu halten:

2Mo 8,24: Und Pharao sprach: Ich will euch ziehen lassen, damit ihr dem Herrn, eurem Gott, in der Wüste opfert; nur entfernt euch nicht so weit!

Der Sache Christi wird weit mehr geschadet durch scheinbares, teilweises, halbes Aufgeben der Welt als durch völliges Bleiben in ihr. Ein unentschiedener, wankelmütiger Bekenner schwächt das Zeugnis und verunehrt den Herrn weit mehr als einer, der sich nie von der Welt getrennt hat. Ferner dürfen wir wohl sagen, dass zwischen dem Aufgeben gewisser weltlicher Dinge und dem Aufgeben der Welt selbst ein sehr großer Unterschied besteht. Es mag jemand gewisse Formen der Weltlichkeit ablegen und dennoch zu gleicher Zeit der Welt in seinem tiefsten Innern einen Platz aufbewahren. Er mag das Theater, den Ballsaal, die Spielhalle und die Massenmedien Funk und Ton, die Illustrierten, Zeitungen aufgeben und trotzdem an der Welt hangen. Ja, wir sind imstande, einige der schlechten Zweige abzuhauen, um nur mit umso größerer Zähigkeit an dem alten Stamm festzuhalten. Dies ist unserer ernstesten Beachtung wert. Das, was Hunderte von bekennenden Christen bedürfen, ist nach unserer festen Überzeugung: völliger mit der Welt zu brechen – ja, mit der Welt in der ganzen, umfassenden Bedeutung des Wortes. Es ist durchaus unmöglich, einen guten Anfang oder gar geistliche Fortschritte zu machen, solange das Herz mit den heiligen Ansprüchen Christi gleichsam spielt. Wir behaupten mit aller Bestimmtheit: In Tausenden von Fällen, wo Seelen über Befürchtungen und Zweifel, über Unruhe und Depression, über Mangel an Licht, Trost, Friede und Freude klagen, ist die Ursache darin zu suchen, dass sie nie in Wirklichkeit mit der Welt gebrochen haben. Entweder suchen sie dem Herrn ein Fest zu feiern in Ägypten oder sie bleiben doch so nahe, dass sie leicht wieder zurückgezogen werden können, so nahe, dass sie weder das eine noch das andere, weder kalt noch warm sind und dass aller Einfluss, den sie besitzen mögen, gegen Christus und für den Feind der Seelen ausschlägt.

Wie können solche Seelen glücklich sein? Wie kann ihr Friede fließen gleich einem Strom? Wie können sie wandeln im Licht des Vaterantlitzes Gottes oder im Genuss der Gegenwart des Herrn? Wie können die gesegneten Strahlen jener Sonne, die in der neuen Schöpfung scheint, sie erreichen inmitten der dumpfen Atmosphäre, die das Land des Todes und der Finsternis einhüllt? Unmöglich! Sie müssen mit der Welt brechen und sich selbst mit ganzem Herzen und aller Entschiedenheit Christo übergeben. Da muss, wenn wir so reden dürfen, ein ganzer Christus für das Herz und ein ganzes Herz für Christus sein. Hierin beruht das große Geheimnis der Fortschritte eines Christen. Wir müssen einen richtigen Anfang machen, bevor wir fortschreiten können, und um richtig zu beginnen, müssen wir alle Bande, die uns mit der Welt verknüpfen, zerreißen oder besser gesagt, wir müssen die Tatsache glauben und praktisch verwirklichen, dass Gott sie für uns in dem Tode unseres Herrn Jesu Christi zerrissen hat. Das Kreuz hat uns für immer von dem gegenwärtigen bösen Zeitlauf getrennt. Es hat uns nicht nur von den ewigen Folgen unserer Sünden befreit, sondern auch von der Macht und Herrschaft der Sünde und von den Grundsätzen und Gewohnheiten einer Welt, die in den Händen des Bösen liegt.

Es ist eins der Meisterstücke Satans, dass er bekennende Christen dahin bringt, sich mit einem Blick auf das Kreuz zu ihrer Errettung zu begnügen, während sie in der Welt zurückbleiben oder sich doch „nicht so weit von ihr entfernen“. Vor dieser gefährlichen Schlinge können wir den christlichen Leser nicht ernst genug warnen. Aufrichtige Hingebung des Herzens an einen verworfenen und verherrlichten Christus und innige Gemeinschaft mit Ihm allein vermögen uns vor diesem Fallstrick zu bewahren. Um mit Christus zu wandeln, an Ihm uns erfreuen und von Ihm uns nähren zu können, müssen wir von dieser gottlosen, bösen Welt getrennt sein – getrennt von ihr in unseren Gedanken und Gesinnungen, in den Neigungen unserer Herzen, getrennt nicht nur von ihrem offenbaren Bösen, von ihrer Torheit und Eitelkeit, sondern auch von ihrer Religion, von all ihrem Tun und Treiben.

Indes möchte man uns hier fragen: „Ist das Christentum denn nichts anderes als ein Ablegen Ausleeren und Aufgeben? Besteht es nur aus Verboten und Verneinungen?“ Wir umwerten mit tiefer Freude des Herzens: Nein! Tausendmal nein! Das Christentum ist vorherrschend bejahend, durchaus wirklich, göttlich befriedigend. Was gibt es uns für das, was es uns nimmt? Es gibt uns „unermessliche Reichtümer“ für „Dreck und Kot“. Es gibt uns ein „unverwesliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbteil, welches in den Himmeln aufbewahrt ist“, für einen eitlen, schnell verschwindenden Tand. Es gibt uns Christus, die Wonne des Herzens Gottes, den Gegenstand der Anbetung des Himmels und der Lieder der Engel, das ewige Licht der neuen Schöpfung, statt einiger Augenblicke sündigen Vergnügens und schuldigen Genusses. Es gibt uns endlich eine Ewigkeit der reinsten Freuden und kostbarsten Segnungen im Hause des Vaters, statt einer Ewigkeit schrecklicher Qual in den Flammen der Hölle.

Was sagst du zu diesen Dingen, mein lieber Leser? Ist das nicht ein guter Tausch? Findest du hierin nicht die mächtigsten Beweggründe, um die Welt aufzugeben? Man hört Christen zuweilen die Gründe aufzählen, weshalb sie diese oder jene Form der Weltlichkeit aufgegeben haben; aber wir meinen, alle diese Gründe sollten sich in einem einzigen vereinigen, und dieser sollte lauten: „Ich habe Christus gefunden, und deshalb habe ich die Welt aufgegeben.“ Niemand findet es schwer, Kohlen für Diamanten, Asche für Perlen, Dreck für Gold hinzugeben. Und ebenso ist es für einen Menschen, der einmal die Kostbarkeit Christi geschmeckt und erfahren hat, nicht mehr schwierig, die Welt aufzugeben. Nein, es würde eine Schwierigkeit für ihn sein, wenn er in ihr zurückbleiben sollte. Wenn Christus das Herz erfüllt, dann ist die Welt nicht nur für eine Weile ausgeschlossen, sondern sie wird stets ferngehalten. Wir wenden dem Land Ägypten nicht nur den Rücken, sondern entfernen uns auch weit genug, um nie wieder dahin zurückzukehren. Und zu welchem Zweck tun wir das? Um untätig die Hände in den Schoß zu legen? Um alles verloren zu haben und nichts mehr zu besitzen? Um niedergeschlagen, gedrückt, traurig und melancholisch zu sein? O nein, sondern um „dem Herrn ein Fest zu feiern“. Wir halten dieses Fest allerdings noch in der Wüste, aber wenn wir Christus bei uns haben, begehren wir nichts weiter mehr. Wir haben an Ihm genug, und die Wüste wird zum Himmel. Er ist – gepriesen sei sein Name! – das Licht unserer Augen, die Freude unserer Herzen, die Speise unserer Seelen; ohne Ihn würde der Himmel kein Himmel für uns sein, aber in seiner herrlichen, herzerquickenden Gemeinschaft verwandelt sich selbst die Wüste in den Vorhof des Himmels. Wir genießen im Voraus etwas von den gesegneten Dingen, die in Ewigkeit unser Teil sein werden.

Doch das ist noch nicht alles. Nicht nur ist das Herz völlig von Christus erfüllt und befriedigt, sondern auch das Gemüt ist vollkommen beruhigt im Blick auf alle Einzelheiten unseres Weges durch diese Welt: im Blick auf die Schwierigkeiten; die Fragen, die sich erheben können; die Verwirklichung, denen diejenigen fortwährend begegnen, welche die hohe Segnung nicht kennen, Christus zu ihrem Standpunkt zu machen und alles in unmittelbarer Verbindung mit Ihm zu betrachten. Wenn ich zum Beispiel in irgendeinem Fall berufen bin, für Christus zu handeln, und ich betrachte die Sache, anstatt sie einfach nach ihrer Bedeutung für Ihn und seine Verherrlichung zu beurteilen, nach ihren Folgen für mich, so werde ich ganz gewiss in Finsternis und hoffnungslose Verlegenheit hineingeraten und zu einem verkehrten Schluss kommen. Wenn ich aber einfach auf Ihn blicke und untersuche, wie die Sache zu seiner Verherrlichung ausschlagen kann, so werde ich nicht nur völlig klar sehen, sondern auch mit glücklichem Herzen und mit fester Entschiedenheit den gesegneten Pfad gehen, der von den Strahlen des Vaterantlitzes Gottes erleuchtet wird. Ein einfältiges Auge blickt nie auf die Folgen, sondern unmittelbar auf Christus, und dann ist alles klar und einfach; der ganze Leib ist voll von Licht, und der Pfad wird durch eine unerschütterliche Entschiedenheit gekennzeichnet.

Das ist es, was uns in diesen Tagen weltlicher Religiosität, selbstsüchtiger Bestrebungen und des Jagens nach dem Beifall des Menschen so sehr nottut. Wir bedürfen es, Christus zu unserem alleinigen Standpunkt zu machen; von Ihm aus das eigene Ich, die Welt und die sogenannte Kirche zu betrachten; Ihn zum Mittelpunkt zu haben, um den sich alles dreht; von Ihm aus alles zu beurteilen, ohne im Geringsten an die Folgen zu denken. Stehen und handeln wir in Übereinstimmung mit seinen Gedanken, so können wir die Folgen Ihm ruhig überlassen. Oh, möchte es so mit uns sein! Möchten wir der unendlichen und unveränderlichen Gnade Gottes erlauben, in unseren Herzen zu wirken und das vor Ihm Wohlgefällige hervorzubringen! Wir werden dann etwas von der Fülle, Schönheit und Kraft des Wortes verstehen, mit dem dieser Aufsatz eingeleitet ist: „Lass mein Volk ziehen, dass sie mir ein Fest halten in der Wüste!“

Es ist merkwürdig und doch auch wieder nicht merkwürdig, zu sehen, wie hartnäckig Satan jeden Zollbreit Boden verteidigt, wenn es sich um die Befreiung Israels aus dem Land Ägypten handelt. Er war bereit, ihnen zu erlauben, in dem Land oder doch wenigstens in der Nähe des Landes ihren Gottesdienst auszuüben, aber ihrer absoluten und völligen Befreiung von dem Land widersetzt er sich mit aller Kraft. Er lässt kein Mittel unversucht, um sie zu hintertreiben.

Doch der Herr – gepriesen sei sein herrlicher Name! – steht über dem großen Feind des Volkes Gottes; Er will sein Volk befreit sehen und Er führt seinen Vorsatz aus trotz der vereinten Macht Satans und des Menschen. Die Forderungen Gottes können nie um eines Haares Breite vermindert werden. „Lass mein Volk ziehen, dass sie mir ein Fest halten in der Wüste.“ So lautete das Gebot des Herrn, und es musste erfüllt werden, wenn der Feind auch zehntausend Einwürfe machen mochte. Die göttliche Herrlichkeit stand in inniger Verbindung mit der völligen Trennung Israels von Ägypten und von allen Völkern des Erdbodens. Israel sollte allein wohnen und nicht unter die Völker der Erde gerechnet werden. Dem widersetzte sich der Feind, und er wandte seine ganze Macht und List an, um es zu verhindern. Zwei seiner Einwendungen haben wir schon betrachtet, wir kommen jetzt zu der dritten.

Der dritte Einwurf Satans

2Mo 10,8-11: Und Mose und Aaron wurden wieder zum Pharao gebracht, und er sprach zu ihnen: Zieht hin, dient dem Herrn, eurem Gott! Welche alle sind es, die ziehen sollen? Da sprach Mose: Mit unseren Jungen und mit unseren Alten wollen wir ziehen, mit unseren Söhnen und mit unseren Töchtern, mit unserem Kleinvieh und mit unseren Rindern wollen wir ziehen; denn wir haben ein Fest des Herrn. Und er sprach zu ihnen: Der Herr sei so mit euch, wie ich euch und eure kleinen Kinder ziehen lasse! Gebt acht, denn ihr habt Böses vor! Nicht so! Zieht doch hin, ihr Männer, und dient dem Herrn; denn das ist es, was ihr begehrt habt. Und man trieb sie vom Pharao hinaus.

Diese Worte enthalten eine sehr ernste Unterweisung für die Herzen aller christlichen Eltern und enthüllen zugleich die listige Absicht Satans. Wenn Satan die Eltern nicht in Ägypten zurückhalten kann, so sucht er wenigstens die Kinder zurückzuhalten, um auf diese Weise das Zeugnis für die Wahrheit Gottes zu schwächen, Gottes Verherrlichung in seinem Volk zu verhindern und dem Volk selbst seine Segnung zu rauben. Die Eltern in der Wüste und ihre Kinder in Ägypten, welch ein Gegenspruch! Es ist den Gedanken Gottes völlig entgegengesetzt und macht seine Verherrlichung in dem Wandel seines Volkes unmöglich.

Wie befremdend war es, dass christliche Eltern für einen Augenblick vergessen können, dass ihre Kinder einen Teil von ihnen selbst bilden! Gottes schöpferische Hand hat sie dazu gemacht, und sicher, was der Schöpfer zusammengefügt hat, wird der Erlöser nicht auseinanderreißen. Deshalb finden wir immer wieder in der Schrift, dass Gott einen Menschen mit seinem Haus verbindet. „Du und dein Haus“ ist ein Wort von tiefer, praktischer Bedeutung. Es schließt die wichtigsten Folgen ein und erhält reichen Trost für jedes christliche Elternherz; und wir dürfen wohl hinzufügen, dass die Vernachlässigung dieser Wahrheit in Tausenden von Familien die traurigsten Folgen herbeigeführt hat.

Ach, wie viele christliche Eltern haben, infolge einer durchaus falschen Anwendung der Lehre von der Gnade, ihren Kindern erlaubt, in Eigenwillen und Weltlichkeit aufzuwachsen! Und indem sie dies taten, haben sie sich mit dem Gedanken getröstet, dass sie nichts tun könnten und dass Gott zu seiner Zeit ihre Kinder, wenn sie im Übrigen in den ewigen Ratschluss eingeschlossen seien, erretten würde. Sie haben tatsächlich die große praktische Wahrheit aus dem Auge verloren, dass Gott, der das Ende bestimmt hat, auch die Mittel anweist, um das Ende zu erreichen, und dass es höchste Torheit ist, das Ende erreichen zu wollen, ohne jene Mittel zu benutzen.

Soll das nun heißen, dass alle Kinder christlicher Eltern notwendig zu der Zahl der Auserwählten Gottes gehören, dass sie unfehlbar errettet werden müssen und dass die Schuld nur an den Eltern liegt, wenn sie verlorengehen? Nichts von alledem. Wir wissen in dieser Beziehung nichts von den ewigen Vorsätzen und Ratschlüssen Gottes. Ihm allein sind alle seine Werke von Anbeginn der Welt bekannt. Kein sterbliches Auge hat jemals einen Blick in das Buch der geheimen Ratschlüsse Gottes geworfen. So weit erstreckt sich die Tragweite jenes Ausdrucks „Du und dein Haus“ nicht. Dennoch lehrt er uns zwei überaus wichtige Dinge. Zunächst macht er uns mit einem köstlichen Vorrecht, dann aber auch mit einer heiligen Verantwortlichkeit bekannt. Es ist ohne Frage das Vorrecht aller christlichen Eltern, für ihre Kinder auf Gott zu rechnen; zugleich aber ist es ihre bestimmte Pflicht, sie für Gott zu erziehen.

Das sind die beiden Seiten dieser so wichtigen Frage. Das Wort Gottes trennt nie den Hausvater von seinem Haus. „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ – „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus“ (Lk 19; Apg 16). Nach diesem wichtigen Grundsatze handelnd, haben wir ohne Zögern den Boden Gottes für unsere Kinder einzunehmen und sie sorgfältig für Ihn zu erziehen, indem wir für das Resultat auf Ihn rechnen. Wir haben gleichsam von ihrem ersten Atemzug an zu beginnen und von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr ihre Erziehung nach diesem Grundsatz fortzusetzen. Gerade so wie ein geschickter und sorgsamer Gärtner seine Fruchtbäumchen, wenn sie noch jung und biegsam sind, an der Mauer hinaufleitet, damit sie der erwärmenden und belebenden Sonnenstrahlen teilhaftig werden, so sollten auch wir unsere Kinder, solange sie noch jung und empfänglich sind, für Gott zu bilden suchen. Wäre es nicht töricht, wenn jener Gärtner warten wollte, bis die Zweige alt und knorrig geworden sind? Sie dann noch biegen und leiten zu wollen, wäre ganz vergebliche Mühe. Und ebenso würde es den höchsten Grad von Torheit verraten, wenn wir unsere Kinder jahrelang unter der bildenden Hand Satans, der Welt und der Sünde belassen wollten, um dann mit ihrer Erziehung für den Herrn zu beginnen.

Doch man möge uns nicht missverstehen! Wir denken durchaus nicht daran, dass die Gnade erblich sei oder dass man durch irgendeine Handlung oder durch die Erziehung Kinder zu Christen machen könne. Nichts liegt uns ferner! Die Kinder christlicher Eltern müssen ebenso gut wie alle anderen durch Wasser und Geist geboren werden, sonst können sie das Reich Gottes nicht sehen noch darin eingehen. Dies alles ist so klar, wie die Schrift es machen kann; aber ebenso klar und bestimmt spricht die Schrift andererseits von der Pflicht der Eltern, ihre Kinder „aufzuziehen in der Zucht und Ermahnung des Herrn“.

Was bedeuten diese Worte? Worin besteht diese Erziehung? Das sind in der Tat wichtige Fragen für die Herzen und Gewissen aller christlichen Eltern. Es ist zu befürchten, dass wenige von uns wirklich verstehen, was christliche Erziehung ist und wie sie ausgeübt werden muss. Sie besteht nicht darin, dass wir unsere Kinder eine Menge von Bibelstellen und geistlichen Liedern auswendig lernen lassen und die Bibel gleichsam zu einem Aufgabenbuch für sie machen. Obwohl es sehr gut ist, dem Gedächtnis des Kindes Bibelverse und gute Lieder einzuprägen, so müssen wir uns doch wohl davor hüten, das Christentum dem Kind zu einer lästigen, beschwerlichen Sache zu machen. Was uns nottut, ist, unsere Kinder mit einer durchaus christlichen Atmosphäre zu umgeben. Stets sollten sie die reine Luft der neuen Schöpfung einatmen und in ihren Eltern die herrlichen Früchte eines geistlichen Lebens erblicken – Liebe, Friede, Reinheit, Zartheit, Freundlichkeit, Selbstlosigkeit, Geduld und eine liebende Sorge für andere. Diese Dinge üben einen mächtigen moralischen Einfluss auf das empfängliche Gemüt des Kindes aus, und der Geist Gottes wird sie sicherlich benutzen, um dadurch sein Herz zu Christus zu ziehen, zu dem Mittel- und Ausgangspunkt aller dieser lieblichen Eigenschaften.

Wer könnte auf der anderen Seite die verderbliche Wirkung beschreiben, die es auf unsere Kinder haben muss, wenn sie an uns Eigenliebe, Zorn, Weltlichkeit entdecken oder wenn sie wahrnehmen, dass wir nach irdischen Gütern trachten? Könnten wir wohl unsere Kinder aus Ägypten herausführen, wenn die Grundsätze und Gewohnheiten Ägyptens in unserem ganzen Verhalten zutage treten? Vielleicht sagen wir ihnen, dass wir nicht zu der Welt gehören, dass sie eine Wüste für uns ist und wir uns auf der Reise zu dem himmlischen Kanaan befinden; aber was nützt dies, wenn unsere Wege, unser Tun und Lassen in völligem Gegenspruch mit unserem Bekenntnis stehen? Unsere Kinder werden nur zu bald diesen großen Gegenspruch entdecken; sie haben dafür ein sehr scharfes Auge. Und wie verhängnisvoll und verderblich die Folgen sind, können wir jeden Tag beobachten.

Vielleicht wird man uns entgegnen, die Kinder seien doch verantwortlich, auch wenn ihre Eltern ihre Berufung nicht erfüllten. Das ist wahr; aber kann dies solche Eltern auch nur für einen Augenblick entschuldigen oder ihre Verantwortlichkeit verringern? Es steht uns schlecht an, die Verantwortlichkeit unserer Kinder angesichts der Tatsache hervorzuheben, dass wir unserer eigenen nicht entsprochen haben. Sie sind ohne Zweifel verantwortlich; aber auch wir sind es. Und wenn wir es unterlassen, unseren Kindern die lebendigen und unwiderlegbaren Beweise zu liefern, dass wir Ägypten für immer verlassen haben, brauchen wir uns dann zu wundern, wenn sie darin zurückbleiben? Was kann es nützen, von der Wüste oder von Kanaan zu reden, während unser ganzes Leben den Geist der Welt verrät? Unser Leben redet eine weit eindringlichere Sprache als unsere Worte, und das Leben straft unsere Worte Lügen. Unsere Kinder urteilen aber naturgemäß nach unserem Verhalten, nicht nach der Sprache unserer Lippen. Wenn nun die beiden nicht in Übereinstimmung sind, was kann es anderes in unseren Kindern hervorrufen als Abneigung gegen alle geistliche Unterweisung und den Gedanken, dass das Christentum ein bloßer Schein ist?

Wie überaus ernst ist dies alles! Wie sollten sich alle christlichen Eltern mit Aufrichtigkeit in der Gegenwart Gottes prüfen, ob sie wirklich ihre Kinder in Abhängigkeit von Gott erziehen und ihnen in allen Dingen ein treues Vorbild sind! Die Frage der Erziehung unserer Kinder ist weit wichtiger, als manche von uns zu denken scheinen. Nur die Macht des Heiligen Geistes kann uns in diesen letzten schweren Tagen zu dem wichtigen und heiligen Werk passend machen. Doch die Gnade Gottes genügt auch hierfür. Wir dürfen das völlige Vertrauen hegen, dass Gott die schwächste Bemühung unsererseits segnen wird, wenn wir aufrichtig wünschen, unsere Kinder aus Ägypten herauszuführen. Doch diese Bemühungen müssen geschehen, und zwar mit dem wirklichen, ernsten Vorsatz unserer Herzen. Und hier möchten wir in brüderlicher Liebe allen christlichen Eltern es ins Gedächtnis rufen, wie wichtig es ist, unsere Kinder von ihrer frühesten Jugend an einen unbedingten Gehorsam zu gewöhnen. Wir glauben, dass in dieser Beziehung auch unter uns viel gefehlt wird und wir haben uns dafür vor Gott zu richten und zu demütigen. Infolge einer falschen Zärtlichkeit oder auch aus Nachlässigkeit lassen wir unsere Kinder oft ihrem eigenen Willen und Vergnügen folgen; und haben wir ihnen einmal erlaubt, diese Bahn zu betreten, so schreiten sie mit Riesenschritten auf ihr voran. Und was ist das Ende dieses Weges? Ein überaus trauriges! Wie mancher Sohn ist auf diesem Weg dahin gelangt, die Ermahnungen seiner Eltern zu verachten, ihre Autorität völlig von sich abzuschütteln, die heilige Ordnung Gottes mit Füßen zu treten und den Familienkreis zu einem Schauplatz der beklagenswertesten Auftritte zu machen!

Wir brauchen nicht zu sagen, wie schrecklich dieses ist und wie sehr es mit den Gedanken Gottes, wie Er sie uns in seinem Wort offenbart hat, im Widerspruch steht. Doch haben die Eltern solcher Kinder sich nicht selbst dafür zu tadeln? Gott hat die Zügel der Regierung und die Rute der Autorität in die Hände der Eltern gelegt; wenn sie nun diese Zügel aus Nachlässigkeit ihren Händen entgleiten lassen oder aus falscher Zärtlichkeit und Schwäche die Rute nicht anwenden, brauchen wir uns dann über die Resultate zu wundern? Eine gute Erziehung übt einen unermesslichen Einfluss auf Charakter und Gemüt des Kindes aus. Wir können es als eine Regel aufstellen – obwohl es hier und da Ausnahmen geben mag –, dass mehr oder weniger das aus unseren Kindern wird, was wir aus ihnen machen. Halten wir sie zum Gehorsam an, so werden sie gehorsam sein; erlauben wir ihnen, ihrem eigenen Willen zu folgen, so wird das Gegenteil der Fall sein.

Sollen wir denn stets die Zügel straff anziehen und unaufhörlich die Rute gebrauchen? Durchaus nicht. Eine allzu strenge Behandlung ist ebenso verkehrt wie eine zu zarte. Ein Kind sollte von frühester Jugend an belehrt werden, dass seine Eltern nur sein Bestes wollen, aber auch, dass ihr Wille unter allen Umständen ausgeführt werden muss. Nichts ist einfacher als das. Für ein wohlerzogenes Kind genügt schon ein Blick oder ein Wort, um es von verkehrten Dingen zurückzuhalten. Das wahre Geheimnis einer erfolgreichen Erziehung liegt unseres Erachtens in der richtigen Anwendung der Strenge und der Zärtlichkeit. Wenn Eltern von Anfang an ihre Autorität aufrechthalten, so mögen sie so viel Liebe und Zärtlichkeit beweisen, als ihre Herzen es nur wünschen mögen. Empfängt das Kind wirklich das Gefühl und das Bewusstsein, dass die Zügel und die Rute unter der Leitung eines gesunden Urteils und einer wahren Liebe stehen, so wird es sich verhältnismäßig leicht erziehen lassen.

Mit einem Wort: Festigkeit und zärtliche Liebe sind die beiden wesentlichen Grundsätze einer gesunden Erziehung – eine Festigkeit, die sich nie durch den Eigenwillen des Kindes noch durch die Gefühle falscher Zärtlichkeit erschüttern lässt, und eine Liebe, die jedem wahren Bedürfnis und jedem rechtmäßigen Wunsch des Kindes Rechnung trägt. So handelt unser himmlischer, Vater auch mit uns, und Er ist hierin, wie in allem anderen, unter vollkommenes Vorbild. Wie geschrieben steht: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem“, so steht auch geschrieben: „Ihr Väter, ärgert eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden“ (Kol 3,20.21). Und wenn an einer anderen Stelle gesagt wird: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern im Herrn, denn das ist recht“, so wird auch sogleich hinzugefügt: „Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ (Eph 6,1.4). Kurz, das Kind muss gehorchen lernen, zugleich aber muss das gehorsame Kind das Vorrecht genießen, in dem Sonnenschein elterlicher Zuneigung zu wandeln. Das ist unsere Ansicht von christlicher Erziehung. Wir hoffen zum Herrn, dass die obigen Betrachtungen für die Herzen und Gewissen vieler christlicher Eltern zum Segen sein mögen, um in ihnen ein tiefes Bewusstsein von der hohen und heiligen Verantwortlichkeit zu erwecken, die im Blick auf ihre geliebten Kinder auf ihnen ruht. Indem wir jetzt diesen Gegenstand verlassen, kommen wir zu dem vierten und letzten der Einwürfe Satans gegenüber dem Gebot des Herrn.

Der vierte Einwurf Satans

2Mo 10,24: Und Pharao rief Mose und sprach; Ziehet hin und dient dem Herrn, nur euer Kleinvieh und eure Rinder sollen zurückbleiben; auch eure Kinder mögen mit euch ziehen.

Was für eine Hartnäckigkeit! Pharao gibt jetzt zu, dass die Kinder mit ihren Eltern ziehen sollen; er kann sie nicht länger zurückhalten. Gottes Hand liegt zu schwer auf ihm und auf seinem ganzen Land. Aber der Feind hat noch einen letzten Einwurf. Kann er von dem Volk kein einziges Glied zurückhalten, so sollen doch wenigstens ihr Kleinvieh und ihre Rinder zurückbleiben. Er will sie auf diese Weise der Möglichkeit und der Mittel berauben, dem Herrn zu dienen; er will sie leer entlassen. Doch beachten wir die edle Antwort Moses, des treuen Knechtes des Herrn. Sie ist von hoher moralischer Schönheit: „Und Mose sprach: Auch Schlachtopfer und Brandopfer musst du in unsere Hände geben, dass wir dem Herrn, unserem Gott, opfern. So muss auch unser Vieh mit uns ziehen, nicht eine Klaue darf zurückbleiben, denn davon werden wir nehmen, um Jehova, unserem Gott, zu dienen“ – erwägen wir wohl diese inhaltsvollen Worte! – „wir wissen ja nicht, womit wir dem Herrn dienen sollen, bis wir dorthin kommen“ (2Mo 10,25.26).

Wir müssen völlig und mit klarem Bewusstsein auf göttlichem Boden stehen, ehe wir uns irgendein wahres Urteil über die Natur und die Ausdehnung seiner Ansprüche bilden können. Solange wir uns in einer weltlichen Atmosphäre bewegen und uns durch einen weltlichen Geist leiten lassen, durch weltliche Grundsätze und Gegenstände, ist es völlig unmöglich, ein richtiges Bewusstsein von dem zu haben, was für Gott angenehm und passend ist. Wir müssen auf dem Boden einer vollbrachten Erlösung stehen, im vollen Licht der neuen Schöpfung, getrennt von diesem gegenwärtigen, bösen Zeitlauf, ehe wir dem Herrn in der rechten Weise dienen können. Nur dann, wenn wir durch die mächtige Wirksamkeit des in uns wohnenden Geistes zu erkennen vermögen, wohin wir durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi gebracht sind, wenn wir die Bedeutung der „drei Tagereisen“ verstehen, sind wir fähig zu unterscheiden, worin ein wahrer christlicher Dienst besteht. Aber dann werden wir auch völlig verstehen und erkennen, dass alles, was wir sind und haben, Ihm angehört. „Wir wissen ja nicht, womit wir dem Herrn dienen sollen, bis wir dorthin kommen.“ Kostbare, gesegnete Worte! Möchten wir ihre Kraft und ihre praktische Anwendung besser verstehen! Mose, der Mann Gottes, begegnet allen Einwürfen Satans einfach damit, dass er mit aller Entschiedenheit an dem Gebot des Herrn festhält: „Lass mein Volk ziehen, dass sie mir ein Fest halten in der Wüste!“

Das ist zu allen Zeiten und unter allen Umständen der einzig wahre Grundsatz. Anders ist es unmöglich, Gott zu dienen. Wir müssen völlig getrennt sein von Ägypten und von seinen verderblichen Einflüssen. Das Gebot und der Maßstab Gottes müssen aufrechtgehalten werden trotz aller Einwürfe und Gegensprüche des Feindes. Sobald wir diesen Maßstab auch nur um eines Haares Breite verlassen, hat Satan gewonnenes Spiel, und wahrer christlicher Dienst und wahres Zeugnis für Gott sind unmöglich gemacht. Möchten wir uns deshalb „von der Welt unbefleckt erhalten“, um unserem Herrn in würdiger Weise zu dienen, bis Er kommt!

Schwere Ketten einst mich banden,
Doch der Herr zerbrach sie all’!
Herr behüte, Herr bewahre
Deinen Knecht vor jedem Fall!


Originaltitel: „Das Gebot Jehovas und die Einwürfe Satans“
aus Botschafter des Heils in Christus, 1883, S. 197–208, 225–236;
engl. Originaltitel: „Jehovah’s Demand and Satan’s Objections“
aus Miscellaneous Writings, Bd. 6

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