Können Gläubige verlorengehen? (3)
Schwierige Stellen im Hebräerbrief

Jacob Gerrit Fijnvandraat

© CSV, online seit: 03.04.2007, aktualisiert: 11.09.2018

Der schwierige Hebräerbrief

Die Anhänger der Lehre, dass der Wiedergeborene wieder verlorengehen kann, berufen sich meist auf eine Anzahl von Aussprüchen im Hebräerbrief, oft jedoch ohne den Charakter dieses Briefes näher zu kennen oder zu bedenken. Bevor ich diese Abschnitte behandle, möchte ich zunächst etwas über das Ziel dieses Briefes sagen.

Die ersten Menschen, die nach der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten zum Glauben an Jesus Christus kamen, waren Juden. Die Versammlungen (Gemeinden) in Judäa bestanden fast ausschließlich aus Juden. Diese zum Christentum übergetretenen Juden waren überzeugt, sich noch immer den Vorschriften des mosaischen Gesetzes unterwerfen zu müssen. Petrus wollte zum Beispiel unter keinen Umständen ein unreines Tier essen oder in das Haus eines Heiden eintreten (Apg 10). Diese Juden betrachteten den Tempel noch als einen heiligen Ort, hielten ihre Gelübde, ließen sich von Priestern reinigen, und  nicht zu vergessen  sie führten auch noch die Beschneidung durch. Als der Apostel Paulus mit Barnabas das Evangelium nach Asien brachte, entstanden dort Versammlungen, in denen bekehrte Heiden in der Überzahl waren. Bei der Verkündigung des Evangeliums wurde ihnen nichts von den Vorschriften des Gesetzes gesagt, nichts von einem heiligen Ort oder von der Beschneidung. Was hatten sie als bekehrte Heiden damit zu tun?

Das Evangelium Jesu Christi legte ihnen in diesen Punkten keine Verpflichtungen auf. So gab es zwei Arten von Versammlungen mit unterschiedlicher Lebensweise, doch mit dem gleichen Glaubensinhalt: Rechtfertigung allein durch den Glauben an Jesus Christus. Das muss wohl Anlass zum Streit gegeben haben, denn die bekehrten Juden wollten in ihrem Eifer für das Gesetz auch den bekehrten Heiden diese Verpflichtungen gegenüber dem Gesetz auferlegen. Manche gingen sogar so weit, dass sie sagten, ohne Halten des Gesetzes gebe es keine Rechtfertigung. Das aber bedeutete in Wirklichkeit Untergrabung und Verleugnung des Evangeliums. Wegen dieser Streitigkeiten wurde in Jerusalem eine große Konferenz einberufen. Dabei wurden zwei Dinge deutlich herausgestellt:

  1. dass die Rechtfertigung allein durch den Glauben an Jesus Christus erfolge;
  2. dass die Juden das Joch, sich an die Gebräuche des Gesetzes halten zu müssen, nicht auf die Jünger aus den Heiden legen sollten (siehe Apg 15).

Es ist deutlich zu sehen, dass die Lebensweise der Heiden mehr den christlichen Standpunkt ausdrückte als die der bekehrten Juden. Die jüdische Lebensweise völlig aufzugeben, wäre für die Juden eine zu harte Forderung gewesen. Hätte man sie dazu verpflichtet, wäre die Verkündigung des Evangeliums unter den Juden stark behindert worden. Gott hat in seiner Langmut immer mit dem jüdischen Volk Geduld gehabt. So ließ Er auch hier eine Übergangsphase zu, in der die bekehrten Juden langsam, aber sicher von ihren Bindungen an das Judentum gelöst werden sollten. Die Absicht des Hebräerbriefes war es zu zeigen, dass diese Übergangszeit zu Ende ging. Um es mit den Worten des Verfassers zu sagen: „Was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe“ (Heb 8,13). Den unmittelbaren Anlass zu diesem Brief will ich im Folgenden kurz skizzieren:

Die bekehrten Juden wurden durch ihre Volksgenossen verfolgt. Ihre Habe wurde ihnen geraubt. Ihr Leben war bedroht. Da hätte eine Rückkehr zum Judentum das Ende der Verfolgung bedeutet. Wie verführerisch war das für alle, die im Blick auf ihre Lebensweise noch so sehr mit der jüdischen Tradition verbunden waren! Der Verfasser macht jedoch deutlich, dass das einer Verleugnung Jesu Christi gleichkäme, die eine Rückkehr unmöglich mache. Er schildert ihnen den himmelweiten Unterschied zwischen der Zeitperiode des Gesetzes mit seinem Dienst in der Stiftshütte und dem Erlösungswerk Jesu Christi, der Grundlage des christlichen Glaubens. Er lässt an ihrem geistlichen Auge die Wolke von Zeugen aus der Vergangenheit vorüberziehen, die nicht auf das Sichtbare schauten, um sich daran festzuklammern, sondern vielmehr sich am Glauben festklammerten. Diese Vorbilder stellt er den Hebräern vor und ruft sie auf, die erschlafften Hände und gelähmten Knie aufzurichten. Doch er stellt ihnen warnend vor Augen, was ein Aufgeben des christlichen Glaubens und die Rückkehr zum Judentum in letzter Konsequenz bedeuten würde.

Damit wir nicht etwa abgleiten

Aufgrund des Hebräerbriefes führt man nun folgende Argumente an: Nach Hebräer 2,1 könne man abgleiten, denn dort steht:

Heb 2,1: Deswegen sollen wir umso mehr auf das achten, was wir gehört haben, damit wir nicht etwa abgleiten.

Tatsächlich haben wir hier dieselbe Warnung wie in den Timotheusbriefen. Nur der Zusammenhang ist ein anderer. Hebräer 1 beschreibt uns die Größe der Person Jesu Christi, die über die der Propheten und der Engel, durch die das Gesetz Moses eingeführt wurde, weit erhaben ist. Dieser Jesus hat das Heil verkündigt, die Apostel, die es aus seinem Mund vernahmen, haben es bestätigt, und Gott wirkte mit durch Zeichen und Wunder (Heb 2,1-4).

Wenn nun schon ein Verwerfen des Gesetzes und seine Übertretung eine gerechte Vergeltung mit sich brachte, wie schrecklich würde es dann sein, dieses durch Jesus Christus verkündete Heil zu verwerfen, nachdem man es gehört hatte. Ein Abgleiten ist tatsächlich möglich. Angenommen, Sie haben die Verkündigung des kostbaren Wortes Gottes gehört. Sie haben möglicherweise schon als Kind die Botschaft vom Heil in Christus kennengelernt und eine geistliche Erziehung genossen, wie sie vielleicht nur wenigen zuteilwurde, oder Sie sind während einer Evangelisation von der Botschaft von Jesus Christus beeindruckt worden. Doch nach einiger Zeit geben Sie alles auf. Sie werfen alles „über Bord“. Dann „bleiben Sie nicht in dem, was Sie gelernt haben“, und Sie weichen von der Ihnen verkündeten Lehre ab. Sie weisen den ab, der aus dem Himmel spricht, und es ist dann auch unmöglich, dem Zorn Gottes zu entfliehen. Welch schreckliche Konsequenz!

Diese Stelle spricht nicht von der Möglichkeit, dass ein Kind Gottes in Sünde fällt. Wer von uns könnte sagen, dass er nach seiner Bekehrung nicht mehr gesündigt hätte und in diesem Sinn abgewichen sei? Für Petrus, der seinen Herrn verleugnete, gab es einen Weg zurück, und glücklicherweise gibt es den für uns auch. Es geht hier – ebenso wie in den Briefen an Timotheus – um ein Aufgeben des christlichen Glaubensinhalts.

Abfallen vom lebendigen Gott

Heb 3,12-14: Sehet zu, Brüder, dass nicht etwa in jemand von euch ein böses Herz des Unglaubens sei in dem Abfallen vom lebendigen Gott, sondern ermuntert euch selbst jeden Tag, solange es „heute“ heißt, auf dass niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde. Denn wir sind Genossen des Christus geworden, wenn wir anders den Anfang der Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten.

Hebräer 3,12 redet aber doch von einem Abfallen vom lebendigen Gott und einem Verhärtet-Werden durch den Betrug der Sünde? Und in Vers 14 steht ganz klar eine Bedingung: „Wenn wir anders den Anfang der Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten.“ Das ist eine der vielen „Wenn“-Stellen. (In anderen Übersetzungen heißt es „sofern“ oder „vorausgesetzt dass“, doch das läuft auf dasselbe hinaus.) Ich führe noch drei Stellen an:

  • 1Kor 15,2: Durch das ihr auch errettet werdet, wenn ihr an dem Worte festhaltet, das ich euch verkündet habe.

  • Kol 1,23: Wenn ihr anders im Glauben gegründet und festbleibt und euch nicht abbringen lasst von der Hoffnung des Evangeliums.

  • Heb 3,6: Sein Haus sind wir, wenn wir anders die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten.

Was meint der Geist Gottes mit diesem „wenn“? In allen drei Fällen wird das Wort an Personengruppen gerichtet. Angenommen, ich spräche in einem Saal vor einem christlichen Publikum. Wenn ich bitten würde: „Jeder, der bekennt, Christ zu sein, möge aufstehen“, dann würden sich vielleicht alle wie ein Mann erheben. Wäre das ein Beweis dafür, dass alle wirklich Christen sind? Nein, es würde nur bedeuten, dass alle bekennen, Christen zu sein.

Welches wäre nun der Beweis dafür, dass sie auch wirklich Christen sind? Dass sie im Glauben gegründet und festbleiben. Sollte das bei einem dieser Bekenner nicht der Fall sein, so wird dadurch deutlich, dass bei ihm kein wirklicher Glaube vorhanden war. Das Wort „Glaube“ bedeutet in Kolosser 1,23 auch wieder „Glaubensinhalt“, das gesamte christliche Glaubensgut. Wer wirklich Christ ist, wird diesen Glauben bis zum Ende festhalten. Ein bloßer Namenschrist kann Mormone, Zeuge Jehovas oder ähnliches werden. Man kann auch den christlichen Glauben dadurch verleugnen, dass man sich durch Sünde verhärtet und sich vom lebendigen Gott abwendet. Es ist verhältnismäßig einfach zu sagen, man sei errettet; doch es durch Glauben und durch sein Verhalten zu beweisen, ist etwas ganz anderes.

Fallen nach demselben Beispiel

Was ist dann aber mit der Stelle:

Heb 4,11: Last uns nun Fleiß anwenden, in jene Ruhe einzugehen, auf dass nicht jemand nach demselben Beispiel des Ungehorsams falle.

So wie nicht alle Israeliten die Ruhe im Lande Kanaan erreicht haben, so werden doch auch nicht alle Christen in die himmlische Ruhe eingehen?

Das ist allerdings ein sehr schwaches Argument, denn warum gingen die Israeliten nicht in die Ruhe ein? Wir sehen, dass sie wegen ihres Unglaubens nicht eingehen konnten (Heb 3,19). Ihnen war, wie uns, zwar eine gute Botschaft verkündet worden, aber das gehörte Wort nützte jenen nicht, weil es bei denen, die es hörten, nicht mit dem Glauben vermischt war (Heb 4,2). Ebenso werden auch viele Menschen verlorengehen, die bekannt haben, Christen zu sein, weil sie wohl die Botschaft des Evangeliums gehört haben, aber die Predigt nicht wirklich im Glauben angenommen und dem Herrn Jesus nicht als ihrem Heiland geglaubt haben.

Nicht mehr zur Buße zu erneuern

Doch nun zu Hebräer 6:

Heb 6,4-6: Denn es ist unmöglich, diejenigen, welche einmal erleuchtet waren und geschmeckt haben die himmlische Gabe, und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes, und geschmeckt haben das gute Wort Gottes und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters, und abgefallen sind, wiederum zur Buße zu erneuern, indem sie den Sohn Gottes für sich selbst kreuzigen und ihn zur Schau stellen. (Bibelstellen eingefügt vom SW-Team.)

Hier wird von Menschen geredet, die einmal erleuchtet waren, die himmlische Gabe geschmeckt haben, des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind, die das gute Wort Gottes und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben und die doch abgefallen sind. Was hier steht, ist doch wohl schwerlich mit der Auffassung, ein Kind Gottes könne nicht verlorengehen, in Übereinstimmung zu bringen?

Wir dürfen nicht verkennen, dass durch diesen Abschnitt viele verwirrt worden sind. Doch zuerst ein Wort an die Befürworter der Lehre, dass der Wiedergeborene verlorengehen kann. Sie machen keinen Unterschied zwischen dem Straucheln oder dem In-Sünde-Fallen eines Gläubigen und dem wirklichen Abfallen vom Glauben bei einem Namenschristen. Nach ihrer Auffassung kann sich jemand zu Gott bekehren, abgleiten, kann sich wieder bekehren usw. Sie sprechen dann auch auf ihren Evangelisationen von Menschen, die sich zum ersten, zweiten, dritten Mal bekehrt haben. Nach ihrer Theorie müsste Hebräer 6 wohl so lauten: „Es ist sehr wohl möglich, die, die einmal erleuchtet waren und die himmlische Gabe geschmeckt haben …, aber abgefallen sind, wiederum zur Buße zu erneuern.“ Das Wort Gottes sagt jedoch genau das Gegenteil. Ihre Theorie wird daher durch diesen Abschnitt Lügen gestraft. Würden diese Verse aussagen, dass ein bekehrter Sünder wieder verlorengehen könne, dann würden sie zugleich bedeuten, dass ein solcher sich nicht mehr bekehren könne, weil er „den Sohn Gottes gekreuzigt und zur Schau gestellt“ habe.

Wir wollen nun diese Verse in ihrem Zusammenhang sehen, im Licht des gesamten Briefes betrachten und dabei untersuchen, über wen gesprochen wird. Wie bereits erwähnt, wendet sich der Apostel an Juden, die sich zum christlichen Glauben bekannten. Sie kannten das Alte Testament und waren davon überzeugt, dass Jesus der Messias war. Selbst wenn sie hierin nicht aufrichtig waren, so hatten sie doch seine Autorität durch die Wunder gespürt, die sie erlebt oder mitangesehen hatten. Wenn solche Menschen zum Judentum zurückkehrten, um den Verfolgungen zu entgehen, dann mussten sie Jesus Christus abschwören. Dadurch machten sie sich aber wieder eins mit dem jüdischen Volk, das seinen Messias gekreuzigt hatte. Nun, sagt der Verfasser, für solche gibt es keinen Weg mehr zurück. Sie sind zu weit gegangen. Dass der Apostel jedoch diese Möglichkeit bei echten Kindern Gottes ausschloss, geht aus Vers 9 hervor:

„Wir aber sind im Hinblick auf euch. Geliebte, von besseren und mit der Seligkeit verbundenen Dingen überzeugt, wenn wir auch also reden.“

Es ist also möglich, die oben genannten Vorzüge genossen zu haben und doch nicht errettet zu sein. Wohlgemerkt, hier steht nicht: „Es ist unmöglich, dass die, die einmal wiedergeboren waren und abgefallen sind, zur Buße erneuert werden“. Es werden andere Kennzeichen genannt, und diese beinhalten nicht notwendigerweise die Wiedergeburt. Hier werden fünf Punkte aufgezählt, die wir nun einzeln untersuchen wollen:

  1. „Die einmal erleuchtet waren“

    Was sagt Psalm 119, 130? „Die Eröffnung deines Wortes erleuchtet, gibt Einsicht den Einfältigen.“

    Und der Apostel Johannes bezeugt: „Das war das wahrhaftige Licht, das – in die Welt kommend – jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9).

    Jeder, der das Evangelium von Jesus Christus gehört hat, ist dadurch erleuchtet worden. Ein solcher kann sich nicht mehr auf Unwissenheit berufen. Die Predigt des Evangeliums hat sogar die ganze westliche Welt, die im finsteren Heidentum lag, erleuchtet. Doch bedeutet das, dass jeder, der so erleuchtet worden ist, sich auch wirklich bekehrt hat? Leider nicht.

  2. „Die die himmlische Gabe geschmeckt haben“

    Es besteht ein Unterschied zwischen Kosten und Essen. Das eine ist nur eine äußere Geschmackserfahrung, das andere bedeutet dagegen ein wirkliches Sichernähren.

    Diese Menschen hatten etwas von dem Heil gespürt, das Gott schenkt. Sie hatten etwas von der Größe der Person Jesu Christi gesehen. Aber sie hatten sich nie von dem Fleisch und Blut des Sohnes Gottes „genährt“ (Joh 6,54).

    Jeremia hat das Wort Gottes als Nahrung in sich aufgenommen (Jer 15,16). Hesekiel und Johannes mussten eine Buchrolle nehmen und sie essen. Das ist etwas anderes, als nur zu kosten oder zu prüfen.

    Jesus Christus sagt: Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel herniedergekommen ist; wenn jemand von diesem Brote isst, wird er leben in Ewigkeit“ (Joh 6,51). Darin liegt keine Spur von Umkommen, Abfallen oder Verlorengehen.

  3. „Die des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind“

    Das Wort bedeutet nicht etwa, dass der Heilige Geist in ihnen Wohnung gemacht hätte, nachdem sie zum Glauben gekommen wären. In anderen Übersetzungen heißt es, dass sie „Teilhaber des Heiligen Geistes“ geworden sind. Das mit „Teilhaber“ übersetzte Wort ist dasselbe wie in Lukas 5,7: „Sie winkten ihren Genossen“, siehe auch Epheser 5,6.7.

    In diesem Sinn haben diese Menschen teilgehabt am Heiligen Geist. Sie sind insofern Teilhaber des Heiligen Geistes geworden, als sie mit dem Heiligen Geist zusammengearbeitet haben. Der Verfasser des Hebräerbriefes verwendet gerade nicht Ausdrücke wie „versiegelt mit dem Heiligen Geist“, „gesalbt mit dem Heiligen Geist“ oder „getauft mit dem Heiligen Geist“. Bileam war in diesem Sinn ein Teilhaber und Genosse des Geistes Gottes, als er seine Prophezeiungen über Israel aussprach. König Saul hat durch den Geist mitten unter den Propheten geweissagt, Judas hat mit den Zwölfen durch den Geist Gottes Dämonen ausgetrieben. Und alle drei taten das, ohne wiedergeboren zu sein.

  4. „Die das gute Wort Gottes geschmeckt haben“

    Hier gilt dasselbe wie bei Punkt 2. Man kann durch die Erhabenheit der christlichen Glaubenslehre angezogen werden. Das Gefühl kann angesprochen werden, ohne dass eine Wiedergeburt stattfindet. Das ist die Lektion in dem Gleichnis vom Sämann. Es gibt viererlei Boden. Das Saatgut ist immer dasselbe. Da ist der harte Boden, der Weg, auf dem die Botschaft des Evangeliums nicht einmal einen Eindruck hinterlassen kann. Das Herz ist verhärtet. Es gibt auch einen Boden, der nur aus einer dünnen Schicht Erde über hartem Felsen besteht. Das Wort wird mit Freuden aufgenommen, spricht also das Gefühl an. Aber es bewirkt keine echte Buße und Reue. Sobald Verfolgung einsetzt oder Schwierigkeiten auftreten, wird das Wort erstickt. Dann gibt es Erdreich, das wohl zur Saat geeignet erscheint, aber Dornen und Disteln verdrängen die gute Saat. Das sind Menschen, die den Eindruck des Evangeliums durch die Sorgen des Lebens ersticken lassen. In allen drei Fällen trägt die Saat keine Frucht. Nur der gute, gepflügte Boden trägt reiche Frucht.

  5. „Die die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben“

    Die Verkündigung des Evangeliums war ursprünglich von Zeichen und Wundern begleitet. In dem zukünftigen Zeitalter wird das wieder der Fall sein, darum heißen sie: Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters. Die Knechte Gottes werden unter dem Antichristen Feuer vom Himmel fallen lassen und Wasser in Blut verwandeln (Off 11). Viele Hebräer hatten diese Macht Gottes kennengelernt. Sie hatten die Wunder gesehen und waren davon tief beeindruckt. Das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass ihre Herzen verändert worden waren. Ja, es wird vor dem Thron des Gerichts sogar solche geben, die selbst Wunder getan und im Namen Jesu Dämonen ausgetrieben haben, denen der Herr aber sagen muss: „Ich habe euch nie gekannt.“

Jemand kann all diese fünf Vorzüge genossen haben und doch kein Kind Gottes sein. Dass diese Auslegung richtig ist, beweist Vers 7: „Denn das Land, das den häufig darauf kommenden Regen trinkt und nützliches Kraut hervorbringt für diejenigen, um deretwillen es auch bebaut wird, empfängt Segen von Gott“ (Heb 6,7). Dies ist die Parallele zum vierten Boden aus dem Gleichnis vom Sämann. Dann folgt als Gegensatz:

„Wenn es aber Dornen und Disteln hervorbringt, so ist es unbewährt und dem Fluche nahe, und sein Ende ist die Verbrennung.“

Die Menschen, von denen hier gesprochen wird, werden mit diesem letzten Boden verglichen. Aber sie haben nie Frucht für Gott gebracht. Dann folgt der bereits angeführte Ausspruch: „Wir aber sind im Hinblick auf euch, Geliebte, von besseren und mit der Seligkeit verbundenen Dingen überzeugt; wenn wir auch also reden.“ Mit anderen Worten: Euch vergleiche ich nicht mit diesen Abtrünnigen, die nur äußerlich das Heil kennengelernt haben, bei euch ist das Herz vom Evangelium ergriffen worden. Diese Verse stimmen mit dem folgenden Wort des Herrn Jesus überein:

„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, die reinigt er, auf dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibet in mir und ich in euch. Gleichwie die Rebe nicht von sich selbst Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock, so auch ihr nicht, ihr bleibt denn in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, dieser bringt viel Frucht; denn außer mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen“ (Joh 15,1-6).

Israel war der Weinstock, den Gott in Ägypten ausgegraben und in Kanaan neu eingepflanzt hatte (Ps 80,8-16). Dort sollte das Volk für Gott Frucht hervorbringen. Aber statt guter Trauben brachte der Weinstock nur Herlinge hervor (Jes 5,1-7). Was geschah dann? Gott richtete diesen Weinstock. Dieses Zeugnis wurde verworfen. Jesus Christus nennt sich selbst nun den wahren Weinstock. Er nimmt die Stelle Israels ein. Zwar war Israel der Sohn, den Gott aus Ägypten gerufen hatte (Hos 11,1), doch das Volk hatte sich als ein ungehorsamer Sohn erwiesen. Daher nahm Jesus Christus seine Stelle ein. Hosea 11,1 wurde in Ihm erfüllt, als Er mit seinen Eltern aus Ägypten zog (Mt 2,15). Israel wird zwar in Jesaja 43,10 der Knecht Jahwes genannt, doch war es ein untreuer Knecht. Jesus Christus nahm diese Stelle ein – Er ist der treue Knecht Jahwes (Jes 42,1; 52,13; 53,11).

In all diesen Fällen geht es um die Tatsache, dass Gott auf der Erde ein Zeugnis haben will, dass Israel wegen seiner Untreue beiseitegesetzt wurde und dass Christus diesen Platz vollkommen eingenommen hat. Doch zu diesem Zeugnis, das für Gott Frucht hervorbringen soll, gehören auch die Jünger Jesu Christi. Das wird durch das Bild vom Weinstock verdeutlicht. Die Jünger sind die Reben am Weinstock.

Es gibt jedoch zwei Arten von Reben, wie auch in Hebräer 6,7 von zweierlei Boden die Rede ist:

  • Reben, die Frucht bringen. Diese werden gereinigt, damit sie mehr Frucht, ja sogar viel Frucht tragen.
  • Dann gibt es Reben, die keine Frucht bringen. Diese werden abgeschnitten, verdorren und werden verbrannt.

Der Herr spricht hier nicht vom Besitz des ewigen Lebens wie bei dem Bild der Schafe, sondern Er spricht vom Fruchttragen. Was ist die Aufgabe der Reben eines Weinstocks, wenn nicht die, Frucht hervorzubringen! Jeder, der Jesus Christus seinen Herrn nennt, ist eine Rebe und damit ein Teil des christlichen Zeugnisses auf der Erde. Doch ein solcher hat die Verpflichtung, Frucht zu tragen. Und um diese Verpflichtung geht es bei dem Bild des Weinstocks. Wenn jemand nicht in dem Wort des Herrn bleibt, bringt er keine Frucht. Dann entspricht er dem Juden in Hebräer 6, der das christliche Zeugnis aufgibt. Er ist ein Boden, der Dornen und Disteln hervorbringt und das Urteil herausfordert.

Was veranlasst den Verfasser zu dieser Aussage?

Wenn der Verfasser doch überzeugt war, dass seine Leser errettet waren und nicht abfallen würden, warum stellte er ihnen dann diese Dinge vor Augen (Heb 6)?

Der Hauptgrund seiner Ausführungen ist die Möglichkeit, dass sich unter die bekehrten Juden auch solche gemischt haben konnten, die nicht wirklich bekehrt waren und die bei anhaltender Verfolgung zum Judentum zurückkehren würden. Dieser Abschnitt sollte ihnen die Gefahr eines solchen Schrittes zeigen. Er sollte ihnen aber vor allem die Augen für den unbekehrten Zustand ihres Herzens öffnen. Wenn sie zum Judentum zurückkehrten, gäbe es keine Rettung mehr für sie. Aber dann wären sie auch jetzt noch nicht gerettet! Dann gehörten sie nicht zu denen, die nach Überzeugung des Verfassers errettet waren!

Zum anderen sind diese Ausführungen auch eine ernste Mahnung für die wirklich bekehrten Juden. Wenn ein solcher Abfall so ernst war, dann musste bereits der Gedanke an eine etwas nachgiebigere christliche Haltung gegenüber dem Judentum eine schreckliche Sünde und Verunehrung des Meisters sein. Dieser Gedanke sollte radikal abgewiesen werden. Sie sollten vielmehr alle Kräfte einsetzen, um auf dem Weg des christlichen Glaubens Fortschritte zu machen. Die bekehrten Juden waren nach Hebräer 5 zum Lernen zu träge geworden. Über die geistliche Bedeutung einer Gestalt wie Melchisedek konnte der Verfasser nicht mit ihnen reden. Feste Speise konnten sie nicht vertragen. Sie waren wieder wie Kinder geworden, die die Milch des Evangeliums nötig hatten. Sie waren unerfahren im Wort der Gerechtigkeit. Das Wort von Christus, wie es ihnen im Alten Testament begegnete, kannten sie. Diesen Grund hatten sie wohl unter ihren Füßen. Der Begriff „Bekehrung“ war ihnen ebenso wenig fremd wie der Glaube an Gott. Auch begriffen sie den Sinn der Waschungen im levitischen Gottesdienst und die Bedeutung des Auflegens der Hände auf den Kopf des Opfertieres, und sie wussten auch von der Auferstehung der Toten und dem ewigen Gericht. Aber das alles kennzeichnet noch nicht den Stand des erwachsenen Christen. Ein bekehrter Israelit konnte schon vor der Kreuzigung Jesu von diesen Dingen wissen. Sie sollten jedoch diese Grundlage stehen lassen und zum Vollkommenen heranwachsen. Anstatt zurückzugehen – was zu einem Zurückgehen führen konnte –, sollten sie nach vom blicken, wachsen und Frucht für Gott bringen.

Ist denn das so schlimm?

Vielleicht ist jemand von der Endgültigkeit des Ausdrucks „unmöglich wiederum zur Buße zu erneuern“ schockiert und fragt sich, ob das, was ein sich zum Christentum bekennender Jude tun konnte, denn so schlimm war. Ich kann das nicht besser als mit einem weiteren Zitat von Ironside beantworten:

Diese an die Juden gerichtete Botschaft sollte ihnen zeigen, dass Christus wirklich der Messias und die Erfüllung aller Abschattungen oder Vorbilder der Zeitperiode des Gesetzes ist. Die zwei verschiedenen Arten Ackerboden in Hebräer 6 stellen zwei Menschen beziehungsweise den Zustand ihres Herzens dar.

Die folgende Schilderung macht es sicher noch deutlicher: Beide wuchsen in derselben Umgebung auf. Beide wurden in der Schrift unterrichtet. Sie gingen zusammen zur Synagoge. Beide erwarteten das Kommen des Messias. Beide hörten Johannes den Täufer und ließen sich von ihm taufen. Beide hörten Jesus predigen und sahen die Wunderwerke, die Er tat. Beide standen unter der Menschenmenge, die seiner Kreuzigung zuschaute. Beide gesellten sich zu denen, die sich das offene Grab ansahen. Beide haben von der Himmelfahrt gehört. Beide sahen das mächtige Wirken des Heiligen Geistes an Pfingsten und danach. Beide bewegten sich im Kreis der Jünger und hörten die Apostel. Äußerlich sah man keinen Unterschied. Doch nun kam die Verfolgung. Der eine wurde gefangen genommen und vor die Wahl gestellt: „Schwöre Christus ab, sonst stirbst du.“ Er sagte: „Ich kann nicht abschwören, denn er ist mein Heiland.“ – „So wirst du getötet werden.“ – „Ich bin bereit zu sterben, aber meinen Heiland kann ich nicht verleugnen.“ Der andere wird ebenfalls gefangen genommen und vor dieselbe Entscheidung gestellt. Er sagt: „Ich will lieber abschwören als sterben. Ich mache kehrt und werde mich wieder als echter Jude verhalten.“ – „Dann komm hierher.“

Es wurde eine schreckliche Methode angewandt, um solche wieder in das Judentum aufzunehmen. Ich erinnere mich, einmal gelesen zu haben, dass man in diesem Fall den Abtrünnigen an einen unreinen Ort brachte, wo ein Schwein geschlachtet wurde. Dort musste er – um die Aufrichtigkeit seiner Umkehr zu beweisen – das Blut bespucken und sagen: „So sehe ich das Blut Jesu an.“ Danach reinigten sie ihn und nahmen ihn wieder in das Judentum auf.

Welcher Unterschied besteht zwischen den beiden? Jeder Boden erhielt denselben Regen und denselben Sonnenschein, aber in der Frucht unterscheiden sie sich. Der erste brachte Früchte, die der Bekehrung entsprachen, der andere nur Dornen und Disteln.

Das ist die Bedeutung des Ausdruckes „Christus für sich kreuzigen und ihn öffentlich zur Schau stellen“. (Andere übersetzen: „ihn zur Schande machen“.) So ernst ist es, wenn man willig und bewusst Christus abschwört. Am Kreuz konnte der Heiland noch bitten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Petrus konnte in Jerusalem noch predigen: „Ich weiß, dass ihr es in Unwissenheit getan habt, wie auch eure Obersten.“

Damals bestand noch das Angebot der Rettung. Doch der erste Märtyrer für den Glauben – Stephanus – bat nur noch: „Rechne ihnen diese Sünde nicht zu.“ Von Unwissenheit war da keine Rede mehr. Paulus bezeugt dann auch, dass der volle Zorn Gottes über Israel gekommen ist (1Thes 2,15.16).

Auch heute noch?

Dieser Text bezieht sich also auf Juden, die sich vom christlichen Glauben abwandten und zum Judentum zurückkehrten. Er ist aber nicht grundsätzlich auf diese eine Situation beschränkt. Auch bloße Namenchristen heidnischen Ursprungs können auf eine ähnliche Weise vom Glauben abfallen. Aus der Geschichte ist der Fall zweier Brüder bekannt, die ich hier jedoch nicht namentlich erwähnen möchte. Beide kamen aus einer Predigerfamilie. Beide waren auch selbst Prediger. Der eine hatte sich durch seine schriftstellerischen Arbeiten einen Namen gemacht. Doch eine Aufstellung seiner Werke lässt sein geistliches Zurückgehen erkennen. Schließlich hat er sein Predigtamt aufgegeben und die ganze Wahrheit des christlichen Glaubens verleugnet. Der andere hat vielen Kindern Gottes mit dem Wort gedient und auch einige Schriften mit grundlegendem Inhalt hinterlassen. Dieses Beispiel aus unserem Land könnte durch viele aus dem Ausland ergänzt werden. Ich möchte eins nennen: Der gelehrte Francis W. Newman hat einmal bekannt, Christ zu sein. Er verkehrte viel mit Gläubigen, mit denen er auch das Abendmahl feierte. Er war sogar für einige Zeit als Missionar im Irak tätig. Später wandte er sich jedoch ab und entpuppte sich als ein Feind des Kreuzes Christi. Er schrieb ein Buch, in dem er starke Angriffe gegen das Christentum führte. Haben diese Menschen nicht im Sinn von Hebräer 6 gehandelt und sich das Urteil selbst zugezogen?

Das Blut, durch das er geheiligt worden ist

Der folgende Einwand stützt sich auf Hebräer 10,26-29:

Heb 10,26-29: Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig, sondern ein gewisses furchtvolles Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verschlingen wird. Jemand, der das Gesetz Moses verworfen hat, stirbt ohne Barmherzigkeit auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen. Wieviel ärgerer Strafe, meint ihr, wird der wertgeachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt worden ist, für gemein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?

Hier ist doch sicher von einem Gläubigen die Rede, so argumentiert man; denn es wird von jemandem gesprochen, der durch das Blut geheiligt worden ist.

Dieser Ausdruck bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass dieser Mensch wirklich wiedergeboren war. Das ganze Volk Israel war durch das Blut des Bundes geheiligt worden. Geheiligt bedeutet: abgesondert für Gott; wie Israel durch Blut von den Völkern abgesondert worden war, so ist jeder, der Jesus Christus seinen Herrn nennt, von den Ungläubigen abgesondert.

In 1. Korinther 7,14 sagt Paulus sogar von einem ungläubigen Mann, dass er durch die Ehe mit einer Frau, die zur Bekehrung gekommen ist, geheiligt ist. Er bleibt aber ein Ungläubiger, wenn er nicht – dem Vorbild seiner Frau folgend – ebenfalls Jesus Christus als seinen Heiland annimmt. Ohne das Blut Jesu Christi, das auf Golgatha vergossen wurde, wäre die ganze Welt auf ewig verdammt worden. Gerade aufgrund des Blutes des Herrn kann Gott dem Sünder das Heil anbieten. Es geht in diesem Vers um den Sohn Gottes, nicht so sehr um die Sünde. Für das Problem der Sünde gibt es eine Lösung: das Kreuz. Die große Frage ist jedoch, wie man sich dem Opfer des Sohnes Gottes gegenüber verhält. Jesus Christus starb für alle Menschen. Er ist das Sühnopfer, nicht allein für unsere Sünden, sondern für die ganze Welt (1Joh 2,2). Sein Blut reicht aus für jeden, der an Ihn glaubt, für jeden Sünder der ganzen Welt (Joh 3,18.19).

Doch nehmen wir einmal an, ein Jude, der zum Christentum übergetreten und damit durch das Blut des neuen Bundes geheiligt worden ist, kehrt dem Kreuz den Rücken zu, wendet sich wieder dem Tempeldienst zu und opfert im Tempel wieder für seine Sünde. War das dann noch ein Schlachtopfer für die Sünde? Nein, denn er hat ja das Schlachtopfer für die Sünde abgewiesen. Alle Opfer im Tempel konnten ihm nicht mehr helfen. Im Gegenteil, sie klagten ihn an, dass er den Sohn Gottes mit Füßen getreten (man ließ abtrünnige Christen auf das Kreuz treten) und das Blut des Bundes für gemein geachtet hatte.

Noch ein Wort zu dem Ausdruck „mit Willen sündigen“. Das Gesetz unterschied zwischen einem In-Sünde-Fallen und einem mutwilligen Übertreten des Gesetzes Gottes. Für Ersteres gab es Vergebung, für Letzteres nicht. In dem Zusammenhang des Textes darf man es hier auch nicht auf das Straucheln von Christen anwenden, sondern auf eine ganz bewusste Verwerfung des Kreuzes. Wer so etwas tut, gibt sich als „Widersacher“ (Heb 10,29) zu erkennen und zieht sich zurück zum Verderben (Heb 10,39). Er hat nicht ausgeharrt und trägt dann auch nicht die Verheißung Gottes davon (Heb 10,36). Er zeigt vielmehr durch sein Abfallen, dass er nicht wiedergeboren war. Doch, so schließt der Verfasser diesen Abschnitt: „Wir aber sind nicht von denen, die sich zurückziehen zum Verderben, sondern von denen, die da glauben zur Errettung der Seele“ (Heb 10,39).

Die Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird

Bei dem folgenden Einwand stützt man sich auf Hebräer 12,14.15:

Heb 12,14.15: Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird; indem ihr darauf achtet, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide.

Häufig wird diese Stelle so verstanden, dass man einen bestimmten Stand der Heiligkeit erreicht haben müsse, um in den Himmel zu kommen. Wenn man sündigt, fällt man von der erreichten Höhe herunter und muss wieder von neuem beginnen. Der Vergleich mit dem vorhergehenden Ausdruck „Jagt dem Frieden nach mit allen“ macht bereits deutlich, dass diese Auslegung falsch ist. Hier wird nämlich nicht von einem bestimmten Grad des Friedens, den wir anstreben müssen, gesprochen. Es geht vielmehr um eine Gesinnung, die bei dem Wiedergeborenen zu finden sein muss. So ist es auch mit dem „Jagen nach Heiligkeit“. Wenn jemand behauptet, ein Christ zu sein, aber nicht dem Frieden und der Heiligkeit in seinem praktischen Leben nachjagt, dann zeigt er dadurch, dass er den Frieden, den Gott schenkt, und die Heiligkeit Gottes nicht kennt. Dieser Mensch ist ein Heuchler, und er wird Gott nicht schauen!

Übrigens ist es wichtig, der Bedeutung des Begriffes „heilig“ einmal nachzugehen. Die wörtliche Übersetzung heißt „abgesondert“. Dabei liegt aber nicht der Nachdruck auf „abgesondert vom Bösen“, sondern auf „abgesondert für Gott“. So wird vom Herrn Jesus gesagt, dass Er „geheiligt und in die Welt gesandt“ war (Joh 10,36) und dass Er sich für uns „heiligte“ (Joh 17,19). Er weiht sich also dem Dienst für Gott. Dazu ist Er „abgesondert“. In demselben Sinn wird von Wiedergeborenen gesagt, dass sie in Christus Jesus geheiligt sind.

Sie werden deshalb auch von Gott „Heilige“ genannt. Das ist keine Anmaßung des Wiedergeborenen, sondern ein Geschenk Gottes. Doch von denen, die die Stellung von Heiligen einnehmen, erwartet Gott, dass sie auch in der Praxis ein geheiligtes Leben führen. Wer behauptet, Gott anzugehören, aber nicht nach einem Leben für Gott strebt, der heuchelt. Sein Leben ist eine Verleugnung seines Bekenntnisses. Wenn ein Gläubiger in Sünde fällt (wie Petrus), dann wird er Reue über das Böse bekunden und seine Schuld bekennen. Er wird die Ursache für sein Fallen verurteilen (z.B. sein Selbstvertrauen – „ich werde dich nicht verlassen“). Er wird Gott um Kraft bitten und darum, dass Er ihn bewahre. Damit stellt er unter Beweis, dass er der Heiligkeit nachjagt. Wer so handelt, wird Gott schauen.

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Mit freundlicher Genehmigung aus Können Gläubige verlorengehen?
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