Der Brief an die Hebräer (10)
Kapitel 10

David Willoughby Gooding

© CV Dillenburg, online seit: 12.11.2019

Ein vollkommenes Opfer

Wir werden uns in einem weiteren Kapitel mit dem Priestertum des Herrn Jesus beschäftigen, es erneut mit dem Priestertum Aarons vergleichen und dabei dessen Vorzüglichkeit erkennen. In diesem Kapitel liegt das Gewicht auf der Vorzüglichkeit Seines Opfers.

Wir wollen uns erneut, so gut wir es vermögen, in die Lage der Empfänger des Briefes versetzen. Sie waren Hebräer, die bezeugt hatten, dass der Herr Jesus ihr Christus und Retter war. Aber sie waren Juden, die noch sehr jüdisch dachten. Zudem hatten sie jahrelang in der Art ihrer Väter diese Tieropfer dargebracht, entsprechend den Weisungen des Alten Testamentes, und es war nicht leicht, ihnen einen Opferdienst auszureden, den Gottes Wort selbst geboten hatte.

Wir müssen ferner bedenken, dass ein Großteil des Neuen Testaments inzwischen zwar geschrieben war, dass es aber zweifelhaft ist, ob sie mehr als bloß das eine oder andere Buch davon besaßen. Und es brauchte schon viel Zeit, bis ein Jude, der von klein auf erzogen worden war, das Alte Testament als Heilige Schrift zu ehren, und dem man beigebracht hatte, dass es ihn weise zur Seligkeit machen würde, bereit gewesen wäre, das Neue Testament auf die gleiche Ebene wie das Alte zu stellen. Auch würde er Aussagen eines christlichen Verkündigers niemals die gleiche Verbindlichkeit zuerkennen wie den Schriften des Alten Testaments. Sie hatten ihren Glauben an Jesus als den Messias bekannt, aber für ihr Denken verknüpfte sich mit dem Titel „Messias“ alles, was das Alte Testament diesbezüglich verheißen hatte. So machte sich der Schreiber des Briefes an die schwierige Aufgabe, diese Juden zu überzeugen, dass die alttestamentlichen Opfer nicht nur unzulänglich, sondern gar überholt und abgeschrieben waren. Wie wird er das fertigbringen? Wie wird er es einem Juden klarmachen?

Vollkommenheit im Alten Testament

Verse 1-6

Heb 10,1-6: 1 Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich ununterbrochen darbringen, die Hinzunahenden vollkommen machen. 2 Denn würde sonst nicht ihre Darbringung aufgehört haben, weil die den Gottesdienst Ausübenden, einmal gereinigt, kein Gewissen von Sünden mehr gehabt hätten? 3 Doch in jenen Opfern ist alljährlich ein Erinnern an die Sünden; 4 denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden wegnehmen. 5 Darum, als er in die Welt kommt, spricht er: „Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet; 6 an Brandopfern und Opfern für die Sünde hast du kein Wohlgefallen gefunden. 7 Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun.“ 8 Während er vorher sagt: „Schlachtopfer und Speisopfer und Brandopfer und Opfer für die Sünde hast du nicht gewollt noch Wohlgefallen daran gefunden“ (die nach dem Gesetz dargebracht werden), 9 sprach er dann: „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun.“ (Er nimmt das Erste weg, damit er das Zweite aufrichte.) 10 Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi.

Denkt zuerst einmal daran, beginnt er seine Argumentation, dass die Häufigkeit, mit der jene Opfer dargebracht wurden, schon ein Beweis für ihre Unzulänglichkeit ist. Das Gesetz enthielt bloß den Schatten der zukünftigen Güter, nicht die Wirklichkeit. Darum konnten die ununterbrochen dargebrachten Opfer die Opfernden niemals vollkommen machen. Die Opfer erfüllten ihre eigentliche Aufgabe nie.

„Woher willst du das wissen?“, mögen die Empfänger gefragt haben. Aus der einfachen Tatsache, dass sie Jahr für Jahr wiederholt werden mussten. Hätte irgendeines dieser Opfer den Opfernden vollkommen gemacht, dann hätte man nicht mehr weiter opfern müssen. Wenn man nun das Alte Testament liest, stellt man fest, dass das Opfer nie aufhörte. Man kam einmal pro Jahr zusammen, um der Zeremonie des großen Versöhnungstages beizuwohnen. Die Ältesten bekannten feierlich die Sünden des Volkes über dem Kopf des Opfertieres. Die gewiesenen Rituale wurden befolgt, und im Namen Gottes konnte der Hohepriester Vergebung aussprechen.

Aber im Jahr darauf wurde die ganze Frage der Sünde wieder aufgerollt. Es war also Jahr für Jahr nur ein Erinnern an die Sünden; man wurde sie nie los, so dass der ganze Prozess stets wieder von vorn anfangen musste: Sündenbekenntnis, Schlachten der Tiere und Zusage der Vergebung. Die Sache wurde nie endgültig geregelt. Und diese Tatsache allein ist schon der Beweis, dass jene Opfer niemand bezüglich seines Gewissens vollkommen machen konnten.

Dann lesen wir weiter im Alten Testament und kommen zu den Psalmen. Dort vernehmen wir, wie Gott selbst und (in prophetischer Weise) der Herr Jesus reden und die alttestamentliche Opferordnung kritisieren. Das wäre für einen Juden ein kräftiges Argument. Denn er glaubte von ganzem Herzen, dass der Gott, der 3. Mose inspirierte, auch die Psalmen inspiriert hatte. Eine allgemeine Regel ist, dass der letzte Befehl gilt, und da ja die Psalmen erst nach 3. Mose geschrieben wurden, enthalten diese Gottes endgültiges Urteil in dieser Frage.

Schlachtopfer und Speiseopfer hast du nicht gewollt …; an Brandopfern und Opfern für die Sünde hast du kein Wohlgefallen gefunden. Hier spricht jemand, der Einblick in Gottes Gedanken gewonnen hat und der feststellt, dass alle Opfer, die durch die Jahrhunderte dargebracht wurden, Gottes Herz letztlich nicht befriedigen konnten. Er hatte kein Wohlgefallen an der Schlachtung von Tieren: An Brandopfern und Opfern für die Sünde hast du kein Wohlgefallen gefunden. Es muss also ein völlig andersartiges Opfer dargebracht werden: Einen Leib hast du mir bereitet. Es ist nicht entscheidend, wer der Schreiber des Psalmes war; einem Juden, wie auch uns, ist es offenkundig, dass der Messias selbst spricht.

Gottes Wille

Verse 7-10

Heb 10,7-10: 7 Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun.“ 8 Während er vorher sagt: „Schlachtopfer und Speisopfer und Brandopfer und Opfer für die Sünde hast du nicht gewollt noch Wohlgefallen daran gefunden“ (die nach dem Gesetz dargebracht werden), 9 sprach er dann: „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun.“ (Er nimmt das Erste weg, damit er das Zweite aufrichte.) 10 Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi.

Wenn man den Psalm im Alten Testament aufschlägt, stößt man nicht auf die genau gleiche Formulierung. Der Heilige Geist hat sich in Seiner Souveränität voller und klarer ausgedrückt, um die Wahrheit dem neutestamentlichen Gottesvolk deutlicher zu machen; darum zitiert Er in etwas abgeänderter Form. Der Messias sagt also, als Er in die Welt kommt: „Ich bin gekommen, weil die alttestamentlichen Opfer unzulänglich waren. Einen Leib hast Du mir bereitet, in dem ich Deinen Willen tun will.“ Man beachte als Erstes, fährt der Schreiber fort, die Reihenfolge der Aussagen in diesem Psalm. Ich lese Verse 8 und 9: Indem er vorher sagt: ,Schlachtopfer und Speisopfer und Brandopfer und Opfer für die Sünde hast du nicht gewollt, noch Wohlgefallen daran gefunden‘, … sprach er dann: ‚Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun.‘ Und beachtet, ihr Juden, wenn ihr im Alten Testament die Psalmen lest, die Reihenfolge und die Genauigkeit eurer heiligen Schriften. Nehmt nicht einen Vers aus dem Zusammenhang heraus, sondern studiert den ganzen Zusammenhang und versucht, die Absicht des Schreibers zu erkennen. Nachdem Er also vorher gesagt hatte: „Du hast an diesen Opfern kein Wohlgefallen gefunden“, sagt er dann: „Ich bin gekommen, um das zu tun, was Du eigentlich willst. Siehe, ich komme, um Deinen Willen zu tun.“ Er nimmt das Erste weg, auf dass Er das Zweite aufrichte.

Ich hoffe, wir vermögen dem Schreiber zu folgen. Er argumentiert sehr sorgfältig anhand der Reihenfolge, in der das Alte Testament die Aussagen anführt. Er weist darauf hin, dass die Psalmen selbst beweisen, dass die erstgenannten Dinge, jene Opfer, durch das Kommen des Einen aufgehoben worden sind, der da sagte: „Siehe, ich komme, um Deinen Willen zu tun.“ Das Kommen Christi, um das zu tun, was Gott seit jeher eigentlich wollte, lässt die vorläufigen Einrichtungen der alten Ordnung unwiderruflich veralten. Aber beachtet auch, wie verschieden Sein Opfer ist.

Der Leib Christi

Die Opfer des Alten Testaments waren die Leiber und das Blut von Tieren. Sie konnten ihre Aufgabe nie hinlänglich erfüllen. Warum, werden wir gleich sehen. Wir halten hier zunächst inne, um festzuhalten, dass das vollkommene Opfer Christi Sein eigens dazu bereiteter Leib war. Mehr will ich dazu jetzt nicht sagen; wir kommen noch darauf zurück, wenn wir in diesem Kapitel auf den Vorhang stoßen. Lasst uns aber beachten, wie sorgfältig sich der Heilige Geist ausdrückt. Im vorherigen Kapitel stellten wir fest, dass das Werk Christi folgendermaßen geschildert wurde: Er opferte sich selbst durch den ewigen Geist. Dort stand das geistliche Bedürfnis nach Gemeinschaft von Gefallenen und geistlich Toten mit Gott, der Geist ist, im Vordergrund. Um die Verbindung zwischen unserem Geist und Gott, der Geist ist, herzustellen, opferte sich Christus durch den ewigen Geist.

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns hingegen mit der Dahingabe Seines Leibes. Wir neigen manchmal dazu, die Opferung des physischen Leibes des HERRN und Sein physisches Leiden zu unterschätzen. Das ist nicht richtig. An jedem ersten Tag der Woche, wenn wir zusammenkommen, um des HERRN zu gedenken, stehen auf dem Tisch nicht ein, sondern zwei Zeichen, und das erste ist das Brot, von dem der Herr Jesus sagte: „Dies ist mein Leib; mein physischer Leib wird in diesem Brot symbolisiert.“ Wir tun recht, wenn wir das Blut, das uns von unseren Sünden gewaschen hat, in hohen Ehren halten; aber lasst uns dabei nicht vergessen, dass Er Seinen Leib dahingab. Durch die Opferung Seines Leibes sind wir geheiligt worden. Und bitte beachtet, wie der Schreiber das hervorhebt, indem er nicht sagt, wir seien durch die Opferung Jesu Christi geheiligt – obwohl das auch stimmen würde –; nein, er sagt ausdrücklich, dass „wir geheiligt sind durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“.

Wir halten noch einige Augenblicke inne, um die Unterschiede zwischen dem Opfer jener Tiere und dem Opfer des eigens dazu bereiteten Leibes des Herrn Jesus zu betrachten. Zwischen dem Tierkörper und dem Leib eines jeden Menschen besteht schon ein riesiger Unterschied; wie groß ist erst der Unterschied zwischen tierischen Leibern und dem sündlosen Leib des Herrn, den Er Gott opferte! Wie kam man noch die Stirn haben, Tieropfer darzubringen, nachdem der Herr Jesus Seinen Leib Gott geopfert hat?

Dann wollen wir uns als Nächstes merken, dass dieses Opfer ein für alle Mal geschah. Es hat die alttestamentlichen Opfer nicht nur überholt, weil es dem Wesen nach verschieden ist, sondern auch, weil es in der Gültigkeit verschieden ist: Es ist ein ein für alle Mal dargebrachtes Opfer. Wir sind durch die Dahingabe des Leibes Jesu Christi ein für alle Mal geheiligt.

Lasst uns diese herrliche Tatsache fassen. Er sagte, als Er kam: „Siehe ich komme, um Deinen Willen zu tun, zu tun, wonach Dich immer verlangte, zu tun, was die Tieropfer nur schwach andeuten konnten. Ich bin gekommen, um Deinen Willen zu tun.“ Und der Wille Gottes war, dass Er Seinen Leib opfern sollte. Meint ihr, Er hätte es in vollkommener Weise getan? Gewiss tat Er das, ansonsten wäre Er nicht vollkommen gewesen. Weil Er aber Gottes Willen auf diese Weise getan hat, hat Er alle, die geheiligt werden, auf immerdar vollkommen gemacht.

Ein für alle Mal

Verse 11-14

Heb 10,11-14: 11 Und jeder Priester steht täglich da, verrichtet den Dienst und bringt oft dieselben Schlachtopfer dar, die niemals Sünden wegnehmen können. 12 Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes, 13 fortan wartend, bis seine Feinde hingelegt sind als Schemel seiner Füße. 14 Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden.

Wie verschieden ist es doch von den alttestamentlichen Opfern! In der Beschreibung der Pflichten der Priester hören wir die Mühseligkeit der ganzen alttestamentlichen Ordnung heraus: Und jeder Priester steht täglich da, den Dienst verrichtend und oft dieselben Schlachtopfer darbringend, welche niemals Sünden hinwegnehmen können. Welch mühselige Angelegenheit! Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes. Das Werk war vollendet. Opfer für Sünden müssen keine mehr dargebracht werden; das Einzige, was noch bleibt, ist, dass Seine Feinde Ihm zu Füßen gelegt werden.

Wir halten wieder inne. Die meisten von uns kennen diese Dinge bereits und erfreuen sich ihrer. Aber viele Christen haben diese herrliche Wahrheit noch nicht erfasst; viele aufrichtige Gläubige behandeln ihre Errettung so, als stünden sie noch unter alttestamentlichen Bedingungen. Fragt man sie, ob sie dem Opfer Christi vertrauen, antworten sie: „Ja.“ Fragt man sie weiter, ob all ihre Sünden, vergangene, gegenwärtige und zukünftige, vergeben seien, zögern sie: „Ja, ich glaube, sie sind bis heute vergeben; aber für Zukünftiges? Da dürfen wir nicht anmaßend sein, obwohl ich versuche, regelmäßig meine Sünden zu bekennen und auf Gottes Gnade hoffe, dass Er sie mir vergibt.“ Sie meinen, es sei fromm und gottselig, in steter Spannung und Ungewissheit zu leben. Offensichtlich erkennen sie den Unterschied nicht zwischen der alten und der neuen Ordnung.

Es gehörte zum alttestamentlichen System, dass Jahr für Jahr an die Sünden erinnert wurde, und zwar im Sinne des Gesetzes: Sünden wurden ausfindig gemacht, Schuld wurde festgelegt, die Strafe wurde bezahlt. Man kam in einem Jahr und bekannte seine Sünden, und das Opfer wurde geschlachtet; und dann kam man im darauffolgenden Jahr wieder und bekannte seine Sünden; und so ging es endlos weiter. Die Sache wurde immer neu aufgerollt, es gab keinen bleibenden Frieden, kein beruhigtes Gewissen. Es war unmöglich, denn man wusste um die zukünftig immer neu ausfindig zu machenden und zu bekennenden Sünden mit der dazugehörigen Strafe.

Lasst uns die alttestamentlichen Zustände verlassen. Wir besitzen etwas Besseres. Wir haben ein Opfer und eine Errettung, die die Frage der Sünde und der Schuld nicht endlos immer neu aufrollt. Beachtet bitte, dass hierin der entscheidende Unterschied im Wert und in der Gültigkeit des neutestamentlichen gegenüber dem alttestamentlichen Opfer liegt. Die alttestamentlichen Opfer waren zahllos; sie hatten auch zur Aufgabe, die Sündenfrage beständig neu aufzugreifen. Unser Opfer aber hat immerwährende Gültigkeit; es wird nicht wiederholt; das Werk ist vollendet und vollkommen. Darum rollen wir nicht beständig die Frage der Schuld und Sünde neu auf.

Glauben und sündigen

Denkt nur nicht, ich wollte jemand ermutigen, gläubig zu werden, um dann weiterzusündigen. Wenn es um unseren Zustand vor Gott, unser Leben in der Familie Gottes geht, werden wir feststellen, dass unser Vater in Seinem Haus und in Seiner Werkstatt Zucht anwendet. Wenn es um unseren täglichen Umgang mit Ihm und untereinander geht, werden wir feststellen, dass wir jede Übertretung bekennen müssen. Solche Übertretungen werden uns unter der Bedingung vergeben, dass wir unseren Glaubensgenossen auch vergeben. Wenn wir ihnen aber nicht vergeben, werden auch uns unsere Übertretungen nicht vergeben. Und wenn wir nicht die Vergebung unserer täglichen Übertretungen suchen und erlangen, werden wir durch die Mühle der göttlichen Züchtigungen gehen müssen. Es geht hierbei aber um das Zusammenleben in der Familie und die göttliche Zucht, die dazugehört. Wenn es aber um unsere Stellung vor Gott geht, um die Frage der ewigen Strafe für die Schuld der Sünde, wenn es um unser Anrecht auf den freien Zugang zu Ihm geht, dann gedenkt Er, Gott sei Dank, unserer Sünden und Übertretungen nie mehr.

Ihr beachtet, wie sorgfältig der Heilige Geist sich ausdrückt. Er sagt in Vers 14: „Denn durch ein Opfer hat er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden.“ Lasst uns auf das wunderbare Gleichgewicht in diesem Satz achthaben. Er hat uns auf immerdar vollkommen gemacht; ja, soweit es um die Schuldfrage geht, um unsere Stellung vor Gott, unsere Rechtfertigung, da hat Er uns auf immerdar vollkommen gemacht – wir sind so vollkommen, wie wir nur je sein werden. Aber wer sind wir? Wir sind solche, die geheiligt werden. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Er hat auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden. Im Griechischen ist das die Gegenwartsform; daran sollten wir denken. Wir werden geheiligt.

Gewiss tragen wir im Herzen das durch den Heiligen Geist hineingelegte Verlangen, in der Heiligung so schnell und so gründlich wie nur möglich voranzukommen. Lasst uns dabei aber nicht vergessen, dass die Grundlage aller Heiligung die Erkenntnis unserer absolut vollkommenen Stellung vor Gott ist.

Wenn wir der Vorstellung erliegen sollten, unsere Annahme vor Gott entspreche immer nur unserem Wachsen in der Heiligung, müssten wir verzweifeln. Nein, wir gehen von einer vollkommenen Stellung vor Gott aus, und Er wirkt täglich an unserer Heiligung.

Der Heilige Geist ist Zeuge

Verse 15-18

Heb 10,15-18: 15 Das bezeugt uns aber auch der Heilige Geist; denn nachdem er gesagt hat: 16 „Dies ist der Bund, den ich ihnen errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Indem ich meine Gesetze in ihre Herzen gebe, werde ich sie auch auf ihren Sinn schreiben“; 17 und: „Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken.“ 18 Wo aber eine Vergebung derselben ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde.

Es bleibt noch ein Zeugnis, denn der Heilige Geist will uns die genannten Wahrheiten in Herz und Gewissen schreiben: Das bezeugt uns aber auch der Heilige Geist, fährt der Schreiber fort (Heb 10,15-17).

Diesen Worten sind wir in einer früheren Betrachtung über den Neuen Bund bereits begegnet. Wir beachten wiederum, wie geschickt der Schreiber alttestamentliche Bibelstellen anführt. Denn, sagt er, ihr beachtet doch die Reihenfolge der Aussagen über den Bund. Zuerst schreibt uns Gott Seine Gesetze in Herz und Sinn, so dass wir sie ganz natürlich und gern tun; es ist der Ausdruck unserer Liebe zu Ihm: Wir tun sie gern; es ist auch ein Ausdruck unserer Gesinnung: Wir denken gern über Gottes Gebote nach. Aber trotz alledem finden wir in unseren Gliedern ein anderes Gesetz, das gegen Gottes Gesetz ankämpft, so dass wir, wenn wir das Gute tun wollen, vom Bösen übermannt werden.

Dann aber sagt er: „Ihrer Sünden und ihrer Ungerechtigkeiten will ich nie mehr gedenken.“ Habt ihr schon über die Bedeutung dieser Aussage nachgedacht? fragt der Schreiber. Ihrer Sünden und ihrer Ungerechtigkeiten will ich nie mehr gedenken. Wie ihr merkt, zitiere ich aus dem Alten Testament, aus eurem jüdischen Alten Testament, fährt der Schreiber fort. Und der Heilige Geist nennt uns hier die Bedingungen des Neuen Bundes. Unter diesem Bund verheißt Er, dass alle Sünden so vollkommen vergeben sind, dass Gott sagen kann, Er werde ihrer nie mehr gedenken. Da ist es absolut logisch, dass keine Opfer mehr nötig sind, wenn alle eure Sünden vergeben sind. Wo aber eine Vergebung derselben ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde.

Wie herrlich ist Gottes Gnade und Gottes Vergebung! Der Heilige Geist hätte sich auch folgendermaßen ausdrücken können: „Das Opfer Jesu Christi ist vollkommen, dass alle eure Sünden vergeben sind.“ Und das wäre gewaltig gewesen. Aber Er geht noch einen Schritt weiter und sagt: „Wisst ihr, warum Gott von Christus nie wieder verlangen wird, dass Er stirbt? Wisst ihr, warum Christus ein für alle Mal gestorben ist und warum Sein Opfer nie wiederholt werden wird? Aus folgendem Grund: Für alle, die dem Retter vertrauen, sind ihre Sünden vollständig verschwunden, und Gott wird ihrer ewiglich nicht mehr gedenken. Wenn Gott ihrer nicht mehr gedenkt, welches Bedürfnis ist noch nach einem Opfer. Die Vergebung ist so vollständig, dass kein Opfer mehr denkbar ist.“ Wer kann noch an seiner Wohlannehmlichkeit vor Gott zweifeln, wenn er vernimmt, wie hier der Heilige Geist uns von der Gnade und Güte Gottes zu überführen sucht?

So lasst uns hinzutreten

Verse 19-22

Heb 10,19-22: 19 Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, 20 auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch, 21 und einen großen Priester haben über das Haus Gottes, 22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und so gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.

Aus allem, was in vorliegendem Abschnitt über das Hohepriestertum des Herrn Jesus vom Ende des Kapitels 4 bis zum Kapitel 10 gesagt worden ist, ergeben sich einige offenkundige Folgerungen. Sie werden in diesen Versen für uns zusammengefasst.

Aufgrund des Opfers des Herrn Jesus haben wir Freimütigkeit, hinzuzutreten und ins Allerheiligste einzugehen. Freimütigkeit durch das Blut Jesu Christi auf dem neuen und lebendigen Weg hinzuzutreten, den der HERR uns durch den Vorhang, das ist sein Fleisch, eingeweiht hat. Ich liebe diese Worte Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt … Ein guter Freund von mir erklärte diese Verse – er tat es in aller Ehrfurcht – manchmal folgendermaßen: „Es ist nicht heilige Freimütigkeit, Brüder, es ist unheilige Freimütigkeit. Denn wir haben Freimütigkeit, in die Gegenwart Gottes zu treten, nicht etwa, weil wir es verdient hätten oder weil wir einen gewissen Stand der Heiligung erreicht hätten; wir haben Freimütigkeit, in die Gegenwart Gottes zu treten, obwohl wir gottlose Sünder[1] und noch unvollkommene Heilige sind.“

Wie groß macht uns das die göttliche Gnade! Zu Recht singen wir

Wo ist ein solcher Gott wie du,
voll Langmut, Macht und Gnade!
Führst Sünder ein in Deine Ruh
von des Verderbens Pfade.

Denn wir ehemaligen Sünder treten nicht nur in das Allerheiligste ein, sondern wir tun es dazu noch mit Freimütigkeit; wir sind frei, unsere Herzen ungehemmt vor Gott auszuschütten; nicht wie Leute, die plötzlich in vornehme Gemächer eingeführt worden sind und sich fremd fühlen, steif auf der Stuhlkante sitzen, kaum etwas zu sagen wagen und nur antworten, wenn sie gefragt werden. Wir haben Freimütigkeit, und das heißt nicht nur Mut und Zuversicht, sondern die Freiheit, alles zu sagen, was auf unseren Herzen ist.

Mach deinen Mund auf!

Wenn ich an den Hohenpriester im Alten Testament denke, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass er lange in der Gegenwart Gottes verharrte und sein Herz vor Gott ausschüttete und diese Erfahrung genoss. Gott aber möchte, dass wir mit Freimütigkeit kommen, Ihm alles sagen, was wir auf dem Herzen haben, ganz natürlich zu Ihm reden. Es war von jeher Sein Verlangen, als Er die Anweisung gab, den Sühnedeckel auf die Lade zu legen, denn dort im Allerheiligsten wollte Er zwischen den Cherubim mit dem Hohenpriester reden. Aber wie selten konnte Gott jemand in Seiner Gegenwart haben; denn niemand durfte zu kommen wagen. Jetzt aber ist der Weg geöffnet. Wir haben Freimütigkeit, zu kommen, und Gott freut sich, wenn wir Ihm alles sagen, was in unseren Herzen ist.

Ich will natürlich nicht die Leitung des Heiligen Geistes abwerten, aber lasst uns doch voll und ganz das gottgegebene Vorrecht nutzen. Warum sollten wir stumm sein vor Ihm und meinen, wir müssten eine wohldurchdachte Rede bereit haben, bevor wir uns an Ihn wenden dürfen, damit wir ja nichts falsch sagen. Gott hat unseren Schwachheiten zum Trotz für alles gesorgt, damit wir unsere Herzen freimütig ausschütten können. Wenn wir uns in Seiner Gegenwart anfänglich vielleicht auch etwas befangen fühlen, weil wir noch nicht wissen, wie man sich in Gottes Gegenwart benimmt, werden wir diese Gefühle bald überwinden; denn uns erwartet dort ein großer Hoherpriester: Da wir einen großen Hohenpriester über das Haus Gottes haben, so lasst uns hinzutreten.

Einigen jungen Priestersöhnen muss es ein Trost gewesen sein, als sie mündig wurden und ihren Dienst in den geweihten Vorhöfen aufnahmen, einen Hohenpriester zu haben, der das alles kannte und ihnen zeigen konnte, wie man sich in der Gegenwart Gottes zu verhalten habe. Gott sei Dank, dass auch wir einen großen Hohenpriester haben, der uns, wenn wir in die erhabene Behausung Gottes eintreten, an der Hand nimmt und dort oben einführt, indem Er uns lehrt, wie wir uns vor der Majestät in den Himmeln zu benehmen haben.

Bevor wir aber diese Zusammenfassung verlassen, möchte ich einige Gedanken über die Bedeutung folgender Worte anfügen: „… der neue und lebendige Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang, das ist sein Fleisch.“

Zwei Vorhänge

Ich möchte hier eine schwierige Erklärung wagen in der Hoffnung, es möchte dem einen oder andern zum praktischen Nutzen für den Umgang im Allerheiligsten gereichen. Wir wollen versuchen, die Bibel zu verstehen, wenn sie uns hier sagt, wir haben Freimütigkeit, auf dem neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist Sein Fleisch, hinzuzutreten. Man hat schon verschiedene Deutungen dieses Verses vorgebracht. Ich werde euch nur mit der Deutung belästigen, die ich für die richtige halte, respektiere aber die Meinung anderer, die nicht mit mir einverstanden sind. Wir sind hier, um einander zu helfen und nicht zu kritisieren. Es besteht nun offensichtlich eine gewisse Verwirrung in den Köpfen, was die Sache mit dem Vorhang soll. Da steht in der Versammlung ein Bruder auf und schlägt das Lied vor, das die Strophe enthält: Zerrissen ist der Vorhang und der Himmel offen … Ein herrliches Lied, das ich gerne singe. Und dann schlägt vielleicht am Ende der Zusammenkunft ein anderer Bruder ein Lied vor, in dem es unter anderem heißt, dass die Heiligen bald gesammelt werden, jenseits des Vorhangs … Jenseits eines zerrissenen Vorhangs? Ich denke nicht. Der Grund für diese scheinbaren Widersprüche liegt darin, dass zumindest der Hebräerbrief den Ausdruck „Vorhang“ für zwei Dinge braucht. In Kapitel 6 lesen wir, dass unser großer Hoherpriester als Vorläufer nach jenseits des Vorhangs hineingegangen ist und dass unser Anker ebenfalls da hineingeht. Dort kann der Vorhang nicht Sein Fleisch symbolisieren. Der Vorläufer ist nicht in Sein eigenes Fleisch hineingegangen. Er ist für uns nach innen hinter den Vorhang hineingegangen; das bedeutet, dass der Herr Jesus von dieser Erde gegangen und jenseits dieses Vorhangs, der die sichtbare von der unsichtbaren Welt trennt, in der Gegenwart Gottes ist. Der Ort, wo Gott ist, ist nicht ein imaginärer, sondern ein wirklicher Ort. Aber er ist unseren Augen verborgen durch den Vorhang, der die sichtbare von der unsichtbaren Welt trennt.

Eines Tages wird dieser Vorhang beiseitegeschoben werden; die Himmel werden entfliehen wie eine Buchrolle, wenn sie aufgerollt wird, und sogar die Gottlosen werden es sehen; und dann werden sie das Lamm Gottes kommen sehen und werden zu den Bergen rufen, sie mögen sie bedecken.

Aber in Kapitel 10 symbolisiert der Vorhang sein Fleisch; und es heißt, wir haben Freimütigkeit, ins Allerheiligste einzutreten durch den Vorhang, das ist Sein Fleisch. Lasst uns an das denken, was wir in einem früheren Kapitel erkannten, als wir die alttestamentliche Stiftshütte und ihren Gottesdienst betrachteten. Die Stiftshütte war durch den Vorhang in zwei Abteilungen unterteilt; und solange der Vorhang noch bestand, war der Weg ins Allerheiligste noch nicht geoffenbart. Damals hatte man noch nicht die Freimütigkeit, ins Allerheiligste einzutreten. Der Vorhang war jedoch eine gnädige Vorkehrung Gottes, die es sündigen und hinfälligen Menschen allen Schwachheiten zum Trotz ermöglichte, näherzutreten, um den Dienst am Leuchter, am Schaubrottisch und am goldenen Altar zu verrichten. Sie konnten aber nur so nahe kommen, weil ein Vorhang sie von Gott trennte, und Gott konnte auf diese Männer blicken, weil Er sie durch den Vorhang hindurch anblickte.

So konnten die Priester den Vorhang berühren, obwohl auf der anderen Seite der ewige Gott wohnte. Das ist ein Bild vom Herrn Jesus Christus in den Tagen Seines Fleisches; denn was dieser Vorhang im Bilde tat, tat der HERR in Person, als Er auf dieser Erde war. Ihm wurde ein Leib bereitet, und Er nannte diesen Leib den Tempel Gottes.

Christi Leib war ein Vorhang

In Ihm wohnte die Fülle der Gottheit leibhaftig (Kol 2,9). Und doch konnten die Huren und Zöllner mit all ihren Sünden kommen und Ihn berühren, jenen heiligen Leib anfassen, obwohl in Ihm der Gott war, der ein unzugängliches Licht bewohnt. Huren und Zöllner konnten natürlich nicht in die unmittelbare Gegenwart Gottes treten. Seine Heiligkeit verbot das. Und doch wohnte Gott in diesem menschlichen Leib und die Menschen konnten ihn anfassen. Warum? Weil Sein Leib als Vorhang diente. Als Er die Kindlein in Seine Arme nahm und sie segnete, als die gefallene Frau kam und mit ihren Tränen der Buße Seine Füße netzte, da berührten sie den Vorhang, der die Gegenwart des allmächtigen Gottes abschirmte.

Sagst du mit dem Verfasser jenes englischen Chorals: „Ich wünscht’, ich wär in jener Zeit bei Ihm gewesen“? Wie nahe muss Gott den Menschen erschienen sein, als der Leib Jesu Christi auf der Erde war. Ich verstehe, dass du so empfinden kannst, aber ich freue mich, dir sagen zu können, dass du Gott näher kommen kannst als damals. Denn in den Tagen Seines Fleisches war Sein Leib ein Vorhang. Aber lasen wir nicht eben, dass Er diesen Leib nahm und ihn Gott opferte? 33 Jahre lang hatte Sein Leib als Vorhang gedient, als Er aber den Kreuzestod starb, hörte Sein Leib auf, als Vorhang zu dienen. Er opferte ihn, Er opferte diesen sündlosen, fleckenlosen Leib Gott.

Sein Opfer ist angenommen worden, und Er ist um unseretwillen in die Gegenwart Gottes eingegangen, und zwar mit einem Leib, dem Herrlichkeitsleib. Er steht nicht mehr als Vorhang da. Der Vorhang hat sich sozusagen freigemacht, ist ins Allerheiligste hineingegangen und hat sich gesetzt zur Rechten des Thrones.

„Aber das kann ein Vorhang doch nicht tun“, protestierst du. Natürlich nicht. Aber hier geht es um einen neuen und lebendigen Weg. Unser Herr Jesus ist die Erfüllung der Stiftshütte. Er ist der Priester und gleichzeitig das Opfer und auch der Weihrauch. Er war einst auch der Vorhang, aber das ist Er nicht mehr. Er hat Seinen Leib dargebracht, Er ist hineingegangen; da ist kein Vorhang mehr. Und weil kein Vorhang mehr da ist, „zeigt der Heilige Geist an, dass der Weg ins Heiligtum offen ist“. Solange der Vorhang bestand, hatte die vordere Abteilung ihren gesonderten Stand. Nimmt man aber den Vorhang weg, ist nur noch eine Abteilung da. Gott missgönnt uns den Eintritt nicht; Er fordert uns nicht auf, verstohlen hindurchzugucken oder durch einen in der Mitte aufgeschlitzten Vorhang hineinzukriechen.

Der Vorhang ist gänzlich weg, und der Weg liegt weit geöffnet vor uns, geradewegs bis zum Vaterherz. Wir können jetzt schon im Geiste eintreten; bald werden wir es auch im Leibe tun.

Wie herrlich ist das alles, wie vollständig ist Gottes Heil! Er vergibt uns nicht nur unsere Sünden, reinigt nicht nur unsere Seelen; Er hat uns noch mehr bereitet: Der Tag kommt, an dem unser Hoherpriester zum zweiten Male ohne Sünde zur Seligkeit erscheinen wird, und dann wird unser Leib gerettet und Seinem Leib der Herrlichkeit gleichgestaltet werden. Unsere Erlösung wird dann vollendet sein, und Gott wird uns in Seine Gegenwart rufen, wir werden in einem unzugänglichen Licht stehen. Obwohl noch Menschen werden wir vollkommen und vollendet in Leib und Geist vor Ihm stehen. Das könnten wir jetzt noch nicht. Unser armseliger Leib, von Sünde gezeichnet und dem Tode unterworfen, könnte keinesfalls in die Gegenwart Gottes gebracht werden.

Nicht dass Gott unfreundlich wäre; aber du würdest doch auch kein von einer Seuche befallenes Tier in deine Wohnung lassen. Bei allem Mitleid für das arme Tier würdest du es nicht in dein Haus nehmen. So kann Gott nicht von Sünde gezeichnete Leiber in Seiner Gegenwart dulden. Aber um uns auch dem Leibe nach zu erlösen, hat unser Herr Jesus Christus Seinen eigenen sündlosen Leib genommen – Einen Leib hast du mir bereitet, sagte Er –, nicht ein Opfertier, sondern Seinen eigenen, heiligen, von Sünde, Altern, Zerfall und Sterblichkeit absolut freien Leib, und Er hat ihn Gott geopfert. Dadurch sind wir auf immerdar vollkommen gemacht.

„Aber was bedeutet dann der im Tempel von Jerusalem zerrissene Vorhang?“, willst du wissen. Ja, der Vorhang im Tempel zerriss. Als unser HERR Sein Opfer vollendet hatte, sagte Er: Es ist vollbracht. Das neue Opfer war gebracht worden, das alte System war damit veraltet. Gott sagte dazu: Ich habe dieses Opfer angenommen, und ich habe das alte System abgeschafft. Darum zerreiße ich den Vorhang. – Und so wie wir über ein Blatt Papier, auf dem nicht mehr gültige Anweisungen stehen, einen dicken Strich ziehen, so ging Gott ans Herzstück der jüdischen Religion (denn das jüdische System muss einen Vorhang haben; ohne solchen würde es nicht funktioniert haben, da seine Opfer nicht gut genug waren) und zerriss es. Er sagte damit: „Das Alte ist vorbei, auf ewig abgeschafft.“ Man kann das alte System nicht mehr funktionstüchtig machen; das ist auch nicht nötig, denn Gott hat etwas völlig Neues eingeführt.

Verse 23-25

Heb 10,23-25: 23 Lasst uns das Bekenntnis der Hoffnung unbeweglich festhalten (denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat); 24 und lasst uns aufeinander achthaben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken, 25 indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das umso mehr, je mehr ihr den Tag näher kommen seht.

Darum haben wir Freimütigkeit, hinzutreten, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser. Lasst uns aber auch die anderen zwei Dinge tun, nämlich: Lasst uns das Bekenntnis der Hoffnung unbeweglich festhalten, denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat. Lasst uns bei der Stange bleiben, lasst uns die Hoffnung vom Kommen des HERRN hochhalten. Und lasst uns aufeinander achthaben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken …, und das um so mehr, als ihr den Tag herannahen sehet.

Wenn ich dir durch meine Ausführungen irgendwie habe helfen können, darf ich dich dann bitten, als Gegenleistung mein Herz anzureizen, wenn meine Liebe erkalten und die Hoffnung erlahmen will? Wir brauchen einander auf unserer Pilgerreise mit all ihren Versuchungen und Proben. Lasst uns darauf achten, dass wir uns gegenseitig zum Guten anreizen und uns brennend und wach erhalten, bis der HERR kommt.

Eine Warnung

Verse 26-39

Heb 10,26-39: 26 Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig, 27 sondern ein gewisses furchtvolles Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verzehren wird. 28 Jemand, der das Gesetz Moses verworfen hat, stirbt ohne Barmherzigkeit auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen; 29 wie viel schlimmerer Strafe, meint ihr, wird der wert geachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt worden ist, für gemein erachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? 30 Denn wir kennen den, der gesagt hat: „Mein ist die Rache, ich will vergelten“, spricht der Herr. Und wiederum: „Der Herr wird sein Volk richten.“31 Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen! 32 Erinnert euch aber an die früheren Tage, in denen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden wart, viel Kampf der Leiden erduldet habt; 33 indem ihr einerseits sowohl durch Schmähungen als auch Drangsale zur Schau gestellt wurdet, andererseits aber Genossen derer wurdet, die so einhergingen. 34 Denn ihr habt sowohl den Gefangenen Teilnahme bewiesen als auch den Raub eurer Güter mit Freuden aufgenommen, da ihr wisst, dass ihr für euch selbst einen besseren und bleibenden Besitz habt. 35 Werft nun eure Zuversicht nicht weg, die eine große Belohnung hat. 36 Denn ihr habt Ausharren nötig, damit ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Verheißung davontragt. 37 Denn noch eine ganz kleine Zeit, und „der Kommende wird kommen und nicht ausbleiben. 38 Der Gerechte aber wird aus Glauben leben“; und: „Wenn jemand sich zurückzieht, so hat meine Seele kein Wohlgefallen an ihm.“ 39 Wir aber sind nicht von denen, die sich zurückziehen zum Verderben, sondern von denen, die glauben zur Errettung der Seele.

Die noch verbleibenden zwei Abschnitte können wir zügig durchgehen. Erneut stoßen wir hier auf eine Warnung an solche, die ein Bekenntnis abgelegt haben. Die ganze Sache war ihnen genau erklärt worden. Ohne einen Schatten des Zweifels stand jetzt fest, dass die alttestamentlichen Opfer aufgehoben waren, obwohl die Priester im Tempel sie immer noch darbrachten. Darum konnte der Christ nicht mehr einerseits das Opfer annehmen und andererseits mit dem Alten fortfahren. Auch christliche Toleranz konnte das nicht dulden. War nun das Opfer des Leibes Christi das, was es war, dann käme ein fortgesetztes Opfern von Tieren einer Beleidigung des dreieinigen Gottes gleich. Darum musste man diese jüdischen Bekehrten auffordern, das Alte gänzlich aufzugeben. Wenn sie aber nicht willens waren, das zu tun, wenn sie gar zurückkehren sollten zum Alten, was dann? Was, wenn wir mit Willen sündigen …? Der Heilige Geist war gekommen, um die jüdische Nation ihrer Sünde des Unglaubens an Christus zu überführen, und sie konnten nicht mehr Unwissenheit vorschützen.

Nein, sie wussten um alles. Wenn sie trotzdem mit Willen an der Sünde des Unglaubens festhalten und mutwillig diese alten Opfer weiterhin bringen, dann leugnen sie in den Augen Gottes die Gottheit Christi, dann haben sie den Sohn Gottes mit Füßen getreten. Dann haben sie auch nach Gottes Urteil das Blut des Bundes für gemein geachtet. Damit leugnen sie, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Sie sagen damit, Sein Blut sei nichts Besonderes, es sei wie das Blut von irgendjemand; und weil sie Sein Blut für gemein achten, achten sie den Neuen Bund nicht einmal das Papier wert, auf dem er geschrieben ist. Sie schmähen damit Gottes Geist der Gnade, sie schmähen den Geist, der ihnen die Botschaft der Vergebung und Gnade, der Errettung ohne Werke gebracht hat. Wenn sie mit all ihrem Wissen sich mutwillig einer Religion der Werke zuwenden, beleidigen sie Ihn.

Es geht hier nicht um Gläubige, die abfallen. Es geht um die Frage, ob man weitergeht und damit beweist, dass man ein Gläubiger ist, oder ob man zurückgeht und damit beweist, dass man nie ein Gläubiger war, sondern nur ein Judas, ein Abtrünniger.

Eine Zeitspanne

Wir wollen weiterfahren; denn das Ende des Kapitels erinnert uns daran, dass eine Zeitspanne zu überwinden ist. Das Opfer ist ein für alle Mal geschehen, unsere Annahme bei Gott ist vollkommen, und doch werden wir nicht unmittelbar heimgeholt in den Himmel. Warum? Es hat Gott so gefallen, dass wir zuvor eine Zeit der Mühsal und des Leidens um Christi willen durchzustehen haben. In dieser Zeitspanne soll sich unser Glaube, den wir bekennen, als echt erweisen. Wir bedürfen deshalb des Ausharrens, damit wir, nachdem wir den Willen Gottes getan haben, die Verheißung davontragen.

Lasst uns das bedenken und so freundlich sein, es auch unseren unbekehrten Freunden zu sagen, wenn wir das Evangelium predigen. Wir wollen dafür sorgen, dass sie von Anfang an begreifen, was Christsein in dieser Welt mit sich bringt. Wir nehmen Christus auf und empfangen die Freude der Vergebung; Gott sei Dank dafür! Wir werden jetzt schon in die Liebe Gottes eingeführt. Aber wir wollen den Unbekehrten auch sagen, dass wir gerettet werden, um durch eine Wüste zu gehen, dass eine Pilgerreise vor uns liegt und unser Glaube hart geprüft wird, dass mannigfaltige Nöte unser harren, die Zähigkeit, Mut und Ausharren erfordern. Wir bedürfen des Ausharrens, nachdem wir den Willen Gottes getan haben, auf dass wir die Verheißung davontragen.

Während wir ihnen solches sagen und ihnen auch unmissverständlich Verfolgungen und Drangsale ankündigen, wollen wir ihnen gleichzeitig in völliger Siegesgewissheit klarmachen, dass im Licht des Werkes Christi und im Licht der ewigen Herrlichkeit unsere Zeit des Wartens nur kurz ist. Denn noch über ein gar kleines, und der Kommende wird kommen und nicht verziehen. Gott wartet unterdessen, um zu sehen, wie wir reagieren. Werden wir an Ihn glauben? Wagen wir es, an Ihn zu glauben mit allem, was das mit sich bringt? „Mein Gerechter“, sagt Er liebevoll, während Er vom himmlischen Thron auf die Erde schaut, „siehst du diesen Mann dort, diese Frau dort in einer Welt, die gegen mich ist? Siehst du, wie er bis zum Äußersten versucht wird, wie aber Sein Glaube festbleibt? Das ist MEIN Gerechter.“ Und Gott selbst freut sich.

Wenn sich aber jemand zurückzieht, wenn jemand sagt: „Nein, ich stehe das nicht durch, mir ist das zu viel, ich brauche ein wenig Religion. Das ist mir zu radikal, zu hart. Mir ist Religion lieber; so umgehe ich das Kreuz und Verfolgung Seinetwegen“, dann antwortet Gott: Meine Seele wird kein Wohlgefallen an ihm haben. Und das Ende dieses Weges, so religiös er auch war, ist die ewige Verdammnis.

Lasst uns deshalb die Fakten gut abwägen und dann unsere Häupter erheben, denn um ein gar kleines und der Kommende wird kommen und nicht verziehen.

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Anmerkungen

[1] Siehe dazu den Artikel „Sind die Gläubigen erlöste Sünder?“.


Aus dem Buch Ein unerschütterliches Reich,
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 1987

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