Bewirkt Sühnung etwas für den Menschen?
Oder ist Sühnung nur Genugtuung Gott gegenüber?

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 03.01.2015, aktualisiert: 24.06.2018

Ein klares Verständnis der Wahrheiten, die mit dem großen Heil Gottes in Verbindung stehen, erhöht nicht nur unsere Bewunderung für das Werk unseres Heilandes, sondern bewahrt uns vor allen Dingen davor, in falsche Lehren zu verfallen.

Während Calvinisten in der Sühnung häufig nur den Aspekt der Stellvertretung sehen, wollen andere der Sühnung nur den Aspekt der Genugtuung Gott gegenüber zusprechen. Damit ist der erste Schritt getan zur falschen Lehre der allgemeinen Versöhnung. Zur Sichtweise der Calvinisten haben wir im Artikel „Begrenzte Sühne?!“ etwas geschrieben; zu dem zweiten Fall wollen wir in diesem Artikel die Aussagen der Schrift untersuchen.

Es wird gesagt, die Sühnung geschehe nur im Hinblick auf den, der „verletzt“ worden ist, das heißt auf den „Gläubiger“, also auf denjenigen, der berechtigt ist, etwas zu fordern. Im Blick auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch wäre das demnach Gott. Gott sei durch die am Kreuz vollbrachte Sühnung des Herrn Jesus nicht nur in Bezug auf „unsere Sünden“ (vgl. 1Joh 2,2), das heißt auf die Sünden der Gläubigen, sondern auch in Bezug auf die Sünden der ganzen Welt zufriedengestellt worden. Demgegenüber wirke die Stellvertretung gegenüber dem Sünder, indem der Herr Jesus stellvertretend für uns, die Gläubigen, unsere Sünden am Kreuz getragen und damit vor Gottes Augen hinweggetan hat. Sühnung an sich, so sagt man, bewirke daher für den Sünder noch gar nichts. Erst die davon zu unterscheidende Stellvertretung bewirke etwas für den Menschen.

Wenn wir jedoch die Heilige Schrift darauf untersuchen, wo im Neuen Testament von Sühnung gesprochen wird, dann reicht es nicht aus, bei Sühnung lediglich von einer Genugtuung Gott gegenüber oder von einer Zufriedenstellung Gottes in Bezug auf die Sünden der Gläubigen zu sprechen. Wir werden sehen, dass die Stellvertretung ein Teilaspekt der Sühnung ist, sobald es sich um konkrete Sünden der Gläubigen handelt.

Lk 18,13.14: Der Zöllner aber, von fern stehend, wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und sprach: O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus vor jenem.

Wortwörtlich könnte man hier auch übersetzen: „O Gott, schenke Sühnung mir, dem Sünder.“ Es geht hier ganz deutlich um die Not dieses Zöllners wegen seiner Sünden und nicht so sehr darum, dass Gott in Bezug auf die Sünde des Zöllners zufriedengestellt wird bzw. Genugtuung empfängt. Es heißt von dem Zöllner, dass er gerechtfertigt wurde.

Röm 3,22-26: Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist; den Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel durch den Glauben an sein Blut, zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist.

Geht es in dieser Bibelstelle darum, dass Gott Genugtuung empfängt? Nein, es geht um unsere Rechtfertigung und um das „Hingehenlassen“ von Sünden.

Heb 2,14-17: Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen, damit er durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren. Denn er nimmt sich fürwahr nicht der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams nimmt er sich an. Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, damit er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen.

Auch in dieser Bibelstelle kommt jemand, um die Sünden zu sühnen, und zwar die Sünden des Volkes. Auch hier geht es nicht um den, der verletzt wurde, oder um den Gläubiger (also in unserem Fall um Gott!). Worum geht es aber im Zusammenhang? Um solche, „die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“. Es geht um solche, derer der Hohepriester, der die Sühnung vollbringt, sich annimmt. Es ist deutlich, dass auch hier die Sühnung auf den, der gesündigt hat, ausgerichtet ist.

Heb 9,5-7: … oben über ihr aber die Cherubim der Herrlichkeit, den Sühndeckel überschattend, worüber jetzt nicht im Einzelnen zu reden ist. Da nun dieses so eingerichtet ist, gehen zwar in die vordere Hütte allezeit die Priester hinein und verrichten den Dienst; in die zweite aber einmal im Jahr allein der Hohepriester, nicht ohne Blut, das er für sich selbst und für die Verirrungen des Volkes darbringt.

Hier könnte man als Erstes vermuten, dass bei der Sühnung auf die Genugtuung Gottes ankommt, da es um das Blut auf dem Sühndeckel geht. Doch auch hier lesen wir: „für sich selbst“, und: „für die Verirrungen des Volkes“. Auch in dieser Stelle geschieht die Sühnung im Blick auf solche, die verirrt sind und keinen Weg ins Heiligtum haben.

1Joh 1,7–2,2: Wenn wir aber in dem Licht wandeln, wie er in dem Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde. Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt; und wenn jemand gesündigt hat – wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten. Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

In 1. Johannes 2 geht es um die Frage: Was passiert, „wenn jemand gesündigt hat“, der sich „im Licht“ befindet? Auch hier geht es zunächst nicht so sehr um die Genugtuung Gottes, sondern um die Frage: Wie ist es möglich, dass wir auch dann ohne Furcht im Licht Gottes stehen können, wenn wir gesündigt haben? Johannes fügt allerdings noch hinzu, dass die Sühnung, die Christus vollbracht hat, noch eine größere Auswirkung hat als nur, dass wir, die Gläubigen, jetzt ohne Furcht Gott gegenüber sein können. „Nicht allein“ für unsere Sünden ist diese Sühnung geschehen; sie ist „auch für die ganze Welt“ (1Joh 2,2).

Es ist schon wiederholt darauf hingewiesen worden, dass es (im griechischen Grundtext) nicht heißt: „für die Sünden der ganzen Welt“. Rein sprachlich ließen sich zwar die Worte „die Sünden“ ergänzen, doch es ist bedeutsam, dass der Heilige Geist Johannes so geführt hat, an dieser Stelle diese Worte nicht zu wiederholen. Wenn es nämlich um konkrete Sünden geht, ist Stellvertretung inbegriffen. Das Werk Christi hat Gott aber auch Genugtuung gebracht im Blick auf die ganze böse Welt. Hier wird also der zweite Aspekt der Sühnung noch besonders betont.

1Joh 4,9.10: Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben möchten. Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühnung für unsere Sünden.

In 1. Johannes 4 steht die Sühnung mit der Frage in Verbindung: Wie es möglich ist, dass wir leben können (1Joh 4,9)?

Alle sechs Bibelstellen, die wir betrachtet haben, setzen (1) also Stellvertretung voraus, haben (2) eine Auswirkung nicht nur im Hinblick auf „den Verletzten, den Gläubiger“, sondern insbesondere und sogar in erster Linie (3) auf den Missetäter und Schuldner, und sie beinhalten (4) in jedem Fall mehr als Genugtuung (Zufriedenstellung) für Gott.

Die calvinistisch geprägte Vorstellung von Sühnung kennt die Seite der Genugtuung oder dass Gott im Hinblick auf die ganze Welt unbegrenzt zufriedengestellt wurde, nicht. Wie wir oben nachgewiesen haben, wäre es aber ebenso wenig schriftgemäß, den Gedanken der Stellvertretung von dem Gedanken der Sühnung zu entkoppeln. In der Sühnung finden wir sowohl den Gedanken der Genugtuung als auch den Gedanken der Stellvertretung.

Die Sühnung hat also, wie wir gesehen haben, sehr viel für uns bewirkt:

  • Wir können gerechtfertigt und ohne Angst zu Gott kommen.
  • Das Problem unserer Sünden existiert nicht mehr.
  • Wir brauchen das Leben nicht mehr in Todesfurcht und Knechtschaft zu verbringen.
  • Unsere Verirrungen sind geordnet und wir haben einen Weg ins Heiligtum.
  • Wir dürfen – für den Fall, dass wir noch mal sündigen sollten – ohne Furcht in der Gegenwart Gottes weilen.
  • Wir dürfen durch IHN leben.

Gehen wir jetzt noch zum Alten Testament. Dort finden wir in 3. Mose 16 das große Kapitel über den Sühnungstag. Und dort wird uns auch die Seite der Genugtuung für Gott ausführlich beschrieben, und zwar in dem ersten Bock, dem „Bock für den HERRN“:

3Mo 16,8-19: 8 Und Aaron soll Lose werfen über die beiden Böcke, ein Los für den Herrn und ein Los für Asasel. 9 Und Aaron soll den Bock herzubringen, auf den das Los für den Herrn gefallen ist, und ihn opfern als Sündopfer. … 11 Und Aaron bringe den Stier des Sündopfers, der für ihn ist, herzu und tue Sühnung für sich und für sein Haus … 15 Und er schlachte den Bock des Sündopfers, der für das Volk ist, und bringe sein Blut innerhalb des Vorhangs und tue mit seinem Blut, so wie er mit dem Blut des Stieres getan hat, und sprenge es auf den Deckel und vor den Deckel; 16 und er tue Sühnung für das Heiligtum wegen der Unreinheiten der Kinder Israel und wegen ihrer Übertretungen, nach allen ihren Sünden; und ebenso soll er für das Zelt der Zusammenkunft tun, das bei ihnen weilt, inmitten ihrer Unreinheiten. 17 Und kein Mensch soll im Zelt der Zusammenkunft sein, wenn er hineingeht, um Sühnung zu tun im Heiligtum, bis er hinausgeht. Und so tue er Sühnung für sich und für sein Haus und für die ganze Versammlung Israels. 18 Und er soll hinausgehen zum Altar, der vor dem Herrn ist, und Sühnung für ihn tun; und er nehme vom Blut des Stieres und vom Blut des Bockes und tue es an die Hörner des Altars ringsum, 19 und er sprenge von dem Blut mit seinem Finger siebenmal an ihn und reinige ihn und heilige ihn von den Unreinheiten der Kinder Israel.

Nähere Ausführungen zu diesem „Bock für den Herrn“ und zu dieser Seite der Genugtuung finden sich in Teil 16 unserer Reihe der „Betrachtung über das 3. Buch Mose“.

Es geht dann weiter:

3Mo 16,20: Und hat er die Sühnung des Heiligtums und des Zeltes der Zusammenkunft und des Altars vollendet, so soll er den lebenden Bock herzubringen.

Einige meinen nun, damit sei das Thema Sühnung jetzt erledigt und der folgende Teil beschäftige sich nur noch mit Stellvertretung, die von der Sühnung völlig getrennt zu sehen sei. Sie übersehen jedoch den wichtigen Vers 10:

3Mo 16,10: Und der Bock, auf den das Los für Asasel gefallen ist, soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um auf ihm Sühnung zu tun, um ihn als Asasel fortzuschicken in die Wüste.

Auch hier finden wir das, was wir schon im Neuen Testament gefunden haben: Stellvertretung ist Teil der Sühnung. Der zweite Bock war für die Sühnung genauso wichtig wie der erste Bock. Wir empfehlen hierzu auch den Artikel „Die zwei Seiten der Sühnung“ von J.N. Darby.

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